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Sonntag, 2. März 2025

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 13)


Beim Anhören weinen

    Ich hatte einmal eine Liebschaft mit einem Franco Meier. Das sind wohl 40 Jahre her, und er ist schon seit langem tot, wobei ich nicht weiss, ob er sich damals das Leben nahm oder ob er an einer Überdosis starb. Es kommt letztlich aufs gleiche hinaus. Er schenkte damals an einer Stehbar im noch nicht umgebauten Zürcher Hauptbahnhof Kaffee und Bier aus, und wir verknallten uns ineinander. 
    Was mich an ihm einerseits faszinierte und andererseits jeweils auch vor Rätsel stellte, war die Art, wie er kommunizierte. Er wusste seine Gefühle oft nicht in Worte zu fassen, doch Songs englischsprachiger Popstars seiner Zeit halfen ihm, das auszudrücken, was ihm selbst nicht gelingen wollte. So hörten wir auf meine Fragen hin andauernd aus seinem Kassettenrecorder Musik, deren Botschaft ich nur selten auf Anhieb verstand, die aber mit ihm wohl zu tun hatten. Die Dire Straits, und bei denen natürlich Mark Knopfler, standen ganz oben auf seiner persönlichen Gefühlshitliste.
    Ich komme darauf, weil ich momentan in einer Phase stecke, wo ich einerseits meine, mit Simons Abgang nach einer fast dreijährigen Liebschaft endlich über dem Berg zu sein. Kein Wort mehr möchte ich über ihn verlieren. Doch ich komme grad ins Heulen, wenn ich die folgenden (Abschieds-)Songs anhöre. Büne Hubers Frage hier oben, wo die Geliebte heute Nacht sich befinde, halte ich für einen der gefühlvollsten Beiträge zum Thema. Und die langsam ausklingende Maultrommel zum Schluss bringt es auf den Punkt.  
    Sehr sehr emotional bin ich kürzlich beim Anhören dieses Songs von Dabu Bucher geworden. Ich kannte ihn vorher nicht, und sein Zürichdeutsch steht einer emotionalen Poesie eher im Wege. Doch beim zweiten Mal hinhören erschütterte mich sein Lied gewaltig. Er schrieb es, als er sich in eine neue Frau verknallt hatte und sich von seiner früheren Freundin trennen wollte/musste:
 

    Udo Lindenberg will es aktiv mit Abgrenzung schaffen und redet sich ein, dass es ihm gut gehe ohne sie. Dieser trotzige Kampf mit seinen eigenen Gefühlen ist grosse Psychologie.  

 
    Das vierte Lied hat sich Simon selbst immer wieder angehört. Auch dort geht es ums Verlassenwerden und das kaum darüber Hinwegkommen:
 
 
 
Und schliesslich der Salsa zum Schluss, wo es auch um das Rätsel des Fortgehens einer Geliebten geht, allerdings so: geh schon, wenn du gehen willst.

  
 
     Ja, das Thema des Verlassenwerdens steht bei mir grad im Vordergrund, wobei ich glaube, es gehe nicht nur um den einen Menschen, von dem ich mich übrigens selbst getrennt habe. Es geht wohl eher um den schmerzhaften Abschiedsprozess vom früheren Leben, von den verbliebenen jugendlichen Restgefühlen. Ich erlebe mich jetzt plötzlich älter, als ich sein möchte. Das war früher nie der Fall. 
    Ich sehe keine Vorteile meines Alters. Es ist zwar nicht so, nochmals in ein früheres Alter zurückkehren zu wollen. Doch irgendwo einen Mehrwert zu sehen in der gegenwärtigen Situation wäre doch sehr wünschenswert. Stattdessen drohen die Zähne auszufallen, und die Arthritis erlaubt mir nicht mehr, ein normal verschlossenes Gonfiglas zu öffnen. Soll es da ein Trost sein, dass die ärztliche Untersuchung mir attestieren will, dass ich - für mein Alter (!) - kerngesund sei?
 
Der Einschlagskorridor
 

    Meine Wahlheimat Bogotá befindet sich laut neuesten Berechnungen im Einschlagskorridor des Asteroiden 2024YR4, der am 22. Dezember 2032 mit einer über dreiprozentigen Wahrscheinlichkeit die Erde treffen wird. Ein vorangekündigtes, himmlisches Vorweihnachtsgeschenk, das mir insofern in den Kram passt, als es nicht die einzige Bedrohung darstellt, die mich derzeit umtreibt. Natürlich ist es nicht dieselbe Dimension, doch hinter unserem Haus flattern seit kurzem giftgrüne Flaggen, die verheissen, dass hier ein Neubau geplant ist. Man spricht von 30 Stockwerken, wobei ich selbst die Pläne noch nicht gesehen habe. Schon einmal planten sie auf diesem Parkplatz eine Überbauung. Das war noch vor der Pandemie. Dann aber wurden die Baumaterialien teurer, und die Berechnungen der bereits verkauften Flächen ergaben, dass sich der Bau nicht lohnt. Jetzt scheint es einen zweiten Anlauf zu geben mit potenteren Geldgebern, die vor steigenden Zement- und Stahlpreisen nicht zurückschrecken.

    Plötzlich sehe ich meinen Alterssitz für gefährdet. Ich weiss nicht, ob ich in meinem fortgeschrittenen Alter in unmittelbarer Nähe zwei bis drei Jahre Bauzeit mit all dem Lärm, dem Staub und den Erschütterungen schadlos überstehe für einen Klotz, der mir zum Schluss Licht und Sicht rauben wird. Und manchmal denke ich, wenn die Investoren die Einschlagswahrscheinlichkeit des Asteroiden als Risikofaktor ernst nehmen würden, würden sie von der Errichtung des Bauwerks vielleicht die Finger lassen…

 

Der 20. Februar

 


    Geburtstage haben ihre eigene Hierarchie. Für ein Kind ist der Geburtstag in jedem Jahr ein Ereignis, geschürt von stolzen Eltern mit Kerzlein-Ausblas-Ritualen, Kindereinladungen und Geschenken. Hinzu kommen ab einem bestimmten Alter die Eintrittsberechtigungen für Kindergarten und später für die Primarschule. Und dann signalisiert jeder weitere Geburtstag, in welche Filme man schon gehen darf und welche noch verboten sind (und man trotzdem hingeht). Dasselbe gilt für den Kauf von Alkoholika und Tabakwaren. Auch Sex ist altersgeregelt, der Führerausweis und die politische Mündigkeit. Das heisst, Geburtstage haben im Kindes- und Jugendalter ihre legitimierende Wichtigkeit. Dann aber lässt ihre Bedeutung nach. Wenn man einmal 20 ist, so ist der 21. Geburtstag oder der 22. oder der 23. nicht mehr das Tor zu einem neuen Lebensgefühl der Freiheit und der bis anhin verbotenen Zugangsberechtigungen. Wenn man dann trotzdem seinen Geburtstag feiert, so ist es, weil man es schön findet und Aufmerksamkeit geschenkt bekommt. (Umso trister, wenn sich niemand dieses Anlasses annimmt. Ich kenne ein paar Jungs hier in Kolumbien, in deren Familien Geburtstage kein Thema sind. Oft mangelt es auch an Geld, ihn gebührend zu feiern. Diese Jungs wenden sich dann an mich und kündigen an, dass sie übermorgen Geburtstag hätten in der Erwartung, ich würde ihnen etwas spendieren, was ich im allgemeinen auch gerne tue.)

    Weitere Lebensereignisse aber, wie bestandene Prüfungen, Stellenwechsel und Hochzeiten, halten sich nicht an das eigene Geburtsdatum und laufen so der Bedeutung des Geburtstags den Rang ab. Natürlich gibt es Ausnahmen bei runden. Ich zum Beispiel feierte meinen 40. in der algerischen Sahara in der Nähe von Tamanrasset. Den 50. in Luzern mit 200 Gästen aus nah und fern, den 60. als Abschied von meinem Posten als Rektor, den 65. in der Mars-Bar an der Zürcher Langstrasse, den 70. auf dem Dach unseres Hauses hier in Bogotá, ebenso den 75., dies gerade zweimal. Einmal hier in Bogotá wieder auf dem Dach des Hauses mit 30 Gästen, und das zweite Mal im Juni in der Schwamendinger Ziegelhütte am Rande des Zürichbergwaldes mit über 60 Gästen. Daran erinnere ich mich gerne zurück mit dem Gefühl des Geliebtseins und der Dankbarkeit.

    Kürzlich wurde ich 76, und einige meiner Generation haben nicht reagiert, was ihnen nachträglich peinlich war. Mein Gott, in diesem Alter hat ein 76. doch keine besondere Bedeutung. Mir fiel das Ausbleiben von einigen Glückwünschen nicht einmal auf. Denn gleichzeitig bekommt man ja auf Facebook einen kaum überblickbaren Schwarm von "happy birthdays" von mir meist persönlich unbekannten Usern/"Freunden" aus aller Welt...

    Ich feierte meinen diesjährigen Geburtstag ohne grossen Aufhebens, auch wenn meine Hausbewohner in kleinem Rahmen mit einer Torte für einen feierlichen Augenblick gesorgt hatten. Doch die Bedeutung eines Geburtstages liegt bei meiner Alterskategorie woanders. Wo stehen andere 76jährige? – Bröckelt es bei ihnen schon gewaltig, oder rieselt es eher (wie bei mir)? Und mit wachsendem Wohlwollen erinnere ich mich an meine Grossmutter, wenn sie über Gleichaltrige oder soeben Verstorbene sprach. Das war jeweils eine grosse Peer Review, bei welcher sie bis ins hohe Alter ziemlich gut abschnitt.  

 

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©Nikolaus Wyss
 

 

   

 

 

 

Dienstag, 5. September 2023

"Zurückbleiben bitte" - Berliner Impressionen 2023

 

 

    Es ist bestimmt nicht so, wie ich es beschreibe. Es ist nur so, wie ich es zurzeit empfinde. Jetzt, in meinem Zustand dieser Tage in Berlin. Diese Stadt hat mir sonst immer erhellende, bereichernde Erlebnisse und neue Eindrücke beschert. Diesmal ist es anders. Meine Berliner Zeit scheint für einmal darin zu bestehen, auf diese Bereicherungen verzichten zu müssen. Diesmal rauschen sie unkenntlich und spurlos an mir vorbei. Ich konsultiere keinen Veranstaltungskalender, besuche keine einzige Ausstellung und komme an keinem wichtigen Monument vorbei. Ich mache keine Kneipentouren, und mein Sinn steht auch nicht nach einem Abenteuer. Was überhaupt mache ich hier? Das ist doch reine Geld- und Zeitverschwendung!

    Es ist einfach zu heiss. Meine Erschöpfung allein gibt den Tagesrhythmus vor. Mein Alltag findet vornehmlich im Hotelzimmer statt: Nochmals schlafen nach dem Frühstück. Später nach 80 Metern Abbruch eines Spaziergangversuchs. Voll verschwitzt zurück zur Bleibe. Restminuten des Frühstückfernsehens mit Sven Loreck angucken, der schon seit geschätzten 150 Jahren dabei ist, und, neu, mit einer kecken jungen Dame, deren Name sich mir nicht einprägen will. Auch noch mit dabei der Wettermann Benjamin Stöbe, immer munter drauf und kompetent.

    Zum Lesen zu schwach. Langes Werweissen, wo ich später am Tag noch etwas essen könnte. Dann, nach ein paar Sushis um die Ecke, wieder auf dem Bett, mit Unterhosen bloss. Später Mittagsschlaf bei laufendem Fernsehapparat. So vergehen meine Berliner Tage im Jahre 2023.

    Einzig an den Abenden, wenn sich die drückende Hitze etwas legt, habe ich mich schon mit ein paar Freunden getroffen. Für mich gestalten sich diese Begegnungen immer mehr zu einer Art «peer review». Wir belauern uns wohlwollend und in alter Freundschaft, beobachten dabei aber genau, wo es beim andern schon zu bröckeln beginnt. In aller Verschwiegenheit finden Vergleiche statt, wobei ich mich meistens als hinfälliger einschätzen muss als meine Gegenüber. Liegt es vielleicht daran, dass das 24-Stunden-Hamsterrad Berlin es den hier Wohnhaften schon gar nicht erlaubt, sich erschöpft zu geben? Man lebt schliesslich in dieser Stadt, um davon zu profitieren, was es andernorts nicht gibt: Kultur, Parties, Events, Premieren, Konzerte, neue Lokale… Darauf zu verzichten, kommt schon fast einem Verrat gleich. Deshalb fühle ich mich tagsüber auch so unnütz in meinem Hotelzimmer, ja, schuldig.

    Und doch, in einem bin ich mit meinen Freunden gleicher Meinung: es ist nicht mehr so wie früher. Die Stadt gibt zwar den Einheimischen nach wie vor den Lebensrhythmus vor. Nur kommt jeder und jede heute mehr ins Hecheln, führt das aber auf die Hitze zurück und nicht auf das eigene, fortgeschrittene Alter, auf eine gewisse Sättigung auch.

    Auf dem Heimweg nach einem abendlichen Freundesbesuch dann die überraschende und tröstende Erleuchtung in einer gottverlassenen U-Bahn-Station. Dort ertönt doch kurz vor dem Schliessen der Türen jeweils eine Stimme und mahnt: «Zurückbleiben bitte.» - Plötzlich offenbaren für mich in der einen schwülen Nacht diese tausendfach wiedergegebenen Worte eine erlösende Botschaft. Berlin erteilt mir zehn Meter unter dem Boden die Absolution für mein Nichtstun: ich muss doch gar nicht! Ich kann alles, was ich mir eigentlich vorgenommen habe, und weswegen ich nach Berlin gefahren bin, sausen lassen. Ich kann all die Züge, die mich zu spannenden Orte fahren würden, abfahren lassen und in aller Ruhe zurückbleiben. So halte ich es schliesslich schon die ganze Woche, bedrückt und auch leicht verärgert. Doch jetzt bekomme ich offiziell und freihändig von der Stadt die Rechtfertigung für mein Verhalten geliefert. Berlin hat gesprochen und mir unverhofft eine unbezahlbare Einsicht im Wert eines U-Bahnfahrscheins beschert.

    Der nächste Morgen fühlt sich überraschenderweise energiegeladen an. Mutig setze ich mich nach einem frühen Frühstück der Hitze aus, schaffe es bis zum Uniqlo- Kleiderladen, wo ich mich in guten Händen von Roger Federer weiss. Die stark aufgedrehte Klimaanlage trägt das ihrige dazu bei, dass ich wahllos Unterwäsche, Hemden und Socken kaufe. Ich muss ja nirgends hin, bleibe im Perimeter des Hotels. Im Kaufhof daneben erstehe ich mir noch einen Koffer, um das Eingekaufte auch gut geschützt zu transportieren. Und ein roter Morgenrock zu günstigem Preis passt auch noch rein. Übermütig, wenn auch verschwitzt, schaffe ich es zum Hotel zurück und kleide mich für eine Fotografie an meine Lieben in Übersee so ein, damit sie sehen, mit welchem Outlook sie bei meiner Rückkehr rechnen müssen.

    Abends dann Richard Strauss’ Elektra in der Deutschen Staatsoper unter den Linden. Im Laufe der Aufführung komme ich zum Schluss, dass Elektra eine dumme Kuh sein muss. Liegt vielleicht auch daran, dass der Tonmeister meint dem Publikum eine Freude zu bereiten, wenn er das ganze Haus während der ganzen Aufführung mit derselben Tonstärke beschallt. Ein pausenloses Geschrei und ein überlautes Orchester. – Ich hätte zurückbleiben müssen. Sei’s drum.

    Tags darauf probt Zubin Mehta draussen auf dem Bebelplatz mit der Berliner Staatskapelle Bruckners Siebte. Der Platz füllt sich mit Liegestühlen. Ich aber gehe Eis essen. Übermorgen fahr ich eh los und lasse Berlin zurück. 

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©Nikolaus Wyss
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Noch ein paar Städtebemerkungen hier zum Anclicken:

 

 - Meine Mexiko-Wochen

- Zürich, Ende September

- Ein Tag in London

- Wieder in Bogotá

- Rösti in Kalkutta 

- Adieu Paris - Paris adieu 

 
  


Dienstag, 26. Mai 2020

"So nimm denn meine Hände" - Ein Geburtstagsbrief

Das ist mein Götti Eugen Uhlmann, der in England lebte und meine Mutter in schwierigen Zeiten bei sich aufnahm

Lieber L.

    Herzlich willkommen im Club der Ü70. Wir werden jedes Jahr mehr, Covid-19 hin oder her. Ich bin jetzt 71 und kann nicht klagen. Irgendwie geht das Leben weiter, auch wenn jetzt eine sieben da vorne steht.

    Ich gratuliere dir zum Geburtstag und wünsche dir von Herzen alles Gute zum neuen Lebensjahrzehnt. Klar, die Gesundheit ist eines dieser guten Wünsche, aber auch die Gnade sich selbst gegenüber und die Zuversicht. Du kannst nichts mehr ändern, was geschehen ist. Statt sich über Verpasstes und Unerreichtes zu grämen, wie es leider mein Vater bis zu seinem Lebensende immer wieder getan hatte und uns alle damit verlegen und unglücklich machte, ist es alleweil besser zu akzeptieren, was passiert oder nicht eingetroffen ist. Die Gedanken an Unerfülltes und an nicht Eingetroffenem sollten entweder – gut verschnürt – entsorgt oder wenigstens auf dem Dachboden abgelegt, oder aber als etwas Besonderes, Kostbares im Schatzkästlein der eigenen Erinnerungen aufbewahrt werden. Vielleicht kommst du sogar zur Feststellung, dass es gut sei, dass nicht alles so eingetroffen ist, wie du es dir einmal gewünscht hattest.

    Zuversicht und Abgeklärtheit jedoch brauchen Pflege. Denn mit 70plus öffnen sich so langsam jene Tore, hinter welchen sich keine guten Verheissungen verbergen. Der eine oder andere unserer Generation ist ja schon gestorben, zu früh, wie man sagt, oftmals mit einer vorausgegangenen Leidensgeschichte. Jeder Todesfall um uns herum alimentiert unsere schlimmsten Befürchtungen, eines qualvollen Todes sterben zu müssen, oder, noch schlimmer, nicht sterben zu können und mit einem immer schwerer werdenden und schmerzvolleren Rucksack voller Gebresten und mit Gedächtnisverlust dem eigenen Ende entgegenzuhinken, an Stöcken vielleicht, mit dem Rollator, im Rollstuhl, oder was auch immer das Schicksal an Fortbewegungsmitteln für uns bereithält. Gegen solche Szenarien hat Zuversicht einen schweren Stand und mutet zuweilen naiv an, was man in unserem Alter ja lieber nicht sein will. Gleichwohl, ich wünsche dir Zuversicht. Umso mehr. Damit kann man nämlich einen Spalt breit wenigstens durch jene anderen Tore blicken, welche ein schönes Alter prophezeien, ein erfülltes, friedliches, befriedigendes. Das gibt es nämlich auch.

    In letzter Zeit gewann bei mir ein Lied an Bedeutung, das meine Mutter seit meiner frühesten Jugend zu einem ihrer bedeutsamsten, wichtigsten Lieder erklärte. Ich weiss nicht, was sie dazu brachte, so ein Lied zu favorisieren, doch meine Fantasie sagt mir, es hätte sie getröstet, als sie mit mir schwanger wurde. Von meinem Vater verlassen, reiste sie allein mit mir im Bauch für ein paar Wochen nach England, wo sie bei ihrem Onkel, meinem späteren Patenonkel, Unterschlupf fand. Und dann erkrankte sie schwer. Ich glaube, es ging ihr wirklich schlecht in jenen Tagen. Die Ärzte waren ratlos.

    Die Anfangsworte dieses Kirchenliedes, das dir bekannt sein dürfte, gehen so: 

So nimm denn meine Hände / Und führe mich / Bis an mein selig Ende / Und ewiglich. /Ich mag allein nicht gehen, /Nicht einen Schritt; / Wo du wirst gehn und stehen, / Da nimm mich mit. / In dein Erbarmen hülle / Mein schwaches Herz / Und mach es gänzlich stille / In Freud und Schmerz; / Laß ruhn zu deinen Füßen / Dein armes Kind; / Es will die Augen schließen / Und glauben blind...

    Es ist das Zugeständnis, dass nichts so läuft, wie man es eigentlich möchte. Es ist ein Fahrenlassen aller Hoffnungen. Es ist die bedingungslose Übergabe ans Schicksal, das es richten soll und wird. Das Lied endet so:

Wenn ich auch gleich nichts fühle / Von deiner Macht, / Du führst mich doch zum Ziele, / Auch durch die Nacht. / So nimm denn meine Hände / Und führe mich / Bis an mein selig / Ende / Und ewiglich.

    Eine wunderbar friedliche, eingängige und trostreiche Melodie von Friedrich Silcher begleitet diesen Text der frommen Julie Hausmann.

    Um auf meine Worte am Anfang zurückzukommen: du kannst an deinem gelebten Leben nichts mehr ändern, du kannst es einzig, wo nötig, anders und gnädiger bewerten und damit deinen inneren Frieden finden. Vor deinem Abgang soll der Schatten der Reue doch dem Lichte weichen.

    Du kannst auch das, was dir noch bevorsteht, nicht antizipieren. Wie viele treiben Sport, um sich fit zu halten, und enden mit einem kaputten Herz in der Intensivstation. Wie viele halten sich mit viel Früchten, Nüssen und Gemüse gesund und bekommen gleichwohl Magenkrebs. Wieder andere opfern das Rauchen und sterben dann trotzdem an Lungenkrebs.

    Das obgenannte Lied und die Zuversicht als Lebensmotto für ältere Menschen wie du und ich setzen einen anderen Schwerpunkt. Der Verzicht auf irgendeinen Anspruch an eine vorausplanbare Zukunft birgt die Weisheit, dass es eh anders kommt als gedacht. Lass dich also überraschen und lass dich führen von unsichtbaren, aber spürbaren Händen namens Zuversicht.

    Soviel für heute. Gehab dich wohl. Geniesse deinen Tag, lass dich feiern.

Stets Nikolaus
 

Mittwoch, 9. Januar 2019

Im Raumschiff unterwegs

 
Zu unserer Zeit machten wir es uns zur Aufgabe, das Sensationelle auf dieser Welt, die Schlagzeilen über Katastrophen, Mordfälle und umwälzende Erfindungen für das allerlangweiligste und immerwährende Grundgeräusch zu halten, während wir das Langweiligste und Alltäglichste, dem das Zeug zum Aufmacher gänzlich fehlte, als das eigentlich Erwähnenswerte und Wichtige priesen. Unter diesen Prämissen gründeten wir 1978 die Zeitschrift Der Alltag – Sensationen des Gewöhnlichen, pflegten während Jahren diese Art von Wahrnehmung und statteten darüber regelmässig Bericht. Mit der Zeit aber schliffen sich unsere harten Vorgaben etwas ab, und das Glänzende und das in konventionellem Sinne Aussergewöhnliche gewann zuungunsten unserer ursprünglichen Kriterien immer öfter die Oberhand. Mich begann die Sache zu langweilen, und ich wandte mich in dem Masse anderen Dingen zu, wie mein Verhältnis zu meinem Mitherausgeber Walter Keller erodierte. Der Ruf jedoch, den Alltag thematisiert zu haben, verfolgte mich in meinem weiteren Leben wie ein wohlwollender Schatten. Manchmal meinte ich, mich erklären zu müssen, wenn man mich zum Beispiel in einem feinen Restaurant antraf oder wenn ich in der Oper gesichtet wurde. Alltag? – Als Erklärung legte ich mir zurecht, dass zum Alltag eben auch Abwechslung gehöre, ja, dass der Alltag erst vor dem Hintergrund von Abwechslung und Ausserordentlichem so richtig sichtbar würde. Eine weitere Erklärung mündete darin, dass dieses Restaurant, das ausserordentliche Gerichte zubereitete, für die Angestellten selbst Alltag sei, und ebenso verhalte es sich mit der Oper ...
Diese Anfänge des Alltag-Hypes treten mir jetzt wieder deutlicher ins Bewusstsein, seit ich hier in Bogotá im eigenen Haus wohne und für dessen Pflege und Aufrechterhaltung zuständig bin. Eine junge, wilde Katze, ein Findelkind aus Buenaventura, die ich Psps rufe, gehört dazu. Sie verlangt Aufmerksamkeit rund um die Uhr und versucht, es sich auf meinen Füssen bequem zu machen, während ich am Schüttstein das Gemüse rüste. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert, für mich aber der Erwähnung wert. Es kommt kaum noch vor, dass ich das Haus verlasse. Alles wird ins Haus geliefert. Ich pflege also leidenschaftlich langweiligen, innerhäuslichen Alltag, und dies in einem Masse, wie ich es zuvor wohl noch nie getan habe. Freunde hier wissen schon, was ich zur Antwort gebe, wenn sie mich fragen, was ich so mache: mit der Katze spielen, kochen, den Hof wischen, die Pflanzen giessen, lesen, schreiben, mit der Katze spielen, kochen, lesen, den Hof wischen, schreiben, die Pflanzen giessen ...
Abwechslung bringt ab und zu Maestro Jaime, der immer mal wieder das Lotterdach flicken kommt, weil das Leck immer noch nicht eindeutig eruiert worden ist; Vanessa schaut einmal pro Woche vorbei und sorgt insofern für Sauberkeit, als ich nach ihrem jeweiligen Wirken als obsessive Aufräumerin nichts mehr finde; Abwechslung bringen auch meine Bed-and-Breakfast-Gäste und Freunde meines Mitbewohners Johan. Doch selbst bleibe ich zumeist zu Hause, öffne einzig ab und zu die Tür, wenn es klingelt, und schaue, dass dabei unser unbändiges Kätzlein nicht auf die Strasse entwischt. So habe ich per Zufall entdeckt, dass Nachtbuben im Vorgarten einen Geraniumstock geklaut haben. Gehört das jetzt zur Kategorie des Erwähnenswerten oder zur Normalität des kolumbianischen Alltags? Ohne mich auf eine Antwort festzulegen, schliesse ich die Tür wieder und bestelle beim Gärtner einen Stock Ersatzgeranien.
Meine gegenwärtige Lebensweise hier in Kolumbien erfüllt meine periodischen Sehnsüchte nach klösterlichem Leben, welche ich bis anhin noch nie so richtig umsetzen konnte, weil bei mir früher oder später Verführungen und Neugier noch immer die Oberhand gewonnen haben. Ich glaube, da zeigen sich neuerdings eindeutige Zeichen frommen Alterns.
Meine jetzige Lebenssituation erinnert mich aber auch an meine Vorpubertät, als ich leidenschaftlich mit Klötzen ganze Städte baute und Schiffe, Flugzeuge, Häuser und Pläne von Inseln zeichnete, ohne je den kleinen Raum, wo mein Bett stand und die Billerbahn, zu verlassen. Damals fühlte ich mich in meiner kleinen Welt wunschlos glücklich und liess mich nicht gern stören durch die Ansprüche meiner Umwelt, wenn es zum Beispiel um die Einnahme des Abendbrots ging oder wenn Freunde nach mir verlangten und draussen mit mir Federball spielen wollten. Jedes Angebot an Abwechslung empfand ich als ärgerliche Störung.
Wollte ich vor Jahren nicht einmal auf den Mars reisen als ultimatives Zeichen der Einkapselung und der Verabschiedung von der hiesigen Welt, als endgültige Vereinigung mit dem Kosmos? Wo bin ich denn da in Bogotá? Schon unterwegs, oder was?

© Nikolaus Wyss

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Dienstag, 20. Februar 2018

Zu meinem 69. Geburtstag - De lo que soy


Zu meinen jungen Freunden hier in Bogotá gehört Miguel Angel. Er studiert an der Uni Tadeo Filmwissenschaft und absolviert momentan ein Austausch-Semester an einer Universität in Kuba. Bei seinen nachmittäglichen Besuchen öffnete er mir ein paar Türen zu Kolumbiens Poesie, wofür ich ihm ewig dankbar sein werde. Insbesondere erschloss er mir die Welt von Raúl Gómez Jattin, dessen Gedichte mich immer stärker in Bann ziehen. Aus Anlass meines 69. Geburtstages beschäftigt mich das folgende Gedicht ganz besonders:

De lo que soy
Was ich noch bin

En este cuerpo
In diesem Körper

En el cual la vida ya anochece
Dessen Leben sich bereits dem Ende zuneigt

Vivo yo
Lebe ich

Vientre blando y cabeza calva
Der Bauch schlaff und der Kopf kahl

Pocos dientes
Wenige Zähne

Y yo adentro
Und ich darin

Como un condenado
Wie ein Verdammter

Estoy adentro y estoy enamorado
Ich befinde mich hier drin und bin verliebt

Y estoy viejo
Und ich bin alt

Descifro mi dolor con la poesía
Mit Gedichten seziere ich meinen Schmerz

Y el resultado es especialmente doloroso
Und das Resultat schmerzt ganz besonders

Voces que anuncian: ahí vienen tus angustias
Stimmen kündigen an: Hier kommen deine Ängste

Voces quebradas: pasaron ya tus días.
Brüchige Stimmen: deine Tage sind gezählt. 

La poesía es la única compañera
Die Poesie bleibt deine einzige Begleitung

Acostúmbrate a tus cuchillos,
Gewöhne dich an deine Seziermesser,

Que es la única
Das einzige, was hilft

Dieses Gedicht zwingt mich in die Knie. Es macht mich nicht traurig, doch demütig schon: andächtig, zentriert. Die scharfe, unerbittliche Beobachtung des eigenen Zerfalls schmerzt, der kurze Lichtblitz der Verliebtheit wirft ein untröstliches Schlaglicht auf die Vergänglichkeit. Doch die weise Poesie als Antwort darauf schenkt die notwendige Kraft weiterzuleben. Sie tröstet zwar nicht, doch sie bringt einen überein mit sich selbst. Sie versöhnt mich mit mir selbst. Es ist mir ums Weinen. So schön ist das.
Raúl Gómez Jattin, geboren 1945, endete als Stadtstreicher. Er wuchs in Cereté auf, einer Stadt im Norden Kolumbiens. Dort wurde er Geografie- und Geschichtslehrer und unterrichtete an einer lokalen Mittelschule. Mit 21 Jahren zog es ihn nach Bogotá, wo er die Rechte studierte. Gleichzeitig schloss er sich einer Theatergruppe an und spielte in zahlreichen Inszenierungen literarischer Beiträge mit, die vorgängig in der Zeitschrift Puesto de Combate publiziert worden sind. 
Ohne seine Rechtsstudien je abzuschliessen kehrte er acht Jahre später nach Cereté zurück, lebte von nun an auf der Strasse und wurde immer mal wieder von der Polizei aufgegriffen und in psychiatrische Kliniken gesteckt. Und er begann mit dem Schreiben von Gedichten. Er änderte seinen Lebensstil als Stadtstreicher auch nicht, als er nach Cartagena überwechselte. Jetzt kamen noch einige Gefängnisaufenthalte hinzu. Ob er seinem Leben wirklich ein Ende setzen wollte, oder ob er einfach nur unglücklich vor einen Bus fiel und überfahren wurde, bleibt bis auf den heutigen Tag ungeklärt. Er starb am 22. Mai 1997 auf den Strassen Cartagenas.
Wenn dieser Poet mit einer solchen Lebensgeschichte die Kraft aufbringt, so präzis seinem Leben künstlerischen Ausdruck zu verleihen, so bleibt mir nichts zum Klagen. Ich habe mich grad beim Zahnarzt angemeldet.  



Dienstag, 17. Oktober 2017

Goodbye Barbara

Auf diesem Bild unterhalte ich mich mit Barbara Göpel anlässlich ihres 90. Geburtstages. Das muss 2012 gewesen sein in ihrer Wohnung im Münchner Schwabing-Quartier. Sie war eine Freundin unseres Hauses. Ich erinnere mich, wie sie und ihr Mann Erhard in den 50er und 60er Jahren jeweils bei uns an der Winkelwiese mit einem VW-Käfer vorfuhren und bei uns speisten oder wenigstens einen Tee tranken. Anlass ihrer Fahrten in die Schweiz waren die Kunstauktionen bei Kornfeld und Klipstein in Bern. 
    Ich glaube, meine Mutter kannte Erhard Göpel noch von ihrem Studium in Berlin her. Vor dem Krieg. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die beiden damals etwas zusammen hatten. Er war für meine Mutter jedenfalls die erste und wichtigste Adresse in Kunstfragen. Auf seine Empfehlung hin erwarb sie sich mit ihrem wenig Ersparten hie und da ein damals noch erschwingliches, grafisches Blatt von Picasso, Beckmann, Auberjonois, Arp oder Toulouse-Lautrec - durchaus auch als Geldanlage verstanden. Und als es ihr nach der Pensionierung zuweilen an flüssigen Mitteln mangelte, verkaufte sie das eine oder andere Blatt mit gutem Gewinn.  - Was mir damals nicht klar war, und was auch meine Mutter Zeit ihres Lebens gegenüber mir nie zum Thema machte: Erhard Göpel war während der Nazi-Zeit ein dicker Fisch. Als Kunstsachverständiger sammelte er für den Führer Bilder und wurde von höchster Stelle mit Raubkunstaufträgen betraut, indem er sich massgeblich an der Enteignung von Kunst jüdischer Sammler beteiligte, die entweder ausser Landes geflohen waren oder in einem der zahlreichen Vernichtungslagern zu Tode kamen. Ich als Teenager hingegen bewunderte und belächelte zugleich die beiden, wie sie ihr ganzes Leben der Kunst widmeten, in München ein bescheidenes Leben führten und auf Reisen in billigen Absteigen Halt machten. Als grosses Vorhaben wollten sie den Werkkatalog von Max Beckmann herausgeben. Da starb Erhard Göpel. Barbara schickte sich darauf an, das angefangene, umfangreiche Werk zu vollenden und mauserte sich über die Jahre zur absoluten Beckmann-Spezialistin. Sie kam weiterhin zu Kunstauktionen in die Schweiz, jetzt allein, und ich amüsierte mich köstlich über ihre Erzählungen, welche Schwierigkeiten ihr die bockige Witwe Beckmann bereitete, die dem Ansinnen der Göpels Steine, wo sie nur konnte, in den Weg legte. 
    Als junger Erwachsener machte ich später auch ab und zu Besuche bei ihr in München. Sie wohnte in einem Hinterhaus an der Kaulbachstrasse. Der Weg dorthin führte durch einen etwas verwilderten Garten. Im unteren Geschoss befanden sich eine Kunstbibliothek, ein Arbeitsraum und ein Gästezimmer, wo ich nächtigen durfte. Nach oben führte eine schmale, steile Treppe zu Küche und Bad, dort tat sich auch das grosse, atelierartige Zimmer auf, in welchem diese Aufnahme gemacht wurde.
    Zwischen Barbara und meiner Mutter gab es zuweilen eine Art Rivalität. Mit Argwohn verfolgte Barbara die schriftstellerische Karriere meiner Mutter. Laure Wyss erinnerte sich in ihren Erzählungen und Romanen gerne an wirklich stattgefundene Erlebnisse und berichtete darüber in schonungsloser Offenheit, welche den Betroffenen zuweilen sauer aufstiess. Barbara hielt die Arbeit meiner Mutter deswegen für grenzwertig. Doch als sie allmählich begriff, dass meine Mutter damit ein weiteres Mal Karriere machte und sowohl in kulturellen wie auch in politischen Kreisen mit ihrer Literatur Anklang fand, stellte sich Barbara darauf ein, Begeisterung zu markieren. Meine Mutter hingegen hielt wohl die Arbeit am Beckmann-Katalog für eine nicht sehr inspirierende Fleissarbeit, die ewig lang keinen Abschluss fand. Gleichwohl besuchten sie sich mehrere Male in den Ferien in Frankreich. Jetzt fuhr Barbara einen Volvo (meine Mutter einen Saab).
    Es müssen nun zwanzig Jahre her sein, als ich erstmals begriff, dass Barbara in der Zwischenzeit stinkreich geworden war. In ihrem Atelierzimmer hing zum Beispiel ein in Oel gemaltes Selbstporträt von Max Beckmann, das an Auktionen glattweg mehrere Millionen hätte erzielen können. Sie verwahrte zudem viele kostbare Blätter unterschiedlichster Künstler in einem Banksafe. Ab und zu stiftete sie ein Werk dieser oder jener Institution. Wenn sie selbst Geld brauchte, gab sie ein Bild an eine Auktion und lebte vom Erlös auf Jahre hinaus. Doch ihre Bescheidenheit blieb, und ihre Einsamkeit wuchs. Ich mochte sie sehr, wir waren uns zugetan, sie kam auch zur Abdankung meiner Mutter. Später meldete sie sich nicht mehr bei mir. Und wenn ich sie anrief, so musste sie zweimal nachfragen, wer ich sei. Und wenn sie mich dann gleichwohl identifizierte, so behauptete sie jedes Mal zuverlässig: "Nikolaus, du Lieber. Ich wollte dir schon lange schreiben..." Und wenn ich sie dann fragte, was sie den lieben langen Tag so mache, pflegte sie halb resigniert, halb amüsiert zu sagen: Ich schaue Fussball. Bundesliga.
    Vor einigen Jahren, da war sie schon ziemlich wackelig und spindeldürr, besuchte sie in Begleitung eines befreundeten Paares, das sich rührend um sie kümmerte, in Zürich eine Picasso-Ausstellung. Ich war so glücklich zu sehen, wie sehr sie umsorgt und gestützt wurde. Diese Hilfeleistungen der beiden nahmen in den folgenden Jahren noch um ein Vielfaches zu. Ich bewunderte die beiden, wie sie sich mit Eleganz und Langmut dieser Pflichten entledigten. Von ihnen bekam ich auch die Nachricht, dass Barbara jetzt in ihrem 95. Lebensjahr verstorben sei

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© Nikolaus Wyss

 

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Mittwoch, 11. Oktober 2017

Auf dem Amakong


Auf diesem Foto sieht man mich als glücklichen Passagier den Mekong hinunterfahren. Vor mir auf dem Teaktisch eine Früchteschale, im Hintergrund der braunfarbene Fluss. Als einschläfernde Geräuschkulisse hörte ich das regelmässige Tuckern des Motors im Heck, dort, wo die Kapitänsfamilie ihre Kajüte bewohnte, dort, wo die köstlichen Mahlzeiten zubereitet wurden. Wenn es Stromschnellen passierte, ächzte das Boot. Wir glitten dem Urwald entlang flussabwärts, hingen unseren eigenen Gedanken nach und dösten zuweilen ein.

Der Eindruck der Erhabenheit dieses Flusses kann man nur vom Ufer aus vollumfänglich erfassen. Von dort aus siehst du die ruhende Landschaft, durch die sich dieser grosse Strom geräuschlos, langsam, aber stetig seinen Weg bahnt. Seit Jahrtausenden. Tag und Nacht. Unbeirrt. Dringlich, aber ohne Hetze. Wenn du dich jedoch selbst auf dem Wasser befindest, so tritt das Majestätische zugunsten einer anderen Erfahrung in den Hintergrund. Es sind die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Bewegungen, die du nun leise tagträumend beobachten kannst. Das Boot im Verhältnis zum Flusslauf, die Strudel im Verhältnis zur Gischt, die anderen Boote im Verhältnis zum eigenen, das Ufer im Verhältnis zu den dahinter liegenden Hügeln, die Wolken im Verhältnis zur Sonne, die Vögel im Verhältnis zum Auspuffrauch. Alles bewegt sich in eigenem Tempo. Es ergibt keinen Rhythmus. Und doch befindet sich alles in geordnetem Ablauf.

Die Beobachtung erinnerte mich an meine Flussfahrt auf der Lord Kelvin den Amazonas hinunter. Vor nunmehr rund 50 Jahren. Das Boot war übervoll, die Indios bezahlten die Fahrt mit Schildkröten, die bis zu ihrer Verspeisung kopfüber in die Luft paddelten. Die Toilette war so schrecklich, dass wir Männer über Bord pinkelten und dabei die Frauen mitleidig anlächelten ... Von dieser Fahrt gibt es keine Aufnahmen. Die Kamera und sämtliches Gepäck wurden mir nach der Ankunft in Belém gestohlen. In Erinnerung sind mir aber die verschiedenen Tempi der Horizonte geblieben, wie ich sie jetzt wieder auf dem Mekong beobachtete. Damals kamen zusätzlich noch Zeitverzerrungen dazu, wie sie sich beim Rauchen von Marihuana einstellen. Zudem schliefen wir in schaukelnden Hängematten. Das verlieh den komplexen Bewegungsabläufen noch eine zusätzliche Dimension.



Die Flussfahrten von damals und von heute scheinen mir wie eine Klammer meines Erwachsenenlebens zu sein. Damals machte ich mich auf zu neuen Horizonten, jetzt verabschiedete ich mich von diesen. Auf dem Mekong war mir der Gedanke gegenwärtig, hier vermutlich nie mehr vorbeizukommen. Dieser Gedanke war mir auf dem Amazonas fremd gewesen. Damals hatte ich Pläne, das nächste Mal in Manaus und in Santarém länger zu bleiben. Ein anderes Vorhaben war, den Rio Negro hinaufzufahren oder auf dem Amazonas bis nach Iquitos vorzudringen. Hier auf dem Mekong hingegen tauchte bei aller Schönheit dieser Fahrt in keinem Augenblick der Wunsch nach einem Wiedersehen auf. Auch die Lust, weiter stromabwärts bis nach Kambodscha zu schippern, um nachzuschauen, wie sich dieses Land verändert hat, stellte sich nicht ein. So wird das Kambodscha meiner Erinnerungen das Land der Roten Khmer bleiben. Unvergesslich der Schusswechsel unmittelbar am Eingang zu Angkor Wat und kurz darauf die wilde Anfahrt zweier Militärcamions voller süsser Kindersoldaten mit geladenen Sturmgewehren. Eindrücklich das Totenhaus mit Tausenden von Schädeln, die ans Schreckensregime der Roten Khmer und an die systematische Vernichtung von geschätzten zwei Millionen Menschen erinnern sollten. Unvergesslich eines der damals raren, unbeschädigten Hotels in Phnom Penh, wo ich das schmuddelige Zimmer mit einem chinesischen Geschäftsmann teilte. Abends vergnügte er sich im Dunkeln mit einer Prostituierten, derweil ich mich schlafen stellte. – Wie mag sich das Land in der Zwischenzeit entwickelt haben? Ich war mir sicher, ich würde es, mit Ausnahme des Königspalastes und des wunderbaren Blicks auf den Tonle Sap, einem Zufluss zum Mekong, nicht mehr wiedererkennen. So weit so gut.

Mich stimmen diese Feststellungen nicht traurig. Es ist ein wunderbares Gefühl, die Neugier hinter sich zu lassen und wunschlos zu geniessen. Ich fühlte mich wie Treibholz im Strom, das nicht weiss, welches Ungeheuer es darstellt und was es in der nächsten Biegung noch erwartet. Werde ich an Land geschwemmt? Bleibe ich in einem Strudel hängen? Nur eines ist gewiss: Es geht abwärts, und am Schluss lande ich im ewigen Meer.
Auf dem Mekong wollte ich nicht wissen, wie es weitergeht mit diesem Strom, sonst hätte ich bedauernd, ja, entsetzt zur Kenntnis nehmen müssen, dass ich zwei Jahre später diese Reise gar nicht mehr hätte antreten können, weil dann bereits die Bagger aufgefahren und zwei Staudämme errichtet worden wären. Ich will nicht wissen, dass dieser Landschaft grosse Veränderungen bevorstehen. Dorfbewohner müssen umgesiedelt werden, die Boote werden ihre liebe Mühe haben, die Schleusen zu passieren, und aus grosser Ferne, von Vietnam her, werden Reisbauern und Fischer des Deltas Klage erheben gegen den Irrwitz, diesem Fluss Elektrizität abzugewinnen und ihn dadurch zu bändigen. Nein, ich werde nie mehr diesen Mekong hinunterfahren. So wenig, wie ich ein zweites Mal auf dem Amazonas gefahren bin, aller Vorsätze zum Trotz.