Donnerstag, 9. Mai 2019

Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 6)

Jesús in seiner Blüte...
27. April 
Jesús wohnt jetzt eine Zeitlang bei uns. Er kann es sich leisten, weil ihm die Unterkunft sein italienischer Freund bezahlt. Sie hatten sich vor einiger Zeit übers Internet kennengelernt und sich kürzlich hier zum ersten Mal getroffen.
Es war die Rede davon, dass Jesús ihm nach Italien folge. Daraus wird vorerst wohl nichts. Sein venezolanischer Pass ist abgelaufen. Die diplomatischen und konsularischen Beziehungen zwischen seinem Land und Kolumbien sind versiegt, den Antrag für einen neuen Pass kann er sich ans Bein streichen. Ebenso wenig helfen ihm da die benachbarten Ländern, weil er ja zur Einreise dorthin über einen gültigen Pass verfügen müsste. Und Venezuela, sein Heimatland, aus welchem er vor zehn Monaten geflohen ist, wird ihm schon gar nicht weiterhelfen wollen. Momentan werden dort gar keine neuen Reisepässe ausgestellt. 
Er ist also gestrandet hier im Asylzentrum Casa Wyss. Freunde machen ihm Hoffnung, es doch mit einem gefälschten Pass zu versuchen. Ich warne davor in echt schweizerischer Manier. Jesús malt, er versteht sich als Künstler. Er färbt sich sein Haar jeden Tag aufs Neue. Das bringt etwas Abwechsung in sein Leben.

28. April
Die Tatzen als Nadelkissen und die Schnautzhaare für Eladio, der Mechaniker ist

Ich lerne momentan ein Gedicht auswenig, das hier Verwirrung stiftet, wenn ich es zitiere. In seiner abgründigen Art gefällt es mir sehr: 

Piedad Bonnett

Reciclando – Wiederverwertung   

Cuando papá en un ataque de rabia mató al gato, 
Als Vater bei einem Wutanfall den Kater tötete, 

a mi gato Bartolo
meinen Kater Bartolo 

porque metió la cola entre su caldo
weil dieser den Schwanz in dessen Suppe getaucht hatte 

y porque ya era viejo y no cazaba como debía ratones
und weil er schon alt war und keine Mäuse mehr fing 

y ademas era caro mantenerlo,
ausserdem kostete er uns Geld, 

cuando papá borracho lo mató con sus manos,
als Vater ihn also im Rausch mit seinen eigenen Händen erwürgte, 

hubo una gran algarabía en casa.
Da war etwas los bei uns im Haus. 

Vinieron todos, todos;
Alle kamen, alle; 

mi hermana dijo: guardenme los ojos
meine Schwester sagte: ich möchte die Augen 

para un par de zarcillos, y Martino,
für ein Paar Ohrringe, und Martino, 

nuestro vecino ciego, se pidió las tripitas
unser blinder Nachbar, fragte nach dem Darm 

- sirven para hacer cuerdas de violín -
- damit lassen sich Violinsaiten herstellen - 

y mi mamá, que al principio lloró, lloró conmigo,
und meine Mutter, die erst weinte, mit mir weinte, 

quiso la piel
wollte schliesslich das Fell 

para ponerle cuello a su chaqueta,
um es als Kragen für ihre Jacke zu verwenden, 

y los bigotes
und um die Schnauzhaare 

se los pidió mi hermano Eladio, el que es mecánico,
bemühte sich mein Bruder Eladio, der Mechaniker ist, 

y los cojines de sus patas fueron
und die Pfoten schliesslich sollten 

lindos alfileteros
niedliche Nadelkissen werden 

para la bruja gorda que vive atrás del patio
für die dicke Hexe auf der anderen Hofseite, 

y es modista.
die Schneiderin ist. 

Lo que sobró lo hirvieron con sal y cebolla.
Was übrig blieb, wurde mit Salz und Zwiebeln ausgekocht. 

Se lo dieron a Luis, que duerme en nuestra calle,
Sie gaben es Luis, der in unserer Straße schläft, 

pues también sirve el caldo de gato para el hambre.
denn auch eine Katzensuppe hilft gegen Hunger.


Yo me pedí los huesos.
Ich bat um die Knochen. 

Uno a uno los muerdo delante del espejo de mi hermana
Einen um den anderen nage ich jetzt vor dem Spiegel meiner Schwester 

porque dijo mi abuela
weil meine Großmutter sagte 

que al morder el que toca se vuelve invisible
sie zu beissen mache unsichtbar

y eso quiero.
und das ist es, was ich möchte. 


30. April
Tapsi und Arlette hiessen die beiden Dalmatiner vor 60 Jahren, welche das Leben einer befreundeten Arztfamilie bereicherten. Sie bettelten am Tisch und erhielten zuweilen Knochen zugesteckt. Von ihrem Geifer bekamen auch meine Hosen etwas ab, was mich für sie nicht gerade einnahm. Wenn sie läufig waren, trugen sie Höschen. 
Meine Mutter fand diese gefleckten Viecher blöd. Ich aber dachte eher, so richtig blöd würden sie erst durch ihre Namen, mit denen sie bedacht worden sind.


6. Mai

Meine Ängste werden zur Zeit gut bewirtschaftet, und ich beobachte mich dabei, wie ich mich immer mal wieder daraus zu befreien versuche. Da war die Netflix-Serie über die Narcos in Kolumbien. Ein über viele Episoden hinziehendes Verfolgen, Niederknallen und Katz-und-Maus-Spielen in einer mir wohlvertrauten Umgebung. Plötzlich sah ich in jedem Taxifahrer einen Gehilfen Escobars, und jeder Polizist steckte für mich unter einer Decke mit den Gesetzlosen. Diejenigen mit Krawatte waren die Verdächtigsten. Stiegen sie in eine Limousine, so erwartete ich, dass eine Bombe losging. - Es brauchte seine Zeit, das Vertrauen in den jetzt gelebten Alltag wieder herzustellen.
Dieser Tage wird der Bericht zum Zustand der Biodiversität unserer Erde veröffentlicht. Vergegenwärtigt man sich die Folgen, so sieht es für die absehbare Zukunft unserer Menschheit noch schlimmer aus als beim Klimawandel. Und man fühlt sich so fürchterlich allein gelassen mit seiner Sorge. Da liefern sich Politiker jeder Couleur Schaukämpfe und lassen jede Verantwortung für unser Wohl vermissen. Beiträge und Opfer von uns werden nicht honoriert. Niemand klopft mir auf die Schulter, wenn ich auf die geplante Indien-Reise verzichte oder statt Fleisch Kichererbsen und Linsen zubereite. Die Überwindung dieser Angst wird wohl noch eine Weile andauern. Ja, vielleicht wäre es gar nicht so gut, diese abzulegen. Vielleicht hülfe als Anreiz auch das in China bereits eingeführte Punktesystem mit Gesichtserkennung. Damit werden alle Bürgerinnen und Bürger des Landes überwacht. Für jede umweltfreundliche Tat gäbe es Pluspunkte. So würde man zum besseren Menschen, der Steuerabzüge und andere Goodies für sich in Anspruch nehmen dürfte.
Da kommt mir die Angst vor dem Altern gerade gelegen. Sie verflüchtigt sich angesichts des Zustands dieser Welt geradezu. Es gibt da eine schon fast wohltuende Gewissheit, dass man noch vor dem Weltuntergang sterben wird. 

7. Mai
Foto aus Nigeria von Jonathan Liechti
Besuch des Schweizer Beitrags an der Fotográfica Bogotá in der Uni Tadeo. Bemerkenswert, ja seltsam ist, dass sich diese Schweizer BildkünstlerInnen bei der Auswahl ihrer Sujets fast alle auf die Darstellung des Elends kapriziert haben: Flüchtlinge im Balkan, Arme in Afrika und Brasilien. Als ob das Schöne, das dem Ruf der Schweiz vorauseilt, mit der Darstellung des Unschönen und Unglücks in der Fremde kompensiert werden müsste. Und dann noch ein ästhetischer Purzelbaum: die Fotos sind schön und exotisieren das Elend. Und dies hier in einem Land, das tagtäglich am eigenen Leib erfährt, wie hart und ungerecht das Leben mit einem umgeht. Zwiespältig das Ganze.

8. Mai
Dorothee Hess und ich anlässlich einer Veranstaltung im Büchertreff Schwamendingen
Heute vor elf Jahren verstarb meine Freundin Dorothee Hess-Bachofner nach langer, rätselhafter Krankeit, die sich erst im Laufe der Zeit als ALS herausstellte. Bei ihr schlug es zuerst auf die Sprache. Sie konnte sich nach einer Weile nicht mehr artikulieren. Das war sowohl für sie wie auch für ihre unmittelbare Umgebung besonders bitter, denn sie war die geborene Kommunikatorin. Sie hatte immer ein Ohr für andere und vermochte mit treffenden Worten zu reagieren. Man fühlte sich von ihr verstanden. Mit vielen verband sie eine Art Komplizenschaft, eine Mischung aus Klatsch und Anteilnahme, durchsetzt mit einer gehörigen Portion Humor. Sie führte ein gastliches Haus und war Mutter von vier gutaussehenden Buben, die es alle in ihren Leben zu etwas gebracht haben. Über ihren Gatten Heinz schrieb ich anlässlich seines Todes unter diesem Link etwas
Dorothee kommt mir immer an erster Stelle in den Sinn, wenn ich an Schwamendingen denke, wo ich 20 Jahre meines Lebens verbracht habe. Wir gründeten zusammen die Genossenschafts-Buchhandlung Büchertreff. Unsere Wege kreuzten sich aber auch sonst auf vielfältige Weise, und es gab Zeiten, wo wir gleichzeitig dieselben Bücher lasen und uns darüber austauschten. Sie kannte alle meine Lovers. Und die Tatsache, dass ich damals in meiner Einsamkeit ab und zu eine Portion Familienleben brauchte und dazu nur über die Strasse zu Hessens zu gehen brauchte, habe ich andernorts sicher schon zehnmal erwähnt. Jetzt würde Dorothee in ihrem 77. Lebensjahr stehen, und ich kann sie mir noch immer nicht anders vorstellen als sie damals war: agil, mit Schalk in den Augen, im Garten, mit Blumen, grad jetzt, im Mai, wo alles blüht.  

10. Mai
Hinter meinem Haus befindet sich eine Baubrache, welche als Parkplatz genutzt wird. Akkustisch ist das Geviert insofern interessant, als ihm einige spezifische Geräusche eigen sind. Zum einen ist da der Parkplatz-Zuweiser, der dem einfahrenden Automobilisten mit lautem Deledeledele zu verstehen gibt, er könne ruhig noch etwas näher zur Mauer auffahren. Hunderte Male am Tag. Deledeledele. Dann sind da zum andern die Alarmanlagen der Autos, die alle losgehen, wenn wieder einmal eines der häufigen Gewitter über der Stadt donnert. Dann zwitschern, heulen und schnattern die Vehikel wie eine Volière voller aufgescheuchter Vögel. 
Auf dem Gelände befindet sich auch ein Abbruchobjekt, in welchem sich Punks eingenistet haben. Ihr akkustischer Tageslauf fängt ungefähr um 15 Uhr an, wenn der eine sich anstelle einer Dusche am Schlagzeug aufzufrischen beginnt und ein anderer die wenigen Basstöne, die er beherrscht, dröhnen lässt. Manchmal gesellen sich weitere Musiker hinzu. Sie üben aber nicht, sie versuchen vielmehr, ihre Zeit zu vertreiben, indem sie der Umgebung musikalisch zu verstehen geben, dass sie nichts mit Musik zu tun haben wollen. Manchmal schreien sie auch einfach wild durcheinander. Das zieht sich in den Abend hinein. Doch richtig los geht es erst abends um halb elf, wenn ich zu Bette gehe und wenn deren Mädchen eintreffen, um die langweiligen Töne der Boys mit ihren Lachsalven und ihrem Gekreische zu übertreffen. Immerhin gibt es Abende, wo die Punks von schrecklich falsch intonierten Tönen auf der Terrasse der gegenüberliegenden Seite konkurrenziert werden. Dort werden nämlich regelmässig Karaoke-Anlässe durchgeführt, angefeuert von einem Animator, der nicht genug bekommt, über Lautsprecher die zögernde Gästeschar zum Singen aufzufordern. Alkohol hilft auch hier, und je später der Abend umso lauter das we are the champions...
Auf dieser Brache ist ein Neubau geplant. Sieben Stockwerke hoch. Der Verkauf der Appartments habe sich gut angelassen, versichert mir der Agent. Im kommenden Oktober schon sollen die Bagger auffahren. - Das Haus wird mir Licht wegnehmen, dafür verspreche ich mir ruhigere Abende. Man kann nicht einfach alles haben. 


©Nikolaus Wyss

Weitere Tagebuch-Eintragungen hier:


- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 5)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 4)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 3)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 2)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 1)

  




Donnerstag, 25. April 2019

Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 5)

Boteros Sohn Pedrito, der mit vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Künstler wählte während acht Monaten kein anderes Sujet mehr als seinen verunglückten Sohn, hier in Unifrom auf Pferd. Aus dem Fenster des 1. Stocks des Hauses rechts unten winkt übrigens ohnmächtig der Künstler um Hilfe. Bei diesem Autounfall verlor er selber beinahe seine rechte Hand...

15. April
Hinter das Geheimnis der grotesk-fetten, rubens-ähnlichen Leiber liess mich auch der Dokumentarfilm über den kolumbianischen Künstler Fernando Botero nicht blicken. Er spricht im Streifen zwar vom Volumen, das er in reinster Form im Rinascimento und dort im Speziellen in den Werken von Piero della Francesca für sich entdeckt habe, doch erklärt dies noch nicht viel. Vielleicht eher noch die Diskussion zum Schluss des Films, wo es um das Stilbildende und das Alleinstellungsmerkmal eines Künstlers geht. Was macht denn einen guten Künstler aus? - Botero: dessen Kunst soll wiedererkennbar, unterscheidbar und deshalb einmalig sein
Dieser Anspruch ist ihm vollends gelungen. Ich liebe sein stets auf den ersten Blick erkennbares Werk, das witzig und anklägerisch, demaskierend und liebevoll zugleich ist. Botero ist für mich auch deshalb von Bedeutung, weil er wohl einer der ersten Künstler Kolumbiens ist, der nicht etwas nachempfindet, was anderswo erfunden worden ist, wie die vielen akademisierenden kolumbianischen "Gaugins", "van Goghs" und "Cezannes", die hier gerne in angesehenen Sammlungen herumhängen. Botero ist vielmehr seit Anbeginn ein eigenständiger Erfinder seines eigenen Stils, der von Medellin aus in die ganze Welt hinausstrahlt und ein abundantes und leicht verrücktes Kolumbien zeigt, wie wir es gerne sehen wollen. Er malt Charakterfiguren, die ihre Äquivalenz in der Literatur eines Gabriel García Márquez wiederfinden. Beide Lebenswerke schafften es, einen legitimen Platz im Weltkulturerbe zu beanspruchen. 
Botero zeigt sich ausserdem von einer Grösszügigkeit sondergleichen: er stiftete einen Grossteil seiner gewichtigen Werke dem Museo de Anteoquia in Medellin und dem Museo Botero hier in Bogotá, wobei sich seine Schenkungen nicht nur auf eigene Werke beschränken sondern auch Bilder und Skulpturen von Miro, Picasso, Monet, Beckmann, Henry Moore, Max Ernst, Salvator Dalí und vielen anderen umfassen, woraus sich nebenbei leicht schliessen lässt, dass der Künstler zu ansehnlich viel Geld gekommen sein muss in seinem eigenen Leben.

20. April
Meine Gotte wäre heute 111 Jahre alt geworden. Sie starb mit 103. Das letzte Mal, als ich sie besuchte, lag sie zwar im Pflegeheim, konnte aber noch eine ganze Reihe von Goethe-Gedichten auswendig rezitieren. Auf meine Frage, wie es ihr denn gehe, antwortete sie: immer abwärts, immer abwärts. Dabei wollte sie mit dem Zeigefinger nach unten deuten. Doch ihre durch Arthrose beschädigten Finger zeigten seitwärts und keineswegs nach unten. Das beeindruckte mich tief und gab ihrer Aussage eine heitere Note. 

21. April (Ostern)
Ist sie jetzt tot oder doch nicht? Vor über einem Jahr gestorben, erhält die Künstlerin Marianne Eigenheer zu ihrem gestrigen Geburtstag auf facebook noch Dutzende von Glückwünschen für ein langes Leben. 
Mir ist ja klar, dass ich selber meinen fb-account nicht löschen kann, wenn ich tot bin. Darum geht es mir gar nicht. Ich finde es vielmehr bemerkenswert, einer virtuellen Gemeinschaft von Toten und Lebenden anzugehören. Das hat etwas Österliches. Jesus starb zwar am Kreuz, auferstand aber schon am 3. Tag. Seither ist er unter uns und begleitet uns, so wie es eben viele tote facebook-Freunde auch tun, indem sie noch unter uns weilen und unsere Glückwünsche empfangen... 

23. April (Osterdienstag)
Ich schrieb vor 29 Jahren am Osterdienstag in mein Tagebuch: Jesus, der auch für mich, der ich immer dicker werde und die Hosen kaum mehr zubringe, am Kreuz gestorben und anschliessend auferstanden ist: brächte der Ruhe in mein Leben? Oder wäre es vielleicht doch eher Buddha? 

25. April
Noch ein österlicher Nachtrag. Johan erzählt mir, dass seine Mutter ihm als Bub untersagt habe, an Karfreitag schwimmen zu gehen. Solche Vergnügungen würden dem Todestag Christi nicht gerecht. Er tat es trotzdem, und sie entdeckte es, weil er mit aufgequollenen Fingerkuppen heimkehrte. Sie kündigte darauf folgendes Verfahren an: weil Semana Santa sei und sie sich nicht versündigen wolle, werde sie die Strafe aufschieben bis am darauffolgenden Ostermontag. 
Als dann dieser Tag anbrach, schlug sie ihren Sohn windelweich. 
   

Weitere Tagebuch-Eintragungen hier:


- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 4)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 3)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 2)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 1)

Samstag, 13. April 2019

Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 4)



31. März
Während des Sprungs aufs Buffet kommt ihr in den Sinn, dass sie das eigentlich nicht darf. Noch bevor sie landet, legt sie die Ohren flach, während ich vom Tisch aufspringe, drohende Laute ausstosse und in die Hände klatsche. Sofort macht sie sich aus dem Staub, versteckt sich unerreichbar unter dem Sofa und beginnt mit ausgedehnter Körperpflege, als ob diese schon von langer Hand geplant gewesen wäre. Und ich denke, sie denkt sich, dann warten wir halt, bis der alte Herr zu Bette geht...

4. April
Der Mars steht mir vor dem Licht. Schier hätte ich einen Verleger gehabt, der bereit gewesen wäre, eine Auswahl meiner Blogs in Buchform zu veröffentlichen. Unter der Bedingung allerdings (die ich übrigens jedem hoffnungsvollen Schreibtalent auch gestellt hätte): zuerst etwas Grosses, ein Roman, ein zusammenhängender Text. Ich schickte ihm darauf das Fragment meiner Mars-Reise, einer fiktionalen Beschreibung meines Fluges dorthin in Begleitung von John, eines südafrikanischen Charmebolzen mit indischen Anteilen im Blut, mit Michelle, einer chinesischen Krankenschwester aus Malaysia, und mit Pedro aus Kolumbien (claro), der autistische Züge aufweist und als einziger an Bord etwas von Weltraumreisen versteht. Im Manuskript übrigens bin ich der Repräsentant der Alten Welt.
Dieser Reisebericht kam vor Jahren schon ins Stocken, weil mir die Worte fehlten und auch der Mut, den Geschlechtsakt im schwerelosen Zustand zu beschreiben, der zwischen John und Michelle hätte vollzogen werden sollen. Diese Hürde habe ich bislang noch nicht überwunden, so dass die Chance allmählich schwindet, je einmal ein paar meiner Blogs in Papierform zu sehen. Sei's drum.

9. April
Wie habe ich mich damals überhaupt gewaschen, in den 50er Jahren? Dusche gab's bei uns keine, und das Bad wurde in der Regel nur samstags eingelassen. Was in der übrigen Zeit? Haare waschen? Katzenwäsche? Mit dem Waschlappen halt? - Mir bleibt ein Gespräch unter Erwachsenen in Erinnerung, die über einen Lehrer meinten: Der trägt jeden Tag ein frisches Hemd und riecht nach Parfum. Der muss vom anderen Ufer sein. 
Und dann, mit siebzehn, wohnte ich ein paar Monate bei der befreundeten Arztfamilie V. Sie gewährte mir Asyl, während meine Mutter eine Weltreise unternahm. In deren Haus gab es eine Dusche, die ich regelmässig benutzen durfte. Eines Tages merkte ich, dass der wohlgepflegte Herr des Hauses mir beim Duschen offenbar schon eine ganze Weile zugeschaut hat. Ich genierte mich, er aber meinte nur: vergiss nicht, auch deine Vorhaut zu reinigen.
Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal, dass ich eine habe, und schon gar nicht, wie dieses Stück heisst. Er aber verliess das Badezimmer erhobenen Hauptes, wahrscheinlich stolz auf sich selbst, sich an mir nicht vergriffen zu haben.

11. April
Auskundschaften aller Kaffeehäuser in Fussdistanz zu unserem Haus. Heute stattete ich der Pasteleria Helena de Lombana einen Besuch ab, hier in der Nähe an einer ruhigen Seitenstrasse gelegen. Bedienung freundlich, Gipfeli frisch, café latte anständig im Aroma, appetitliche Auslage. Doch schwierig zu erreichen, weil der Zugangsweg als Parkplatz benutzt wird, dazu allzu schmale und etwas wackelige Sitzgelegenheiten, kleine Tische. Was mir aber wirklich auf den Wecker ging, war der Sound. Schlecht eingestellte Lautsprecher stiessen einzig brummelige Basstöne hervor, die Melodie blieb kaum erkennbar. Dass die das nicht merken? Nicht merken wollen? Oder: es ist ihnen egal. Hauptsache, es tönt. - In mir läuft wieder einmal der ganze Film der Ignoranz ab, welcher ich hier in diesem Land begegne: wenn es dunkel wird, schalten die Autofahrer ihre Abblendlichter nicht wie selbstverständlich ein und lassen auch den Blinker blinken, wenn sie gar nicht abzubiegen gedenken. Im allgemeinen gilt: den anderen und seine Bedürfnisse übersehen, so lange es geht. Durchgänge versperren, auf dem Parkplatz den Motor stundenlang laufen lassen, geflissentlich Fussgänger ignorieren, an der Kasse small talken, auch wenn sich dahinter schon eine eindrücklich grosse Warteschlange gebildet hat... Und sollte sich einer doch bemerkbar machen und reklamieren, so tut man überrascht: Que pena con usted - oh welch Ungemach für Sie. 
Doch die Mehrheit verzichtet, ihrer Ungeduld lautstark Ausdruck zu verleihen, sie nimmt die Umstände schicksalsergeben hin und wartet geduldig, bis sich wieder, ohne Intervention, eine Lücke auftut. 
Ich verliess die Pasteleria kommentarlos und ohne Wunsch, dorthin zurückzukehren. Que pena. Oder so: ich werde mich in Zukunft zuerst in dieses Kaffeehaus hineinhören und entscheide erst dann, ob ich bleiben will.

12. April
Angeregt durch die Lektüre von Gedichten, die mir Miguel-Angel jeden Mittwoch vorbeibringt, diese Woche waren es welche des Chilenen Jorge Teillier, bin ich gestern Abend in mich gegangen und habe das erste Mal seit 50 Jahren etwas aufs Papier gebracht, das zumindest den Anspruch auf Poesie hat, auch wenn ich nicht weiss, ob dieser gerechtfertigt ist. Egal. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Begegnung mit einem der damaligen Literaturpäpste Zürichs, nein, nicht mit Emil Staiger, sondern mit Werner Weber, der seinerzeit das Feuilleton der NZZ beherrschte und samstags auf der Frontseite der Zeitung mit den Initialen "ww" das Sagen hatte. Eine Autorität also. Weber schickte ich seinerzeit ein paar jugendliche Gedichte zu und bat ihn um seine Beurteilung. Zu meiner Überraschung schrieb er zurück und lud mich zu einer Unterredung in die Redaktion an der Falkenstrasse ein. Wir gingen jedes einzelne Gedicht durch, er machte seine Kommentare und ermutigte mich, fortzufahren, was ich dann sein liess.
Und jetzt dies:

Mein Haus 
Den Stimmen leih ich mein Haus 
Wem sie gehören
kümmert mich nicht
Was sie erzählen
entgeht mir. Ich hör nur
Geplapper, Geplauder und Lachen
Ich hör auch
- manchmal -
unsicheres Erwägen,
zähes Ringen um Worte,
als ob ichs wär,
der nicht weiss,
was es braucht,
die Stimmung zu schildern
die mich umhüllt hier
wie ein seidenes Tuch.
Alleine im Dachstock.
Nahe bei mir
und bei den andern.

13. April 
Als ich heute die Bäckerei verliess, überraschte mich vor der Tür ein Stadtstreicher, von denen es hier ja unzählige gibt. Sie schlafen unter Brücken oder in Hauseingängen, wühlen im Abfall und betteln einen an. Ein Stadtstreicher also, dem ein unausstehlicher Geruch vorausging und mich veranlasste, mich mit ein paar Pesos sofort aus seinem Dunstkreis freizukaufen. Dieser Stadtstreicher aber richtete nach der Geldübergabe ein paar Worte an mich auf Englisch, mit einem guten Englisch notabene, einem Englisch, das dem meinen eindeutig überlegen war. Hingerissen zwischen Neugier und Abscheu obsiegte darauf die Neugier, und ich hörte, aus halb erträglicher Distanz, seinen Ausführungen zu. Er habe Englisch unterrichtet, und er erklärte mir seine Methode, bei welcher man dreimal schneller die Sprache erlerne als beim üblichen Büffeln. Dabei wedelte er mit einem Zeitungsfetzen vor meinen Augen herum. Die Methode sollte mir natürlich sofort einleuchten, und ich kam mir dumm vor, sie nicht zu begreifen. Mir kam aber in diesem Augenblick ein Schreiben meiner Cousine Elisabeth in den Sinn, welche mir unter Bezugnahme auf die Beobachtung, dass beim Fortschreiten des Alterns die Zeit immer kürzer und schneller werde, vor ein paar Tagen schrieb: «Ein Bekannter, der sich nach einer sehr früh beendeten, brillianten Anwaltskarriere zunehmend als Sozialfall durch Berns Altstadtgassen bewegte, erklärte mir vor etwa 30 Jahren, weshalb wir das Gefühl haben, die Zeit rase immer schneller: Weil für ein einjähriges Kind ein Jahr 100% seines Lebens ist, während es z.B. für einen 70jährigen nur noch 1,4% seines Lebens ist.»
Wie alt mag "mein" Stadtstreicher hier vor der Bäckerei sein? Ich vergass ihn zu fragen, wie schnell für ihn seine Zeit schon voranschreite (oder steht sie für ihn doch eher ohnmächtig still? - Jeden Tag dasselbe. Betteln für ein paar Münzen), und was er mit seiner übrig gebliebenen Zeit noch anzustellen gedenke. Bin aber froh, dass diese Fragen meinen Mund nicht verlassen haben. Sie wären wohl als verletzend und erniedrigend empfunden worden. 

©Nikolaus Wyss



Weitere Tagebuch-Eintragungen:

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 3)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 2)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 1)





   

Freitag, 5. April 2019

Ein Osterbrief

Eine Art freudebringender Osterhase
Meine Lieben
Soll ich jetzt ins Lied meiner Grossmutter einstimmen, ins Lied auch meiner Onkel und Tanten, meiner Mutter und meines Vaters, die dereinst sangen, wie schnell doch die Zeit vergeht? Es dünkte sie alle, sie rase schneller mit jedem Jahr.
Ich kann nicht abstreiten, dass auch ich dieses Phänomen Jahr für Jahr heftiger empfinde. Feierte ich doch im Februar bei Vollmondschein und Salsa-Rhythmen grad noch meinen 70. Geburtstag, und jetzt ist der März auch schon vorbei.. Wo soll das bloss enden? 
Eine andere Beobachtung hingegen wiegt die Ohnmacht gegenüber der Zeit fast auf: Mit Amama, meiner Grossmutter, pflegten wir jeweils ein Fahri zu machen durch die prachtvolle Frühlingsblust im Emmental. Wir kehrten zu einer schmackhaften Forelle blau in einem der vielen Bären auf der Strecke ein, wir betrachteten andächtig die geraniengeschmückten Bauernhäusern, und wir suchten auf einem abgelegenen Friedhof den Grabstein einer längst verstorbenen Verwandten - und alles, was uns auf diesen Ausflügen widerfuhr, kommentierte sie dankbar mit den Worten: Dass ich das noch erleben darf! 
Auch bei mir herrscht dieses Gefühl vor. Mit jedem Tag stärker. Dass ich bei vollem Bewusstsein und bei unbeeinträchtigter Wahrnehmung dieses Kolumbien noch erleben darf. Dieses Kolumbien, das ich vor bald 50 Jahren schon einmal betrat mit dem Gefühl, jetzt wirklich in der Fremde zu sein. Das weiche, gesüsste Brot war einfach nur schrecklich, der Kaffee ungeniessbar, die Post brauchte 14 Tage, und je länger ich dort verweilte, umso klarer wurde für mich, dass ich in diesem Land nichts verloren habe. Reichlich deprimiert kehrte ich zwei Jahre später ins Heimatland zurück und hatte doch das Gefühl, dort etwas unerledigt hinterlassen zu haben. Es war die Niederlage meines Lebens.
Und jetzt, wieder hier, lebe ich das, was ich vor 50 Jahren vergeblich angestrebt hatte.  Ich habe ein Haus, bin sorglos und gesund, bin umgeben von Freunden und Gästen. Schade nur, dass die Zeit so rast. Die aktuelle Übung besteht darin, den Augenblick zu geniessen, mir jeden Tag dankbar sagen zu dürfen, dass ich das noch erleben darf - in der vagen Hoffnung, damit dem Rasen der Zeit einen kleinen Dämpfer zu versetzen.
Frohe Ostern! 

Montag, 25. März 2019

Beinebaumeln am Hirschengraben

Blick von der warmen Mauer des Hirschengrabens hinunter in den Seilergraben

So, wie Träume zuweilen rätselhaft und scheinbar sinnlos die Nacht bestimmen, so beherrscht mich momentan am helllichten Tag eine Erinnerung, deren Sinn sich mir bislang nicht erschliessen will. Sie streift meine Gedanken seit Tagen und fängt damit an, dass ich mich immer darüber wunderte, dass der Seilergraben Seilergraben heisst und der Hirschengraben Hirschengraben. Beim Seilergraben kann ich mir den Graben noch halbwegs vorstellen. Dort hört die Altstadt auf, dort könnte ein Graben den allzu leichten Zugang zur Stadt verhindert haben. Doch dann gibt es diese Mauer bergwärts und auf dieser Mauer eine Strasse, die Hirschengraben heisst. Dabei ist dort weit und breit kein Graben erkennbar sondern, wenn schon, eine Allee, ein Höhenweg mit Blick in die Wohnungen der Häuser am Seilergraben unten. 
Stadthistoriker mögen diesen Umstand erklären. Mir gefiel aber die Ungereimtheit der Gräbennamen und deren Lage im Stadtganzen zu gut, um auf meine Fragen einleuchtende Erklärungen finden zu wollen.
Die Erinnerung, die mich jetzt heimsucht, geht so, dass diese Mauer, welche den Hirschengraben trägt, damit dieser nicht in den Seilergraben hinuntersackt, sich bei direkter Sonneneinstrahlung recht ordentlich erwärmt, diese Hitze bis zum späteren Abend speichert und wieder abstrahlt. Sitze ich auf dieser Mauer, wird es mir am Hintern warm. Zur Verweillust gehört auch, die Beine ins Leere baumeln zu lassen und nichts zu tun. Es ist später Nachmittag und die Sonne geht bald unter. Im Seilergraben aber staut sich der Verkehr, Bus und Tram profitieren wenigstens von ihrer Überholspur. - Ich weiss beim besten Willen nicht, wie es kommt, dass mir diese Szene auf der Mauer so vertraut ist. Als ob es zu meinem jugendlichen Alltag gehört hätte, dort zu sitzen und friedlich vor mich hin zu sinieren. Doch offenbar genügten die wenigen Male dortigen Verweilens, eine längst vergessen geglaubte Erinnerung einzubrennen, die hier im kalten, regnerischen Bogotá plötzlich wieder emportaucht, als ob sie hier zu ihrer besonderen Bedeutung gelangen würde. Ist das eine verschrobene Art von Heimweh an alte Zeiten, die auch dann nicht zurückkommen würden, könnte ich heute noch auf dieser Mauer sitzen?
©Nikolaus Wyss

Ähnliche Erinnerungen aus der Nachbarschaft:
- Winkelwiese 6
- Im Wolfbächli  
- An der Winki
- Das Drama beim Rösslibrunnen 
- Der Reisefüfzger  
- Die volkskundliche Gans oder über die Anfänge meines Studiums
- Zürich, Ende September


 
 

Dienstag, 19. März 2019

Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 3)

2. März 
In meinem Facebook-Freundeskreis gibt es einen mir nicht näher und nicht persönlich bekannten Menschen, der seit Jahr und Tag mit Krankheiten, Herzinfarkten in Serie, allerlei Rückschlägen von Kopf bis Fuss und mit Notfall-Einweisungen konfrontiert ist. Seine schlimmen Erfahrungen mit Spitälern und Ärzten, in seinen Augen allesamt inkompetent, sind Legende. Manchmal postet er Nahaufnahmen seiner offenen Beine, das andere Mal sieht man die Schläuche, wie sie an seinem Spitalbett herunterbaumeln. 
Fein säuberlich und akribisch lässt er die Leserschaft an seinem Krankheitsverlauf teilhaben, schimpft und jammert zuweilen, manchmal glänzt er auch mit Galgenhumor und gewährt uns so Einblick in seine Befindlichkeit und in mancherlei Grenzerfahrungen.
Grenzerfahrungen aber machen auch wir in der Konfrontation mit seinem Schicksal, mit diesem schmerzvollen Aufundab. Wie können wir uns gegenüber so wenig Verheissung und Hoffnung nur verhalten? Sind wir in der Lage, darauf adäquat zu reagieren? Die Lektüre der Antworten auf dessen Posts ist ein interessantes und spannendes Panoptikum von Äusserungen der Anteilnahme, des Mutmachens, der eigenen Ratlosigkeit, zuweilen auch der versteckten Abscheu, des Entsetzens und des Sarkasmus. Der Mann hat schon so vieles durch- und überlebt, dass man schon gar nicht mehr glaubt, dass er je einmal an seinem Leiden sterben könnte. 

Jetzt sind bei ihm zum wiederholten Mal Suizidgedanken en vogue. Auf tiefgrauem Hintergrund schreibt er zum Beispiel: "Noch zwei Wochen wie die letzten. Wie es aussieht: Zeit für Suizid (Pentotal)". Und flugs stehen fb-Freunde in den Löchern, um ihm dies mit den unterschiedlichsten Strategien und Worten auszureden. Da heisst es zum Beispiel:
"Also zwei Wochen sind ja überschaubar", worauf der Patient antwortet: "Zeitlich ja, aber überlebbar nicht." Und der Helfer legt nach: "Jetzt bist du dem Tod so oft von der Schippe gesprungen." 
Hier könnte nun ein 254 Seiten umfassender Zitatenschatz des abwechslungsreichen Krankendiskurses folgen, der für einen findigen Verleger ein gefundenes Fressen wäre. Nur so als Tipp. Variante: Würde ich von einem Psychologie-Studierenden gefragt, worüber er denn eine Doktorarbeit schreiben solle, so gäbe es hier genügend Stoff für eine interessante Analyse, wie eine Social-Media-Leserschaft mit Grenzerfahrungen eines ihrer Freunde umgeht. Shitstorms sind bisher ausgeblieben. Irgendwie tröstlich.

4. März
Letzte Nacht habe ich mich wieder einmal in Schlaflosigkeit geübt und dafür Radio gehört. Bei Gabriel Faurés wunderbarem Lied Après un rêve begann ich vor mich hinzuweinen. Morgens um drei: 

Après un rêve 

Dans un sommeil que charmait ton image 
Im Schlaf erschien mir dein Antlitz 
Je revais le bonheur ardent mirage, 
Ich  träumte vom feurigen Glück 
Tes yeux etaient plus doux, ta voix pure et sonore, 
Deine Augen waren so lieblich, Deine Stimme schön und rein
Tu rayonnais comme un ciel eclaire par l'aurore; 
Du strahltest wie der Himmel beim Sonnenaufgang 
Tu m'appelais et je quittais la terre 
Du riefst mich und ich erhob mich 
Pour m'enfuir avec toi vers la lumiere, 
Um mit zu dir ans Licht zu gelangen
Le cieux pour nous entr'ouvraient leurs nues, 
Der Himmel öffnete für uns seine Wolken 
splendeurs inconnues, 
welch unbekannte Herrlichkeit,
Ieurs divines entre vues, 
welch himmlischer Anblick 
Helas! Helas, triste reveil des songes, 
Doch dann, welch trauriges, sorgenvolles Erwachen
Je t'appelle, o nuit, rends-moi tes mensonges, 
Oh Nacht, gib mir deine Lügen zurück 
Reviens, reviens radieuse, 
Komm, komm wieder, frohlocke, 
Reviens, ô nuit mystérieuse! 
Komm wieder, du geheimnisvolle Nacht
(Französischer Text: Romain Bussine)
 
So gefühlvoll dieses Lied, so abgrundtief romantisch und vollkommen schön. Und ich erinnerte mich plötzlich, wie ich damals vor über 40 Jahren in unserem Haus an der Bocklerstrasse in Schwamendingen am Klavier sitzen und meinen Freund und Mitbewohner, den Musikstudenten und Sänger Hans-Martin Bossert, zu diesem Lied begleiten durfte. Ich war stolz, dass ich ohne zu üben den Klavierpart schaffte und so am Wunder dieser Musik teilhaben konnte. Und dann streifte mich letzte Nacht der unangenehme Gedanke auch noch, dass ich mich ein Leben lang wohl eher unterfordert habe. Statt diese himmlische Melodie als Aufforderung zu verstehen, das Klavierspiel noch besser zu beherrschen und mit Hans-Martin zum Klingen zu bringen, zum Beispiel für die hinreissenden Richard Strauss-Lieder oder den ganzen Liedschatz von Schubert, Schumann und Brahms, liess ich es aus lauter Bequemlichkeit bei diesem einen Höhepunkt bleiben und wandte mich weniger anforderungsreichen Tätigkeiten zu. 
Ich bin heute der Meinung, dass mein Leben fast ausschliesslich aus Schlupflöchern bestand, um mich vor den anforderungsreicheren Teilen zu drücken, davor, mit Ehrgeiz und Ausdauer Ziele zu erreichen. Dieses eine Lied erinnert mich an uneingelöste Vorhaben. Heute lädt es mich nostalgisch dazu ein, in dem, was nicht geschehen ist, keine Defizite zu erkennen, sondern das Leben so zu nehmen, wie es mir halt widerfuhr. 

5. März
Meine Erfahrungen mit der Parahotellerie: Am meisten lassen meine Gäste beim Abschied ihr Haar-Shampoo zurück. Musste seit letztem Sommer keines mehr selber kaufen. Und mein Haar bedankt sich für die Abwechsung der Düfte und der Wirkungskraft...

6. März
Mein venezolanischer Freund Rodrigo berichtet mir heute einmal mehr entnervt über die Grenze hinweg: «Pero para los políticos revolucionários es mentira que pasa algo. Siempre buscan una excusa y un culpable a todas las desgracias.» - Oder auf Deutsch: «Für die revolutionär gesinnten Politiker hier ist alles nur Lüge, was über die aktuellen Vorgänge berichtet wird. Sie suchen immer nach einer Ausrede und nach Schuldigen für das herrschende Elend.» 
Und dann gibt es einen ganzen Hardliner-Block von Menschen, auch in der Schweiz, die einem weismachen wollen, dass Nicolás Maduro die einzige richtige Lösung sei für dieses Land am Abgrund, demokratisch legitimiert und deshalb unantastbar, denn die Amerikaner hätten es eh nur aufs venezolanische Oel abgesehen. Derweil überqueren bei Cúcuta täglich Hunderte wenn nicht Tausende von Flüchtlingen die Grenze, wollen dem Hunger entkommen und den Grosseltern zu Hause Geld heimschicken, und wenn sie hier in Bogotá landen, so verkaufen sie Schleckzeug in den Bussen, die Kleinkinder auf dem Arm, und viele der Jungen und Gutaussehenden versuchen, sich mit Prostitution über Wasser zu halten. Die Online-Dating-Portale Grindr und Tinder laufen heiss. Ich habe mich dort schon mit attraktiven Zahnärzten und Hochschullehrern unterhalten, die sich für eine Pizza verkaufen würden. 

19. März
Ich weiss etwas, was sie nicht weiss und nicht einmal ahnt. Sie wächst heran, und wenn sie nicht vor sich hindöst, schleckt und putzt sich in einem fort, lässt Haare zurück, frisst in einem Zug den Napf leer, wenn es Futter gibt, und geniesst sowohl die Ruhe des Augenblicks als auch meine Gesellschaft. Manchmal ist sie zu wildem Spiel aufgelegt, so krallig, dass Möbel und Kleider Maschen lassen. 
Würde ich es ihr sagen, was ihr bevorsteht, würde sie es weder verstehen noch begreifen, so dass mir in dieser Angelegenheit nur der quälende Monolog bleibt, der in der existentiellen Frage mündet, ob es mir überhaupt erlaubt ist, ihr die Chancen auf Mutterfreuden zu unterbinden. 
In zwei Tagen schon werden wir sie zum Tierarzt bringen, und belämmert wird sie nach einem halben Tag als ein anderes Tier zurückkehren, mit Halskrause bestückt, welche sie bestimmt mehr als nur stören wird. Kein Kater wird sich je um sie bemühen und seine Duftnoten am Eingang hinterlassen. Sie wird träge werden und gefrässig bis zum Dicksein, und ich werde Schuld auf mich geladen haben und habe dafür erst noch 180.000 Pesos bezahlt. 

©Nikolaus Wyss



Weitere Tagebuch-Eintragungen:

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 4)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 2)

- Stägeli uuf, Stägeli ab juhee (Tagebuch 1)