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Sonntag, 2. März 2025

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 13)


Beim Anhören weinen

    Ich hatte einmal eine Liebschaft mit einem Franco Meier. Das sind wohl 40 Jahre her, und er ist schon seit langem tot, wobei ich nicht weiss, ob er sich damals das Leben nahm oder ob er an einer Überdosis starb. Es kommt letztlich aufs gleiche hinaus. Er schenkte damals an einer Stehbar im noch nicht umgebauten Zürcher Hauptbahnhof Kaffee und Bier aus, und wir verknallten uns ineinander. 
    Was mich an ihm einerseits faszinierte und andererseits jeweils auch vor Rätsel stellte, war die Art, wie er kommunizierte. Er wusste seine Gefühle oft nicht in Worte zu fassen, doch Songs englischsprachiger Popstars seiner Zeit halfen ihm, das auszudrücken, was ihm selbst nicht gelingen wollte. So hörten wir auf meine Fragen hin andauernd aus seinem Kassettenrecorder Musik, deren Botschaft ich nur selten auf Anhieb verstand, die aber mit ihm wohl zu tun hatten. Die Dire Straits, und bei denen natürlich Mark Knopfler, standen ganz oben auf seiner persönlichen Gefühlshitliste.
    Ich komme darauf, weil ich momentan in einer Phase stecke, wo ich einerseits meine, mit Simons Abgang nach einer fast dreijährigen Liebschaft endlich über dem Berg zu sein. Kein Wort mehr möchte ich über ihn verlieren. Doch ich komme grad ins Heulen, wenn ich die folgenden (Abschieds-)Songs anhöre. Büne Hubers Frage hier oben, wo die Geliebte heute Nacht sich befinde, halte ich für einen der gefühlvollsten Beiträge zum Thema. Und die langsam ausklingende Maultrommel zum Schluss bringt es auf den Punkt.  
    Sehr sehr emotional bin ich kürzlich beim Anhören dieses Songs von Dabu Bucher geworden. Ich kannte ihn vorher nicht, und sein Zürichdeutsch steht einer emotionalen Poesie eher im Wege. Doch beim zweiten Mal hinhören erschütterte mich sein Lied gewaltig. Er schrieb es, als er sich in eine neue Frau verknallt hatte und sich von seiner früheren Freundin trennen wollte/musste:
 

    Udo Lindenberg will es aktiv mit Abgrenzung schaffen und redet sich ein, dass es ihm gut gehe ohne sie. Dieser trotzige Kampf mit seinen eigenen Gefühlen ist grosse Psychologie.  

 
    Das vierte Lied hat sich Simon selbst immer wieder angehört. Auch dort geht es ums Verlassenwerden und das kaum darüber Hinwegkommen:
 
 
 
Und schliesslich der Salsa zum Schluss, wo es auch um das Rätsel des Fortgehens einer Geliebten geht, allerdings so: geh schon, wenn du gehen willst.

  
 
     Ja, das Thema des Verlassenwerdens steht bei mir grad im Vordergrund, wobei ich glaube, es gehe nicht nur um den einen Menschen, von dem ich mich übrigens selbst getrennt habe. Es geht wohl eher um den schmerzhaften Abschiedsprozess vom früheren Leben, von den verbliebenen jugendlichen Restgefühlen. Ich erlebe mich jetzt plötzlich älter, als ich sein möchte. Das war früher nie der Fall. 
    Ich sehe keine Vorteile meines Alters. Es ist zwar nicht so, nochmals in ein früheres Alter zurückkehren zu wollen. Doch irgendwo einen Mehrwert zu sehen in der gegenwärtigen Situation wäre doch sehr wünschenswert. Stattdessen drohen die Zähne auszufallen, und die Arthritis erlaubt mir nicht mehr, ein normal verschlossenes Gonfiglas zu öffnen. Soll es da ein Trost sein, dass die ärztliche Untersuchung mir attestieren will, dass ich - für mein Alter (!) - kerngesund sei?
 
Der Einschlagskorridor
 

    Meine Wahlheimat Bogotá befindet sich laut neuesten Berechnungen im Einschlagskorridor des Asteroiden 2024YR4, der am 22. Dezember 2032 mit einer über dreiprozentigen Wahrscheinlichkeit die Erde treffen wird. Ein vorangekündigtes, himmlisches Vorweihnachtsgeschenk, das mir insofern in den Kram passt, als es nicht die einzige Bedrohung darstellt, die mich derzeit umtreibt. Natürlich ist es nicht dieselbe Dimension, doch hinter unserem Haus flattern seit kurzem giftgrüne Flaggen, die verheissen, dass hier ein Neubau geplant ist. Man spricht von 30 Stockwerken, wobei ich selbst die Pläne noch nicht gesehen habe. Schon einmal planten sie auf diesem Parkplatz eine Überbauung. Das war noch vor der Pandemie. Dann aber wurden die Baumaterialien teurer, und die Berechnungen der bereits verkauften Flächen ergaben, dass sich der Bau nicht lohnt. Jetzt scheint es einen zweiten Anlauf zu geben mit potenteren Geldgebern, die vor steigenden Zement- und Stahlpreisen nicht zurückschrecken.

    Plötzlich sehe ich meinen Alterssitz für gefährdet. Ich weiss nicht, ob ich in meinem fortgeschrittenen Alter in unmittelbarer Nähe zwei bis drei Jahre Bauzeit mit all dem Lärm, dem Staub und den Erschütterungen schadlos überstehe für einen Klotz, der mir zum Schluss Licht und Sicht rauben wird. Und manchmal denke ich, wenn die Investoren die Einschlagswahrscheinlichkeit des Asteroiden als Risikofaktor ernst nehmen würden, würden sie von der Errichtung des Bauwerks vielleicht die Finger lassen…

 

Der 20. Februar

 


    Geburtstage haben ihre eigene Hierarchie. Für ein Kind ist der Geburtstag in jedem Jahr ein Ereignis, geschürt von stolzen Eltern mit Kerzlein-Ausblas-Ritualen, Kindereinladungen und Geschenken. Hinzu kommen ab einem bestimmten Alter die Eintrittsberechtigungen für Kindergarten und später für die Primarschule. Und dann signalisiert jeder weitere Geburtstag, in welche Filme man schon gehen darf und welche noch verboten sind (und man trotzdem hingeht). Dasselbe gilt für den Kauf von Alkoholika und Tabakwaren. Auch Sex ist altersgeregelt, der Führerausweis und die politische Mündigkeit. Das heisst, Geburtstage haben im Kindes- und Jugendalter ihre legitimierende Wichtigkeit. Dann aber lässt ihre Bedeutung nach. Wenn man einmal 20 ist, so ist der 21. Geburtstag oder der 22. oder der 23. nicht mehr das Tor zu einem neuen Lebensgefühl der Freiheit und der bis anhin verbotenen Zugangsberechtigungen. Wenn man dann trotzdem seinen Geburtstag feiert, so ist es, weil man es schön findet und Aufmerksamkeit geschenkt bekommt. (Umso trister, wenn sich niemand dieses Anlasses annimmt. Ich kenne ein paar Jungs hier in Kolumbien, in deren Familien Geburtstage kein Thema sind. Oft mangelt es auch an Geld, ihn gebührend zu feiern. Diese Jungs wenden sich dann an mich und kündigen an, dass sie übermorgen Geburtstag hätten in der Erwartung, ich würde ihnen etwas spendieren, was ich im allgemeinen auch gerne tue.)

    Weitere Lebensereignisse aber, wie bestandene Prüfungen, Stellenwechsel und Hochzeiten, halten sich nicht an das eigene Geburtsdatum und laufen so der Bedeutung des Geburtstags den Rang ab. Natürlich gibt es Ausnahmen bei runden. Ich zum Beispiel feierte meinen 40. in der algerischen Sahara in der Nähe von Tamanrasset. Den 50. in Luzern mit 200 Gästen aus nah und fern, den 60. als Abschied von meinem Posten als Rektor, den 65. in der Mars-Bar an der Zürcher Langstrasse, den 70. auf dem Dach unseres Hauses hier in Bogotá, ebenso den 75., dies gerade zweimal. Einmal hier in Bogotá wieder auf dem Dach des Hauses mit 30 Gästen, und das zweite Mal im Juni in der Schwamendinger Ziegelhütte am Rande des Zürichbergwaldes mit über 60 Gästen. Daran erinnere ich mich gerne zurück mit dem Gefühl des Geliebtseins und der Dankbarkeit.

    Kürzlich wurde ich 76, und einige meiner Generation haben nicht reagiert, was ihnen nachträglich peinlich war. Mein Gott, in diesem Alter hat ein 76. doch keine besondere Bedeutung. Mir fiel das Ausbleiben von einigen Glückwünschen nicht einmal auf. Denn gleichzeitig bekommt man ja auf Facebook einen kaum überblickbaren Schwarm von "happy birthdays" von mir meist persönlich unbekannten Usern/"Freunden" aus aller Welt...

    Ich feierte meinen diesjährigen Geburtstag ohne grossen Aufhebens, auch wenn meine Hausbewohner in kleinem Rahmen mit einer Torte für einen feierlichen Augenblick gesorgt hatten. Doch die Bedeutung eines Geburtstages liegt bei meiner Alterskategorie woanders. Wo stehen andere 76jährige? – Bröckelt es bei ihnen schon gewaltig, oder rieselt es eher (wie bei mir)? Und mit wachsendem Wohlwollen erinnere ich mich an meine Grossmutter, wenn sie über Gleichaltrige oder soeben Verstorbene sprach. Das war jeweils eine grosse Peer Review, bei welcher sie bis ins hohe Alter ziemlich gut abschnitt.  

 

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©Nikolaus Wyss
 

 

   

 

 

 

Dienstag, 26. Mai 2020

"So nimm denn meine Hände" - Ein Geburtstagsbrief

Das ist mein Götti Eugen Uhlmann, der in England lebte und meine Mutter in schwierigen Zeiten bei sich aufnahm

Lieber L.

    Herzlich willkommen im Club der Ü70. Wir werden jedes Jahr mehr, Covid-19 hin oder her. Ich bin jetzt 71 und kann nicht klagen. Irgendwie geht das Leben weiter, auch wenn jetzt eine sieben da vorne steht.

    Ich gratuliere dir zum Geburtstag und wünsche dir von Herzen alles Gute zum neuen Lebensjahrzehnt. Klar, die Gesundheit ist eines dieser guten Wünsche, aber auch die Gnade sich selbst gegenüber und die Zuversicht. Du kannst nichts mehr ändern, was geschehen ist. Statt sich über Verpasstes und Unerreichtes zu grämen, wie es leider mein Vater bis zu seinem Lebensende immer wieder getan hatte und uns alle damit verlegen und unglücklich machte, ist es alleweil besser zu akzeptieren, was passiert oder nicht eingetroffen ist. Die Gedanken an Unerfülltes und an nicht Eingetroffenem sollten entweder – gut verschnürt – entsorgt oder wenigstens auf dem Dachboden abgelegt, oder aber als etwas Besonderes, Kostbares im Schatzkästlein der eigenen Erinnerungen aufbewahrt werden. Vielleicht kommst du sogar zur Feststellung, dass es gut sei, dass nicht alles so eingetroffen ist, wie du es dir einmal gewünscht hattest.

    Zuversicht und Abgeklärtheit jedoch brauchen Pflege. Denn mit 70plus öffnen sich so langsam jene Tore, hinter welchen sich keine guten Verheissungen verbergen. Der eine oder andere unserer Generation ist ja schon gestorben, zu früh, wie man sagt, oftmals mit einer vorausgegangenen Leidensgeschichte. Jeder Todesfall um uns herum alimentiert unsere schlimmsten Befürchtungen, eines qualvollen Todes sterben zu müssen, oder, noch schlimmer, nicht sterben zu können und mit einem immer schwerer werdenden und schmerzvolleren Rucksack voller Gebresten und mit Gedächtnisverlust dem eigenen Ende entgegenzuhinken, an Stöcken vielleicht, mit dem Rollator, im Rollstuhl, oder was auch immer das Schicksal an Fortbewegungsmitteln für uns bereithält. Gegen solche Szenarien hat Zuversicht einen schweren Stand und mutet zuweilen naiv an, was man in unserem Alter ja lieber nicht sein will. Gleichwohl, ich wünsche dir Zuversicht. Umso mehr. Damit kann man nämlich einen Spalt breit wenigstens durch jene anderen Tore blicken, welche ein schönes Alter prophezeien, ein erfülltes, friedliches, befriedigendes. Das gibt es nämlich auch.

    In letzter Zeit gewann bei mir ein Lied an Bedeutung, das meine Mutter seit meiner frühesten Jugend zu einem ihrer bedeutsamsten, wichtigsten Lieder erklärte. Ich weiss nicht, was sie dazu brachte, so ein Lied zu favorisieren, doch meine Fantasie sagt mir, es hätte sie getröstet, als sie mit mir schwanger wurde. Von meinem Vater verlassen, reiste sie allein mit mir im Bauch für ein paar Wochen nach England, wo sie bei ihrem Onkel, meinem späteren Patenonkel, Unterschlupf fand. Und dann erkrankte sie schwer. Ich glaube, es ging ihr wirklich schlecht in jenen Tagen. Die Ärzte waren ratlos.

    Die Anfangsworte dieses Kirchenliedes, das dir bekannt sein dürfte, gehen so: 

So nimm denn meine Hände / Und führe mich / Bis an mein selig Ende / Und ewiglich. /Ich mag allein nicht gehen, /Nicht einen Schritt; / Wo du wirst gehn und stehen, / Da nimm mich mit. / In dein Erbarmen hülle / Mein schwaches Herz / Und mach es gänzlich stille / In Freud und Schmerz; / Laß ruhn zu deinen Füßen / Dein armes Kind; / Es will die Augen schließen / Und glauben blind...

    Es ist das Zugeständnis, dass nichts so läuft, wie man es eigentlich möchte. Es ist ein Fahrenlassen aller Hoffnungen. Es ist die bedingungslose Übergabe ans Schicksal, das es richten soll und wird. Das Lied endet so:

Wenn ich auch gleich nichts fühle / Von deiner Macht, / Du führst mich doch zum Ziele, / Auch durch die Nacht. / So nimm denn meine Hände / Und führe mich / Bis an mein selig / Ende / Und ewiglich.

    Eine wunderbar friedliche, eingängige und trostreiche Melodie von Friedrich Silcher begleitet diesen Text der frommen Julie Hausmann.

    Um auf meine Worte am Anfang zurückzukommen: du kannst an deinem gelebten Leben nichts mehr ändern, du kannst es einzig, wo nötig, anders und gnädiger bewerten und damit deinen inneren Frieden finden. Vor deinem Abgang soll der Schatten der Reue doch dem Lichte weichen.

    Du kannst auch das, was dir noch bevorsteht, nicht antizipieren. Wie viele treiben Sport, um sich fit zu halten, und enden mit einem kaputten Herz in der Intensivstation. Wie viele halten sich mit viel Früchten, Nüssen und Gemüse gesund und bekommen gleichwohl Magenkrebs. Wieder andere opfern das Rauchen und sterben dann trotzdem an Lungenkrebs.

    Das obgenannte Lied und die Zuversicht als Lebensmotto für ältere Menschen wie du und ich setzen einen anderen Schwerpunkt. Der Verzicht auf irgendeinen Anspruch an eine vorausplanbare Zukunft birgt die Weisheit, dass es eh anders kommt als gedacht. Lass dich also überraschen und lass dich führen von unsichtbaren, aber spürbaren Händen namens Zuversicht.

    Soviel für heute. Gehab dich wohl. Geniesse deinen Tag, lass dich feiern.

Stets Nikolaus