Freitag, 7. Dezember 2018

An der Winki

Dr. Wilhelm Wartmann, Gemälde von Edvard Munch, Kunsthaus Zürich
Die Winkelwiese liegt auf einer Anhöhe hinter dem Pfauen und oberhalb der Trittligasse. Von dort geht es nach allen Seiten bergab. Dieser topographische Umstand bot mir als Bub das Vergnügen, mit meinem Leiterwagen in halsbrecherischer Fahrt und mit lautem Getöse bis zum Rösslibrunnen hinunter zu brettern. Aber auch für leergelaufene Autobatterien war die Winkelwiese ein Segen. Man liess den Wagen einfach abwärtsrollen, legte den zweiten Gang ein und spielte so lange mit der Kupplung, bis der Motor ansprang. So liess Dr. Wilhelm Wartmann regelmässig seinen Mercedes mit Faltdach an. Er wohnte damals gegenüber unserem Haus an der Winkelwiese 5 und trug einen kunstvoll gezwirbelten Schnauz. Er war früher einmal Direktor des Kunsthauses und machte es sich zur Aufgabe, mich als Bub in die Welt der Kunst einzuführen, indem er mir gegen Taschengeld anerbot, ihm in seinem Archiv zur Hand zu gehen. Während seine leicht mürrische, stets in Schwarz gekleidete Frau in der Küche mit dem Geschirr klapperte, schlug er in seinem stickigen, mit Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Postkartensammlungen und Bildern überhäuften Archiv, das sich über mehrere Räume erstreckte, ein Kunstbuch um das andere auf und fragte mich gestreng, von welchem Maler diese Schwarzweiss-Abbildung sein könnte und von wem jene Skulptur. 
Ich hatte von nichts eine Ahnung und interessierte mich im Grunde auch nicht dafür, wer dieser oder jener Künstler gewesen sein mochte und welche Werke ihm zugeschrieben werden. Mit Blick auf das Taschengeld zeigte ich mich aber gleichwohl interessiert und gelehrig und merkte mir so einige Namen, die Dr. Wartmann in seinem St. Gallerdeutsch immer mal wieder fallen liess. So blieben mir Munch, Maillol, Lovis Corinth, Kirchner, Kokoschka und andere in meinem Gedächtnis haften, allerdings weniger in Verbindung zu einem ihrer Werke als vielmehr zur abgestandenen, cigarrillodurchtränkten Luft dieses unaufgeräumten, chaotischen Archivs im zweiten Stock unseres Nachbarhauses. Der Höhepunkt von Dr. Wartmanns Bildungsoffensive bestand im Versuch, mir die Tapisserie von Bayeux näherzubringen. Ich konnte mir dieses kriegerische Textil-Epos aus dem 11. Jahrhundert nicht so recht vorstellen, worauf mein rühriger Mentor das Werk mit der Aneinanderreihung von etwa dreissig Postkarten, welche dieses Kunstwerk in detaillierter Abfolge zeigten, veranschaulichte und mir die einzelnen kunstvoll gestickten Schlacht- und Heiratsszenen erklärte und sie historisch einordnete. Damit nicht genug. Zu meinem Abschied, denn meine Schulleistungen wurden in der Zwischenzeit so prekär, dass ich diesen Nebenverdienst bald schon aufgeben musste, stanzte er auf beiden Seiten der Postkarten Löcher, worauf seine Frau die einzelnen Karten mit einer Schnur zu einem Leporello verband. Bei einem Buchbinder schliesslich liess er eine Schachtel verfertigen und übergab mir das rührende Werk mit den besten Wünschen für eine erfolgreiche Zukunft. - Die Schachtel begleitete mich ein halbes Leben lang, auch wenn ich sie nie mehr aufgemacht habe. Wo mag sie nur hingekommen sein?
An der Winkelwiese 5 wohnte im ersten Stock Herr Leder-Locher mit seiner Familie, mit dem mich aber ausser höflicher Begrüssungen auf der Strasse und eines allfälligen Blickes auf seine Schaufensterauslage am Münsterhof nichts verband. Anders stand es um von Orellis im Erdgeschoss. Da wohnte mein Busenfreund jener Tage, Andres. Er war zwar zwei Jahre älter als ich, wir verstanden uns aber ausgezeichnet und hielten mit unseren Streichen die Nachbarschaft auf Trab. Sein Vater pflegte ein guturales, von etwas Speichel getränktes, rollendes R. Ich kannte damals sonst niemanden, der sein R so vorzutragen wusste. Dies verlieh ihm, zusammen mit seiner stattlichen Körpergrösse und seiner Gangart auf samtenen Pfoten eine gewisse Vornehmheit.  Herr von Orelli fuhr einen Fiat 2100. Am Steuer trug er geschmeidige Lederhandschuhe, was seine aristokratische Gesinnung unterstrich, obwohl er nur ein angestellter Elektroingenieur war, wenn auch in leitender Stellung. An Sonntagen lud er zu Ausfahrten ein. Ich durfte jeweils, zur Erleichterung meiner überlasteten Mutter, auch daran teilnehmen und sass im Fond, zusammen mit Andres und den anderen zwei Brüdern Gerold und Hannes. Ich genoss diese Ausflüge, die zum Beispiel zum Zoo oder zur Anflugschneise des Flughafens hinaus führten. Sie begannen allerdings jeweils mit einem Spaziergang zur Garage des Kaufleuten, wo Herr von Orelli sein Auto im Untergeschoss geparkt hatte. 
Um die Zeit des Zürcher Frühjahrfestes herum, dem Sechseläuten, veränderte sich jeweils der Hormonhaushalt der Familie von Orelli drastisch. Das ganze Erdgeschoss an der Winkelwiese 5 wurde brünstig, bereit, sich mittels des Zunft-Gleitmittels mit den vornehmsten Schichten der Stadt zu paaren. Nicht nur das. Herr von Orelli setzte mit seinen Pflichten als Präsident der Zürcher Zünfte noch das Tüpfelchen aufs i. Da hatte ich nichts mehr zu berichten. An diesen fraglichen Tagen sah man ihn schon frühmorgens schwarz gekleidet und mit einer Blume im Knopfloch die Winkelwiese hinunterschreiten, um seinen zünftigen Pflichten zu obliegen. Stunden später machten sich dann seine drei Söhne in Pluderhosen und komischen Kopfbedeckungen auf den Weg, und nochmals einige Zeit später verliess Frau von Orelli das Haus. Sie hielt viele bunte Sträusse im Arm, die sie entlang der Umzugsroute denjenigen Männern zuzuwerfen beabsichtigte, die es ihrer Meinung nach verdienten, mit Blumen beworfen zu werden.
An der Winkelwiese 10 schliesslich wohnte die äusserst zurückhaltende Fräulein Dr.  Gross. Ihr ging der Ruf voraus, reich zu sein, war sie doch die Besitzerin dieser Villa. Bedeutsamer war jedoch, dass dort zur Miete auch der damalige Stapi von Zürich wohnte, Stadtpräsident Emil Landolt mit Familie. Ich begegnete ihm oft auf der Strasse, abends nicht mehr ganz nüchtern, aber er liess es sich nicht nehmen, sich jedes Mal nach dem Befinden meiner Mutter zu erkundigen und mir die Hand zu schütteln. Er schüttelte sie aus dem Handgelenk heraus, horizontal, sein Arm blieb dabei jeweils unbeteiligt. Niemand sonst schüttelte mir die Hand so. 
Was der Stapi an Geselligkeit ausstrahlte, ging allerdings den übrigen Familienmitgliedern ab. Ich glaube, sie genierten sich ein bisschen für ihn und verhielten sich vielleicht deswegen besonders zurückhaltend und scheu, indem sie niemanden auf der Strasse wahrnehmen und schon gar nicht grüssen wollten. 
Zur Winkelwiese gehörte auch noch die Schauspielschule in der Nummer 4, der Tobler-Villa. Bei schönem Wetter übten die Studierenden im Garten Fechten und Vokale. Montags war das A dran, dienstags das O, mittwochs das E, donnerstags das U und am Freitag das I. Ich fragte mich immer, was sie denn mit dem Ä, dem Ö und dem Ü anstellten. Samstags zu Hause? Oder sonntags, wenn ich in von Orellis elegantem und stets blitzblank lackiertem Fiat 2100 unterwegs war? 
Zu von Orellis noch dies: Nach seiner Lehre als Kaufmann zog es Andres in die weite Welt. Er trat eine Stelle auf den Philippinen an. Von dort ereilte mich Monate später, ich befand mich damals in Lateinamerika, die Nachricht, er sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. 
Der alte von Orelli hingegen, das hat mir meine Mutter erst viel später einmal berichtet, soll mit der Zeit altersstarrsinnig geworden sein und  meine Mutter jeweils aufs Übelste als Linke beschimpft haben, wenn sie sich auf der Strasse begegneten. Besorgt pflegte seine Frau vom Fenster aus die Attacken zu beobachten und kam dann im Nachhinein regelmässig bei meiner Mutter mit einem Blumenstrauss vorbei, um sich für das unangemessene Betragen ihres Gatten zu entschuldigen.  
 

©Nikolaus Wyss
 

Sonntag, 2. Dezember 2018

Meine meistgelesenen Blogs 2017/2018

Etwas Statistik und Bilanz nach zwei Jahren Blog-Schreiben. Insgesamt habe ich 100 Einträge produziert. Einige blieben zu Recht ziemlich unbeachtet, andere zu Unrecht. Einige habe ich sogar wieder vom Netz genommen. Und einige entwickelten sich zu "Bestsellern", was natürlich so auch nicht ganz stimmt, denn die Zahlen sind immer noch relativ bescheiden und überblickbar. Gleichwohl: zu einer Tasse Kaffee pro Monat reichten die Einnahmen - in Kolumbien. Ziel ist aber immer doch, dass ich mir mit den Blogs jeden Tag eine Tasse Kaffee leisten könnte, zuerst hier in Kolumbien, wo sie zwischen 30 Rappen und einsfünfzig kostet, später in der Schweiz, wo ich kürzlich im St. Gotthard an der unteren Zürcher Bahnhofstrasse Fr. 7.60 hinblättern musste. Ich weiss, ein hochgestecktes Ziel, aber wieso soll man sich nicht auch noch mit 70 grosser Ziele verschreiben? Vielleicht steht dann dereinst auf dem Grabstein Seine Ziele waren höher als das, was er erreicht hat. Noch bleibt mir aber eine Galgenfrist, die diesen fiesen Spruch Lügen strafen könnte.
* * *
Hier ist die Statistik der vordersten 10 Plätze:
1. In Korrespondenz mit Roger Köppel - 5738 LeserInnen
2. Hast du dich je einmal geoutet? - 4030 LeserInnen
3. Zürich Ende September: Eine Zuspitzung - 2264 LeserInnen
4. Plötzlich meine ich, Sepp Estermann besser zu verstehen - 1748 LeserInnen
5. Bali am 25. September 2017 abends um sechs - 1515 LeserInnen
6. Wenn Feedbacks selber zu einem Blogeintrag gerinnen - 1251 LeserInnen
7. Anfragen und Absagen - 1229 LeserInnen
8. Zu meinem 69. Geburtstag - De lo que soy - 1128 LeserInnen
9. Auf den Armen meines Vaters - 917 LeserInnen
10. Bogotá mon amour - ein Selbstinterview - 911 LeserInnen
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Knapp rausgefault ist der Text Winkelwiese 6 mit 905 LeserInnen. Und natürlich bedaure ich, dass ein paar meiner Lieblingstexte (wie zum Beispiel Auf dem Amakong mit 727 LeserInnen, Was ist noch hängig? mit 757 LeserInnen oder Die Trillerpfeife mit nur 481 LeserInnen) nicht den Anklang fanden, den ich mir wünschte, oder Texte, von denen ich wegen ihres sexuellen Inhalts davon ausging, sie würden meine Kaffee-Einnahmen signifikant steigern, An der Bettkante zum Beispiel (Platz 13), oder Steven und der vergoldete Sparschäler (Platz 19).
* * *
Für heute aber ist Schluss. Genug Statistik. Ich bedanke mich bei allen, die mir bis jetzt lesend wohlwollend gefolgt sind. Möge ich sie auch in Zukunft nicht enttäuschen. Bald ist 2019. Jetzt ist erst einmal 1. Advent. Die Sonne scheint. Ich gehe Fahrrad fahren 




 

Samstag, 1. Dezember 2018

Hausräuke


Hier ein paar Bild-Erinnerungen an die Hausräuke. Sie fand hier in Bogotá am 22. November in meinem neuen Zuhause an der Calle 68 No. 12-07 statt. Das Haus wurde in den der 60er Jahren des letzten Jahrhunderts von General Luis Alfonos Mejia Valenzuela erbaut, einer führenden Persönlichkeit in den Frühzeiten der kolumbianischen Violencia. Später verkaufte er es der Rechtsanwältin und Hochschulprofessorin Clara Judith Cruz Parra, die es mir anfangs 2018 verkaufte. Die Innenrenovation dauerte über alle Massen lang, und noch immer ist noch nicht alles so, wie es eigentlich sein sollte. Gleichwohl, das Fest wurde gefeiert. Ich wohne.










Freitag, 2. November 2018

Exot im eigenen Land oder: Wieso nur hast du die Schweiz verlassen, Nikolaus Wyss?

Viele Seelen in einer Brust
Wieso nur hast du die Schweiz verlassen?
Ich habe sie nicht verlassen. Ich habe sie mir lediglich grenzüberschreitend erweitert, befinde mich sozusagen im von der Schweiz leider noch nicht anerkannten Kanton Kolumbien. Hier gibt es Käsereien wie in der Schweiz. Die grösste heisst Alpina. Sie ist eine Schweizer Gründung. Klar. Und den besten Schüblig schweizundbreit kaufe ich um die Ecke an der Carrera 13 beim Metzger Koller, einem vor 50 Jahren hierher ausgewanderten Appenzeller. 
Die hiesige dunkle Schokolade ist mindestens so gut wie die von Cailler. Die Kakao-Bohnen kommen eh von hier. Und ich brate mir auch Rösti mit Speckwürfeli. Kartoffeln sind hier, im Gegensatz zur Schweiz, seit tausend Jahren einheimisches Gewächs.
Unsere Schweizer Rohstofffirma Glencore baut hier zu unserem volkswirtschaftlichen Nutzen Naturprodukte ab. Als guter Schweizer bin ich es mir auch gewöhnt, die Augen zu verschliessen vor den Begleitumständen dieses Abbaus. Was gehen mich die korrupten Methoden der Landausbeutung an, die Hinterlassung von Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen? Hauptsache, uns geht es gut dabei, und wir können uns den Kaffee leisten, der von hier stammt. In der Winterzeit kommen noch frische Rosen hinzu, die wir unseren Liebsten in der Schweiz verschenken, und deren mit Gift kontaminierten, flächendeckenden Gewächshäusern man beim Anflug auf den Flughafen El Dorado ansichtig wird. Ich befinde mich sozusagen an der Quelle unseres helvetischen Wohlstandes. 
Ich gucke mir auch hier die Tagesschau, Aeschbacher (schade, dass er aufhört), Schawinski und die Spiele von Federer an, träume auf Schwiizertüütsch, höre das Echo der Zeit und Nadja Räss und interessiere mich für die Seilbahnen zum Zürcher Zoo hinauf oder über den See. Mich regen auch in Kolumbien die sture SVP und die selbstgerechte Zürcher SP auf. Ich beteilige mich likend, diskutierend und vor allem mich ärgernd auf Facebook an vielen Themen, die in der Schweiz zur Abstimmung kommen. Nur die Hornkuh-Initiative machte mich etwas ratlos. 
Früher, in der geografisch definierten Schweiz, habe ich mich nicht stärker mit dem Lokalgeschehen auseinandergesetzt als ich es hier in der Ausserschweiz tue. Nur sind jetzt noch ein paar neue Lebenswelten hinzugekommen, die meine Aufmerksamkeit zusätzlich und bereichernd zu erwecken vermögen. 
In der Schweiz aber konntest du dich am politischen Geschehen aktiv beteiligen. In Kolumbien nicht. 
Die aktive Teilnahme am öffentlichen Geschehen der Schweiz ist mir gar nicht gut bekommen. Mein Versuch zum Beispiel, in der Stadt Schlieren als Parlamentarier Fuss zu fassen, endete desastruös und in kompletter Isolation. Nirgends fühlte ich mich fremder und einsamer als in meiner angeblich heimatlichen Umgebung, wo ich immerhin Steuern zahlte, Stimm- und Wahlrecht hatte und mich für die Verbesserung der Lebensqualität und der Standort-Vorteile einsetzen wollte. Dieses rasch wachsende Dörflein am Zürcher Stadtrand aber befand sich zu meiner Zeit, wie Agglomerationssiedlungen anderswo auch, in unseliger Geiselhaft erzkonservativer Alteingesessener, die sich wiederum im Würgegriff des Gewerbes halten liessen. Die Verdienste dieser Zwangskomplizenschaft bestanden darin, im Altersheim zwar ein Raucherstübli eingerichtet zu haben, gegen jede weitere Lebensverbesserung für die Einwohnerschaft aber zu opponieren. Sie legten sich gegen jede Temporeduktion quer und waren selbstverständlich auch gegen den Bau der Limmattalbahn. Sie waren sich nicht zu blöd, nochmals eine Abstimmung über dieses Bauprojekt zu erzwingen, nur weil ihnen das Resultat des ersten Plebiszits nicht in den Kram gepasst hatte. Bei der zweiten bekamen sie wenigstens so richtig eins aufs Dach. Nicht einmal die direkt betroffenen Gemeinden, die das erste Mal noch dagegen opponiert hatten, aber vom übrigen Kanton überstimmt worden waren, sagten diesmal nein. Das hält diese Altvorderen aber nach wie vor nicht davon ab, weiterhin für ein Schlieren des 19. Jahrhunderts auf die Barrikaden zu steigen und allen weiteren Urbanisierungsversuchen mit den übelsten Unterschiebungen, den fiesesten Intrigen und den fadenscheinigsten Argumenten entgegenzutreten. Leute wie ich galten als Exoten, denen man jeden guten Willen absprach, und die man deswegen auch nicht ernstzunehmen brauchte. Wenigstens brachte mir damals die reformierte Kirche, die ja mit Blick auf die Gesamtgesellschaft selber schon über einen Exoten-Status verfügt, die Wertschätzung entgegen, die ich meinte verdienen zu dürfen. Als Kirchenpfleger war ich dort für Musikalisches verantwortlich und durfte unter anderem ein erfolgreiches Orgelfestival organisieren. 
Konnte deine lächerliche Wehleidigkeit ein hinreichender Grund gewesen sein, die Schweiz zu verlassen?
Sie war wohl ein förderlicher Faktor in einem ganzen Bündel von Gründen, das mich als Ganzes bewog, in meiner eigenen Lebensgeschichte noch ein Kapitel Ausserschweiz anzuhängen. Eigentlich wollte ich, man weiss es, auf den Mars.
Ja ja. Was waren die weiteren Gründe für den Wegzug? 
Günstige Umstände, wie zum Beispiel der Wechselkurs und die Veränderungen in meiner Beziehung zu meinem Partner, und - das Alter. In der Schweiz bereitet man sich von der Pensionierung an aufs Sterben vor. Spätestens dann sucht man sich eine rollstuhlgängige Wohnung, die im Notfall nicht allzu weit von einem Spital oder von einem Alterspflegheim entfernt sein sollte. Und man pflegt, zu Recht, die Angst, einsam zu werden und wird so Mitglied im Altersturnverein oder im Jassclub. Mit solchen Beschäftigungen kompensiert man die schwindende gesellschaftliche Bedeutung, der man sich im Alter ausgesetzt sieht. Von den Jungen nicht mehr wahrgenommen, von den Mittelalterlichen als Belastung empfunden und von den Gleichaltrigen argwöhnlich beobachtet, befindet man sich in einem absurden Spiessrutenlauf der Missachtung und gewöhnt sich sogar daran, sein eigenes Lächeln in der S-Bahn nicht mehr erwidert zu sehen, das einem gleichsam als Brosamen noch hätte hingeworfen werden können. 
Das ist zu krass. Bist du verbittert?
Überhaupt nicht verbittert, aber genug stolz, mich mit diesem Abstellgleis nicht zufrieden zu geben. 
Das Gefühl des Fremdseins und des Exotentums wirst du aber auch in Kolumbien empfinden.
Klar, aber hier stimmt es mit meiner real gelebten Situation überein. Hier habe ich keinen Anspruch auf eine Rolle, die in Anerkennung, Wertschätzung oder Integration münden müsste. Hier bleibe ich logischerweise fremd und suche schon gar nicht, mich in irgendeiner Weise kolumbianisch zu geben oder mich gar zu integrieren. Hier herrscht das Gefühl vor, temporärer Gast auf dieser Erde und im Speziellen in Kolumbien sein zu dürfen. Das macht leicht, bescheiden und dankbar. 
Aber macht es nicht auch etwas einsam, sich unzugehörig zu fühlen?
Die dräuende Einsamkeit älterer Menschen wie mich, die noch nicht alt genug sind fürs Altersheim und für den Alzheimer, habe ich in der Schweiz als ätzender empfunden als hier. Das hat vermutlich mit dem Anspruch zu tun, den man an seine Umgebung stellt. Ich verstehe mittlerweile die Alten in der Schweiz, die blindwütig unmögliche Positionen einnehmen und Andersdenkende mit üblen Beschimpfungen eindecken, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das hat etwas Trötzeliges. Wenn man mit der eigenen Geburt schon zu spät dran war, um die Schweiz im 2. Weltkrieg verteidigt haben zu dürfen, so besteht offenbar für unsere Generation gleichwohl das dringende Bedürfnis, den eigenen Nachkommen zu zeigen, dass man während seines eigenen Lebens für die Heimat einen kämpferischen Einsatz geleistet hat. So hinterlässt meine Generation eine Schweiz, die geprägt ist von Eigenbrötlertum ("Selbstbestimmung") und Abschottung. Auslöffeln müssen diese Suppe dann die Jüngeren, die sich an die Veränderungen unseres Landes längst schon gewöhnen konnten und keine grosse Sehnsucht nach den 70er und 80er Jahren empfinden. Eine fatale Art der Hinterlassenschaft, die Gottseidank nicht immer von der abstimmenden Mehrheit geteilt wird.
Und der Gefahr der Vereinsamung bist du in Kolumbien enthoben? 
Hier in Kolumbien bin ich ein Exot mit Ausländer-Status. Niemand kann hier verstehen, dass einer ein Sehnsuchtsland wie die Schweiz freiwillig verlässt, um sich in einem 3.-Welt-Land mit all seinen ungelösten Problemen niederzulassen. Diese Frage interessiert offenbar die Hiesigen. Und ich sage ihnen dann, man könne überall auf dieser Welt sterben. Dafür brauche man die paradiesisch anmutende Schweiz nicht, denn fürs ewige Paradies bleibe nach dem Abgang noch Zeit genug. Hier auf Erden heisse die Devise lebendig sein. Die Schweiz ist im Vergleich zu Kolumbien doch ziemlich unlebendig, abgesehen von den alten Schreihälsen und Blocherschen Wiederkäuern.
Die Leute in Kolumbien schütteln also den Kopf ob deiner Ansiedlung? 
Es stört sie, weil sie selber ja so gern ihr Land verlassen würden, um anderswo ein besseres Leben zu führen. Kolumbien bietet denjenigen, die nicht in die richtige Familie hineingeboren wurden und nicht über das Geld und die notwendigen Verbindungen verfügen, wenig Chancen auf die Realisierung eigener beruflicher Ambitionen. Das betrifft die überwiegende Mehrheit hier. Vielleicht schafft es der eine oder die andere noch zu einem Studium. Später aber schrammen die meisten von ihnen ihr Leben lang als Toderos nahe am Mindestlohn vorbei.
Das sind triste Aussichten. Und du hältst solche Zustände aus?
Mir kommt hier in diesem Land oft der Begriff der Würde in den Sinn. Wie geht jeder einzelne damit um und verarbeitet es für sich selber, nicht ganz das Leben leben zu können, das man für sich selbst für erstrebenswert hielte und jeden Tag im Fernsehen abrufen kann? Gibt es eine komplizenhafte Solidarität all jener, denen ein ähnliches Schicksal widerfährt? Wie sehr legitimiert ein nicht erwünschter Lebenslauf ungesetzliches Verhalten und unmoralisches Handeln? - Vielleicht lassen sich mit dem Begriff der Würde und des Selbstbildes der kolumbianischen Gesellschaft einige Vorgänge der jüngeren Geschichte des Landes erklären. 
Wie das?
Mir fällt zum Beispiel auf, dass die meisten Kolumbianer zwar stolz sind auf ihr Land, gleichzeitig aber sehr schlecht über ihresgleichen reden. Der Taxichauffeur, die Putzfrau, der Handwerker, die Sekretärin, der Ladenbesitzer, der Wachmann, die Zahnärztin: alle bringen riesige Vorbehalte gegenüber ihren Landsleuten an. Diese seien ungebildet, korrupt, unzuverlässig, rassistisch, es fehle ihnen an der nötigen Erziehung etc. - um sich aber davon alsogleich auszunehmen und abzusetzen. Ich könne von Glück reden, ausgerechnet mit ihnen in Kontakt zu stehen, alle anderen seien nämlich ladrones, Diebe also, die mich nur abzocken würden.
Und was folgerst du daraus?
Dass hier eine grosse Ambivalenz herrscht.
Ist das alles?
Wenn mir solche Spannungen vor der eigenen Haustür auf dem Servierbrett präsentiert werden, so vermag mich das als alten Ethnologen zu interessieren, weil sie herausfordernd sind und nach Erklärungen rufen, die ich (noch) nicht habe. Herausfordernder jedenfalls, als wenn die SBB wieder einmal auf der Strecke Olten-Bern stecken bleibt. Wobei auch dort eine Ambivalenz, wenn auch anderer Art, auszumachen ist. Nämlich der Anspruch, einerseits an einem perfekten System teilzuhaben, andrerseits die Überforderung, welche den Teilnehmern an einem solchen System innewohnt.

©Nikolaus Wyss

     
 
   
  

Samstag, 22. September 2018

«Ein Tag im Leben»

Seite 31 des Magazins vom 22. September 2018
Dieser Text wurde von David Karasek für das Magazin verfasst.  
«NIKOLAUS WYSS (69) wurde 1991 von Tamedia entlassen. Das hat ihm aber nicht geschadet.
Ich halte es für eine Ironie des Schicksals, 27 Jahre nach meinem fristlosen Rauswurf aus dem "Magazin" hier meinen Namen wieder abgedruckt zu finden. Damals verantwortete  ich in diesem Blatt ein paar Jahre lang eine Kulturseite namens "Affiche". Dann wurde das "Magazin" neu auch der "Berner Zeitung" beigelegt, und dem Chefredaktor schienen meine Beiträge für sein anvisiertes Massenzielpublikum zu abgehoben, und er stellte die Kulturseite ein. Ich überlegte mir darauf, was denn noch die Essenz dieses "Magazins" sein mochte, und stellte ein kritisches Buch zusammen mit dem Titel "23 Jahre Tages-Anzeiger Magazin - Vom Nährwert einer Beilage". Darin liess ich Redaktoren der ersten Stunde zu Worte kommen, darunter in einem längeren Interview auch meine Mutter, Laure Wyss, die das "Magazin" mitbegründete. Sie äusserte sich im Buch zum Kurswechsel und meinte, sie habe immer ein Blatt für den mündigen Leser gemacht, aber nun seien die Texte zur einfachen Kost verkommen. Das Resultat meiner Aktivitäten fand in der Chefetage keinen Gefallen. Kaum lag das Buch in den Buchhandlungen, wurde ich an einem milden Frühlingsmorgen 1991 vor die Tür gestellt. Als ich das Redaktionsgebäude an der Morgartenstrasse verliess, fühlte ich neben Zorn auch einen wohligen Schauder der Erleichterung. Für mich war klar: Hiermit war meine journalistische Karriere zu Ende. Ich bekam unfreiwillig Gelegenheit, mich beruflich neu zu orientieren. Das angehäufte Pensionskassengeld, das ich mitnahm, übergab ich einem befreundeten Devisenhändler, der mir mit seinen regelmässigen Ausschüttungen Gelegenheit bot, kulturell tätig zu werden. Ich produzierte in den folgenden Jahren leichte Theaterstücke und führte den legendären Schwamendinger Opernchor. Sieben Jahre später stellte sich heraus, dass dieser sogenannte Devisenhändler nach dem Schneeballsystem arbeitete. Sein ganzes Geldvermehrungsgebilde krachte zusammen, und er musste in den Knast. Aber da war ich bereits Rektor der Luzerner Hochschule für Kunst und Design und nicht mehr angewiesen auf "Ergänzungsleistungen". 
Nach meiner Pensionierung zog ich nach Schlieren und wurde schweizweit bekannt, als ich mich für einen Flug zum Mars bewarb. Als feststand, dass ich nicht von der Partie bin, ging ich in die Lokalpolitik und liess mich als Vertreter der GLP ins dortige Parlament wählen. Die Parlamentskollegen dachten wohl, ich sei von einem anderen Planeten. Ich galt jedenfalls als Aussenseiter und verspielte jede Möglichkeit, dort je richtig Fuss zu fassen. Nach gut zwei Jahren beschloss ich, meinem Leben noch mal eine neue Richtung zu geben.
Seit Ende 2016 lebe ich jetzt in Kolumbien. Obwohl Bogotá nicht gerade ein Rentnerparadies ist - es ist dreckig, hässlich und von Armut gezeichnet -, merke ich, wie mich genau diese Existenz hier belebt. Vor kurzem erstand ich mir ein Haus, das ich zu einem Bed & Breakfast-Gasthaus ausbauen möchte. Ich bin jetzt in einer Lebensphase. in der ich gern auf mein Leben zurückblicke und es etwas ordnen möchte. Ich betreibe dafür einen Blog, wo ich Erinnerungen mit aktuellen Beobachtungen mische. Es gibt hier in Kolumbien sogar ein paar Leute, die meine auf Deutsch geschriebenen Texte auch lesen möchten und sich mit dem Google-Translator behelfen. Lustig, was dabei herauskommt. Ich erkenne jedenfalls die Geschichten, die ich aufgeschrieben habe, an den Fragen, die sie mir nach der Lektüre stellen, nicht mehr.
Die Welt ist doch noch etwas komplexer und mit mehr Missverständnissen gespickt, als wir es wahrhaben möchten. So weit eine der Erkenntnisse, die ich in meinem Leben gewonnen habe.» 

Freitag, 31. August 2018

Steven und der vergoldete Sparschäler

Namen und identifizierbare Hinweise zur Person wurden weitgehendst verändert
Als ich ihn am Flughafen abholte, übersah ich ihn zunächst. Er trug zwar auf seinem grossen Kopf einen auffälligen Panama-Hut, doch darunter bewegte sich ein kurzbeiniges Figürchen, das den anderen heraustretenden Passagieren kaum zur Schulter reichte. Er machte ausholende Schritte, was bei seinen Proportionen etwas lächerlich wirkte. Ich hielt nach jemand anderem Ausschau, wurde aber von ihm angesprochen. Nun gut. 
Es war Steven aus den Philippinen. Ich hatte zuvor des öfteren mit ihm korrespondiert. Jetzt war er da, und ich würde ihm die Schweiz zeigen und insbesondere den Schnee. Bei der Vorstellung, dass ich Grossgewachsener die nächsten paar Wochen mit einem untersetzten Exoten verbringen würde, jagte mir einen kleinen Schauder ein. Würde ich mich auf der Strasse wegen unserer offensichtlichen Unterschiedlichkeit schämen?
Doch das Thema verflüchtigte sich, nachdem wir die ersten paar Nächte miteinander verbracht hatten. Es war schlicht grossartig mit ihm. Im Bett begegneten wir uns auf Augenhöhe und kommunizierten körperlich auf eine Weise, die ich in meinem angegrauten Alter kaum mehr für möglich hielt. Bei Steven erlebte ich mich abenteuerlustig, experimentierfreudig, scharf und um Jahrzehnte jünger. Dafür war ich ihm dankbar. Meine beruflichen Schwierigkeiten schrumpften plötzlich auf normale Dimensionen zusammen und fanden nächtens einen erholsamen Ausgleich, auch weil die üblichen Albträume ausblieben. Ich war emotional zu beschäftigt. Der Haken bestand nur darin, dass wir uns ausserhalb des Bettes nicht sehr viel zu sagen wussten. Er hatte zwar ein Ökonomiestudium absolviert und konnte, sprach man ihn darauf an, auch einiges über seine heimatliche Kultur berichten. Doch es stellte sich bald heraus, dass er sich ausschliesslich für Styling und Make-ups interessierte, was ich mit seiner eigenen, unreinen Haut, die ihn bestimmt störte, in Verbindung brachte. 
Auch gab er für Kleider und Kosmetik-Wässerchen in einer Weise Geld aus, bei der mir Angst und Bange wurde. Er behauptete zwar, aus vermögendem Hause zu stammen und seine Mutter beauftragt zu haben, sein Auto in Manila, einen Mazda 626, dem Meistbietenden zu verkaufen, um so seinen Europa-Aufenthalt zu bestreiten. Doch irgendwie wollte es ihm nicht gelingen, daraus das nötige Geld zu schlagen. Allmählich gelangte ich sogar zur Überzeugung, dass die Geschichte mit diesem Auto gar nicht stimmte, und dass er, bewusst oder unbewusst, damit rechnete, dass der Sugardaddy Nikolaus für all seine Kosten aufkommen würde, auch wenn anderes abgemacht war.
So wunderbar wir es des morgens, des abends, an Wochenenden auch tagsüber am Fenster mit Aussicht auf die Nachbarschaft, auf dem Balkon unter dem klaren Sternenhimmel, im Badezimmer bei laufender Dusche, oder auch ganz konventionell im Bett, uns gegenseitig filmend, miteinander trieben, wir konnten nicht in Abrede stellen, dass für ein weiteres Zusammenbleiben die Basis wohl zu schmal war. So kam nach lustvollen Wochen und Monaten der Tag, an welchem er auf mein Drängen hin beschloss, wegzuziehen. Glücklicherweise fand er Unterschlupf bei einem neuen Gastgeber, den er während unserer gemeinsamen Zeit übers Internet kennengelernt hatte. Dieser war Porträtfotograf, was sich gut zu Stevens Interesse, eine Karriere als Make-up-Designer zu machen, fügte. 
WIr verabschiedeten uns und liessen dabei die gebotene Vernunft walten, auch wenn sie so gar nicht meinen Gefühlen entsprach. Er liess mich mit kaum stillbaren Begierden zurück. Während der nächsten Monaten wälzte ich mich mutterseelenallein im Bett und wünschte mir sehnsüchtig wenigstens ein Zipfelchen unserer lustvollen Aktivitäten zurück. Mich trieb die Frage um, woran sich mein unbändiges Verlangen nach ihm denn nährte, und womit ich es hätte unter Kontrolle bringen können. Ich kam zum Schluss, meine Begeisterung für unseren intimen Zeitvertreib fusse auf meinem mangelndem Selbstwertgefühl, das er, sozusagen therapeutisch, wegzuficken wusste. Wenn man einmal die 50 überschritten hat und sich seines zerfallenden Körpers bewusst wird, wenn man merkt, dass die mangelnde Attraktivität weder mit Fitnesstraining, mit Schlankhungern noch mit Waldspaziergängen aufpimpbar ist, so ist man wohl besonders empfänglich für jemanden, der einem zu verstehen gibt, man sei mehr als ok mit dem Rest, der einem geblieben ist. Er hatte Lust auf mich. Das machte mich geil. 
Später im Jahr, an einer Party bei Freunden, lernte ich Kunstmaler R. kennen, der mich zunächst nicht verorten konnte. Plötzlich fragte er mich aber, ob denn in meinem Wohnzimmer eine Vitrine stünde, worin ich einen goldenen Sparschäler aufbewahre? - Seine Frage verblüffte mich. Woher kann R. sowas wissen, kannte ich ihn doch zuvor gar nicht und hatte ihn dementsprechend auch nie bei mir zu Gast. Die weitere Unterhaltung aber ergab, dass er einmal von Steven zu mir nach Hause eingeladen wurde, als ich mich gerade auf einer Geschäftsreise befand. Dort liess ihn Steven all die schönen Dinge zuteil werden, die ich selber bis zu dessen Abschied mit ihm geniessen durfte. 
Diese Informationen waren für mich insofern wertvoll und heilsam, als sie meine Sehnsucht nach Stephen augenblicklich dämpften. Plötzlich war dieses Gefühl der Exklusivität weg. Seine Zuneigung zu mir hatte wohl doch weniger mit mir zu tun als mit seinem grossen Talent, anderen dieses Gefühl zu vermitteln, nach welchem ich mich doch so sehnte... 
Von nun an liessen mich Gedanken an Steven in Ruhe. Zwar erinnerte ich mich gerne an ihn zurück, doch ohne den quälenden Zusatz des Wiederholenwollens. So vergingen die Jahre, und allmählich verschwand Steven gänzlich aus meinem Bewusstsein, unter anderem auch deshalb, weil ich mich mit neuen Menschen anfreundete und auch eine Partnerschaft einging, die noch heute anhält. 
Doch die Geschichte ist hier noch nicht ganz zuende. Kürzlich trug mir ein Freund den Link einer Pornoseite im Internet zu mit dem Hinweis, ein Blick darauf dürfte mich interessieren. Und ich sah dort, wie Steven sich mit den unterschiedlichsten Männern amüsierte. Alles ohne Kondome natürlich. Und während er sich kreuz und quer vögeln liess, stiess er Lustschreie aus. Er verlangte fürs Anschauen des ganzen Streifens Geld. Ich jedoch begnügte mich mit dem kostenfreien Trailer, was für die Kenntnisnahme absolut genügte. Ich entdeckte aber, dass in einem versteckten Teil des Netzes Dutzende seiner Filmchen auf bezahlende Zuschauer warteten, und ich dachte, aha, das sei jetzt der fragliche Mazda, auf dessen Erlös ich damals vergebens gewartet hatte. 

©Nikolaus Wyss

   

Montag, 27. August 2018

Winkelwiese 6

Winkelwiese 6, hinter der Hecke die zu unserer Wohnung gehörenden Fenster
Die Winkelwiese hinter dem Kunsthaus, am Rande der Zürcher Altstadt, war der Traum meiner Mutter. Sie lebte anfangs der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts mit ihrem Söhnchen unweit davon entfernt in einer engen Wohnung an der Kirchgasse 33, zu welcher sie auf knarrenden Holztreppen mit dem Kind auf dem Arm vier Stockwerke emporsteigen musste. Auch wenn dort am Hauseingang eine Tafel verkündet, dass in diesem Haus von 1861 bis 1875 der Staatsschreiber und Dichter Gottfried Keller gearbeitet und gewohnt habe, und auch wenn eine weitere Tafel Auskunft gibt, dass dieses Steinhaus aus dem 13. Jahrhundert im Besitze der Familie Manesse gewesen sei, vermochte der Wohnort meine Mutter nicht zu überzeugen. Sie war der Meinung, dass eine grosszügigere, grossbürgerlichere Umgebung, wie die Winkelwiese sie darstellt, sich positiv auf die gesunde Entwicklung ihres Sohnes auswirken würde. Als dann 1952 eine Wohnung im besagten Winkel der Stadt ausgeschrieben wurde, meldete sie sich und bekam sie, zu ihrem eigenen Erstaunen, zugeschlagen. Darauf bezogen wir im Erdgeschoss der Winkelwiese 6 zwei Zimmer mit Bad und Küche in einer auf fünf Zimmer ausgelegten Wohnung. Ich war damals drei und kann mich an den Umzug nicht erinnern. Ich erinnere mich bloss, dass wir, wie andernorts schon erwähnt, die Toilette mit Fräulein Coppex teilten. Sie lebte auf demselben Stockwerk, aber auf der Sonnenseite des Hauses, in zwei weiteren Zimmern derselben Wohnung. Die Türen zwischen den beiden Parteien waren zugenagelt und nur übers gemeinsam benützte WC miteinander verbunden. Die Räume unserer Nachbarin waren vom Garten her erschlossen. Sie verfügten nur über ein Lavabo, das Bad lag auf unserer Seite. 
Mit Mlle. Coppex
Mlle. Blanche Coppex, so war der Briefkasten angeschrieben, kam ursprünglich aus dem Welschland, sprach aber neben ihrer Muttersprache auch Thurgauer-Dialekt mit hellem "a". Sie arbeitete als Sekretärin bei der Elektrowatt und war die Vorzimmerdame unseres Hausbesitzers, Maurice Villars. Als Starkstrom-Elektroingenieur baute dieser Staudämme in Frankreich und Italien. Nach seiner Pensionierung richtete er sich im fünften Zimmer des Erdgeschosses sein Büro ein, wo er Frl. Coppex anstehende Arbeiten erledigen und in den besagten zwei anderen Räume wohnen liess. Auch Villars Büro erreichte man über den Garteneingang. 
Wenn es nicht gerade Katzen hagelte oder schneite, hielt sich Herr Villars vorzugsweise im Garten auf, stutzte Bäume, jätete Unkraut und pflegte die Rosenbeete. Er hatte um seinen Spitzbauch herum eine grüne Schürze gebunden. Eine Baskenmütze schützte seinen Kahlkopf vor der Sonne
M. Villars beim Gärtnern im unteren Teil der Winkelwiese 6. Die Häuser im Hintergrund bilden den rückwärtigen Teil der Trittligasse.
Er wirkte streng, wenn er strammen Schrittes den Gartenweg hinunterging, in angemessenem Abstand gefolgt von seiner Haushälterin Herta aus Österreich. Ich nannte sie Servus: den Servus. Villars Frau Silvia, die sich gerne den Tee im Gartenhaus unten servieren liess, hatte italienisches Blut. Sie brachte eine uneheliche Tochter mit in die Ehe. Sie beliess diese aber in Florenz, wo sie aufwuchs und sich zur Lehrerin ausbilden liess. In den Sommerferien, wenn es in Florenz zu heiss war, besuchte sie jeweils mit ihrer Tochter Monica an der Winkelwiese Nona und Nono. Monica war übrigens das erste Mädchen in meinem Leben, in das ich mich so richtig verknallt hatte.
Mit Monica Toselli auf dem Zürichsee
Frau Villars brachte aber auch diese stattliche Liegenschaft an der Winkelwiese, deren Garten bis an die Waldmannstrasse hinunter reichte, mit in den Hausstand. Sie gebar Herrn Villars eine Tochter, deren Name mir entfallen ist, und zwei Söhne, einer davon hiess Leo, genannt "Leuli". Auch dieser wurde Elektroingenieur, allerdings, im Gegensatz zum Vater, nur für Schwachstrom.
Silvia & Maurice Villars vor dem Gartenhaus im unteren Teil der Winkelwiese 6 
Frau Villars kam an der Tramhaltestelle Hirschengraben bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Da war ich vielleicht sechs. Anlässlich dieses traurigen Ereignisses lernte ich, wie Kondolieren geht.
Meine Mutter hatte etwas Angst vor Monsieur Villars. Dabei verband doch die beiden der gemeinsame Herkunftsort Leubringen, oder Évilars, wie die Welschen sagen, oberhalb der Stadt Biel. Doch es gab da eine unangenehme, wenn auch unausgesprochene Verbindung zwischen den beiden, die nach Ansicht meiner Mutter das Mietverhältnis durchaus hätte gefährden können. Die Tochter von Silvia und Maurice Villars heiratete nämlich einen Löw aus Oberaach, Amriswil, der zur Familie der gleichnamigen Schuhfabrik gehörte. Und Löws waren zu jener Zeit in Thurgaus grösstem Steuerbetrugsskandal des 20. Jahrhunderts verwickelt, während der Onkel meiner Mutter, Ernst Wyss, genau zu diesem Zeitpunkt Direktor der Eidgenössischen Steuerverwaltung war und damit der personifizierte Widersacher Löws. Meine Mutter konnte bis ins hohe Alter hinein nicht verstehen, dass aus diesen Umständen für sie keine Nachteile erwachsen sind. Die Angst aber begleitete ihr ganzes Mieterdasein - über den Tod Villars hinaus, als die Erben die einzelnen Stockwerke im Eigentum veräusserten, mit Ausnahme des Hochparterres, wo wir wohnten. Meine Mutter hätte schliesslich nie das Geld gehabt, sich diese Wohung zu erstehen, die zwischenzeitlich auf drei Zimmer angewachsen war, weil Herr Villars im späten Spätherbst seines Lebens während Jahren obem im zweiten Stock sterbenskrank im Bett lag und seinen Büropflichten nicht mehr nachkommen konnte. Sein zur Sonnenseite ausgerichtetes Office wurde unserer Wohnung zugeschlagen. Jetzt hatte es auch Platz für ein Klavier.
Im ersten Stock, in der Beletage, residierten Herr und Frau Professor Paul Keller. Während ich Herrn Kellers Herkunft für normal und unauffällig hielt, fiel mir seine Frau auf, denn sie stammte aus dem Basler Daig. Vermutlich war sie eine Sarasin, eine Burckhardt, eine Staehelin oder eine Vischer, was weiss ich. Von ihr bleiben mir das schwungvoll gedrehte Chignon in Erinnerung, aber auch der in meinen Ohren gestelzt wirkende Dialekt und ihr vornehmes Gehabe, das von ihrer Umgebung zwingend einforderte, sie Frau Professor zu nennen. Ich glaube, sie war sich ihrer kantigen Wirkung bewusst und wollte zuweilen dagegensteuern, indem sie Bettlern und Hausierern Almosen verteilte (trotz des Schildes an der Türe, welches Betteln und Hausieren im Hause verbot), und indem sie meine Mutter, eine gefallene, berufstätige Frau mit einem unehelichen Sohn, auch mal zum Tee einlud. Sofern präsent, blieb dabei ihr Gatte stumm. Er hatte weiss Gott Wichtigeres im Kopf, musste er sich doch als Präsident der Schweizerischen Nationalbank ums Wohlergehen unseres Frankens kümmern. 
Eines Abends wurde meine Mutter in den oberen Stock gebeten. Offenbar waren Gäste nicht erschienen, und Frau Professor wusste sich nicht anders zu helfen, als auf die Schnelle eine Mitesserin aus der Nachbarschaft zu organisieren, damit nicht allzu viele Speisen fortgeworfen werden mussten. Dieser Abend, so reime ich mir das heute zusammen, denn ich war ja nicht dabei, besiegelte wohl das weitere nachbarschaftliche Verhältnis zwischen oben und unten. Die aufgetischte Rösti soll nämlich angebrannt gewesen sein, berichtete Mutter später. Frau Professor Keller wusste das Missgeschick aber nicht anders zu kommentieren, als ihrer Erleichterung Ausdruck zu verleihen, dass Gott sei Dank wenigstens die eigentlichen Gäste, ein Direktionspräsident mit Gattin, nicht erschienen seien.  - Dies bekam meine Mutter in den falschen Hals. Für sie war klar, dass sich die Frau Professor für die ungeniessbare Rösti auch bei ihr hätte schämen und entschuldigen dürfen und nicht nur bei der ausgebliebenen, grosskotzenden Gesellschaft.
Ein Jahrzehnt später, als Kellers in eine Altersresidenz wechselten, zog, von Winterthur herkommend, Dr. Edwin Stopper mit seiner Mutter in die Beletage. Auch er war, wenn auch eine halbe Generation später, seines Zeichens Präsident der Schweizerischen Nationalbank. Monsieur Villars wusste wohlbestallte Mieter durchaus zu schätzen. Herr Stopper führte aber im Vergleich zu den Kellers ein sehr viel bescheideneres, katholisch-gottesfürchtiges Leben. Wenn er nicht gerade auf Reisen war für irgendwelche Konferenzen in Washington, New York oder London, ging er täglich zur Frühmesse. Seine Mutter Agnes umsorgte ihn, soweit es ihrer eigenen Betagtheit noch möglich war. Das Pfeifen ihres Hörgerätes kündigte jeweils ihr Kommen an. Sie hatte Mühe beim Treppensteigen. Ein kurzer Schwatz im Hausgang erlaubte ihr, etwas zu verschnaufen. So erfuhr ich unzählige Male, dass es bei ihnen zum zNacht wieder einmal Gschwellti, Käse und Salat gab. Zuweilen beklagte sie sich über ihren Sohn Edwin. Er komme abends immer so spät nach Hause, er arbeite eben zuviel.
Mit der Zeit wurden die stockwerkbezogenen Kohleheizungen im Keller durch eine zentrale Ölheizung ersetzt. Das kostete Herrn Jon seinen Teilzeitjob, weil er vordem im Winter jeweils frühmorgens einheizen kam, was in den Heizkörpern immer seltsame Schabgeräusche verursachte. Herr Jon, eigentlich Schuhmacher, dem wir zuweilen auch Schuhe, deren Sohlen abfielen, zur Reparatur gaben, befreite später noch einige Jahre lang den Vorplatz vom Laub, klagte aber ständig über Atembeschwerden. Dann blieb er plötzlich aus.
Heute ist an der Winkelwiese 6 eine Tafel folgenden Inhalts angebracht: «In diesem Haus wohnte und wirkte die letzten 50 Jahre ihres Lebens Laure Wyss, 1913-2002, Schriftstellerin. - Geboren und aufgewachsen in Biel. Studium in Paris und Berlin. Verheiratet in Stockholm. Als Journalistin, Redaktorin, Fernsehschaffende, Buchautorin, Mutter und Freundin setzte sie sich immer couragiert für die Schwächeren ein und für die Verwirklichung von gleichen Rechten für Mann und Frau. - Ehrung durch die Gesellschaft zu Fraumünster Sechseläuten 2003.» 
Ich bin sicher, meine Mutter würde sich im Grab umdrehen, wüsste sie davon. Denn sie hielt nichts vom weibischen Nachmachen überkommener, bürgerlicher Männertraditionen. Gleichwohl. Ich liess die Frauen in ihren wehenden Gewändern im Stile früherer Fürstäbtissinnen gewähren, als sie in einer kleinen Zeremonie die Gedenktafel der Öffentlichkeit übergaben. Man kann nicht ungeschoren in einer noblen Umgebung wohnen. Und letztlich würde meine Mutter schmunzelnd feststellen dürfen, dass Erinnerungstafeln für die beiden Nationalbankspräsidenten, aber auch eine für den früheren Crossair- und Swissair-Chef Moritz Suter, der zusammen mit seiner Frau nach dem Ableben von Monsieur Villars in den 2. Stock einzog, fehlen...  

©Nikolaus Wyss