Niklaus Wyss 1936-2019 (Foto: Walter H. Scott, Boston Symphony Orchestra Archives) |
Ich war für Niklaus
Wyss der Andere, und er war für mich der Mäni. So rief ihn
nicht nur seine Mutter, die meine Gotte war, er war auch für alle anderen,
seine Geschwister, die ganze Familie und seine Freunde einfach der Mäni. Den
Ursprung dieses Namens kenne ich nicht. Bei diesen Wyssens war es einfach
üblich, Familienangehörigen, Freunden und Nachbarn Übernamen zu verleihen. Für
meine Gotte und ihre Familie zum Beispiel war ich mein Leben lang der Göiss
oder Göissi, weil ich
vermutlich als kleiner Bub meinen Namen nicht korrekt aussprechen konnte: statt
Chläusi Göissi. Auch Mäni nannte
mich zunächst Göiss, bevor er zum Anderen
wechselte, obwohl mich dies irgendwie störte, schliesslich unterscheidet
sich mein Vorname von dem seinen durch einen wesentlichen Vokal. Ich heisse Nikolaus.
Ich bin nicht einfach der andere Niklaus. Ein O Eitelkeit darf ich mir wohl
erlauben ...
Mäni war der zweitälteste von vier
Söhnen. Sie sind für mich Cousins dritten Grades, wenn wir überhaupt noch von
Verwandtschaft sprechen können. Als Jüngster war ich bei ihnen wohlgelitten.
Ich erinnere mich gut und gerne an gemeinsame Wintertage in ihrem Ferienhaus in
Valbella. Die vier Brüder
hatten alle etwas mit Musik am Hut. Der älteste spielte in seiner Jugend die
Posaune, der zweitjüngste die Trompete, und der Jüngste hatte das Zeug zum
Sänger. Nur bei Mäni erinnere ich mich nicht mehr, was er spielte. Die Geige?
Das Klavier? – Während aber die anderen drei schliesslich bürgerliche Berufe
ergriffen, entschied sich Mäni für ein Musikstudium und wurde Dirigent.
Anlässlich einer Reise anfangs der 1960er-Jahre
besuchten meine Mutter, mein Cousin Tobias
und ich Mäni in Rom, wo er bei der Dirigentenlegende Franco Ferrara Kurse
belegte. Das Resultat seines Studiums zeigte sich wenig später in der Philharmonic
Hall des Lincoln Centers in New York City,
wo er am 13. Dezember 1964 aus der Hand von Leonard Bernstein einen Award des Dimitri-Mitropoulos-Wettbewerbs entgegennehmen durfte und eine
Assistenzstelle bei Seiji Ozawa bekam, der zu jener Zeit das Toronto
Symphony Orchestra leitete.
Für mich hatte es Mäni damit
geschafft. Ich bereitete mich auf Fragen vor, ob ich denn mit dem weltberühmten
Dirigenten Niklaus Wyss verwandt sei. Den Verwandtschaftsgrad upgradete ich
schon mal von drei auf zwei. – Merkwürdig fand ich nur, dass er nach drei
vereinbarten Jahren Assistenz in Toronto dem Meisterdirigenten Ozawa nach San Francisco folgte und unter dessen
Fittichen Assistent blieb, statt mit der eigenen Karriere durchzustarten.
Offensichtlich konnten es die beiden so gut miteinander, dass sie aneinander
kleben blieben, auch wenn für Mäni eher die unbeliebten modernen Abende und die
Jugendkonzerte abfielen, während sich Ozawa für Mahler, Bruckner und die anderen Giganten symphonischer
Kompositionen zuständig erklärte.
Von Kolumbien herkommend, besuchte
ich anfangs der 1970er-Jahre Mäni einmal in San Francisco. Er wohnte damals an der Buchanan Street in einer Einliegerwohnung und hatte eine sehr
hübsche, rassige Freundin, die mich Jahre später einmal in Zürich besuchte und
mich wohl ähnlich verwöhnte, wie sie dies mit dem Anderen zu tun pflegte. Verwandtschaft bindet scheints, und ich
liess es gerne mit mir geschehen. Doch von Mäni war in den folgenden Jahren nicht
mehr so viel die Rede. Ich gewann den Eindruck, dass er, nach weiteren Jahren
in San Francisco, um Engagements kämpfen musste und deshalb sein
Tätigkeitsgebiet auch auf Provinzen in China ausweitete, wo er, so die Familiensaga,
ein gern gesehener Gastdirigent war. Kam er in die Schweiz und gab selbst ein
Konzert, so trommelte meine Gotte jeweils ihr ganzes Umfeld zusammen, um
gemeinsam die Tonhalle aufzusuchen. Billette gab es immer genug.
Mit der Zeit aber verlor ich Mäni
aus den Augen. Erst viele Jahre später erhielt ich einen Brief von ihm, worin
er um ein klärendes Gespräch bat. Es war die Zeit, als ich mit dem Schwamendinger
Opernchor Sommertheateraufführungen in der Ziegelhütte produzierte.
Mäni sah plötzlich seinen Namen in Gefahr, weil dieser mit meinem eigenen, in seinen
Augen unseriösen Tun hätte in Verbindung gebracht werden können. In meiner
Antwort schlug ich vor, doch gemeinsam einmal etwas Lustiges auf die Beine zu
stellen. Eine Reaktion darauf blieb aus. Was ich machte, war offensichtlich
nicht sein Stil. Bei dieser Gelegenheit aber erfuhr ich, dass er seinen
Wohnsitz zurück ins Zürcher Elternhaus verlegt hatte, wo seine Mutter
allmählich in ein biblisches Alter vorrückte und Handreichungen ihres
unverheiratet gebliebenen Sohnes wohl gerne annahm.
Und dann kam das Zittern. Unter
vorgehaltener Hand flüsterte man sich in der Verwandtschaft zu, Mäni leide
unter Parkinson. Mir war sofort klar, dass dies das endgültige Aus seines
musikalischen Wirkens bedeuten würde, wobei ich den Verdacht nicht loswurde,
dass dieses Ende eigentlich schon früher eingetroffen war, als er Jahre zuvor
an den mütterlichen Herd zurückkehrte.
Ich sah mich aber nicht veranlasst,
Trost zu spenden oder sonst wie behilflich zu sein. Dazu befand ich mich von
ihm zu weit entfernt, und ich sah in seiner Bedürftigkeit auch die Pflicht
seiner Brüder, für ihn einzustehen. Als ich aber einmal meine 100-jährige
Gotte, die mittlerweile in ein Alters- und Pflegeheim gewechselt hatte,
besuchen ging, sass im selben Raum vornübergebeugt ein alter Mann, und ich
musste zweimal hinschauen, um in ihm Mäni zu erkennen. Später an diesem Tag
begleitete ich ihn noch zur Tramstation, was eine ganze Weile in Anspruch nahm.
Er wohnte jetzt nicht mehr in der elterlichen Wohnung, sondern in einer kleinen
Bleibe in Zürich-Schwamendingen.
Trotz seiner Hinfälligkeit schien er mir aber voller Hoffnung, schon bald
wieder aufrecht gehen zu können. Er wollte mich im Glauben wissen, dass ich
seine Zuversicht teile, was mir allerdings schwerfiel.
Als ich nach Schlieren zog und meine Gotte schon eine Weile tot war, fing ich
an, Mäni regelmässig zu besuchen. Ich brachte ihm jeweils vom Thai oder vom
Chinesen ein paar Speisen und Singha-Bier, und von der nahen Migros
Crèmeschnitten und Ofechüechli, und wir verspeisten gemeinsam das Mitgebrachte
und versorgten die Resten zum Aufwärmen im Kühlschrank. Den von ihm im ganzen
Zimmer verstreuten Reis pflegte ich feinsäuberlich aufzuputzen. Doch unsere
Unterhaltung kam nie so richtig in die Gänge und verblieb auf der Ebene der freundlichen,
unverbindlichen Konversation. Nie hörte ich ihn klagen über sein Schicksal, und
dies schien mir zunehmend das Problem zu sein, das uns trennte.
Ich glaube, die Begegnungen zwischen
uns wären um einiges lockerer ausgefallen, wenn ich Mäni hätte fluchen hören,
sein Schicksal beklagen, Verzweiflung markierend. Ich hätte so gerne zustimmen
mögen, um ihn zu trösten und ihm beizupflichten, wie ungerecht diese Welt doch
sei. Doch er hatte Contenance und amerikanische Zuversicht so verinnerlicht,
dass sie ihm zum undurchdringbaren Verlies wurden. Seine Absicht, dem Gegenüber
trotz sichtbarer, schwerwiegender Einschränkungen keine Sorgen zu bereiten,
provozierte nach und nach eine unüberbrückbare Distanz. Wir starben einander
weg noch vor der Zeit. Am 27. Juli 2019 war es dann aber doch so weit.
Ciao Mäni.
© Nikolaus Wyss
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