Dienstag, 4. Oktober 2022

Un po' di spaghetti alla bolognese

Lina Rossi in der Küche von Mutters Wohnung an der Winkelwiese 6
Ich kann ziemlich genau sagen, wieviele Male im Jahr mir Lina Rossi in den Sinn kommt: ein- bis zweimal. Nämlich immer dann, wenn ich ein Bolognese-Ragù zubereite. Sowas koche ich nur, wenn ich das Hackfleisch für ein Chili con carne oder für einen Braten nicht ganz aufgebraucht habe. Dann gibt es eben eine Bolognese, was nicht mehr als ein- bis zweimal im Jahr vorkommt.

Frau Rossi aus dem Friaul war die Haushaltshilfe meiner Mutter im fortgeschrittenen Alter. Sie kam einmal pro Woche vorbei und hielt nicht nur die Wohnung sauber, sie kochte auch das Mittagessen, und zwar in grösserer Menge, damit meine Mutter das Übriggebliebene später einfach aufwärmen konnte. 

Es kam vor, dass ich Frau Rossi antraf, wenn ich meine Mutter besuchen ging. Oft köchelte dann auf dem Herd gerade eine Bolognese-Sauce vor sich hin und verströmte ihren appetitanregenden Geruch in der ganzen Wohnung. Eine Stunde lang. Besser zwei. Bis alles sämig war. Frau Rossi erklärte immer wieder gern aufs Neue, worauf es dabei ankam: bei sehr kleinem Feuer lange kochen. Den Deckel einen Spalt breit offenlassen, im Laufe der Zeit mit Wasser etwas nachgiessen, damit die Sauce flüssig bleibt und nicht anbrennt. Weitere Schlüsselwörter von ihr waren jeweils "un po": un po' di olio d'oliva, un po' di passata di pomodoro, un po' d'aglio und so weiter. Und zum Schluss: un po' di burro. Ich wartete jeweils noch auf den Hinweis "un po' di vino rosso", der allerdings stets mit einiger Verzögerung vorgebracht wurde, denn Alkohol war in ihrer Familie ein leidiges Thema. Ihr Mann war ihm allzufest zugetan, so dass der Gutsch Wein in der Sauce einer kleinen Sünde gleichkam.  

Meine Mutter konnte es gut mit Frau Rossi. Sie besuchte ihre Familie manchmal in Seebach draussen und wurde dabei wie eine Königin empfangen. Herr Rossi zeigte sich stets von der besten Seite und liess seinen lateinischen Charme spielen, und die halbwüchsigen Kinder zogen sich extra schön an, wenn sie zu Besuch kam. Die Tochter Francesca konnte anpacken und war ehrgeizig. Die Schulen schaffte sie mit Bravour. Die zwei Söhne hingegen, deren Namen mir entfallen sind, waren eher von sanfter Natur und wirkten schüchtern und fragil. Doch wenn es bei meiner Mutter in der Wohnung etwas zu reparieren oder anzustreichen galt, waren sie immer zur Stelle. Ja, meine Mutter stattete einmal sogar einen Besuch bei der Familie Rossi im Friaul ab.  Daraus entstand ein Text, der glaub ich in ihrem Lesebuch "Das blaue Kleid" publiziert wurde. Da ich aber schon fast aus Prinzip die Bücher meiner Mutter nie las, kann ich das nicht genau belegen. 

Mir schien, dass sich die beiden Frauen in bestimmten sprachlichen Dingen im Laufe der Zeit annäherten. Aus dem Mund meiner Mutter meinte ich immer öfters Diminutive zu hören, wenn es um Quantitäten ging. Sie antwortete zum Beispiel auf die Frage, ob sie noch etwas Wein möchte, mit "nur ganz weneli" (nur ganz wenig). Oder wenn sie sich zum Mittagsschlaf hinlegte, so ruhte sie sich "nur es bitzeli" (nur ein bisschen) aus. Sie wurde öfters "e chli" (ein wenig) müde, und wenn es ihr zu viel wurde, dann bezeichnete sie es "es Spürli zvill" (eine Spur zuviel). 

Was der einen die Sauce war, waren der anderen ihre Empfindungen. Wobei ich glaube, dass ihre Gefühle um ein Vielfaches stärker waren, doch sie wurden in Rossi'scher Art gefiltert und auf ein undramatisches Niveau eingekocht. Dies war umso erstaunlicher, als meine Mutter gleichzeitig gewisse Dinge, die ich für nicht so schlimm hielt, mit Worten wie "grauenhaft" oder "wahnsinnig" bezeichnen konnte. Auch diese hemmungslosen Urteile schienen mir bei ihr im Verlaufe des Alterns inflationär. Ein Auseinanderdriften also von einer von Bescheidenheit getriebenen Sanftmut und übertriebener Erschrockenheit.

Frau Rossi habe ich aus den Augen verloren. Ist sie ins Friaul zurückgekehrt? Was ist aus ihren Kindern geworden? Wobei: diese Fragen interessieren mich eigentlich nur "es bitzeli", nicht so, dass ich sie jetzt wirklich beantwortet haben möchte. Die Erinnerungen genügen mir vollauf mit der jährlichen Würdigung ihres Wirkens beim Kochen meiner Bolognese-Sauce.

©Nikolaus Wyss  

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Montag, 19. September 2022

Die Bussfahrt



Tatort: Panaderia Pola in Guaduas, Cundinamarca, Kolumbien
 Dieser Text ist dem Direktionspräsidenten der FHNW, Prof. Dr. Crispino Bergamaschi, freundschaftlich zugeeignet, der während seines Sabbaticals im Herbst 2021 drei Monate in unserem Haus in Bogotá, Kolumbien, verbracht hat, dabei fleissig Spanisch lernte und online erfolgreich einen Programmierkurs in Künstlicher Intelligenz absolvierte. Man frage mich bloss nicht, wie der Fachausdruck dafür lautet.

 Nach über dreistündiger, anstrengender Berg- und Talfahrt, wo uns einmal ein entgegenkommender Bus bei seinem Überholmanöver bedrohlich nahe kam, wo uns Kolonnen von schweren Lastern das Fahren im Schneckentempo aufzwangen, und wo jede Kurve als Abenteuer abgebucht werden kann, hatte ich als Fahrer das dringende Bedürfnis, auf unserer Fahrt nach La Dorada in Guaduas einen Zwischenhalt einzulegen. 
Kennt man dieses Guaduas nur von der staubigen Durchgangsstrasse her, so würde ich es als einen der hässlichsten, ungemütlichsten und lärmigsten Orte von ganz Kolumbien bezeichnen. Erst später hat mir das Internet vor Augen geführt, dass sich hinter dieser unwirtlichen Hauptstrasse dem Touristen ein historisches Bijou auftun würde, ein hübsches Städtchen mit viel Geschichte. Das wussten wir damals aber nicht. Uns ging es nur um eine erholsame Erfrischung. Wir kehrten in der Panaderia Pola ein,  zufällig, und ich wunderte mich noch, wie eine Bäckerei zu so einem Namen kommt, denn eine Pola bedeutet in Kolumbien eine Dose Bier. Auch hier löste später das Internet das Rätsel: Policarpa Salavarrieta Ríos, genannt la Pola, wurde hier am 26. Januar 1795 geboren und prägte sich während der Unabhängigkeitskämpfe als tapfere Spionin ins Geschichtsbewusstsein Kolumbiens ein. Sie büsste übrigens ihren Einsatz mit dem Leben. Sie wurde in Bogotá am 14. November 1817 von den Spaniern exekutiert.
Wir aber tranken dort bloss unseren Kaffee, assen ein Biscuit und kauften uns für unterwegs noch eine Flasche Wasser. Es war klar, dass hier für uns kein Ort zum Verweilen ist. Wir benützten noch schnell die Gelegenheit für den Besuch der Toilette, und schon befanden wir uns auf der Weiterfahrt.
Wir waren schon fast eine weitere Stunde unterwegs, da stellte Reisegefährte Pino die Frage, wieviel er mir für die Konsumation in Guaduas noch schulde. Und ich: Hast nicht du bezahlt? - So kamen wir unverhofft zum unangenehmen Schluss, in die Geschichte Guaduas wohl als Zechpreller einzugehen - wenn wir nicht  unverzüglich zurückkehren würden. Letzteres verwarfen wir aber, denn diese Aktion schien uns dann angesichts des recht geringen Betrags doch etwas zu aufwändig. Gleichwohl beschäftigten uns, als besonders korrekte Schweizer, diese Schulden noch einige Male, verpackten sie zwar in ein Witzchen hier und ein Spässlein da, aber sie blieben irgendwie hängen. 
Nun ergab es sich, ein gutes Jahr nach diesem Vorfall, dass mich der Weg, allerdings mit anderer Begleitung, wieder durch Guaduas führte, und ich nahm mir bei dieser Gelegenheit vor, die Schulden von damals zu begleichen. Wenn ich allerdings im Vorfeld von meiner Absicht erzählte, belächelte man mich mitleidig. Niemand hielt es für angebracht oder gar für notwendig, auf unsere damalige Unterlassung zurückzukommen. 
Ich aber machte es mir zur Aufgabe, in Guaduas einen Zwischenstopp einzulegen, um unsere Unterlassung von damals wieder gutzumachen. Ich stieg aus und erkundigte mich im Pola nach der Geschäftsleitung. Die Serviertochter antwortete, heute sei Sonntag, sie und ihre Service-Kolleginnen seien heute allein im Lokal zugange, das übrigens zu dieser Stunde voll mit Leuten war. Es schien, als ob Leidi Maria, so hiess sie, auf mein Anliegen nicht gerade gewartet hätte. Hier ein Café con leche, dort ein Tinto, da hinten ein paar trockene Süssigkeiten und ein Orangensaft, und ein paar Gazeosas an einen weiteren Tisch, bitteschön. Gleichwohl versuchte ich ihr im Gedränge zu erklären, was vor einem Jahr vorgefallen war. Sie meinte darauf: so zeigen Sie mir doch bitte die Rechnung von damals. Ich sagte, wir hätten gar keine Rechnung erhalten, weil wir es ja unterliessen, danach zu fragen. Beide seien der Meinung gewesen, der andere hätte die Rechnung bezahlt, während man selber auf der Toilette weilte... 
Ich glaube, sie hielt mich für verrückt oder zumindest für sehr seltsam. Als ich ihr einen Geldschein, dessen Wert weit über unsere Schulden hinausging, überreichte und sagte, das Geld gehöre nicht ihr  persönlich sondern der Kasse, verstummte sie ganz und liess mich stehen. Ich folgte ihr und wiederholte: das sei kein Trinkgeld und schon gar keine Spende, sie solle diese 50.000 Pesos vielmehr der Kassiererin überreichen und erklären, dass ich gekommen sei, die Schulden von damals gutzumachen. Und der Restbetrag decke unser schlechtes Gewissen. Ihr unverständiger Blick wird mich noch eine Zeitlang verfolgen, so, wie mich früher diese Schulden verfolgt haben. Hatte ich freudige Dankbarkeit erwartet?
Ich verzog mich und kehrte etwas ratlos zum Auto zurück. Statt Erleichterung machte sich jetzt Befremden breit. Über mich. Über die Situation - ein Gefühl, vor welchem ich gottseidank jahrzehntelang verschont geblieben bin. Doch jetzt war es plötzlich wieder da.
Ich war mir in diesem Moment so etwas von peinlich und kam mir nur noch kautzig vor. Unsere Schulden von damals spielten hier nach einem Jahr doch keine Rolle mehr. Und ich stellte Leidi Maria vor ein Problem, womit sie nichts anzufangen wusste. Wie soll dieses Geld bloss verbucht werden? - Jetzt, noch bevor ich wieder ins Auto einstieg, stellte sich der Wunsch ein, die Serviertochter würde das Geld für sich selbst behalten und es als unverhofftes Geschenk betrachten. Und noch mehr wünschte ich mir in diesem Moment, sie wären uns vor einem Jahr hinterhergerannt und hätten uns als Zechpreller beschimpft, als wir Anstalten machten, das Lokal zu verlassen ohne zu bezahlen. Das hätte das System wieder in Ordnung gebracht. Aber so...     
  
 
 
©Nikolaus Wyss
 

Mittwoch, 7. September 2022

Carlos Wiston - mein Freund jener Tage


  
Es ist zuweilen nicht unwichtig, den Rahmen zu kennen, in welchem sich eine Geschichte oder ein Gefühl entwickelt. Im Herbst 1970 war es so, dass ich von Europa nach Lateinamerika aufbrach in der Absicht, fernab heimatlicher Zwänge mein eigenes Leben zu gestalten. Nach zweiwöchiger Schifffahrt auf der MS Donizetti landete ich, von Genua aus und nach Zwischenstopps in den Häfen von Neapel, Barcelona und Las Palmas, in La Guaira, dem Hafen von Caracas.

Ich fühlte mich von Anbeginn in diesem Venezuela ziemlich verloren. Ich sprach kaum Spanisch, alles war für meine Verhältnisse so fremd und zu teuer, und die zwei Adressen, die ich mit mir führte, erwiesen sich beide als Sackgassen. Es handelte sich dabei um ausgewanderte Europäer, die dort zu Reichtum gekommen sind, mich zwar in ihren scharfbewachten Villen am Stadtrand freundlich zum Tee empfingen, gleichzeitig aber in ihrem grossbürgerlichen Verhalten den Beweis erbrachten, dass wir uns weder praktisch noch emotionell etwas zu sagen hatten. Sie lebten in ihrer Welt aus Privatflugzeugen, viel Personal und gepanzerten Limousinen. Ich hingegen, in Jeans und mit Flaumbart, hatte gerade mal Ersatzwäsche, Zahnbürste, das South America Travel Handbook und Imodium im Gepäck, und im Gürtel mit Reissverschluss ein paar Travellers Cheques, die ich mir in der Schweiz für diese Reise auf der Blick-Redaktion und bei der Werbeagentur Rothenhäusler zusammengespart hatte. Meine Gastgeber in Caracas hingegen leisteten sich ab und zu Shoppingtouren nach Miami oder New York City und liessen ihre Kinder an Schulen und Universitäten in den USA oder in Europa ausbilden. Klar, dass sie auf der einen oder anderen Karibik-Insel auch noch ein Ferienanwesen oder eine Bananen- oder Kaffeefarm unterhielten. Netterweise luden sie mich sogar ein, dort einmal ein Wochenende zu verbringen. Doch das eine Mal vereitelte schlechtes Wetter den Anflug, das andere Mal war ich es selbst, der die Einladung ausschlug, weil ich in meinem Unwohlsein schon so weit fortgeschritten war, dass ich hastig Reisevorbereitungen traf, um in Richtung Westen aufzubrechen.

Bald schon fuhr ich mit dem Bus dem Land entgegen, wovor mir in Venezuela wirklich alle abrieten: nach Kolumbien. Dort seien Diebe und Drogenbanden zuhause, der Alltag würde von bürgerkriegsähnlichen Zuständen, Schmutz und Korruption beherrscht, und zu essen gebe es nicht viel mehr als Kartoffeln, Reis und Kochbananen. Deshalb würden viele Kolumbianer nach Venezuela fliehen und damit leider auch das zivilisatorische Niveau und den Wohlstand des reichen Ölstaates bedrohen. Kolumbien hingegen sei stinkbillig, hiess es. Letzteres liess mich wegen meinen bescheidenen ökonomischen Verhältnisse natürlich aufhorchen und generelle Bedenken hintanstellen.

 Auf der langen Reise ins «gelobte» Land leistete ich mir einen Zwischenhalt in Mérida und fuhr mit der Gondelbahn zum Pico Espejo hinauf. Auf der 4765 Meter über Meer befindlichen Bergstation empfing mich dichter Nebel. Die Sicht betrug geschätzte drei Meter. Die Höhe machte mir zu schaffen. Sie verursachte Schwindelgefühle und starkes Kopfweh. Es war kalt, feucht und windig, und das Bergrestaurant geschlossen. Für mich ein weiterer Beweis, dass Venezuela nicht mein Land sein konnte. Auf der Weiterfahrt zur kolumbianischen Grenzstadt Cucutá überfuhren wir dann noch eine fette Sau. Der Chauffeur hielt es aber nicht für nötig, deswegen anzuhalten.

Nun gut. Auf den ersten Blick unterschied sich Kolumbien in nicht so vielem von Venezuela. Es gab auch hier durchaus verkehrstüchtige Busse, die Leute waren nett und nicht so ruppig, wie sie mir in Caracas geschildert worden sind. Ich meinte sogar zu spüren, dass sich die Kolumbianer ihres schlechten Rufes bewusst waren und sich gerade deshalb besonders zuvorkommend und freundlich zeigen wollten. Was mich aber am meisten freute, waren die Preise fürs Essen und für die Unterkunft, die ich mir hier ohne unmittelbaren Existenzängste leisten konnte.

Später, in der hochgelegenen Hauptstadt Bogotá, hatte ich das Glück, eine Adresse mit mir zu führen, die mir einen Job in der Buchhandlung Buchholz ermöglichte. Der wirblige Patron Karl Buchholz mit seinem schlohweissen Haar und seiner sehr deutschen Diktion im Spanischen verfügte über eine bewegte Buchhändler- und Kunsthändler-Vita. Man munkelte damals, dass er mithalf, in Nazi-Deutschland entartete Kunst loszuschlagen. Nach Stationen in Berlin, Madrid, Lissabon und New York führte ihn seine Laufbahn zum Schluss nach Bogotá, wo er damals zwei Geschäftslokale betrieb. Das eine im Stadtzentrum an der Avenida Jimenez, das andere im damaligen Norden der Stadt, in Chapinero, welcher heutzutage nicht mehr als Norden bezeichnet werden kann, weil sich die Stadt mittlerweile so viel weiter nach Norden ausgedehnt hat, dass man heute auf der Strassenkarte Chapinero in der Mitte der Stadt findet.  

Meine Chefin war Mary, verantwortlich für das internationale Sortiment im Hochparterre. Sie kam aus Buenos Aires und war mit einem Kolumbianer verheiratet. Sie nahm sich meiner an und lud mich ab und zu bei sich zu Hause zu einem Churrasco ein. Dort lernte ich die Notwendigkeit kennen, vor dem Essen erst einmal ein paar Züge Marijuana zu rauchen. Das zähe Stück Fleisch liess sich nachher leichter kauen und geniessen.

Ich wohnte bei einer Schriftstellerfamilie mit drei Kindern, die alle süss waren, mich liebten und mir ab und zu eine Zeichnung unter dem Türspalt in mein Zimmer schoben. Abends schrieb ich Texte, die mich in der Meinung bestärkten, eigentlich sei ich Schriftsteller, was natürlich nicht stimmte, denn die damit einhergehende, quälende Einsamkeit hielt ich kaum aus und konnte sie schon gar nicht nutzen für kreatives Arbeiten. Die Buchhandlung blieb mir aber, offen gestanden, auch fremd. Ich bekam mit, wie alle über alle anderen schlecht sprachen. Buchholz pflegte dann noch Oel ins Feuer zu giessen, indem er mich des Öfteren wissen liess, dass den Kolumbianern nicht zu trauen sei. Er sang das venezolanische Lied: Diebe seien sie hier und Falschspieler, und Mischlinge würden eh nicht über eine gute Erbmasse verfügen.

So ungefähr war der Rahmen, in welchem ich Carlos Wiston in der Verpackungsabteilung der Buchhandlung kennenlernte. Er repräsentierte genau den Menschentyp, mit welchem der deutsche Chef so grosse Mühe bekundete. Ich hingegen entdeckte in Carlos Wiston einen jungen Mann, der zehnmal belesener war als ich und in der Buchhandlung eigentlich an meiner Stelle hätte arbeiten müssen. Er verdiente gut ein Drittel weniger als ich, zögerte aber, schlecht zu reden über den Inhaber. Das verlieh ihm eine gewisse Würde, seine Leidensfähigkeit transformierte sich bei ihm zur Noblesse. Ich begann ihn zu bewundern. Wir gingen von jetzt an oft zusammen mittagessen, wobei die Suche nach einem Restaurant zuweilen zu einer nervenaufreibenden Tour verkam. Er konnte sich kaum je für ein Speiselokal entscheiden, meinte aber, die Suche erhöhe immerhin den Appetit. Jeder eingesparte Peso galt ihm als Triumph. Um Geld jedoch ist er mich nie angegangen, dafür war er zu stolz.

Ich fragte ihn einmal, wieso er Carlos Wiston heisse und nicht so, wie man es erwarten würde: Winston. Die Antwort: Sein Vater bewunderte Winston Churchill und wollte seinen Erstgeborenen unbedingt auf den Namen des britischen Kriegspremierministers taufen lassen. Doch beim Zivilstandsregister ging etwas schief, denn der Beamte vergass das N im Namen, so dass in allen amtlichen Papieren Wiston zu stehen kam, ohne N. – Um Schwierigkeiten und Missverständnisse zu vermeiden, gewöhnte sich Winston an, sich selbst Wiston zu nennen und – vor allem – als Wiston zu unterschreiben. Mir hingegen kam sein ungewollter Name insofern gelegen, als er mich ans englische «wisdom» erinnerte, also genau an die Art von Weisheit, die ich bei ihm zu entdecken glaubte.

Mit Wiston sah ich zum ersten Mal auch ein Fussballspiel im Stadion Campin, und mit Wiston fuhr ich nach Cartagena ans Meer. Wir logierten im Gestemani-Quartier an der Halbmondstrasse. Kaum angekommen, führte sein erster Weg in eine Apotheke, wo er – ungefragt – für mich Kondome kaufen ging, denn vor unserem Hostel standen die Prostituierten Schlange. Ihm zuliebe liess ich mich sogar auf eine hübsche, junge Frau ein und verbrachte bei ihr, zum eigenen Erstaunen, ein paar wunderbare Tage.

Meine Neigung zum eigenen Geschlecht aber war kein Thema. Sie fand keinen Platz in unserer Freundschaft, sie wäre, dies meine scheue Einschätzung, der Reinheit unserer Beziehung abträglich gewesen. So aber konnten wir an einer Art von Freundschaft arbeiten, die ich schon fast als ideal bezeichnen würde. Wäre ich je darauf angesprochen worden, ich hätte Carlos Wiston in jenen Tagen unumwunden als meinen besten Freund bezeichnet und dabei die Ergänzung unterlassen, dass er damals auch mein einziger Freund war, den ich hatte.

Klar, da waren noch meine Freunde von vor meiner Abreise. Der eine schrieb mir von seinen Studien an der Harvard University, der andere studierte Geschichte und wollte Diplomat werden, und der dritte berichtete in langen Briefen von seinen Mädchen und von seinen Depressionen, die ihn später in den Selbstmord treiben sollten. Und hier in Bogotá pflegte ich Kontakt zu ein paar Schweizern, die für ein Hilfswerk unterwegs waren. Sonntags stiess ich zu ihnen und half mit bei der «concientización» von Armenvierteln, wie man das damals nannte, auf Deutsch: Bewusstwerdung. Man verteilte Flugblätter, organisierte Suppenessen, hielt Versammlungen ab und stachelte die Bevölkerung auf, sich gegen staatliche Übergriffe zu wehren. Das Viertel Pardo Rubio zum Beispiel, das über dörfliche Strukturen verfügte und ganz oben am Hang klebte mit fabelhafter Aussicht auf die ganze Stadt, sollte wegen einer Schnellstrasse, der Circumvalar, aufgerieben werden. (Zum Schluss hatten die Proteste nichts bewirkt, doch damals wog man sich noch im Glauben, das Projekt bei genügender Mobilisation abwehren zu können.)

Ich nahm ein paarmal Carlos Wiston ins Pardo Rubio mit, musste aber erkennen, dass die Schweizer kein grosses Interesse bekundeten, ihn als meinen Freund anzuerkennen. Das lag vielleicht auch an seiner eigenen, reservierten Haltung gegenüber unseren Aktivitäten, denn er hielt sie für reichlich idealistisch und nutzlos. Er jedenfalls, der aus ähnlich ärmlichen Verhältnissen stammte wie die Leute in diesem Viertel, konnte unserem Wirken nicht viel abgewinnen. So blieb ich etwas allein mit meinem besten Freund, was einerseits meine Gefühle für ihn verstärkte und andrerseits mich aber auch daran hinderte, ein richtiger Revolutionär zu werden. Denn aus diesem Kreis von damals erwuchs tatsächlich so etwas wie eine umstürzlerische Zelle, welche Sprengkörper zu Hause im Badezimmer versteckt hielt und auch einen Anschlag auf eine Polizeistation verübte. Typischerweise wurden darauf Einheimische verfolgt und verhaftet, während die ausländischen Agitatoren, ergänzt mit kolumbianischen Studenten aus gutem Hause, untertauchen und ins Ausland fliehen konnten. Doch das geschah, als ich schon wieder in die Schweiz war, als Kellner und als Co-Therapeut in einer kinderpsychologischen Praxis arbeitete und nebenher Ethnologie studierte.

Von meinem Ausflug nach Cartagena kehrte ich übrigens alleine nach Bogotá zurück. Carlos Wiston musste noch schnell einen Abstecher nach Santa Marta machen, um ein Mädchen, das ihm bei früherer Gelegenheit schöne Augen machte, aufzusuchen. Als er wenige Tage später und arg enttäuscht, weil aus der Romanze nicht mehr wurde, in der Verpackungsabteilung der Buchhandlung Buchholz wieder auftauchte, wurde er fristlos gefeuert wegen nichtrechtzeitigen Erscheinens zur Arbeit.

So ging das erste Kapitel unserer Freundschaft zu Ende. Von da weg mussten wir abmachen, um uns zu sehen. Die regelmässigen Mittagessen blieben aus. Er arbeitete jetzt als selbständiger Buchvertreter und reiste mit irgendwelchen Schrottpublikationen im ganzen Land herum und versuchte diese den Papeterien, welche auch noch ein bescheidenes Buchsortiment führten, anzudrehen.

Und ich selbst, von Depressionen gepeinigt, musste langsam einsehen, dass ich den kolumbianischen Herausforderungen nicht gewachsen war. Ich trug mich mit dem Gedanken, in mein Heimatland zurückzukehren und dort psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, was dann, mit einiger zeitlicher Verzögerung, auch geschah.

Wir schrieben uns noch, Carlos Wiston und ich, aber die Briefe erwiesen sich als etwas anstrengend. Mein Spanisch war dafür zu wenig entwickelt und fiel gegenüber den Ausführungen von Carlos Wiston dermassen ab, dass ich mich nur noch schämte. Übersetzunghilfen von Google gab es damals noch nicht. So versiegte die Korrespondenz allmählich, auch wenn das Gefühl blieb, einen Freund in Kolumbien zu wissen.

***

Es muss Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein, als ich mich anschickte, Kolumbien wieder einmal zu besuchen. Das Land versank damals gerade in den Wirrnissen der Drogenkriege und Guerillakämpfe. Ganze Talschaften befanden sich auf der Flucht. Sicherheitskräfte, Lehrpersonal und die Beamtenschaft machten sich jeweils als erste aus dem Staub und liessen die hilflose, verängstigte Bevölkerung allein zurück, wo sie von Paramilitärs, Guerilleros oder von regulären Streitkräften (Stichwort: falsos positivos) entweder massakriert oder vertrieben wurden, wenn sie sich nicht den neuen, rücksichtslosen und brutalen Herrschern bedingungslos unterwarfen. Meiner Unwissenheit und Naivität ist es aber zuzuschreiben, dass ich trotz allem ein Flugbillett löste, um Carlos Wiston wiederzusehen. Wobei mich der Gedanke streifte, auch er könnte Opfer dieser violenten Zeiten geworden sein. Vielleicht würde ich wenigstens seine Hinterbliebenen ausfindig machen, um mit der mir noch unbekannten Witwe sein Grab aufzusuchen und dort eine weisse Rose niederzulegen.  

Ich erinnere mich noch, dass ich einen Moment lang enttäuscht war, als ich, in Bogotá eingetroffen, ohne Umwege seine Adresse fand - ohne Abenteuer und Romantik. Ich rief an, er meldete sich, und wir machten auf den nächsten Tag in der Nähe des Goldmuseums ab. Dort tauchte er mit einer ganzen Kinderschar auf. Ich glaube, es waren fünf. Oder sechs. Sein Haar war etwas angegraut, doch sein strahlendes Lachen und seine vornehme Art kamen mir vertraut vor.

Er erzählte, dass er eine Zeitlang als Vertreter von Haushaltsgeräten gutes Geld machte, doch später wieder aufs Buchgeschäft zurückgekommen sei. Und die Kinder? Seine damalige Frau schenkte ihm fünf Töchter. Leider verstarb sie im Kindbett der letzten. So wurde Carlos Wiston alleinerziehender Vater, gab aber den Wunsch nie auf, noch einen Sohn zu zeugen. Als die älteste Tochter, sie war damals vielleicht 16 Jahre alt, eine Schulfreundin heimbrachte, schien der Zeitpunkt gekommen, diesen Wunsch in Tat umzusetzen. Sie schenkte ihm einen Sohn und wurde zu seiner zweiten Ehefrau.

Ich schreibe freihändig, das heisst, aus der Erinnerung. Es könnte sich auch etwas anders zugetragen haben. Festgesetzt hatte sich allerdings der Eindruck, dass die alten freundschaftlichen Gefühle für ihn nicht mehr dieselben waren. Während ich mir eingestehen musste, wohl keine Familie gründen zu können, er aber das Hohelied der Familie sang, entglitt mir die Lust, ihm von meinem eigenen Leben zu erzählen, um so auf Augenhöhe die alte Freundschaft zu retablieren. Ich kam mir als weitgereisten Versager vor. Ich hatte nichts zu berichten, was sein Familienglück hätte aufwiegen und ihn hätte interessieren können.

***

Das zweitletzte Kapitel dieser Freundschaft jener Tage trug sich um meinen 50. Geburtstag herum zu. Ich hatte den Ehrgeiz, zu diesem Fest Freunde aus allen Lebensphasen einzuladen. Ich war damals Rektor der Kunsthochschule Luzern und in der Lage, auch eine weite Reise zu finanzieren. Deshalb kontaktierte ich auch Carlos Wiston und wollte ihn an diesem Anlass dabeihaben. Er antwortete überrascht, doch auch mit Freude.

Wenige Tage vor seinem Abflug jedoch, am 25. Januar 1999, bebte die Erde in Kolumbien. In Armenia, Quindío, zeigte die Richterskala 6,1 Punkte an. Die Provinzhauptstadt wurde zu grossen Teilen dem Erdboden gleichgemacht. Die Eltern von Carlos Wiston wohnten dort. Er musste hinfahren und zum Rechten schauen und sagte seine Teilnahme am Geburtstagsfest ab.

Wir sahen uns nie mehr. Auch nicht, als ich Ende 2016 nach Kolumbien übersiedelte. Ich entdeckte ihn zwar auf Facebook, jetzt mit seinem eigentlichen Namen Carlos Winston. Doch die vielen Einträge seiner weitverzweigten Familie, wo sich eine Taufe an die andere reihte, wo sich Fotos von Hochzeits- und Geburtstagsfesten mit vielen bunten Ballonen und Herzchen im Hintergrund kumulierten, und Carlos Winston, jetzt ein alter Mann, von allen liebevoll umsorgt schien, hielten mich irgendwie davon ab, den Schritt auf ihn zuzutun.

Als ich kürzlich seine Seite wieder aufschlug, las ich unter dem Datum 10. Mai 2020 folgenden Eintrag von Carolina, und ich nehme an, es handelt sich dabei um eine seiner Töchter: «Mein Väterchen, du bist heute von uns gegangen, aber du bleibst uns lebendig und bist eintätowiert in unseren Gedanken und Herzen. Wir lieben dich.» Und am 4. Juni desselben Jahres schrieb Monik, wohl eine andere Tochter: «Mein wunderbarer Papa, heute würdest du einen weiteren Geburtstag feiern, doch jetzt weilst du beim Lieben Gott. Ich vermisse dich sehr. Alles Gute einem weiteren Engel im Himmel. Mein Papito, ich liebe dich.»

***

Ich weiss nicht recht, wie ich diesen Text zu einem befriedigenden Schluss bringen soll. Texte verlangen nach einer gewissen Dramaturgie und nach einem Sinn, wozu sie überhaupt geschrieben worden sind. Erinnerungen hingegen hängen in der Luft, einer Wolke gleich, aus welcher manchmal Wehmut tropft.



© Nikolaus Wyss

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Mittwoch, 17. August 2022

Der 20. Todestag

Ich weiss nicht, ob es ein Ritual gibt, den 20. Todestag der eigenen Mutter zu begehen, der man immerhin sein Leben und sein eigenes Werden verdankt? Manche begeben sich vermutlich zum Friedhof und legen gedankenvoll ein paar Blumen aufs Grab. Oft ist dies das letzte Mal, weil in vielen Gemeinden die offizielle Liegezeit nach 20 Jahren zu Ende geht. Gut, Verlängerungen sind auf Antrag möglich, sofern Platz vorhanden und man willens ist, dafür zu bezahlen. Ich bin gespannt, ob die Stadtverwaltung mich bald über die Aufhebung des Urnengrabes orientieren wird, oder ob sie damit noch etwas zuwartet, vielleicht auch im Wissen darum, dass meine Mutter zu ihren Lebzeiten als Journalistin und Schriftstellerin in der Öffentlichkeit eine gewisse Rolle gespielt hat. Im Friedhof Rehalp jedenfalls werden von unbekannten Besucherinnen immer mal wieder Steinchen auf ihren Grabstein gelegt, was besagt, dass sie für manche noch in lebendiger Erinnerung geblieben ist.

Meine Mutter starb am 21. August 2002. Ich schrieb darüber unter dem Titel Die Mutter als Leiche einen Text. Er stammt aus dem Jahre 2018 und wurde bis dato 1012 Male angeklickt. Er fand auch in meinem Büchlein Auf dem Amakong Eingang.

Es wird mir nicht möglich sein, an diesem Tag Blumen auf ihr Grab zu legen. Ich lebe seit geraumer Zeit in Kolumbien, 9075,06 km Luftlinie von Zürich entfernt, wohin ich schon einmal, anfangs der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, auswanderte, es damals aber nicht schaffte, dort richtig Fuss zu fassen. Meine Mutter wollte mich damals in Begleitung ihrer Freundin, der Modeschöpferin Hilde Haller, besuchen kommen. Doch ich lehnte entschieden ab. Zu unfertig kam ich mir selber vor, und den Blick meiner Mutter, von welcher ich mich damals eigentlich emanzipieren wollte, hätte ich kaum ausgehalten. Aus heutiger Sicht tut mir diese Rückweisung leid.

Und noch etwas kommt mir in diesem Zusammenhang in den Sinn. Ich fuhr damals den Amazonas hinunter. Auch darüber habe ich geschrieben. Allerdings liess ich folgende Begebenheit aus: am Schluss meiner Flussreise, in Belém, wurde mir sämtliches Gepäck gestohlen. Ich trat die Weiterreise nach Brasília und São Paulo ohne Kleider zum Wechseln und ohne Geld an, ausgestattet lediglich mit einem Busbillett und dem Reisepass. Beides hatte ich beim Raub in meiner Unterhose versteckt gehabt.

Diese mehrtätige Busreise durch den Dschungel ohne Gepäck und Cruzeiros vermittelte mir das wohl grösste Glücksgefühl, das ich in meinem Leben je empfunden habe. Die Mitreisenden spendeten mir etwas zum Essen, bezahlten mir unterwegs sogar einen Duschgang, und ich gab mich leichtsinnig, ja, euphorisch der Meinung hin, das sei das wahre Leben: Mittel- und sorglos vorwärtszukommen.

In São Paulo jedoch war es winterlich kalt, und ich suchte das Schweizer Konsulat auf, um etwas Geld für einen Pullover und für Unterwäsche zu erbitten. Dort empfing mich Madame Mazloum. Bei ihr musste ich mein schitteres Französisch hervorklauben. Sie erkundigte sich natürlich auch nach meinem Elternhaus, worauf sie meiner Mutter nach Zürich kabelte. Einen Tag später überreichte mir Mme Mazloum im Auftrag meiner Mutter Geld im Wert von 500 Franken. Damals viel Geld! Statt Dankbarkeit zu bekunden, wurde ich aber wütend: Jetzt habe ich doch eine so weite Reise unternommen, um mich endlich selbständig zu fühlen, und plötzlich hänge ich wieder am rettenden Rockzipfel meiner Mutter! In diesem Moment vermochte ich nicht zu erkennen, dass Mütter so sind und nur das Beste für ihre Kinder wünschen. – Mein Zorn hätte sich eigentlich auf mich selbst richten müssen, denn er zeigte nur, dass die Abnabelung noch nicht vollzogen war und ich wohl nicht reif war für ein selbständiges Leben in der Ferne.

Meine dummen Gefühlswallungen von São Paulo taten mir in der Folge unsäglich leid. Ich weiss gar nicht, ob meine Mutter mir dafür böse war. Vielleicht wunderte sie sich einfach, dass ich die zu Recht erwartete Dankbarkeit vermissen liess. Doch auch das war meine Mutter: sie verzieh selbst die unangebrachteste Gefühlsregung ihres Sohnes.

Nun ist sie also seit 20 Jahren tot. Wir lassen uns weitgehend in Ruhe. Doch kürzlich trat sie in meinen Gedanken wieder stärker ins Blickfeld, als ich mit meinem Poesiefreund Miguel Angel das folgende Gedicht las. Es gehört ja zu meinen kostbarsten Momenten hier in Bogotá, einmal in der Woche seinen Besuch zu empfangen. Er bringt jeweils ein paar Gedichte lateinamerikanischer Autoren mit, die wir dann gemeinsam lesen. Daraus ergeben sich oft wunderbare Gespräche. Ich gerate aber in Panik beim Gedanken, dass er wegen seines Doktorats in diesem Herbst für ein paar Jahre nach Barcelona ziehen wird. In meiner gemeinen Phantasie pflege ich bereits die verwerfliche Vorstellung, Europa werde wegen Energie- und Wassernöten und wegen dieser schrecklichen Kriegsgurgel Putin gar nicht mehr bewohnbar sein und somit auch die Reise dieses Miguel Angel vereiteln. In solchen Momenten komme ich mir in Bogotá schon fast wie auf einer Insel der Glückseligen vor, weil es hier immer kühl ist (bis kalt), und der tropikale Regen für genug Wassernachschub sorgt. Ich weiss, angesichts des Elends rund herum ist dies ein schiefes Bild, doch angesichts des absehbaren Verlustes unvermeidbar. – Das folgende Gedicht, das ich in der vergangenen Woche mit Miguel Angel lesen durfte, stammt von der Kolumbianerin Eliana Maldonado Cano. Es heisst Alba (= Sonntenaufgang/Morgenröte) und beginnt mit einem Zitat von Sergei Alexandrowitsch Jessenin: In diesem Leben ist sterben nicht neu und leben ebensowenig. Ich habe Alba auf die Schnelle ins Deutsche übersetzt. Es geht so:

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Alba

Sterben ist nicht neu in diesem Leben.

Das Neue ist, geboren zu werden,

Das Verlassen der Gebärmutter,

Das Spüren der abgebrühten, dichten Luft

Eines alten Krankenhauses,

In wollenen Tüchern gewickelt,

Der Wärme der Mutter beraubt.

In diesem Leben ist das Sterben nicht neu,

Das Neue ist, tot zu sein.

Ich weiss nicht, wo es sein wird,

Ich weiss nicht wann.

In diesem Leben ist das Sterben nicht neu,

Das Neue ist, jeden Morgen aufzustehen,

Einzuatmen die fremde Luft dieser Stadt

Mit geschwellter Brust.

Was neu ist, ist die Strasse,

Menschen mit traurigem Blick,

Die Hand, welche für die Busfahrt

Die letzten fünf Münzen bekommt,

Das Neue ist der Kuss,

Die Haut eines Fremden,

Die Worte «Ich lebe».

Was neu ist, ist das Messer auf der Haut,

Das aus irgendeinem Grund nicht in der Lage ist, sie zu durchdringen,

Neu ist das kontinuierliche Pochen des Herzens.

In diesem Leben ist das Sterben nicht neu,

Doch jeden Morgen aufzustehen,

Das ist neu.

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Meine Mutter konnte das Neue, den Tod, die letzten zwanzig Jahre schon etwas kennenlernen. Sie wird sich daran gewöhnt haben (was bleibt ihr anderes übrig?), während wir uns hier immer noch mit dem wohlbekannten Sterben abmühen und versuchen, jeden Tag neu anzugehen.

Soweit meine gedanklichen Blumen aufs Grab meiner Mutter zu ihrem 20. Todestag.

 © Nikolaus Wyss

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Sonntag, 17. Juli 2022

KiöR in Buenaventura

Im Stadtpark von Buenaventura stehen neuerdings die drei chinesischen Gottheiten Fu Xing (der Glücksbringer), Lu Xing (zuständig für Prosperität) und Shou Xing (steht für langes Leben)

Zu den dreien gehört als vierter, um Köpfe grösser, ein lächelnder Buddha


Auch im Stadtpark von Buenaventura: eine lädierte, schattenspendende Schiffsschraube

 

Niemand weiss, wer veranlasst hat, diese Fulushou-Gruppe und den Buddha nach Buenaventura zu verfrachten. Und lange Zeit wusste niemand, dass sie überhaupt da sind, eingelagert in einem Schuppen der Hafenpolizei. Wahrscheinlich klappte es damals nicht mit den Einfuhrzoll-Papieren. Vielleicht verstarb der Empfänger zwischenzeitlich, oder er war nicht bereit, die erforderlichen Bestechungsgelder für die speditive administrative Abwicklung zu bezahlen. Item, die überlebensgrossen, gewichtigen, rund 25 Tonnen schweren Marmor-Statuen fristeten ein jahrzehntelanges Dasein im Dunkeln einer feuchten Lagerhalle.

Dass Chinesen in der Geschichte der kolumbianischen Hafenstadt am Pazifik eine Rolle spielten, ist hingegen wohlbekannt. Im Verlaufe des zweiten japanisch-chinesischen Krieges von 1937-1945 flohen viele Chinesen vor den japanischen Gräueltaten nach Peru und Ecuador, und manche landeten auch im kolumbianischen Buenaventura, wo sie als Händler, Ingenieure,  Hafenarbeiter, Baumeister, Ärzte und Wirte ein Auskommen fanden und dieser Hafenstadt ein internationales Gepräge verliehen. Sogar einen Monte Chino gibt es, weil auf dieser Anhöhe ein gewisser John Su, der offenbar dem Teufel vom Karren gesprungen ist und den bürgerlichen Anschluss in seiner neuen Heimat nicht fand, als Stadtstreicher seine Runden drehte. Auch wenn Spanischkenntnisse bei manchen von ihnen wohl rudimentär geblieben sein dürften, so hispanisierten sie ihre Namen und wurden von den Einheimischen beispielsweise «el chino Juan» oder «la china Eliana» genannt. Sie betrieben einen eigenen Club im Quartier El Cable mit Balkonblick aufs Meer und beerdigten ihre Angehörigen in einem eigens für sie angelegten chinesischen Friedhof, dem einzigen übrigens in ganz Kolumbien. Mag gut sein, dass aus diesem Milieu damals die Bestellung dieser vier Gottheiten getätigt wurde, vielleicht als Neujahrgeschenk eines zu Reichtum gekommenen Chinesen. 

Mittlerweile dürfte aber der Einfluss dieser chinesischen Immigranten auf ein Minimum geschrumpft sein. Die heute in der Stadt sichtbaren Chinesen kümmern sich im Auftrag chinesischer Firmen um das Funktionieren des grossen Hafens oder betreuen den Import chinesischer Waren ins Inland. Sie sind sozusagen Handlanger ihres Staatspräsidenten Xi Ji Pin und haben wohl kaum im Sinn, hier ansässig zu werden. Die Stadt ist heute verlottert, von Kolumbiens Zentralregierung sträflich vernachlässigt und in gleitendem Niedergang begriffen. Zudem im Würgegriff von Drogenbanden. Nicht gerade die beste Adresse für Neuankömmlinge. Eine arg lädierte Schiffschraube im Stadtpark von Buenaventura versinnbildlicht den Zustand dieser Hafenstadt, in welchem, etwas verloren aber in Sichtdistanz zum Schiffsrelikt, jetzt neuerdings auch die vier chinesischen Statuen aufgestellt worden sind. Ihre Bedeutung und ihre Wirkkraft sind vonnöten. Mögen sie Glück, Wohlstand und langes Leben ermöglichen. Ihre fröhliche Inbesitznahme durch die einheimische Bevölkerung als beliebtes Fotosujet ist geglückt, und der Buddha strahlt die Gelassenheit aus, die es braucht, an eine prosperierende Zukunft dieser Stadt noch zu glauben. 

P.S. «Kiör» ist die hässliche Wortschöpfung der Zürcher Verwaltung für den Begriff «Kunst im öffentlichen Raum». Ich las dieses Kürzel zum ersten Mal im Zusammenhang mit der künstlerischen Gestaltung des Dachs der Schwamendinger Autobahn-Einhausung. Weiss Gott warum, hier in Buenaventura kam es mir wieder in den Sinn.  

 ©Nikolaus Wyss

UND HIER MIT EINEM CLICK ZU DEN WEITEREN EINTRAGUNGEN DIESES BLOGS, zum Beispiel zu meinem früheren Eintrag über Buenaventura: Treppauf und -ab in B'tura         

Dienstag, 12. Juli 2022

Meine Mexiko-Wochen

Wasserplausch in einem der Brunnen auf der Alamenda Central

Aus Anlass ihres Geburtstags vom 13. Juli der Schriftstellerin Milena Moser und ihrem aus Mexiko stammenden Ehemann, dem Künstler Victor Mario Zaballa, herzlich zugeeignet


Herrn Grüninger ging der Ruf voraus, ein erfolgreicher Werbe- und Kampagnenfachmann zu sein. Er fuhr einen silbergrauen Ro 80 der Marke Audi/NSU, eines der wenigen Serienfahrzeuge mit Wankelmotor. Damals war noch nicht bekannt, dass es sich bei diesem Modell um ein zum Scheitern verurteiltes, reparaturanfälliges Fahrzeug handelte. Es repräsentierte vielmehr eine neue, vielversprechende Antriebstechnik und verlieh den Besitzern den Glanz, fortschrittlicher und erfolgsverwöhnter Gesinnung zu sein.

Als ich erfuhr, dass Herr Grüninger im Auftrag des mexikanischen Tourismusministeriums in der Schweiz Mexiko-Wochen veranstalten wollte, bewarb ich mich als Mitarbeiter. Frisch aus Lateinamerika zurückgekehrt und mit leidlichen Spanischkenntnissen versehen, versprach ich mir davon eine Möglichkeit, ohne den mühsamen Umweg über ein Studium ins Werbegeschäft einsteigen zu können, um in wenigen Jahren selbst stolzer Besitzer eines Ro 80 zu werden, vielleicht dann schon eines Nachfolgemodells, eines Ro 85 zum Beispiel… Ich war von Anfang an vom Erfolg dieser Kampagne überzeugt. Die eindrücklichen Olympischen Spiele von Mexico-City im Jahre 1968 waren damals bei allen noch in bester Erinnerung. Man hatte anfänglich den Latinos die Durchführung eines so gigantischen Vorhabens nicht wirklich zugetraut. Deshalb war der Respekt gross, als die Olympiade vor den Augen der ganzen Welt zu einem fulminanten Erfolg wurde und allen bewies, dass Mexiko zweifellos zu den Ländern gehörte, denen alles zuzutrauen ist.

Von der Vorzimmerdame vorgelassen, versprach mir Señor Grüninger zwar ein mieses Honorar doch immerhin darin eingebunden eine Reise nach Mexiko. Für mich Verlockung genug, den in Aussicht gestellten Job anzunehmen.

Die Erinnerung an die mir auferlegten Aufgaben lässt mich allerdings im Stich. Einzig der Einzug des Mariachi-Orchesters ins Einkaufszentrum Glatt habe ich noch vor Augen mit seinen grellen Trompetenstössen, den Riesensombreros und den glitzernden Anzügen. Es trieb eine Gruppe von Folklore-Tänzerinnen vor sich her. Und bei den verschiedenen offiziellen Dinner-Veranstaltungen mit all den Tacos und Tortillas beeindruckten mich immer wieder die voll mit Haargel eingewirkten schwarzen Haare der Abgesandten des mexikanischen Tourismusministerium. Mir entging dabei nicht, dass das Gel Spuren auf deren Kragen hinterliessen, und ich fragte mich, wie viele Hemden sie wohl eingepackt haben mochten. Sie alle logierten im damaligen Hotel Zürich hinter dem Landesmuseum an der Limmat. In Erinnerung bleibt mir allerdings die Mitteilung Grüningers später beim Debriefing, dass das Budget jetzt doch nicht für ein Flugticket nach Mexiko reichen würde. – Als Jahre später ruchbar wurde, dass der Ro 80 mit seinem Motor grosse Probleme verursache, bemächtigte mich eine gewisse Satisfaktion.

Das mögen jetzt gute 50 Jahre her sein. Von Kolumbien herkommend befinde ich mich wieder einmal für eine Woche in Mexico-City. Der Abstecher hierher hat bei mir schon fast Tradition. Diese Megacity vermittelt mir ein urbanes Feeling, das ich in Bogotá zuweilen schmerzlich vermisse. Hier gibt es U-Bahn-Linien, Doppelstock-Busse, Strassenrestaurants, beeindruckende Museen und Kunstausstellungen, Strassen mit weniger Löchern und mit üppigem und schattenspendendem Baumbestand, und hier sind Schuhgrössen von 43 an aufwärts auch leichter zu finden, obwohl die Mexikaner nicht unbedingt grösser sind als die Kolumbianer. Der Helikopter-Lärm gehört zum städtischen Alltag: die Wolkenkratzer längs der Reforma, der mexikanischen Version der Pariser «Champs-Elysées», verfügen zuoberst reihum über Landeplätze.

Heute Nachmittag sitze ich auf einer schattigen Bank in der Alameda Central, dem grossen, gut gepflegten und mit vielen schönen Bäumen ausgestatteten Volkspark der Stadt. Aus dem Nichts tauchten vorhin die paar Erinnerungen an Herrn Grüninger auf, die ich jetzt in meinem Notizbuch festhalte. Um mich herum promenieren Familien und Liebespaare, Rollbrettfahrer sausen vorbei, und Strassenwischer bemühen sich unentwegt, Weggeworfenes und Blätter einzusammeln. Weiter vorn plantschen Kinder in den diversen Brunnen und kreischen vor Glück. Gegen Abend werden dort ambulante Diskotheken aufgestellt, aus deren Lautsprechern rhythmische Volksweisen plärren. Im Handumdrehen verwandelt sich dann der Park zur vielgestaltigen Tanzfläche.

Die Alameda Central wird ostwärts umsäumt vom opulenten Palacio de Bellas Artes mit unterirdischer Parkgarage, im Norden von der Avenida Hidalgo, die wegen der Bretterverschläge auf der anderen Seite etwas unattraktiv wirkt, und im Süden von der Avenida Benito Juárez, die weiter vorn auf das Revolutionsdenkmal zuläuft, hier aber mit Hotels und Geschäften auftrumpft und Strassenmusiker anzieht.

Ich befinde mich in einer grünen Oase des Friedens und der Erholung, die zuweilen aber auch Zufluchtsort wird, wenn wieder einmal Demonstrierende auf ihrem Weg zum Zócalo, dem grossen, zentralen Platz der Verfassung mit seiner riesigen Nationalflagge in der Mitte und der imposanten Kathedrale auf der einen Seite, von der Polizei mit Tränengas auseinandergetrieben werden. Dann kommen sie in den Park gerannt und versuchen, an den Brunnen das Reizgas aus den Augen zu waschen. Das letzte Mal protestierten sie gegen das Vergessen von 43 jungen Menschen, die schon vor Jahren spurlos aus dem Weg geräumt worden sind. Regierung und Behörden scheinen bis zum heutigen Tage nicht fähig oder willens, dieses unfassbare Massaker aufzuklären. Stecken sie mit der skrupellosen Mafia unter einer Decke?

Im Wissen um solche Grausamkeiten, und es gibt viele dieser Art in Mexiko, man kann in der lokalen Presse jeden Tag von umgebrachten Journalisten und unliebsamen Politikern lesen, von Drogenbanden, die ganze Stadtteile tyrannisieren, bekommt die Alameda eine andere Färbung. Ist sie vielleicht nicht nur Zufluchtsort verfolgter Demonstranten, sondern auch Erholungsort von Menschen, die eigentlich Dreck am Stecken haben und hier im Park mit ihren Familien aber so tun, als sei alles paletti?

Was weiss ich schon von diesem Mann dort drüben, der liebevoll seinen zweijährigen, o-beinigen Knirps unter dem Beifall der versammelten Familie spazieren führt? Was weiss ich schon von dieser Frau dort hinten, die etwas nervös in ihrer Handtasche nestelt, um ihr klingelndes Handy herauszufischen? Wer ruft sie an? Ihre Freundin? Oder vielleicht doch ein Mafioso oder Zuhälter? Was ist mit diesen Polizisten hier, die meine Ausweispapiere verlangen und sie erst wieder zurückgeben könnten, wenn ihnen die Summe der Pesos, die ich in Aussicht stelle, angemessen scheint?

Plötzlich füllt sich dieser Park mit Verdächtigen. Selbst ich stelle mich plötzlich unter Generalverdacht. Gebe ich nicht lediglich vor, ein paar Zeilen in mein Notizbuch zu schreiben, während ich eigentlich Ausschau halte nach einem hübschen Boy, den ich verführen könnte? Und wenn wir uns dann im Hinterzimmer einer stinkigen Absteige auskleiden, würde sich das Blatt wenden. Der Junge liesse verlauten, ich würde mit Schwierigkeiten und Gefängnis zu rechnen haben, denn er sei noch minderjährig, was sich aber lösen lasse, wenn ich ihm sofort eine ordentliche Summe Geld aushändige. Und beim Verlassen des Hauses würde ich ausserdem entdecken, dass mein Handy weg ist…

Wie würde ich vor diesem Hintergrund heutzutage für die Schweiz Mexiko-Wochen gestalten? Erster Gedanke: ich rate davon ab. Zweiter Gedanke: damit verrate ich aber meine Begeisterung für diese Stadt, für dieses Land. Dritter Gedanke: die politisch-gesellschaftliche Problematik müsste wenigstens ansatzweise auch zur Darstellung gebracht werden – neben den feinen Tacos und den trompetenschmetternden Mariachis! Würde das mexikanische Tourismusministerium dazu Hand bieten? – An der Benito Juárez, also grad hinter mir, eröffnete kürzlich das Museum Memoria y Tolerancia. Die obersten zwei Stockwerke sind dem Dritten Reich und dem Holocaust gewidmet. Man sieht Filme aus jener Zeit, Militärparaden, Göbbels, Hitler natürlich, ausgemergelte, geschundene Menschen in Konzentrationslagern, dann Dokumente der Nürnberger Prozesse. Ein weiteres Stockwerk fasst in Fotos und Texten die Gräueltaten zusammen, wie sie in Ruanda, Guatemala, Kambodscha, Ex-Jugoslawien und an anderen Orten begangen wurden. Auf einem weiteren Stockwerk schliesslich werden die Unrechtmässigkeiten von Mexiko thematisiert. Allerdings, so scheint mir, mit Samthandschuhen, als ob sich die Verantwortlichen einer gewissen Selbstzensur unterworfen und Tolerancia gegenüber den Vergehen und Schandtaten im eigenen Land geübt hätten. Es gibt zwar eine Wand, auf welcher einigen der wichtigen Persönlichkeiten, die im Laufe der Zeit, umgebracht worden sind, gedacht wird, doch ans Herz, Mitleid und Entsetzen geht das nicht. In Netflix-Serien erfährt man wesentlich mehr dazu, selbst wenn nicht alles hundert Prozent historisch faktengerecht sein mag.

Da scheint mir mein Kolumbien in der Aufarbeitung seiner grausamen Bürgerkriegsvergangenheit einen Schritt weiter zu sein, direkter und offener. Gegenwärtig finden Gerichtsprozesse gegen ehemalige Guerillakämpfer und Paramilitärs statt, die ganze Landstriche terrorisiert und die Bevölkerung massenweise umgebracht haben. Das Thema ist, neben der Strafe, das der Vergebung (und die Vermeidung einer Vergeltung). Kann in Zukunft ein Mörder im selben Dorf leben, wo er seine Untaten begangen hat? Wird damit für die Einwohner das Mass der Toleranz nicht arg strapaziert? – Das Thema der Toleranz sah ich in diesem Museum nahe der Alameda Central nicht einmal im Ansatz dargestellt. Wie generiert man Toleranz? Was muss geschehen, dass sie sich wirksam entfaltet und ein neues, zukunftsgerichtetes und von Misstrauen gereinigtes Klima schafft? In Kolumbien lernte ich den Begriff der Inklusion kennen. Er scheint mir für den anstehenden, notwendigen Friedensprozess geeigneter. Beim Begriff der Toleranz kommt mir nämlich immer mein Vater in den Sinn, der bei den Freimaurern Karriere gemacht hat. Er predigte unentwegt Toleranz, zeigte sich aber – zumindest mir gegenüber – als sehr intolerant und verurteilte jeden meiner Gedanken, der von seinen Überzeugungen abzuweichen drohte. Der Tolerante sieht überdies keinen Grund, sich selbst zu hinterfragen. Er muss lediglich den Atem anhalten und zulassen, dass es allenfalls abweichende Lebensarten und Auffassungen gibt. Die Inklusion hingegen ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess im Bewusstsein, dass darin alle erheblichen Veränderungen unterworfen sind.

Jetzt nachtet es ein, und von Norden her kündigen sich Gewitterwolken an. Ich halte mich für gut beraten, den Weg zu meiner Unterkunft anzutreten. Als Ausländer, als Gringo, bin ich hier spezieller Beobachtung unterworfen. Vor dem Zusammenpacken und Aufstehen will ich mir nur noch notieren, dass es hier in Mexico-City stinkt. Sie haben die Abwässer schlicht nicht im Griff. Selbst auf der Alameda Central treffen mich immer wieder Schwaden dieses leidigen Gestanks. Daran mögen sich die Einheimischen gewöhnt haben. Mich stört er aber, und wie. Meiner Meinung nach müsste er auch Platz finden in einer Neuauflage der Mexiko-Wochen. Säuberlich abgefüllt in Einmachgläsern. 

  ©Nikolaus Wyss

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Montag, 7. Februar 2022

Bruno, mein Lebensretter...

 Kürzlich fiel mir dieses Foto wieder in die Hände. Nach vielleicht 35 Jahren.

Um mit einer Nebensache zu beginnen: Mir fällt auf, dass ich offenbar über eine rechte «Kiste» verfügte. Das war mir damals nicht bewusst. Heute hängt an mir sowieso alles schlaff herunter. Doch vielleicht täuscht das Bild nur. Vielleicht ist es einfach das Badetuch, das den Eindruck eines straffen Hinterteils vermittelt.

Links von mir steht Bruno, um den es hier geht, beziehungsweise um meine Gefühle für ihn.

Wir befanden uns damals zu viert auf einer Bergwanderung im Berner Oberland. Vor dem steilen Anstieg zur Blüemlisalphütte, wo wir zu übernachten gedachten, gönnten wir uns ein erfrischendes Bad im kalten Oeschinensee.

Der Dritte in unserer Wandergruppe hiess Georges. Ich glaube, die Aufnahme stammt von ihm. Er war seinerzeit mit seiner Biografie unzufrieden, bis er herausfand, dass er das uneheliche Kind eines spanischen Adligen ist. Heute lebt er glücklich mit seinem Freund im australischen Busch und schreibt mir jeweils zu Weihnachten.

An den vierten Wanderkameraden mag ich mich kaum mehr erinnern. Hiess der nicht Fritz und versuchte uns während des Aufstiegs die Monteverdi-Kompositionen zu erklären? Ich meine mich zu entsinnen, dass er uns darlegte, wie diese kurzatmigen Sequenzen zu verstehen seien, nämlich als selbständige Einheiten, nicht so wie bei Mahler oder Bruckner, wo alles durchgängig miteinander verwoben ist. Ohne Tonbeispiele und im atemraubenden Anstieg zur Blüemlisalphütte entpuppte sich dieser Musikunterricht als eine anstrengende Angelegenheit. Doch Fritz ging davon aus, dass wir alle noch L’Orfeo mit Nikolaus Harnoncourt im Zürcher Opernhaus im Ohr hätten. – Gleichzeitig litt aber unser Dozent unter partieller Schwerhörigkeit, was ich heute in meinem Alter insofern nachvollziehen kann, als ich bei lauter Musik oder bei grossem Stimmengewirr auch nicht mehr richtig höre.

Ich weiss nicht, ob meine Wanderfreunde damals auch einen geheimen Plan mit sich führten. Ich jedenfalls freute mich schon den ganzen Tag auf die bevorstehende Nacht im Massenlager. Eine wunderbare Gelegenheit, endlich an Brunos Seite schlafen zu dürfen. Ich schwärmte schon eine ganze Zeitlang für ihn und umwarb ihn. Unglücklich, aber konstant. Leider wollte er von mir nichts wissen. Nett, aber bestimmt. Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte. Dabei gefiel er mir doch so in seiner reinen, unschuldigen Art. Ich fühlte mich bei ihm besonders herausgefordert, seine zarte Unschuld zu respektieren und ihm ein anständiger Lover zu sein – wenn er mich nur gelassen hätte. Ich wollte ihm beweisen, dass es unter schwulen Männern auch welche gibt, die nicht nur das Eine suchten. Doch nichts nützte.

Nun aber ergab sich die wunderbare Gelegenheit, in dieser Berghütte auf über 2000 Metern über Meer meine edle Gesinnung in die Tat umzusetzen. Ich würde ihn zwar nicht küssen und umarmen können in Anbetracht von 25 schnarchenden Bergwanderern im selben Raum, doch seinen Atem würde ich spüren dürfen, seine Wärme würde zu mir herüberstrahlen, und ich würde ihm die Hand halten und ihn streicheln. Von mir aus konnte er dabei auch schlafen…

Heute, 35 Jahre später, frage ich mich, was mich überhaupt veranlasst haben mochte, zu meinen, er sei eine unschuldige Seele? Seine Mandelaugen? Seine zarte Haut? Sein verschmitztes Lächeln? Seine angenehme Stimme? Sein besonnener Gesichtsausdruck? Seine anmutige Gestalt? – Idealere Bedingungen für eine Menge romantischer Projektionen gibt es wohl kaum! Nur durchschaute ich sie in meiner Verliebtheit nicht, wollte sie wohl auch gar nicht wahrhaben. Ich baute mir im Kopf einen Bruno zusammen, über den sich der reale Bruno wohl nur gewundert hätte. Denn ich lernte ihn in einer Männersauna kennen, in einer Umgebung also, wo es zur Sache ging. Wo meiner Erfahrung nach reine Seelen gar nicht erst anzutreffen sind. Das war die Fallhöhe. Einem Typen wie Bruno dort zu begegnen, rief förmlich nach einem Rettungsversuch. Darin sah ich meine Aufgabe. Ihn wegzuzerren von all den vielen grobschlächtigen, schwitzenden, haarigen Männern, die ungeniert zur Schau stellten, worum es ihnen ging. Abstossend und ohne Charme. Was hatte Bruno in einer solchen Umgebung überhaupt verloren? Was hatte ich in einer solchen Umgebung überhaupt verloren?

Wir kamen dort auf einem abgesessenen, feuchten Sofa ins Gespräch und unterhielten uns auf eine Art, die mir Hoffnung machte. Er berichtete von seiner Arbeit als Buchhalter, von seinem Engagement in der Zürcher Jugendbewegung und im Autonomen Jugendzentrum hinter dem Bahnhof, er erzählte auch von seiner Teilnahme an Protesten, wo er regelmässig Schwaden von Tränengas abbekam. Er behauptete, die leichte Rötung seiner Augen kämen davon. Von mir hingegen, so schien mir, wollte er nicht viel wissen. Und irgendwann verschwand er im Dampfbad und liess mich sitzen. Sollte ich ihm gierig folgen? – Ich hielt dies für zu billig, es hätte auch gar nicht dem entsprochen, was ich als Essenz meiner eigenen Persönlichkeit ansah. Wahrscheinlich hatte ich aber auch Angst, in der erdrückenden Schwüle dieser feuchtheissen Kapelle der Lust abgewiesen zu werden. Die Situation stachelte mich an, mit einer anderen Taktik den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten. Ich wartete geduldig, bis er wieder herauskam, schweissüberströmt und erschöpft, wie mir schien. Immerhin lächelte er mir zu, was mir die Gewissheit vermittelte, dass er mich nicht schon total vergessen hatte. Ich versuchte es nochmals mit einem Gespräch, zu welchem er aber keine grosse Lust mehr verspürte. Wir tauschten wenigstens unsere Telefonnummern aus und verblieben so, uns einmal auf ein Bier zu treffen.

Was darauf folgte, war eine ziemlich verhaltene Freundschaft, die sich übers Jahr in einigen wenigen Abmachungen zu einem Bier manifestierte, bei denen ich mich allerdings eher langweilte, weil sich keine Zeichen der Annäherung einstellten – bis eben die Idee auftauchte, zusammen mit weiteren Freunden eine sommerliche Bergtour zu unternehmen. Er sagte zu meiner nicht geringen Freude sofort zu, was meine Gefühle für ihn aufs Neue entfachte.

Als es dort oben auf der Blüemlisalp darum ging, das Nachtquartier zu beziehen, geschah genau das, was passieren musste. Fritz, wenn er denn so hiess, schob sich zwischen Bruno und mir. Da mein Plan geheim und unabgesprochen war, sah ich auch keine Gelegenheit, irgendein Recht einzufordern und die Plätze zu tauschen. In Bruno hatte ich sowieso keinen Verbündeten. Wahrscheinlich war ihm das getroffene Setting sogar lieber. In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen. Zu sehr war ich besessen vom Gedanken, zwischen Fritz und Bruno könnte auch nur eine kleine Annäherung stattfinden. Argwöhnisch behielt ich die beiden im Auge und litt dabei Qualen, die sich am darauffolgenden Morgen in Übermüdung und schlechter Laune niederschlugen.

Nach diesem Wochenende sah ich ein, dass Bruno für mich in meinem Sinne nicht erreichbar war. Ich weiss nicht mehr, ob ich ihn nachher überhaupt noch einmal getroffen habe. Ich musste mir schweren Herzens eingestehen, dass es wohl ausgerechnet diese unappetitlichen, grobschlächtigen Männer mit viel Brusthaar waren, die ihn anzogen, und eben nicht der zartbesaitete Nikolaus, der meinte, zwischen Anstand und Verwerflichkeit unterscheiden zu müssen. Ja, aufgrund meiner frustrierenden Freundschaft zu Bruno begann in mir bei späteren Begegnungen mit jungen Männern ähnlicher Art sogar eine Alarmglocke zu läuten. Sie bewahrte mich wohl vor weiteren unglücklichen Erfahrungen.

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Eines Tages, es dürfte vielleicht ein Jahr später gewesen sein, bekam ich den Anruf einer mir unbekannten Frau. Sie stellte sich als Brunos Schwester vor und erklärte, sie hätte meine Nummer in Brunos Telefonverzeichnis gefunden. Und dann sagte sie mit gefasster Stimme: «Ich muss Ihnen mitteilen, dass Bruno vor ein paar Tagen an Aids verstorben ist. Wenn Sie Lust und Zeit haben, so laden wir Sie gerne zur Urnenbeisetzung im Friedhof Sihlfeld ein.» Sie nannte Datum und Uhrzeit. Ich bedankte mich zögerlich und mit erstickter Stimme für ihre Nachricht und blieb betroffen neben dem Telefonapparat sitzen.

So ist Bruno plötzlich wieder in mein Bewusstsein gerückt. Erinnerungen wurden wach, und ich konnte neben vielen weiteren Gedanken und Überlegungen auch erahnen, wo er sich angesteckt haben mochte. Mich beeindruckte dieser Tatbestand, und ich gewann ein ganz neues Bild von Bruno, eines, das mit Dankbarkeit durchwirkt war, Dankbarkeit dafür, dass zwischen uns nichts gelaufen ist. Als ich zur Trauergemeinde im Friedhof Sihlfeld stiess, war ich schon der festen Überzeugung, ich verdanke Brunos Verhalten mein Leben. Sie erschütterte mich, und ich weinte, wie alle anderen auch.

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©Nikolaus Wyss

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