Freitag, 4. September 2020

TERMINE FÜR LESUNGEN

AUF DEM AMAKONG. Ein Lesebuch gegen den Hunger.            


160 Seiten. Klappenbroschur,

ISBN 978-3-033-07941-0 

Fr. 30.- Ab Mitte Oktober in ausgewählten Buchhandlungen, an den Veranstaltungen und in der Buchhandlung im Volkshaus Zürich erhältlich, oder per Email bestellbar bei der trigonis GmbH, Brandstr.25, 8952 Schlieren, info@trigonis.ch  

 

TERMINE 

Aufgrund der Covid-19-Restriktionen sind Anmeldungen unabdingbar. Die Räume/Säle sind den Massnahmen angepasst und fassen wesentlich weniger Sitzplätze. Es wird erwartet, dass das Publikum Gesichtsmasken trägt. Einige Veranstaltungen werden live per Zoom-Plattform übertragen.

 

  • 19. Oktober, 18.30h – ZÜRICH: ZHdK, Toni-Kino, Gespräch mit Prof. Dr. Martin Zimper im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Kein Kino"
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  • 20. Oktober, 19.30h – LUZERN: Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern - Buch-Première! Gespräch mit Sylvia Egli von Matt. Eintritt: Fr. 15.- (ZHB-Mitglieder und Studierende Fr. 10.-) Anmeldung erforderlich . --- Wird für Daheimgebliebene als ZOOM-Streaming live übertragen

  • 21. Oktober, 17.00h BASEL: Zwinglihaus, Leonhards Club, Forum für Zeitfragen, Gundelingerstr. 370

  • 22. Oktober, 20.00hSCHLIEREN: Lesung Stadtbibliothek, Bahnhofstr. 4 - Eintritt frei. Anmeldung erforderlich: bibliothek@schlieren.ch oder telefonisch: 044 730 77 77

  • 26. Oktober, 19.00hBIEL: Multimondo, Neumarktstr. 64 Eintritt frei. Anmeldung erforderlich: sylvia.joss@multimondo.ch

Der Autor
Der frühere Journalist, Theaterproduzent und Rektor der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern, Nikolaus Wyss, 1949, lebt seit vier Jahren in Kolumbien und betreibt in der Hauptstadt Bogotá ein bed&breakfast. Daneben schreibt er in seinem Blog1 Einträge über sein Leben in Lateinamerika, über Erinnerungen an die Schweiz seiner Jugend, über Reiseerlebnisse, Homosexualität und Begegnungen mit Zeitgenossen, wie zum Beispiel in einer Korrespondenz mit Roger Köppel.

Der Anlass
Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Quarantäne-Massnahmen haben sich die Lebensbedingungen in Kolumbien schlagartig verschlechtert. Ganz besonders für die ärmeren Bevölkerungsschichten wird es zunehmend eng: keine Arbeit, Verarmung, Hunger. Mit roten Tüchern vor den Fenstern signalisieren Menschen, dass sie nichts mehr zu essen haben. Die Unterstützung von Suppenküchen und die Verteilung von Esswaren durch Hilfswerke und Freiwillige sind das Gebot der Stunde.

Das Vorhaben
Der Autor hat sich entschlossen, unter dem Titel Auf dem Amakong2 ein Lesebuch gegen den Hunger herauszugeben, indem dessen Erlös ausgewählten Suppenküchen von Kolumbien zu Gute kommen soll. Ein erfolgreiches Crowd Funding konnte bereits die Grundkosten für die Drucklegung des Buches decken. Es beinhaltet 47 kürzere Texte aus seinem Blog, von denen die Schriftstellerin Milena Moser unter dem Titel Das unbeabsichtigte Meisterwerk in ihrem Vorwort schreibt: Seine Beobachtungen sind genau, feinfühlig, berührend, messerscharf und vernichtend. Er nimmt keine Rücksicht mehr, schon gar nicht auf sich selbst. [...] - Seine Texte sind lustvoll, frei, übermütig. [...] Er fordert uns auf seine höfliche, beinahe beiläufige Art heraus, wie er das in all diesen Texten tut, nicht laut, nicht provokativ, aber unmissverständlich.


 

Donnerstag, 27. August 2020

Ungleiche Füsse, ungleiche Schuhe

Wenn ich nur wüsste, was ich mache. Diese Ausgabe ist die 25. Folge meiner kleinen Serie BEVOR MIR DIE ZÄHNE AUSFALLEN, und ich kann mir darauf immer noch keinen Reim machen. Technisch unter jedem Hund, zu faul, etwas zum zweiten Mal aufzunehmen oder die Ähs und Ohs und alle Akkusativ-Fehler rauszuschneiden, generieren - für mich - diese Videos gleichwohl eine Kraft, die mich vorantreibt. Bis jetzt bewegen sie sich zwischen Trash, Zumutung und Selbstironie, und mein Spass daran richtet sich darauf, wohin sich die Serie noch entwickelt.
Ich glaube, wenn ich genau wüsste, was ich mache, ich würde damit sofort aufhören... Also, es geht noch etwas weiter. Wer mich begleiten will, sei herzlich eingeladen, „kasimir4ever“ auf Youtube zu abonnieren. Ich glaube, ab 10.000 AbonnentInnen verdiene ich dabei sogar etwas. Doch etwas Luft nach oben bis zu diesem hehren Ziel habe ich noch…

Donnerstag, 20. August 2020

FALAFEL - Ich koche für unsere Haushaltshilfe Vanesa

In meiner Serie, wie heisst sie nur schon? trefft ihr mich als begnadeten Improvisateur und Koch in meiner Küche, wie ich mich gerade daranmache, meine Version von Falafel herzustellen, gestreckt mit Resten von Kartoffelstock. Und da kommt schon unsere Haushaltshilfe Vanesa mit ihrer entzückenden Tochter Vanely. Familienidyll in downtown Bogotá. Dazu gibt es Hühnerfrikassee und Broccoli. Und schwupp ist das Haus geputzt.

 

[Weitere Videos von mir sind auf meinem Youtube-Kanal kasimir4ever zu sehen]

Sonntag, 9. August 2020

Mein afrikanisches Café

Bevor ich mich daranmache, von meinem afrikanischen Café zu berichten, möchte ich etwas loswerden. Ich fühle mich nicht ganz frei von Bedenken. Als Bub las ich René Gardis Reiseberichte Mandara – Unbekanntes Bergland in Kamerun und Tschad – Erlebnisse in der unberührten Wildnis um den Tschadsee. In diesen Texten kamen Neger vor. Ihre Gestalt war jeweils der besonderen Erwähnung wert: schön, kräftig-muskulös und anmutig, mit Schweissperlen am Oberkörper, ziemlich nackt. Kein Wunder bei diesem Klima dort unten... Ich stiess mich nicht daran, im Gegenteil. Meine Fantasie wurde durch solche Beschreibungen beflügelt. – Als Halbwüchsiger schliesslich pilgerte ich ins Tösstal zu Paul Burkhards Zeller Weihnacht. Eines der berührendsten Lieder seines Krippenspiels sangen schwarzbemalte Kinder und begann mit den Worten Au für öis, au für öis raabeschwarzi Mohre, au für eus, au für eus, isch de Heiland geboore. Ich hielt das für eine wichtige und richtige Botschaft, ganz im Sinne von Martin Luther King Jr., der etwa zur gleichen Zeit in mein Blickfeld trat und bald darauf ermordet wurde. Später las ich James Baldwin, allerdings auch deshalb, weil er als schwarzer Homosexueller etwas zu sagen hatte.

Mit Interesse und mit angeeignetem, kulturanthropologischem Wissen verfolgte ich dann in den 1970er Jahren das Ringen darum, wie in Zukunft Menschen anderer Hautfarbe und mit afrikanischen Wurzeln benannt werden sollen. In den Vereinigten Staaten wurden aus negroes allmählich blacks und später african americans, und bei uns mutierte der Neger zum Schwarzen. Die Diskussion darüber scheint aber, 60 Jahre später, keineswegs abgeschlossen zu sein und wird durch die Ermordung von George Floyd und die dadurch in Schwung geratene Black Lives Matter-Bewegung neu befeuert. Die einen plädieren dafür, die Farbe ganz sein zu lassen. Andere ringen um neue und unverbrauchte Begriffe, die es jedoch meiner Beobachtung nach schwerhaben, Fuss zu fassen. – Ein ähnlicher Prozess fand und findet übrigens auch bei der Diskussion um den Feminismus statt, welche ich bei meiner Mutter, die sich seinerzeit für die Rechte der Frauen stark machte, hautnah miterleben durfte. Als Konsequenz davon mussten wir zum Beispiel in meiner Zeit als Hochschulrektor bei offiziellen Verlautbarungen und im Studienführer darauf schauen, konsequent von Studierenden zu sprechen oder von Studentinnen und Studenten, und nicht einfach von Studenten. Dasselbe bei den Dozierenden. – Zudem treten heutzutage immer weitere Gruppen auf den Plan, Minoritäten innerhalb unserer eigenen Gesellschaft. Auch sie reklamieren neue Sprachregelungen und erhoffen sich damit eine adäquatere und diskriminierungsfreie Behandlung ihrer Anliegen und eine vollwertige Respektierung ihres eigenen Daseins. Und schliesslich beobachtete ich mit Erstaunen die Umpolung eines vormals abwertenden, diskriminierenden Begriffs wie den der Schwulen zu dessen Neudeutung, der heute kaum ohne Beigeschmack sogar in Nachrichten Verwendung findet. Wird dies irgendwann auch für die Niggers und Weiber umkippen?

Beim Schreiben dieses Textes komme ich mir vor wie der Steuermann eines Fährschiffes, das in Stockholm nach dem Ablegen vom Pier den Weg aufs offene Meer hinaus vorbei an Tausenden von Schären finden muss, ohne an einem dieser Inselchen, die walfischkörpergleich aus dem Wasser lugen und auf ihren Bäuchen rote Holzhäuschen und ein paar Bäume tragen, hängen zu bleiben. Ob mir das gelingen wird? – Mein Unwohlsein in dieser Angelegenheit gleich zu Anfang zur Sprache gebracht zu haben, erlaubt mir jetzt beim Navigieren immerhin schon eine etwas freiere Bahn. Ahoi.

 

* * *

 

In der Kantine des Tages-Anzeigers, wo ich Ende der 1980er Jahre als freier Mitarbeiter des Magazins regelmässig mein Mittagessen einnahm, fiel mir eines Tages ein gutaussehender, junger Mann schwarzer Hautfarbe auf. Er sass allein am Tisch und studierte beim Essen die Börsenseiten der Neuen Zürcher Zeitung und des Wall Street Journals. Was um ihn herum geschah, würdigte er keines Blickes. Das war auch in den folgenden Tagen so. Er nahm stets denselben Platz ein, genehmigte sich das Tagesmenü und las Börsenkurse und Wirtschaftsnachrichten. Ich wurde neugierig. Irgendwann sprach ich ihn beim Hinaustragen des Tabletts an. Zuerst auf Englisch, dann auf Hochdeutsch. Darauf antwortete er mir in breitem Bündner Dialekt: Kasch scho Schwiizertüüsch mit mir reeda! – Von da weg setzte ich mich zu ihm an den Tisch, und wenn ich zuerst da war, kam er mit seinem Tablett an meinen Tisch. Er heisse Sebastian Adam, stellte er sich vor. Seine Kindheit habe er in Kenia verbracht. Als Halbwüchsiger sei er dann seiner Mutter in die Schweiz gefolgt, die in zweiter Ehe einen Bündner heiratete und nach Chur übersiedelte. Jetzt studiere er an der Höheren Handelsschule Betriebswirtschaft und absolviere hier beim Tages-Anzeiger-Verlag ein Praktikum.

Mit der Zeit fielen mir zwei Dinge auf, die mich, bei aller Sympathie, an ihm zu stören begannen. Zum einen nannte er mich, weiss der Kuckuck warum, immer Marcel. Zum anderen beschränkte sich unser Gesprächsstoff auf die täglichen Gewinne, die mir entgehen, weil ich ihm mein Geld nicht anvertraut habe. Ich konnte ihm tausendmal erklären, dass ich über gar kein Vermögen verfüge. Immer wieder fing er mit leisem Vorwurf damit an, so dass ich langsam den Tag herbeisehnte, an welchem sein Praktikum zu Ende ging. Bei mir festigte sich der Eindruck eines ausserordentlich seriösen, ehrgeizigen und fokussierten Mannes, dessen Gesellschaft mich etwas langweilte.

Zwei Jahre später wurde ich von meinem Chef René Bortolani fristlos entlassen, weil ich mir in seinen Augen Ungebührliches erlaubt hatte. Ich veröffentlichte nämlich ein Buch über die ersten 21 Jahre des Tages-Anzeiger-Magazins mit vielen Beiträgen früherer Autorinnen und Autoren, von Peter Bichsel über Markus Kutter bis zu Laure Wyss, meiner Mutter. 21 Jahre TAM – Vom Mehrwert einer Beilage hiess die Publikation. Die Leserschaft meiner Publikation sollte in ihrem Eindruck bestätigt werden, dass die Qualität dieses Blattes im Laufe der letzten Zeit gelitten habe, besonders, seit Bortolani die Zügel in den Händen hielt. Während die Gründergeneration der Magazin-Redaktion, so meine These, von einer mündigen Leserschaft ausgegangen sei, welcher man eigene und kritische Gedanken zumuten wollte, bereite man heutzutage zielgruppengerichtet bekömmliche, vorgekaute Häppchen zur Unterhaltung zu und nicht zum Erkenntnisgewinn. Man spienzle dabei auf Bern, dann auf Zürich. Vegetarierinnen waren im Blickfeld wie auch die Autolobby oder – seltener – grüne Anliegen. Alle sollten mit Lesestoff bedient werden. Unanstössig-ausgewogen.

Dieses kritische Urteil über den gegenwärtigen Geisteszustand dieses Blattes passte dem Chef natürlich nicht. Sein Auftrag bestand ja darin, mit populären Themen dem Reputationsschwund und dem allmählichen Inseratenrückgang des Heftes etwas entgegenzuhalten, was natürlich gerade das Umgekehrte bewirkte.

Beim Rauswurf gab mir Bortolani eine Stunde Zeit, mein Pult zu räumen und die Schlüssel abzugeben. Ich entschloss mich, mir das Angesparte aus der Pensionskasse auszahlen zu lassen. So würde ich etwas Kleingeld zur Verfügung haben für eine allfällige Durststrecke. Ich hatte nicht die Absicht, mich in nächster Zeit wieder irgendwo anstellen zu lassen. Ich sah in diesem Fristlosen vielmehr die Chance, in meinem Leben endlich ein neues Kapitel aufzuschlagen: Kein Journalismus mehr. Von jetzt ab nur noch eigene Projekte und freies Schreiben.

Am Tag, und das glaubt mir jetzt niemand, doch es war so, am Tag, als ich die Bestätigung der Bank in der Tasche hatte, dass die Überweisung des Pensionskassengeldes auf meinem Konto angekommen sei, rief mich jemand mit Marcel. Ich stand grad auf einem S-Bahn-Perron im Hauptbahnhof und wartete auf den nächsten Zug. – Es war Sebastian. Er kam strahlend auf mich zu, und ich wusste sofort, dass dies eine schicksalshafte Begegnung werden würde. Er fragte mich, ob ich jetzt etwas Geld beisammenhätte und stellte mich damit vor die Wahl, seine erneute Anfrage als glückbringendes Zeichen zu werten oder als Einladung zu meinem Niedergang. Er arbeite jetzt in einem Haus in Zufikon als freischaffender Vermögensverwalter und Devisenhändler. Auf seinem Schreibtisch stünden drei Grossbildschirme, womit er das ganze Börsengeschehen rund um den Globus während 24 Stunden beobachten könne. Er verfüge schon über eine stattliche Zahl von Kunden.

Ich weiss nicht, welcher Teufel mich in diesem Augenblick ritt. Ich glaube aber, Ausschlag gab der Umstand, dass Sebastian Schwarzer war. Bei einem hier geborenen Weissen hätte ich die Eier dazu wohl nicht gehabt. - Wollte ich Sebastian beweisen, dass es unter Weissen auch vorurteilsfreie, weltoffene Menschen gibt, solche, die anderswo Geborenen umfassendes Vertrauen entgegenzubringen vermögen? Oder erwies ich mich mit meiner angeblichen Grosszügigkeit vielmehr als geldgierig? – Ich jedenfalls griff in die Tasche und zeigte Sebastian die Bank-Bescheinigung. Dazu bemerkte ich cool: Kannst du haben. Gehen wir zur Bank.

Auf dem Weg dorthin legten wir beim Huguenin noch einen Zwischenhalt ein und besprachen Kündigungsfristen und Haftungskonditionen. Bei einem Orangensaft und einem Rivella blau erklärte er mir, wie er arbeite und womit ich monatlich rechnen könne. Darauf setzten wir auf einem Tischset den Vertrag auf und unterschrieben das Schriftstück. Ich versprach, davon eine Fotokopie zu erstellen und sie ihm so bald als möglich zuzuschicken. Kurz vor Schalterschluss erreichten wir die Bank, und ich überwies im Beisein von Sebastian den gesamten Betrag auf sein Konto.

Dieser Deal erwies sich in den folgenden Jahren als eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Aus den Erträgen meines Einsatzes konnte ich von nun an meine fixen Kosten wie Wohnungsmiete, Krankenkasse und Essen decken. Überdies zwackte ich für meinen damaligen Freund ein monatliches Taschengeld ab. Ich legte grossen Wert darauf, die Einkünfte ordentlich zu versteuern. – Als ich im Laufe der Zeit Freundinnen und Bekannten von meiner Fortune erzählte, verlangten etliche von ihnen nach Sebastians Koordinaten, um für sich selber auch eine Portion dieses stets aufgehenden Hefeteigs zu sichern. Für jeden Neuzugang kassierte ich eine Provision. Auch diese Zusatzeinnahmen versteuerte ich und träumte davon, spätestens im Jahre 2000 Millionär zu sein.

Der regelmässige Geldsegen gestattete mir Freiheiten und das Eingehen gewisser Risiken. Ich begann, in der Trinkhalleder Schwamendinger Ziegelhütte Sommertheater zu produzieren, und ich erlaubte mir, öfters ein paar Tage in eine fremde Stadt zu verreisen. Dazu gehörte auch Paris. Das Imponiergehabe dieser Metropole machte mich zwar regelmässig zur Schnecke, offerierte mir aber auch die Chance, neue Welten zu entdecken.

 

* * *

 

In diesem teuren Paris verhalte ich mich noch heute so, dass ich in engen, günstigen und unbequemen Logis absteige und dies erst noch in Quartieren, wo unten auf der Strasse Liebesdienerinnen auf Kundschaft warten. Tagsüber jedoch pflege ich ein mondänes Leben mit Besuchen der grossartigsten Museen und der angesagtesten Kunstausstellungen, Galerien und Warenhäuser. Zudem fahre ich leidenschaftlich und ziellos Metro und wohne abends oft irgendeiner Tanzaufführung oder einem Fringe-Theater in der Banlieu bei. So wurden mir Fernando Arrabal, Samuel Beckett und Eugène Ionesco zum Begriff. Nur die Pariser Sonntage machen mir jeweils etwas zu schaffen. Da schlafen die Leute in den Tag hinein, die Strassen sind für meinen Geschmack zu leer, und die Restaurants und Kaffeehäuser, die ich gerne aufsuchen würde, sind regelmässig geschlossen.

Damals aber, Ende 1992, entnahm ich dem Veranstaltungskalender des Pariscope, dass im Palace an der rue du FaubourgMontmartre, einem angesagten Nightclub, ein sonntagnachmittägliches thé dansant stattfinde, um so der Langeweile des Feiertages ein Schnippchen zu schlagen. Dem Zulauf junger Leuten nach zu schliessen war dieser Idee ein voller Erfolg beschieden. Vielleicht gab es darunter welche, die seit dem Vorabend durchgemacht haben. Ich aber betrat das Etablissement völlig ausgeschlafen und nüchtern. Doch die Musik war mir zu dieser frühen Stunde etwas gar laut. Bald war ich umstellt von jungen Afrikanern, die mich in freundliche Gespräche verwickelten, bis ich merkte, dass sie in mir bloss eine günstige Gelegenheit sahen, zu einem Bier zu kommen. Mich störte das zu Anfang nicht weiter, und ich gab gerne eine Runde aus. So stand ich nicht wie bestellt und nicht abgeholt herum. Doch dann überkam mich allmählich das Gefühl des Überdrusses, weil jeder Scherz und jede Freundlichkeit auf mein Portemonnaie zielten. Ich hätte diesen Jungs aus Mali, Côte d’Ivoire und dem Senegal gerne erklärt, dass meine Grosszügigkeit einem Kerl aus Kenia zu verdanken sei. Doch dies zu vermitteln war an diesem Ort irgendwie zu kompliziert und für die Bittsteller wohl auch ohne Belang.

Auf einmal aber wurde ich zur Bar gerufen. Dort stand ein junger schwarzer Mann. Er strahlte mich an und offerierte mir ein Bier. Er unterschied sich von der Gruppe, mit der ich mich vorhin noch unterhalten hatte, durch seine vornehme, sanfte und unaufgeregte Art. Vor allem unterschied er sich aber von den anderen, weil er mir ein Bier offerierte. Ich war überrascht und damit a priori neugierig eingestellt. Er sprach aber so leise, dass ich ihn bei diesem Lärm kaum verstand. Er schlug deshalb vor, zur Galerie emporzusteigen, wo es ruhiger sei. Dort tauschten wir, so gut es ging, ein paar Worte, und ich erfuhr, dass er aus dem Niger stammt, in Paris eine Hotelfachschule besucht und den Haushalt des Filmregisseurs und Schauspielers Gérard Vergez führt. Diesen Job konnte er übernehmen, weil sein nigrischer Busenfreund Salistou, der früher diese Arbeit erledigte, einem Leberleiden erlag.

Am nächsten Tag trafen wir uns zum Mittagessen in einem vietnamesischen Restaurant. Der Kellner brachte zwei Speisekarten. Die eine mit Preisangaben für mich, die andere war eine Damenkarte. Es schien selbstverständlich, dass der ältere Weisse für die Kosten des jüngeren, schwarzen Begleiters aufkam. Nach dem Bier von gestern war dies für mich aber nicht mehr so ganz klar. Die Frage Qu’est-ce que vous désirez, Madame, war dann noch das Tüpfelchen aufs i. Erst jetzt fiel mir auf, dass der junge Mann in seinem ganzen Gehabe doch recht feminin wirkte. Die Frage war also nicht unbedingt eine bewusste Beleidigung eines eifersüchtigen Kellners, sondern der leider schiefgeratene Versuch, meiner Begleitung gerecht zu werden.

Im Verlaufe unseres Gesprächs zeigte es sich, dass ich einen regelrechten Prinz am Tisch hatte. Boubakar, so hiess er, von seinen Freunden, wie sich später zeigen sollte, Boubé genannt, erzählte mir bei rouleaux de printemps und Jasmintee, dass seine Familie zu kolonialen Zeiten viele lokale Könige stellte. Sein Vater war Provinzgouveneur, später préfèt von Agadez und während des Seyni Kountché-Régimes eine Zeitlang auch Verteidigungsminister. Boubé wuchs unter Sträflingen in Halbgefangenschaft auf, denn sein elterliches Anwesen in Dosso diente auch als Gefängnis, wo diejenigen einsassen, die bald einmal entlassen werden sollten. Er war der erstgeborene Sohn einer Familie mit vier Müttern, die im Laufe von zwanzig Jahren auf 47 Kinder heranwuchs. – Zwischen uns beiden entwickelte sich in den wenigen Tagen unseres Pariser Zusammenseins eine von gegenseitigem Respekt getragene, diskrete Freundschaft, welche wir, nach meiner Abreise, mit gelegentlichen Postkartengrüssen aufrecht zu erhalten beabsichtigten. – So kam es auch. Ich freute mich stets über die Grüsse meines Prinzen aus Paris, und ich meldete mich jeweils mit ein paar Sätzen zurück. An die Stelle von Postkarten trat später der Fax. Etwas weniger romantisch, was aber dem Austausch von behutsamen Freundschaftskundgebungen keinen Abbruch tat.

 

* * *

 

            Boubé hatte in der Zwischenzeit seine Ausbildung beendet und war nach Niamey zurückgekehrt, der Hauptstadt Nigers. Von dort schrieb er mir, ob ich ihn nicht einmal besuchen komme. Er sei daran, in der ehemaligen chinesischen Botschaft ein Restaurant zu eröffnen. Vielleicht würde es mich interessieren, dort sein gérant zu werden, denn für einheimische Muslims sei es etwas schwierig, Alkohol auszuschenken. Einem Weissen jedoch sehe man das eher nach. Ich antwortete ihm, ich würde ihn gerne einmal  besuchen, ohne dies aber mit einem Job zu verbinden.

            So ergab es sich, dass ich nach einer erfolgreichen Theatersaison mit dem Schwamendinger Opernchor am Sonntag, 2. Oktober 1994, mit der Air France über Paris Charles de Gaulle nach Niamey flog. Neben mir sass ein deutscher Entwicklungshelfer. Er hatte aber kaum Zeit, sich mit mir zu unterhalten, weil er vor der Ankunft noch ein paar wichtige Papiere zu lesen hatte. So las ich halt auch und versuchte mich über der Saharawüste in Thomas Manns indische Legende von den vertauschten Köpfen zu vertiefen, einer wahrlich befremdlichen Lektüre, die mir aber vielleicht helfen würde, etwas interessant zu finden, auch wenn ich es nicht ganz verstehe. - Es war schon Nacht, als wir ankamen. Es goss aus Kübeln. Die Crew hiess uns mit Aussteigen noch etwas zuzuwarten, bis das Ärgste vorüber war. Doch es hörte einfach nicht auf, worauf wir dann doch im strömenden Regen vom Flugzeug zur Empfangshalle rannten und wie begossene Pudel bei der Passkontrolle ankamen. Dort blieb ich hängen. Im ausgestellten Visum fehlte nämlich eine Nummer. Der Pass wurde konfisziert und der Beamte liess mich wissen, ich solle mich am kommenden Tag auf der Polizeihauptwache melden.

Hinter den Abschrankungen stand Boubakar. Auf seinem t-shirt stand: I am not gay but my boyfriend is. Um ihn herum eine Traube von Freunden, bereit mich zu empfangen. Mir war das umständliche Warten etwas peinlich, doch niemand schien sich wirklich daran zu stören. Nach ausgiebiger Begrüssung mit Küsschen hier und Küsschen dort stiegen wir zu siebt in Boubés alten Mercedes. Wir dampften vor Feuchtigkeit und Schweiss, und ich dachte für mich, voilà c'est l'Afrique...

            Boubés Haus stand in einem Villenquartier. Allerdings waren die Strassen dorthin nicht geteert. Der Regen verursachte tiefe Pfützen. Die Federn der Limousine ächzten. Vor dem Haus kündigte Boubé mit lautem Hupen unsere Ankunft an. Zwei Domestiken mit grossen Regenschirmen traten vor das Haus und sperrten uns das Tor auf. Ich wurde von ihnen herzlich willkommen geheissen. Sie führten mich in ein schönes Gästezimmer, während sich die Freunde Boubés im Salon gemütlich niederliessen. Noch am selben Abend schrieb ich in mein Tagebuch: Panik vor 14tägiger Langeweile, die mich hier erwarten wird. Doch es wird wohl wie im Militär sein: man muss sich darein schicken und die auferlegte Zeit demütig absitzen. Dann bekommt das Leben wieder eine neue Qualität: man kann es von aussen betrachten.

            Bis heute weiss ich nicht, was mich zu dieser Vorab-Einschätzung meines anstehenden Aufenthaltes bewogen hat. Und mir wurde, im Gegensatz zu meinem ahnungsvollen Eintrag, auch gar nicht langweilig in diesen 14 Tagen, die vor mir lagen. Es war nur einfach alles etwas anders, als ich es mir vielleicht vorgestellt hatte. Habe ich mir überhaupt etwas vorgestellt? Es waren eher Gefühle von Vertrautheit, die sich nicht auf Anhieb einstellen wollten. Die Stadt zum Beispiel. Die Hauptstadt! Bis zum Schluss fand ich nicht heraus, wo sich ihr eigentliches Zentrum befand. Sie hatte eher den Charakter eines weitläufigen, sandigen Dorfes. Der Eindruck eines Dorfes wurde noch dadurch verstärkt, als an jeder Strassenecke zwar ein Verkehrspolizist im Einsatz war, dessen Autorität aber in der Hitze des Tages und wegen seiner sichtbaren Überforderung dahinschmolz. Jeder Autofahrer, Karrenschieber, Velofahrer, Motorradfahrer und Fussgänger befolgte seine eigenen Regeln und versuchte diese erst noch den anderen aufzudrücken. Das unentwegte Stakkato der Trillerpfeifen kam statt Anweisungen eher Hilferufen gleich.

            In Boubakars Haus wiederum sah ich mich lauter Jungs gegenüber, die mich an die Gruppe im Palace an der rue du Faubourg Montmartre erinnerten. Sie hiessen Saluste, Nasser, Arsène, Adissa, Khaled, Moussa, Souleymane, Djibril. An die Namen der weiteren vermag ich mich nicht mehr zu erinnern. Sie kamen im Verlaufe des Vormittags einzeln oder im Pulk, sofern sie nicht schon im Salon auf dem Sofa genächtigt hatten. Und sie gingen erst wieder, wenn sie gegessen, getrunken und alle Neuigkeiten aus Boubés Umfeld in Erfahrung gebracht hatten. Sie lernten von ihrem Gastgeber das Herumkommandieren und probierten es selber bei den Domestiken aus. Donne-moi un verre d’eau. Oder: je ne peux pas manger cette salade. N’as-tu pas une sauce plus douce? – Ich fand, ein solch herrschaftliches Verhalten stünde ihnen nicht zu. Schliesslich waren sie ja selber Gast, wurden gefüttert und getränkt, und zum Dank führten sie sich dann auf, als ob sie selber die Herrschaften wären. Saluste war der Schlimmste von allen. Er trug an allen Fingern Ringe und färbte seine Haare rotblond. Er achtete darauf, dass seine Schuhe immer vor Sauberkeit glänzten. Er hatte für alles ein abschätziges Wort auf der Zunge. Ich konnte beobachten, wie sich sogar die anderen Jungs über sein arrogantes Verhalten empörten. Doch niemand von ihnen wäre bereit gewesen, sich darüber beim Hausherrn zu beschweren. Sie alle wussten, dass aus Gründen, die wohl niemandem so klar waren, Saluste dem Prinzen am nächsten stand. Boubé nannte ihn als einzigen aus der Gruppe mon ami. Wer sich also über Salustes Attitüde beschwert hätte, wäre Gefahr gelaufen, selber aus dem Dunstkreis dieses Hauses entfernt zu werden. – Ich sprach den Prinzen einmal auf die Position Salustes an und teilte ihm meine Beobachtung mit, dass dieser bei den anderen nicht gerade über grosses Ansehen verfüge. Ich weiss, erwiderte Boubakar darauf, alle finden ihn zum Kotzen und halten ihn für einen verdammt arroganten Schleimer und Lügner. Das ist er auch. Gerade deshalb kann ich ihm, im Gegensatz zu allen anderen, Dinge anvertrauen und Privates besprechen. Denn was er darüber später ausplaudert, glaubt diesem Angeber sowieso niemand. Ich fühle mich in meiner Privatheit bei ihm sicherer aufgehoben und beschützter als bei allen anderen.

Für die jungen Herren im Haus war ich natürlich auch ein Thema. Meine Anwesenheit schürte Spekulationen darüber, in welchem Verhältnis ich denn zum Gastgeber stehen mochte. Boubakar liess dies aber offen. Etwas Geheimnisvolles gehörte schliesslich zur Rolle eines Prinzen. Und mir war das recht so. Der eine oder andere machte mir zwar schöne Augen, vielleicht in der Hoffnung, mit einer Annäherung auch dem Rätsel meiner Verbindung zum Herrn des Hauses auf die Spur zu kommen. Doch ich enttäuschte alle. Grund dafür war einerseits meine Angst, mich mit irgendeinem unerwünschten Käfer anzustecken. Ich hatte aber auch Angst, unkontrollierbare Reaktionen von Eifersucht oder Empörung auszulösen, hätte ich mich auf jemanden aus Boubakars Entourage eingelassen. Der Hauptgrund meiner Vorbehalte aber bestand – zu meiner Schande sei es gesagt – in meiner schlechten Meinung über diese Nichtsnutze. Ich vermochte weder ihr Verhalten zu entschuldigen noch konnte ich mir erklären, wie Boubé diese Schmarotzer überhaupt aushielt. – Das System dahinter erschloss sich mir erst viel später, dass sich nämlich die beiden gegenseitig brauchten. Je mehr Entourage, umso unangefochtener der Prinz. Unterwürfige Treue und Aneignung prinzenhaften Verhaltens wiederum bildeten das Amalgam der Dazugehörigkeit und damit Sicherheit des Hofstaates. 

 

 * * *

 

            Der Domestike Arsène, so stellte sich bald heraus, wusste eine fantastische Zitronentorte zuzubereiten. Wenn es aus der Küche danach duftete, begaben sich alle in die Startlöcher. Arsène stammte aus Bourkina Faso. Ich liess mir sagen, alle guten Köche kämen von dort. Die Hiesigen wüssten nicht so gut zu kochen. Vor allem die Zubereitung einer sauce béarnaise bereite ihnen Schwierigkeiten. Den Nigrern sei eben die Verwendung von Butter, Mehl und Milch nicht so geläufig.

Nasser war einer von Boubés Cousins. Eigentlich würde er jetzt in Agadèz Bergbau studieren, doch die Professoren an der Uni waren zur Zeit meines Besuchs en grève, weil ihnen der Lohn nicht ausbezahlt wurde. Nasser erwies sich als zuverlässiger Chauffeur der Limousine, deren Batterie allerdings kaum mehr etwas hergab. So mussten wir mit vereinten Kräften das schwere Fahrzeug regelmässig anschieben, bis der Motor ansprang. Für die Benützung der Klimaanlage im Auto reichte der Strom aber auch bei länger laufendem Motor nicht mehr. 

Mit Nasser am Steuer holte ich am nächsten Tag auf der Polizeistation ohne Komplikationen meinen Pass ab. Im Verlaufe meines Aufenthaltes unternahmen wir auch ein paar Ausflüge. Zur Vorbereitung gehörte stets, zwei vollgepumpte Ersatzräder zu laden, denn auf offener Strecke konnte man vor einer Reifenpanne nie sicher sein. Einmal fuhren wir nach Billaberry zu einer Tante des Prinzen und fingen auf der Strecke prompt zwei Platten ein Auf dem Rückweg zur Stadt kamen wir an der amerikanischen und französischen Botschaft vorbei. Nasser drückte plötzlich aufs Gas und meinte, wenn du hier anhältst, erschiessen sie dich. Sie haben Angst vor Attentätern mit Autobomben. Ein anderes Mal überquerten wir den Niger auf der damals einzigen Brücke weit und breit und fuhren zur pillule, einem bei Sonntagsausflüglern beliebten Strand. Von dort nahmen wir eine Piroge und wollten die île des pêcheurs erreichen. Doch das Boot leckte, und ich war unentwegt mit Wasserschöpfen beschäftigt. Da entschied sich der Bootseigner umzukehren und von einem Besuch der Fischerinsel abzusehen. Wieder heil an Land assen wir dafür die kleinen, auf dem Rost gebratenen Fischchen, die so vorzüglich schmecken. Oder wir machten eine Stadttour zuerst zum Turm des Wasserwerks und nachher zum Nationalmuseum mit Exponaten, die der Diversität des Landes vollauf Rechnung trugen. Da gab es zum einen in schäbigen Gehegen gehaltene, lebendige, wenn auch ziemlich ausgehungerte Löwen, und in den Terrarien nebenan konnte man Schlangen und Skorpione bewundern. Weiter hinten befand sich die paläontologische Abteilung mit imposanten Knochenfunden. Weitere Räume brachten den Besucherinnen und Besuchern Bergbau, rituelle Bekleidungsstücke und Schmuck verschiedener Stämme näher. Schliesslich erreichten wir die Sektion Handwerk, wo Männer und Frauen, dem Schweizer Freilichtmuseum Ballenberg nicht unähnlich, vor unseren Augen Ohrringe, Halsketten und Spielzeuge aller Art herstellten. Ich kaufte mir bei dieser Gelegenheit ein schnittiges Motorrad, kunstvoll geformt aus Pepsi-Cola-Aludosen. Der Mann war von meinem – sicherlich überteuerten – Kauf so begeistert, dass er mir sofort anerbot, aus Draht exklusiv einen noch nie dagewesenen Mercedes zu formen und zwei Eierbecher gratis dazu.

Zum Schluss fuhren wir zur piscine, wo sich sowohl schreiende Kinder wie auch geübte Schwimmer tummelten, und ich bedauerte einen Moment lang, in der Schweiz meine Badehosen nicht eingepackt zu haben. Ich ging davon aus, dass es in einer Wüstenstadt wie Niamey keine Schwimmbäder gibt. Dass aber dort eine haute volée existiert, welche sich die Annehmlichkeiten westlichen Komforts nicht entgehen lassen will, wurde mir erst beim Einquartieren in Boubés Haus bewusst.

In mein Tagebuch schrieb ich so unpassende Dinge zusammen wie: Hier machen die Männer ihr Pipi in der Hocke. Oder: Ich mache die seltsame Beobachtung, dass ich hier die Zeit anders erfahre... Zum einen ist sie rasend schnell, zum andern ätzend langsam. – Nähere Erläuterungen dazu kamen mir aber bei dieser lähmenden Hitze offenbar nicht in den Sinn.

Mit der Zeit unternahm ich meine Stadtgänge auch alleine und zu Fuss, immer wieder mit einem Blick zurück, um mir den Heimweg einzuprägen. Ich sah auf der Nigerbrücke den Badenden und Waschenden zu und genehmigte mir auf der Terrasse des Sofitéls einen Kaffee. Dort hing am Eingang auch ein Anschlag der Deutschen Botschaft, der darauf hinwies, dass hier Überfälle auch tagsüber möglich seien. Ich schrieb in einer gewissen Überheblichkeit in mein Tagebuch: Mir gefällt das unübertrefflich Provinzielle hier, wenn dies nicht schon zu hochgestochen klingt. Es gibt keine Strassencafés, alles ist äusserst anstrengend, und die Strassen sind zu schmutzig, um sich darauf niederzulassen. Merkwürdig: Gerade, weil sich dort alle niederlassen, sind sie so schmutzig.

Abends fuhren wir mit dem Mercedes und der ganzen Bande oft zu Bars und Nightclubs, auf welche tagsüber nichts hinwies. Niamey schien also doch vielgestaltiger zu sein als das staubige Dorf des ersten Eindrucks, das sich in meinem Kopf festgesetzt hatte. Doch dazu musste man die Stadt erst besser kennenlernen. Die meisten boîtes de nuit, so liess ich mir sagen, würden wegem Ausschank von Alkohol von christlichen Libanesen geführt. Dort kam ich dann regelmässig zur Kasse. Es war selbstverständlich, dass ich für die Jungs diverse Runden ausgeben musste. Meine Vorbehalte ihnen gegenüber hin oder her. Während wir im dunklen Innern feierten, bewachten auf der dunklen Strasse draussen Bettler unsere Limousine. Von Saluste erfuhr ich, bevor er sich ganz betrank, dass sein Vater in Zinder ein angesehener Kaufmann gewesen sei, der sich aber wegen der gegenwärtigen Krise und den damit verbundenen Handelsbeschränkungen nicht mehr in der Lage sehe, seinem schwulen Sohn ein Jetsetleben in Europa und Amerika zu ermöglichen. So backe er jetzt halt auf Boubés Kosten kleinere Brötchen und helfe ihm dabei, das erbärmliche Leben hier etwas erträglicher zu machen.

Bei soviel Gesellschaft unter Menschen, mit denen mich herzlich wenig verband, und die ich gleich zu Beginn zu geringschätzen lernte, fühlte ich mich zuweilen etwas einsam. An die Stelle des Gedankenaustauschs traten jetzt stumme Beobachtungen. Eines Morgens sah ich zum Beispiel, dass vor meinem Fenster die schattenspendenden Bäume gefällt wurden. Entsetzt sprang ich auf, musste mich aber von Boubakar belehren lassen, dass dies absolut notwendig sei, weil sie den bevorstehenden Herbststürmen nicht standhalten und beim Umstürzen das Haus beschädigen könnten. Sie wüchsen aber rasch nach – wie Unkraut.

 

* * *

 

            Nach der ersten Woche in Niger hatte ich einen Albtraum. Ich befand mich in einem Zimmer voller Bücherregale. Mir gegenüber am Tisch sass ein ausgefuchster Ethnologe. Sein Spezialgebiet war die Sahelzone. Er kannte die nomadisierenden Tuareg aus dem Effeff. Deren Rituale, Kleider, Essgewohnheiten und Werte. Er kannte ebenso die anderen Nomaden der Region, die Fulbe Bororo, und er fragte mich nun in dieser Prüfung nach den Unterschieden zwischen diesen beiden Ethnien: Welche von ihnen züchten Rinderherden? Wie steht es mit der matrilinearen beziehungsweise patrilinearen Erbfolge der beiden? Der Examinator fragte mich aber auch über andere Wüstenvölker aus. Welche Brautwerbungsrituale kennen die Wodaabe? Was passiert, wenn eine Tuaregfrau einen Djerma heiratet? Welches sind die Hauptunterscheidungsmerkmale zwischen den Songhai und den Kanuri? Besteht ihr Couscous aus Hartweizengriess, Gerste oder Hirse? Kommen Datteln vor in ihrem Speiseplan? Welche rituelle Bedeutung haben diese überdies? Kennen Sie den Kosmos der Tubu? Worin zeichnet sich dieser aus? Inwiefern sind sie Animisten? Welche Rolle spielt bei ihnen der Islam? Womit treiben sie Handel? Woran kann man bei den Tuareg den Einfluss der französischen Kolonialmacht noch festmachen? Welches sind überhaupt die grössten Ethnien im Niger? Welches sind die offiziellen Landessprachen? Wo trifft man in der Sahelzone sonst noch Hausa an? Welcher muslimischen Glaubensrichtung gehören sie an? – Und so weiter.

Schweissgebadet erwachte ich inmitten der Prüfung und musste zur Kenntnis nehmen, dass ich bei meinem aktuellen Wissensstand haushoch durchgefallen wäre. Noch schlimmer: Ich musste mir einmal mehr eingestehen, dass mich, trotz meiner Ausbildung zum Ethnologen, solche Fragen auch im Wachzustand eigentlich gar nie wirklich interessiert hatten. Es fehlte mir also nicht nur an Wissen, es fehlte mir auch an Motivation, mich in dieser Berufsgilde mit Faktenwissen zu profilieren. Und wer sass mir da gegenüber? War dieser Examinator nicht Claude Lévi-Strauss, den ich seit der Lektüre seiner Traurigen Tropen über alles bewunderte? Dieser Umstand verwirrte mich ganz besonders. Seine Spezialgebiete waren doch eher Brasilien und Pakistan! Und jetzt überraschte er mich mit seinem Wissen über die Völker der Sahelzone. Er ist eben ein Genie. Ich schämte mich sehr. Ich hätte ihm gerne mehr Eindruck gemacht. Wieso bin ich denn nur in diesen Niger gefahren? Was sollen bloss meine Barbesuche bei den Libanesen, gemessen an der verpassten Gelegenheit, einen der spannendsten Landstriche Afrikas kennenzulernen, dessen Probleme zu erfassen und mitzudenken an deren Lösungen?

Die Wüste, zum Beispiel. Sie ist im Vormarsch. Dürrekatastrophen mehren sich. Woraus könnte denn mein Beitrag bestehen? Was geschieht mit den Abertausenden von Vertriebenen, deren Vieh unter der sengenden Sonne zu verdursten droht? – Wäre es nicht an mir, den Prinzen und die verwöhnten Jungs an ihre Verantwortung gegenüber ihrem Heimatland zu erinnern? – Das einzige, was ich in diesem Albtraum zu beantworten wusste, war die Frage nach der durchschnittlichen Lebenserwartung im Niger. Sie lag damals bei 45 Jahren. Und das war genau mein Alter zum Zeitpunkt meines Besuchs dort. – Soll ich nach einer weiteren Woche in die Schweiz zurückzukehren mit eigentlich nichts in den Händen ausser diesem blöden Enduro-Motorrad aus Aludosen und ein paar belanglosen Aufzeichnungen zur gelangweilten jeunesse dorée von Niamey?

Mir schien, der Sand in allen Ritzen dieser Stadt und in meinen Augen, Nasenlöchern und Lippen würde mein Getriebe im Kopf nachhaltig lähmen und meine Neugier zum Stillstand bringen. Das einheimische Geschehen spielte sich vor meinen Augen ab wie die Bilder dieser überlangen, handlungslosen Andy Warhol-Filmen der 1970er Jahre namens Chelsea Girl, Sleep, Vinil und Flesh, bei denen die Begeisterung, sie überhaupt bis zum Ende angesehen zu haben, den künstlerischen Gehalt des Dargebotenen und die Summe an Erkenntnissen und Genuss bei weitem übertraf.

Da trat, wie gerufen, Madame Adam in mein Blickfeld. Mme Thérèse Adam. Später, so entnehme ich es dem Internet, wurde sie unter anderem Schweizer Botschafterin in Mosambik. Hier im Niger war sie coordinatrice der Schweizer Mission. Klar, der Prinz kannte sie und fand es sinnvoll, mich mit ihr bekannt zu machen. Sie residierte unweit von unserem Haus in einer schönen Liegenschaft mit Swimming Pool. Im Gespräch bei Tee und Kuchen erfuhr ich, dass noch bis vor fünf Jahren im Niger mit Putsch-General Seyni Kountché an der Spitze ein Schreckensregime herrschte, wo bei Gräueltaten vermutlich Boubakars Vater eine üble Rolle spielte. Als der Diktator 1987 in einem Pariser Spital an den Folgen seines Gehirntumors verstarb, wurden 8000 Spitzel entlassen. Auch Boubés Vater als Verteidigungsminister wurde arbeitslos. Kountchés Nachfolger, Ali Saibou, war zwar auch ein Militär, doch er setzte einen Transformationsprozess in Gang, dessen Erfolg erstens in der Einberufung des ersten nationalen Volkskongresses 1991 bestand und zweitens in den ersten freien Wahlen seit Nigers Unabhängigkeit im Jahre 1960: Am 16. April 1993 wurde der liberale Mahamane Ousmane ins Präsidentenamt gewählt. Leider wurde aber auch von ihm das Tuareg-Dossier nur mit spitzen Fingern angefasst und keiner eigentlichen Lösung zugeführt, so dass die politische Instabilität fortbestand. Zum Abschluss unseres politischen Diskurses lud mich Frau Adam auf nächste Woche zu einem déjeuner ein, worauf ich mich bereits beim Hinausgehen freute.

 

* * *

 

Meine zweite Woche im Niger gewann etwas an Dynamik. Boubé wollte mich seinem Vater vorstellen, mir seine Heimatstadt Dosso zeigen und das Forstprojekt der rônerais von Gaya besuchen. Also präparierten wir unsere Limousine für eine längere Fahrt in Richtung Südosten.

Mir fielen auf der Strecke die vielen Raubvögel auf, die totgefahren mitten auf der Strasse lagen. Sie waren Opfer ihrer eigenen Fleischeslust, denn sie warteten hoch oben in den Lüften geduldig kreisend, bis unten irgendein Wildtier von einem Auto erfasst wurde und zu Tode kam. Dann stürzten sie sich hinunter auf die zubereitete Mahlzeit und vergassen dabei, hungrig wie sie waren, wohl allzu oft, selber Opfer des Verkehrs werden zu können. – Eine weitere Beobachtung am Strassenrand betraf Kinder, welche die Vorbeifahrenden auf Giraffen aufmerksam machten, die sich irgendwo draussen in der Savanne aufhielten und ästen. Doch unser Sinn stand im Erreichen von Malainville vor dem Eindunkeln, denn das Abblendlicht unserer Limousine tat wegen eines Wackelkontakts nicht richtig. Malainville ist die Nachbarstadt von Gaya und liegt auf der gegenüberliegenden Seite des Nigers auf dem Staatsgebiet Benins. Laut dem Prinzen sei dort die Unterkunft besser und wesentlich sauberer als auf der nigrischen Seite des Flusses. Überall kannten sie Boubé, begrüssten ihn überschwänglich und freuten sich über sein Kommen. Die Burschen und ich blieben in diskreter Distanz. Boubé organisierte auch mit einem netten Schwatz bei den Zöllnern, dass ich die Grenze zum Benin ohne Visum passieren durfte.

Am nächsten Tag besuchten wir eine grosse Borassusplantage. Auf Französisch rônerais genannt, einer Baumschule aus einer genügsamen Palmenart, bei welcher fast alles verwertbar ist. Sie eignet sich deshalb gut, einheimischen Schreinern, Schnapsbrennern und Zuckerverwertern ein Auskommen zu gewähren. Die Wertschöpfung eines solchen Palmenhains war auch um ein Vielfaches grösser als die Erdnussfarmen, die sonst weite Flächen des südlichen Nigers überzogen. Vor Ort arbeiteten auch ein paar Entwicklungshelfer aus Belgien und Frankreich. Sie waren zuständig, den Leuten die ökologisch und ökonomisch sinnvollste Nutzung dieser rôniers beizubringen. Ich gewann allerdings den Eindruck, dass einige von ihnen dem Sahelkoller erlegen waren und den Blütensaft der Palmen für den eigenen Alkoholbedarf verwerteten. Auch dort kannte Boubé alle und hatte mit einigen von ihnen ziemlich sicher auch schon mal das Bett geteilt. Ich machte Fotos.

In Dosso schliesslich lernte ich Monsieur le général Bagnou, Boubés Vater, persönlich kennen, den ich in meinem Notizbüchlein so beschrieb: Ausgemergelter Feldherr von 55 Jahren, der da in seinen etwas heruntergekommenen Gemächern residiert und sich mit Landwirtschaft beschäftigt. Er hat Augenprobleme (Netzhautablösung?) und raucht Gitane bleue. – Der Hof war auch von Boubakars jüngeren Geschwistern bevölkert. Die jungen Männer standen gerade um ein neu erstandenes Motorrad herum und fachsimpelten, während von den jungen Frauen nur die Stimmen wahrnehmbar waren, denn sie hielten sich vornehmlich im Inneren auf. Der Prinz stellte mir auch eine seiner vielen Grossmütter vor, eine in Tüchern gehüllte alte, zahnlose Frau, die in einem fensterlosen Raum auf dem sandigen Boden sass und gedankenverloren mit einem Stofffetzen hantierte.

            Abends sassen wir im Hof und sahen uns im Fernseher die Nachrichten an. Offenbar hatte es in Niamey die letzten 24 Stunden unablässig geregnet. Jetzt befürchteten die Behörden ein rasantes Ansteigen der Malariafälle. Während über unseren Köpfen lautlos ganze Schwärme von Fledermäusen hinwegschossen und aus der Ferne Kröten und Frösche ihre Liebeslieder quakten, beschäftigte sich im nächsten Beitrag die Tagesschau mit der Opposition im Parlament, die dem Präsidenten an den Kragen gehen will. Zur Aufbesserung des Budgets sollen fünfzehn Staatsbetriebe veräussert werden: Wasserversorgung, Stromversorgung, Bergbau, Telefon, Treibstofffirmen und so fort. Das gab zu reden. Wobei ich nicht recht mitbekam, worin genau die Meinung der Familie Bagnou bestand. Doch alle befürchteten wohl zu Recht, dass privatisierte Dienstleistungen die Lebenshaltungskosten verteuern würden. Und schliesslich brachte das Fernsehen die Nachricht, dass in Mali wahrscheinlich die ganze Schweizer Delegation der Entwicklungszusammenarbeit, DEZA, von den Tuaregs ermordet worden sei.

            Als wir am nächsten Tagen wieder das durchnässte Niamey erreichten, stand das déjeuner bei Frau Adam an. Sie hatte dazu noch ein paar weitere Gäste geladen. In Erinnerung geblieben sind mir Herr und Frau Meyerkord von der Deutschen Delegation für Entwicklungszusammenarbeit. Auch hier am Tisch waren die Entführung und wahrscheinliche Ermordung der Schweizer in Mali ein Thema. Frau Adam befürchtete, dass sich dieser schreckliche Vorfall negativ auf das künftige Engagement der Schweiz in der Sahelzone auswirken könnte. Konservative Kreise suchten ja schon seit je Gründe, Entwicklungshilfegelder zu kürzen. So ein Geschehnis war natürlich Wasser auf ihre Mühlen. Grund: Sicherheitsbedenken. Das zieht in der Schweiz doch immer, um etwas zu Fall zu bringen. Die engagierte Diskussion am Tisch jedoch konnte mich nicht davon abhalten, die wunderbare Vorspeise lobend zu würdigen. Frau Adams Koch nämlich, Pascal, natürlich auch er aus Bourkina Faso, hatte ein wunderbares Artischockenpaté zubereitet. Er mixte Tomatensugo mit weichgebratenen Artischockenherzen. Herrlich.

            Später kam das Gespräch auf die nigrische Staatskrise. Diejenigen, welche die Privatisierung öffentlich-rechtlicher Institutionen forderten, waren am Aushecken eines parlamentarischen Misstrauensantrags. Frau Adam meinte dazu: Kommt es zu Neuwahlen, so fehlt schon das Geld, diese ordentlich durchzuführen. Und solange politische Unsicherheit im Lande herrscht, halten sich auch dringend benötigte Kreditgeber zurück. Womit auch viele Hilfsprogramme lahmgelegt würden. – Auf diesem Mittagessen lastete ein schwerer Schatten. Die Freude, Deutsch zu sprechen und mich mit Menschen auszutauschen, mit denen mich einiges verband, konnte nicht die Waage halten zum Pessimismus, der die ganze Tafelrunde befiel.

            Wieder zu Hause, beklagte sich Boubé über seinen durcheinandergeratenen Magen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, mit einer gewissen Ironie festzustellen, dass doch ich als Fremder es sein müsste, der an Diarrhöe leidet. So aber verarztete ich den Prinzen aus meiner kleinen Reiseapotheke mit Imodium und war ein bisschen stolz auf meine robuste Gesundheit. Ich fühlte mich sogar in meinem Entschluss bestärkt, für den Rest meines Aufenthaltes nicht noch mit Malaria-Tabletten zu beginnen, obwohl es die Mückenplage eigentlich erfordert hätte.

            Was im Rest meines Aufenthaltes noch anstand, war der Besuch des Lokals, welches Boubé für sein Restaurant erwerben wollte, und wo er mich schon als Geschäftsleiter wirken sah. Es handelte sich um das Gebäude der ehemaligen chinesischen Botschaft. Ein weitverzweigtes Etablissement, das mich allerdings nicht zu begeistern vermochte. Ich meinte noch den Mief kleinkarierter, chinesischer Beamten zu riechen, die hinter Milchglasscheiben ihren Dienst taten und niemandem ins Gesicht sahen. Nein, es war schon richtig, dass ich mich dafür nicht interessierte. 

            Die Meyerkords übrigens hatten mich am Sonntag Abend noch ins Hotel Gaweye eingeladen, wo die Deutsche Botschaft für die deutsche Kolonie eine Wahlparty veranstaltete. Auf zwei Bildschirmen konnten die Gäste die Ergebnisse der Bundestagswahlen verfolgen. Bald war klar, dass Helmut Kohl weiterhin Kanzler bleiben würde, auch wenn seine CDU ein paar Punkte eingebüsst hatte. Doch für eine Ampelkoalition aus SP, Grünen und PDS reichte es bei weitem nicht. Ich glaube, der Herr Botschafter war darüber nicht ganz unglücklich. Später in der Nacht ging ich mit dem Prinzen und seinem Gefolge arabisch essen. Da trat plötzlich ein flamboyanter Wirbelwind ins Restaurant und winkte mit weitausholenden Gesten auch noch dem hintersten Platz im Raum zu. Er liess uns alle laut vernehmlich wissen, wie enchanté er sei, uns alle hier anzutreffen. Der Prinz konnte mir noch rechtzeitig zuflüstern, dass es sich hier um Alphadi handle, dem berühmtesten Modedesigner Afrikas mit Boutiquen in Paris und New York City, worauf ich ihn begrüsste, als ob sein Name mir schon längst ein Begriff sei. Welche Freude, Alphadi, säuselte ich, dich endlich endlich einmal persönlich kennenzulernen! Das schmeichelte den Designer offensichtlich und führte zur Einladung, ihn doch morgen in seinem Atelier zu besuchen.

            Alphadis Atelier bestand aus einem schrecklich unordentlichen Büro mit Stapeln von Papier und Stoffmustern und Modejournalen, aus einem Zuschneideraum, wo Frauen mit ihren Stecknadeln Schnittmuster an Stoffe hefteten, aus einem schlecht beleuchteten Fabrikationsraum mit fünfzehn Nähmaschinen, an welchen Männer Hemden, Blusen, Hosen und Jupes fertigten, und aus einer Boutique, wo man Alphadi-Produkte erwerben konnte. Ich entschied mich für zwei Hemden aus Leinen, die mit afrikanisch anmutenden Mustern bedruckt waren. Die Preise, und das erstaunte mich dann doch ein bisschen, entsprachen durchaus denjenigen, die ich normalerweise für Hemden im Manor bezahle.    

            Zwei Tage darauf, nach wilder Abschiedsparty in Boubés Haus mit viel Rascheln im Gebüsch von Boubés Garten, wohin sich auch einmal Alphadi mit einem Gespan verzogen hatte, via Charles de Gaulle wieder in vertrauter Schweizer Umgebung angekommen, begann mein Magen zu grummeln. Er sollte mich noch eine Weile an meinen Aufenthalt in Niger erinnern, auch wenn meine Eindrücke dieser Reise so  langsam versandeten wie damals meine Energie in der Wüstenstadt Niamey. Einzig der Kulturschock, der mich bei meiner Rückkehr in die wohlgeordnete, reiche Schweiz befiel, machte mir noch mehr zu schaffen als meine Gedärme. Statt das Wohlbestallte meiner Heimat zu geniessen, störte mich dieses saturierte Gehabe. Mich nervte der selbstverständliche Anspruch darauf, dass es den Schweizerinnen und Schweizern zustehe, auf der Sonnenseite dieses Planeten zu leben.

 

* * *

 

Ein Jahr später meldete sich Boubé plötzlich mit der Anfrage, ob ich nicht Miteigentümer eines grösseren Restaurationsbetriebes an den Gestaden des Nigers werden möchte. Offenbar war aus der chinesischen Botschaft nichts geworden. Die Fotos, die er zusandte, zeigten vielmehr ein von einer Mauer umsäumtes Anwesen. Bäume beschatteten das Areal. Es bestand aus einem Speiserestaurant mit Küche, einer Bar, einer Tanzfläche mit Podest für eine Live-Band und einer breiten Terrasse mit Blick auf den Strom. Alles unter freiem Himmel. Bei Regen liess sich ein Teil der Fläche mit grossen Zeltplachen überspannen. Quel luxe, fand ich. Zur Liegenschaft gehörte auch ein Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Strassenseite mit vielen Parkplätzen davor. Dieses Haus verfügte über eine stattliche Anzahl von Gästezimmern. – Die Idee des Prinzen bestand darin, mit drei stillen Teilhabern das Objekt zu erwerben. Denn der Kauf der ganzen Liegenschaft schien seine eigenen Möglichkeiten doch etwas zu übersteigen. Von den anderen stillen Teilhabern war mir nur Gérard Vergez bekannt. Der andere mochte irgendein früherer französischer Liebhaber Boubés gewesen sein.

Irgendwie erinnerte mich das Ansinnen des Prinzen an die Anfänge meines Kontaktes zu meinem Grundeinkommensgaranten Sebastian. Vor diesem Hintergrund sagte ich nicht von vorneherein nein. Ich liess mir von Boubakar erklären, wie er sich denn diesen Deal vorstellt: Nach Überweisung des Geldes wollte er mir über drei Jahre hinweg ratenweise und mit Zinsen den eingeschossenen Betrag zurückbezahlen. So lange sei ich zu einem Viertel Miteigentümer. Nachher allerdings würde dieser Status erlöschen. Klar, saubere Sache. Wir setzten via Fax einen Vertrag auf, und ich überwies die geforderte Summe, nachdem ich sichergestellt hatte, dass die anderen zwei ihren Anteil unter denselben Konditionen auch überwiesen hatten. Als Quittung bekam ich die Bestätigung, dass mir jetzt ein Viertel vom Ise Gani gehöre. Das sei Hausa und würde auf Englisch „bad boy“ heissen oder auf gut Deutsch „Böser Bub“. Bald schon schickte mir der Prinz Fotos von den Eröffnungsfeierlichkeiten in Anwesenheit des Tourismusministers, der den Bildern nach auch eine Ansprache gehalten hatte. Weitere Fotos zeigten das gut besuchte Restaurant mit Köchen aus Bourkina Faso und den bunt beleuchteten Nachtclub mit Partykugeln und Live-Band und vielen leichtgeschürzten, attraktiven jungen Frauen, die sich auf Barhockern räkelten.

In der Schweiz begann ich aufgrund dieser Fakten in meine Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten einzuflechten, dass ich jetzt in Niamey stolzer Mitbesitzer eines Cafés sei. Die wenigsten wussten, wo Niger überhaupt liegt. Doch Afrika war exotisch genug, um überraschte oder sogar bewundernde Blicke zu erheischen. Das mit dem Night Club liess ich aber beiseite, weil ich mich ein bisschen um meinen guten Ruf sorgte. Boubakar gestand mir nämlich in einem späteren Schreiben, dass das Haus auf der anderen Strassenseite ein Puff sei, und dass von Anbeginn höchste Regierungskreise dort ausgelassene Parties feiern würden. Ich sagte mir trocken: gut fürs Geschäft. So erhalte ich wenigstens schon bald wieder mein investiertes Geld zurück. Ich brauchte es dringend, denn bei mir lief im fraglichen Jahr nicht alles rund. Meine Theaterproduktion floppte, und die illegale Bar, die ich damals an der Wattstrasse in Örlikon betrieb, leckte finanziell mehr, als dass sie eingebracht hätte. Anfänglich überlegte ich mir, sie auch Ise Gani zu taufen mit dem Zusatz Niamey-Örlikon. Doch dann entschied ich mich doch für den Namen Dr. Bockler’s Klinik, weil schliesslich auch meine Theaterproduktionsfirma Dr. Bockler’s GmbH hiess. Die Idee einer Klinik gab auch die Richtung vor, in welcher Weise der Raum eingerichtet werden könnte. Der Künstler und Konstrukteur Valentin Altorfer nützte diese Vorgabe dann auch weidlich aus, um eine unvergleichliche Atmosphäre von gruselig-skuril beleuchteten Reagenzgläsern, Spritzen und Röntgenaufnahmen eines Poulets zu schaffen.  

Als die erste Rate fällig war, beschied mir Boubakar, die lokale Währung, der CFA, habe in den letzten Jahren dermassen nachgegeben, dass es ihm zurzeit nicht möglich sei, die vereinbarte Summe in Schweizer Franken zurückzubezahlen. Er verlangte Fristverlängerung. Ich gewährte sie ihm. Als aber auch der zweite Termin ohne Überweisung verstrich, begann ich mir langsam um mein Geld Sorgen zu machen. Mein Französisch wurde ruppiger, und ich liess die obligaten bisous am Ende meiner Briefe beiseite. Ich wollte nicht, dass Boubakar in der Annahme bestärkt wird, dieses Geld sei ein Geschenk. Ich war mittlerweile 48 Jahre alt und mich überkam eine von Selbstvorwürfen durchtränkte Depression. Wie fahrlässig und leichtsinnig ich doch handelte, Vertrauen schenkend, sobald Exotik im Spiel war. Führte ich nicht ein recht risikoreiches Leben? Ohne Pensionskasse und ohne Erspartes? Das heisst, das Ersparte lag bei Sebastian, doch die Frage war berechtigt, ob das so immer weitergehen kann. Betrachtete ich mich im Spiegel, so zuckten meine Augenlider nervös. Irgend etwas musste geschehen. Eine weitere Theatersaison, die so floppen würde wie dieses Mal, konnte ich mir nicht leisten. Ich begann, Stellenangebote zu studieren und sah mein Heil darin, mich irgendwo wieder anstellen zu lassen. So kam es, dass ich mich, unter anderen Angeboten, auch auf die Stelle eines Rektors der Luzerner Schule für Gestaltung bewarb und diese zu meiner eigenen Verwunderung und zu meiner noch grösseren Genugtuung auch zugesprochen bekam.

Im selben Monat, als mir die Stelle in Luzern zugesprochen wurde, blieb plötzlich Sebastians monatliche Zahlung aus. Ich erfuhr über Umwege, dass mein zuverlässiger Geldvermehrer in Untersuchungshaft sitze. Alle seine Konten seien gesperrt. Es bestehe Verdacht auf ungetreue Geschäftsführung und illegales Finanzgebaren. Später sollte sich herausstellen, dass statt des Devisenhandels die Bedienung eines Schneeballsystems im Vordergrund stand.

Nach dem Schock überschlug ich meinen Schaden und wusste nicht, ob ich jetzt von Pech sprechen müsse oder von sagenhaftem Glück. Nur eines war klar: ich würde von meinem Einsatz wohl nichts mehr sehen. Doch diesen hatte ich ja im Laufe der Jahre viermal umgesetzt. Er ermöglichte mir während sechs Jahren eine finanzielle Basis. Diese Wohlfahrt hatte ihren Preis.  

 * * *

Noch bevor ich meine Stelle in Luzern antrat, wollte ich meine Sache mit dem Ise Gani einer Lösung zuführen. Mir schien die Fallhöhe, als Rektor einer Kunstschule auch noch Mitbesitzer eines Puffs zu sein, zu hoch. Es genügte mir schon, zu dieser Zeit mit einer brasilianischen Lesbe verheiratet gewesen zu sein, nur damit mein damaliger Freund, auch ein Brasilianer, deren Schweizer Freundin heiraten und damit in der Schweiz bleiben konnte…

Kurz vor meinem Amtsantritt in Luzern organisierte ich also noch eine zweite Reise in den Niger in der Absicht, auf Kosten von Ise Gani fette Ferien zu machen, um mir am Schluss wenigstens sagen zu können, ich hätte mein Geld nicht einfach zum Fenster hinausgeworfen, sondern dafür auch etwas bekommen. Diesmal regnete es bei meiner Ankunft nicht, und ich stellte fest, dass nun ein grosser BMW älterer Bauart die Mercedes-Limousine ersetzte. Die Jungs um Boubé waren andere, ihr Verhalten schien mir aber dasselbe zu sein wie eh und je. Boubakar hingegen kam mir verändert vor. Seine vornehme, gelassene Art machte jetzt Nervosität und Gereiztheit Platz. Ich fühlte mich nicht recht willkommen. Eine grosse Distanz zwischen uns manifestierte sich bereits bei der Begrüssung. Wir fuhren ins Puff, wo er mir ein Zimmer zuwies. Das Moskito-Netz wies Löcher auf. Doch das Steak mit der sauce béarnaise im Ise Gani schmeckte vorzüglich. Boubé leistete mir beim Essen zwar Gesellschaft, erhob sich aber alle drei Minuten, um entweder in der Küche oder in der Bar Befehle zu erteilen und dabei recht laut zu werden, wie ich das von seiner sanften Art her nicht gewohnt war. Erschöpft kam er dann wieder an den Tisch zurück und verschaffte seiner Frustration Luft: Er habe genug von den tausend Bittstellern und Profiteuren. Niemand fühle sich für seinen eigenen Bereich verantwortlich. Kaum sei er ausser Sichtweite, würden diese wie Mäuse tanzen und den Ruf des Lokals schädigen. Ce qui manque, c’est la géstion. Er wolle lieber heute als erst morgen zurück nach Frankreich, um sich dort nach einem ruhigeren, normalen Job umzusehen. – Was sollte ich da als Noch-Mitinhaber des Ise Gani nur zur Antwort geben?

Später am Abend füllte sich der Club mit Nutten, Strichern und Freiern. Ich wischte mir den Mund, verabschiedete mich und liess mich in dem mir zugewiesenen Zimmer des Hauses gegenüber ins Bett fallen. Rund um mich herum hörte man Türen schletzen, Mädchen kichern und vereinzelt auch ein Stöhnen. Plötzlich klopfte es an meine Tür. Es war der baumlange, spindeldürre Bachir, einer von Boubés Entourage, ein Jus-Student, den ich vor einer Stunde drüben im Restaurant knapp begrüsst hatte. Er fragte höflich, ob es mir nichts ausmache, die Nacht mit ihm zu verbringen. Zu Fuss sei um diese Uhrzeit der Weg nach Hause zu gefährlich und zu weit.

Eigentlich hätte ich, wenn überhaupt, den lustigen DJ Maxim aus Abijan, der zwischen den live acts Platten auflegte, als Bettbegleitung bevorzugt. Doch diskret und seriös, wie ich sein wollte als künftiger Rektor, verbat ich mir die Bekundung irgendeiner Begierde. So kam es, dass Bachir unaufgefordert an meiner Seite schlief und ich am nächsten Morgen die erste meiner als Geschenke vorgesehenen Swatch-Uhren los wurde. Bachir durfte die Farbe auswählen. Er entschied sich für rot und führte sie darauf in der ganzen Stadt spazieren. Mich im Schlepptau. Wir machten Halt bei einer Hochzeitsgesellschaft im Hotel Ténéré, wo sich der Bräutigam unter dem Geschrei der Anwesenden mit Hennaschlamm Füsse und Hände einreiben musste. Ich durfte zum Gaudi der Anwesenden auch noch eine Hand hinhalten. Dann zogen wir dorthin, wo den Freunden des Bräutigams Couscous serviert wurde, bevor die ganze Hochzeitsgesellschaft an einem dritten Ort zusammenfand und feierte, wie sie es von den Serien der Television her kannte. Ein angeheuerter Kameramann drehte Kassette um Kassette, und mir schien, dass alle etwas verlegen waren und nicht recht wussten, wie man sich zu benehmen hatte. Zur Sicherheit plusterten sich alle schön auf und wurden so zu Botero-Figuren: Eine Spur lächerlich und bemitleidenswert, aber auch liebenswert in ihrer zur Schau getragenen Unbeholfenheit.

Bachir erwies sich als zuvorkommend und respektvoll zu mir und liess nicht mehr von meiner Seite. Wenn ich mich über Müdigkeit beklagte, antwortete er beflissen c’est le clima. – Jetzt fiel mir auf, dass die Leute hier nach dem obligaten bonjour ça va? sofort nach der Müdigkeit fragen: et la fatigue, ça va? – Schon die schleppend vorgetragene Frage nahm die Antwort vorweg. Die Müdigkeit hier war allgegenwärtig, Müdigkeit des Klimas wegen – oder von der überall grassierenden Malaria, le paludisme. Die Nachfrage gehörte jedenfalls zum Standard jeder Konversationseröffnung. Ja, es wäre wohl unhöflich gewesen, nicht danach zu fragen.

 

* * *

 

Die Distanz zum Prinzen weitete sich aus zur Distanz gegenüber allem, was mir diesmal widerfuhr in diesem Niger. Der Harmattan, dieser heisse Wüstenwind, tat das Seinige dazu. Er verdeckte mit seinem Sandstaub sogar die Sicht aufs gegenüberliegende Haus. Er erstickte in mir zudem jede Neugier. Was mochte ich bei diesem Wirbelwind alles an Viren und Bakterien einatmen? – Egal, ist ja schon ein Erfolg, davon bis jetzt nicht krank geworden zu sein. – Und was spielt sich wohl auf der anderen Seite des Flusses ab? – Ist da unten überhaupt der Niger? – Oder befindet er sich vielleicht doch eher dort drüben? – Kommt uns da vorne ein Auto entgegen ohne Licht? – Müssen wir an der nächsten Kreuzung nach rechts oder nach links abbiegen? – Die Sicht war gleich Null und erlaubte mir umso mehr Introspektion. Meine Gedanken weilten zum Beispiel bei der Frage, ob ich in zwei Wochen an meiner neuen Arbeitsstelle in Luzern eine Krawatte tragen müsse. Die Ferne war mir näher als das neblige Geschehen um mich herum. Mich beschlich in Niamey ein Gefühl, das mir später in ländlichen Gebieten Chinas noch des öfteren widerfahren sollte: Die Welt ist grösser, als dass ich sie je zu erfassen vermöchte. Sie versteckt sich im Nebel unbekannter Sprachen, ungewohnter Bräuche, unverstandener Witze, und die Wirkung auf mich bestand immer in einer gewissen Gelassenheit. Kein Stress mehr, einem Rätsel auf die Spur kommen zu müssen. Keine Angst mehr davor, etwas nicht verstanden zu haben. Das Fremde würde für mich immer fremd bleiben, und Heimat ist für jeden etwas anderes. Und in dieser Entspannung konnte ich mich nicht einmal aufregen über die verwöhnten Jungs, die wie piepsende Satelliten unentwegt um den Prinzen kreisten. In meine Gefühle mischte sich eher ein gewisses Erbarmen. Es dürfte ja nicht ganz einfach sein, sich dermassen in Abhängigkeit eines anderen zu begeben, ohne dabei selber Würde und Selbstachtung zu verlieren. Was aber die Nation einigte in den Tagen meiner Anwesenheit, ob alt oder jung, arm oder prinzenreich, ob Frau mit sieben Kindern oder Mann mit vier Frauen, ob Soldat, General oder Schuhverkäufer, ist das Leiden an diesem unerbittlichen Harmattan, der niemanden verschonte. Da nützte ein noch so nobler BMW älterer Bauart nichts – sans clim.

In der Hoffnung, in den bevorstehenden Tagen würde es etwas aufheitern am Himmel, rüsteten wir uns für eine Fahrt gen Osten. Boubé, ein mir vorher nicht bekanntes Paar, dem ich auf der ganzen Fahrt nicht näherzukommen vermochte, der Chauffeur Nasser und ich. Über verschiedene Etappen wollten wir Zinder erreichen. Ein magischer Name für eine Stadt, nicht unähnlich wie Timbuktu oder Sansibar. Wir fuhren, mit zwei Reserverädern auf dem Dach, in der Dämmerung los, tagsüber wäre es dafür zu heiss gewesen. Nach ein paar Stunden kamen wir in Dosso an. Da waren wir doch schon, Boubakars Heimatort! Im Gehöft seiner Familie wurde mir das schönste Zimmer zugewiesen, zuvor aber zeigte mir der Prinz im Schein einer Taschenlampe noch den Bauplatz in der Nähe. Hier waren ein Gästehaus, ein Restaurant, ein Swimmingpool und ein Nightclub im Entstehen, ein zweites Ise Gani sozusagen. Es war als Pilotprojekt gedacht für ein ganzes Netzwerk weiterer Etablissements im ganzen Land, wo sich die Wohlbestallten aus Niamey an den Wochenenden erholen konnten. Entweder mit der Familie oder mit einer heimlichen Geliebten. Bauleiter war ein Schweizer namens Jean-Marc, Typus Alleskönner und Abenteurer auf dem Weg rund um den Globus.

Am darauffolgenden Morgen wartete im Schatten eines Baumes ein Coiffeur auf mein Kommen. Es herrschte in der Generalsfamilie die konsolidierte Meinung, man müsse mir die Haare schneiden. Als ich auf dem für mich vorbereiteten Hocker Platz nahm, versammelten sich Boubakars Brüder um mich herum. Doch schon nach den ersten Schnipseln versagte das Können des Störfriseurs. Ich habe noch nie Haare eines Weissen geschnitten, jammerte er. Das ist ja furchtbar, diese feinen Haare, sie entgleiten mir immer unter der Schere. Alle lachten und wollten es nicht glauben. Also nahm ihm Moussa, einer von Boubés Brüdern, beherzt Schere und Kamm aus der Hand und versuchte es selber. Doch schon bald hörte auch er damit auf, weil es ihn vor Lachen fast umhaute. Ich erlebte mich zum ersten Mal in meinem Leben als Objekt des Amüsements und Scheiterns zur selben Zeit. Das müsste man filmen, schoss es mir durch den Kopf. Zum Schluss hatten es vier Jungs an mir versucht, und mein Haar war die Lachnummer des Tages. In Ermangelung eines Spiegels sah ich das Resultat erst viel später, als wir nämlich wieder das Auto bestiegen und ich mein Antlitz im Rückspiegel bestaunen konnte. Gar nicht schlecht, befand ich. Doch ich hatte mir noch nie viel aus meinem Haarschnitt gemacht. Vielleicht besser so.

Wir fuhren in der Abenddämmerung weiter nach Diffa und übernachteten bei einem Krankenpfleger, der für uns sein Bett räumte und sich auf den Boden schlafen legte. Maradi war von dort aus nicht mehr weit, und allmählich begann ich mich für diese Wüstenstädte, die wir besuchten, zu begeistern. Sandig zwar, doch perfekt zugeschnitten auf die Bedürfnisse eines Stadtwanderers wie mich. Sie vermittelten mir Wohlbefinden und exotische Heimeligkeit mit ihren engen Gassen, mit den mit geometrischen Ornamenten verzierten Toren und Türen und mit den ziegelroten Mauern, welche von neckischen Türmchen unterbrochen wurden. Am meisten beeindruckte mich dabei die Stille, die mir nur von schneebedeckten, winterlichen Seitentälern in den Bergen her vertraut war. Der Schall reicht nicht weit. So wie er in den Alpen vom Pulverschnee verschluckt wird, schafft hier der alles vereinnahmende, feine Sand denselben Effekt. Man fühlt sich in einer endlosen, weiten und menschenleeren Wüste ohne Grundrauschen und befindet sich gleichwohl in dichter, menschlicher Umgebung. Die Rufe sind hörbar, das Klappern des Geschirrs auch, doch alles erreicht das Ohr erst, nachdem es von allen lästigen Begleitgeräuschen gereinigt worden ist. Das Echo fehlt.

Diese wunderbare Stadterfahrung traf noch um ein Vielfaches mehr auf die Stadt Zinder zu, zumindest auf deren Altstadt. Ich fühlte mich vom ersten Augenblick an heimisch und willkommen, und alle Vorbehalte gegenüber dem Ferienland Niger schienen von einem Augenblick zum anderen wie weggeblasen. Geissen rannten durch die Gassen und wirbelten gehörig Staub auf. Ich begegnete buntgewandeten Frauen und bewunderte, wie sie ihre grossen Körbe auf ihrem Kopf balancierten. Kinder rannten mir entgegen und schrien laut nach cadeaux.  – Boubé hatte ein volles Programm. Für seine Besuche bei seinen vielen Tanten und Kusinen, bei der wohlhabenden Familie seiner Braut, bei ein paar alten Generälen, frühere Kampfgefährten seines mittlerweile verstorbenen Vaters, ging er zuerst auf den Markt und kaufte Unmengen Hirse, Maggiwürfel, Zucker und Reis, die er in verschiedene Tüten abpacken liess. Sie waren als Gastgeschenke gedacht. Den Zucker allerdings verteilte er bereits den Bettlern, die am Eingang des Marktes herumstanden. Nicht überallhin durfte ich den Prinzen begleiten, doch an einigen Orten war es ihm wichtig, dass ich mitkomme. Manchmal betraten wir Drecklöcher, manchmal vornehme Häuser. Ich bekam nie richtig mit, worin die Essenz dieser Begegnungen eigentlich bestand. Es wurde fast nichts geredet, man sah sich auch nicht an. Boubé kommunizierte seine wenigen Worte im Flüsterton, dann war es einfach wieder für eine Weile still. Wenn es hochkam, wurde Minuten später in jammerndem Tonfall eine knappe Antwort erwidert, worauf wieder Schweigen herrschte. Die Besuche waren nicht darauf ausgerichtet, sich viel sagen zu wollen. Es ging wohl einzig ums Vorbeikommen. Ein Schluck Wasser wurde gereicht, man sass etwas herum, sofern Sitzgelegenheiten überhaupt vorhanden waren, Kinder kamen vorbei, machten ein paar Verrenkungen und verschwanden nach kurzer Zeit wieder, und irgendwann erhoben wir uns wieder. Der Besuch war zu Ende, wir verabschiedeten uns. Ich befand nach einer Weile, dass diese Art von Kontaktpflege eigentlich ganz gut zu den unendlichen Weiten der Wüste passe. Gesagtes war angesichts der immensen, sandigen Dimensionen, die einen umgaben, unerheblich.

Bevor wir die Rückreise antraten, unternahmen wir noch einige Ausflüge in die Gegend, immer mit organisatorischen Unwägbarkeiten verbunden. Einmal fehlte Benzin, ein anderes Mal waren unsere Mitreisenden oder der Chauffeur noch am Schlafen oder indisponiert, oder wir mussten unzählige Male nach dem Weg fragen und wurden jedes Mal in eine andere Richtung gewiesen. Es kam vor, dass wir innerhalb einer halben Stunde viermal beim selben Platz vorbeikamen. Wie oft musste ich mich erkundigen, wohin denn heute die Reise gehe, weil die Destinationen oft kurzfristig durch andere ersetzt wurden. In besonderer Erinnerung geblieben ist mir dabei der Besuch bei einem Marabout in Illallah, denn Boubakar bekundete das dringende Bedürfnis, vor unserer Rückfahrt nach Niamey noch den geistlichen Rat eines Weisen einzuholen. So gelangten wir nach dem Wechsel zu einem angemieteten Geländefahrzeug über Stock, Stein und Umwegen zu einem Gehöft. Dort stand vor einem dunklen Raum ein Mann, der uns alle herzlich begrüsste und Boubakar gleich aufforderte, seinen Obolus zu entrichten, damit er zum Marabout vorgelassen werden konnte. Während wir anderen draussen blieben, wurde der Prinz ins Innere geführt, wo der Marabout die Ratsuchenden zu empfangen pflegte. Nach einer Welle unverständlicher Schreie und Rülpser hörten wir die sanften Worte des Mannes, der uns zuvor an der Pforte empfing. Jetzt schien er als Übersetzer zu fungieren, indem er die wilden Laute des Marabouts in verständliche Worte formte. – Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei und Boubé erschien ganz aufgelöst unter der Pforte und musste sich zuerst die Tränen abtrocknen. Offenbar hatte die Konsultation bei ihm einiges bewirkt. Doch worum es ging, behielt er für sich.

 

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Auf der Rückfahrt nach Niamey beschäftigte mich noch die Sache mit Boubés Braut. Sie war von reichen Eltern und mit ihren hervorstehenden Zähnen und dem markanten Unterkiefer nicht besonders hübsch. Laut dem Prinzen wusste sie über sein vielfältiges Sexualleben durchaus Bescheid. Wenn es nach ihm, dem Bräutigam, gegangen wäre, hätte er nach einer veritablen Traumhochzeit mit ihr sobald als möglich ein Kind gezeugt, damit das Geschwätz in Niamey endlich ein Ende nähme. Doch nachher hätte er dafür gesorgt, ihr Männer zuzuhalten, die sie sexuell befriedigt hätten. – Nach langer Pause und mit einem Seufzer stellte Boubé jedoch fest, dass ihr wahrscheinlich der Sinn doch eher nach einem Medizinstudium in Frankreich stehe, als mit ihm eine Familie zu gründen.

Noch einmal Dosso, noch einmal Boubakars nette Geschwister. Im Schatten des lokalen Fussballstadions tranken wir noch einmal einen Apéro, und der Prinz bestellte noch einmal seinen Schafskopf, der in einer fetten Sause schwamm, wie er das vor vier Jahren schon getan hatte, und worüber ich nicht geschrieben habe. Als besonderer Leckerbissen galten die Augen, und es wurde für mich noch einmal zur Mutprobe, beim Essen mitzuhalten.

Mit unserer Rückkehr nach Niamey am nächsten Tag neigte sich mein Aufenthalt langsam dem Ende zu. Diese Feststellung machte mich nicht unglücklich. Der heisse Nebelstaub war unerträglich. Die letzten 50 Kilometer bis zur Stadteinfahrt fuhren wir im Schritttempo. Die Augen brannten. Ich erklärte Boubakar, dass ich in Zukunft ohne Regressansprüche auf meinen Anteil am Ise Gani verzichte, was wiederum ihn nicht unglücklich machte. Aber auch nicht froh. Es war offensichtlich, dass er sich mit diesem Ise Gani kräftemässig übernahm. Sein theoretisches Wissen über Gastronomie und Hotellerie, das er sich bei seinem Studium in Paris erwarb, liess sich am Niger nicht einszueins anwenden, und es nützte ihm offensichtlich auch nichts, zu den Bessergestellten zu gehören, denn statt diesen Status für die Qualitätssicherung zu gebrauchen, umgab er sich mit weniger gut Gestellten, die ihn nach Strich und Faden ausnahmen. Es schien, als würde er von diesem Unternehmen gejagt, statt es selber voranzutreiben.

Zum Schluss galt es, mit jedem noch die Adressen auszutauschen. Sie befinden sich noch immer in meinem Notizbüchlein: Amadou Moussa (Appolo), Bachir (er schrieb dazu noch J’ai arreté de fumer ce soir à 17h, 18-03-98), Maxim Piot, Ousmane Djibrilla… und viele andere. Alle gaben für die Korrespondenz eine boite postale an. Doch mit keinem von ihnen pflegte ich später je brieflichen Austausch. Und die Gesichter hinter diesen Namen sind in der Zwischenzeit auch verblasst. Geblieben sind aus dieser intensiven Zeit nur ein paar Situationen und Erlebnisse, die ich hier zu schildern versuchte. Geblieben sind auch belanglose Details, wie zum Beispiel das ungenierte Ausstrecken der Füsse auf dem Salontisch, das ständige Spielen mit dem Schlüsselbund, ein paar Schlägereien in den Clubs in alkoholisiertem Zustand, vor allem aber die nie nachlassende Zuvorkommenheit mir gegenüber, die mir stets das Gefühl vermittelte, Kolonialist zu sein. Mir scheint aus der Distanz, dass ich der eigentliche Prinz war. Auf Staatsbesuch sozusagen. Unangefochten in meinem Status: Für Boubakar fast die einzige Respektsperson. Niemand wagte es, mich um Geld zu bitten (ausser Boubé, der mir zu verstehen gab, wann wieder die Reihe an mir sei, eine Runde auszugeben).

Damit endet zwar diese Geschichte, doch keineswegs mein Afrika. Ich habe mir eine Zeitlang überlegt, hier noch weitere Afrikaerfahrungen hineinzuverweben, die sich zu anderen Zeiten in Mali, in Nigeria, Ghana, Kenia, Tansania und im Sénégal zugetragen haben. Auch zu Südafrika hätte ich noch einiges auf Lager. Doch in diesem Rahmen verzichte ich darauf. Mir scheint einzig noch der Erwähnung wert, dass ein Jahr später, anlässlich meines 50. Geburtstags, der als grosse Sause mit über 200 Gästen im Luzerner Hotel Seeburg angelegt war, aus dem Nichts plötzlich Boubakar auftauchte und mitfeierte. Er kam aus Paris, wo er sich offenbar von seinen Ise Gani-Strapazen bei Monsieur Vérgez ein bisschen erholte. Sein Kommen rührte mich sehr, und ich bedaure, zu ihm seither keinen Kontakt mehr zu haben. Dem Netz entnehme ich, dass es das Ise Gani nicht mehr gibt. Jetzt heisst die Lokalität Jet Set. Der Reiseführer schreibt dazu: this is the rendezvous of golden youth until early morning, a guaranteed atmosphere on weekends, techno music. 

 Und ganz zum Schluss überlege ich mir, ob der Titel mit dem afrikanischen Café überhaupt zumutbar sei angesichts der Tatsache, dass es in Afrika 55 Länder, noch viel mehr Ethnien und Sprachen gibt, die sich in ihrem Wesen wohl wesentlich stärker unterscheiden als ein europäischer Schwede von einem europäischen Sizilianer. Gerate ich damit in die rabenschwarze Mohrenfalle eines Paul Burkhards, dessen Text der politischen Korrektheit wegen von Mohren befreit wurde? Afrika ist ja an sich nicht falsch. Doch Mein Café am Niger wäre spezifischer und würde die Menschen in anderen Gegenden Afrikas nicht mehr miteinbeziehen. Sie wären in ihrer afrikanischen Diversität respektiert. Welcher Titel hat denn mehr Magie, Attraktivität und Poesie und ist in nachhaltigerer Weise politisch korrekt? – Ich würde mich nicht wundern, wenn angesichts der Dynamik gegenwärtiger Diskussionen diesen Text plötzlich eine andere Überschrift ziert. On verra.