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Sonntag, 8. Juni 2025

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 14)

7. März 2025
 
Laure Wyss, Redaktorin beim Tages-Anzeiger Magazin   
 
Gut gemeint und knapp daneben. Vor lauter feministischer Begeisterung über ihren Fund, die journalistischen Verdienste meiner Mutter etwas beleuchten zu können, küren die Gesprächsteilnehmerinnen dieses durchaus hörenswerten Podcasts Laure Wyss 23 Jahre nach ihrem Tod zur ersten CHEF-Redaktorin des Tages-Anzeiger Magazin, was durchaus nicht der Fall war. Ja, sie verdiente signifikant weniger als ihre männlichen Kollegen. Ich behaupte sogar, das Verdienst meiner Mutter wird dadurch eher noch grösser. Aus der Position eines „normalen“ Redaktionsmitglieds derart Einfluss auf ein Blatt auszuüben, wie sie es tat, hebt das Durchsetzungsvermögen und die Persönlichkeit dieser Frau eher noch mehr hervor. Doch das ist eben ein anderes Narrativ als dasjenige einer vermeintlichen Chefredaktorin, die Kraft ihres Amtes hätte bestimmen können, was im Blatt erscheint.
Den obigen Text veröffentlichte ich mit Link auf den Podcast auf meiner facebook-Timeline, was viele Reaktionen hervorrief. Ich wurde aufmerksam gemacht, dass auf Wikipedia stehe, dass Laure Wyss die Redaktion des TAM geleitet habe, was ich dann so beantwortet habe:
"Ich werde grad aufmerksam gemacht, dass Wikipedia schreibt, dass Laure Wyss das Magazin geleitet habe. Leider ist diese Bemerkung nicht ganz zutreffend. Der erste Chefredaktor des Magazins hiess Peter Frey. Er gründete und leitete zusammen mit dem Team, dem auch Laure Wyss angehörte, das Magazin des Tages-Anzeigers. Es spricht für Peter Frey und sein Team, dass sie feministische Standpunkte förderten und in der Person von Laure Wyss die entsprechende Repräsentantin hatten. Damals, scheint mir, war die Organisationsform dieser Wochenendbeilage wenig hierarchisch geprägt und unter dem Einfluss der 68er Bewegung mit kollektiver Verantwortung versehen. In diesem Sinn war der CHEF-Redaktor nicht Chef sondern eher Moderator und der Verbindungsmann zur oberen Hierarchiestufe. Wie das heute ist, kann ich nicht sagen, ich habe mich 1991 vom Journalismus verabschiedet (wurde als Mitarbeiter dieses Blattes von 1998-1991 vom damaligen CHEF-Redaktor des Magazins, René Bortolani, fristlos gefeuert), lese hier aber in Bogotá noch unregelmässig die online-Ausgabe des Tages-Anzeigers."
 
27. April 2025

 Schönheits- und Anpassungschirurgie ist hier in Kolumbien ein blühendes Geschäft. Veränderungswillige kommen aus ganz Lateinamerika hierher, um ihre schlaffen Brüste, schmalen Penisse und freudlosen Hintern aufzupimpen - alles muss anders aussehen als es ist. In meiner Umgebung haben einige schon ihre Nasen korrigiert, andere haben es noch vor. Ich fühle mich deshalb aufgefordert zu überlegen, was ich alternativ mit meiner real existierenden Nase noch alles anstellen könnte. Derzeit übe ich einige Nasenformen. Heute zum Beispiel den Pippi Langstrumpf-Stil. Noch fehlen mir die Sommersprossen dazu. Doch auch das ist hier kein Problem...
 
7. Mai 2025

Seit heute kann man mir sogar Briefe schreiben, die nicht in den Büschen des Vorgartens landen. Maestro Ricardo Cruz konstruierte und montierte das schmucke Briefkästli. Doch nach wie vor muss man mit einer Zustellzeit von 3-4 Monaten rechnen…. Nichts für Abstimmungsunterlagen!
 
24. Mai 2025
Die Suppenküche-Mannschaft v.l.n.r. Monika Zürcher, ich, Mike Lauber, Nic Hess, Gioia Kohlbacher, Oliver Buhl, Christian Fuster. Bild: Dominik Landwehr (auch zur Suppenmannschaft gehörig) 
 
Ein ausserordentlich vergnüglicher Samstag war unser Suppenanlass in der Helferei an der Zürcher Kirchgasse 13, mit welchem wir SpenderInnen und Freunde von Sancocho-Lab, unserer Suppenküche in Bogotá, danken wollten. Eine grossartige Küchenbrigade kochte für 70 Personen eine schmackhafte Suppe, welche zum Ende des Anlasses rübisundstübis aufgegessen war. Dazu gab es gratis Brot, Wein oder Bier. Und wir nahmen dabei neue Spenden in der Höhe von Fr. 5000.- ein. Wunderbar. Alle waren der Meinung, auch im kommenden Jahr einen solchen Suppentag veranstalten zu müssen. Grossartig auch die HelferInnen der Helferei, die unser Vorhaben in allen Teilen unterstützt haben. Allen ein grosses Dankeschön.
 
26. Mai 2025
Mit meinem Freund Hans-Martin Bossert unterwegs 
 
Wir haben für diesen Montag abgemacht. Ich war Hans-Martin noch ein Dankeschön schuldig für das prächtige Fest zu meinem 75. Geburtstag in der Schwamendinger Ziegelhütte vom vergangenen Jahr, das er mit Umsicht und grossem Einsatz zu einem ausserordentlichen Anlass werden liess. Wir reservierten uns den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein und beschlossen, mit einem Besuch des Grabs meiner Mutter zu beginnen, um nachher von der Rehalp bis zum Küsnachter Tobel zu spazieren und alles zu thematisieren, was beste Freunde so austauschen.
Wir bekundeten Mühe, das Ehrengrab von Laure Wyss zu finden. Mir fiel auf, dass der Grabstein seinen grünlichen Glanz verloren hatte. Auch lagen, im Gegensatz zu früher, keine Steinchen mehr darauf. Doch dann, als wir es doch noch fanden, schlug der Musiker Hans-Martin vor, ihr ein Lied zu singen. Da kam mir in den Sinn, dass sie für das Appenzeller Landsgemeindelied immer eine besondere Schwäche zeigte. Ihr gefielen die getragenen Stimmen eines Männerchors, und der Text simpler und von Herzen kommender Frömmigkeit entsprach ihrem Empfinden für Erhabenes, vor welchem man sich zu Recht hinsinkt: "Alles Leben strömt aus Dir..."     
Hans-Martin zückte für den Text sein Handy und wir hoben zum Singen an, so dass die ganze Vogelschar in den Bäumen aufhörte zu zwitschern und sich umschaute, um zu sehen, was da die alten Herren von sich gaben. Unser Gesang hörte sich vermutlich schrecklich an, doch irgendwie passte die Aktion, und glücklich verliessen wir anschliessend den Tatort, um die Wanderung anzugehen. 
Zurück vom Ausflug seeaufwärts, landeten wir am Schluss unserer freundschaftlichen Begegnung im Restaurant Italia, wo wir hervorragend speisten.  
  
 
29. Mai 2025
zZüri. Damals, vor über 50 Jahren, verdiente ich mein Geld als Kellner in der Gans vorne am Central. Nach der Arbeit ging ich spätabends regelmäßig ins Castel-Pup zum Abtanzen. (Siehe auch hier... ). Irgendwann Jahrzehnte später erinnerte sich die Kulturabteilung der Stadt Zürich ans Café Voltaire, das dort in den 20er Jahren mit seinen Dadaisten Urstände feierte und transformierte das Dancing in einen Kulturort. Da war ich aber schon längst über alle Berge. Und jetzt, auf meinem nostalgischen Trip durch die Altstadt, suche ich vergebens nach einer Tafel vor dem Haus, die besagt, dass sich hier Nikolaus Wyss zwischen 1973 und 1976 die Beine in den Bauch getanzt hat…
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Dienstag, 14. Januar 2020

In vielfältiger Weise dankbar: Zum 80. Geburtstag von Rudolf Schilling

Mit Rudolf Schilling (links) im Jahre 2001 anlässlich der Verleihung der Heinrich-Wölfflin-Medaille an die Zeitschrift Hochparterre, wo er eine brilliante Festrede hielt. Damals war ich Rektor der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Luzern, sozusagen sein kleinerer Kollege.  

 

In den ersten Jahren hörte und las ich von Ruedi Schilling nur. Ich war zu jener Zeit Buchhändler in Bogotá, und meine Mutter schickte mir mit gebührender Verspätung aus der Heimat ab und zu ein Bündel Tages-Anzeiger-Magazine zu, die ich mit Interesse zu lesen pflegte. Schilling gehörte dort zu den Autoren und Jung-Redakteuren, und meine Mutter hielt grosse Stücke auf ihn. Seine Texte waren gescheit und manchmal auch etwas zu lang. Doch das war Programm. Es gehörte damals zu den Qualitäten dieser renommierten Wochenend-Beilage, Sachen auf den Grund zu gehen. Schillings Spezialitäten waren dabei Städteplanung und Wohnungsbau. Er beobachtete Siedlungen, die in Zürcher Agglomerationen aus dem Boden schossen, und fand dafür die passenden, kritischen Worte.  Als ich Mitte der 80er Jahre, schon längst zurück aus Lateinamerika und bereits ein Ethnologie-Studium hinter mir, meine Führungen durchs alltägliche Niemandsland Schwamendingen anzubieten begann, interessierte sich Schilling für meine touristische Aktion und offerierte mir, zu meinem Vorhaben einen Text zu veröffentlichen. Ich fühlte mich von ihm sofort verstanden, mass er doch meiner Tätigkeit das Gewicht bei, das ich mir selbst nicht zu verleihen vermochte. So begann eine Freundschaft, die zwar wenig Privates teilte, die mich aber immer wieder in seine Nähe führte. Ich glaube, er hielt sich ein Stück weit für mein Wohlergehen verantwortlich, wofür ich ihm bis heute meine uneingeschränkte Dankbarkeit schulde.

    Da waren zum Beispiel die Feierlichkeiten zum 700-Jahr-Jubiläum der schweizerischen Eidgenossenschaft, CH91 genannt. Ich arbeitete damals als Kultur-Redaktor beim Schweizer Fernsehen, war dort aber wegen den personellen Konstellationen zutiefst unglücklich. Schilling, einer der Programm-Zampanos dieser CH91, warb mich ab und machte mich in Zug, wo sich das Headquarter des Vorbereitungskomitees befand, zum Leiter landesweiter Aktivitäten. Doch das Vorhaben scheiterte desaströs. Die Innerschweizer Kantone, welche bei dieser Landesausstellung 1991 Gastgeber hätten spielen sollen, verweigerten sich in verschiedenen Volksabstimmungen dieser Rolle. In der Folge wurden die ganzen Vorbereitungen, mit Ausnahme des Wegs der Schweiz rund um den südlichen Teil des Vierwaldstättersees, dem Urnersee, liquidiert. Wie sehr das Scheitern der CH91-Idee auch mit dem nicht unwesentlichen Beitrag Schillings, nämlich ein gescheites aber doch nur schwer vermittelbares Konzept erarbeitet zu haben, erklärbar ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls fand er bei der Redaktion des Tages-Anzeiger-Magazins erneut Zuflucht und bot mir dort in der Folge auch Asyl, indem ich eine Kulturseite namens Affiche redigieren durfte.

 

    Ich bewunderte in dieser Zeit Schilling, weil er als Teilzeit-Freischaffender es immer wieder verstand, attraktive und wohl auch gut dotierte Aufträge an Land zu ziehen: Gutachten für aufstrebende Gemeinden, Mitgliedschaften bei Jurierungen, Publikationen und vieles mehr. Er erklärte es mir einmal so: „Du darfst nicht warten, bis sie auf dich zukommen. Du musst dir die Aufträge holen.“

 

    Und plötzlich, aus heiterem Himmel, traf uns Ende der 80er Jahre die Mitteilung, Ruedi Schilling sei zum neuen Rektor der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst gewählt worden. Ich weiss noch, wie mich damals widersprüchliche Gefühle umtrieben. Zum einen war ich stolz, plötzlich einen Hochschul-Rektor zu meinem Freundeskreis zählen zu dürfen, zum anderen stellte ich mir etwas verwirrt die Frage, wie Ruedi das nur schaffen konnte, und ob er das überhaupt kann? – Ich hatte ihn schliesslich vordem noch nie in einer wirklich leitenden Stellung gesehen, und diese Schule bestand, das war stadtbekannt, aus einem Dutzend Königreichen mit entsprechend selbstherrlichen, eingebildeten Fachbereichsleitern. – Ironischerweise sollten es dieselben Fragen sein, die von kritischen Geistern später zu meiner Wahl auch gestellt wurden, als ich 1997 selbst zum Rektor der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern ernannt worden bin.

 

    So trafen wir uns also, Ruedi und ich, Jahre später, an der Rektorenkonferenz der Schweizer Kunsthochschulen wieder, zu welcher ich einzig in Begleitung meines Prorektors erschien, während er mit seinem ganzen Zürcher Hofstaat von Prorektoren, Abteilungsleitern, Koordinationsbeauftragten, Vorkursleitern und Sekretärinnen aufkreuzte. Er konnte sich das leisten. Schliesslich war er zu jener Zeit der Präsident dieser chaotischen Gruppierung von Leitungsfunktionären aus der ganzen Schweiz, welche sich den Tentakeln der zugreifenden Fachhochschul-Gesetzgebung entziehen wollten. Es waren niederschmetternde Begegnungen, die von Argwohn zwischen den einzelnen Schulen, von Auseinandersetzungen mit sturen Berner Beamten und von unfähigen Fachhochschulräten und Unternehmensberatern, welche im Sauhaufen zu schlichten trachteten, geprägt waren. Ruedi schien zwar die Schwierigkeiten zu erkennen, welchen er gegenüberstand, mir kam es aber manchmal vor, als ob er durch seine starken Brillengläser das Geschehen aus übergebührlicher Rollendistanz betrachtete und sogar noch imstande war, darüber einen Witz zu reissen. Das war dem konstruktiven Output dieser Konferenz vielleicht nicht gerade zuträglich, denn je schwächer und zerstrittener wir uns gegenüber der reguliersüchtigen Eidgenossenschaft zeigten, umso mehr konnte diese auf unseren Nasen herumtanzen. Studiengänge wurden unter dem magischen Vorwand der kritischen Masse, dass Studiengänge nämlich zu wachsen haben, um der Gefahr des nicht mehr finanzierbaren Orchideenfaches zu entgehen, von Zürich nach Basel und Luzern verschoben, während Zürich als Zückerchen und Trostpflästerchen das Fach Design-Theorie erhielt. Doch kurze Zeit später führte Zürich die zuvor abgezügelten Studiengänge wieder ein, diesmal einfach mit einem englischen Namen versehen. 

 

    Ruedis Pensionierung bewirkte nicht unbedingt mehr Frieden in dieser Rektorenkonferenz. Jetzt führte der stark zur Intrige neigende, spitzzüngige Pierre Keller von der Lausanner Ecal das Szepter. Aber als auch ich später als Präsident dieser Rektoren antreten musste, trat nicht grössere Ruhe ein, was mich mit Ruedis nicht vorhandenem Führungsstil ziemlich versöhnte.

 

    Ich bin dir in den letzten Jahren, lieber Ruedi, nur noch wenige Male begegnet, wenn du zum Beispiel in Begleitung deiner Frau Björg irgendeine Vernissage aufsuchtest. Es tut mir heute leid, lieber Ruedi, dass aus unserer Absicht, uns wieder einmal zu treffen, nie etwas wurde, und es tut mir leid, dass du nach eigenem Bekunden mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hast. Umso schöner war es, als du vor anderthalb Jahren an die Veranstaltung des Theaters am Neumarkt kamst, wo Charles Linsmayer im Rahmen seiner Hottinger Gespräche in meiner Anwesenheit das Wirken meiner Mutter als Schriftstellerin und Journalistin würdigte. Du hattest dich gegen Schluss des Abends zu Wort gemeldet und gesagt, dass meine Mutter in ihrer Zeit als Redaktorin nicht nur eine Fördererin, sondern auch eine grosse Team-Playerin gewesen sei. Das hat mich sehr gerührt, und aus Anlass deines 80. Geburtstags möchte ich jetzt erwidern, dass du dich mir gegenüber ausserordentlich fair, fürsorglich und förderlich verhalten hast, wofür ich dir, ich sagte es schon, meine uneingeschränkte Dankbarkeit schulde.

 

    Ich gratuliere dir herzlich zum Geburtstag.

 

    Dein Nikolaus 

Sonntag, 18. Februar 2018

In Korrespondenz mit Roger Köppel

Ganz zum Schluss unserer Korrespondenz schrieb ich ihm: Wie verfahren wir weiter, Herr Köppel? Wir wiederholen uns bereits. [...] Unsere Korrespondenz würde mir gut in den Kram passen für einen Abdruck in meinem Blog. Dafür bräuchte ich aber Ihr Einverständnis. – Wenn Sie eine bessere Idee haben, so bin ich gerne bereit, sie zu prüfen. Weiterfahren im Text? Sich alles Gute wünschen? Einander ewige Feindschaft erklären? – Die Palette ist gross. [...]
Roger Köppel meldete sich alsogleich mit ein paar letzten Zeilen und bestand darauf, dass seine E-Mails an mich persönlich gemeint seien. Natürlich respektiere ich dies und unterlasse im Folgenden jedes Zitat aus seiner Feder. Gleichwohl versuche ich, diese für mich überraschende Begegnung im Facebook Messenger hier nachzuzeichnen und zu teilen. Dies ist sowohl meiner Eitelkeit geschuldet, mich mit einer so prominenten wie auch umstrittenen Person unterhalten zu haben, als auch der Hoffnung, dass mich die Verarbeitung dieser Korrespondenz zu neuen Einsichten führt. Nichts ist langweiliger, als sich gegenüber diesem einzigartigen Journalisten, Verleger und Politiker in den eigenen Vorverurteilungen zu suhlen und überall nur nach denjenigen Beweisstücken zu graben, die einem grad in den Kram passen.
Angefangen hatte unsere Korrespondenz zehn Tage zuvor, als mich Roger Köppel aus heiterem Himmel mit der Frage überraschte, ob ich der Sohn von Laure Wyss sei. Ich schrieb ihm darauf so zurück:
Lieber Herr Köppel, ich habe Sie in Ihrer Tagi-Magi-Zeit grenzenlos bewundert. Iwan Rickenbacher sagte mir einmal über Sie, dass Sie den Marschallstab im Tornister mit sich führten. Er meinte damals die Möglichkeit, dass Sie dereinst die Chefredaktion des Tages-Anzeigers übernehmen würden. Davon war er überzeugt, und ich bestärkte ihn darin, dass dies eine grosse Chance für den ganzen Konzern wäre. – Mich macht es einfach elend traurig, dass das Neu- und Andersdenken von Tatbeständen, das zu Ihren journalistischen Spezialitäten gehörte und mich kolossal ansprach, in meinem Gefühl zur Erstarrung führte. Die Positionen der Weltwoche sind vorhersehbar, und Ihr politisches Wirken und Ihre Engagements erlauben es Ihnen heutzutage nicht mehr, unvoreingenommen und lösungsorientiert Themen einer guten Lösung zuzuführen. Mir gefällt der Stil der Häme und Verunglimpfung, den Sie und Ihr WeWo-Team systematisch pflegen und den Sie eben auch als Nationalrat als schärfste Waffe ins Feld führen, nicht. Das verhärtet die Fronten. Ich bin auch ein Opfer davon. Ich kann kaum mehr unvoreingenommen Ihre Aktivitäten zur Kenntnis nehmen. Ihre Omnipräsenz und Ihr für mich kaum mehr akzeptabler journalistischer Stil provozieren bei mir Nackenstarre und verleiten mich zu Bemerkungen, welche die Verhärtung noch fördern, was mir leid tut, denn ich wäre so dankbar, wenn der Enthusiasmus, den Sie an den Tag legen, einladender, positiver daherkäme, wenn er darauf angelegt wäre, das Zusammengehen zu fördern. Bei Ihnen sind aber Andersgesinnte primär Verräter, und bei diesen Verrätern sind Sie mittlerweile der Lieblingsfeind. Mich stört, dass Ihnen das gefällt. Ich wünschte mir, dass Sie einen Ehrgeiz entwickeln würden, diese beobachtbare Aufspaltung der Schweiz zu stoppen und gemeinsame Werte zu pflegen. So. Jetzt habe ich gesagt, was mir auf der Zunge brennt. Ich danke für Ihr Interesse zu erkunden, wer denn meine Mutter sei. Ja, meine Mutter war Laure Wyss.
* * *
Herr Köppel lässt nicht lange auf sich warten und bedankt sich für das offene Wort. Er schlägt sogar vor, dass wir uns einmal treffen könnten, zumal er sich gut an meine Mutter erinnere. Sie hätte schliesslich seinem damaligen journalistischen Stil im Tages-Anzeiger-Magazin Wertschätzung entgegenbracht, auch wenn es hie und da auf die Mütze gegeben habe. Dann fragt er mich, wenn seine Arbeit so vorhersehbar sei, ob ich schon sagen könne, welcher Aufmacher die nächste WeWo-Ausgabe ziere.
Sie sind ein Witzbold, antworte ich darauf, ich gehe davon aus, dass Sie noch selbst nicht wissen, was der Aufmacher sein wird zu diesem Zeitpunkt. Ich habe seinerzeit immer gerne im Spiegel die verworfenen Titelbilder studiert [...].
* * *
Herr Köppel antwortet, dass er die Titel langfristig plane, sagt aber auch, dass er sich als instinktiven Menschen verstehe und weniger strategisch und politisch. Es scheint ihn einfach zu nerven, wie die Sicht auf Christoph Blocher und seine Leute angeblich wachsend ungerecht wurde, begleitet von einer unehrlichen Überheblichkeit gegenüber sogenannt einfachen Leuten. Da wolle er Gegensteuer geben. Wichtig sei ihm, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, ohne sich selbst dabei zu verkrümmen. Das Wort Verräter habe er jedoch nie oder kaum benutzt, Totengräber oder Saboteure aber schon.
Zum Schluss lädt er mich ein, für ihn eine Blattkritik zu schreiben, um zu begründen, weshalb denn alles Mist sei, was er mache.
Lieber Herr Köppel – Vielen Dank für Ihre Ausführungen, die mich wegen der Zeitverschiebung heute Morgen um 02.19 Uhr erreichten. Ich fühle mich sehr geehrt, dass Sie für mich Ihre kostbare Zeit hergeben. [...] 1991 habe ich mich vom Journalismus verabschiedet. Anlass war die Publikation 21 Jahre TAM – Vom Nährwert einer Beilage. Der damalige Chefredaktor René Bortolani stellte mich fristlos frei, und ich liess mir die Pensionskasse auszahlen. Seither halte ich mich von journalistischen Aufträgen fern. Einmal wurde ich noch zu einer Blattkritik des NZZ-Folios aufgefordert. Das wars. Das heisst auch, dass ich wohl kaum eine Blattkritik für die WeWo schreiben werde, womit Sie sicher gut leben können. – Merkwürdigerweise ist mir beim Lesen Ihrer freundlichen Replik das Standardwerk von Georg Franck durch den Kopf gegangen: Die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ich gehe davon aus, dass Sie diese Abhandlung kennen. Besonders spannend sind die Stellen, wo es um den Begriff der Reputation geht. Meine Beobachtung ist die, dass Sie Ihre Reputation in einem mir vertrauten Kreis eingewechselt (bzw. verloren) haben zugunsten der Reputation in einem mir nicht so vertrauten Kreis. Wutbürger in ihrem Furor noch anzufeuern, bewirkt bei mir Unbehagen. Bei Ihnen aber offensichtlich Lust. Sie scheinen sich pudelwohl zu fühlen in diesem Umfeld. Mir hingegen liegt immer das Schadenspotenzial vor Augen. Ich halte die Schweiz für eine feinziselierte soziale Skulptur, die durch grobes Handeln und durch mangelnde Solidarität durchaus ihrer grossen Vorteile verlustig gehen kann. Ich wünschte mir, dass Sie hier mehr Verantwortung für den Erhalt dieses Meisterwerks zeigen würden. Ich will aber nicht weiter schulmeistern. Ich lebe jetzt in einem Land, wo, im Gegensatz zur Schweiz, vieles schief hängt. Merkwürdigerweise belebt mich dies auf eine Art und animiert mich zum Schreiben meiner Blogs. – Ich grüsse Sie und wünsche Ihnen die Rückgewinnung der Reputation in meinen Kreisen. Ich würde mich darüber sehr freuen.
* * *
Herr Köppel bedankt sich für meine Ausführungen und meint, er würde es sehr interessant finden, sich darüber mit mir einmal zu unterhalten. An dieser Stelle reut es mich am meisten, ihn nicht zitieren zu dürfen, denn in seiner Antwort legt er so etwas wie ein politisches Bekenntnis ab. Auch er sähe die feinziselierte Schweiz in Gefahr, weshalb er eben in die Politik gestiegen sei. Dass er polarisiere, sei wohl mehr der Eindruck anderer. Aber man müsse doch die Unehrlichkeit in Bern und die Nichtbeachtung unserer Verfassung benennen! Sicher hätte er sich zuweilen unnötig drastisch ausgedrückt. Keiner sei schliesslich perfekt. Und dann nennt Köppel ein paar Namen, deren Denken für ihn die Art von Freisinn verkörpert, dem er selbst nachlebe. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stehe das klassische Milizsystem der politischen Schweiz, das eben erlaube, seine Gedanken unmittelbar in die Politik zu tragen und so zur feinziselierten Schweiz-Skulptur beizutragen: Herbert Lüthy, Karl Schmid und Lorenz Stucki.
Lieber Herr Köppel – Ich weiss nicht, wie ich es verdiene, dass Sie sich so viel Zeit nehmen für mich, vielleicht wird sich das später weisen. Karl Schmid ging in unserem Haus ein und aus. Er fragte mich, was ich tun müsse, wenn Sirenen heulen. Ich wusste es nicht, und er meinte: Transistorradio einstellen. Anschlussfrage: Und was ist das Wichtigste, wenn die Sirenen noch nicht ertönen? Wiederum wusste ich die Antwort nicht. Er: Genügend geladene Batterien für den Transistor bereithalten. – Das war der kalte Krieg, und zuweilen entstieg er seinem VW-Käfer in seiner Oberst-im-Generalstab-Uniform. [...] Von Lorenz Stucki weiss ich weniger zu erzählen, mir gefiel einfach sein Vorname, weil er mich an einen meiner entfernteren Cousins erinnerte. Den Historiker Lüthy habe ich leibhaftig nie erlebt und auch nicht gelesen. Rolf R. Bigler (einem anderen Ihrer WeWo-Chefredaktoren-Vorgänger) jedoch begegnete ich öfters an der Winkelwiese. Er bewohnte zusammen mit seiner damaligen Frau, der Schauspielerin Christiane Hörbiger, an der Frankengasse ein Haus.
Ich glaube, diese Vorbilder kann man zwar in Ehren halten, aber die Welt hat sich in den letzten 30 Jahren derart gewandelt, die Globalisierung hat ein derartiges Ausmass erreicht, dass ich glaube, man sei besser beraten, das Haus des Liberalismus neu zu bestellen. Und das heisst für mich: Sich nicht vorschnell auf eine Seite schlagen, sondern das Gute von überallher besorgen und die eigene Meinung auf 80 Prozent Richtigkeit kalibrieren. So hat man Spiel- und Verhandlungsraum. Der politischen Bewegung, der Sie sich verpflichtet fühlen, fehlt es immer an diesen 20 Prozent Gelassenheit und Spielmasse. Da geht immer alles auf tutti. So zwingt man sich in die Minderheit und verliert ständig bei stets rabiaterem Wirken.
Schauen Sie, das Leben und die damit verbundene Kommunikation ist sehr stark eine Stilfrage. C’est le ton qui fait la musique. Das ist es, was mich an Ihrem gegenwärtigen journalistischen und politischen Agieren so abstösst. Das Wettern hat so etwas Ohnmächtiges an sich. Eignet sich für eine Show, und für den Journalismus braucht es ja auch ein gewisses Aufsehen, sonst nimmt man den Sachverhalt oder die Meinung gar nicht zur Kenntnis. Doch wenn es wirklich um Reformen und um den Fortbestand des Erreichten unter neuen Vorzeichen geht, so kann es nicht sein, dass der eine sich im Vollbesitz der Wahrheit wähnt und so die anderen vorsätzlich vor den Kopf stösst. Ich weiss, es tönt etwas moralinübersäuert, aber ich befürchte, Iwan Rickenbacher würde heute wohl nicht mehr von diesem Marschallstab sprechen, den Sie dereinst im Tornister führten. Denn zum Marschallstab gehören eine spezifische Souplesse und der Applaus von der richtigen Seite, um das, was man will, mit Verbündeten auch umzusetzen. – Sie gehören jetzt einer bellenden Minderheit an, und je lauter diese Meute Sie antreibt (oder Sie treiben diese an), umso eher verengt sich die Chance, sich eine gemeinsame Zukunft auszuhecken, worin sich alle für sich selbst ein attraktives Plätzchen vorstellen könnten.
Ich habe meinen Vater als Politiker erlebt, und irgendwo erinnern mich Ihre Ausfälle an ihn. Er war genauso einer, der die Fehler immer bei den anderen sah und entsprechend unerträglich war. Dazu habe ich auch den Blogbeitrag Auf den Armen meines Vaters geschrieben. Vorher noch ein Zitat von Ihnen: Nobody is perfect. Das sollte nicht nur als Richtlinie zur Beurteilung anderer gelten, das muss in erster Linie für sich selbst gelebt werden. Da sehe ich bei Ihnen eindeutig zu wenig davon. [...]
Mit freundlichem Gruss
* * *
In seiner Antwort bezeichnet Köppel meine Ausführungen als hochinteressant. Ihm gehe es aber nicht ums Blossstellen von Leuten, sondern um die Beobachtung, dass es «da draussen» Entwicklungen gebe, die nicht gut für die Schweiz seien. Er nennt als Beispiel die Gefahr der Preisgabe der Selbstbestimmung der Schweiz. So sei er das Risiko eingegangen, den Käfig der politischen Korrektheit zu verlassen und den Applaus von der angeblich richtigen Seite zu verlieren, um seiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen. Er sei vom eifrigen Habermas- organisch zum Hume-Leser und intellektuell Konservativen geworden. Gleichwohl schlage er keine Türen zu und lade zu Diskussionsveranstaltungen auch Andersdenkende wie Daniel Jositsch, Corrado Pardini, Tamara Funiciello und Anita Fetz ein, und als Wahlberichterstatter habe er sogar einen wie Cédric Wermuth verpflichtet. Dann erkundigt sich Köppel noch nach dem politischen Wirken meines Vaters.
Lieber Herr Köppel – Kann schon sein, dass Sie keine Türen zuschlagen. Aber Ihre Auftritte veranlassen andere, die Türe zuzuschlagen, vor allem dann, wenn Sie anderen den guten Willen absprechen und sie beschimpfen. Sie sind solchen Dingen gegenüber offenbar immun. Es kann doch nicht sein, dass Sie sich Ihrer Wirkung nicht bewusst sind. – Die Politik meines Vaters kenne ich nicht so genau. Da war ich noch ein Bub, als er im Nationalratssaal sass. Er reiste oft herum, ich nehme an, er gehörte der aussenpolitischen Kommission an. Sonst aber habe ich eher den Abfall mitbekommen, seine Früste, wie ich sie in meinem kleinen Blogtext geschildert habe. Er verehrte auch Nixon und besass südafrikanische Aktien zu Zeiten der Apartheid. Ich denke, er war extrem konservativ.
Der nächste Abschnitt meines Schreibens steht hier ganz zu Anfang des Textes: Wie verfahren wir weiter ...
* * *
So weit also mein Kontakt zu Roger Köppel. Er scheint privat ein sehr netter und zugänglicher Mensch zu sein. In solchem Rahmen geäusserte Kritik hält er für hochinteressant und gibt dem Gegenüber das Gefühl, gewürdigt zu werden. Aber es veranlasst ihn in keiner Weise, die eigenen Einstellungen und die eigene Wirkungsweise zu überprüfen. Die Formel, die er dazu bemüht: Nobody is perfect. Da es ihm aber um die Sache gehe, würden halt gezwungenermassen manchmal Fetzen fliegen. Hierzu würde seine Äusserung passen, dass er sich für relativ instinktiv und für wenig strategisch-politisch halte.
Unsere kleine Korrespondenz ruft mir ein Filmporträt in Erinnerung, das vor langer Zeit über ihn gedreht worden ist. Ich finde es auf Youtube nicht mehr, und auch die WeWo-Website hilft mir nicht weiter. Ich kann mich aber erinnern, dass Roger Köppel in einer Sequenz zu sehen ist, wie er auf einer Wanderung innehält und in die hehre Bergwelt blickt. Dort legt er das Bekenntnis ab, dies sei die Schweiz, die verteidigt werden müsse, so etwas Einmaliges. Es ist in der Tat eine grossartige Kulisse, das Reduit. Menschen darin sind allerdings keine auszumachen.

© Nikolaus Wyss

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