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Freitag, 5. Februar 2021

Der Silberlöffelspezialist


Dr. Bernhard Heitmann, 6. 2. 1942 - 25.9.2020

Eben wollte ich zu einem wohlformulierten, geistreichen Geburtstagsbrief ansetzen, denn das war das mindeste, was ich ihm jährlich schuldete. Er war ein Sprachkünstler, ein witziger Formulierkönig. Sein hohes Niveau stachelte mich an, mir mit meinen eigenen Sätzen Mühe zu geben. Ich stellte mir immer vor, er würde meine guten Wünsche nur dann anerkennend zur Kenntnis nehmen, wenn sie zumindest im Ansatz originell klängen, auch wenn mein eigenes Sprachvermögen natürlich nie an das seine herankam. Die Frage, die ich vorgängig zum geplanten Brief klären musste, war lediglich: wird er jetzt an diesem 6. Februar schon 80? Dann hätte ich auf seinen runden Geburtstag Bezug genommen. Oder begeht er erst seinen 79.? Dann hätte ich mir irgendetwas Gescheites zur Galgenfrist einfallen lassen. - So weit sollte es aber gar nicht mehr kommen. Beim Nachschauen im Netz stellte sich heraus, dass er am 25. September vergangenen Jahres im Alter von 78 Jahren verstorben ist: Dr. Bernhard Heitmann, ein deutscher Kunsthistoriker und Museumskurator.

               Ich lernte ihn auf einer kunsthistorischen Fahrt zu Bayerns Barockkirchen kennen. Das dürfte Ende der 1960er Jahre gewesen sein, als er in München noch Jurisprudenz studierte, sich die Kunst aber schon zur Herzensangelegenheit machte. Mir fiel damals auf, wie charmant und mit einer milden Anzüglichkeit er die älteren Damen in der Reisegruppe um den Finger wickeln konnte, und wie er mit einer Beredtheit sondergleichen jeden noch so kleinen, unscheinbaren, holzgeschnitzten Heiligen zu benennen, zu würdigen und mit Hintergrundwissen zu beleben wusste. So setzte sich bei mir das Bild eines brillanten jungen Mannes fest, dem nachzueifern gar keinen Sinn ergab, weil er einem unerreichbar voraus war.

            Später studierte er Kunstgeschichte und promovierte 1977 über die deutschen sogenannten Reise-Services und die Toiletten-Garnituren von 1680 bis zum Ende des Rokokos und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung. Was Laien etwas schräg vorkommt, geriet bei seinem unerschöpflichen Wissen zu einer Lebenswelt, zu einem Kosmos, dem eine eigene Faszination inne lag. Bernhard wurde nach Studienabschluss Kurator am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. An jedem Silberlöffel aus dem hundertjährigen Krieg, an jeder Gabel mit eingravierten Insignien, an jedem Früchtemesser mit Porzellangriff, an jedem Meissen-Teller des Hofalchimisten Johann Böttger hafteten für ihn unerschöpfliche Geschichten, die sich um böhmische Manufakturen, russische Adelige und deutsche Handelsleute drehten, um Liebe und Intrigen, um Eheschliessungen und Mésalliancen. Ihm zuzuhören war eine Wonne, weil er seinen Erzählungen immer ein paar Sottisen beizumengen wusste, die sich entweder auf die damals herrschende Gesellschaft bezogen, sich aber zuweilen auch gegen seine aktuellen Vorgesetzten im Museum richteten, die ihm die gebührende Wertschätzung nicht entgegenzubringen vermochten. Ich glaube, alle hatten etwas Angst vor seiner spitzen Zunge.

            Damals wohnte er im Pförtnerhaus einer älteren, alleinstehenden, stinkreichen Reederstochter, die über ein sehr grosses Anwesen in Blankenese verfügte mit altem Baumbestand und im Krieg unversehrt gebliebener Bausubstanz. Diese Frau hatte an Bernhard wohl den Narren gefressen, und er liess sie insoweit gewähren, wie sie seinen Neigungen zu jungen Männern nicht in die Quere kam. Er half ihr dafür beim Ordnen des Familienschatzes, der, unter anderem, aus prächtigem Tafelsilber bestand und als Schenkung an sein Museum gedacht war. Dann verstarb sie aber und erklärte in ihrem Testament Bernhard zu ihrem Alleinerben. Somit bekamen seine seit je bürgerlich-konservativen Ansichten und sein Etepetete-Gehabe durch Vermögen einen realen Unterbau. Er jammerte, für die Erbschaftssteuer Teile des Besitztums veräussern zu müssen, zum Beispiel das Ferienanwesen in Garmisch-Partenkirchen. Er leistete sich aber von jetzt an Opernbesuche auf den teuersten Plätzen und lud dazu ältere Damen ein. Wenn er für Bankgeschäfte in Zürich abstieg, so wählte er die ersten Hotels am Ort: Baur au Lac oder Widder, was ihm bei seinem lebenslänglich bescheidenen Kuratorengehalt wohl sonst nicht möglich gewesen wäre.

            Als es Mode wurde, Schweizer Bankkonten deutschen Steuerbehörden zu melden, beging ich die Unvorsichtigkeit, ihm in einer E-Mail von meinen Erfahrungen mit der Liechtensteinischen Landesbank zu berichten. Da war er knapp daran, den Kontakt zu mir abzubrechen. Er hatte wohl zu Recht Angst, unsere Korrespondenz könnte in falsche Hände gelangen und für ihn die Eröffnung eines Verfahrens in Sachen Steuerhinterziehung nach sich ziehen. Er hauste jetzt in dieser grossen Reedersvilla, wo die Küche noch über einen Vorraum für das Anrichten der Speisen verfügte. Eine Frage, die ihn damals umtrieb, war, ob man gekochtes Wasser für einen neuerlichen Teeaufguss noch einmal aufkochen dürfe. Für ihn stand fest: nein, es brauche dazu

 frisches Wasser. Bernhard tat sich einen Hund zu und beschäftigte Olek und Elisabetta aus Polen für Garten- und Hauspflege und für die Zubereitung von Speisen wie Pierogi, Bigos und anderen Spezialitäten aus dem Osten. Mir schmeckte der Salatka Jarzynowa am besten, eine Art russischen Salats. Seine frühere Bleibe im Pförtnerhaus vermietete er jetzt an progressive Freaks und machte dabei die leidvolle Erfahrung, dass er die eingezogenen Mieter nicht mehr loswurde, was seinen Argwohn auf soziale, wenn nicht gar – in seinen Augen – sozialistische Gesetzgebungen schürte.  

            Ich fragte mich in späteren Jahren oft, was mich antrieb, ihm in bescheidener Weise die Treue zu halten, obwohl mir weder seine Ansichten noch sein Lebensstil behagten. Auch war mir sein zuweilen doch sehr ruppiger Umgang mit Menschen, die ihm nicht passten, zuwider. War es vielleicht mein Ehrgeiz, meine Empathiefähigkeit unter Beweis zu stellen? Oder war es die Spekulation, bei ihm Gehör zu finden, sollte es mir finanziell einmal schlecht gehen? – Vielleicht befand ich mich mit ihm auch in einem unausgesprochenen Wettbewerb, wer von uns beiden wohl das erfülltere, glücklichere Leben führe. Ich befand mich, wie mir schien, insofern in der Pole-Position, als ich ihn, im Gegensatz zu mir, kaum je nachhaltig glücklich erlebte, ausser in den Momenten, wo er von seinen Kunstreisen und Begegnungen mit herausragenden Gemälden berichten konnte. So kannte er die Alte Pinakothek in München auswendig, und bei Museumsbesuchen, wie dem Madrider Prado, der Wiener Albertina oder der Londoner Tate, schöpfte er Hoffnung, dass noch nicht aller Tage Abend sei. Die dort ausgestellte Kunst bestärkte ihn in der Gewissheit, dass Schönheit und Vollkommenheit immer noch ihre Bedeutung haben und dem Gesindel und Abschaum auf der Strasse etwas Erhabenes entgegensetzen. Auch Istanbul hatte es ihm angetan. Zum Glück musste er nicht mehr erleben, wie die Hagia Sofia wieder zur Moschee umfunktioniert wurde.

Sonst aber war er von rührenden Verpflichtungen getrieben, wie sie sich meiner Ansicht nach diejenigen aufbürden, die gegen ihre eigene Einsamkeit anzukämpfen haben. Er schrieb mir einmal zu Weihnachten: «Übermorgen ist eine große Beerdigung, wo ich hinmuss. Abends kommt Besuch. An beiden Weihnachtstagen besuche ich eine alte kranke Freundin im Altersheim. Sie kann nicht mehr sprechen und nicht mehr schreiben. Eine unselige Situation. Ich werde ihr vorlesen, erzählen und ihr vielleicht beim Essen helfen. Abends gehe ich dann zu einer befreundeten Familie mit Kindern. Zwischen den Jahren habe ich meinen Bruder nebst Frau und zwei meiner Freunde in die Oper eingeladen. Silvester hoffe ich allein sein zu dürfen…»

Irgendwann wuchs ihm die Villa über den Kopf, und er kaufte sich eine Wohnung mit Blick auf die Elbe. Vom anderen Ufer hörte man unentwegt Hafengeräusche, die vom Löschen und Beladen grosser Frachter herrührten. Sein Wohnzimmer war überstellt mit Stühlen aus der Biedermeierzeit. Sie stimmten mich traurig, weil niemand darauf Platz nahm. Sie standen herum wie bestellt und nicht abgeholt. Doch mein Gastzimmer war vom Feinsten, und im dazugehörigen Badezimmer hatte er für mich ein speziell teures Parfüm hingestellt.  

Eine grosse Befriedigung dürfte für ihn gewesen sein, 2016 als Cofrater in den Deutschen Orden aufgenommen worden zu sein. Dort erlebte er endlich das Umfeld, das ihn vor weiteren zivilisatorischen Anfechtungen und Zweifeln bewahrte. Die Geschichte dieser Kongregation, die bis auf die Kreuzzüge zurückgeht, verschaffte ihm endlich den Rahmen, um sich angekommen zu fühlen. Sein Wirken bestand dort unter anderem in der Förderung junger Priester. Indem er stolz auch afrikanische Novizen zu seinen Schützlingen zählte, vermochte er seinen latenten Rassismus ein bisschen zu zähmen.  

            Jetzt also kommt es nicht mehr zu meinen Geburtstagswünschen für Bernhard Heitmann. Diese Zeilen hier bieten mir immerhin Gelegenheit, mich von ihm zu verabschieden, wobei ich noch jetzt nicht weiss, ob ich mit ihm wirklich befreundet war. Doch durch die Jahrzehnte begann uns doch etwas zu verbinden, etwas, das mich jetzt reuen lässt, ihm nicht mehr zum Geburtstag gratulieren zu können. 

© Nikolaus Wyss

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Freitag, 22. Januar 2021

Der geniale Vetter

Jean-Paul Marchand, 25.3.1933 - 8.1.2021

Fangen wir vielleicht damit an, dass ich in der Mittelschule ein sehr schlechter Schüler war. Ich musste sogar eine Klasse wiederholen. Doch auch beim zweiten Mal befanden sich meine Noten im Keller. Mir war nicht zu helfen. Es war zum Verzweifeln. Lehrer sagten von mir, bei meinem schnellen Wachstum sei wohl der Verstand nicht ganz mitgekommen. Ich schien ihnen zwar auf den ersten Blick einen intelligenten Eindruck zu machen, doch als ihr Schüler erbrachte ich nie die eingeforderten Leistungen. Der lateinische Ablativ blieb mir während der ganzen Gymizeit fremd, in der Chemie machten mir schon die einfachsten Reaktionsgleichungen zu schaffen, und in der Mathematik beschäftigte ich mich mehr mit Strategien, nicht aufgerufen zu werden, als die Natur von Logarithmen und Wurzeln zu begreifen. Einzig beim Spicken brachte ich es zu einer gewissen Meisterschaft. Dabei half mir mein hochgeschätzter Banknachbar Lukas, der später CEO und Verwaltungsratspräsident einer Grossbank wurde. Ich bin ihm noch heute für seine selbstlose und von Mitleid geprägte Hilfsbereitschaft dankbar. Er hielt mich so eine Zeitlang über Wasser.

Für meine verzweifelte Mutter war ich ein hochgeschossenes und spindeldürres Fragezeichen. Sie führte meine Bockigkeit auf unsere zerrütteten Familienverhältnisse zurück. So konnte sie sich an meinem Schulversagen etwas mitschuldig fühlen. Mit der Finanzierung von Nachhilfeunterricht versuchte sie, den Schaden in Grenzen zu halten, wenn auch weitgehend erfolglos.

            Ich selbst hatte mich an den Status eines schlechten Schülers gewöhnt und nahm ihn als Schicksal hin. Der damit verbundene Schmerz zeigte sich in anhaltender Melancholie, in rasender Einsamkeit und in Attacken von Halskehren, wenn immer ich zu Hause wieder katastrophale Noten vorzeigen musste.

Seltsam war, dass ich mich bei meinem täglichen Schulversagen selbst betrachten konnte. Es war, als ob ich ausserhalb von mir selbst stünde und von weitem teilnahmslos meinem eigenen Unvermögen zusähe. Als Beobachter war ich der Überzeugung, dass dieser faule Sack irgendeinmal das Licht am Ende dieses Tunnels erblicken würde, doch nicht aufgrund grösserer Anstrengungen, sondern aufgrund seiner allmählichen und natürlichen Reifung und der damit verbundenen Zeit, die dabei zwar verloren ging, die ihn aber gleichzeitig von seiner Leistungsschwäche erlösen würde.

            Diese Zuversicht labte sich an schönen Momenten, denen ich zum Ausgleich beiwohnen durfte, und wo mein Versagen kein Thema war. Im familiären Umfeld, beim Besuch von Verwandten im Bernbiet zum Beispiel. Dort war ich einfach der Chlöis, Lorlis Sohn. Besonders prägend in Erinnerung bleibt mir dabei ein runder Geburtstag meines Onkels Charles Marchand. Er war in Murten Arzt, bewohnte mit seiner Familie in der Nähe des Bahnhofs ein schlossähnliches Gehöft, wo er bis ins hohe Alter seine Allgemeinpraxis führte. Man sagte von ihm, er würde während der Konsultationen hie und da einschlummern. Das tat aber seinem Ruf, ein guter Arzt zu sein, keinen Abbruch. Im Gegenteil. Schliesslich befand sich seine Klientel im selben Alter wie er und dürfte ihrerseits manchmal weggedöst sein. Ein schönes Bild.

Seine Frau, Tante Johänni, stammte aus einer reichen Zürcher Seifenfabrikanten-Dynastie und schien sich für das unbeschwerte Treiben ihrer angeheirateten Familie leicht zu genieren. Ihre drei Kinder, alle um Jahre älter als ich und schon bald mit ihren Studien fertig, sangen an diesem fraglichen Geburtstag laut bei Tisch, unterhielten die Gesellschaft am laufenden Band mit Anekdoten und Witzen und sorgten so für eine heitere, ja, ausgelassene Stimmung. In Erinnerung daran kommen mir jetzt noch Tränen der Rührung beim Ranz des vaches, den sie damals mit herzzerreissender Inbrunst zu singen wussten; auch all die an sich grässlichen und doch schwungvollen Studentenlieder gehörten zum unterhaltsamen Programm. Neben Änni und Nicolas stach unter den drei Geschwistern als Unterhalter besonders Jean-Paul hervor. An diesem Geburtstag hörte ich von ihm folgenden Witz, der mich fortan mein ganzes Leben begleiten sollte: Ein paar Männer waren im Wald mit Holzarbeiten beschäftigt. Da geschah es, dass eine fallende Tanne einen dieser Männer erschlug. Betroffenheit machte sich breit. Wer soll jetzt die traurige Nachricht dessen Gattin überbringen? Die Männer einigten sich auf Kari, und Kari machte sich mit klammem Herzen auf den Weg zum Hause des Verstorbenen. Er klopfte an die Türe. Als die Frau des Opfers sie öffnete, schoss Kari los: «Grüss Gott, Witwe». Darauf sah die Frau den Kari konsterniert an und meinte, sie sei doch gar keine Witwe, worauf ihr Kari trotzig antwortete: «Was wetten wir, dass ihr eine Witwe seid?» 

Jean-Paul klassifizierte seine Witze und hatte für jede Gattung Beispiele parat. Wenn er Witze erzählte, ging es ihm nicht nur um den erwarteten Lacher, es ging ihm, ganz wissenschaftlich, auch um die Natur der Pointe. Im vorliegenden Falle war die vermeintliche Pointe das Wort Witwe. Überraschend, an sich schon komisch-tragisch und des Lachens wert. Doch es stellt sich im Folgenden heraus, dass die Witwe erst der Anlauf war, denn der Witz wird getoppt mit dieser absurden Wette. Sie spielt mit der Fallhöhe zwischen Wissen und Nichtwissen und dem Unvermögen, eine adäquate Brücke als Ausgleich zu schlagen.

Wenn ich nur noch wüsste, wie seine vier oder fünf Kategorien, unter denen er jeden gelungenen Witz einzuordnen pflegte, heissen. Jeder Pointe, so höre ich ihn noch dozieren, liege eine alltägliche und deshalb als selbstverständlich angesehene Erwartungshaltung zugrunde, die durch den Witz ausgehebelt werde. Das heisse aber auch, dass ohne dieses vorausgehende Selbstverständnis kein Witz funktioniere, denn die Pointe fusse ja auf der überraschenden Übertölpelung desselben.  

Jean-Paul galt in der Verwandtschaft als Genie, das sich nach dem Gymnasium in seiner Genialität kaum entscheiden konnte, ob er eher Musik oder doch lieber Astronomie, eher Physik oder doch lieber Literatur, eher Geschichte oder doch lieber Mathematik studieren sollte. Ihm lagen eigentlich alle Studienrichtungen zu Füssen. Er pflegte sie dann alle bis ins hohe Alter auf respektablem Bildungsniveau - auch ohne diesbezügliche Universitätsstudien. Die alten Griechen waren ihm so wenig fremd wie die Kontrapunktik bei Johann Sebastian Bach. Die jüdische Kultur und deren Witze interessierten ihn ebenso wie absurde Lyrik und Sprachschöpfungen. Er aber entschied sich für das Studium derDifferentialgeometrie und Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie an derUniversität Bern. Später doktorierte er in Genf unter dem Titel Résonance et désintégration über mathematische Grundlagen der Quantenmechanik und die Beziehung zwischen dem Kontinuum und dem Diskreten, wie sie sich im Zeno Paradox und in den Phasenübergängen manifestiert.

Man frage mich bitte jetzt nicht, was das heisse und bedeute. Ich habe die vorangegangenen Sätze lediglich dem Lexikon der Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller entnommen. Diese überraschende, literarische Umgebung weist darauf hin, dass Jean-Paul Marchand durchaus Wert darauflegte, auch als Autor von literarischen Essays wahrgenommen zu werden. In späten Jahren nämlich, schon lange pensioniert, veröffentlichte er Texte, worin er seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in oft skurriler Weise auf andere Disziplinen und Erfahrungsgebiete übertrug. Die Skurrilität rührt aber nur daher, weil wir von Quantenmechanik und Relativitätstheorie nichts verstehen. Für ihn jedoch war es ein Kontinuum von Erkenntnissen und angewandtem Wissen, das sich auch in der Philosophie und in der Epistemologie manifestierte und ihm die Möglichkeit bot, sich schriftstellerisch mit den unterschiedlichsten Themen zu beschäftigen. Allerdings, wie sich später herausstellen sollte, mit nur mässigem Erfolg.

Manche in der Verwandtschaft hielten Jean-Paul weniger für ein Genie als vielmehr für einen Sonderling. In der Familie erzählte man sich zum Beispiel die Geschichte, dass er als Artillerie-Leutnant im Militärdienst einmal ein Kanönli verloren habe und deshalb ein paar Tage einsitzen musste. Eine allfällige Zerknirschtheit sei bei ihm aber nie festzustellen gewesen. Hinter Gitter der Walliser Festung von Savatan war ihm die Buchlektüre untersagt, mit Ausnahme der Bibel.  Er aber verlangte nach einer Griechisch-Ausgabe des Alten Testaments. So musste die Gefängnisverwaltung einen Motorradfahrer losschicken, um ein entsprechendes Exemplar ausfindig zu machen. Zu guter Letzt stellte ein Pfarrer im Unterwallis dem Häftling Marchand leihweise seine Bibel in der gewünschten Sprache zur Verfügung. Beim Alten Testament gefiel Jean-Paul das Holzschnittartige, das Verhalten der Akteure, die ohne Federlesens zu ihren Entscheidungen kamen und harte Strafen ohne Moralkeule akzeptierten oder aussprachen. Auch Gott war noch ziemlich unzimperlich und gnadenlos. Nicht so wie im Neuen Testament mit all dem Leiden, all dem Klagen, all den Unwägbarkeiten, den Zweifeln, mit der anderen hinzuhaltenden Backe, mit der selbstlosen Liebe…

Für mich am wichtigsten aber war die Tatsache, dass Jean-Paul mich als intelligenten und aufgeweckten Cousin wahrnahm. Es interessierte ihn einen Dreck, ob ich im Gymi ein Versager war. Er traute mir zu, alles zu verstehen, was er mir zu erzählen wusste. Er gab mir das Gefühl, mindestens so gescheit zu sein wie er, ich musste es nicht einmal unter Beweis stellen. Es genügte, dass ich ihm aufmerksam, ja bewundernd zuhörte, und schon antizipierte er, ich würde alles kapieren. So half er unbewusst mit, mein von der Schule her arg ramponiertes Selbstbewusstsein zu stärken.

Er hielt auch grosse Stücke auf meine Mutter, die zu jener Zeit als erfolgreiche Journalistin beim Schweizer Fernsehen und beim Tages-Anzeiger arbeitete. Sie schien sich ob den absonderlichen Erzählungen und überraschenden Assoziationen von Jean-Paul immer köstlich zu amüsieren und veröffentlichte ab und zu auch einen Text von ihm. Ich glaube, das war ganz generell Jean-Pauls Art: Das Gegenüber in seine feinsinnigen Überlegungen so miteinzubeziehen, dass es selbst Teil seines vielschichtigen, gescheiten Kosmos wurde, ohne, ausser Aufmerksamkeit, dazu viel beitragen zu müssen.

            Jean-Paul repräsentierte für mich im grösseren Familienkontext die heilende Gewissheit, dass im verbindenden Blut zwischen uns bestimmt auch für mich noch ein paar Intelligenz-Gene herumschwimmen, welche zur gegebenen Zeit aktiviert werden würden. Mit Jean-Paul als Leuchtturm im Hintergrund stolperte ich psychisch mehr oder weniger unbeschadet durch meine Adoleszenz. Meine schlechten Noten gerannen so zum Salz in der Suppe.

            Anfangs der 1970er Jahre besuchte ich Jean-Paul in Denver, Colorado, wo er als Associate Professor an der dortigen Universität Mathematik und Physik lehrte. Schon in den ersten Minuten nach meiner Ankunft übergab er mir den Autoschlüssel zu seinem Peugeot 504, mit dem ich in den folgenden Tagen Ausflüge in die Rocky Mountains unternehmen durfte, während er auf dem Campus weiterarbeitete und bei sich zu Hause wohl auch einige Damenbesuche empfing. Später fuhren wir zusammen zu einer Houseparty nach Boulder auf den Campus der dortigen University of Colorado, was mich insofern etwas reute, als am selben Abend Miles Davis in Denver ein Konzert gab (ich hörte ihn dafür später in San Francisco im Fillmore West).

Die Party in Boulder bestand darin, dass in einem Privathaus mit Umschwung ein Dutzend Akademiker zusammenkamen, die als Laienmusiker ein passables Orchesterchen bildeten. Im ersten Teil studierten sie gemeinsam ein klassisches Stück ein, während die Frauen und die nicht musizierenden Gäste im Garten den Grill anwarfen, Tische und Stühle aufstellten und das Essen vorbereiteten. Ich machte mich an der Zubereitung eines Salates zu schaffen. Dann wurde zum Hauskonzert geladen. Jean-Paul spielte im Ensemble die Geige, während vom Gartengrill her bereits der verführerische Duft von gut gewürzten Fleischstücken lockte. Spielten sie Haydn? Oder etwas Kammermusikalisches von Mozart? – Ich weiss es nicht mehr. In Erinnerung jedoch bleibt mir das bewundernswerte Talent der Amerikanerinnen und Amerikaner, sich schon beim erstmaligen Vorstellen den Namen des Gegenübers merken zu können, während ich noch heute zehn Sekunden nach der Nennung schon wieder nachfragen muss, wie diese Person jetzt nur heisse.

            Eine von Jean-Pauls vielen Interessen waren die Golzen, welche bei ihm bestimmt einen quantenmechanischen Hintergrund aufweisen, der uns aber verschlossen bleibt. Gleichwohl, dieser von ihm geprägte Begriff, den er dem Gedicht Gruselett von Christian Morgenstern entnommen hat (… und grausig gutzt der Golz), steht bei ihm für den Umstand, dass die Perfektion im Imperfekten liegt. Ein Golz, eine golzische Situation existiert für ihn dann, wenn die Vollendung einer Figur (eines Quadrates zum Beispiel) oder einer Situation schon erkennbar und doch noch nicht ganz verwirklicht ist. Bei einem Quadrat wäre dies wohl eine der vier Ecken, die statt einer kantigen 90-Grad-Spitze eine leicht abgerundete Ecke aufweist. Oder beim Mond zwei Tage, bevor er voll ist. Oder beim Sex: kurz davor. Oder bei der Pasta: al dente… Und so weiter. Der Golz weist also im Gegensatz zu etwas Vollendetem ein Potential auf und erlaubt dadurch Zukunftsaussichten, einen weiteren, möglichen Verlauf. Die Geschichten, die sich um Jean-Pauls Golzen rankten, waren unerschöpflich, und ich hege heute den Verdacht, ihm sei es wirklich ernst gewesen beim Versuch, dieses Wort in unseren alltäglichen Sprachwortschatz fest zu etablieren. Doch der Golz blieb zu Jean-Pauls Leidwesen zeitlebens exotisch, warf seinen Schatten auf den Urheber zurück und exotisierte ihn dadurch selbst. Dazu ein Witz von ihm: Ein Australier hätte gern einen neuen Bumerang gehabt. Seither versucht er, den alten fortzuwerfen.

            Gerne hätte ich Jean-Paul noch meine Referenz und meine tief empfundene Dankbarkeit erwiesen, als ich im vergangenen Herbst in der Schweiz weilte und mein Lesebuch gegen den Hunger Auf dem Amakong trotz Pandemie-Einschränkungen unter die Leute zu bringen versuchte. Jean-Paul lag, so liess man mich wissen, im Pflegeheim von Sugiez. Seit Monaten umnachtet, nicht mehr ansprechbar. Es hätte sich nur um einen kurzen Gruss gehandelt, um einen Abschied. Doch die Covid-19-Vorsichtsmassnahmen des Hauses liessen nicht zu, ihn zu besuchen. Stattdessen machte ich seiner jüngeren Schwester Änni in Murten meine Aufwartung. Sie berichtete von alten Tagen und anstehenden Herausforderungen. Zum Mittagessen gingen wir im Städtchen in ein Thai-Restaurant und assen dort das Tagesmenu: Fleischvogel mit Kartoffelstock. Wir unterhielten uns freundschaftlich und herzlich, doch Änni erzählte mir von Jean-Paul auch Geschichten, die nicht ganz in mein geschöntes Bild von ihm passen wollten. Er war wohl nicht nur ein Genie und ein liebenswerter Sonderling, für Nahestehende war er wohl schlicht auch ein schwieriger Mensch.

            Zu guten Zeiten schon beschäftigte er sich mit dem Tod. Für ihn gab es zwei davon: den Wärme- und den Kältetod. Gesellschaften würde, so dozierte er, in ihrer Erstarrung regelmässig der Kältetod ereilen. Er hingegen befand sich, so dünkt es mich, eher in der Nähe der alles zersengenden, tödlichen Hitze.

Jetzt ist er gestorben, am 8. Januar 2021, in seinem 87. Lebensjahr. 


 © Nikolaus Wyss
 
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Dienstag, 17. Oktober 2017

Goodbye Barbara

Auf diesem Bild unterhalte ich mich mit Barbara Göpel anlässlich ihres 90. Geburtstages. Das muss 2012 gewesen sein in ihrer Wohnung im Münchner Schwabing-Quartier. Sie war eine Freundin unseres Hauses. Ich erinnere mich, wie sie und ihr Mann Erhard in den 50er und 60er Jahren jeweils bei uns an der Winkelwiese mit einem VW-Käfer vorfuhren und bei uns speisten oder wenigstens einen Tee tranken. Anlass ihrer Fahrten in die Schweiz waren die Kunstauktionen bei Kornfeld und Klipstein in Bern. 
    Ich glaube, meine Mutter kannte Erhard Göpel noch von ihrem Studium in Berlin her. Vor dem Krieg. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die beiden damals etwas zusammen hatten. Er war für meine Mutter jedenfalls die erste und wichtigste Adresse in Kunstfragen. Auf seine Empfehlung hin erwarb sie sich mit ihrem wenig Ersparten hie und da ein damals noch erschwingliches, grafisches Blatt von Picasso, Beckmann, Auberjonois, Arp oder Toulouse-Lautrec - durchaus auch als Geldanlage verstanden. Und als es ihr nach der Pensionierung zuweilen an flüssigen Mitteln mangelte, verkaufte sie das eine oder andere Blatt mit gutem Gewinn.  - Was mir damals nicht klar war, und was auch meine Mutter Zeit ihres Lebens gegenüber mir nie zum Thema machte: Erhard Göpel war während der Nazi-Zeit ein dicker Fisch. Als Kunstsachverständiger sammelte er für den Führer Bilder und wurde von höchster Stelle mit Raubkunstaufträgen betraut, indem er sich massgeblich an der Enteignung von Kunst jüdischer Sammler beteiligte, die entweder ausser Landes geflohen waren oder in einem der zahlreichen Vernichtungslagern zu Tode kamen. Ich als Teenager hingegen bewunderte und belächelte zugleich die beiden, wie sie ihr ganzes Leben der Kunst widmeten, in München ein bescheidenes Leben führten und auf Reisen in billigen Absteigen Halt machten. Als grosses Vorhaben wollten sie den Werkkatalog von Max Beckmann herausgeben. Da starb Erhard Göpel. Barbara schickte sich darauf an, das angefangene, umfangreiche Werk zu vollenden und mauserte sich über die Jahre zur absoluten Beckmann-Spezialistin. Sie kam weiterhin zu Kunstauktionen in die Schweiz, jetzt allein, und ich amüsierte mich köstlich über ihre Erzählungen, welche Schwierigkeiten ihr die bockige Witwe Beckmann bereitete, die dem Ansinnen der Göpels Steine, wo sie nur konnte, in den Weg legte. 
    Als junger Erwachsener machte ich später auch ab und zu Besuche bei ihr in München. Sie wohnte in einem Hinterhaus an der Kaulbachstrasse. Der Weg dorthin führte durch einen etwas verwilderten Garten. Im unteren Geschoss befanden sich eine Kunstbibliothek, ein Arbeitsraum und ein Gästezimmer, wo ich nächtigen durfte. Nach oben führte eine schmale, steile Treppe zu Küche und Bad, dort tat sich auch das grosse, atelierartige Zimmer auf, in welchem diese Aufnahme gemacht wurde.
    Zwischen Barbara und meiner Mutter gab es zuweilen eine Art Rivalität. Mit Argwohn verfolgte Barbara die schriftstellerische Karriere meiner Mutter. Laure Wyss erinnerte sich in ihren Erzählungen und Romanen gerne an wirklich stattgefundene Erlebnisse und berichtete darüber in schonungsloser Offenheit, welche den Betroffenen zuweilen sauer aufstiess. Barbara hielt die Arbeit meiner Mutter deswegen für grenzwertig. Doch als sie allmählich begriff, dass meine Mutter damit ein weiteres Mal Karriere machte und sowohl in kulturellen wie auch in politischen Kreisen mit ihrer Literatur Anklang fand, stellte sich Barbara darauf ein, Begeisterung zu markieren. Meine Mutter hingegen hielt wohl die Arbeit am Beckmann-Katalog für eine nicht sehr inspirierende Fleissarbeit, die ewig lang keinen Abschluss fand. Gleichwohl besuchten sie sich mehrere Male in den Ferien in Frankreich. Jetzt fuhr Barbara einen Volvo (meine Mutter einen Saab).
    Es müssen nun zwanzig Jahre her sein, als ich erstmals begriff, dass Barbara in der Zwischenzeit stinkreich geworden war. In ihrem Atelierzimmer hing zum Beispiel ein in Oel gemaltes Selbstporträt von Max Beckmann, das an Auktionen glattweg mehrere Millionen hätte erzielen können. Sie verwahrte zudem viele kostbare Blätter unterschiedlichster Künstler in einem Banksafe. Ab und zu stiftete sie ein Werk dieser oder jener Institution. Wenn sie selbst Geld brauchte, gab sie ein Bild an eine Auktion und lebte vom Erlös auf Jahre hinaus. Doch ihre Bescheidenheit blieb, und ihre Einsamkeit wuchs. Ich mochte sie sehr, wir waren uns zugetan, sie kam auch zur Abdankung meiner Mutter. Später meldete sie sich nicht mehr bei mir. Und wenn ich sie anrief, so musste sie zweimal nachfragen, wer ich sei. Und wenn sie mich dann gleichwohl identifizierte, so behauptete sie jedes Mal zuverlässig: "Nikolaus, du Lieber. Ich wollte dir schon lange schreiben..." Und wenn ich sie dann fragte, was sie den lieben langen Tag so mache, pflegte sie halb resigniert, halb amüsiert zu sagen: Ich schaue Fussball. Bundesliga.
    Vor einigen Jahren, da war sie schon ziemlich wackelig und spindeldürr, besuchte sie in Begleitung eines befreundeten Paares, das sich rührend um sie kümmerte, in Zürich eine Picasso-Ausstellung. Ich war so glücklich zu sehen, wie sehr sie umsorgt und gestützt wurde. Diese Hilfeleistungen der beiden nahmen in den folgenden Jahren noch um ein Vielfaches zu. Ich bewunderte die beiden, wie sie sich mit Eleganz und Langmut dieser Pflichten entledigten. Von ihnen bekam ich auch die Nachricht, dass Barbara jetzt in ihrem 95. Lebensjahr verstorben sei

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© Nikolaus Wyss

 

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Sonntag, 19. März 2017

Heinz Hess - Seine Meinung in meinem Ohr

 Der Architekt Heinz Hess wird mich, obgleich er kürzlich mit 86 verstorben ist, auch weiterhin auf meinen Reisen in fremde Städte und Länder begleiten, wie er es bis anhin gehalten hat, ohne je mit von der Partie gewesen zu sein. Aber seine scharfen Urteile haben seit Jahr und Tag einen festen Platz in meinem Ohr, und sie beginnen mir immer zuzuflüstern, wenn ich die Architektur eines Hauses, eines Gebäudekomplexes oder auch nur eines An- oder Umbaus studiere. Nie hält er mit seiner Meinung zurück, und er lässt mir manchmal kaum den Hauch einer Chance, zu einer anderen Ansicht zu gelangen. 
Heinz Hess war und ist für mich die Autorität in Sachen Bau. Ein erfolgreicher Architekt und - zu früheren Zeiten - Stadtpolitiker, streitbar mit den Behörden. Er war gleichermassen grosszügig und widerspenstig, wenn es um die Durchsetzung eigener Meinungen und Gestaltungsideen ging. Selber Mitglied des Heimatschutzes, kannte er bei Disputen mit der Denkmalpflege kein Pardon, höhlte in genialer Weise sein grosses Bauernhaus in Zürich-Schwamendingen aus und versah es mit Dachfenstern, um es noch in den verborgensten Winkeln bewohnbar zu machen. Eine kaum schluckbare Kröte für Beamte. Doch er war jeweils schneller, stellte sie vor vollendete Tatsachen und rechnete mit dem zermürbenden Zahn der Zeit. 
Diskussionen mit ihm waren zuweilen Monologe, denen ich gerne auswich, so wie er manchmal in sein Büro im oberen Stock auswich, wenn es um Diskussionen in Familienangelegenheiten ging. Die vier Buben gehörten eindeutig in den Wirkungsbereich seiner Frau Dorothee. Wenn ich als Nachbar bei Hessens auftauchte und etwas Familien-Atmosphäre schnuppern wollte, so konnte ich nicht zwingend mit seiner Präsenz rechnen. Dorothee und die Buben jedoch waren eine sichere Grösse an der Winterthurerstrasse, zusammen mit der Katze, die alle fünf Minuten ihre Meinung wechselte und entweder herein- oder dann wieder hinauswollte und uns ab und zu mit einem Vogel oder einer Maus beschenkte. Oft waren in Hessens Stube auch Nachbarn zu Gast und Freunde - ein offenes Haus halt und wunderbar. Manchmal rumpelte es dann im Treppenhaus, und durch die Schwenktür trat Heinz ein, um uns zu grüssen und sich grad wieder zu verabschieden, weil er zu einer Besprechung mit einem Bauherrn musste oder zum montagabendlichen Volleyball. Draussen in der Einfahrt wartete schon der Döschwo. Und weg war er.
Um Heinz rankte sich eine Art Mysterium. Er atmete zum Beispiel auf eine Weise durch die Nase, die Aufmerksamkeit auf sich zog und dem Gespräch das Tempo vorgab. Man musste warten, bis er zum nächsten Satz ansetzte. (Früher rauchte er Pfeife.) Und im Gegensatz zu seinen strengen gestalterischen Vorstellungen konnte er anderes völlig unbeteiligt geschehen lassen, weil er bestimmten unkontrollierbaren Vorgängen weitreichendes Vertrauen schenkte, was jeweils Dorothee in die Sätze brachte. Er nahm zuweilen das Gehabe eines buddhistischen Mönches an, und es wunderte mich auch nicht weiter, als er für sich eines Tages den Tibet entdeckte und sich dort für den Bau von Waisenhäusern einsetzte. Er umrundete auch einige Male den heiligen Berg Kailash. Besonders berührt hat mich dann seine letzte Reise dorthin mit der bereits schwerkranken und der Sprache nicht mehr mächtigen Dorothee. Irgendwie schafften es die beiden noch, einen Blick in den himmlischen Frieden zu werfen. Das fand ich als Vorgang und Liebesbeweis ganz wunderbar und aussergewöhnlich.  
Heinz bleibt mir auch als Frauenverehrer in Erinnerung. Ich weiss nicht, was daran wirklich handfest war, doch das verschmitzteste Lächeln und die grösste Freude konnte ihm die Präsenz interessanter Frauen abgewinnen. So wenige wirkliche Freunde er hatte, so stark fühlte er sich mit den Frauen in seinem Umfeld befreundet. Manchmal gewann ich den Eindruck, dass er auch seine Gattin Dorothee zu dieser Art von Freundeskreis zählte, was sie wohl eher irritiert haben dürfte, sie, die sich doch immer Sorgen machte, ob die Familie über die Runden kommt, ob die Söhne auch gut herauskommen,  sie, die zu schneidern begann, als sich finanziell stürmische Zeiten ankündigten. 
Als wir vor Jahren Dorothee zu Grabe tragen mussten, stellte sich die Frage, wie es wohl mit Heinz, schon damals in respektablem Alter, weitergehen würde in diesem grossen Haus in Schwamendingen. Eines Tages jedoch verkündete er mir bei einem Mittagessen beim Chinesen wie nebenher, er würde übermorgen seine Freundin in Berlin besuchen. Ich musste nachfragen. Doch seine Antwort blieb kryptisch, vielleicht weil er wusste, wie nah ich mich Dorothee auch nach ihrem Tod fühlte. Später lernte ich aber seine Elisabeth persönlich kennen. Sie verbrachte von da weg auch regelmässig Weihnachten in Schwamendingen, an deren Feier auch ich und mein Partner Benedict teilnehmen durften. Ich glaube, wir alle freuten uns, dass Heinz nun ein Grossteil seiner alten Tage in Berlin verbringen durfte in der liebevollen Gesellschaft von Elisabeth. So fügte er seinem Leben noch ein ganz neues, erfrischendes und glückliches Kapitel bei.
Heinz beschäftigte sich stark mit dem Sterben und mit dem Tod. Er war überzeugt, dass die Zeit kommt, wann sie will. Dafür brauchte es nicht unbedingt Ärzte. So nahm er deren medizinische Leistungen herzlich wenig in Anspruch, und als diese dann doch notwendig wurden, verabschiedete er sich, so schnell es halt ging. So bleiben Erinnerungen an einen aussergewöhnlichen Mann zurück, der seiner Umgebung gleichermassen Freude als auch Irritation bereiten konnte, der eine seltsame, aber durchaus gelungene Mischung von Grosszügigkeit und Eigenwilligkeit vereinte, die sich bei mir eigentlich schon lange als kritischer Flüsterton in meinen Ohren eingenistet hat.  

© Nikolaus Wyss

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Donnerstag, 16. Februar 2017

Al Imfeld gestorben

Mit Al Imfeld in Ghana 1999
Al Imfeld war ein bescheiden gebliebener Ermutiger, geübt im Umgang mit Enttäuschungen und Ausgenütztwerden, ein priesterlicher Spezialist und Ratgeber in fast allen Lebenslagen und Dingen (von Afrika bis Malcom X, vom Playboy bis zum Vietnamkrieg, von Prostituierten an der Langstrasse bis zu Wole Soyinka in Nigeria, vom Napf bis in die Niederungen Zimbabwes, von Würsten bis zum Zucker, von der Poesie bis zur Ökonomie). Er lebte äusserst ungesund, trug alle Viren dieser Welt mit sich herum und litt immer unter irgendwelchen Einschränkungen. Gerade dies verlieh ihm eine Aura der Unsterblichkeit. Umso grösser der Schock, als jetzt das Unvermeidliche doch noch eintraf.
Ich erinnere mich an unsere gemeinsamen Aufenthalte in Ghana und an einer Kasseler Documenta in den 90er Jahren. Er wirkte dabei so bescheiden und geradezu unbeteiligt, und gleichwohl wusste er alles in einem Masse, bei welchem ich in meinen Bemühungen weit auf der Strecke blieb.
Sträflich sein liederlicher Umgang mit seinen eigenen Texten. Wenn ich nicht schon vorher gewusst hätte, was REDIGIEREN heisst, bei ihm hätte ich es lernen müssen. Seine Beiträge für das Tages-Anzeiger Magazin in den 80er Jahren musste ich geradezu ausbeineln und neu zusammensetzen. Er galt als aufwändiger Autor. Doch statt beleidigt zu sein wegen meiner Eingriffe, zeigte er seine Freude: da war einer, der sich mit seinen Überlegungen befasste. Für ihn war das Ausdruck gemeinsamen Ringens um einen guten Text. Vermutlich kostete ihn das dann später aber seine Heimat bei der WOZ. Die schlecht bezahlten Redaktoren fanden wohl einfach keine Zeit, seine Beiträge in eine lesenswerte Form zu bringen.
Ich bewunderte ihn für seinen Umgang mit Rückschlägen und Enttäuschungen. Immer obsiegten Zuversicht und Hoffnung. Er freute sich auf die nächsten Projekte und Vorhaben, welche er mit verbissenem Fleiß vorantrieb, er freute sich aber auch auf die Zusammenkünfte im Rotary-Club und auf die Suppe vom nächsten Samstag, wenn er wieder in seiner schmalen Küche Gäste versammeln konnte und Rosemarie sich ins Zeug legte mit allerlei überraschenden Kombinationen von Kräutern, Käsen, Dörrfrüchten, Einlagen, Ergänzungen - und immer mit Wein. Anstelle künftiger Suppen tritt nun das Paradies. Ich bin überzeugt, dass er dort grosszügig empfangen wird. Verdient hat er es sich hier auf Erden. 
Ich entbiete aber auch meinen allergrössten Respekt Rosmarie Christen, die ihn in den letzten zehn Jahren gemanaged hat. Dank ihr konnte er auch im respektablen Alter seine Wirkung entfalten. Ich kondoliere ihr ebenso wie seinen familiären Angehörigen von ganzem Herzen.

© Nikolaus Wyss

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