Posts mit dem Label LaureWyss werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label LaureWyss werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. Juni 2025

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 14)

7. März 2025
 
Laure Wyss, Redaktorin beim Tages-Anzeiger Magazin   
 
Gut gemeint und knapp daneben. Vor lauter feministischer Begeisterung über ihren Fund, die journalistischen Verdienste meiner Mutter etwas beleuchten zu können, küren die Gesprächsteilnehmerinnen dieses durchaus hörenswerten Podcasts Laure Wyss 23 Jahre nach ihrem Tod zur ersten CHEF-Redaktorin des Tages-Anzeiger Magazin, was durchaus nicht der Fall war. Ja, sie verdiente signifikant weniger als ihre männlichen Kollegen. Ich behaupte sogar, das Verdienst meiner Mutter wird dadurch eher noch grösser. Aus der Position eines „normalen“ Redaktionsmitglieds derart Einfluss auf ein Blatt auszuüben, wie sie es tat, hebt das Durchsetzungsvermögen und die Persönlichkeit dieser Frau eher noch mehr hervor. Doch das ist eben ein anderes Narrativ als dasjenige einer vermeintlichen Chefredaktorin, die Kraft ihres Amtes hätte bestimmen können, was im Blatt erscheint.
Den obigen Text veröffentlichte ich mit Link auf den Podcast auf meiner facebook-Timeline, was viele Reaktionen hervorrief. Ich wurde aufmerksam gemacht, dass auf Wikipedia stehe, dass Laure Wyss die Redaktion des TAM geleitet habe, was ich dann so beantwortet habe:
"Ich werde grad aufmerksam gemacht, dass Wikipedia schreibt, dass Laure Wyss das Magazin geleitet habe. Leider ist diese Bemerkung nicht ganz zutreffend. Der erste Chefredaktor des Magazins hiess Peter Frey. Er gründete und leitete zusammen mit dem Team, dem auch Laure Wyss angehörte, das Magazin des Tages-Anzeigers. Es spricht für Peter Frey und sein Team, dass sie feministische Standpunkte förderten und in der Person von Laure Wyss die entsprechende Repräsentantin hatten. Damals, scheint mir, war die Organisationsform dieser Wochenendbeilage wenig hierarchisch geprägt und unter dem Einfluss der 68er Bewegung mit kollektiver Verantwortung versehen. In diesem Sinn war der CHEF-Redaktor nicht Chef sondern eher Moderator und der Verbindungsmann zur oberen Hierarchiestufe. Wie das heute ist, kann ich nicht sagen, ich habe mich 1991 vom Journalismus verabschiedet (wurde als Mitarbeiter dieses Blattes von 1998-1991 vom damaligen CHEF-Redaktor des Magazins, René Bortolani, fristlos gefeuert), lese hier aber in Bogotá noch unregelmässig die online-Ausgabe des Tages-Anzeigers."
 
27. April 2025

 Schönheits- und Anpassungschirurgie ist hier in Kolumbien ein blühendes Geschäft. Veränderungswillige kommen aus ganz Lateinamerika hierher, um ihre schlaffen Brüste, schmalen Penisse und freudlosen Hintern aufzupimpen - alles muss anders aussehen als es ist. In meiner Umgebung haben einige schon ihre Nasen korrigiert, andere haben es noch vor. Ich fühle mich deshalb aufgefordert zu überlegen, was ich alternativ mit meiner real existierenden Nase noch alles anstellen könnte. Derzeit übe ich einige Nasenformen. Heute zum Beispiel den Pippi Langstrumpf-Stil. Noch fehlen mir die Sommersprossen dazu. Doch auch das ist hier kein Problem...
 
7. Mai 2025

Seit heute kann man mir sogar Briefe schreiben, die nicht in den Büschen des Vorgartens landen. Maestro Ricardo Cruz konstruierte und montierte das schmucke Briefkästli. Doch nach wie vor muss man mit einer Zustellzeit von 3-4 Monaten rechnen…. Nichts für Abstimmungsunterlagen!
 
24. Mai 2025
Die Suppenküche-Mannschaft v.l.n.r. Monika Zürcher, ich, Mike Lauber, Nic Hess, Gioia Kohlbacher, Oliver Buhl, Christian Fuster. Bild: Dominik Landwehr (auch zur Suppenmannschaft gehörig) 
 
Ein ausserordentlich vergnüglicher Samstag war unser Suppenanlass in der Helferei an der Zürcher Kirchgasse 13, mit welchem wir SpenderInnen und Freunde von Sancocho-Lab, unserer Suppenküche in Bogotá, danken wollten. Eine grossartige Küchenbrigade kochte für 70 Personen eine schmackhafte Suppe, welche zum Ende des Anlasses rübisundstübis aufgegessen war. Dazu gab es gratis Brot, Wein oder Bier. Und wir nahmen dabei neue Spenden in der Höhe von Fr. 5000.- ein. Wunderbar. Alle waren der Meinung, auch im kommenden Jahr einen solchen Suppentag veranstalten zu müssen. Grossartig auch die HelferInnen der Helferei, die unser Vorhaben in allen Teilen unterstützt haben. Allen ein grosses Dankeschön.
 
26. Mai 2025
Mit meinem Freund Hans-Martin Bossert unterwegs 
 
Wir haben für diesen Montag abgemacht. Ich war Hans-Martin noch ein Dankeschön schuldig für das prächtige Fest zu meinem 75. Geburtstag in der Schwamendinger Ziegelhütte vom vergangenen Jahr, das er mit Umsicht und grossem Einsatz zu einem ausserordentlichen Anlass werden liess. Wir reservierten uns den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein und beschlossen, mit einem Besuch des Grabs meiner Mutter zu beginnen, um nachher von der Rehalp bis zum Küsnachter Tobel zu spazieren und alles zu thematisieren, was beste Freunde so austauschen.
Wir bekundeten Mühe, das Ehrengrab von Laure Wyss zu finden. Mir fiel auf, dass der Grabstein seinen grünlichen Glanz verloren hatte. Auch lagen, im Gegensatz zu früher, keine Steinchen mehr darauf. Doch dann, als wir es doch noch fanden, schlug der Musiker Hans-Martin vor, ihr ein Lied zu singen. Da kam mir in den Sinn, dass sie für das Appenzeller Landsgemeindelied immer eine besondere Schwäche zeigte. Ihr gefielen die getragenen Stimmen eines Männerchors, und der Text simpler und von Herzen kommender Frömmigkeit entsprach ihrem Empfinden für Erhabenes, vor welchem man sich zu Recht hinsinkt: "Alles Leben strömt aus Dir..."     
Hans-Martin zückte für den Text sein Handy und wir hoben zum Singen an, so dass die ganze Vogelschar in den Bäumen aufhörte zu zwitschern und sich umschaute, um zu sehen, was da die alten Herren von sich gaben. Unser Gesang hörte sich vermutlich schrecklich an, doch irgendwie passte die Aktion, und glücklich verliessen wir anschliessend den Tatort, um die Wanderung anzugehen. 
Zurück vom Ausflug seeaufwärts, landeten wir am Schluss unserer freundschaftlichen Begegnung im Restaurant Italia, wo wir hervorragend speisten.  
  
 
29. Mai 2025
zZüri. Damals, vor über 50 Jahren, verdiente ich mein Geld als Kellner in der Gans vorne am Central. Nach der Arbeit ging ich spätabends regelmäßig ins Castel-Pup zum Abtanzen. (Siehe auch hier... ). Irgendwann Jahrzehnte später erinnerte sich die Kulturabteilung der Stadt Zürich ans Café Voltaire, das dort in den 20er Jahren mit seinen Dadaisten Urstände feierte und transformierte das Dancing in einen Kulturort. Da war ich aber schon längst über alle Berge. Und jetzt, auf meinem nostalgischen Trip durch die Altstadt, suche ich vergebens nach einer Tafel vor dem Haus, die besagt, dass sich hier Nikolaus Wyss zwischen 1973 und 1976 die Beine in den Bauch getanzt hat…
 __________


Freitag, 28. Februar 2025

Schwedensplitter


 

    Das erste Kinderlied, das ich als Bub auswendig konnte, war auf Schwedisch, hiess „Mors lilla Olle“ und handelte vom kleinen Buben Olle, der in den Wald ging, um Beeren zu pflücken. Er fühlte sich aber einsam. Doch plötzlich knackte es im Gebüsch. „Brummelibrum, vem lufsar där?“ heisst es dann im Lied. Brummelibrum, wer kommt denn da? Olle meinte, einem grossen Hund zu begegnen, und freute sich über das Zusammentreffen. Jetzt hatte er einen Spielkameraden. Olle liess ihn von seinen Beeren kosten und streichelte das struppige Fell. Als die Mutter dazustiess, schrie sie laut auf und verscheuchte das Tier. Es war ein Bär. Olle war enttäuscht und bat die Mutter vergeblich, den Spielkameraden zurückzuholen.

    Meine Mutter hat das Lied in Schweden vorsorglich auswendig gelernt, damit sie dann gut gerüstet ist, um dem eigenen Kind etwas vorsingen zu können. Trotz etlicher Ehejahre gab es jedoch keinen Nachwuchs. So nahm sie das Lied mit auf ihren Rückweg in die Schweiz und bewahrte es für mich auf, Jahre später gezeugt von einem früheren IKRK-Delegierten und damaligen Bezirksammann von Flawil mit weiterreichenden politischen Ambitionen, die ihn später als Nationalrat immerhin bis ins Bundeshaus trugen.   

    Schweden war also von kleinauf präsent in unserem Haushalt. Mindestens zweimal im Jahr zum Beispiel kamen Kerstin und Kecke mit ihrem schnittigen MG-Roadster vorbei. Kerstin betrieb damals in Stockholm ein Geigengeschäft und ging regelmässig nach Italien auf Einkaufstour. Kecke begleitete sie als Chauffeur, Geiger und (vermutlich) Geliebter. Er spielte im Kungliga Filharmoniska Orkestern, in der Königlichen Philharmonie Stockholm also. Er probierte die ins Auge gefassten Instrumente aus und überprüfte sie auf ihre Qualität. Ich frage mich noch heute, wie die vielen Geigen in diesem engen Sportwagen von Italien nach Stockholm Platz gefunden haben. Kecke sprach nur Schwedisch und erzählte einen Witz nach dem andern, was für mich etwas anstrengend war, weil ich nichts verstand. Mutter übersetzte mir zuweilen eine von Keckes Geschichten. In der Philharmonie zum Beispiel soll einmal ein vom Orchester vielgehasster Dirigent auf dem Podium gestanden haben. Einer, der die Musiker anschrie. Da soll das Orchester auf ein geheimes Zeichen hin das Konzert begonnen haben noch bevor der Dirigent den Taktstock hob. Das gefiel mir als Zeichen adäquaten Protests.

    Es kam oft vor, dass Mutter mit schwedischen Freundinnen telefonierte. Am meisten mit Anita. Sie war in Stockholm mit einem Staatsanwalt verheiratet und verfügte über hellseherische Fähigkeiten. Sie konnte zum Beispiel bei der Suche nach einem Parkplatz mit Sicherheit voraussagen, dass im 5. Stock eines Parkhauses auf Feld 523 noch ein Parkplatz freistand. Ihr Mann fuhr ohne zu zögern zum vorausgesagten Platz hoch, der, siehe da, frei war. Anita als Vertrauensperson blieb meiner Mutter ein Leben lang verbunden und erwies sich besonders in jenen Zeiten als hilfreich, als ich, schon lange weggezogen, meiner Mutter nicht mehr über alles und jedes Detail aus meinem eigenen Leben berichterstatten wollte. So befriedigte Mutter ihre Neugier, indem sie ab und zu Anita anrief, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Triumphierend erstattete Mutter mir danach jeweils Bericht. Am Telefon teilte sie mir mit, sie sei so froh, dass es mir gut gehe. Anita hätte es ihr versichert.

    Im Sommer 1966 kam es zu einer Schwedenreise. In einem blauen Morris 1800, den meine Mutter bald darauf schon wieder verkaufte, weil sie entdeckt hatte, dass ihr Vorgesetzter beim Tages-Anzeiger, Chefredaktor Walter Stutzer, dasselbe Modell fuhr, was sie als untergebene Redaktorin nicht statthaft fand, in einem blauen Morris also fuhren damals Mutter, mein Vetter Tobias und ich durch Deutschland und Dänemark, um ihre Freunde in Schweden zu besuchen. Allzu viel ist mir von dieser Reise leider nicht in Erinnerung geblieben. Die vielen Mücken und der penetrante Regen auf Öland hingegen schon, und das wundersame Barocktheater mit seinen fein gemalten Laubsägekulissen auf Schloss Trottningholm auch. Tobias vermag sich heute noch an Besuche bei verschiedenen Familien erinnern, bei den Täslers zum Beispiel in Örebro, deutschen Kommunisten, welche vor Hitler nach Moskau fliehen mussten und später vor Stalin nach Schweden. Werner Taesler war Architekt und konnte sich mit Aquarellmalereien und Bauaufträgen leidlich über Wasser halten. Seine Frau Irene, so erzählte es mir meine Mutter, nahm sich im schwedischen Exil vieler Flüchtlinge an, was sie aber zuweilen auch überforderte. Von ihr soll der Spruch stammen: „Der Kamm liegt bei der Butter“, was jeweils als untrügliches Zeichen einer masslosen Erschöpfung gedeutet werden durfte.

    Am hellsten in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch bei Chefkoch Werner Vögeli im Stockholms Operakällaren, damals eines der angesagtesten Feinschmeckerlokale der Stadt, ausgestattet mit Michelin-Sternen, von Tradition und Reputation her vielleicht am ehesten vergleichbar mit der Zürcher Kronenhalle. Zur Finanzierung unserer Reise nach Schweden musste Mutter ein paar Reportagen heimbringen. Da erwies es sich als Glücksfall, dass der Schweizer Vögeli im Opernkeller für Könige, Opernstars und Nobelpreisträger den Kochlöffel schwang. Das vermochte eine Schweizer Leserschaft zu interessieren. Dort erfuhr ich auch, dass der Chefkoch zum Ausprobieren neuer Rezepte neben seinem Büro über eine Probeküche verfügte. Das machte mir Eindruck. Ich glaube, wir konnten nach dem Interview Dank preislichem Entgegenkommen von Herrn Vögeli und auf Spesen des Tages-Anzeigers auch ein mehrgängiges Menü kosten. Was auf den Tisch kam, ist mir jedoch entfallen. Fische und Meerfrüchte vermutlich. Bemerkenswert aber ist, dass ich seither diesen Opernkeller von Stockholm als ultimativen kulinarischen und kulturellen Höhepunkt gespeichert habe, der mir jedes Mal in den Sinn kommt, wenn ich an Stockholm denke. Später wollte ich noch zweimal dort einkehren, beide Male war er aber entweder wegen Renovationsarbeiten oder wegen eines Wirtesonntags geschlossen.

    Mutter wurde auf dieser Reise von einer gewissen Melancholie begleitet. Erinnerungen an ihr eigenes, gescheitertes Eheleben kamen ihr wohl hoch, eine gewisse Trauer auch. Sie wollte uns Buben damit zwar nicht belasten, doch ganz verstecken konnte sie ihre Gefühle nicht. Waren es Reue und Versagen? Oder war es eher eine verhalten-stolze Nachdenklichkeit, verbunden mit dem Wunsch, ihren alten Freunden zu zeigen, dass sie es trotz allem beruflich zu etwas gebracht und einen unehelich geborenen Sohn hochgezogen hat, der zwar unerträglich tief noch in der Pupertät steckte, aber ansehnlich und grossgewachsen war? – Ich weiss es nicht.

    Wir statteten auch dem kurz vorher aus dem Meer gehobenen Kriegsschiff Vasa einen Besuch ab, das im 17. Jahrhundert auf seiner Jungfernfahrt vor Schwedens Küste gesunken war. Es wurde täglich mit einer spezifischen Flüssigkeit abgespritzt, damit das brüchige Holz nicht austrocknete. Und in Stockholm sah ich zum ersten Mal eine überlebensgrosse Skulpur von Nicki de SaintPhalle: eine liegende Nana, die man durch eine torweit geöffnete Vagina betreten konnte. – Schweden blieb mir als modernes, zukunftsgerichtetes und menschenrespektierendes Land in Erinnerung, wo noch Linksverkehr herrschte, wo rund um Stockholm Satellitenstädte hochgezogen wurden, die ich damals für interessant hielt, und wo alle Menschen farbige, holzige Wochenendhäuschen besassen, die entweder in den mückengeplagten Wäldern oder an kalten Gewässern standen oder dann auf kahlgewaschenen Schären klebten und fröhlich-munteres Leben evozierten. Eine echte Alternative zur Schweiz.   

    Wieder zuhause, wechselte Mutter bald schon vom Morris zu einem Saab 99, schwedisch, wie Volvo auch, von Chefredaktor Stutzer noch nicht vereinnahmt, mit allen modernen charakteristischen Sicherheitsmerkmalen ausgestattet (Knautschzonen zum Beispiel oder geknickte Lenkstangen), die in englischen Automobilen von damals nicht durchgängig vorhanden waren oder nur gegen Aufpreis zur Verfügung standen. Mit dem Saab chauffierte ich Mutter in späteren Jahren nach Italien und nach Frankreich, manchmal lieh sie ihn mir für eigene Fahrten aus. Man fühlte sich im Auto unangefochten sicher, ja unsterblich. Schwedische Qualitätsarbeit halt, aber auch das wenige, was mich im täglichen Leben, neben der Musik der ABBA natürlich, noch an Schweden erinnerte. Ausser IKEA in Spreitenbach natürlich, die Möbelfirma, die in der Schweiz als erste ihre Kundschaft geduzt, als Appetizer für den ewiglangen Rundgang durch die Verkaufsebenen Köttbullar (Fleischklösschen) angeboten und geniale Billy-Büchergestelle verkauft hat, und ausser dann, wenn im 1. Stock des Zürcher Bahnhofbuffets einmal im Jahr mit einem Smörgåsbord schwedische Wochen gefeiert wurden. Dazu lud ich jeweils meine Mutter auf eigene Rechnung ein. 

    Was nicht so passte in mein sanftes Schwedenbild, war die lange Zeit nicht aufgeklärte Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme vom 28. Februar 1986. Wie kommt es, fragte ich mich damals, dass in einem sozialdemokratischen Land, das so viel für seine Bürger tut, dafür aber auch krass Steuern einzieht, dass dort ein konservativer Ministerpräsident, der sich für Abrüstung und Frieden und für die Dritte Welt einsetzt, so stark die Wut eines Bürgers auf sich zu ziehen vermochte, um mit seinem Leben büssen zu müssen?

    Ach ja, und jetzt taucht vor meinem geistigen Auge noch der alte Schwede Carl-Axel Englund auf, genannt Charlie, ein unbekümmerter Wikinger, ein journalistisches Schlachtross, das immer nur Lösungen sah und nie Probleme, was zuweilen auch anstrengend war. Wieso hat er überhaupt in der Schweiz angeheuert? - Ich weiss es nicht. Es gibt jedenfalls wohl kaum einen mir bekannten Journalisten, der im Laufe seiner Karriere so viele steile Auf- und Abstiege verzeichnen kann wie er. In seinem Palmarès figurieren Blick und NZZ ebenso wie Lokalblätter, zum Beispiel die Zuger Presse oder die Oerliker Vorstadt. Jetzt sei er, 65jährig, beim Tages-Anzeiger zuständig fürs Sihltal, heisst es im Gewerbe. Ich war einmal ein Kollege von ihm beim Züri Leu, einer Gratiszeitung, die damals von Jürg Ramspeck geleitet wurde. Über Mittag spielten wir jeweils Strategiebrettspiele, wo es unter anderem um Kauf und Betrieb von Warenhäusern und anderen Grossunternehmungen ging.  

    Wieso diese Schwedensplitter? – Anlässlich eines Telefonats mit meinem Freund Hans-Martin in der Schweiz vernahm ich, dass er beabsichtige, in diesem Jahr Schweden zu besuchen. Ich unterstützte sein Vorhaben und kam ins Erzählen, was ich alles von Schweden noch weiss. Mehr beschäftigte ihn aber der Umstand, dass eine Reise in den Norden auf dem Landweg dreimal teurer ist und sieben Mal länger dauert als mit dem Flugzeug. Dabei hatte er sich doch geschworen, nie mehr zu fliegen. Dieser Schwur ist auch der Grund, weshalb er mich in Kolumbien nie besuchen kam, was ich respektiere. Jetzt stellt ihn Schweden aber auf eine harte Probe.  

    1995 begleitete ich Mutter noch einmal nach Schweden. Sie wollte mich nach dem Tod meines Partners Chai mit dieser kleinen Reise aufmuntern. Natürlich machten wir auch Halt bei Anita. Sie kannte selbstverständlich meine Geschichte mit Chai. Während des Essens schreckte sie plötzlich auf. Sie meinte dort oben in der Ecke des Esszimmers Chai zu erkennen (als Fliege?) und zu wissen, dass es ihm jetzt gut gehe. Dann wendeten wir uns wieder dem Schwedenbraten zu. Ich bedankte mich für ihren Blick ins Pardo, der dunklen tibetisch-buddhistischen Todeszone, wo sich Chai zu diesem Zeitpunkt aufhalten mochte. Später am selben Tag begleitete ich Mutter zu einem Treffen mit Madeleine Gustafsson, der damals in Scheidung begriffenen Ehefrau des Schriftstellers Lars Gustafsson, selbst Autorin und Übersetzerin. Wir trafen sie in einer grossen, gut beheizten Markthalle. Die beiden Frauen sprachen miteinander Schwedisch, und ich hatte genug Zeit zu beobachten, wie sich die beiden auf Anhieb gut verstanden, ohne sich vorher persönlich gekannt zu haben. Es herrschte eine frauensolidarische Atmosphäre, beide erfolgreich mit Literatur vertraut und diese praktizierend, beide mit dem Schicksal untreuer Ehemänner behaftet. Das schaffte eine Stimmung, die mich total aussen vor hielt und mich gleichzeitig stolz machte auf die beiden Frauen, die unbeirrt und selbstbewusst ihre eigenen Wege gegangen sind.  

    Die letzten Schwedensplitter sind schnell erzählt. In Göteborg organisierte ich als Board-Member und Delegierter im Auftrag der European League of Institutes oft the Arts ELIA und in Zusammenarbeit mit der Universität Göteborg 2008 einen grossen Kongress für Verantwortliche von Europäischen Kunsthochschulen. Dieser Auftrag führte mich mehrere Male an die Westküste Schwedens. Die Vorbereitungen des Events waren interessant, auch wenn niemand von meinem Vorschlag begeistert war, am Eröffnungsabend „Mors lilla Olle“ zu singen. Stattdessen musste ich im Rahmen einer PechaKucha-Veranstaltung in 6 Minuten und 20 Sekunden unsere Luzerner Kunsthochschule präsentieren, was mir bei der Vorbereitung einiges Kopfzerbrechen bereitete (man hätte doch so viel mehr zu erzählen gehabt). Weder der Keynote-Speech einer brillanten Persönlichkeit noch alle sonstigen Veranstaltungen sind mir in Erinnerung geblieben. Noch schlimmer, dieses Göteborg kam mir etwas langweilig vor. In den freien Minuten wusste ich jeweils nicht so recht, was ich jetzt dort unternehmen könnte. Auf dem Uni-Campus hingegen hielt ich die Lehrformen, Methoden und Curricula in den künstlerischen Departementen für wesentlich interessanter und fortschrittlicher, als was wir damals in Luzern praktizierten, doch ich fühlte mich nicht eingeladen, diese in Anbetracht unseres eigenen Personalbestands und unserer kunstbildungsfeindlichen Innerschweizer Politik (siehe „Nur schwache Erinnerungen an Luzern“)  in einen Schweizer Kontext zu implementieren. In Göteborg war wesentlich mehr Geld, künstlerisches Selbstverständnis und Internationalität vorhanden. Alle, sowohl das Lehrpersonal wie auch die Studierenden, beherrschten Englisch, und das Schliesssystem in den Gebäulichkeiten war schon komplett elektronisiert, während wir in Luzern immer noch mit klobigen, uneinheitlichen Schlüsseln um das Öffnen jeder einzelnen Tür zu kämpfen hatten.

    Letzter Splitter. Im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen für Führungskräfte an Fachhochschulen führte uns einmal eine Reise nach Schweden und Finnland, wo wir Forschungsstätten, industrielle Betriebe und Universitäten besuchten. Doch am meisten beeindruckte mich damals die Überquerung des Bottnischen Meerbusens. Der Steuermann musste sein Schiff an Tausenden von putzigen Inselchen vorbeischlängeln, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn er mit seiner Fähre irgendwo aufgelaufen wäre. Helsinki übrigens beeindruckte mich atmosphärisch wesentlich mehr als Stockholm, so dass es mich schon fast reute, Finnland nicht schon früher meine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben: es kam mir zwar nüchterner vor, doch gleichzeitig weniger sorgenfaltig als das verwöhnte, etwas bequem gewordene Schweden. Als Mitbringsel überreichte der Leiter unserer Bildungsgruppe, Hans-Kaspar von Matt, den Gastgebern jeweils eine grosse Toblerone-Schokolade, wie man sie auch dort in jedem Supermarkt erstehen konnte. Ich machte ihn einmal darauf aufmerksam, doch er meinte, der Zuckergehalt sei in jedem Land anders. Die Schweizer Schoggi-Version sei im Vergleich dazu gesünder und weniger süss... 

 

__________

©Nikolaus Wyss
 

 

     


Donnerstag, 26. September 2024

Vom Abschminken meiner eigenen Unsterblichkeit

Erinnerungsstücke ja, zur Kultivierung der eigenen Unsterblichkeit allerdings ungeeignet
Der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera (1929-2023) verhalf mir in frühen Jahren mit seinen Büchern zu vielen vergnüglichen Lesestunden. Ich weiss noch, wie ich damals die Romane „Die unerträgliche Leichtigeit des Seins“ und „Das Buch der lächerlichen Liebe“ verschlungen habe und mich über Freundinnen von mir ärgerte, die dem Autor eine gewisse frauenfeindliche Grundhaltung vorwarfen. Merkwürdigerweise erinnere ich mich heute kaum noch an den Inhalt dieser Bücher. Geblieben ist mir einzig das Gefühl, das ich damals beim Lesen empfand: ich wurde bis zur letzten Zeile klug und unterhaltsam geführt. Ich dachte, wenn die Tschechen so sind, wie Kundera sie darstellt, und wenn sie so gekonnt erzählen können wie Kundera, so müsste ich mich mit dieser Kultur an der Moldau wirklich einmal näher befassen.

Der Zufall wollte es, dass ich damals in Zürich zuweilen an der Unteren Zäune im „Fliegenden Fisch“ verkehrte, einer Wohngemeinschaft, auf mehrere Stockwerke verteilt, wo einige Tschechen nach ihrer Flucht aus ihrer Heimat Unterschlupf gefunden hatten und sich mit unterschiedlichsten Aktivitäten über Wasser zu halten versuchten. Sie wurden von den Mitbewohnern für Schlitzohren gehalten. Ich wiederum suchte in ihnen Charakteren, die ich von Kunderas Romanen her kannte, was mir allerdings nur in sehr beschränktem Masse gelang.

Eine Szene eines anderen Romans von Kundera jedoch begleitet mich bis heute. Das Buch heisst Die Unsterblichkeit und handelt unter vielem anderem von zwei Paaren, die sich in einem Beziehungsgestrüpp mit tragischem Ausgang verstricken. Die vielen Dialoge drehen sich immer wieder um die Frage und um den Wunsch, unsterblich zu werden, und um die dafür notwendigen Vorkehrungen und Strategien. Und Kundera schildert an einer eingeschobenen Stelle die Beziehung des 60jährigen Johann Wolfgang von Goethe zum jungen Schwarmgeist Bettine von Arnim, die kein Geheimnis daraus machte, alles, was sie von Goethe in Erfahrung bringen konnte, fein säuberlich niederzuschreiben. Kundera vermutet nun, dass sich Goethe vor dem scharf beobachtenden Auge und vor der spitzen Feder seiner jungen Bewunderin fürchtete. War er doch bedacht auf seinen guten Ruf, der mit Blick auf seine Unsterblichkeit nicht beschädigt werden sollte. Wenn also Bettine unten an der Haustür klingelte und um Einlass bat, so machte sich Goethe erst zurecht, kämmte sich das Haar, schob sein Gebiss rein und zog den Gehrock an. Frisch geschniegelt und mit wohlriechendem Parfum versehen öffnete er dann Bettine die Tür und liess die junge Dame gewähren. Das war zuweilen anstrengend, aber offenbar unabdingbar - bis, ja bis bei Goethe die Überzeugung reifte, dass Bettine ihm wohl nichts Rufschädigendes mehr anhängen kann. Jetzt, so Kunderas These, war sich Goethe endlich seiner Unsterblichkeit sicher. Name und Werk würden sein irdisches Leben um viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte überdauern. So entschloss er sich beim nächsten Besuch Bettines kurzerhand, ihr ungewaschen, zahnlos und im Morgenrock entgegenzutreten, was bei der jungen Dame wohl Befremden ausgelöst haben dürfte. Plötzlich hatte sie ihn mit ihren eifersüchtigen Beobachtungen nicht mehr im Griff. Goethe liess sie so wissen, dass es ihm von jetzt ab scheissegal ist, was sie von ihm halten mochte…

Ich gebe gerne zu, dass ich mich in frühen Jahren mit meiner eigenen Unsterblichkeit auch befasste, vielleicht in dem Masse, wie meine Mutter sich anschickte, durch ihre Bücher, Preise und Auftritte eine schweizweit bekannte Persönlichkeit zu werden. Ihre Aktivitäten bargen ein gewisses Potential an Unsterblichkeit. – Jetzt ist sie schon seit 22 Jahren tot, und ihre Geburtsstadt Biel nennt immerhin einen ihrer grössten Plätze nach ihr: Die Esplanade Laure Wyss. Und auf dem Zürcher Friedhof Rehalp wird für sie während der kommenden 50 Jahre ein Ehrengrab unterhalten. Das sind schon Ansätze zur Unsterblichkeit, auch wenn ihr Verlag keine Anstalten mehr macht, längst vergriffene Bücher von ihr neu aufzulegen. Für die Pflege der Unsterblichkeit ist dies vielleicht auch gar nicht nötig.

Ich hingegen blieb bereits in jungen Jahren im Gefühl stecken (und unternahm auch nichts dagegen), untauglich zu sein für die Förderung meiner eigenen Unsterblichkeit. Ich war faul, ziellos und oft deprimiert. Ich schrieb über mein Leid tonnenweise Tagebücher. Energie in nachhaltigeres Tun zu stecken, in etwas, was hätte Früchte tragen mögen, die noch weit über meinen Tod hinaus reifen und meinen Namen lebendig halten würden, gelang mir irgendwie nicht. Ich war zwar gut im Anreissen von Initiativen, konnte mich in die unmöglichsten Abenteuer stürzen und galt als ganz umgänglich und nett, aber meistens reichten der Durchhaltewillen und das Engagement für die Konsolidierung der Projekte nicht aus. So musste ich mir das mit der eigenen Unsterblichkeit gezwungenermassen abschminken. Zum Trost kaprizierte ich mich auf den Gedanken, dass man von seiner eigenen Unsterblichkeit eh nichts hat, weil man ja dann tot sein wird.

Ich weiss nicht mehr, wie ironisch Kundera in seinem Buch die Sache mit der Unsterblichkeit wirklich gemeint hat. Ein Roman erlaubt dem Autor schliesslich, die eigene Meinung nicht kundtun zu müssen. Sofern er überhaupt eine Meinung dazu hat. Der Schreiber darf einfach das Potential eines Themas oder einer Geschichte ausbeuten. Für ihn entwickeln sich daraus Figuren, Handlungen und Wirkungen. Das ist eigentlich alles. Blöd ist nur derjenige Leser, wenn er sich das Thema zu eigen macht und meint, etwas Wichtiges dazu beitragen zu müssen, wie ich jetzt, der sagt: wer findet, etwas Wesentliches geschaffen zu haben in seinem Leben, das der Nachwelt unbedingt erhalten werden muss, nimmt etwas vorweg, worüber erst kommende Generationen werden urteilen können. - Wie viele Nachlässe, wenn man jetzt bei den Schriftstellern bleiben will, vermodern in den Kellern von Archiven, weil sich niemand mehr dafür interessiert? Wenn die verstorbenen Autoren dies nur wüssten! Dabei haben sie sich zu Lebzeiten so angestrengt, alles logisch und erhaltenswert zu ordnen. Hautnah habe ich das als zeitweiliger Privatsekretär des Schriftstellers Hugo Loetscher mitbekommen. Damals war er erst 45 Jahre alt, doch jeder Text, jede Korrespondenz, jede Romanversion wurden akribisch für die Ewigkeit, oder doch wenigstens für ein paar Philologen späterer Generationen archiviert.       

Die gängigste Form des Wunsches nach Unsterblichkeit, und dies trifft wohl auf die Mehrheit der Menschen zu, ist die Hoffnung, nach dem Ableben zumindest im eigenen Umfeld, in der Familie, bei der Nachbarschaft, bei Freunden und Kollegen in guter Erinnerung zu bleiben. Noch schöner, wenn diese Hoffnung mit einer passablen Erbschaft unterfuttert werden kann, was dann allerdings oft zu Streit führt und die Pervertierung seiner eigenen Unsterblichkeit bedeutet. Bei Gläubigen kommt noch der Wunsch hinzu, mit ihrem vorbildlichen Verhalten in den Himmel zu kommen. Diese Idee jedoch konnte sich bei mir nie durchsetzen.

Auch ich nehme den Wunsch, in guter Erinnerung zu bleiben, für mich in Anspruch, auch wenn es mir egal sein könnte. Hinterlassenschaft habe ich keine. Bleibt noch die Frage, was mit dem Kram, den ich bis hierher nach Kolumbien mit mir herumgeschleppt habe (Tagebücher, Erinnerungsstücke, Korrespondenz, Kleider etc.), nach meinem Ableben passieren soll. Ich befürchte, er wäre eine Belastung für mein Umfeld. Und doch hänge ich noch ein bisschen daran. Hält mich dieser Plunder noch etwas am Leben? Soll ich erst gehen dürfen, wenn bei mir aufgeräumt und alles entsorgt sein wird?

P.S. Seit meine eigene Unsterblichkeit kein Thema mehr ist, fällt mir das Schreiben leichter...

__________

©Nikolaus Wyss
 

Dienstag, 4. Oktober 2022

Un po' di spaghetti alla bolognese

Lina Rossi in der Küche von Mutters Wohnung an der Winkelwiese 6
Ich kann ziemlich genau sagen, wieviele Male im Jahr mir Lina Rossi in den Sinn kommt: ein- bis zweimal. Nämlich immer dann, wenn ich ein Bolognese-Ragù zubereite. Sowas koche ich nur, wenn ich das Hackfleisch für ein Chili con carne oder für einen Braten nicht ganz aufgebraucht habe. Dann gibt es eben eine Bolognese, was nicht mehr als ein- bis zweimal im Jahr vorkommt.

Frau Rossi aus dem Friaul war die Haushaltshilfe meiner Mutter im fortgeschrittenen Alter. Sie kam einmal pro Woche an die Winkelwiese in Zürich und hielt nicht nur die Wohnung sauber, sie kochte auch das Mittagessen, und zwar in grösserer Menge, damit meine Mutter das Übriggebliebene später einfach aufwärmen konnte. 

Es kam vor, dass ich Frau Rossi antraf, wenn ich meine Mutter besuchen ging. Oft köchelte dann auf dem Herd gerade eine Bolognese-Sauce vor sich hin und verströmte ihren appetitanregenden Geruch in der ganzen Wohnung. Eine Stunde lang. Besser zwei. Bis alles sämig war. Frau Rossi erklärte immer wieder gern aufs Neue, worauf es dabei ankam: bei sehr kleinem Feuer lange kochen. Den Deckel einen Spalt breit offenlassen, im Laufe der Zeit mit Wasser etwas nachgiessen, damit die Sauce flüssig bleibt und nicht anbrennt. Weitere Schlüsselwörter von ihr waren jeweils "un po": un po' di olio d'oliva, un po' di passata di pomodoro, un po' d'aglio und so weiter. Und zum Schluss: un po' di burro. Ich wartete jeweils noch auf den Hinweis "un po' di vino rosso", der allerdings stets mit einiger Verzögerung vorgebracht wurde, denn Alkohol war in ihrer Familie ein leidiges Thema. Ihr Mann war ihm allzufest zugetan, so dass der Gutsch Wein in der Sauce einer kleinen Sünde gleichkam.  

Meine Mutter konnte es gut mit Frau Rossi. Sie besuchte ihre Familie manchmal in Seebach draussen und wurde dabei wie eine Königin empfangen. Herr Rossi zeigte sich stets von der besten Seite und liess seinen lateinischen Charme spielen, und die halbwüchsigen Kinder zogen sich extra schön an, wenn sie zu Besuch kam. Die Tochter Francesca konnte anpacken und war ehrgeizig. Die Schulen schaffte sie mit Bravour. Die zwei Söhne hingegen, deren Namen mir entfallen sind, waren eher von sanfter Natur und wirkten schüchtern und fragil. Doch wenn es bei meiner Mutter in der Wohnung etwas zu reparieren oder anzustreichen galt, waren sie immer zur Stelle. Ja, meine Mutter stattete einmal sogar einen Besuch bei der Familie Rossi im Friaul ab.  Daraus entstand ein Text, der glaub ich in ihrem Lesebuch "Das blaue Kleid" publiziert wurde. Da ich aber schon fast aus Prinzip die Bücher meiner Mutter nie las, kann ich das nicht genau belegen. 

Mir schien, dass sich die beiden Frauen in bestimmten sprachlichen Dingen im Laufe der Zeit annäherten. Aus dem Mund meiner Mutter meinte ich immer öfters Diminutive zu hören, wenn es um Quantitäten ging. Sie antwortete zum Beispiel auf die Frage, ob sie noch etwas Wein möchte, mit "nur ganz weneli" (nur ganz wenig). Oder wenn sie sich zum Mittagsschlaf hinlegte, so ruhte sie sich "nur es bitzeli" (nur ein bisschen) aus. Sie wurde öfters "e chli" (ein wenig) müde, und wenn es ihr zu viel wurde, dann bezeichnete sie es "es Spürli zvill" (eine Spur zuviel). 

Was der einen die Sauce war, waren der anderen ihre Empfindungen. Wobei ich glaube, dass ihre Gefühle um ein Vielfaches stärker waren, doch sie wurden in Rossi'scher Art gefiltert und auf ein undramatisches Niveau eingekocht. Dies war umso erstaunlicher, als meine Mutter gleichzeitig gewisse Dinge, die ich für nicht so besonders schlimm hielt, mit Worten wie "grauenhaft", "entsetzlich" oder "wahnsinnig" bezeichnen konnte. Auch diese hemmungslosen Urteile schienen mir bei ihr im Verlaufe des Alterns inflationär. Ein Auseinanderdriften also von einer von Bescheidenheit getriebenen Sanftmut und übertriebener Erschrockenheit.

Frau Rossi habe ich aus den Augen verloren. Ist sie ins Friaul zurückgekehrt? Was ist aus ihren Kindern geworden? Wobei: diese Fragen interessieren mich eigentlich nur "es bitzeli", nicht so, dass ich sie jetzt wirklich beantwortet haben möchte. Die Erinnerungen genügen mir vollauf mit der jährlichen Würdigung ihres Wirkens beim Kochen meiner Bolognese-Sauce.

©Nikolaus Wyss  

Die weiteren Blog-Posts, schön nach Themen geordnet, auf einen Click