Montag, 4. März 2019

Stress Design (壓力設計)

Gastdozent Wyss mit einer gelehrigen Studentin, diese politisch unkorrekt umarmend
Kaum wurde im Laufe des Jahres 2009 meine Kündigung als Rektor der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern ruchbar, meldete sich aus Peking mein chinesischer Kollege und Freund Zhan Binghong, gratulierte mir zum Entscheid und schlug vor, an seiner Universität, dem Beijing Institute of Fashion Technology (BIFT), ein paar Kurse zu geben. Er fragte mich, welche Themen mir denn am Herzen lägen, und er schlug mir für den bevorstehenden Einsatz bereits Zeitfenster vor.
Hoch motiviert heckte ich vier Vorschläge aus, von denen ich annahm, sie bei genügender Vorbereitung zu meistern:

1. Interculturality and design (跨文化和設計)
2. Design as factor of added value (設計作為附加值的因素)
3. Branding and Specific Local Needs (品牌和特定的本地需求)
und
4. Diversity Design (多樣性設計)

Auch wenn ich bis heute nicht weiss, ob die Übersetzungen ins Mandarin annähernd das widerspiegelten, was ich sagen wollte, antwortete Binghong schon am nächsten Tag und erklärte, die ersten drei Punkte seien bereits Thema an seiner Uni, doch Punkt vier würde ihn besonders interessieren, denn er habe davon noch nie etwas gehört.
Nun, mir ging es genauso. Ich interessierte mich zwar für den Faktor Diversität in arbeitsteiligen Produktionsprozessen, doch viel mehr als ein attraktiver, vielversprechender Titel war auch mir damals nicht geläufig. Überzeugt, diese Herausforderung aber bei genügenden Informationen zu meistern, liess ich zur Sicherheit noch unseren Forschungsbeauftragten zu mir aufs Rektorat kommen und bat ihn abzuklären, was denn in Wissenschaftskreisen unter Diversity Design schon alles publiziert worden sei. Ein paar Tage später meldete er sich mit einer Ausbeute, die mich mehr als nur ratlos machte. Ausser für einen Tatoo-Schuppen im US-Staate New York war damals seinen Recherchen nach dieser Begriff nirgends gebräuchlich. 
Da begann ich zwischen der Angst eines Hochstaplers, entdeckt zu werden, und der Unbekümmertheit eines Draufgängers, für den es immer eine Lösung gibt, hin und her zu schwanken. Diese Ambivalenz gegenüber diesem Nicht-Thema hielt auch noch an, als ich mich Monate später in Peking im Hotel Tibet einquartierte. War das Haus nicht eine wunderschöne Verkörperung des chinesischen Umgangs mit Diversität? Das Hotel hiess zwar grosszügig nach einer beachtlichen und gefürchteten Minderheit im Land, unterschied sich aber ausser in ein paar Fotos von Stupas und Berglandschaften des Himalaya im Flur in nichts von einem gewöhnlichen Hotel, wie es sie im chinesischen Reich zu Tausenden gibt. Das Zimmer war überheizt, gleichzeitig zog es durch die Fensterritzen. Der Smog verhinderte die Sicht vom 15. Stockwerk hinunter auf die Strasse, und für meine Stadtgänge kaufte ich mir in einer nahen Apotheke einen grünen Atemschutz, wie er in unseren Breitengraden nur bei medizinischem Personal üblich ist, dort aber jeder zweite Stadtgänger im öffentlichen Raum trägt.
Ich rang mich durch, den Workshop unter den halbwegs ehrlichen Titel Diversity Design - Wir untersuchen die Tauglichkeit eines vorerst noch unbekannten Begriffs zu stellen. Der Übersetzer, der mir zur Seite gestellt wurde, ein blitzgescheites Kerlchen, das vordem bei Microsoft Apps entwickelte, brauchte jeweils für die Mandarin-Version meiner englischsprachigen Ausführungen doppelt so lang. Oft fragte ich mich, was er sonst noch alles zu sagen hatte ausser dem, was er zu übersetzen verpflichtet gewesen wäre.  
Die Gruppe von etwa zwanzig Studierenden war hochmotiviert, aber auch so, wie ich Studierende von Luzern her kannte: sie waren jeder Reflexion und jedem theoretischen Gedanken abhold und zogen das Gestalten vor, noch bevor sie genau wussten, was es denn überhaupt zu gestalten gab. Ich hingegen legte mehr Wert aufs Ausdeutschen des Begriffs Diversität und bemühte mich, mit drastischen Bildern dessen Reichtum, gesellschaftlichen Mehrwert und Komplexität zu schildern. Wie nebenher strich ich die Notwendigkeit hervor, dass dies auch ein Thema für Designer sei. Ich sprach von geistig und körperlich Behinderten und von Rollstuhlfahrern, von Frauen und Männern, von Rechtlosen, Stadtstreichern, Wanderarbeitern, Senioren am Rollator, von Homosexuellen und braven Familien, um das Bild einer vielgestaltigen Gesellschaft zu skizzieren, wie es gerade China auszeichnet, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt. 
Eisiges Schweigen war die Antwort. Haben sie mich nicht verstanden? Oder hat das Kerlchen falsch übersetzt? Oder berührte ich Themen, die als absolutes Tabu galten, auch unter jungen Studierenden, welche ihre angebliche Unkonventionalität doch mit gefärbten Haaren und extravaganter Kleidung spazieren führten? Wobei: im Klassenzimmer war es so eisig kalt, dass alle über ihren Tatoos, ihren bunten Hemden und Tüchern als oberste Schicht noch dicke, einförmige Daunenjacken trugen oder graue, wollene Mäntel. Wenn wir uns unterhielten, so bildete sich jeweils vor unserem Mund nebliger Hauch. 
Gleichwohl. Ich selber schärfte mit jedem Tag den Begriff und kam schon bald zum Schluss, dass sich "Diversity Design" eher zur Beurteilung von Design eigne und weniger für eigene Entwürfe. Ich steuerte also während des Workshops auf einen Beurteilungskatalog hin, mit welchem man designte Gegenständen auf ihre Diversitätstauglichkeit hin hätte beurteilen können. Womit ich die gestaltungswilligen Jungen und Mädchen mächtig frustrierte, denn sie waren schon dabei, spezielle Handgriffe für die U-Bahn zu entwerfen und Schirme für Armlose. 
Ich musste ihnen sagen, dass es dafür schon genug andere Design-Begriffe gebe, und dass vielleicht solche Schirme Handycapierten zwar entgegenkommen mögen, aber für unsereins mit Armen nicht gerade praktisch seien und lächerlich aussehen. 
Die Teilnahme, einen Qualifikationsbegriff wie Diversity Design zu entwickeln, der vorhandenes Design in gut und weniger gut zu unterteilen vermag und Design, das sich besonders gut für unterschiedlichste Gebrauchsgruppen eigne, mit einem Qualitätslabel auszuzeichnen, stiess nur auf lauwarme Begeisterung. Während ich zunehmend zufrieden war, meinen Kopf aus der Schlinge gezogen zu haben, beobachtete ich eine untröstliche Ernüchterung, welcher ich nichts entgegenzustellen vermochte. Das tat mir ausgesprochen leid, und ich versuchte, am letzten Tag in der Feedback-Runde unseren Workshop selber als eine diverse Veranstaltung zu positionieren, in welcher jeder mit seinen je eigenen Erwartungen und Vorstellungen hineingegangen war, ohne genau zu wissen, was ihn erwartet, und wo jeder auf unsicherem Terrain seine eigenen Erfahrungen machen musste und durfte. Ich selber war eigentlich in jenem Moment überzeugt, einen wesentlichen Beitrag zu einer Begriffsbildung geleistet zu haben, musste aber einsehen, mich hier im winterlichen Peking im völlig falschen Film befunden zu haben. 
©Nikolaus Wyss

Mittwoch, 27. Februar 2019

Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 2)

In Fortsetzung der ersten Tagebuchauf-zeichnungen im Blog-Format folgt hier nun die zweite Ausgabe meiner kleinen Einträge. Diesmal ohne Fotos. 

6. Februar
Heute hat mich wieder meine Poesie-Muse Miguel Angel aufgesucht. Er sei am Schreiben seiner Familiengeschichte und schlüpfe dabei als Erzähler abwechselnd in die Person seines Onkels, seiner Mutter und seiner selbst. Ich konnte nicht umhin, ihm von meiner Lektüre des genialen Romans La Oculta zu berichten, den er zu meinem Erstaunen nicht gelesen hat. Der Autor Hector Abad entwickelt dieses grossartige kolumbianische Familienepos unter Verwendung dreier Erzählfiguren. Es sind die drei Geschwister, die in je unterschiedlicher Weise auf ihre eigene Geschichte, auf die Geschichte des Familiensitzes Oculta und die Geschichte Kolumbiens blicken. 
Als ob wir in einem Besserwisser-Modus befunden hätten, hielt Miguel Angel wenig später mit dem argentinischen Autor Mempo Giardinelli dagegen, dessen Buch Santo oficio de la memoria die Geschichte einer italienischen Auswandererfamilie nach Argentinien mittels Briefauszügen von dreissig Familienmitgliedern, zumeist Frauen, erzählt.
Daraufhin bestellten wir zum zMittag vom Italiener eine Pizza.

7. Februar
Abschiedsessen unseres mehrwöchigen Gastes K. Sie lud uns in ein besseres Restaurant unserer Wahl ein. Wir schlugen das Chato vor, wo ich zu meiner vollen Zufriedenheit vor einem Jahr meinen 69. Geburtstag gefeiert hatte. Diesmal aber war irgendwie der Wurm drin. Es fing damit an, dass jeder von uns unterschiedliche Menue-Karten ausgehändigt bekam. Später wussten die Kellner die einzelnen Gerichte mit ihren kunstvollen, rätselhaften Namen nicht richtig auszudeutschen. Eine gewisse Nervosität herrschte im Lokal, und eine der Vorspeisen war richtig versalzen. 
Meine Irritation korreliert in solchen Momenten jeweils mit den Ansprüchen, welche ein Restaurant sich selber vorgibt. Unperfekte Bedienung und Essen mit Verbesserungspotential stören mich weiter nicht, wenn Preis und Ausstattung im Rahmen dessen bleiben, den man erwarten darf. Staubig hingegen werde ich, wenn der Selbstanspruch nicht eingelöst werden kann. Als sich ein junger Mann als Socio des Restaurants zu erkennen gab, hielt ich mit Kritik nicht zurück. Darauf wurde die Nachspeise vom Hause spendiert, was ich wiederum sehr professionell fand.

8. Februar
Mein Hausgenosse Johan publizierte kürzlich seinen ersten Kurz-Rap, der in den sozialen Medien einigen Widerhall fand. Damit öffnet er für sich selber ein neues Betätigungsfeld und ich schöpfe für ihn Hoffnung auf eine erfolgreiche Nische. Bereits hat sich bei ihm Hugo, ein Musikerfreund aus Mexiko, gemeldet. Er würde mit ihm gerne einen Song produzieren. Seither lebt Johan in einem kreativen Flow.

Gestern beim Abendessen im Primitivo gab ich Johan zu möglichen Textideen meinen Senf dazu. Besonders tat es mir die folgende spontan entwickelte Geschichte an: Er, Johan, sei die Königin des Pazifik, schlug ich vor, Patin dreier Wale, die sich jeweils im Sommer in einer Bucht in der Nähe von Buenaventura einfinden würden. Als Bootsführerin würde sie mit Touristen aufs Meer hinausfahren und warten, bis sich die drei Gottenkinder namens Gorda, Marica und Mara einfinden und ihr aus Dankbarkeit mit viel Geschnaube und Flossenwackeln ein Tänzchen vollführen würden. Das gebe dann von berührten Touristen Extra-Trinkgeld. - Ich weiss nicht, ob Johan diese spinnerte Idee begeisterte, ich glaube, er rappt lieber von sexuellen Wirrköpfen und von der Diskriminierung von Schwarzen und Transsexuellen, die sich mit aufreizenden Songs an der Gesellschaft rächen. Mein Problem: ich verstehe schon rein akkustisch und wegen der Geschwindigkeit der Wortfolge Rapp-Lyrik kaum, weder auf Englisch noch auf Spanisch. Noch schlimmer: ich mag schon gar nicht hinhören, wenn Johan unter der Dusche oder wo auch immer sämtliche Texte von Nicki Minaj oder Travis Scott runterzuraspeln vermag. - Wobei: der folgende Song gefällt mir auch, und die durchaus anstössige, wenn auch total nachvollziehbare Lyrics verstehe sogar ich: Wake up von Travis Scott.

9. Februar
Beim Frühstückstee und beim Parfum bin ich heikel. Finde ich keinen Nachschub für meinen vietnamesischen Silver Sencha, so ist der Morgen schon ziemlich aus dem Lot. Und geht mein teures Chanel Bleu zur Neige, so fühle ich mich schon ziemlich nackt. 
Ich meinte schon, eine Zeit der Entblössung sei am Anbrechen, weil ich hier in Bogotá dieses Luxusprodukt einfach nicht finden konnte. Heute aber stiess ich im Shopping Center Unicentro per Zufall auf das begehrte Wässerchen. Erleichtert hielt ich es in den Händen und zückte schon die Kreditkarte, als die stark geschminkte Dame mit aufgeklebten Wimpern mir streng beschied, sie würden nur Bargeld annehmen. Was? In dieser vornehmen Umgebung? Wer führt schon 550.000 Pesos so einfach in seiner Tasche spazieren? An einem Bancomaten müsste man sogar ein zweites Mal nachfassen, weil bei den meisten Maschinen die höchste Bezugssumme bei 400.000 Pesos liegt. 
Ich hatte also die Wahl zwischen Stolz und Bargeldholen. Zu meinem eigenen Erstaunen obsiegte darauf das Nacktsein. Erhobenen Hauptes verliess ich den Laden und kehrte nicht mehr zurück.

10. Februar
Die obige Geschichte ist noch nicht zuende. Heute stiess ich abermals auf Chanel Bleu. In einer anderen Filiale. Auch hier: Bezahlen nur mit Bargeld möglich. Schon wollte ich ein weiteres Mal erhobenen Hauptes das so vornehme Geschäft wieder verlassen, als sich Nubia, die Geschäftsleiterin, vordrängte und mich fragte, ob ich denn nicht schon bald Geburtstag hätte. Ich bejahte, worauf sie mir sofort 10 Prozent Preisnachlass in Aussicht stellte. Der Bancomat stünde grad um die Ecke. Da wurde ich schwach, holte Geld und laufe seitdem wieder unentblösst durch die Gegend.

14. Februar
Schlaflosigkeit ist für mich eigentlich kein Problem. Ich höre mir dann den Podcast der Sendung Diskothek im Zwei an. Sie ist das ultimative Training im Ohrenspitzen. Da diskutieren zwei ExpertInnen und vergleichen Aufnahmen desselben Musikstückes miteinander. Es ist wohl der beste, lehrreichste und spannendste Zeitvertrieb, den SRF auf Kanal 2 zu bieten hat. Je akribischer umso interessanter. Und es reut mich, wenn ich dann doch bei der Aufnahme zwei im dritten Durchgang wieder einschlafe. Wer hat jetzt das Rennen gemacht? - Merkwürdig nur, dass ich am nächsten Tag nicht mehr danach frage und mich viel lieber schon auf die nächste Sendung freue.

21. Februar
Gestern haben wir also meinen runden Geburtstag gefeiert. Wir tanzten zu den Rhythmen einer siebenköpfigen Live-Salsaband die Beine aus dem Leib und verköstigten uns mit einer Hühnersuppe im Stil eines Sancocho. Mit meinen Schweizer Freunden, die den Geburtstag zum Anlass nahmen, nach Kolumbien zu reisen, assen wir zuvor zu Mittag in der Chicheria Demente und gingen anschliessend zur Plaza del mercado del 7 de agosto, um für die Suppe ein paar Gemüse einzukaufen. Die Suppenhühner hatte ich zwei Tage zuvor schon ausgekocht, damit das Fett erkalten und abgeschöpft werden konnte. 
Jetzt bin ich etwas erschöpft. Es ist aber eine zufriedene Müdigkeit.

23. Februar
Vorgestern strahlte das Schweizer Fernsehen eine Dokumentation zum 90. Geburtstag der allzu früh verstorbenen Heidi Abel aus. Ich sah mir auf dem Handy die Sendung in mehreren Etappen an.  
Durch die Fernsehtätigkeit meiner Mutter in den 60er Jahren, in deren Sendungen auch Heidi Abel ihre Auftritte hatte, kannte ich die Fernsehpionierin relativ gut. Heidi plante für den Sommer 1970 eine Auszeit bei einem Guru in Indien und fragte mich, ob ich während dieser Zeit ihr Häuschen in Lützelsee und ihre Katze hüten würde. Sie übergab mir für diese Zeit auch ihren Mini, worauf ich  in ihrem Häuschen einen romantischen Sommer mit dem Brasilianer Luiz Duarte verbrachte, der damals eigentlich der Geliebte eines Swissair-Flight Attentant hätte sein sollen, sich aber Gelegenheiten wie mich nicht entgehen lassen wollte...
Das wohl eindrücklichste Filmdokument zu Heidi Abel wurde leider in der TV-Dokumentation vom vergangenen Donnerstag nicht verwendet und stammt aus dem Dokumentarfilm von Tobias Wyss. Man sieht darin Heidi Abel am Telefon im Gespräch mit einer ihr unbekannten Zuschauerin. Der Anruf kam ungelegen und wäre eigentlich leicht zu beenden gewesen. Aber nein, obwohl Heidi immer wieder darauf aufmerksam machte, dass sie jetzt keine Zeit für ein Gespräch habe, war es gleichwohl sie, die das Gespräch weiterzog und weiterzog und bis zur Erschöpfung des Zuschauers weiterzog. Diese tragische Darstellung von Selbstzerrissenheit dieser schweizbekannten Person bleibt mir bis auf den heutigen Tag in unauslöschlicher Erinnerung.

Mittwoch, 6. Februar 2019

Las Flores oder: wenn ich sterbe

Ich habe mein Wohnquartier in der Stadt nicht mit Bedacht gewählt. Doch jetzt zeigen sich Vorteile der getroffenen Standortwahl. An der Ecke vorne zum Beispiel befindet sich Las Flores, ein verkehrsreicher Platz, wo an unzähligen Ständen kunstvoll gesteckte Blumengebinde für Hochzeiten und Trauerfeiern feilgeboten werden. Dort decke ich mich regelmässig mit Blumen ein, deren Namen mir zwar nichts sagen, die aber schön sind und lange frisch bleiben. So ein Gebinde wird dereinst wohl auch meinen Sarg schmücken, stelle ich mir vor. Für den Ausläufer ist es wenigstens nicht weit, diese Blumenorgie am richtigen Ort abzugeben. Geht man nämlich von meinem Haus aus ein paar Schritte in Richtung Norden, so befindet sich dort an der Cra. 13#69 eine der 27 Filialen des Bestattungsinstitutes Capillas de la fé, mit VIP-Service gegen Aufpreis. Dieses ISO-zertifizierte Institut bietet rund um die Uhr umfassende Begräbnis-Dienstleistungen an. Oft stehen Trauernde noch abends um halb elf und auch samstags und sonntags verlegen vor dem Haus, um sich von einem Verstorbenen zu verabschieden. 
Ich empfehle meinen Hinterbliebenen also, die Hilfeleistung dieses nahen Instituts in Anspruch zu nehmen, auch wenn ein solches Begräbnis nicht grad billig ist. Ich werde in einer Schatulle 3 Mio Pesos bereitlegen, das sollte für ein bescheidenes Ritual inkl. Sarg reichen. Die Einäscherung kostet dann noch zusätzlich.
Der Weg zum Einkaufen führt mich jeden Tag an diesem stets geschäftigen Trauerhaus vorbei. Was mich dabei immer wieder von Neuem fasziniert, ist das von dieser Institution gewählte Emblem. Wahrscheinlich soll es das flackernde ewige Licht darstellen, aber ich habe noch niemanden getroffen, der darin nicht eine bebende Vagina gesehen hätte. Auch das ist sinnfällig: von dort startet das Leben, das hiermit sein Ende findet.  

Montag, 4. Februar 2019

Stägeli uuf Stägeli ab juhee (Tagebuch 1)

An der Lagune von Guatavita, einem Heiligtum der Muiscas. Auf dem Grund des Sees soll der Legende nach noch viel Gold zu entdecken sein.
24. Januar 
Noch immer weiss ich nicht, wie lange hier oben auf 2600m über Meer ein weiches Ei gekocht werden muss. Gestern war es zu hart, heute floss es über den Becherrand. Meine Gäste zeigen sich wenigstens nachsichtig. Etwas verlegen verwies ich heute Morgen auf den Loriot-Sketch mit dem Viereinhalbminutenei. 

25. Januar
Diesmal legte ich die Eier ins kalte Wasser, erwärmte dieses bis zum Siedepunkt, schaute auf die Uhr und nahm den Topf nach knapp fünf Minuten vom Herd, um die Eier abzuschrecken. Das Resultat stellte meine Gäste endlich zufrieden: innen weich, am Rand etwas härter. Nicht allzu pfludrig. - So werde ich jetzt die Zubereitung der huevos blandos im geplanten Regelwerk festhalten, welches nicht nur zu befolgende Angaben über weiche Eier, sondern auch die Zusammensetzung und Menge des Früchtemüeslis, das Angebot und die Zubereitungsmethoden von Tee, Kaffee und heisser Schokolade, die Präsentation der Brotscheiben, die Standards in den Gästezimmern (alle mit Bettflaschen ausgestattet), die Art der Rechnungsstellung und die Willkommens- und Abschiedsrituale festhält. Alles auf Spanisch, damit der noch nicht gefundene, doch immerhin angedachte Hausmayor und Vanessa, unsere Putzkraft, es verstehen und auswendig lernen können. Besonders letztere braucht noch ein paar Leitlinien. Sie ist eine allzu kreative Person. Sie markiert ihr Wirken bislang mit dem Verstecken herumliegender Gegenstände und mit der ständigen Neuordnung in den Küchenschränken und auf den Büchergestellen. Letzhin entdeckte ich die Bücher in Orgelpfeifen-Anordnung. Immerhin riecht es aber aus allen Nasszellen sauber nach ätzendem Chlor. Die Trennung der Abfälle ist ihr jedoch noch fremd.
Soweit mein Vorhaben für dieses Jahr: die Emanzipation vom eigenen Haus. Dieses soll auch ohne mein Dazutun und ohne meine Präsenz brummen.
* * *
Der Mittwoch ist jeweils meiner poetischen Bildung gewidmet. Mein Fachmann in diesen Belangen ist der junge Cinéast, Poet und Schriftsteller Miguel-Angel Fajardo, der mir seinerzeit schon Raúl Gomez Jattín näher brachte. Er ist nach seinem Autausch-Semester auf Kuba wieder im Land. 
 Mein Poetik-Professor Miguel-Angel Fajardo beim Lesen der führenden kolumbianischen Literaturzeitschrift "El Malpensante"
In den vergangenen zwei Wochen lernte ich durch ihn die argentinische Dichterin Alejandra Pizarnik, den chilenischen Theaterkünstler und Schriftsteller Pedro Lemebel und die brasilianische Poetin Ana Cristina César kennen. Den dreien ist gemeinsam, dass sie es sich in ihren eigenen Leben nicht leicht gemacht haben. Letztere sprang in ihrem Elternhaus aus dem Fenster zu Tode, bei ersterer vermutet man als Todesursache die Einnahme allzu vieler Schlafmittel. Kettenraucher Lemebel wiederum, der mit seinem non-binären Geschlecht Leben und Werk in den Dienst der Vorurteilsbekämpfung stellte und sich darin heillos selber verstrickte, starb an Lungenkrebs. Bin jetzt daran, mich an ein paar wortreiche Gedichte dieser Persönlichkeiten heranzutasten. Am kommenden Mittwoch muss ich Miguel-Angel meine Bemühungen rapportieren. 

26. Januar
Gestern machte ich mich endgültig zum Sklaven der Katze. Ich erstand mir einen Kletterbaum und buckelte ihn mehr als einen Kilometer weit nach Hause.
100.000 Pesos auf der Schulter und die leise Hoffnung, die Katze hätte Freude an dieser Art von Gegenstand
Zu Hause angekommen, bestreute ich ihn mit Katzen-Marijuana, damit das stets wilder werdende Tier an diesem unmöglichen, hässlichen Möbelstück Gefallen finde und sich daran ermüde. 
Und jetzt soll dieser blöde Katzenturm doch ein unnützer Kauf gewesen sein? Bis anhin ignoriert Cual dieses Objekt und bevorzugt zum Wetzen ihrer Krallen nach wie vor Stühle, Teppiche und das Sofa.
Abends dann Sex Educations, eine Serie auf Netflix. Das Schönste daran war, dass wir zu viert auf dem Sofa sassen. Über unseren Beinen das schnurrende Kätzlein. Nach zwei Folgen allerdings ging ich ins Bett, die anderen machten noch drei Folgen weiter bis weit nach Mitternacht.

27. Januar
Mit unserem Gast K., der für 14 Tage die Sprachschule Nueva Lengua um die Ecke besucht und übers Wochenende ein Velo ausgeliehen bekam, Fahrt in den Simon Bolivar-Park, wo sich jeden Sonntag sattes Familienleben abspielt. Bootsfahrten, Federball, Kartenspiele im Gras,
Im Parque Simon Bolivar
Kinderbeschäftigungsprogramme, Schlangen vor den WCs, Aerobic-Angebote, Meditationsgruppen, Maiskolben-Essen - darüber startende Flugzeuge. Der Abschluss der Rundfahrt bildete ein spätes Mittagessen in einer unserer Lieblingsbeizen, der Chicheria Demente, wo diesmal "unser" Kellner mit blondem Haar servierte. Steht ihm allerdings nicht schlecht, stellten wir alle drei fest.
* * *
Dieser Tage ist wieder viel vom Konzentrationslager Auschwitz die Rede, und ich wäre der Letzte, der diesen schrecklichen Ort in Vergessenheit geraten lassen möchte. Gleichwohl überkommt mich bei solchen Gedenktagen manchmal das Gefühl der Scheinheiligkeit, denn es ist wesentlich einfacher, sich auf furchtbare Dinge in der Vergangenheit zu verständigen, als zur Kenntnis zu nehmen, dass auf dieser Welt unsere Gesellschaft halbwillentlich und sicher sehr wissentlich Tausende von Flüchtlingen versaufen lässt, dass gerade hier in Kolumbien jeden Tag Sozialarbeiter umgebracht werden, weil sie sich für die Verbesserung der Lebensumstände Rechtloser einsetzen, dass im Kongo Dschungelkrieg herrscht und im Jemen Wüstenkrieg mit Schweizer Waffen, und dass in Brasilien nicht nur neu der Amazonas zum Abholzen freigegeben wird, sondern auch Indigene und Schwule zum Abschuss. Und Venezuela versinkt im Chaos. Ich meine bloss, mit Auschwitz sollte immer auch etwas Aktuelles in die Gedenk-Pipeline gegeben werden, sonst kommen wir uns allzu wahnsinnig gut vor, weil es heute kein Auschwitz mehr gibt. In anderer Gestalt und unter anderen Umständen jedoch gibt es diese Art von Ermordungs-Stätten sehr wohl und immer noch, und sie machen keine Anstalten zu verschwinden.

28. Januar
Heute hat die Erde gebebt. Wie vorgestern schon. Hier im Andenstaat wird sorgfältig unterschieden zwischen temblores, Erdbewegungen also, die man zwar spürt, die einen aber nie veranlassen würden, das Haus fluchtartig zu verlassen, und in terremotos, wo es oft zu spät ist, das Haus überhaupt noch zu verlassen. Vor genau 20 Jahren wurde Armenia von einem grossen terremoto heimgesucht. Es verzeichnete 1700 Tote. Das Ereignis bleibt mir insofern im Gedächtnis haften, als es damals meinen Buchhhändlerfreund Carlos Winston aus der Libreria Buchholz zwang, seine Teilnahme an meinem 50. Geburtstag in Luzern abzusagen. Seine Familie, die von Armenia stammt, hatte Opfer zu beklagen, und er sah sich in diesem Moment verpflichtet, seinen Angehörigen beizustehen, wofür ich auch alles Verständnis hatte. Der Betrag des Flugtickets wurde ein Jahr später zurückerstattet.

29. Januar
«Liebe I.- Dies ist eine Spontan-Email. Eben habe ich vom Hinschied Irma Nosedas erfahren, die ich noch von unserem gemeinsamen Volkskunde-Studium bei Prof. Arnold Niederer her kenne. Ihr selbstironischer Umgang mit dem eigenen Schaffhauser Dialekt bleibt mir am prägendsten in Erinnerung. Später begegneten wir uns nur noch sehr sporadisch, an Vernissagen zum Beispiel und an ein paar Tagungen. Aber als ich ihren Namen etwas googelte, gelangte ich plötzlich zu einem deiner Links auf deiner eigenen Homepage. Habt ihr zusammengearbeitet? ... Und so grüssen einander noch Überlebende, im Wissen darum, dass es auch uns eines Tages treffen wird. 
Wie geht es dir? - Was machen Beruf, Gesundheit und Liebe? (…)
Ich lebe mein auch nicht mehr ganz neu aufgeschlagenes Kapitel hier in Bogotá, Kolumbien, und bin froh um diese Erfahrung, die mich nochmals in die lebendige, herausforderungsreiche Welt hinausgeschleudert hat. Es geht mir gut, ich bewerbe mich trotz fortgeschrittenen Alters jetzt noch um den Eintritt in eine hiesige Krankenkasse. Blutzucker gut. Leber gut. Prostata gut etc. Lediglich mit der linken Niere scheint etwas nicht ganz in Ordnung zu sein, soll mich aber laut Dr. Romero Romano (was für eine Namenskombination!) von einem Eintritt nicht abhalten. Der Vorteil dieser Krankenkasse, und dann verlasse ich das Thema, ist eben auch, dass gerade zwei unter demselben Dach Lebende davon profitieren können, in meinem Fall ist dies mein junger Wohnpartner Johan.
Ich grüsse und umarme dich, hoffe innig, dass es dir gut geht (...)
In Gedenken auch an Irma, herzliche Grüsse - Nikolaus» 

31. Januar
Da ich auf den Strassen Bogotás viele Leute freundlich grüsse, die mir entgegenlächeln, werde ich oft auch angesprochen, befragt und angehauen, und dabei ergibt sich eine ganze Kollektion von Anreden, die mir zugedacht sind. Amigo, hermano, señor, su merced, doctor, jefe, patrón, veci, caballero und director. In der Sammlung fehlen mir noch der profesor und der rector. Mal schauen, ob sich diese Anreden auch noch irgendwann einstellen. Hoffnungsvoll Anreden sammelnd: Don Nicolas (!)

4. Februar
Dieser Tage waren drei Freunde aus der Schweiz zu Besuch. Zuvor hatten sie ein Trekking auf den Nevado de Tolima unternommen. Sie erzählten von der abenteuerlichen Besteigung des Vulkans und von den eher primitiven Unterkünften auf dem Weg dorthin, und ich erinnerte mich dabei an meine eigene Besteigung des benachbarten Nevado de Ruiz, als wir vor 47 Jahren dort oben in Bergnot geraten sind. Und jetzt droht dieser Vulkan wieder auszubrechen, wie damals, als seine Lava das Firneis zum Schmelzen brachte. Das Gemisch aus Wasser, Schlamm und Geröll begrub am 13. November 1985 die kleine Stadt Armero und tötete rund 26.000 Einwohnerinnen und Bewohner.
* * *
Meine drei Schweizer Freunde schenkten mir zu meinem bevorstehenden Geburtstag einen Ausflug. Wir fuhren mit einem Mietauto zur Lagune von Guatavita und wurden vom erzählfreudigen 
Henrique fachkundig in die Kultur der Muiscas eingeführt, zu deren Nachkommen er sich selber zählt. Damit komplettiert sich anlässlich unseres Ausflugs mein Guatavita. Damals in den 70ern, als ich bei Buchholz arbeitete und sonntags jeweils an den Ausflügen der Familie teilnehmen durfte, führte uns der Weg immer nur zum Dorf Guatavita, einem architektonisch ansprechenden Retortenstädtchen, das 1967 anstelle des im Stausee Tominé gefluteten alten Guatavitas gebaut wurde. Dort spendierte Herr Buchholz jeweils ein reichhaltiges Mittagessen. Für den Dessert hingegen machten wir jeweils auf dem Rückweg Halt bei der Alpina in Sopó, wo es die unwiderstehlichen fresas con crema gab, Erdbeeren an Schlagrahm. - Damals war die kraterartige, geheimnisvolle Lagune von Guatavita, ein Heiligtum der Indigenen, die sich etwa 15km vom gleichnamigen Dorf entfernt befindet, für die Öffentlichkeit noch nicht zugänglich und ziemlich unbekannt. 
* * *
Das hintere Treppenhaus der Casa Wyss
Ich nenne mein hier angefangenes Tagebuch "Stägeli uuf, Stägeli ab juhee". Das ist der Titel eines der vielen erfolgreichen Kompositionen von Artur Beul. Mit schrecklichem Schweizerdeutsch übrigens: "... s'Läbe isch en Traum, doch d'Mänsche merket's kaum(!)". Abgesehen davon aber passt mir das Lied und dessen Philosophie, musikalisch humorvoll umgesetzt. 
Am Morgen rennt das Kätzchen die Treppen hoch, um mich vor der Türe abzupassen und mich mit Liebesbekundungen einzuschmusen, sobald ich die Gnade habe, mein Schlafzimmer zu verlassen. Dann steigen wir gemeinsam und schnurrend die Treppe hinunter, sie in freudiger Erwartung der in Aussicht gestellten Frühstücks-Leckerbissen, bis ich unten merke, dass ich oben die Schlüssel vergessen habe, um die Haustüre unten aufzusperren. Also wieder hoch in Gesellschaft einer immer ungeduldig werdenden Katze, deren Herzlichkeit jetzt eindeutig in fordernde Hungergier hinüberkippt.
Katzenfrühstück nach dreimal Treppen laufen
Nach dem Frühstück geht es erneut hinauf zum Duschen, dann wieder hinunter zur Gästebetreuung und der Zubereitung des Frühstück-Müeslis, und so weiter. Ich will die Treppenstory nicht stressen, sie hat gar keine Pointe, es geht nur darum zu betonen, dass ich gefühlte 150mal am Tag Stägeli uf und Stägeli ab gehe - was mir übrigens den Fitness-Club erspart. 
So das Leben mit seinen Gefühlen. Auf und ab. Geht es bei mir jetzt abwärts, weil ich aus immer dümmeren Gründen die Treppen hochsteigen muss? Oder geht es mir super, weil ich trotz Treppensteigen zufrieden und glücklich bin und feststellen darf, dass es um mich gar nicht so schlecht bestellt ist?
Eigentlich bevorzuge ich das Abwärtsgefühl, weil es die Überraschung des erfreulichen Gegenteils in sich birgt. Mir scheint es bitterer, erkennen zu müssen, dass es abwärts geht, obwohl man meint, sich auf dem aufsteigenden Ast zu befinden...
Wir bewegen uns alle auf diesem schmalen Grat des Auf und Abs. Nachdem ich vor vielleicht dreissig Jahren mit Tagebuchschreiben aufgehört habe, kehre ich jetzt zurück zu dieser Art von Beschäftigung, die ich früher rastlos und fast täglich betrieben habe. Lese ich heute meine Notizen von damals, so musste es mir die ganze Zeit sehr schlecht gegangen sein. Da reiht sich eine Klage an die andere. Perspektiven- und hoffnungslos. Nur Unglück schien mir zu widerfahren, dabei hielt ich lediglich mein Pech fest, während Erfolge und Erkenntnisse, die mich auf dem Stägeli hinauf- und vorwärts trieben, keine Erwähnung fanden. Ich lebte in Wirklichkeit doch ein Leben, das sich auch beim besten Willen nicht als ein unglückliches beschreiben lässt. Gerade hier in Kolumbien, wo man mit weitaus schwierigeren Lebenssituationen konfrontiert ist, als sie mir im Vergleich dazu selber je einmal widerfahren sind.
Deshalb sollen meine neuen Eintragungen eine andere Prägung bekommen als früher. Sie sollen viel stärker getrieben sein von der Dankbarkeit diesem Leben gegenüber, von der Achtsamkeit gegenüber Personen, die gerne Zeit mit mir verbringen, und vom Respekt gegenüber allen Menschen, ob sie Grosses geleistet haben in ihrem Leben oder Kleines.  

©Nikolaus Wyss

 

Mittwoch, 9. Januar 2019

Im Raumschiff unterwegs

Zu unserer Zeit machten wir es uns zur Aufgabe, das Sensationelle auf dieser Welt, die Schlagzeilen über Katastrophen, Mordfälle und umwälzende Erfindungen für das allerlangweiligste und immerwährende Grundgeräusch zu halten, während wir das Langweiligste und Alltäglichste, dem das Zeugs zum Aufmacher gänzlich fehlte, als das eigentlich Erwähnenswerte und Wichtige priesen. Unter diesen Prämissen gründeten wir 1978 die Zeitschrift Der Alltag - Sensationen des Gewöhnlichen, pflegten während Jahren diese Art von Wahrnehmung und statteten darüber regelmässig Bericht. Mit der Zeit aber schliffen sich unsere harten Vorgaben etwas ab, und das Glänzende und das in konventionellem Sinne Aussergewöhnliche gewann zu Ungunsten unserer ursprünglichen Kriterien immer öfter die Oberhand. Mich begann die Sache zu langweilen, und ich wandte mich in dem Masse anderen Dingen zu, wie mein Verhältnis zu meinem Mitherausgeber, Walter Keller, erodierte. Der Ruf jedoch, den Alltag thematisiert zu haben, verfolgte mich in meinem weiteren Leben wie ein wohlwollender Schatten. Manchmal meinte ich mich erklären zu müssen, wenn man mich zum Beispiel in einem feinen Restaurant antraf, oder wenn ich in der Oper gesichtet wurde. Alltag? - Als Erklärung legte ich mir zurecht, dass zum Alltag eben auch Abwechslung gehöre, ja, dass der Alltag erst vor dem Hintergrund von Abwechsung und Ausserordentlichem so richtig sichtbar würde. Eine weitere Erklärung mündete darin, dass dieses Restaurant, das ausserordentliche Gerichte zubereitete, für die Angestellten selber Alltag sei, und ebenso verhalte es sich mit der Oper...
Diese Anfänge des Alltag-Hypes treten mir jetzt wieder deutlicher ins Bewusstsein, seit ich hier in Bogotá im eigenen Haus wohne und für dessen Pflege und Aufrechterhaltung zuständig bin. Eine junge, wilde Katze, ein Findelkind aus Buenaventura, die ich psps rufe, gehört dazu. Sie verlangt Aufmerksamkeit rund um die Uhr und versucht, es sich auf meinen Füssen bequem zu machen, während ich am Schüttstein das Gemüse rüste. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert, für mich aber der Erwähnung wert. Es kommt kaum noch vor, dass ich das Haus verlasse. Alles wird ins Haus geliefert. Ich pflege also leidenschaftlich langweiligen, innerhäuslichen Alltag, und dies in einem Masse, wie ich es zuvor wohl noch nie getan habe. Freunde hier wissen schon, was ich zur Antwort gebe, wenn sie mich fragen, was ich so mache: mit der Katze spielen, kochen, den Hof wischen, die Pflanzen giessen, lesen, schreiben, mit der Katze spielen, kochen, lesen, den Hof wischen, schreiben, die Pflanzen giessen...
Abwechslung bringt ab und zu maestro Jaime, der immer mal wieder das Chrotten-Dach flicken kommt, weil das Leck immer noch nicht eindeutig eruiert worden ist; Vanessa schaut einmal pro Woche vorbei und sorgt insofern für Sauberkeit, als ich nach ihrem jeweiligen Wirken als obsessive Aufräumerin nichts mehr finde; Abwechslung bringen auch meine bed&breakfast-Gäste und Freunde meines Mitbewohners Johan. Doch selber bleibe ich zumeist zu Hause, öffne einzig ab und zu die Tür, wenn es läutet, und schaue, dass dabei unser unbändiges Kätzlein nicht auf die Strasse entwischt. So habe ich per Zufall entdeckt, dass Nachtbuben im Vorgarten einen Geraniumstock geklaut haben. Gehört das jetzt zur Kategorie des Erwähnenswerten oder zur Normalität des kolumbianischen Alltags? Ohne mich auf eine Antwort festzulegen, schliesse ich die Türe wieder und bestelle beim Gärtner einen Stock Ersatzgeranien.
Meine gegenwärtige Lebensweise hier in Kolumbien erfüllt meine periodischen Sehnsüchte nach klösterlichem Leben, welche ich bis anhin noch nie so richtig umzusetzen vermochte, weil bei mir früher oder später Verführungen und Neugier noch immer die Oberhand gewonnen haben. Ich glaube, da zeigen sich neuerdings eindeutige Zeichen des frommen Alterns. 
Meine jetzige Lebenssituation erinnert mich aber auch an meine Vorpupertät, als ich leidenschaftlich mit Klötzen ganze Städte baute und Schiffe, Flugzeuge, Häuser und Pläne von Inseln zeichnete, ohne je den kleinen Raum, wo mein Bett stand und die Billerbahn, zu verlassen. Damals fühlte ich mich in meiner kleinen Welt wunschlos glücklich und liess mich nicht gern stören durch die Ansprüche meiner Umwelt, wenn es zum Beispiel um die Einnahme des Abendbrots ging, oder wenn Freunde nach mir verlangten, mit ihnen draussen Federball zu spielen. Jedes Angebot an Abwechslung empfand ich als ärgerliche Störung.  
Wollte ich vor Jahren nicht einmal auf den Mars reisen als ultimatives Zeichen der Einkapselung, der Verabschiedung, der Vereinigung mit dem Kosmos? Wo bin ich denn da in Bogotá? Schon auf der Reise oder was?

Freitag, 21. Dezember 2018

Nach 48 Jahren ein Neuanstrich für den Lischetti-Würfel

Ein Kunstwerk fürs innere Auge beherrscht seit zwei Generationen sowohl das Weichbild Zürichs als auch das von Bern. Erstaunlich, dass der Würfel auf dem Sechseläutenplatz in Zürich die Bööggverbrennung nur unwesentlich behindert
Neben dem offiziellen Stadtplan, den sich jedermann am Kiosk oder beim Verkehrsverein erstehen oder online bei Google Maps herunterladen kann, existieren in den Köpfen der Nutzer einer Stadt noch Stadtpläne individueller Art, die oft in markanten Punkten von den offiziell ausgemessenen Ecken, Strassen und Plätze abweichen. Nicht, dass der Bärengraben plötzlich ins Länggassequartier versetzt, der Hirschengraben wiederum als Seitenarm der Langstrasse geführt würde, nein.
Doch die Stadtbenützer färben aufgrund persönlicher Erlebnisse und Neigungen ihre Stadt auf oft eigensinnige Art und Weise ein.
Als Beispiel ist mir ein irritierender Streit in Erinnerung, bei dem es um die Behauptung ging, dass sich in einem bestimmten Haus ein Brillengeschäft befinde. Wie sich bei meinem nächsten Gang durch diese Strasse herausstellte, gab es dort tatsächlich einen Optiker. Mir war dies aber als Nicht-Brillenträger all die Jahre entgangen, während der andere, ein passionierter Brillenträger, die Stadtlandschaft besonders stark auf Optikerläden hin ausleuchtete. 
Die Bedeutung der Strassenecke oder Hecke, an der der erste Kuss ausgetauscht wurde oder wo man etwas liegenliess oder wo, weit schlimmer, eine unangenehme Auseinandersetzung stattgefunden hat, ist nicht klein. Alle Erlebnisse tragen zu einem individuellen, emotionalen Stadtplan bei, der in seiner Konsequenz das Verhalten der Leute durchaus beeinflusst, indem gewisse Plätze besonders bevorzugt und andere besonders gemieden oder gar, wie beim Brillengeschäft, ganz aus dem Gedächtnis gestrichen werden.
Für eine Handvoll Leute stehen nun seit genau 48 Jahren auf der Grossen Schanze zu Bern und auf dem Zürcher Sechseläutenplatz beim Bellevue Würfel beachtlichen Ausmasses. Sie haben eine Kantenlänge von 25 Metern und wurden vom damals 23jährigen Berner Künstler Carlo Lischetti auf geheimnisvoll rituelle Art mit dem Phantasiestoff Teleplasma errichtet. In Zürich brauchte er dafür nicht einmal eine Baubewilligung, denn die Errichtung fand gleich nach dem Abzug des Circus Knie statt, und der Boden war noch ein Schlachtfeld aus Sägemehl und Pferdeäpfeln. Lischetti blies gedanklich ein kleines Modell (Massstab 1:100) auf. Damit er beim Vergrössern nicht ausser Atem kam, hatte er sein Modell fünfschichtig angelegt. Dies erlaubte ihm, «nach jeder Schicht einen Moment Ruhe und erneute Konzentration zu finden», wie der Künstler in einem für diese Aktion herausgebrachten Bauprospekt mitteilte.
Nach vollbrachter Tat wurden den Schaulustigen Crèmeschnitten in Kubenform und Bier aufgetischt. Lischetti: «Ich hätte natürlich gern das Fernsehen dabei gehabt, aber Werner Vetterli hat mir damals gesagt, man sehe ja sowieso nichts...»
Der Berner und der Zürcher Würfel, einem natürlichen und durch Umweltverschmutzung etwas beschleunigtem Zersetzungs- und Alterungsprozess ausgesetzt, sollen mit diesen Zeilen einen neuen, witterungsbeständigeren Anstrich erhalten und so mit frischem Glanz das Stadtbild prägen. Beide sind schliesslich witzige Denkmäler für eine Kunstrichtung, die ihre Skulpturen mehr in Gedanken haut als in Stein. Ihre Qualitäten überdauern, wann immer sich jemand daran erinnert, Jahrzehnte und sind weder von einem raffgierigen Museumsbetrieb noch vom schnellen Kunstmarkt vereinnehmbar.
Das einzige Problem besteht darin, dass auf solchen Gebilden zuweilen achtlos herumgetrampelt wird: Welcher zünftige Reiter auf der Sechseläutenplatz beispielsweise schert sich bei seinem Umritt um den Böögg schon darum? - Lischetti und seine Beobachter, die damals dem Aufbau beiwohnten, mögen diese Missachtung mit einem Lächeln wegstecken, einem Schmunzeln auch, denn wie anstrengend muss es doch für diese buntgeschmückten Akteure sein, sich durch diese Masse von Würfelmaterial zu zwängen und erst noch so locker auszusehen, als ob dort gar nichts zu durchdringen wäre!
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Dieser Text erschien das erste Mal in der Rubrik "Affiche" vom 25./26. Mai 1990 im Magazin des Tages-Anzeigers und wurde, was die Jahreszahlen und Goggle-Maps anbetrifft, auf die heutige Zeit angepasst. Lischetti übrigens starb 2005. Der Würfel aber überstand auch den Wandel der Sechseläutenwiese in den Sechseläutenplatz. Erstaunlich.

 ©Nikolaus Wyss

Dienstag, 11. Dezember 2018

Chais letzte Tage und sein Vermächtnis - Die Geschichte einer Sterbebegleitung




Mit Chai in guten Tagen
29. November 1997 Heute vor zwei Jahren organisierten wir für Chai ein kleines Abschiedsessen. Wir waren zu zwölft. R. brachte selbst zubereitete Sushi mit, F. kochte eine leichte Nudelsuppe, M. meinte mit in Sesam gewendeten und gebratenen Randen Freude zu bereiten, H.-M. stiftete den Wein und D. hatte eine Süssspeise vorbereitet. So sassen wir am Tisch, während Chai im angrenzenden Raum gegen seine Schmerzen ankämpfte. Meine Mutter sass bei ihm, hielt ihm die Hand und redete ihm gut zu, wie man einem verletzten Tier oder einem weinenden Kind gut zuredet. Ich ertrug es kaum. Später überliess sie M. den Platz am Bettrand. Diese steckte, wie abgemacht, dem Schwerkranken noch etwas Reisegeld zu und verabschiedete sich von ihm auf eine Weise, wie es unter Psychologen wohl üblich ist, wenn endgültige Abschiede anstehen. Das Lehrbüchlein scheint in einem solchen Falle zu empfehlen, mit dem Scheidenden zusammen gefasst der Endgültigkeit ins Auge zu blicken und die Unausweichlichkeit des letzten Males mit einer kräftigen Umarmung zu besiegeln.
Nach dieser Behandlung war dann F. an der Reihe und später R. Sie gingen nachdenklich hinein und kamen kurze Zeit später sichtlich erschüttert wieder heraus. Und plötzlich tauchte Chai unsicheren Schrittes unter dem Türrahmen auf und gesellte sich an unseren Tisch, doch nur kurz, denn von den Küchengerüchen wurde ihm übel und er liess sich wieder ins Bett bringen, den Kotzkübel neben sich.
Chais Zustand hatte uns allen auf den Magen geschlagen, und als sich die Freunde allmählich verabschiedeten, gab ich ihnen von den vielen übrig gebliebenen Speisen noch etwas mit auf den Weg. Wie sehr wünschte ich mir doch, er könnte sterben heute Nacht. Ich sagte es allen, die sich unter der Tür von mir mit einer Umarmung verabschiedeten. Die bevorstehende Reise machte mir Angst, doch sie entsprach seinem Wunsche. Er wollte unbedingt mit seinen Eltern und seinen Geschwistern noch die letzten Dinge besprechen, wollte sich für ein paar Wochen an einem Strand erholen und dann fürs Sterben wieder zu uns nach Europa kommen. Deshalb das Rückreise-Ticket. Er hielt von den dortigen Spitälern nicht viel, die hiesigen hingegen waren ihm von seinen zahlreichen Chemotherapien und Bestrahlungen her schon vertraut. Das war sein ganzer Plan. Er packte selber seinen Koffer, aber nur mit wenig, er sollte ja zurückkommen und dann froh sein um ein paar warme Sachen hier.
Zu den Reisevorbereitungen gehörte auch ein weiterer Spitalbesuch, wo er mit Blutkonserven, Medikamenten und Schmerzmitteln vollgepumpt wurde. Der Arzt schrieb zu Handen der Fluggesellschaft ein Attest, welches Chai für reisefähig erklärte. Das war kühn und ein Freundschaftsdienst, ging aber von der Erfahrung aus, dass todkranke Patienten es im allgemeinen noch bis nach Hause schaffen, auch wenn sie, wie Chai auch, bis auf die Knochen abgemagert waren. Seine Stimme versagte bereits. Was ihm blieb war ein Hauchen und Piepsen. Unter seiner Haut hatten sich schon überall Knoten und Beulen gebildet. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, und wenn er ging, nahm er sich einen Stock zu Hilfe. Wenn ich ihm aber den Stock reichte, beklagte er sich schon mal, ich würde ihn behandeln wie einen Schwerkranken. Anstelle von Tee trank er nur noch heisses Wasser, und Suppen waren das Einzige an Nahrung, die ihm verblieb. Er nahm sie schlückchenweise zu sich.
Ich erinnere mich noch, wie ich um diese Zeit herum mit Weinen aufhörte. Den ganzen Sommer über hatte ich geweint. Ich verzog mich jeweils unter die Dusche. Sie war Nährlösung für meine Tränen und gleichzeitig dämpfende Geräuschkulisse. Noch nie hatte ich so anhaltend geduscht wie in jenem Sommer. Es kam vor, dass ich nach dem Abtrocknen den Duschknopf nochmals andrehte, weil mich neue Weinkrämpfe überkamen. – Hatte Chai damals meinen Schmerz mitbekommen? Es war in jenen Tagen unheimlich still in unserem kleinen, engen Haus. Chai wollte keine Musik mehr hören, sein körperlicher Aufruhr liessen ihn die Harmonien als verlogen empfinden. Einzig das tiefe Röhren des tibetischen Mönchgesangs dröhnte manchmal aus den Lautsprecherboxen durch die Räume, doch auch das nur für kurze Zeit. Ja, er musste mich weinen gehört haben. Eigentlich machte ich gar keinen Hehl aus meinen Gefühlen. Wie oft war es vorgekommen, dass es mir auch in seiner Gegenwart die Stimme verschlug. Mit zugeschnürter Kehle und wässrigen Augen sass ich dann da und liess mich von seiner überlegenen Art trösten. Er hätte keine Angst vor dem Tod, behauptete er immer wieder, aber ein bisschen leben würde er schon noch gerne wollen. Chai fühlte sich mir gegenüber überlegen und genoss es, wie der verzweifelte Freund immer wieder einmal die Fassung verlor. Er hielt mich in jenen Tagen für einen armseligen Tropf, der für eine ordentliche Krankenpflege und eine richtige Freundschaft nicht eben viel taugte. In meinem Zustand entging mir der leicht verächtliche Unterton, der in seinen Äusserungen mitschwang. Erst viel später nach Chais Tod trugen mir Freunde in einer Art von Bewunderung zu, wie viel ich doch an abfälligen Bemerkungen aus dem Krankenlager hätte ertragen müssen. Ich aber war mit meinen Sorgen viel zu beschäftigt, als dass ich wahrgenommen hätte, wie Chai mich mehr als einmal zum Gespött aller hatte machen wollen.
Kurz vor der Abreise also hörte ich mit Weinen auf. Ich geriet in den Zustand eines professionellen Pflegers, der für alles umsichtig aufzukommen hatte. Da war kein Platz mehr für Sentiment. Mein Mitgefühl zeigte sich jetzt ausschliesslich in den notwendigen und von Pflicht und Verantwortung getragenen Verrichtungen. Je schwerwiegender der Verlauf seiner Krankheit, umso mehr rückten meine Gefühle als naher Freund, mit dem ich meine Hochs und Tiefs hätte teilen können, in den Hintergrund. Er tat mir unsäglich Leid, doch ich spürte deutlich, dass er sich bereits woanders befand, wo ich keinen Zutritt mehr hatte. Seinen Zustand in jenen Tagen beschrieb er mit dem Wort „numb“: duselig, erstarrt, gefühllos. Ich führte dies einerseits auf die Wirkung der starken Schmerzmittel zurück, andrerseits aber schien mir diese Situationsbeschreibung auch eine gute Methode, mich draussen zu halten, mich nicht mehr teilhaben zu lassen an seiner Reise, die ihn schon bald ins Jenseits führen würde. So prallten meine Worte „I love you“ an ihm ab und erstarrten in ähnlicher Formelhaftigkeit wie seine Mantras, die er mit der Mala-Kette in der Hand von morgens bis abends vor sich hinmurmelte und darob regelmässig einschlief. Und gleichwohl sagte ich weiterhin und bei jeder Gelegenheit „I love you“, obwohl mir klar war, dass ich es nur noch zu mir selber sagte.

30. November 1997
Heute vor zwei Jahren fuhren wir zum Flughafen. Chai thronte vorne neben dem Taxichauffeur, eingepackt in Wintermantel und Hut, beide Hände auf seinen Stock gestützt. Im Fond eingezwängt sassen H.-M. und ich. Wir schwiegen während der Fahrt. Die Strassen waren von den Niederschlägen der vergangenen Nacht noch feucht, die Wolken am Horizont drohten mit Schneefall. Der Wind blies und wirbelte die letzten Blätter durch die Luft. An der Haltestelle Friedrichstrasse warteten die Leute auf den Bus, dann fuhren wir am Haus von Maler Schweizer vorbei. Wir sahen dort drüben Frau Baumann die Strasse überqueren, und wir beobachteten die Kinder von Barbara. Sie hatten leuchtend rote Täschchen umgehängt und waren wohl auf dem Weg zum Kindergarten. Der Rauch der Kehrichtverbrennungsanlage zeichnete eine bizarre Linie. Das Warten vor dem Rotlicht erlaubte uns einen Blick auf die Schlagzeile des Tages: „Traumpaar vor Scherbenhaufen: Lolita und Lothar Trennung!“
Alles betrachtete ich mit dem Gefühl des letzten Males. H.-M. und ich sahen einander an, während Chai auf der ganzen Fahrt regungslos auf die Strasse starrte. Die Stimmung war bedrückt und gerade deshalb so wahrhaftig. Wir liessen irgendwelche Floskeln, die der Fahrt vielleicht etwas von ihrer Schwere genommen hätten, bleiben. Wir begleiteten Chai auf seiner letzten Reise. Im Gegensatz zum Vorabend war ich aber überzeugt, dass wir die Reise schaffen würden. Ich war gerüstet. In meinem Handgepäck befanden sich neben einem Thermoskrug mit heissem Wasser zehn Morphium-Ampullen, deren Injektion ich mir vom Hausarzt noch hatte erklären lassen. Ich führte eine Menge von Zäpfchen und teuren Tabletten mit mir. Meine grösste Sorge waren die Sitzplätze im Flugzeug. Bereits beim Kauf der Flugscheine wies ich auf den speziellen Zustand meiner Begleitung hin in der Hoffnung, Chai in seiner ganzen Hinfälligkeit erhielte beim Einchecken eine Vorzugsbehandlung. Doch auf dem Flughafen liess sich das Fräulein am Counter nicht erweichen. Auch der Rollstuhl, auf den wir den Patienten gesetzt hatten, förderte ihr Mitleid nicht, ebensowenig die Bestellung eines chinesischen Vegetarier-Menüs.
Das Flugzeug war in der Economy-Klasse proppevoll. Mir wurde übel. Ich musste an all die möglichen Zwischenfälle wie Zusammenbruch, Schmerzkrämpfe und Tod denken. Wahrscheinlich wäre mir zum damaligen Zeitpunkt ein Flugzeugabsturz lieber gewesen als diese Unannehmlichkeiten. Zur Stabilisierung seines Kopfes hatte ich Chai eine aufblasbare Halskrause umgelegt. Er sass stumm da und verlangte nur ab und zu nach einem Schluck heissen Wassers. So flogen wir über Frankfurt nach Asien, und es war das erste Mal, dass ich keinen Fensterplatz hatte und weder von den Wolken, den Steppen, den Flusslandschaften, dem Meer, dem Mondschein, noch von den funkelnden Lichtern der Städte im Tiefschlaf und den Sternen etwas mitbekam. Ich hatte nur Chai neben mir, den ich um alles in der Welt heimbringen musste nach Ipoh, Perak, Malaysia.

1. Dezember 1997
Heute vor zwei Jahren landeten wir in Kuala Lumpur. Zuvor gab es im Flugzeug Morgenturnen. Die ganze Kabine streckte nach Anweisung einer Gymnastiklehrerin, die über die Monitore des Flugzeugs flimmerte, Arme und Beine, drehte sich im engen Sitz auf die eine und auf die andere Seite, rollte mit den Augen, massierte die Schläfen und winkte mit den Zehen. Tatsächlich war ich nachher leidlich munter, während Chai regungslos und numb blieb, noch immer erschöpft von seinem nächtlichen Gang zur Toilette der Business Class, wo er gut und gerne zwanzig Minuten verweilte. Er spürte seit Wochen einen ständigen Drang, aber es war nicht nur seine Scheisse, die drückte und doch nicht kommen wollte, das Völlegefühl stammte vor allem vom metastasierenden Krebs. Doch diesmal verliess er nach Tagen das erste Mal wieder erleichtert das Klo und vermeldete seinen Erfolg. Ich war glücklich. Doch bald darauf setzte ein Schub schwerster Schmerzen ein, und er musste sich mit meiner Hilfe ein hochdosiertes Morphiumzäpfchen einführen lassen. Dies geschah auch noch in der Business Class. An einem leeren Fensterplatz griff er mit seinen ausgemergelten Armen in die Schlotterhose, und ein besorgter Flight Attendant fragte mich, an welcher Krankheit der Fluggast denn leide. Als ich ihm „Lung Cancer“ zur Antwort gab, sagte er „I am very sorry“ und bedeutete uns, die Business Class sofort zu verlassen.
Am Gate von Kuala Lumpur wartete dann eine Flugangestellte mit einem Rollstuhl auf uns. Wie würde Chais Familie auf seinen Anblick reagieren? Hatte der Patient sie auf seinen erbärmlichen Zustand überhaupt genügend vorbereitet? Ich hegte meine Zweifel, und tatsächlich: so problemlos angesichts seiner Hinfälligkeit die Pass-und Zollkontrollen verliefen, so schockierend gestaltete sich das darauf folgende Wiedersehen mit seiner Schwester L. und seinem Schwager O.: L. fing gleich an zu weinen und drückte verlegen an ihrem Bruder herum, während O. mich nach einer Pause des Erstarrens zur Seite nahm und wissen wollte, wie lange es denn Chai noch mache. Einen Tag? Eine Woche? – Was weiss ich…
Wir fuhren ins Haus von Verwandten in Kuala Lumpurs Agglomeration. Dort sollten wir erst einmal ausruhen, bevor wir die dreistündige Autofahrt nach Ipoh unter die Räder nehmen würden. Chai suchte abermals das Klo auf, verriegelte die Türe hinter sich und blieb darin mindestens eine Stunde hocken. Wir versammelten uns beunruhigt vor der Toilette, und alle sprachen aufmunternde Worte durch die verschlossene Tür: auf Chinesisch, auf Malaiisch, auf Englisch und auf Deutsch. Nichts regte sich dahinter. Jeder hegte für sich wohl bereits den Verdacht, Chai hätte in diesem WC das Zeitliche gesegnet. Dann aber, nach bangem Warten, öffnete sich die Türe einen Spalt breit und Chai verlangte nach einer Zigarette. Wir stoben sofort nach allen Richtungen auseinander und durchsuchten das ganze Haus nach einem Glimmstengel. Als wir zurückkamen, wankte er den Wänden entlang ins nächstgelegene Zimmer, wo er sich erschöpft zum Schlafen niederlegte. Hätten wir ihn von der Bettstatt nach einer mehrstündigen Verschnaufpause unter Aufwendung all unserer Kräfte nicht losgerissen und ins Auto verfrachtet, er würde wohl heute noch dort liegen, gemütlich eingerichtet mit ein paar Büchern, Television und einer Schar von Helfern um sich herum, die ihm ab und zu ein Süppchen oder heisses Wasser gereicht hätten. So aber zwangen wir ihn zu seiner letzten Fahrt nach Hause durch ein mit Gerüchen, Sonne und Monsun aufgeladenes Malaysien, vorbei an sattgrünem Urwald und an ausgewaschenen, rotgelb leuchtenden Zinnminen.
Trotz aufgedrehter Klimaanlage und Schatten kam Chai in diesem Auto arg ins Schwitzen, während sich meine Unterhaltung mit der Verwandtschaft ums Geld drehte: wer übernimmt welche Kosten? Wo soll Chai in Ipoh überhaupt einquartiert werden? Würde er eine Privatunterkunft ertragen, oder sollte er nicht lieber direkt ins Krankenhaus gebracht werden?
Bei unserer Ankunft in Ipoh war dann klar, dass wir in ein gutes Hotel gehen würden, so lange nicht medizinische Komplikationen einen Spitalaufenthalt erforderlich machten, und dass ich, beziehungsweise der Schweizer Freundeskreis von Chai, der sich unter dem Eindruck seiner schweren Krankheit im Sommer zuvor gebildet hatte und die medizinischen und pflegerischen Auslagen des Patienten mittrug, die Kosten des Hotels übernehmen würde. Diese Abmachung trug zur Entspannung der Lage bei.

2. Dezember 1997
Tags darauf setzte ein unablässiger Strom von Besuchern ein. Es reichte kaum, mir am Morgen die Unterhosen überzustreifen und die Zähne zu putzen. Schon am Abend zuvor, gleich nach unserer Ankunft, machten Chais Eltern und die weiteren Geschwister ihre Aufwartung und erschauerten beim Anblick des todgeweihten Stammhalters. Und nun, am nächsten Tag, waren also die nahen Verwandten und Freunde des Hauses dran. Sie gaben einander die Klinke des Hotelzimmers in die Hand. Das Telefon klingelte ununterbrochen, und allen musste die traurige Geschichte erzählt werden. Chais Mutter thronte dabei mit zunehmender Sicherheit auf meinem Bett und gab Audienzen. Doch als auch Chais Vater hereinschauen wollte, schickte sie ihn wieder hinaus. Da erinnerte ich mich, dass dieser als Nichtsnutz galt, der das ganze Geld beim Spielen verloren und so die ganze Familie in bittere Armut gestürzt hatte. Chai hatte oft von seinem speziellen Vater gesprochen, mit dem niemand weder etwas anzufangen wusste noch wollte. Jetzt erlebte ich hautnah, wie Mama das Szepter führte und Vater auf seinen Platz vor der Tür verwies. Widerspruchslos verliess er auf ihre Aufforderung hin wieder den Raum, während die Mutter ihrem vor sich hindämmernden Sohn vor den Augen der ganzen Verwandtschaft ein Süppchen aus Schwalbennestern einzuflössen versuchte, die sie in Thermoskrügen von Zuhause mitgebracht hatte. Dazu liefen im Fernsehen Soap Operas aus Hongkong.
Ich verliess das Hotelzimmer und begab mich erst einmal auf die Strasse, übermüdet von einer schlaflosen Nacht, die Chai einmal mehr zu einem guten Teil auf dem Klo zugebracht hatte. Er rauchte dabei Zigaretten, die ihm aber im Halbschlaf immer wieder aus den Händen fielen. Aus Angst, die Kippen würden ihm in einem unbedachten Moment Knie und Füsse versengen, versuchte ich mich auf dem Badewannenrand zu halten, immer in Gefahr, beim Einnicken nach hinten abzurutschen und mich am Hinterkopf zu verletzen. Auch Chai selber hätte vom Rand der Toilette fallen und sich an einer Kante aufschlagen können.
Am Morgen war ich gerädert. Kurz nach Ankunft des Familienpulks verliess ich also das Hotelzimmer und lungerte ziellos in Shopping Centers und Coffeeshops herum, wo überall und in jeder elektronischen und instrumentaler Version „Jingle Bells“ und „Oh du fröhliche…“ erklangen. Es war schliesslich Weihnachtszeit, und die Schaufensterauslagen und Ladeneingänge zeigten den bärtigen und rotberockten Santa Claus, der auf seinem Schlitten sitzend und von fliegenden Rentieren gezogen tausend glitzernde Geschenke auslieferte. Die Kulisse wurde ergänzt mit aus Kunststoff beschneiten Tannenbäumchen. Nur im Stadtpark war dem Weihnachtsrummel zu entkommen. Dort nahm ich auf einer schattigen Bank Platz und liess die Zeit verstreichen. Jetzt war ich selber numb, und gleichzeitig beschlich mich das schlechte Gewissen, nicht bei Chai zu sein. So kehrte ich schon bald wieder ins Hotel zurück, obwohl ich dort unter soviel chinesischer Verwandtschaft völlig überflüssig war. Erschöpft vom turbulenten Tag hauchte mir abends Chai zu: „You know I love my family but they don’t have any mercy.“

3. Dezember 1997
Heute vor zwei Jahren fand das von Chai seit langem gewünschte Familientreffen statt. Alle Geschwister mit ihren Familien, aber auch die nahen Tanten und Onkel, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen und natürlich Vater und Mutter sollten sich zusammenfinden, damit ihnen Chai erklären konnte, was mit ihm los sei. Ursprünglich hätte das Treffen mit einem Essen verbunden werden sollen, doch die separaten Räume aller Restaurants waren schon ausgebucht, und im offenen Speisesaal wäre das Hauchen Chais gegen das Geschirrgeklapper, den Küchenlärm und die üblicherweise ziemlich laute Konversation chinesischer Gäste nicht aufgekommen. Also hatte man sich auf eine Familienzusammenkunft nach dem Essen geeinigt. Sie fand im Wohnzimmer der Nachbarn statt. Dieses war gross genug, um alle Gäste aufzunehmen. Und die Kinder konnten so während der Ansprache draussen im Garten spielen.
Chai hatte sich für diesen Auftritt unter grösster Anstrengung noch einmal mit feingewobenen blauen Pluderhosen und einem rotgelb gemusterten indischem Seidenhemd schön angezogen und über seine dürren Finger ein paar Ringe gestreift, drei schmucke Kettchen um den Hals gelegt und auf sein kahles Haupt ein afrikanisches Käppi gesetzt. Zwei seiner Schwestern führten ihn in den Raum. Er nahm auf einem Sofa Platz und versank in den Kissen. Die Sippschaft versammelte sich im Kreis um ihn herum. Viele hockten auf dem Boden. Alle hatten der Sitte gemäss ihre Schuhe ausgezogen. Es war mucksmäuschenstill.
Dann begann Chai seine Worte in den Raum zu hauchen. Statt Chinesisch hätte er auch Spanisch, Kisuaheli oder Urdu sprechen können. Keiner verstand auch nur ein Wort. Er war ziemlich ausführlich und verlangte zwischendurch einen Schluck heissen Wassers. Bei diesen Pausen rückten die Verwandten noch näher an ihn heran. Doch auch so hingen sie ratlos an seinen Lippen. Einzig die Wichtigkeit der Zusammenkunft schien allen klar zu sein, und so zollten sie dem Vorgang als Ganzem ihren Respekt.
In einer weiteren Pause, in welcher Chai Tee gereicht wurde, richteten sich plötzlich alle Blicke auf mich. Was wollte er bloss sagen? – Da wechselte ich auf Chais Seite, legte meine Hand auf seine Knie und fing an, aus seinem Flüsterchinesisch ins Englische zu übersetzen, als ob ich verstanden hätte, was Chai eigentlich sagen wollte. Ich beschrieb den Krankheitsverlauf, schilderte die Wechselbäder von Hoffnungen und Enttäuschungen, betonte auch, dass es sich bei Chais Erkrankung nicht etwa um Aids handle, sondern um Lungenkrebs. Ich wusste, dass ihm diese Unterscheidung wichtig war, und er hatte sie mir seit der schlimmen Diagnose im vorangegangenen Sommer immer wieder eingebleut. Diese Differenzierung war eigentlich angesichts des nahen Todes absurd, hatte aber ihre Bedeutung wegen seiner von der Familie nie ganz verstandenen Homosexualität. So aber war er als ehrenwerter, anständiger Sohn zurückgekehrt, der einfach das Pech hatte, an Krebs zu erkranken – was schliesslich allen passieren kann.
Einmal in Fahrt, schilderte ich Chais Leben in gesunden Tagen, soweit es sich mir selber erschlossen hatte. Ich erzählte von seinen letzten vier Jahren bei mir in Zürich-Schwamendingen, wo er sein Geld mit Kochen und Kunst verdiente. Ich führte aus, dass er für verschiedene Festivitäten wie Geburtstage, Trauungen und Taufen Störkoch gewesen war und mit seinen scharfen Curry-Spezialitäten als charmanter und pikanter Botschafter seines Heimatlandes galt. Als Folge davon interessierten sich die Leute für seine Kochkunst und besuchen seine Kochkurse.
Er sei aber auch Künstler gewesen. Im letzten Jahr habe er in Hamburg und in Zürich drei Einzelausstellungen bestritten und zudem noch an einer Gruppenausstellung teilgenommen. Er habe viele Bilder verkauft. Aber der Lebensunterhalt in Europa sei eben auch teuer, und ich untermauerte meine Aussage durch die Preisangabe für eine mittlere Mahlzeit in einem Schweizer Restaurant. Das löste grosses Erstaunen und ungläubiges Kopfschütteln aus. Ich sprach ganz bewusst vom Geld, denn die Familie hatte von Chai immer Geld erwartet und konnte seinen Weggang nach Europa nur unter dem Vorzeichen, dafür Geld zugeschickt zu bekommen, akzeptieren. – Auch klar, dass Chai die Sache etwas anders sehen wollte. Sein Leben in Europa war nicht darauf ausgerichtet, seine Familie aus dem Elend zu ziehen. Er schickte zwar aus jeder Hauptstadt Postkarten nach Hause, die natürlich den Eindruck verstärkten, dass er im Geld schwamm. In Wahrheit aber lebte er als armer Teufel ohne Talent zur Geldvermehrung. Er war stets abhängig von Freunden und sparte sich seine Fahrkarten vom Munde ab oder liess sich einladen. Erst gegen Ende seines Lebens begann es ihn zu wurmen, sich so wenig um die Familienbedürfnisse gekümmert zu haben, und es kam ihm sehr zupass, vor seiner endgültigen Heimreise noch ein paar Bilder an Kunstsammler und Freunde verkauft zu haben, was ihm erlaubte, nicht ganz mit leeren Händen zurückzukehren.
Was ich in meiner „Übersetzung“ nicht sagte, was aber der Wahrheit wohl am nächsten kam, war, dass Europa für Chai Flucht vor der familiären Armut bedeutete. Er sah doch als Bub, dass seine Eltern es zu nichts gebracht hatten. Er half doch mit in dieser Reifenfabrik, wo seine Mutter arbeiten musste, weil der Vater das wenige Geld verspielt hatte. Chai war sich doch der Auswegslosigkeit, in der sie sich befanden, bewusst, und da kamen ihm seine Gefühle für reifere Männer gerade gelegen, um so ins Ausland zu gelangen. Ich denke, irgendwann in seiner Adoleszenz hatte er den Entschluss gefasst, jedem Ausländer, dem er auf der Strasse begegnete, schöne Augen zu machen. Nur weg von hier, nur weg von hier. In den Schulferien ging er in ein Feriendorf als Hilfskellner, um die Chancen eines erfolgreichen Kontakts mit einem wohlhabenden Europäer zu erhöhen, und er suchte, wie er mir selber einmal erzählte, mit Freunden immer wieder Clubs und internationale Hotels auf, wo Ausländer verkehrten. Nach einigen vergeblichen Versuchen und unerfreulichen Erfahrungen schien es dann zu klappen: zu fünft seien sie in einer Bar herumgelungert, als dieser vornehme Herr aufgetaucht sei, dem man den Spanier schon von weit her angesehen habe. Jeder der Buben drängte sich vor, um dessen Aufmerksamkeit zu wecken. Sie fragten ihn auch, wen er denn für den Attraktivsten von ihnen halten würde. Der Spanier soll darauf geantwortet haben, gewiss hätte jeder seinen Charme, aber eigentlich passe ihm diese Anbiederei nicht, er ziehe Diskretion und Distanz vor. Dies bezog Chai, der Schweigsamste und Schüchternste der Gruppe, durchaus auf sich, und es war irgendwann am nächsten Morgen, als er sich ein Herz fasste, den Spanier im Hotel anzurufen und diesen mit einem „Buenos dias señor“ zu überraschen. Damit schien er einen unauslöschlichen, einzigartigen Eindruck zu hinterlassen. Der spanische Schlagersänger Julio Iglesias musste damals in Malaysia der grosse Renner gewesen sein, und Chai konnte dessen Lieder allesamt auswendig. Der spanische Gast jedenfalls war gerührt und nahm den Jungen mit zu einem Ausflug an einen Strand von Penang. So begann für Chai Europa.
Mit J.-C. war er an einen äusserst kultivierten Katalanen aus Barcelona geraten, der ihn auf der Stelle nach Spanien einlud und ihn, kaum dort angekommen, in Modedesign und Malerei ausbilden liess. Chai erwies sich dabei als gelehriger Schüler und als äusserst talentiert, auch sprachlich: sein Spanisch war bald schon ohne Fehl und Tadel, was auch nötig war in jenen Kreisen, in denen er sich von nun an bewegen sollte. Er tauchte mit seinem väterlichen Freund in den besten Restaurants der Stadt und an den angesagtesten Vernissagen von renommierten Künstlern auf, wo auf feine Manieren trotz lässigem Gebahren einigen Wert gelegt wurde. Chai begriff schnell und behauptete sich gut als J.-C.s Augenstern und Juwel. Gleichzeitig musste er sich aber mit seinen 21 Jahren wie in einem Käfig vorgekommen sein, beschützt von einer argwöhnischen Gesellschaft, die seiner Neugier und unbekümmerten Frische Grenzen setzen wollte. Das störte ihn zunehmend in seinem Welteroberungsdrang. Das war nicht das Europa, das er sich vorstellte, und er begab sich unter nicht ganz geklärten Umständen und unter Hinterlassung seines ziemlich enttäuschten, ja gekränkten Förderers auf Wanderschaft, liess sich herumtreiben und stellte sich so sein Europa selber zusammen, bis er Jahre später eines Tages bei mir auftauchte und hier die letzten vier Jahre seines Lebens verbringen sollte.
Von Chais Lebensführung in Europa liess ich gegenüber der Verwandtschaft nichts verlauten, das gehörte nicht in diese Runde, ich erwähnte nur, wie wichtig ihm die Familie war und dass er mir oft von ihr erzählte. – Das war ein gutes Ende meiner Ausführungen, löste manche Tränen aus und konnte sauber zum Fototermin vor dem Haus hinüberführen. Chai sass als lebende Leiche inmitten einer saftigen Kinderschar. Flash. Mutter und Vater und Sohn, der aussah wie sein eigener Urgrossvater. Flash. Auch ich musste noch aufs Bild. Flash. Und jetzt die Geschwister mit Chai in der Mitte. Flash.
Dieser Vorgang des Ablichtens hatte für mich etwas Obszönes, und ich war froh, als Chai endlich den Wunsch äusserte, wieder ins Hotel zurück zu kehren. Noch heute schaue ich mir diese Fotos nur mit grossem Widerwillen an. Fortwerfen mag ich sie trotzdem nicht.

4. Dezember 1997
Jetzt hätte Chai eigentlich sterben können. Seine letzten Vorhaben waren vollbracht, sein innigster Wunsch erfüllt. Er war jetzt wieder zu Hause und er hatte seine Familie noch einmal gesehen. Er hatte sogar etwas Geld mitgebracht, mit dem die Eltern ein kleines Häuschen erstehen konnten. Seine Heimkehr war zwar traurig, sie war aber auch eine Attraktion. Wie er in diesem Hotelzimmer residierte, hatte Stil und machte Eindruck, und es zeigte sich, dass sich die Familie rasch an die neue Situation gewöhnt hatte. Die ledige Schwester L., die sich für Chais letzte Tage extra frei genommen hatte und von Singapur, wo sie als Goldschmiedin arbeitete, hergereist kam, organisierte mit ihren Schwestern den Pflegedienst. Denn ich verlangte, dass Chai keinen Augenblick mehr allein gelassen werde. Ich übernahm dabei die Nächte auf dem Badewannenrand, während die Geschwister und die Mutter die Tage bestreiten sollten. Sie kamen mit dem Essen für den Sterbenskranken, das sie dann wegen der Appetitlosigkeit des Kranken regelmässig selber verspeisten.
Doch Chai starb nicht, noch nicht, und wir alle mussten uns darauf einrichten, dass es so noch eine ganze Weile gehen könnte. Er wurde zwar plötzlich gelb, und sein ausgemergeltes Gesicht bekam damit ein noch fratzenhafteres Aussehen. Zur Sicherheit rief ich seinen Arzt in der Schweiz an, der mich jedoch beruhigte. Er erklärte mir, wie jetzt die krebsbefallene Leber langsam ihren Geist aufgebe, dass dies aber noch nicht aller Tage Abend bedeuten würde.
Ich aber blieb ratlos. Da lag Chai nichtsnutzig im Bett, alle flatterten um ihn herum, vermochten aber kaum eine Minute lang ruhig seine Hand zu halten, und der andere Nichtsnutz der Familie, sein Vater, wurde nicht einmal zu ihm vorgelassen. Da fasste ich den Plan, die beiden zusammen zu bringen. Ich verlangte nach dem Vater und zwar ohne weiteren familiären Anhang. Nach einer halben Stunde war er da. Darauf schickte ich alle hinaus. Ich zeigte dem Vater, der kein Englisch verstand, wie er ganz nah an Chais Seite sitzen und dessen Hand drücken soll. Dann entfernte auch ich mich aus dem Zimmer. Ich gab den beiden über eine Stunde Zeit.
Ich weiss nicht, was in dieser Stunde geschah. Ich weiss nur, dass diese Zusammenkunft wichtig war. Wichtig für mein Gefühl zumindest, vielleicht auch wichtig für die beiden selber. Ich hing nämlich damals der vielleicht auf den ersten Blick etwas verwegen klingenden Idee nach, Chai könnte sich für seinen Vater geopfert haben. Der Gedanke kam mir, nachdem ich mich von meiner eigenen Schuld an Chais Schicksal loszusagen versucht hatte. Ursprünglich hatte ich nämlich den Verdacht, Chai würde sich mit seiner Erkrankung an meinem Rückzug als Partner rächen. Kurz vor Ausbruch seines Krebsleidens waren wir uns wochenlang gram, und es kam zu gegenseitigen Kränkungen, die eine gemeinsame Zukunft stark infrage stellten. In mir reifte damals der Entschluss, dass wir wahrscheinlich besser getrennte Wege gehen sollten.
Ich glaube, damit hatte Chai nicht gerechnet. Er zählte auf meine Sehnsucht nach ihm, auf meine Angst vor dem Alleinsein und auf meine Bedürftigkeit: Gefühle, die ich auch wirklich lange genug in meinem Herzen getragen hatte. Doch dann kam eben der Moment, wo ich abzuwägen begann, welche Vorteile das Alleinsein gegenüber einem unglücklichen Zusammenleben bringen würde. Und ganze drei Wochen nach Bekanntgabe meiner Erwägungen begannen seine fürchterlichen Schmerzen. In meiner Betroffenheit musste ich bei einer Psychologin nach Erklärungen suchen. Ich fühlte mich so schuldig.
Sie aber fand, ich würde unter Allmachtsphantasien leiden und meine Wirkungen auf andere für zu gross einschätzen. Ich würde nicht über die Kraft verfügen, die es bräuchte, um bei einem Freund eine tödliche Krankheit auszulösen. Mich erleichterte diese Einschätzung sehr.
Wo sonst aber konnten die Ursachen seiner plötzlichen Erkrankung liegen? – Ich erzählte der Psychologin von Chais Vater und von seiner Rolle, die er im Familienganzen spielte. In den folgenden Sitzungen verdichtete sich dann mein Verdacht, der Sohn hätte unbewusst die Verantwortung für Vaters Versagen als Familienoberhaupt übernommen: Ein spielsüchtiger Mann, der seine Familie so verantwortungslos in den Ruin getrieben hatte, hat eigentlich seine Daseinsberechtigung in diesem Verband verspielt, müsste zumindest reumütig aus dem Gesichtsfeld der Geschädigten verschwinden. Doch Chais Vater blieb, ohne dass er irgend etwas wiedergutgemacht hätte. Die anderen bestraften ihn, indem sie ihn nur noch als Schatten wahrnahmen und nicht mehr mit ihm sprachen. Er war für die Frauen des Hauses nur noch ein Schlappschwanz, ein Taugenichts, Luft. Und eine solche Entwertung des Mannes musste sich der einzige Sohn und Stammhalter Chai seit Kindsbeinen mit ansehen. Kein Wunder, dass er kein Mann werden wollte, vor Frauen einen Bogen machte und von Europa träumte. Nur fort von hier.
Und doch musste es da über alle Kontinente hinweg eine heimliche Verbindung Chais zu seinem Vater gegeben haben, ein Herz für diesen schwachen Mann, eine Ahnung von den nicht gezogenen Konsequenzen, die sich jetzt im Körper des erwachsenen Sohnes Bahn brach. Chai zeigte seine fatale Sohnesliebe und Solidarität zu seinem Vater vielleicht so, indem er sich dem sich langsam wachsenden Erfolg als Künstler in Europa versagte und zur Rettung der Familienehre bereit war, die Schuld des Vaters, in die sich jener verstrickt hatte, zu übernehmen und auf seine Weise abzutragen.
Ich weiss, es sind Hypothesen eines Verzweifelten, doch wer kommt schon nicht ins Grübeln, wenn ein 31jähriger aus heiterem Himmel tödlich erkrankt, und dies zu einem Zeitpunkt, wo er sich der Verantwortung für seine Familie bewusst zu werden beginnt.
Als ich anderhalb Stunden später mit Chais Schwester L. leise wieder das Hotelzimmer betrat, traf ich die beiden Männer in der genau gleichen Haltung an, wie ich sie seinerzeit verlassen hatte. Der Vater sass am Bettrand, hielt ruhig Chais Hand und schaute ihm dabei in die Augen. Ich bin sicher, die beiden hatten die ganze Zeit kein Wort miteinander gewechselt. Doch ich spürte grossen Frieden im Raum, und als Chai unsere Anwesenheit wahrnahm, richtete er sich auf und umarmte seinen Vater lange und herzlich. Bei diesem Anblick wandte sich seine Schwester L. zu mir, umarmte mich auch und begann bitterlich zu weinen. Ich war für einen Moment lang glücklich und weinte mit.

5. Dezember 1997
Jetzt kehrte der Alltag ein. Chais Schwestern wechselten sich als Pflegeteam ab und ersetzten zuweilen auch die Mutter, wenn diese wieder einem der vielen Felsen-und Höhlentempeln in Ipohs Umgebung einen Besuch abstattete, um Opfergaben für ihren Sohn zu hinterlegen.
Ich selber lernte das Frühstücksangebot des Hotels auswendig kennen und kombinierte schon ganz virtuos indischen Roti Chanai mit chinesischen Nudeln und frischen Brötchen. Doch mein Erschöpfungszustand war grenzenlos. Allein bei der Vorstellung, bis abends die Zeit in dieser heissen Stadt totschlagen zu müssen, wurde ich aggressiv. L. hätte mir zwar ihr Auto für Ausflüge schon zur Verfügung gestellt, doch mir war so gar nicht nach Sightseeing zumute. Eigentlich wollte ich nur schlafen. Doch mein Bett war Sitzgelegenheit für die Besucherschar. Das Kommen und Gehen nahm kein Ende. Mir kam Chai vor wie ein exotisches Tier im Zoo, das angesichts so vieler Schaulustigen erstarrte. Fehlte nur noch, dass er Nüsschen verfüttert bekam. Seine Mutter hingegen meldete belustigt, er flüstere jetzt nur noch dummes Zeug, er sei wohl geistig umnachtet. Irgendwo wünschte ich mir, dass es bald so kommen möge. Einen gesunden Geist neben mir zu wissen, der diesen körperlichen Abbau und dieses den Blicken der ganzen Verwandtschaft Ausgesetzsein mitbekam, war nur schwer zu ertragen.
Am Abend dieses Tages, ich hatte die Zähne schon geputzt und freute mich auf ein paar Minuten der Ruhe, bevor der Klozirkus wieder begann, wurde Chai plötzlich unruhig und wollte unbedingt aufstehen. Er zog sich unter unendlichen Mühen selber an und forderte mich auf, ihn zu begleiten. Er wollte ausgehen und verspürte Lust auf malayisches Essen. Ich aber sah mich ein weiteres Mal um meinen Schlaf gebracht.
Doch für Chai war der Ausgang beschlossene Sache. So raffte ich mich auf, und Schrittchen für Schrittchen und nach etlichen gefährlichen Strassenüberquerungen gelangten wir zu einer der zahlreichen offenen Garküchen der Stadt. Auf dem Weg wurde Chai von Passanten angestarrt, denn er hätte ja einem Gruselfilm entlaufen sein können.
Im Restaurant deutete er auf drei Gerichte, die er bestellen wollte: Chop Suey, Laksa und Fried Rice. Dazu Coca-Cola. Als Minuten später die Platten aufgetragen wurden, stocherte er darin herum und brachte keinen Bissen runter. Er lächelte verlegen, und ich meinte in seinem Gesicht Enttäuschung zu erkennen. Ihm, dem Feinschmecker und begnadeten Koch, wurde auf einen Schlag bewusst, dass es mit seinen Lieblingsspeisen wohl endgültig vorbei war. Zurück im Hotel verbrachten wir den Rest der Nacht wie üblich zigarettenrauchend im Bad und im Bett und wieder im Bad und wieder im Bett.

6. Dezember 1997
Heute vor zwei Jahren fuhren wir auf Anraten von Chais Halbschwester Y. zu einem Medium. Dieses würde in Trance das Schicksal Hilfesuchender lesen können, indem es mit den Geistern der Unterwelt Kontakt aufnimmt.
Y. übrigens war die Eleganteste der ganzen Verwandtschaft und arbeitete als Abteilungsleiterin bei der Post. Sie erhielt auf ihr Handy ständig Anrufe und hatte zwei halbwüchsige, auch mit Handys ausgerüstete Töchter, die sie mit dem Auto von der Schule zum Tennisplatz und von dort in die Ballettschule und dann später zu einer Geburtstagsparty und zum Schluss nach Hause chauffieren musste.
Y. kannte das Medium von einer früheren Begegnung her, und ich dachte zunächst, sie wolle nichts unversucht lassen, um Chais Schicksal noch positiv zu beeinflussen. Erst später wurde mir klar, dass es bei diesem Besuch nur noch darum ging, den voraussichtlichen Todestag Chais in Erfahrung zu bringen. Das Haus des Mediums befand sich in einer etwas verwahrlosten Vorstadtgegend. Die Strassen waren nicht geteert und das Auto knickte bei jeder Pfütze ein. Für Chai wurde die Fahrt zur Tortur, doch numb wie er war liess er widerstandslos alles mit sich geschehen.
Das Medium, ein unauffälliger und schmuddlig angezogener Mann mitte vierzig fing uns vor dem Hause ab und befahl Chai, den mitgebrachten Rollstuhl nicht zu benützen sondern zu Fuss über die Schwelle zu treten. Im Hausinnern sah es sehr unordentlich aus, dreckig und voller Staub. Ein Köter, dem man am liebsten mit einem Fusstritt verscheucht hätte, kam uns beschnuppern. Ein Junge und einer, der sich später als Assistent des Mediums entpuppte, wedelten mit bunten Papieren die Fliegen fort. Dann füllten sie alte Néscafé-Gläser mit geheiligten Wässerchen ab und stellten diese auf den Tisch, wo sich schon Barbiepuppen, unzählige Nippesgegenstände, angebrochene Kekspackungen, Kerzen und Räucherstäbchen befanden.
Die Fenster, mit Tüchern verhangen, verschafften dem Haus eine düstere drückende und schwüle Atmosphäre. Der langsam rotierende Fan an der Decke vermochte dagegen nicht aufzukommen. Es gab zu wenig Stühle. Also blieb ich stehen. Dann begann ein Schauspiel, das mir bizarr vorkam, und von dem mir letztlich ganz wenig in Erinnerung geblieben ist. Ich weiss nur noch, dass das Medium am Tisch sass und sabberte und schnalzte, Schleim absonderte und ziemlich laut wurde. Sprach es Chinesisch, Malaysisch oder die Sprache der Unterwelt? Es setzte sich eine Narrenkappe auf und bekam bald darauf einen anhaltenden Schüttelkrampf. Der Assistent reichte ihm unentwegt Taschentücher.
Der Vorgang war unwirklich und unglaubwürdig, ich hielt ihn für billige Gaukelei, und ich mochte nicht glauben, dass die elegante Kaderfrau Y. ein solches Brimborium ernst nehmen konnte. Chai sass unbeteiligt auf seinem Stuhl, stützte sich auf den Stock und starrte vor sich hin wie damals, als wir im kalten Zürich mit dem Taxi zum Flughafen fuhren. Nichts mehr schien ihn etwas anzugehen, aber es kostete ihn vermutlich weniger Kraft, es mit sich geschehen zu lassen als dagegen zu protestieren.
Ich jedoch war am Ende. Abends telefonierte ich in alle Himmelsrichtungen. Heute am Nikolaustag brauchte ich Zuspruch, woher er auch kommen mochte. Ich rief Freunde in Singapur, Bangkok, Südafrika, New York und natürlich auch in Zürich an. Am hilfreichsten erwies sich das Gespräch mit Ning, einem alten Thaifreund aus Phuket, der mich spontan zu ein paar Tagen Erholung zu sich und seiner Familie einlud.

7. Dezember 1997
Heute vor zwei Jahren suchten L. und ich die bereits ins Auge gefasste Klinik auf. Sie galt als beste am Ort, und wir beide sahen die Zeit für gekommen, dass Chai professionelle Hilfe bekommen sollte. Der Verlust seiner Kräfte und die Zunahme meiner Erschöpfung waren ebenso eine Tatsache wie der Argwohn des Hotelmanagements, das um alles in der Welt einen Todesfall im Hause vermeiden wollte.
Mit einem Arztzeugnis in der Hand, das mit „To whom it may concern“ begann und in kurzen Zügen und mit entsprechenden Fachausdrücken Chais hoffnungslosen Krankheitsverlauf beschrieb mit der abschliessenden Empfehlung, wegen der Eindeutigkeit des Befundes ausser Schmerzbekämpfung keine weiteren medizinischen Behandlungen mehr vorzunehmen, wurden wir zum leitenden Onkologen der Klinik vorgelassen. Er war ein vielbeschäftigter, eloquenter Sikh, der in einem winzigen Büro hinter riesigen Stapeln von Papier residierte. Er las das Schriftstück kurz durch und sah in unserem Ansinnen kein Problem. Gerade kürzlich hätte er einen ähnlichen Fall gehabt. Da sei auch einer mit einem unheilbaren Krebs vom Ausland nach Hause gekommen, und nachdem er sich noch von der Familie, die sich ausserstande sah, ihm die nötige Pflege angedeihen zu lassen, verabschiedet habe, sei er ins Spital sterben gekommen. Und alle seien happy gewesen! – Zum Schluss erörterten wir noch die Kostenfrage und ob es denn bei Chai für ein Einzelzimmer reiche.
Zurück im Hotel erlebten wir dann einen erstaunlich entschiedenen Chai, der eine Überführung ins Krankenhaus kategorisch ablehnte. Er fauchte und piepste uns an und sah beleidigt zur Decke. Diese Szene erinnerte mich an den Terror, den Chai immer dann auszuüben vermochte, wenn ihm irgend etwas über die Leber gekrochen war, oder wenn man ihn beleidigt hatte, oder wenn er irgend etwas gegen meinen Widerstand erzwingen wollte.
Er war schnell beleidigt und viel besser im Austeilen als im Einstecken. Er vermochte in unserer kleinen Wohnung oft genug eine Atmosphäre zu kreieren, die vor Vorwürfen nur so troff. Ich blieb dabei selber an den Wänden kleben, fühlte ich mich doch dem Frieden zuliebe jeweils veranlasst, mich vorsorglich schon für schuldig zu bekennen. Er war schliesslich der Gast, der mir die Ehre erwies, in meinem Hause abgestiegen zu sein. Dafür musste ich a priori schon mal froh und dankbar sein. Daraus auch nur die geringste Forderung meinerseits ableiten zu wollen, wäre eine völlige Verkennung dieser Tatsache gewesen. Bei dicker Luft pflegte er am Küchentisch zu residieren und eine Zigarette um die andere zu rauchen. Schon dies allein brachte mich auf die Palme. Mit Lust trank er dann die Hausbar leer und meinte unter grossem Seufzen „life is such a guess“. Ja, mir war er ein Rätsel. Wütend griff ich dann zum Staubsauger und lärmte in der Wohnung herum. Als weitere Eskalationsstufe meiner Frustration galt das Wäschebügeln, vornehmlich seiner Hemden natürlich, schliesslich verbarg sich hinter meinem ohnmächtigen Tun die Absicht ihm vor Augen zu führen, wer was tat in diesem Haus und wer sich von wem aushalten liess. Diese hilflosen und lächerlichen Aktionen wählte ich wohl aus Furcht vor einem ausgetragenen, offenen Streit, der meines Erachtens die Sache nur noch schlimmer gemacht und die Wohnung auf Wochen hinaus mit seinem Gift verseucht hätte. Vermutlich wäre ich dann seiner tyrannischen Zuneigung vollends verlustig gegangen. Ich tat mir in solchen Momenten aufrichtig leid. Das war das Einzige, was ich damit bewirkte. Er jedoch verharrte in der Rolle des liebenswerten und ziemlich verwöhnten Terroristen, für dessen Lebensunterhalt andere aufzukommen hatten. Er machte sich kaum je Gedanken um seine eigene Existenzsicherung und um seinen eigenen Einsatz dafür. Doch Ansprüche auf eine komfortable Lebensführung hatte er schon. Das waren Momente, in denen ich auch den vornehmen Spanier aus Barcelona verfluchte. Ich war überzeugt, dass sich Chai dort das Rüstzeug für seine unausstehliche Bequemlichkeit geholt hatte.

8. Dezember 1997
Auf Wunsch von Chai machten wir heute vor zwei Jahren einen Ausflug nach Kuala Kansar, wo seine älteste Schwester R. mit ihrer Familie wohnte. Sie betrieb dort vor einer Primarschule einen Stand mit Süssigkeiten. Morgens pflegte sie den dreirädrigen Wagen von ihrem Haus über eine Brücke an die Strassenecke zu schieben, wo sich die Kinder in der Pause aufhielten, und beim Einnachten schob sie ihn wieder nach Hause zurück. Für Chai bedeutete Kuala Kansar seine eigentliche Heimat, dort hatte man ihn immer so genommen, wie er war. Deshalb verstand ich seinen Wunsch, nochmals diese Umgebung aufzusuchen, auch wenn ich mir die Anstrengungen der Autofahrt nicht so recht vorstellen konnte. Verwirrt im Kopf, sediert mit schwersten Schmerzmitteln, kaum mehr fähig, eine Zigarette zu halten oder den Weg vom Bett ins Bad alleine zurückzulegen, seit Wochen ohne richtige Nahrung – wollte dieser Mensch noch vor seinem Übertritt ins Jenseits für einen Verwandtenbesuch in eine andere Stadt fahren? Wir verlangten an der Reception wieder einmal nach einem Rollstuhl und fuhren den reichlich geschmückten Chai vom Krankenlager weg durch die Korridore und Hotelhalle hinaus ins Auto. Die sportliche L. lenkte, und ich sass neben ihr fest angeschnallt, während sich im Fond die Mutter um ihren Sohn kümmerte. Wieso nur konnte sie ihn nicht einmal für eine Minute in Ruhe lassen? Ständig zupfte sie an ihm herum, bot ihm aus den Tempeln Zaubertränke an und war beleidigt, wenn dieser sie ablehnte.
Kaum hatten wir Ipoh verlassen, machten wir einen ersten Zwischenhalt. Wir fuhren auf ein lehmiges, abschüssiges und vom Monsun ausgewaschenes Baugelände. Es war sehr glitschig. Hier komme das Haus zu stehen, das mit Chais heimgebrachtem Geld abgezahlt würde, erklärte uns L. Ein Musterhäuschen der künftigen Siedlung stand schon. Wie winzig es doch war, man konnte sich darin kaum rühren. Sollte Chai für so etwas Lausiges bezahlt haben? Verlegen lächelte er. Kam ihm jetzt sein grossbürgerlicher Lebensstil von Barcelona in den Sinn? Er lächelte nur, und ich konnte sein Lächeln nicht deuten. Oder war er vielleicht doch stolz, seinen Beitrag zum langersehnten Wunsch seiner Eltern geleistet zu haben? Mir war elend zumute, als wir weiterfuhren. Doch Chai lächelte unentwegt weiter. Was dachte er bloss? Er lächelte noch, als wir eine Stunde später in der Sultanstadt Kuala Kansar eintrafen. Vielleicht hatte er einfach vergessen, sein Lächeln hereinzuholen, so wie wir zuweilen vergessen, vor dem nächsten Regen die Wäsche von der Leine zu nehmen. Sein Lächeln hing in seinem gelben Gesicht wie ein Essensrest und verlieh ihm ein fratzenhaftes Aussehen.
Das Haus von R. befindet sich in einem grünen Tal. Die Nachbarhäuser stehen eng beieinander. Man hört von überall her Hundegebell, das Schreien der Kinder, das Scheppern der Radios, die Dialoge der Fernsehserien und das Maschinengewehrgeknatter der Videospiele, das Grunzen der Schweine, das Gackern der Hühner, das Krähen der Hähne, die aufbrausenden Motoren der Mofas, Stimmen, Vogelgezwitscher, Küchengeklapper, das Heranrollen eines Fahrzeugs auf dem Kies. Mit vereinten Kräften führten wir Chai ins Wohnzimmer, jetzt sass er auf dem Sofa und liess sich von einem Ventilator anblasen. Mit lautem Gekreisch stürmten die Kinder herein und begrüssten den Onkel, dessen noch immer lächelndes Gesicht sich allmählich in ein von Schmerzen gepeinigtes verwandelte. Er litt wieder unter einer Attacke, und unter den Augen der ganzen Verwandtschaft mussten zwei Zäpfchen eingeführt werden. Doch hier in Kuala Kansar, umgeben von diesen vitalen Geräuschen, machte mir die Situation wesentlich weniger zu schaffen als damals im Flugzeug oder bei den vielen Malen im Hotel von Ipoh. Vielleicht halfen mir hier meine romantischen und vielleicht auch naiven Vorstellungen vom einfachen Leben, das aus den Notwendigkeiten des Augenblicks keine Peinlichkeit zu machen imstande ist. – Doch eigentlich wusste ich ja von Chai nur zu gut, wie hoch bei allen Chinesen und so auch in seiner Familie die Peinlichkeitsschwelle war. Das machte ihn in gesunden Tagen ja auch so appetitlich, denn ich führte seine grosse Lust, sich der Sexualität uneingeschränkt hinzugeben, unter anderem zurück auf die Tabuisierung dieser Zone. Sie galt als besonders exklusives Geschenk für einen Partner. Jetzt wurde von hinten wenigstens Linderung eingeführt, und ich hielt dies der Situation für durchaus angebracht.
Spät abends, als wir nach einer von Bangen geprägten Rückreise ins Hotel zurückgekehrt waren, schien Chais Abbau offensichtlich. Schwach wie noch nie legte er sich ins Bett und hatte nicht einmal mehr die Kraft, aufs Klo zu gehen. Er rauchte jetzt seine Zigaretten im Bett, und bei mir wuchs die Angst vor einem Zimmerbrand.

9. Dezember 1997
Von nun an ging es Chai immer schlechter. Er reagierte kaum mehr auf Fragen und Bemerkungen. Er lag einfach im Bett und schlief. Es gab erste Zeichen von Inkontinenz, und bei meinen Wanderungen durch die heisse Stadt erkundigte ich mich schon mal nach Windeln für Erwachsene. Zu einem indischen Coiffeur ging ich auch noch und genoss es, dass sich endlich jemand um mich selber kümmerte. Mir kamen die Tränen. Das war mir beim Haareschneiden vorher noch nie passiert. Bestürzt fragte mich der Inder, ob er mir wehgetan hätte.
Zurück am Krankenlager kam die Idee auf, mit Chai noch eine religiöse Zeremonie durchzuführen. Ich weiss nicht, wie Chais Schwester L. erfahren hatte, dass sich ihr Bruder in den letzten Monaten seines Lebens mit tibetischem Buddhismus zu beschäftigen begann und mit grosser Hingabe auch das berühmte Werk von Sogyal Rinpoche „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ gelesen hatte. In Zürich war er noch zusammen mit unserem Nachbarn und Freund R. einmal ins Kongresshaus zu einer Veranstaltung dieses hochrangigen Geistlichen gepilgert. Damals waren ihm von der Chemotherapie schon alle Haare ausgefallen, und sein rechtes Auge vermochte er auch nicht mehr richtig zu öffnen. Er hatte schon viel an Gewicht verloren, verstand es aber, den körperlichen Abbau mit raffiniert kombinierter Kleidung zu kaschieren. Nur zu Hause vor dem Spiegel überkam ihn jeweils die Verzweiflung. Unwirsch stampfte er dann auf den Boden und jammerte über seinen Zerfall.
Von einer Begegnung mit Sogyal Rinpoche erhoffte sich der eitle Chai Zuflucht und Trost. Doch nachdem er mit tausend anderen Menschen zusammen einen anstrengenden Vortrag angehört und sich nachher in eine lange Reihe von Hilfesuchenden eingeordnet hatte, beschränkte sich die nachfolgende Audienz auf ganze zehn Sekunden, während welcher der Rinpoche ihm den Daumen so fest auf die Stirn presste, dass er Kopfweh bekam.
Nun sollte Chai in Ipoh doch noch eine Zeremonie zuteil werden, die ihn spirituell auf seine Reise ins dunkle Bardo vorbereitete. Doch gab es hier überhaupt einen Vertreter des tibetischen Buddhismus? L. erinnerte sich an eine Tupperware-Party am Stadtrand, an der sie einmal teilgenommen hatte. Diese hatte in unmittelbarer Nachbarschaft eines Tempels stattgefunden. Nach L.s Einschätzung hätte dieser tibetisch sein können. Kurz entschlossen setzten wir uns ins Auto und forschten nach.
Es nachtete schon ein, als wir beim gesuchten Haus anlangten. Es war eine stattliche Villa mit einer offenen Garage, wo ein reich geschmückter Altar aufgebaut war. Durch die Gitterstäbe des Gartenzauns schauten wir uns das Interieur an. Ich entdeckte die in Textil gewickelten und verschnürten Texttafeln, ich sah die ornamentale mandalaartigen Stickereien, die links und rechts den Altar säumten, und ich nahm mit Genugtuung die Konterfeis alter rotgewandeter Lamas wahr, die gütig aus den Bilderrahmen lächelten. Sie trugen goldgewirkte Spitzhüte mit Halskrempen und herausgeklappten Ohrlöffeln und sahen trotz lächerlicher Pracht weise aus. Es hingen auch Porträts entzückender Buben an der Wand, die mit ihren Mandelaugen verschmitzt oder treuherzig, man konnte es deuten, wie man wollte, aus einem Stapel Kissen in die Kamera lugten. Auch sie bordeauxrot gewandet mit Unterhemd in Orange. Auf dem Altartisch lagen in vergoldeten Schalen Naturalgaben wie Äpfel, Bananen, Zitrusfrüchte, Reis und Nüsse. Im weiteren befanden sich dort auch noch kleine Zinnfiguren und andere kultische Gegenstände. Der ganze Altar war mit Drachenmustern verziert, und in der Mitte hockte im Kerzenschein eine Buddha-Figur.
Ja, dies musste eine tibetische Einrichtung sein. Wir klopften an und wurden von einer Haushälterin hereingelassen. Sie sah aus wie eine Squaw und trug lange, aufgelöste Haare. Der Salon neben der Garage war fast leer. Dort flimmerte der Fernsehapparat und zeigte einen Terminator-Film mit Arnold Schwarzenegger. Dieser Muskelprotz schoss grad alles über den Haufen, als wir einen roten Rock in Sandalen eilig aus dem Raum verschwinden sahen.
Wir trugen der Haushälterin unser Anliegen vor. Wir würden Segen und Zuflucht für einen Sterbenden suchen. Mit dieser Botschaft ging sie nach hinten. Nach einer Weile kam sie wieder hervor und beschied uns, ihr Chef würde unseren Patienten am nächsten Morgen um zehn Uhr hier empfangen.
Mit dieser Antwort gaben wir uns nicht zufrieden. Unter vielen Entschuldigungen hielten wir dagegen, dass wir erstens nicht glauben, dass die Person, um die es sich handle, in ihrem Gesundheitszustand die Nacht noch überleben würde, und dass wir zweitens es für ausgeschlossen hielten, den Patienten noch aus dem Bett zu hissen und hierher zu fahren, sofern er am nächsten Tag überhaupt noch am Leben sei. Ob sich denn der Lama nicht erbarmen könnte, uns jetzt gleich ins Hotelzimmer zu begleiten? Und wieder verschwand die Haushälterin nach hinten. Als sie zurückkam, meinte sie trocken, es ginge leider nicht anders.
Enttäuscht liessen wir uns von ihr zum Ausgang begleiten. Da schlurfte plötzlich der Lama persönlich in die Garage und hiess uns einen Augenblick zu warten. Er mochte ein 60jähriger Mann sein, war mittelgross und neigte zur Fettleibigkeit, sah aber, wie alle Lamas, gütig aus. Er machte sich an der linken Seite des Altars zu schaffen, wo mit Kräutern und Pülverchen abgefüllte Gläser aufgereiht waren. Er entnahm den Gläsern einige Prisen und schüttete sie zusammen in einen Räuchertopf. Dann bereitete er noch einen farbigen Sirup zu und übergab uns die Mixturen. Darauf empfahl uns die Haushälterin, damit sofort ins Hotel zurück zu fahren. Wir sollten dem Patienten den Sirup einflössen und ihm den Rauch der mottenden Räuchermischung unter die Nase halten.
Zurück im Hotel schritten wir zur konzertierten Aktion. Wir schalteten die Klimaanlage auf die höchste Stufe und rissen zur Überlistung des Rauchmelders auch noch alle Fenster auf. Dann brachten wir die Kräuter zum Glimmen und hielten den Topf unter Chais Nase. Zur Kühlung reichten wir ihm den Sirup und murmelten ständig das Mantra „Oma Peme Hung“.
Ich weiss nicht, ob Chai etwas davon mitbekam. Numb liess er alles mit sich geschehen. Wir jedoch waren mit dieser Intervention leidlich zufrieden, schliesslich war der Feueralarm nicht losgegangen.

10. Dezember 1997
Pünktlich um zehn fuhren wir mit unserem Patienten vor. Er drohte ständig vom Rollstuhl zu kippen. Zwei seiner Schwestern hielten ihn seitwärts während sein Schwager und ich den Rollstuhl über die Schwelle schoben. Im Salon des Lamas setzten wir Chai auf ein mit Plastik straff überzogenes Sofa und stützten ihn mit ein paar Kissen, die wir vom Hotel mitgebracht hatten. Man konnte wahrlich nicht behaupten, Chai sei munter gewesen. Doch immerhin hatte er die Nacht überstanden. Das war für uns schon Zeichen und Geschenk genug, denn wir führten seine noch vorhandene Lebenskraft allein auf die Wirkung der verglimmten Kräuter und des Sirups zurück.
Im Salon mussten wir lange warten, bis der Lama eintrat. Diesmal lief der Fernsehapparat nicht und es herrschte gedämpfte Wartezimmerstimmung. Als der Geistliche erschien, schaute er sich den Patienten genau an und ordnete darauf seine Textsammlung. Dann setzte er sich Chai gegenüber auf einen mit rotem Samt und goldgewirktem Saum überzogenen Gebetsschemel, kreuzte seine Beine und hob an zum Gebet. Halb sang er und halb flüsterte er, der Tonfall seiner Litanei hatte den Charakter von Stossseufzern, wobei er immer wieder ein paar Worte oder halbe Sätze verschluckte. Auch dünkte mich, dass er in seinen Texten ganz unterschiedlich vorankam. Zuweilen übersprang er ein paar Seiten, und bei anderen verweilte er sehr lange. Auch wenn wir von seinen Worten und Gesängen nichts verstanden, ich hatte keinen Zweifel, dass Chai hier für seine Reise ins Jenseits gut vorbereitet würde. Hier wurde er an die Unergründlichkeit des Kosmos angedockt. Hier wandelte er sich zu unserem Abgeordneten im Reich des Bardo und wurde mit einem spirituellen Notvorrat für die kommenden 49 Tage versehen, mit dem er das Dunkle gut überstehen und in neuer Gestalt in unsere Welt wieder geboren werden konnte. Ich weinte und weinte, doch ich war nicht traurig.
Ich war ergriffen von der Wahrheit des Sterbens und Geborenwerdens. Vielleicht kam in diesem Augenblick sogar eine Art Todessehnsucht in mir auf, ein merkwürdiger Neid auf Chai, weil er schon bald dieses Wechselbad von Vergehen und Werden erleben durfte, während wir anderen in unserer Haut noch auszuharren und uns mit unserem Schicksal noch eine Weile abzufinden hatten. Der Lama flüsterte und murmelte und hantierte mit seinem vierbärtigen, goldenen Schlüssel, und immer wieder besprengte er Chai mit Weihwasser, das er aus einem Krug auf einen mit Pfauenfedern geschmückten Pinsel leerte. Er betätigte mehrere Male auch das goldene Glöcklein, und der Raum war erfüllt von einem betörenden heiligen Rauch.
Unser fürs Jenseits gut vorbereitete Botschafter sass da und liess die Segnungen teilnahmslos über sich ergehen. Ich hätte es für durchaus angemessen gehalten, wenn er hier auf der Stelle abgetreten wäre. Doch plötzlich schwoll die Stimme des Lama an, und er donnerte seine Schlussworte in Chais Gesicht. Dann herrschte Stille. Betreten blieben wir sitzen. Da erhob sich, wie von Geisterhand geführt, Chai ganz langsam vom Sofa und formte seine Arme zum tibetischen Gebetsgruss. Würde er sich jetzt auch noch zu Boden werfen? Nein, doch Chais Kräfte reichten immerhin, allein zum Rollstuhl hinüberzuwanken. Unsere Spende für den Tempel fiel grosszügig aus.

11. Dezember 1997
Heute vor zwei Jahren brachten wir Chai ins Spital. Sein Zustand hatte sich im Verlauf des vorangegangenen Tages weiter verschlimmert, und sein Widerstand gegen eine Überführung in die Klinik war zusammengebrochen. Ich war mit meinen Nerven am Ende. Ich wollte nur noch zurück in die Schweiz und hätte alles in der Welt gegeben, um vor dem anstrengenden Rückflug wenigstens noch eine Nacht ohne Unterbruch zu schlafen.
Als ich am Morgen im Hotelzimmer seine Siebensachen für den Umzug ins Spital packte, stellte ich fest, dass die Familie bereits sämtliche Taschen nach Wertsachen untersucht und diese auch an sich genommen hatte. Die Armreifen und Ringe waren alle weg, sein restliches Bargeld auch. Nur noch seine Zahnbürste und ein paar Ersatzunterhosen fand ich, und den Wintermantel. – Wie ungeduldig sie doch sind, dachte ich für mich, nicht einmal warten können sie! Wie gerne hätte ich selber noch ein kleines Andenken an Chai behalten. Doch jetzt hielt ich mich nicht mehr dafür, darum zu bitten. Am meisten schmerzte mich der silberne Ring, den ich ein Jahr zuvor bei einem befreundeten Goldschmied gekauft und Chai zum Geburtstag geschenkt hatte. Der Ring unterstrich die Schönheit seiner Hände, die mir schon immer aufgefallen waren. Chai hatte lange, Überlegenheit und vornehme Gesinnung ausstrahlende Finger mit grossen Nagelkappen, und wenn ich ihm in unserer Beziehung sonst den Prinzen nicht so gern abnahm und ihn liebend gern eher bei den Beflisseneren und Strebsameren gesehen hätte, seine feingliedrigen Hände waren adelig genug, um bei deren Anblick alle Forderungen an ihn sofort einzustellen.
Chais wohlproportionierten Hände fielen mir schon bei unserer ersten Begegnung auf. Seine Haut war feinporig und glatt, und die Adern schimmerten bläulich durch. Sie signalisierten auf ihre Art Sensibilität. Er las vorne am Ufer des Zürichsee ein Buch und rauchte dazu eine Zigarette. Ich fragte ihn damals nach seinem Namen, den ich sofort wieder vergass, weil sich meine Blicke ganz auf seine Hände konzentrierten. Selbst jetzt, ausgemergelt bis aufs Skelett, hatten seine Hände auf mich noch immer eine magische Anziehung. Gelb auch sie, waren sie das Einzige, was man an diesem von Krankheit gezeichneten Körper noch für schön halten konnte.
Chai war an diesem Tag nicht mehr ansprechbar. Ich weiss nicht, ob man das Koma nennt: er zeigte einfach keine Reaktionen mehr. Er hielt zwar die Augen zuweilen offen, doch sie starrten in unbestimmbare Weiten und reagierten auf keinerlei Zuspruch mehr. Mir kam der Zustand gelegen, denn so fielen mir die beklemmende Überführung ins Krankenhaus und der bevorstehende Abschied etwas leichter.
Er bekam ein Zweibettzimmer, weil das von uns ins Auge gefasste Einerzimmer wider Erwarten besetzt war. Doch dies hatte alles keine Bedeutung mehr. Der Zimmernachbar hielt sich mehrheitlich in den Gängen des Spitals auf und rüstete sich schon für seine bevorstehende Entlassung. Am Abend dieses Tages veranstalteten Chais Verwandte ein Abschiedsessen für mich. Sie lobten meinen Einsatz und zum Abschluss, als Nachspeise sozusagen, überreichten sie mir einen versilberten Pokal, wie ihn sonst nur Sportler bekommen, wenn sie in einem Turnier gewonnen haben. Darauf waren folgende Worte eingraviert: To Nikolaus and others / Thank you very much / From Chai’s family / Malaysia.
Die darauffolgende Nacht brachte leider nicht, was ich mir von ihr erhofft hatte. Unruhig wälzte ich mich im Bett und brachte kaum ein Auge zu. Chai fehlte mir.

12. Dezember 1997
Tag des Abschieds. Teilnahmslos lag er im Krankenbett und nahm meinen Besuch nicht wahr. Ich war froh darum. Gleichwohl sprach ich auf ihn ein. Ausführlich erklärte ich ihm, dass ich jetzt ohne ihn zurückzufahren gedenke und dass ich ihn hier zurücklassen müsse, weil er für die lange Reise zu schwach und zu krank sei. Unsere Wege würden sich deshalb jetzt trennen. Meine Liebe zu ihm bliebe aber unerschütterlich, und ich würde ihn mein ganzes weiteres Leben in meinem Herzen tragen.
Ich weiss nicht mehr, was ich sonst noch alles stammelte, ich wusste damals nur, dass ich gehen musste. Es war ein quälender Drang, der sich nicht in Worte fassen und schon gar nicht einem Todgeweihten kurz vor dessen Hinschied erklären liess. Nur fort von hier, hämmerte es laut in meinem Innern. Lauf, so schnell du kannst, rette deine Haut, nur fort von diesem Strudel tödlicher Erschöpfung! Ich strich über sein Haupt, auf welchem sich seit der Absetzung der Chemotherapie wieder feine Haarstoppeln gebildet hatten. Ich betrachtete ein letztes Mal seine Hände und streichelte auch sie. Ich weinte nicht, ich war gefasst und voller Angst, unverzeihlichen Verrat zu begehen. Doch ich konnte nicht anders.
Nach einem letzten Kuss auf die Stirn verliess ich sein Zimmer, trat hinaus auf den Flur und übergab den Stationsschwestern noch den Rest der mitgeführten Medikamente. Sie wunderten sich über die Höhe der Dosierung. Sie hätten noch nie zuvor einem Patienten so hohe Dosen Morphium verabreicht. Dann trat ich aus der Klinik und ging zu Fuss zum Hotel zurück. Ich empfand mich als brutal und gefühllos. Verbissen stapfte ich dem Strassenrand entlang, gab den herumliegenden Steinen Fusstritte und verdammte mich. Doch ich kam keinen Augenblick auf meinen Entschluss zurück und wollte auf keinen Fall ans Sterbebett zurückkehren. Nein, ich musste einfach losfahren.
Später im Hotel wurde ich von Chais Verwandten abgeholt. Sie brachten mich zum Bahnhof. L. kam auch vorbei. Sie war kurz nach mir auch noch schnell im Spital und berichtete jetzt, dass sich Chai plötzlich nach meinem Verbleib erkundigt habe. Darauf habe sie geantwortet, ich sei abgereist, worauf sich Chai in grosser Verzweiflung sein Hemd vom Leib gerissen und im Bett armefuchtelnd getobt habe. Verdammt, schoss es mir durch den Kopf, jetzt habe ich mir auch noch das Paradies versaut. Nie wieder würde ich dort oben unter Chais Augen treten können.
Diese Vorstellung beherrschte mich von nun an während der ganzen langen Bahnfahrt von Ipoh nach Kuala Lumpur. Ich marterte mich mit dem Gedanken, die Situation an Chais Krankenlager falsch eingeschätzt und deshalb nicht den rechten Augenblick des Abschieds erwischt zu haben.
In Kuala Lumpur angekommen, suchte ich Chais Freund A. auf. Er betrieb dort ein erfolgreiches Grafikbüro und wusste nichts von Chais schlechtem Gesundheitszustand. Darin schien Chai sehr eigensinnig. Während seine Verwandten noch im fünften Grad an seiner Krebserkrankung teilnehmen durften, hatte er es offensichtlich vermieden, gute Freunde von seiner Krankheit in Kenntnis zu setzen.
A. beschloss aufgrund meiner Berichterstattung sogleich, anderntags nach Ipoh zu fahren. Dann gingen zusammen essen. Während ich versuchte, ein paar Bissen zu mir zu nehmen, machte A. mit seinem Handy einige Anrufe, deren Sinn ich nicht verstand. Dann schaute er mir in die Augen und sagte, er sei froh, dass ich mich vor dieser Nachricht noch etwas ernährt habe. Er gehe davon aus, dass es mir jetzt den Appetit vollends verschlage, wenn ich jetzt erführe, dass Chai soeben verstorben sei.

13. Dezember 1997
Heute vor zwei Jahren fuhr ich mit A. und D., einem weiteren Freund von Chai, mit dem Auto von Kuala Lumpur wieder nach Ipoh. Ich war einigermassen gelöst und schlief auf dem Rücksitz, während die beiden vorne auf Chinesisch plauderten. In Ipohs quadratisch angelegten Altstadt gelangten wir zu einem Haus, in dessen Einfahrt Chai aufgebahrt in einem Sarg lag. Dieser war mit Blumen geschmückt. Vorne an der Strasse hatte sich die Familie versammelt. Chais Nichten und Neffen verbrannten Unmengen Himmelsgeld, eine Art symbolischer Zollabgabe für den Übertritt ins Totenreich. Die Mutter kam weinend auf mich zu, umarmte mich und sagte, von nun an sei halt ich ihr Sohn. Derweil sass der Vater unbeachtet in einer Ecke und starrte reglos vor sich hin. Ich fasste ihn fest an und wir schauten uns lange in die Augen. Dann kam Y. vorbei und bemerkte spitz, ich hätte gar nicht erst nach Kuala Lumpur zu fahren brauchen, seit dem Besuch beim Medium sei klar gewesen, dass es mit Chai keine Woche mehr dauere. L. führte das Spendenbuch und kassierte bei allen ein. Sie schilderte mir unter Tränen Chais letzten Minuten. Erstickt sei er, elendiglich verreckt, er habe nach Luft gerungen, und nachher habe es fürchterlich gestunken.
Ich trat zum Sarg und erblickte durch das Fensterchen Chais Antlitz. Seine Augen waren halb geöffnet, auf dem Mund lag eine Münze. Er sah angespannt aus und unruhig, es schien, als ob es ihm nicht passe, hier in diesem engen Raum regungslos liegen zu müssen. Er war in ein weisses Hemd gekleidet, seine Hände hielten eine Gebetskette.
Das also war das Ende von Chai. Wie wenn ich selber am Ende wäre, liefen vor meinem inneren Auge im Schnelllauf Szenen mit ihm ab, und die Erinnerungen an sein tyrannisches Wesen hielten sich die Waage mit seinem unglaublichen Charme, mit dem er nicht nur mich sondern alle Freundinnen und Freunde von mir für sich einnehmen konnte. Erinnerungen an seine Kochkunst und seine Malerei passierten ebenso Revue wie unsere gemeinsamen Reisen, unsere Gespräche, unsere Auseinandersetzungen. – Es war eine Fülle von Begebenheiten, die sich hier vor diesem Sarg in mir entfalteten, und eine unendliche Traurigkeit schwebte darüber, dass Chai nicht die Früchte ernten konnte, deren Samen er mit seinem Wirken schon einmal gesät hatte. Jetzt war er im Schoss seiner Familie gestorben, von der er sich elf Jahre zuvor losgesagt hatte. Sein Lebenskreis hatte sich nun geschlossen.
Nur auf den Reisen war er wirklich entspannt und glücklich, jede festgefahrene und durch die Behörden sanktionierte Wohnsitznahme blieben ihm Zeit seines Lebens ein Gräuel. Deshalb war auch der goldene Käfig von Barcelona nicht von Dauer, und auch unsere Beziehung hatte nur dann wirklich funktioniert, wenn er jeweils bald wieder die Koffer packen oder für kurze Zeit von einer Reise zurückkehren konnte. Was musste das für eine Falle für ihn gewesen sein, als er bei mir plötzlich auf tragische Weise als Krankheitsfall bleiben musste. Ich war ihm dankbar für die Erfahrungen, die er mir allein durch sein Dasein vermittelt hatte. Mit seiner tödlichen Krankheit hatte er sich mir auch offenbart und mir in seiner Hinfälligkeit alles zurückgegeben, was er mir noch hätte schuldig sein können.
Mein innerer Film liess mir die Wahl: mich reich zu fühlen und dankbar, oder zerknirscht und traurig. Heraus kam aber ein drittes Gefühl: immer wieder beschlich mich die Frage, was Chai jetzt von mir denke, weil ich schliesslich nicht bis zum Ende an seinem Krankenlager ausgeharrt hatte.
Ich spürte seinen Zorn auf mir lasten. Eine Erleichterung empfand ich erst bei der Ankunft dreier kahlgeschorener buddhistischer Priesterinnen in grauer Gewandung. Sie sangen Gebete und schlugen auf kleinen Trommeln und Glocken den Takt dazu. Sie knüpften am kosmischen Netzwerk, und ich fühlte mich gut aufgenommen in den Heerscharen der Schuldigen.
Blumen, Früchte und weitere Opfergaben stapelten sich auf einem Tisch, und Unmengen von Räucherstäbchen glimmten und hüllten den offenen Raum in einen leicht süsslichen Duftmantel ein. Dann wurde der Sarg auf einen Toyota-Transporter geladen. Die Frauen blieben in der Stadt zurück, während wir Männer mit lautem Hupen durch den dichten Verkehr zu einem der Felsentempel vor der Stadt fuhren. Im Ofen war das Brennholz bereits aufgeschichtet, darüber schoben jetzt die Männer den Sarg, und wir wuschen unsere Hände in Blütenwasser. Dann wurde das Feuer entfacht und schon bald entwich den Dachritzen des Ofens dichter Rauch, der sich der Felswand emporschlängelte und sich weiter oben in der bewaldeten Kuppe verlor. Dort zwitscherten die Vögel um die Wette und die Affen lärmten mit.

14. Dezember
Heute vor zwei Jahren landete ich wieder in Zürich. Die ganze Nacht hindurch hielt ich bei klarem Sternenhimmel Zwiegespräche mit Chai und versuchte ihm zu erklären, weshalb ich ihn verliess. Er sass draussen auf dem Flügel und rauchte eine Zigarette um die andere. Die Verständigung durchs Flugzeugfenster war schwierig. Es gelang mir nicht, ihn auch nur in irgendeiner Weise von meinem Handeln zu überzeugen. In meiner Verzweiflung und in meinem schlechten Gewissen wurde ich recht ausfällig. Jetzt machte ich ihm laute Vorhaltungen. Er sei verwöhnt, schnautzte ich ihn an, ich sei auch nur ein Mensch, womit ich die Aufmerksamkeit der Flugpassagiere auf mich lenkte. Er aber blieb draussen neben dem Flugzeugfenster hocken und bezichtigte mich, ohne mir in die Augen zu schauen, des Verrats. Da draussen sah er strahlend aus und gesund, und ich begriff nicht, wie so einer an Krebs hatte sterben können.
Das Morgenturnen vor der Ankunft mochte ich nicht mitmachen. In Zürich-Kloten landete ich als Sünder, schuldig am Tod des geliebten Freundes. Wartete dort draussen nicht schon die Polizei um mich abzuführen?
Zu Hause begann ich sofort mit Aufräumen, stapelte seine Kleider aufs Bett, unterschied in Sommersachen, die ich Chais Familie schicken, und in Wintersachen, die ich hier verteilen wollte. Auch hier bei diesen Kleidern erschien mir Chai. Er sagte nichts, rauchte und sah mir beim Ordnen zu.
Ich spürte, er war mir weiterhin gram. Er hatte sein stoisches chinesisches Lächeln aufgesetzt. Unerträglich. Kein Wort des Dankes für meine aufopfernde Pflege, keine einzige versöhnliche Geste, damit ich nach all diesen Anstrengungen wenigstens hätte in Ruhe schlafen können.
Nach den Kleidern ordnete ich auch noch seine Bilder. Erst jetzt merkte ich, dass er in den letzten Monaten seines Lebens nächtelang durchgearbeitet haben musste. Es kamen Dutzende von Blättern zum Vorschein, von denen ich nichts wusste. Zum Schluss ordnete ich auch noch die Belege meiner Ausgaben, die durch die Rückführung Chais nach Malaysia entstanden waren, und ich schrieb zu Handen des unterstützenden Freundeskreises eine Rechnung.

27. Dezember 1997
Heute vor zwei Jahren fand in einem privaten Versammlungsraum für Chai eine kleine Gedenkfeier statt. Etwa fünfzig Freunde waren erschienen. Auch der Spanier aus Barcelona war angereist. Er erfuhr von Chais Erkrankung und Tod erst durch die Todesanzeige, die ich all denen zugeschickt hatte, deren Anschrift sich in Chais Adressbüchlein finden liessen. J.-C. rezitierte an der Feier auf Katalanisch ein paar Gedichte von Joan Maragall. Sie soll der kunstsinnige Chai besonders geliebt haben. Darauf las meine Mutter ein selbst verfasstes Gedicht vor. Es handelte von Erinnerungen an Chai. Mein Freund H.-M. verlass den von mir verfassten Lebenslauf und R.L. spielte auf seiner Gitarre einen Tango und ein paar expressive Stücke von Rudolf Kelterborn. Darauf erklärte unsere Freundin und Buddhismus-Expertin C., wo sich nach buddhistischem Glauben Chais Seele jetzt befinde. Es sei dort dunkel, sagte sie, und man müsse ihr den Weg leuchten. Für die Feier hatte ich in der Migros vorsorglich eine grosse Menge Teelichter eingekauft. Diese zündeten wir an. So wurde es hell und warm im Raum.
Zur Erinnerung an Chai wählte sich ein jeder aus einem Stapel ein Bild aus. Das war sein Wunsch.

28. Dezember 1997
Aufräumen des Versammlungsraumes. Der Spanier half mir dabei. Von den 31 Rosen, die das Gedenktischchen schmückten, warfen wir eine um die andere in den nahen Fluss und begleiteten sie mit unseren guten Gedanken.
Später an meinem Küchentisch kam J.-C. ins Erzählen. Für ihn sei Chai auch ein Projekt gewesen, ein Ziehsohn, dessen künstlerischen Begabungen er hätte zum Erblühen bringen wollen. Doch irgendwann hätte sich Chai seinem Zuspruch verweigert. So seien die Erinnerungen an den Verstorbenen auch etwas gemischt.
Ich meinte darauf, der junge Chai sei der Grosszügigkeit seines Förderers einfach nicht gewachsen gewesen. „He was too good to me“ hatte mir Chai einmal über seinen spanischen Freund gesagt, worauf J.-C. am Küchentisch bitterlich zu weinen begann. Wir waren uns darin einig, dass sich Chai selber oft für einen schlechten Menschen gehalten hatte. Mit einem derartigen Selbstbild liessen sich Freiheiten wie Kehrtwendungen, Bocksprünge, Launen und Unreimbares, die er sich immer wieder herausgenommen hatte, besser rechtfertigen, Taten, die einem sogenannt guten Menschen wohl schlecht angestanden wären. Wie oft hatte mich Chai aus heiterem Himmel gefragt „do you hate me?“ – Mit meiner Antwort, dass dies nicht der Fall sei, gab er sich jeweils nur halbwegs zufrieden.

30. Dezember 1997
Weihnachtstage in Stockholm. Ich ärgerte mich, dass das Hotel keine Flugmeilen mehr gutschrieb, weil zwischen der Scandinavian Airline, zu welcher das Hotel gehörte, und der Swissair die Zusammenarbeit gerade auslief.
In Stockholm blies ein eisiger Wind, und die zahlreichen Wasserarme der Stadt waren zugefroren. Am Abend Einladung bei Freunden. Der Mann war pensionierter Oberrichter, die Frau eine gute Freundin meiner Familie. Die beiden wohnten in einem gutbürgerlichen Stadtteil und hatten reichhaltig gekocht: Salat, Suppe, einen mit Pflaumen gespickten Rindsbraten, und plötzlich unterbrach die Gastgeberin das Gespräch.
„Halt, da, da links. Da steht er, dein Freund“ sagte sie ganz aufgeregt, „ich spüre ihn ganz deutlich“. Sie horchte eine Weile hin und wandte sich darauf wieder zu mir. Es gehe ihm jetzt wesentlich besser, meinte sie, alles sei gut. Dann assen wir weiter.

12. Januar 1998
Vor zwei Jahren in Barcelona. Auf Besuch bei J.-C., der eine kleine Putscha für unseren Chai arrangierte. Der Tempel war im dritten Stock einer Mietwohnung untergebracht. Junge westliche Mönche, des Tibetischen offensichtlich mächtig, leierten ihre Gebete herunter und gaben uns Gelegenheit, noch einmal unseres Chais zu gedenken.
Nach der Zeremonie nahmen wir den grossen Strauss roter Nelken, der den Altar geschmückt hatte, mit uns und fuhren zum Hafen hinunter. Es war stürmisch auf der Mole draussen, der Wind pfiff uns um die Ohren, und wir beide hatten Bedenken, ob denn die Blumen, die wir ins Wasser werfen wollten, ihren Weg ins Meer hinaus überhaupt finden würden. Doch der Wurf gelang, und die Nelken trieben vorbei an den grossen Steinquadern hinaus ins offene Meer. Erleichtert schauten wir uns an. Ich glaube, hier wurden J.-C. und ich endgültig zu Freunden. Ich bewunderte seine Würde und seinen Umgang mit dem Schmerz. Er wiederum beschloss auf dieser Mole, Chais Urnengrab in Ipoh zu besuchen, und zwar am 49. Tag nach dessen Hinschied, dann, wenn sich nach buddhistischem Glauben Chais Seele wieder auf den Weg machen dürfte, ein neues Wesen zu beleben.

30. Januar 1998
Heute vor zwei Jahren weilte ich für ein paar Tage bei Ning im thailändischen Phuket. Ich war damit seiner Einladung gefolgt, die er in meinen schwierigen Tagen von Ipoh ausgesprochen hatte. Nachdem wir ein paar erholsame Tage auf Phee-Phee-Island verbracht hatten, kehrten wir rechtzeitig zur Hauptinsel zurück, um in einem Tempel diesen 49. Tag nach Chais Tod zu begehen.
Wir kauften auf dem Markt Orchideen, Jasminblüten und Essen, das wir in Plastic-Behältnissen den Mönchen mitbringen wollten. Wir schwangen uns aufs Moped und fuhren mit unseren Mitbringeln durch die wilde, feuchtheisse Landschaft. In der Obhut des Ortskundigen fühlte ich mich sicher und glücklich. Vor dem Tempel hiess er mich dann die Schuhe ausziehen und Chais Name auf einen Zettel schreiben, damit die Mönche auch des Richtigen gedachten. Dann musste ich, einem Hindernislauf gleich, diese und jene Statue küssen, Räucherstäbchen schütteln, mit der Stirn den Boden berühren, in diesen und jenen Topf etwas spenden, Goldpapierchen auf das Knie einer sitzenden Buddhastatue abreiben, den Rüssel eines hölzernen Elephanten streicheln…
Die ganze Prozedur bereitete mir grosse Befriedigung. Alles in mir floss, und ich fühlte mich so reich wie kaum je zuvor. Plötzlich kam mir Chais Vision wieder in den Sinn, die er einmal während einer seiner Schmerzattacken hatte. Damals verkündete er verheissungsvoll, er werde voraussichtlich als Schwarzer in Afrika wiedergeboren : „Very beautiful but very poor.“ – Augenblicklich griff in mir die Idee Raum, ihn dereinst in Afrika suchen zu gehen…
Abends auf der Terrasse eines Restaurants mit Blick über die Meeresbucht von Patong tranken wir Singha-Bier und assen thailändische Köstlichkeiten. Ich war Ning so dankbar. Wir sprachen über unsere Leben und unsere Zukunftspläne. Da hielt mein Gastgeber plötzlich inne und meinte, er hätte schon einen konkreten Wunsch, er würde damit aber überall nur Kopfschütteln und Unverständnis ernten. Doch unter den gegebenen Umständen hätte ich vielleicht Verständnis für seine Idee: Er präpariere nicht ungern Leichen, gestand er mir, und eigentlich möchte er gern ein Begräbnisinstitut eröffnen. Dieses Bekenntnis haute mich um. Sogleich anerbot ich mich als stillen Partner.
* * *
1. Juli 2010
Seit Chais Tod sind nun viele weitere Jahre ins Land gezogen, in welchen er sich kontinuierlich von mir entfernt hat. Es braucht heute schon starke Anlässe, sich seiner zu erinnern oder seiner zu gedenken. Das Requiem von Giuseppe Verdi ist so ein Anlass. Er liebte es über alles, vor allem dann, wenn er für sein Unglücklichsein keine Worte mehr fand, oder wenn er auf mich wütend war. Dann zog er sich in sein Zimmer zurück und hörte sich mit Kopfhörern so laut das Dies Irae an, dass ich es noch durch die verschlossene Türe vernehmen konnte.
Auch beim Song „It’s my life“ von Bon Jovi kommt mir Chai noch regelmässig in den Sinn. Das Lied beherrschte zu jener Zeit gerade die Hitparade. Als wir einmal auf ein Laborresultat mehrere Tage warten mussten und Chais Schmerzen unerträglich wurden, rief er den Arzt an und begründete seine Ungeduld resolut mit dem Satz „It’s my life…“
Meinem eigenen Tode aber bin ich seither 15 Jahre näher gerückt. Habe ich mich damit auch Chai wieder angenähert? Möchte ich ihm dereinst im Himmel oder wo auch immer überhaupt wieder begegnen? Soll ich mich jetzt in meinen alten Tagen noch nach Afrika aufmachen und seine Seele in einem schwarzen Ghetto suchen gehen? Oder liegt er im Paradies unter einer Bananenstaude, raucht seine Zigaretten und ignoriert mich womöglich, sollte ich ihn je antreffen, weil er immer noch böse auf mich ist?
Zwei Jahre nach seinem Tod zog ich meine Tagebuchnotizen hervor und schrieb den vorangegangenen Text. Nach jedem Tag las ich die entsprechende Passage meiner Freundin und Nachbarin D. vor. Sie war damals an Chais Abschiedsessen auch dabei und hatte die Süssspeise beigesteuert. – Mittlerweile ist sie selber eines qualvollen Todes gestorben, und ich musste im Kirchgemeindehaus von Schwamendingen-Mitte zu ihrem Abschied sprechen. Vorne war ein Altar in tibetischem Stil errichtet worden mit Blumen, Opfergaben und dem Konterfei der Verstorbenen. Ich beging den unverzeihlichen Fehler, mich hinter diesem Altar zum Rednerpult heranzuschleichen, statt vorne herum zu gehen und mich vor ihrem Bild noch zu verneigen. Vielleicht tat ich es nicht, weil ich sonst losgeheult hätte statt meine vorbereitete Abschiedsansprache vorzulesen.
Auch meine Mutter ist seit acht Jahren tot. Sie hatte Chai so geliebt, dass ich manchmal sogar etwas eifersüchtig wurde. Da herrschte eine enge Verbindung, und ich bin mir sicher, dass sich die beiden im Himmel oder sonstwo wieder über den Weg laufen und sich über diese Begegnungen sehr freuen.
Kurz nach Chais Tod tat ich mich mit einem Brasilianer zusammen. Er hiess H. Über dieser hastigen Verbindung jedoch herrschte ein strenger asiatischer Schatten. Ich rief ihn allzu oft Chai. Nach gut einem Jahr war es vorbei.
Ich hatte und habe immer noch die Absicht, das vorliegende Erinnerungstagebuch mit einem Postskript anzureichern. An diesem Punkt stehe ich jetzt und schreibe diese Zeilen in dieser Absicht. Ich könnte zum Beispiel hier erwähnen, dass ich fünf Jahre nach Chais Tod nochmals nach Ipoh reiste, mit Chais restlichen Bildern eingerollt unter dem Arm. Die ganze Familie empfing mich damals wie einen verlorenen Sohn und begleitete mich zum Felsentempel mit den vielen in die Mauern eingelassenen Urnengräbern. Wir brachten Blumen, gekochten Reis und Früchte mit. Seine Urne befand sich im Fach Nummer 8915. Man konnte das schmiedeiserne Türchen, an welchem ein ovales emailiertes Bild des jugendlichen Chai angebracht war, öffnen. Neben der Urne lagen sein Tagebuch und der vermodernde Wintermantel. Zwei rote fingerlange Halbmonde aus Holz befanden sich auch dort. Damit konnte man Kontakt zum Verstorbenen aufnehmen.
Nachdem wir die Blumen und Speisen als Opfergaben auf einem Klapptischchen ausgebreitet hatten, zündete Chais Mutter eine Zigarette an und steckte sie ihrem Sohn ins Urnenfach. Soll er doch ein paar Lungenzüge davon nehmen. Jetzt schaden sie ihm ja nicht mehr, er hatte sie doch immer so genossen. Dann schüttelten wir die Räucherstäbchen, und jeder von uns murmelte dazu ein Gebetchen. Zum Schluss wurde ich aufgefordert, mittels der beiden Halbmonde Kontakt zu Chai aufzunehmen. Ich wurde angeleitet, wie ich die beiden Gegenstände auf den Boden zu werfen habe. Je nachdem, wie sie zu liegen kamen, konnte man herauslesen, wie es Chai gehe und was er über einen denke. Ich warf also, worauf die Familie mir schonend beizubringen versuchte, dass Chai ganz offensichtlich immer noch böse auf mich sei, denn beide Halbmonde kamen auf die konkave Seite zu liegen, was nichts Gutes verhiess.
Jahre später verschüttete ein Erdrutsch einen Teil der Tempelanlagen. Die Urnen wurden evakuiert und auf andere Tempel verteilt. Als ich letztes Jahr meine Adoptiv-Familie in Ipoh wieder einmal besuchen ging, befand sich Chais Urne in einem modernen Grabstätten-Komplex unterhalb eines anderen Felsenhügels. Es war weniger muffelig dort, und man konnte das Auto unmittelbar neben den Urnengräbern parken.
Ich hatte Angst, wieder Halbmonde werfen zu müssen. Doch die Urne war diesmal eingemauert, Chais Geist konnte so nicht mehr entweichen. Diese Erfahrung veranlasste mich, gefahrlos das alte Manuskript wieder einmal hervornehmen und mich damit zu befassen.
Chai wollte seiner kleinen Welt in der malaysischen Provinz entfliehen und sah in Europa die Erfüllung seiner Sehnsüchte. Wenn ich aber den Entwicklungsverlauf der letzten 25 Jahre zwischen Asien und Europa vergleiche, so komme ich zum Schluss, dass seine Chancen eigentlich in Asien gelegen hätten. Hier bei uns gelangte er in ein gemachtes Nest namens Europa, während er in Asien an einem gigantischen Nestbau hätte teilnehmen können. Als wir den Schwerstkranken für die paar Stunden bei Verwandten in Kuala Lumpur zwischenlagerten, sah man vom Haus aus in der Ferne die beiden Petronas-Türme im Bau. Sie sollten für geraume Zeit die höchsten Wolkenkratzer der Welt werden.
Malaysia entwickelte sich in kürzester Zeit von einem Schwellenland zu einem modernen Staat, rodete Abertausende von Hektaren Urwald, pflanzte an dessen Stelle Ölpalm-Felder und machte den Schweizer Urwaldretter Bruno Manser, der seit dem Jahre 2000 als verschollen gilt, zum Staatsfeind Nummer eins. Tierschützer hingegen liess man gewähren. Sie errichteten zum Beispiel für heimatlos gewordene Orang Utans eine Auffang-und Auswilderungsstation. Sie befindet sich in der Nähe von Sandakan und heisst Sepilok Rehab Center. Auf einer Rundreise durch Sabah konnte ich diese bemitleidenswerten Tiere mit ihrem treuherzigen Blick beobachten, wie sie in einem vierphasigen Programm langsam wieder an den Urwald gewöhnt werden, nachdem sie von Rangers in oft erbärmlichem und ausgehungertem Zustand auf offenen Rodungen aufgelesen worden sind. Aber wohin sollen sie nur gehen, nachdem sie sich allmählich wieder an den Urwald gewöhnt haben? Da ist ja kaum einer übrig. Vom Flugzeug aus entdeckte ich längs der Flussläufe noch Grünstreifen, in welchem wohl Affen und Vögel um die Wette pfiffen und von Buschwerk zu Buschwerk jonglieren konnten, doch unmittelbar dahinter breiteten sich überall Palmöl-Felder aus, kilometerbreit und weit. Wahrlich kein Orang Utan-Land.
Ich buchte bei meinem Besuch von Sabah auch eine Vier-Tage-Dschungel-Safari und übernachtete an einem dieser Flüsse einige Male in einem Urwald-Camp mit Moskito-Netzen über den Betten. Der Zufall wollte es, dass zu dieser Zeit ein amerikanischer Fernsehsender ein Überlebens-und Abenteuer-Rennen durch Sabahs Rest-Dschungel veranstaltete. Während also die harten Männer mit Unterstützung einer Biermarke und einer Zigarettenfirma durch die Wälder streiften, Eidechsen jagten und Beeren pflückten, fuhr ihnen der Familientross von Urwald-Lodge zu Urwald-Lodge nach. Über TV-Satelliten-Schüsseln konnten wir dann abends bequem von der Hängematte aus an einem amerikanischen Sender mitverfolgen, was sich unweit von uns übertags alles abgespielt hatte. Die Ehefrauen und Kinder kreischten, wenn sie Daddy ausrutschen und ins Wasser plumpsen sahen. Wenn man denkt – bei all den Krokodilen dort. Einmal aber stieg der Generator aus und es wurde früher still als geplant.
Am letzten Tag gab es einen Urwald-Spaziergang zu einer Schwalbennest-Höhle. Sie gilt als eine der grössten der Welt und hat Ausmasse, welche die des Petersdoms von Rom bei weitem übertreffen. Heerscharen von Schwalben schwirren dort im fahlen Licht herum, welches gegen oben aber immer scharfkantiger wird, weil von einem seitlichen Loch her Sonnenstrahlen eindringen. Es stank bestialisch und die Begehung war ein glitschiges Unterfangen. Unser Führer beeindruckte uns mit der Bemerkung, dass unsere Körper in Kürze aufgelöst würden, sollten wir belieben in den aggressiven Kot zu fallen.
Ganz weit oben in der Kuppel dieser immensen Höhle hingen an Seilen Einheimische und ernteten Vogelnester, genau solche, wie Chai sie in den letzten Tagen seines Lebens von seiner Mutter noch eingeflösst bekommen hatte. Aufgekochte, glitschige Gallerte, ich habe das Zeugs nie ausprobiert.
Dort in dieser Höhle kam ich zum ersten Mal zum Schluss, dass ich jetzt von Chais Heimat womöglich mehr kannte, als er es zum Zeitpunkt seines Aufbruchs nach Europa tat. Ich empfand dabei keine Befriedigung, nur Bedauern, wie viel ihm dabei entgangen ist. Für mich aber begann sich in dieser Höhle allmählich das asiatische Tor zu öffnen, das mich in den darauffolgenden Jahren öfters nach China, Indonesien und Japan führte, alles Destinationen, die für Chai hätten eine genuine Bedeutung erlangen können. Er sagte schliesslich des öfteren, er sei mehr Chinese, als es auf den ersten Blick den Anschein mache. Es tönte wie eine Drohung, eine Grenzziehung. Wir Langnasen würden nie auf den Grund seines Wesens gelangen.
Seine gelegentlich gemachte Bemerkung barg aber auch ihr Gutes, indem ich nie, auch heute nicht, mir je die Mühe gemacht hätte, Chai in seinem Wesen gänzlich zu verstehen. Die Entdeckung der asiatischen Welt ging bei mir immer mit dem Eingeständnis einher, davon im Grunde nichts zu wissen und nichts zu verstehen. Die Reisen waren sozusagen Meditationen über die eigenen Grenzen und die Unmöglichkeit, diese zu überwinden. In meiner Auseinandersetzung mit ihm lernte ich eigentlich nur mich selber wirklich besser kennen, meine eigenen Fehler, meine Art, die zu Zuneigung aber auch zu Missverständnissen führen kann. Chai gab mir Gelegenheit, an ihm zu reifen. Sein Sterben war sein Geschenk für mich und eine Lektion der besonderen Art, bei welcher ich mit meiner eigenen Beschränktheit konfrontiert war. Bei Chai hatte ich mich plötzlich als jemanden erlebt, der sich nicht bis zur Selbstaufgabe aufopfert, sondern der sehr gut erkennen kann, wann die Erschöpfung ein Ausmass annimmt, die dringlich nach Gegenmassnahmen verlangt, auch wenn ich damit unverzeihliche Schuld auf mich lade.
Soll das der Schluss dieser Geschichte sein? Habe ich die Lektion über mich, die mir damals Chai so drastisch vor Augen geführt hatte, auch wirklich begriffen?
Man spricht zwar von einer Lektion, aber eigentlich wird einem in solchen Momenten lediglich vor Augen geführt, wer man ist, schon immer gewesen ist, der sich aber erst in Extremsituationen so zu erkennen gibt und sich ansonsten versteckt im Mäntelchen des zivilisatorischen Common Sense. Ich werde wohl in einer ähnlich gelagerten Situation nicht viel anders handeln können. In den extremen Momenten bleibt man allein: sowohl beim Sterben als auch beim Überleben…
© by Nikolaus Wyss