Mittwoch, 17. März 2021

Kontroversen – Lustige Debatten mit Lucius Burckhardt aus dem Jahr 1996

Luzius Burckhardt (links), Professor an der Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Stadtplanung, und Nikolaus Wyss (rechts), Publizist in Zürich, schreiben in dieser Rubrik jeden Monat für die STZ
Soll man Industriedenkmäler schützen? / Nützen Fahrradwege den Velofahrern? / Soll man seinen Rasen scheren? / Bis in vier Jahren haben wir den Euro – oder nicht? / Soll man den Zoo abschaffen? / Soll es A- und B-Post geben? / Spart bargeldloses Zahlen Arbeit? / Führen Prüfungen zu besseren Ausbildungen? / Schadet Schwarzarbeit der Volkswirtschaft? / Erleichtern Fussgängerzonen den Einkauf? / Waschen wir uns zuviel oder zuwenig?

 

Im Jahre 1996 unterhielt die Schweizerische Technische Zeitschrift (STZ) unter dem Titel Kontroverse eine Rubrik, in welcher Prof. Lucius Burckhardt und ich zu unterschiedlichsten und nicht immer belangvollen Themen PingPong spielten. Die obigen Titel dachte sich Burckhardt aus, doch er liess mir immer den Vortritt, auf welche Seite ich mich schlagen möchte. Seinem unkonventionellen Denken kam es dann gelegen, dass ich meistens wünschte, den „vernünftigen“ Standpunkt einzunehmen. So konnte er sich ungehindert auf seine unkonventionellen Gedankengänge begeben.  

Beim Aufräumen habe ich diese Serie wieder gefunden und stelle die Themen jetzt hier oben als Links, auf die man einzeln klicken kann, der geneigten Leserschaft zur amüsanten Lektüre ins Netz.

* * *

Weitere Beiträge auf einen Click 

Dienstag, 16. März 2021

"Das unbeabsichtigte Meisterwerk" - Milena Mosers Vorwort zu meinem Amakong-Buch

Zoom-Gespräch mit Milena Moser, wo es darum geht, ob sie mir ein Vorwort zum Buch Auf dem Amakong - Lesebuch gegen den Hunger schreibt.

Nikolaus Wyss hat ein Buch geschrieben. Nikolaus Wyss hat ein Buch geschrieben. Ich schreibe es noch einmal: Nikolaus Wyss hat ein Buch geschrieben!

Darauf habe ich jetzt sicher zwanzig Jahre lang gewartet. Vielleicht länger. So lange wir uns kennen jedenfalls. Ich erkannte in ihm nicht nur das Talent, sondern auch das Bedürfnis zu schreiben. Ganz zu schweigen von den brillanten Ideen, die er mir regelmässig unterbreitete. Irgendwann habe ich aufgehört, sie zu zählen.

Wenn ich aus San Francisco anreisend im Medienausbildungszentrum in Luzern unterrichtete, wohnte ich jeweils bei ihm. Und manchmal erwähnte ich ihn als mahnendes Beispiel dafür, dass eine geniale Idee eben noch kein Buch ausmacht. Weil man ein Buch in erster Linie schreiben muss. Das Schreiben an sich ist es, worauf es ankommt. Nicht die Idee, so toll sie auch ist. Nikolaus greift das übrigens in einem seiner Texte, in «Vorwürfe am Wegrand» auf: «Der wahre Grund meiner steigenden Reiseunlust aber ist, dass ich nicht weiter von diesen Wartehäuschen verhöhnt werden wollte», schreibt er. «Sie erinnerten mich schmerzvoll an mein Unvermögen, einen Plan, den ich für gut befunden hatte, in Angriff zu nehmen und umzusetzen.»

 

Was also ist passiert? Nikolaus hat sich selbst überlistet. Er hat einfach angefangen zu schreiben, ohne an ein Buch zu denken. Er hat sich gesagt, ach, es ist ja bloss ein Blogeintrag. Und dann noch einer. Und noch einer. Das ist unbestritten die beste Art, ein Buch zu schreiben: Ohne es zu wissen.

Nicht zu unterschätzen ist aber auch die Tatsache, dass Nikolaus die Schweiz verlassen hat. Unsere gemeinsame Heimat macht es einem nicht leicht, sich neu zu erfinden. Die soziale Kontrolle ist sozusagen Nationalsport. «Hast du gehört, was der-und-der jetzt macht?

Wieso schreibt der jetzt ein Buch? Muss der jetzt ein Buch schreiben? Da könnte ja jeder kommen!» In anderen Bereichen seines Lebens hat sich Nikolaus immer wieder über diese Grenzen hinweggesetzt, hat sich als Kulturvermittler, als Schuldirektor und als Lokalpolitiker der öffentlichen Meinung ausgesetzt. Dass er sein Schreiben davor schützen wollte, kann ich durchaus nachvollziehen, konnte ich trotz meinem ständigen Nörgeln immer nachvollziehen. Es zeigte mir aber auch, wie wichtig ihm das Schreiben ist. Wie wichtig es ihm die ganze Zeit war.

 

In Kolumbien konnte er sich von diesen Bedenken befreien. Sein Blog entwickelte sich geradezu explosionsartig; nicht nur in der Zahl seiner Leser, sondern auch in der Fülle der Themen: Vom Erfahrungsbericht eines späten Auswanderers zu Kindheitserinnerungen, Gedankenspielen, Meinungsstücken. Nikolaus erzählt von seinen Reisen, von seiner Kindheit an der Winkelwiese in Zürich, von beruflichen Begegnungen und Erfahrungen, und manchmal interviewt er sich selbst. Er schreibt so offen, wie ich es nicht von ihm kenne, auch über seine Sexualität, seine Streifzüge durch einschlägige Datingseiten. Seine Sprache ist manchmal augenzwinkernd altmodisch wie seine Wollsocken, manchmal unerbittlich wie ein Vergrösserungsglas. Seine Beobachtungen sind genau, feinfühlig, berührend, messerscharf und vernichtend. Er nimmt keine Rücksicht mehr, schon gar nicht auf sich selbst. In mehreren Texten spricht er seine Eitelkeit an. Im Gegensatz zu den meisten Memoiristen beschränkt er sich nämlich nicht auf Erinnerungen, in denen er gut wegkommt. Im Gegenteil: Manche dieser Texte («Maskenball auf hoher See», «Das Drama vom Rösslibrunnen») sind trotz des ironisch-distanzierten Tons geradezu schmerzvoll zu lesen. Als Leserin schätze ich diese Ehrlichkeit. Ich weiss, dass das Schreiben sie verlangt. Als Freundin zucke ich manchmal zusammen. Ich würde das Buch gern hier und da mit bunten Post-its verkleben, auf denen «Na, na, so ganz stimmt das aber nicht!» steht. «Nein, so ist Nikolaus nicht!»

Doch ihn kümmert das nicht mehr. Die Frage, was «die anderen» denken könnten, hat er in der Schweiz zurückgelassen, wo sie auch hingehört. Wo sie ihren Ursprung hat und wo sie nur so lange von Bedeutung ist, wie man ihr Bedeutung zumisst. Das Auswandern kuriert einen da ganz schnell: «Die Menschen, die in Zürich die Rolle der Einheimischen spielen, kommen mir eigenartig fremd vor. Welcher Regisseur hat ihnen die Anweisung gegeben, ihre Selbstgefälligkeit so zur Schau zu stellen?», fragt er sich verwundert bei einem Besuch in der alten Heimat.

Nikolaus schreibt wie einer, der nichts mehr beweisen muss. Seine Texte sind lustvoll, frei, übermütig. Es ist, als ob er uns in seinen Kopf einladen würde, wo wir uns mit ihm auf dem mäandernden Fluss seiner Gedanken treiben lassen. Die Beschreibung eines etwas unpraktischen Möbelstücks führt zu einem Versuch, einen beinahe vergessenen Zweig des Familienbaums wieder aufleben zu lassen. Die Frage, was aus diesen entfernten Verwandten geworden ist, führt zu einem urschweizerischen Sittenbild. In wenigen kurzen Sätzen wird eindrücklich eine gutbürgerliche, auf Erfolg getrimmte Familie gezeichnet, deren Probleme nur so lange unter den edlen Perserteppich gekehrt werden können, bis einer der Söhne den Drogentod stirbt. Doch mit seinem Eingeständnis, dass er das damals nicht wahrhaben, dass er sich das Bild dieses Goldjungen nicht nehmen lassen wollte, macht uns Nikolaus zu Komplizen. Er erlaubt uns nicht, selbstgefällig nickend die Bourgeoisie zu verurteilen. Er fordert uns auf seine höfliche, beinahe beiläufige Art heraus, wie er das in all diesen Texten tut, nicht laut, nicht provokativ, aber unmissverständlich.

 

Eine meiner Lieblingsgeschichten in diesem Band beginnt mit einer etwas ungnädigen Abrechnung mit der Stadt Neapel, die partout nicht hält, was sie verspricht. Und führt dann zu einer äusserst berührenden Erinnerung an längst vergangene Ferien auf Ischia, wo sich Mutter und Sohn in denselben glutäugigen Kellner vergucken und nun in stillschweigendem Einverständnis jede Mahlzeit in diesem Restaurant zu sich nehmen, mit zusätzlichen Bestellungen hinauszögern und so ihr ganzes Budget verpulvern. Diese Szene, diese Konstellation zu beschreiben, ohne sie ins Ironische oder Anzügliche zu ziehen, ist allein ein schriftstellerisches Meisterwerk. «Das Schöne an diesen täglichen, kulinarisch genügend begründeten Begegnungen war das Unausgesprochene. Wir gaben uns mit der Verfeinerung des Augenblicks zufrieden und waren glücklich dabei.»

Der Text mündet in eine Art Versöhnung mit Neapel und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern, «deren lächerliches Gehabe als Essenz unerfüllter Sehnsüchte interpretiert werden kann». Und endet mit dem «Gedanken, dass es vielleicht doch die unerfüllten Sehnsüchte und Begierden sind, die den Reiz des Lebens ausmachen».

 

Mich macht es einfach ganz glücklich, dass Nikolaus Wyss sich diese alte Sehnsucht erfüllt hat: ein Buch zu schreiben. Und ich hoffe, dass ich auf das nächste nicht noch einmal zwanzig Jahre warten muss.

 

Milena Moser

San Francisco, Juni 2020

 

***

Das Buch ist für Fr. 30.- erhältlich entweder in der Buchhandlung im Volkshaus, Zürich, oder bestellbar bei info@trigonis.ch  

 

Welche Texte im Buch Auf dem Amakong - Lesebuch gegen den Hunger vorkommen, und welche nicht, ersieht man hier: 

 

Fast sämtliche Blog-Beiträge von Nikolaus Wyss  

Donnerstag, 4. März 2021

Zusammenfassung meiner in diesem Blog erschienenen Text-Beiträge, nach Sachthemen gegliedert und mit einem Click aufrufbar

Eigentlich wollte ich dieses Bild verwenden, um auf die unästhetische Seite des Abmagerns hinzuweisen. Statt dass der Bauch zuerst verschwindet, schrumpelt zu Beginn das Gesicht und - vor allem - der Hals, der immer mehr an eine Pute erinnert, wenn man ihn nicht streckt so wie hier auf diesem Bild. Doch dann entschied ich mich, dieses Bild als eyecatcher für die Kompilation meiner Blog-Texte zu verwenden. Einfach so und ohne metaphorische Absicht

Zu Kolumbien und meiner Befindlichkeit dort:

- Das unbeachbsichtigte Meisterwerk (Vorwort von Milena Moser im Buch
- Im Raumschiff unterwegs  (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")

Erinnerungen an Reisen und Episoden:

- Unerfüllte Begierden (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Stress-Design (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Maskenball auf hoher See (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Die Trillerpfeife (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Auf dem Amakong (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Was ist noch hängig?  (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Keine Elefanten (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Ein Tag in London (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Post aus Nkawkaw (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Vorwürfe am Wegrand (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
  im Buch "Auf dem Amakong")
 

Erfahrungen in Zürich und Familiäres: 

- Die Mutter als Leiche (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Dein Platz, liebe Mutter (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Vater lebt (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Auf der Bettkante (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
  (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Auf den Armen meines Vaters
(veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
  (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Zürich, Ende September
(veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")


Zu verschiedenen Persönlichkeiten:

  (erstmals erschienen 1996 in der Schweiz. Technischen Zeitschrift STZ) 
- Ciao Mäni (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
  (erstmals erschienen im Tages-Anzeiger Magazin 26./27. August 1988)
- Wer kennt noch André Ratti? (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
  (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")
- Wiedersehen mit Jin Xing (veröffentlicht im Buch "Auf dem Amakong")

 

Freitag, 5. Februar 2021

Der Silberlöffelspezialist


Dr. Bernhard Heitmann, 6. 2. 1942 - 25.9.2020
Eben wollte ich zu einem wohlformulierten, geistreichen Geburtstagsbrief ansetzen, denn das war das mindeste, was ich ihm jährlich schuldete. Er war ein Sprachkünstler, ein witziger Formulierkönig. Sein hohes Niveau stachelte mich an, mir in meinen eigenen Sätzen Mühe zu geben. Ich stellte mir immer vor, er würde meine guten Wünsche nur dann anerkennend zur Kenntnis nehmen, wenn sie zumindest im Ansatz originell klängen, obwohl mein eigenes Sprachvermögen natürlich nie an das seine herankam. Die Frage, die ich vorgängig zum Brief klären musste, war lediglich: wird er jetzt an diesem 6. Februar schon 80? Dann hätte ich auf seinen runden Geburtstag Bezug genommen. Oder begeht er erst seinen 79.? Dann hätte ich mir irgendetwas Gescheites zur Galgenfrist einfallen lassen. - Soweit sollte es aber gar nicht mehr kommen. Beim Nachschauen im Netz stellte sich heraus, dass er am 25. September vergangenen Jahres im Alter von 78 Jahren verstorben ist: Dr. Bernhard Heitmann, ein deutscher Kunsthistoriker und Museumskurator.

               Ich lernte ihn auf einer kunsthistorischen Fahrt zu Bayerns Barockkirchen kennen. Das dürfte Ende der 1960er Jahre gewesen sein, als er in München noch Jurisprudenz studierte, sich aber die Kunst schon zur Herzensangelegenhiet machte. Mir fiel damals auf, wie charmant und mit einer milden Anzüglichkeit er die älteren Damen in der Reisegruppe um den Finger wickeln konnte, und wie er mit einer Beredtheit sondergleichen jeden noch so kleinen, unscheinbaren, holzgeschnitzten Heiligen zu benennen, zu würdigen und mit Hintergrundwissen zu beleben wusste. So setzte sich bei mir das Bild eines brillanten jungen Mannes fest, dem nachzueifern gar keinen Sinn ergab, weil er einem unerreichbar voraus war.

            Später studierte er Kunstgeschichte und promovierte 1977 über die deutschen sogenannten Reise-Services und die Toiletten-Garnituren von 1680 bis zum Ende des Rokoko und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung. Was Laien etwas schräg vorkommt, geriet bei seinem unerschöpflichen Wissen zu einer Lebenswelt, zu einem Kosmos, dem eine eigene Faszination inne lag. Bernhard wurde nach Studienabschluss Kurator am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. An jedem Silberlöffel aus dem hundertjährigen Krieg, an jeder Gabel mit eingravierten Insignien, an jedem Früchtemesser mit Porzellangriff, an jedem Meissen-Teller des Hofalchimisten Johann Böttger hafteten für ihn unerschöpfliche Geschichten, die sich um böhmische Manufakturen, russische Adelige und deutsche Handelsleute drehten, um Liebe und Intrigen, um Eheschliessungen und Mésalliancen. Ihm zuzuhören war eine Wonne, weil er seinen Erzählungen immer ein paar Sottisen beizumengen wusste, die sich entweder auf die damals herrschende Gesellschaft bezogen, sich aber zuweilen auch gegen seine aktuellen Vorgesetzten im Museum richteten, die ihm die gebührende Wertschätzung nicht entgegenzubringen vermochten. Ich glaube, alle hatten etwas Angst vor seiner spitzen Zunge.

            Damals wohnte er im Pförtnerhaus einer älteren, alleinstehenden, stinkreichen Reederstochter, die über ein sehr grosses Anwesen in Blankenese verfügte mit altem Baumbestand und im Krieg unversehrt gebliebener Bausubstanz. Diese Frau hatte an Bernhard wohl den Narren gefressen, und er liess sie insoweit gewähren, wie sie seinen Neigungen zu jungen Männern nicht in die Quere kam. Er half ihr dafür beim Ordnen des Familienschatzes, der, unter anderem, aus prächtigem Tafelsilber bestand und als Schenkung an sein Museum gedacht war. Dann verstarb sie aber und erklärte in ihrem Testament Bernhard zu ihrem Alleinerben. Somit bekamen seine seit je bürgerlich-konservativen Ansichten und sein Etepetete-Gehabe durch Vermögen einen realen Unterbau. Er jammerte, für die Erbschaftssteuer Teile des Besitztums veräussern zu müssen, zum Beispiel das Ferienanwesen in Garmisch-Partenkirchen. Er leistete sich aber von jetzt an Opernbesuche auf den teuersten Plätzen und lud dazu ältere Damen ein. Wenn er für Bankgeschäfte in Zürich abstieg, so wählte er die ersten Hotels am Ort: Baur au Lac oder Widder, was ihm bei seinem lebenslänglich bescheidenen Kuratorengehalt wohl sonst nicht möglich gewesen wäre.

            Als es Mode wurde, Schweizer Bankkonten deutschen Steuerbehörden zu melden, beging ich die Unvorsichtigkeit, ihm in einer Email von meinen Erfahrungen mit der Liechtensteinischen Landesbank zu berichten. Da war er knapp daran, den Kontakt zu mir abzubrechen. Er hatte wohl zu Recht Angst, unsere Korrespondenz könnte in falsche Hände gelangen und für ihn die Eröffnung eines Verfahrens in Sachen Steuerhinterziehung nach sich ziehen. Er hauste jetzt in dieser grossen Reedersvilla, wo die Küche noch über einen Vorraum für das Anrichten der Speisen verfügte. Eine Frage, die ihn damals umtrieb, war, ob man gekochtes Wasser für einen neuerlichen Teeaufguss noch einmal aufkochen dürfe. Für ihn stand fest: nein, es brauche dafür frisches Wasser. Bernhard tat sich einen Hund zu und beschäftigte Olek und Elisabetta aus Polen für Garten- und Hauspflege und für die Zubereitung von Speisen wie Pierogi, Bigos und anderen Spezialitäten aus dem Osten. Mir schmeckte der Salatka Jarzynowa am besten, eine Art russischen Salats. Seine frühere Bleibe im Pförtnerhaus vermietete er jetzt an progressive Freaks und machte dabei die leidvolle Erfahrung, dass er die eingezogenen Mieter nicht mehr loswurde, was seinen Argwohn auf soziale, wenn nicht gar – in seinen Augen – sozialistische Gesetzgebungen schürte.  

            Ich fragte mich in späteren Jahren oft, was mich antrieb, ihm in bescheidener Weise die Treue zu halten, obwohl mir weder seine Ansichten noch sein Lebensstil behagten. Auch war mir sein zuweilen doch sehr ruppiger Umgang mit Menschen, die ihm nicht passten, zuwider. War es vielleicht mein Ehrgeiz, meine Empathiefähigkeit unter Beweis zu stellen? Oder war es die Spekulation, bei ihm Gehör zu finden, sollte es mir finanziell einmal schlecht gehen? – Vielleicht befand ich mich mit ihm auch in einem unausgesprochenen Wettbewerb, wer von uns beiden wohl das erfülltere, glücklichere Leben führe. Ich befand mich, wie mir schien, insofern in der Pole-Position, als ich ihn, im Gegensatz zu mir, kaum je nachhaltig glücklich erlebte, ausser in den Momenten, wo er von seinen Kunstreisen und Begegnungen mit herausragenden Gemälden berichten konnte. So kannte er die Alte Pinakothek in München auswendig, und bei Museumsbesuchen, wie dem Madrider Prado, der Wiener Albertina oder der Londoner Tate, schöpfte er Hoffnung, dass noch nicht aller Tage Abend sei. Die dort ausgestellte Kunst bestärkte ihn in der Gewissheit, dass Schönheit und Vollkommenheit immer noch ihre Bedeutung haben und dem Gesindel und Abschaum auf der Strasse etwas Erhabenes entgegensetzen. Auch Istanbul hatte es ihm angetan. Zum Glück musste er nicht mehr erleben, wie die Hagia Sofia wieder zur Moschee umfunktioniert wurde.

Sonst aber war er von rührenden Verpflichtungen getrieben, wie sie sich meiner Ansicht nach diejenigen aufbürden, die gegen ihre eigene Einsamkeit anzukämpfen haben. Er schrieb mir einmal zu Weihnachten: «Übermorgen ist eine große Beerdigung, wo ich hinmuss. Abends kommt Besuch. An beiden Weihnachtstagen besuche ich eine alte kranke Freundin im Altersheim. Sie kann nicht mehr sprechen und nicht mehr schreiben. Eine unselige Situation. Ich werde ihr vorlesen, erzählen und ihr vielleicht beim Essen helfen. Abends gehe ich dann zu einer befreundeten Familie mit Kindern. Zwischen den Jahren habe ich meinen Bruder nebst Frau und zwei meiner Freunde in die Oper eingeladen. Silvester hoffe ich allein sein zu dürfen…»

Irgendwann wuchs ihm die Villa über den Kopf, und er kaufte sich eine Wohnung mit Blick auf die Elbe. Vom anderen Ufer hörte man unentwegt Hafengeräusche, die vom Löschen und Beladen grosser Frachter herrührten. Sein Wohnzimmer war überstellt mit Stühlen aus der Biedermeierzeit. Sie stimmten mich irgendwie traurig, weil niemand darauf Platz nahm. Sie standen herum wie bestellt und nicht abgeholt. Doch mein Gastzimmer war vom Feinsten, und im dazugehörigen Badezimmer hatte er für mich ein speziell teures Parfüm hingestellt.  

Eine grosse Befriedigung dürfte für ihn gewesen sein, 2016 als Cofrater in den Deutschen Orden aufgenommen worden zu sein. Dort erlebte er endlich das Umfeld, das ihn vor weiteren zivilisatorischen Anfechtungen und Zweifeln bewahrte. Die Geschichte dieser Kongregation, die bis auf die Kreuzzüge zurückgeht, verschaffte ihm endlich den Rahmen, um sich angekommen zu fühlen. Sein Wirken bestand dort unter anderem in der Förderung junger Priester. Indem er stolz auch afrikanische Novizen zu seinen Schützlingen zählte, vermochte er seinen latenten Rassismus ein bisschen zu zähmen.  

            Jetzt also kommt es nicht mehr zu meinen Geburtstagswünschen für Bernhard Heitmann. Diese Zeilen hier bieten mir immerhin Gelegenheit, mich von ihm zu verabschieden, wobei ich noch jetzt nicht weiss, ob ich mit ihm wirklich befreundet war. Doch durch die Jahrzehnte begann uns doch etwas zu verbinden, etwas, das mich jetzt reuen lässt, ihm nicht mehr zum Geburtstag gratulieren zu können. 

© Nikolaus Wyss

Weitere Beiträge auf einen Click