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Freitag, 13. Juni 2025

Bologna! - Bologna? - Bologna...


Stadtbesichtigung mit Erinnerungen an die Bologna-Reform

Erster Tag

Ankunft Bologna. Nach rasanter Zugsfahrt im Frecciarossa 9641 und fast pünktlicher Ankunft im düsteren Untergrundbahnhof von Bologna fuhren wir mit dem freundlich chauffierten Taxi (der Fahrer fuhr dasselbe Modell, wie ich eines in Bogotá habe: einen Kia Niro mit Hybridantrieb nämlich. Genug Stoff, sich auf dem Weg über die guten und weniger guten Eigenschaften dieses Fahrzeugtyps zu unterhalten…) stracks zu unserer vorgebuchten Bleibe an der Via Santa Caterina 69 im Viertel Zaragoza. Alessandro, ein gesetzter Herr, der uns dort empfing, fragte sofort, wieso wir ganze 11 Tage hierbleiben wollen, und ich antwortete ihm, ich sei zum Abbau meines Bologna-Traumas hierhergekommen. Natürlich verstand er mich nicht auf Anhieb, und ich erklärte ihm darauf, ich hätte an unserer Hochschule die Bologna-Reform durchsetzen müssen und dabei einige Blessuren erlitten. Bologna begleitete mich damals fast täglich und bekam durch den Widerstrand unseres Lehrkörpers einen ziemlich schlechten Ruf. Das fand ich gegenüber der Stadt etwas unfair, und ich entschloss mich, sie unbesehen ihres geschädigten Images in der Bildungslandschaft einmal persönlich kennenzulernen.

Hier nun sind wir also. Die paar Einkäufe für die kommenden Frühstücke waren schnell getätigt (Eier, Schinken, Käse, Milch, Butter, Brot, Konfitüre und ein paar Früchte), und müde, wie wir waren, entschlossen wir uns, bald schon in nächster Nachbarschaft eine unscheinbare Trattoria aufzusuchen, welche Dank unseres Hungers durchaus attraktiv schien. Sie hiess Amadeo. Wir waren die ersten dort, denn vor 20 Uhr wird in Bologna kaum diniert, wie wir feststellten konnten, denn eine Stunde später war das Lokal gut besetzt, während wir schon beim Tiramisu waren.

Normalerweise schiesst mein Begleiter von jeder Speise, die vor ihm auf dem Teller landet, ein Foto, um zu Hause berichten zu können, wie appetitlich sie ausgesehen hat. Hier aber blieb das Handy in der Tasche, denn was aufgetischt wurde, war kein Bild wert. Seltsam nur, dass wir auf unserer Reise bis dato kaum je besser gegessen haben. So unscheinbar das kalte Plättli zu Anfang und später die Lasagne bzw. die Saltimbocca, so harmonisch ausgewogen der Geschmack. Ein Wunder italienisch-schlichter Zubereitungsart, welche den paar Zutaten das notwendige Vertrauen schenkt, das sie verdienen. Ohne Firlefanz: eine Zehn auf der Skala von eins bis zehn.

Zweiter Tag

Meinen Leuten in Kolumbien, die ihre Pasta gerne flutschig-butterweich bis total verkocht essen, muss ich wohl erklären, was in Bologna al dente heisst. Ich weiss dann nicht, ob sie sich danach noch nach einem Aufenthalt hierher sehnen. Hier ist die Pasta bissfest. Selbst ich muss mich noch ein bisschen daran gewöhnen. 1-2 Minuten länger im Kochwasser würde ich ihr gerne zugestehen. Aber der Eigensinn der Emilia Romagna besteht eben darin, nicht den Gewohnheiten und Erwartungen Anderskauender zu entsprechen, sondern die Pasta so aufzutragen, dass man nachher weiss, wo man sich befindet. In Bologna eben, der Stadt mit der ältesten Universität Europas. Dort lässt man sich nicht dreinreden, was eine gute Pasta ausmacht. Schliesslich haben hier Grössen wie Umberto Eco, Paracelsus, Nicolaus Copernicus, Pier Paolo Pasolini und viele andere als Studierende oder als Gelehrte gewirkt und halbgare Pasta gegessen. Die Frage ist nur, ob sie wegen der harten Pasta oder ihr zum Trotz so gescheit und gelehrt geworden sind. Dieses Rätsel wird wohl nie endgültig gelöst werden, Tatsache aber ist, dass hier eine gewisse Solidarität herrscht, wann die Pasta al dente ist in Nicht-Übereinstimmung mit dem Rest der Welt. Oder, kommt mir grad auch noch in den Sinn: vielleicht hatten sie früher einfach zu fest Hunger und waren dementsprechend zu ungeduldig, um zu warten, bis die Pasta weich ist.

Gestern besuchten wir die Biblioteca Comunale dell‘ Archiginnasio im Zentrum der Stadt, worin diese berühmte und ehrwürdige Bildungsinstitution während über 300 Jahren ihre akademische Wirkung entfaltete (jetzt ist dort die Stadtbibliothek untergebracht). Ein besonderes Schauvergnügen war natürlich der Seziersaal, das teatro anatomico, wo man vor Studierenden, die von den Rängen aus zuschauten, auf dem Seziertisch Leichen auseinandernahm. Was mir auch sofort auffiel, waren die vielen Gedenkkacheln in den Gängen, die Muscheln gleich an den Wänden klebten und an beliebte Professorinnen und Professoren erinnerten. Laut ChatGPT war die Universität zu früheren Zeiten vom Wissensdurst der Studierenden getrieben. Diese sagten, welche Vorlesungen und Themen jetzt angesagt sind, sie wählten zum Teil auch ihre Lehrmeister selbst aus. Und zum Dank für die gute Lehr- und Forschungstätigkeit klebten sie dann diese Erinnerungsmuscheln an die Wand und begründeten auch, wieso ihnen der eine oder die andere besonders gefiel. Die Worte „brillant“, „wortgewaltig“, „eindrücklich“ kamen zur Begründung oft vor. Der Ehrgeiz der Professoren bestand wohl darin, mit einer solchen Gedenkmuschel verewigt zu werden und gaben entsprechend Gas. Heute hingegen wird Qualitätsmanagement betrieben, jeder Kurs wird in einem Rating-Verfahren beurteilt (auf einer Skala von sagen wir 1-10 oder 1-6), kein Gelehrter schafft es heute auf eine Kachel. Darüber aber später, dann, wenn ich mich an meinem Bologna-Reform-Trauma abarbeite. Zuerst muss ich mich an die bissfesten Taglatelle gewöhnen.

Dritter Tag

Es dürfte anfangs der Nullerjahre gewesen sein, als die Bologna-Reformwelle bis nach Luzern schwappte. Wir waren damals schon vollauf damit beschäftigt, unsere Kunstschule das erste Mal als Hochschule akkreditieren zu lassen mit Fremd- und Selbstevaluation. Wir lasen entsprechende Dokumente und nahmen auch an Weiterbildungsveranstaltungen teil, um dem Wandel gewachsen zu sein, ja, darin so gut wie möglich abzuschneiden. Es gab regelmässig Versammlungen mit der ganzen Belegschaft. Es kam auch eine Menge Trauerarbeit auf uns zu, denn in Zukunft sollte nicht mehr nur die Begabung über die Aufnahme der Studierenden entscheiden, es brauchte zusätzlich auch noch den Nachweis eines Matur- oder Berufsmaturabschlusses und dazu ein Jahr Berufspraxis. Dazu muss man wissen, dass viele Lehrerinnen und Lehrer an unserer Schule selbst nicht über die entsprechenden Qualifikationen verfügten, sondern oft seit Jahrzehnten «sur dossier» ihre Lehrtätigkeit verrichteten und jetzt plötzlich vor Studierenden stehen mussten, welche einen wesentlich grösseren Schulsack mitbrachten, als sie selber ihr Lebtag mit sich trugen. Es gab erhebliche Zweifel, ob diese «Intellektuellen» wirklich auch über ein künstlerisch-gestalterisches Talent verfügten. Noch schlimmer: Begabte und Talentierte ohne ordentliche Schulabschlusspapiere hatten es von jetzt weg noch schwerer, bei uns unterzukommen. Es gab für sie zwar die Ausnahmeregelung „sur dossier“, das allerdings das Gesamtsystem der Hochschulanforderungen nicht durcheinanderbringen durfte. Wir betraten also auf breitester Front Neuland und lösten entsprechende Verunsicherung aus.

Und inmitten dieses Change-Prozesses, wie man sowas heutzutage nennt, kündigte sich das Bologna-System an mit seiner Forderung, die Studiengänge und -abschlüsse international vergleichbar zu machen, damit reisefreudigen Studierenden zeitverlustlos Austauschsemester ermöglicht werden konnten. Mit dem Erwerb von Credit-Punkten sollten die Studienleistungen pro Semester sichtbar werden.

Der damalige Erziehungsdirektor des Kantons Luzern, Anton Schwingruber, hatte mit der Bologna-Reform noch etwas ganz Besonderes mit uns Künstlern und Designern vor, wovon die anderen Fächer an der Hochschule Luzern verschont geblieben sind. Er wollte uns einzig die Bachelor-Studiengänge bewilligen. Die Masterabschlüsse seien zu teuer für diesen Innerschweizer Standort. Darüber berichtete ich vor einigen Jahren, unter anderem, hinter diesem Link.    

Es gab also Tage, an denen ich mich in diesem "Zweifrontenkrieg" etwas überfordert fühlte. Nicht dass ich die Absicht des Bologna-Systems nicht verstanden hätte. Aber dass bei uns die Bologna-Reform grad noch als Sparübung verstanden sein wollte, dafür fehlte mir das Veständnis. Es fehlte mir und meinen Mitstreitern aber zuweilen auch an der Überzeugung und am Glauben, ob Bologna für die Künste wirklich das Gelbe vom Ei sei. Die Modularisierung der Studiengänge in berechenbare Einheiten setzt einen Typus von Studierenden voraus, der mit sich so etwas auch machen lässt. Dabei hatten wir doch besonders Freude an Studis, die sich eben nicht den curricularen Vorgaben entlang zum Bachelor und Master hangelten, sondern an solchen, die, getrieben von Eigensinn und Hang zum Besonderen, willentlich von unseren Lehrangeboten abwichen und ihren eigenen Weg suchten.

Es muss an einem dieser Tage gewesen sein, an welchem ich wieder einmal mit zwei Seelen in der Brust meine Arbeit versah. Wir hatten zu dieser Zeit den Ausnahmeprofessor Lucius Burckhardt von der Gesamthochschule Kassel für ein Referat zu Gast (eines seiner Bücher trägt den Titel «Design ist unsichtbar»), und beim gemeinsamen Nachtessen, zusammen mit seiner Gattin Annemarie, klönte ich den beiden vermutlich etwas von der Schwierigkeit ins Gilet, die uns alle hier in Luzern mit dieser Bologna-Reform umtrieb. Ich war offiziell Vollstrecker von Vorgaben von ganz oben, gleichzeitig aber Sympathisant für jede Art von Anarchie an unserer Schule. Burckhardt hörte mir eine Weile zu und meinte dann trocken, er würde am liebsten einer Hochschule vorstehen, bei welcher zu Beginn des Studiums schon mal alle notwendigen Diplome und Studienabschlüsse ausgehändigt würden. «Und dann würden diejenigen, die wirklich motiviert sind, mit der Arbeit beginnen. Ich glaube, eine solche freie Hochschule stünde an Produktion von Wissen und Lehrerfolgen besser da als jede durchsystematisierte Hochschule.»

Natürlich waren solche Überlegungen zur Lösung unserer Probleme nicht geeignet. Aber irgendwo löste Burckhardts Konzept bei mir einen gewissen Überdruck, nämlich dafür verantwortlich sein zu müssen, was aus einem Studierenden einmal werden wird. Angebote ja, doch die Lernbiografie jedes einzelnen ist immer noch wichtiger als ein verordneter Studiengang. Ich erinnerte mich dabei an mein eigenes Studium Jahrzehnte zuvor. Am meisten lernte ich in Kneipen und auf Reisen, im Kontakt mit interessanten Menschen, auch mit solchen, die nicht meine Wellenlänge hatten. In diesem merkwürdigen biografischen Gemisch wurde ich zu dem, was ich noch heute bin, und auf diesem Weg war ich auch mit gespaltenem Herzen fast zwölf Jahre Rektor einer Kunsthochschule.

So viel für heute aus Bologna. Es ist Pfingstsonntag und heiss. Die Abwaschmaschine läuft. Um das Netz nicht zu überlasten, haben wir während dieses Vorgangs die Klimaanlage abgeschaltet. Bald geht es zu einem Abendspaziergang mit dem frisch erworbenen Heiligen Geist über uns.

Professor Burckhardt übrigens wäre dieses Jahr 100 geworden. Ende Juni gibt es für ihn in Kassel eine Convention, organisiert von einem seiner Schüler, Prof. Martin Schmitz. Auch ich stehe im Programm und werde über meine Schwamendinger Führungen sprechen, die als leuchtendes Beispiel Aufnahme in die Spaziergangswissenschaften, der Promenadologie, gefunden hat. Auch so eine Idee von Burckhardt.

Die übrigen Tage

Gesagt ist gesagt. Getan ist getan. Ich bin nach Bologna gereist, um diese Stadt von meinen Erfahrungen mit der Bologna-Reform zu lösen. Ich glaube, mir ist das gelungen. Ich habe eine Stadt vorgefunden, für welche die Bologna-Reform nicht mehr als ein Vogelschiss ist. So werden die Verhältnisse wieder etwas zurechtgerückt. Hier haben die Etrusker und die Kelten schon gewirkt, und alles weitere, was später mit der Geschichte Italiens irgendwie im Zusammenhang steht, hat hier seinen Niederschlag gefunden. Ein Auf und Ab von Generationen, Völkerschaften, Herrschaften, Einflüssen, Kulturen, Kriegen und Hoffnungen, schön, klassisch und auch etwas langweilig aneinandergereiht im Museo Civico Archeologico di Bologna. Vielleicht gibt es hier dereinst auch eine kleine Sektion zur Bologna-Reform mit einem Gruppenfoto der Kultusminister Europas...

Die Bologna-Reform wurde ja nicht mit den Erfahrungen und Bedingungen eines künstlerischen Studiums generiert, sondern für Fächer wie Betriebswirtschaft und Technik. Die Tragik der Bologna-Reform liegt wohl eher in den Verrenkungen der Kunstausbildungen, sich diesem System angepasst haben zu müssen, und in der Einsicht, dass die Künste es verpasst haben, bei der Bologna-Reform eine signifikante Rolle zu spielen. Gleichwohl sind mit der Bologna-Reform seither schon Kohorten von MusikerInnen, DesignerInnen, Cineasten, GrafikerInnen, KünstlerInnen und TänzerInnen auf den freien Markt entlassen worden, wo sie sich, so beobachte ich, ebensogut metzgen wie Generationen vor ihnen.

Ich habe nur die Anfangszeiten der Bologna-Reform miterlebt, die in unseren Disziplinen eher als Verlust empfunden wurde. Und ich erlebte mich in meiner Position als Rektor in der zwiespältigen Lage, die Bologna-Reform als Chance preisen zu müssen, als Herausforderung, sich aus der Komfortzone herauszubegeben und neue Erfahrungen zu machen, so wie unsere Lehrkräfte die Studierenden seit je schon angetrieben haben, ihre eigene Komfortzone zu verlassen. Jetzt traf es einfach das Fach als ganzes, eine ganze Institution.   

Im fraglichen archäologischen Museum gibt es übrigens zur Zeit eine Spezialausstellung zu Che Guevara. Der sah ja sowas von gut aus mit seinen 21 Jahren, als er als Medizinstudent, zusammen mit seinem Freund Alberto Granado auf einer Norton 18, genannt Poderosa II, durch Lateinamerika knatterte und sein Auge für schlimme soziale, revolutionsträchtige Zustände schärfte. Reich dokumentiert und mit ausserordentlich gekonntem Einsatz von neuen und interaktiven Medien wird hier das Bild eines werdenden und schliesslich an den real existierenden Verhätnissen gescheiterten Revolutionärs gezeichnet, eines Comandante, der alles auf einmal und alles zentral kontrolliert haben wollte, und dessen Vorbild Stalin war. Che vertrat die Idee eines umfassenden und rettenden kommunistischen Systems, und man sei mir bitte nicht böse, als mir irgendwann beim Ausstellungsbesuch die Bologna-Reform in den Sinn kam, die alle Studierenden glücklich zu machen versprach, weil sie ganz Europa als Bildungsspielwiese verstanden haben wollte, ungeachtet den Eigenheiten, die jede grosse Bildungsinstitution aufweist und sie dafür auch speziell macht.

Gleichentags stattete ich auch dem Museo per la Memoria di Ustica einen Besuch ab. Dieses umfasst eine Halle, in welcher die im Meer in der Nähe der Insel Ustica aufgefundenen Flugzeugteile der am 27. Juni 1980 abgestürzten DC-9 der Fluggesellschaft Itavia wieder halbwegs zu einem Flugzeugwrack zusammengesetzt worden sind. Die Tragödie des Unfalls mit 81 Passagieren, davon 13 Kinder und vier Besatzungsmitglieder, besteht nicht zuletzt auch darin, als über die Ursachen des Absturzes bis heute Unklarheit herrscht. Politiker und Armee sperrten sich gegen jede Untersuchung, die darauf abzielte, einen Raketenbeschuss nachzuweisen. Nach Bologna, wo die Unglücksmaschine mit Destination Palermo damals startete, ist also an ihrer Stelle ein Denkmal zurückgekehrt, künstlerisch-gestalterisch verfeinert und schlicht inszeniert von Christian Boltanski. – Mich hat diese Installation sehr beeindruckt. Für jeden Verunglückten glimmt jetzt über dem Wrack eine Lampe, einmal stärker, einmal schwächer, und in Kisten neben dem Wrack, den neugierigen Blicken des Besuchers entzogen, werden die gefundenen Habseligkeiten der verunglückten Passagieren aufbewahrt.


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Montag, 8. Januar 2024

Rösti in Kalkutta

Sterbekönigin Mutter Theresa. Skulptur in ihrer kosovarischen Heimat
 

    Ende 2003 befand ich mich emotional in einer prekären Gemengelage: beruflich stand ich auf der Abschussliste meines obersten Chefs unserer Fachhochschule, weil er sich mit meinem Stil und meiner Strategie für unsere Kunsthochschule nicht anfreunden mochte und mir offenbar nicht zutraute, es recht zu machen. Er habe sich, so wurde mir kolportiert, in seinen Gremien verschiedentlich negativ zu meiner Person geäussert und angedroht, Konsequenzen zu ziehen. Seltsam nur, dass er sich nie zu einer direkten Aussprache mit mir durchringen mochte. Ihm war es wohl bequemer, ein grosses Maul zu führen und damit Drohkulissen zu bedienen als mich zur Rede zu stellen. Belastend genug, so oder so. Der Konflikt verstärkte sich noch durch ein lächerliches Gezänk um die Verleihung des Professorentitels an mich. Ich vertrat die Meinung, Rektoren von Hochschulen würden ex officio das Recht darauf haben, während der fragliche Fachhochschulratspräsident der Ansicht war, man müsse den Titel unterlegen mit wissenschaftlichen Arbeiten. Während also meine Rektorats-Kolleginnen und -Kollegen aus Wirtschaft, Sozialer Arbeit, Musik und Architektur fleissig noch den letzten Text, den sie vielleicht vor zehn Jahren in irgendeinem katholischen Amtsblatt veröffentlicht haben, in ein Mäppchen legten, um zu beweisen, dass sie eines Professorentitels würdig sind, weigerte ich mich standhaft, irgendwelche Arbeiten beizubringen, die den Titel legitimiert hätten.  

    Auch privat hing damals einiges schief bei mir, verstrickt in einer Beziehung über Tausende von Kilometern hinweg. P. studierte in Yogyakarta Psychologie. Wir hatten uns im Verlauf der vergangenen Jahre einige Male gegenseitig besucht und verstanden uns im Bett wesentlich besser als ausserhalb. Ich erlebte mich, was meine Alltagsansprüche anging, in seiner Gegenwart einsamer als allein. Klassische Musik, Museumsbesuche, Würste aus Schweinefleisch, Lektüre und Wandern fielen in seiner Gegenwart aus den Traktanden. Gleichzeitig aber bezeichnete er mich als Mann seines Lebens und hatte ernsthaft die Absicht, nach Abschluss seiner Studien den Rest meiner Lebtage mit mir zu verbringen. Das konnte meiner Ansicht nach nicht gut enden, und ich trug mich mit dem Gedanken, diese Fernbeziehung endlich zu beenden, was mir umso schwerer fiel, als ich P. über alle Massen mochte.

    Im Verlauf desselben Jahres pflegte ich auch einen lockeren Kontakt zu A. in Kalkutta. Ich kannte ihn persönlich nicht, doch die unverbindlichen Plaudereien im Chatroom, wo wir uns zufällig getroffen hatten, waren witzig und unbeschwert. Diese gelegentlichen Interaktionen trugen dazu bei, dass ich zu jener Zeit nicht depressiv wurde. A. erzählte mir, dass er zwei Neffen grossziehe, da deren Mutter sich dazu überfordert fühle, nachdem ihr Mann, Vater der beiden, bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Die Buben waren damals sieben und acht Jahre alt. Sie sahen entzückend aus, wie ich den zugesandten Bildern entnehmen konnte. A. arbeitete bei einer Bank, hatte aber eigentlich Geschichte studiert. Er stammte aus dem ostindischen Manipur, war gläubiger Christ und sah es als solcher für selbstverständlich an, familiäre Verantwortung zu übernehmen. Das imponierte mir und kam meinen eigenen Bedürfnissen nach familiärer Geborgenheit entgegen. Im Verlauf des Herbstes entschloss ich mich dann, die Festtage zum Jahresende zu benutzen, A. und seine Buben in Kalkutta aufzusuchen.  

    Bei meiner Ankunft vermittelte mir die Stadt den Eindruck, den ich bereits von meinen Besuchen von Städten in China und Afrika her kannte, dass nämlich die Welt zu gross sei, um sie wirklich erfassen zu können. Hilflos schrieb ich in mein Notizbuch: «Sie spucken wie die Vögel scheissen: sequenziell und nicht in einem Schuss. Hier alles sehr laut, sehr verschmutzt. Irgendwie verlaufen sich die Gedanken in die Verirrung, jeder ist sich selbst der Nächste, man schlängelt aneinander vorbei, wenn im Auto, dann mit lautem Hupen.» Kalkutta verkörperte in idealer Weise das Chaos in meiner Seele. Da war die Trennung von P. von einer Telefonkabine aus. Ich rief ihn an, wünschte ihm alles Gute zum neuen Jahr und kündigte an, dass es mit uns wohl ein Ende habe. Als ich den Hörer auf die Gabel zurücklegte, weinte ich auf offener Strasse. Und: anstatt familiäre Gefühle für A. und seine Boys zu entwickeln, kam ich schon bald zum Schluss, dass ich in Kalkutta und mit A. an der Seite wohl kaum je glücklich würde. Ich war hier genauso hilflos wie in diesem Scheiss-Luzern, wo mir der Chef im Verlauf dieses Jahres das Leben so schwer gemacht hatte.

    A. lebte mit seinen Buben in einer von seiner Arbeitgeberin, der Bank, zur Verfügung gestellten Wohnung. Der Flur vor der Wohnungstür war grösser als das Appartment selbst. Dort spielte ich mit den Kleinen Fussball. Es kam vor, dass der Ball über die fensterlose Brüstung sprang. Dann mussten wir ihn im Hof vier Stockwerke weiter unten holen. Die Luft war geschwängert vom Rauch unzähliger Kohlefeuerchen, die in dieser Stadt für die Zubereitung von Speisen und zum Wärmen der Hände loderten. Man sah abends keine zehn Meter weit, so dicht war er. Er räucherte auch die Kleidung. Es war bitterkalt. - Und doch: mit jedem Tag stieg mein Respekt für diese Stadt. Sie war eine Metropole mit imposanten Universitäten, eindrücklichen Tempeln, lebendiger Literatur, U-Bahnlinien und grossartigen Gedenkstätten und Museen. Sie war keineswegs nur das Drecksloch, wie ich es mir vor meiner Ankunft ausgemalt und bei meiner Ankunft vorgefunden hatte. Mein Bild von Kalkutta war halt geprägt von der Tätigkeit der Mutter Theresa, der kosovarischen Sterbekönigin, der indischen Göttin Kali gleich. Ich kam zum Schluss, dass Mutter Theresa wohl die übelste Botschafterin Kalkuttas war. Sie versaute den Ruf dieser Stadt mit ihrer schon fast obszön anmutenden öffentlichen Hingabe für die Ärmsten in einer Weise, die die stolze Stadt Kalkutta nicht verdient hat. Ich wanderte in Parks, gewöhnte mich allmählich ans Gewusel und besuchte angesagte Restaurants und fragte mich, wie es die Frauen hier machen, dass ihnen ihr Sari-Umhang nicht von ihren Schultern gleitet. Ich wagte mich mit der Zeit auf die fast undurchdringlichen Märkte der Stadt und begann, ab und zu auch ein Häppchen Frittiertes zu kosten, das mir am Wegrand angeboten wurde. Allerdings wurde die Anfreundung an die fremde Umgebung durch die Gewissheit erleichtert, ein Retour-Ticket in der Tasche zu haben.

    Zum Jahreswechsel mieteten wir ein Fahrzeug mit Chauffeur und machten eine mehrtägige Wallfahrt zur Tempelstadt Puri am Golf von Bengalen. Ich erinnere mich, wie mich A. bei jedem Kauf eines Souvenirs belehrte, dass ich es viel zu teuer erstanden hätte. Jetzt galt ich als blöder Westler, der sich überteuerte Waren aufschwatzen liess, was mir die Freude am erstandenen Gegenstand drastisch minderte. Ich nahm mir vor, von nun an ihm gegenüber niedrigere Preise zu nennen, wenn er danach fragte, und einmal erregte ich so anerkennendes Staunen, als ich ihm ein aus Rinden geschaffenes Leporello zeigte, auf welchem handgeschnitzt Kamasutra-Szenen abgebildet waren. Ein Schnäppchen, meinte er, nicht wissend, dass ich dafür wesentlich mehr hingelegt hatte…

    Puri im indischen Staate Odisha ist für jemanden wie mich insofern uninteressant, weil ich als Nicht-Hindu die grossen Tempelanlagen von Jagannath gar nicht besuchen durfte. Ich wurde in einer verstaubten Bibliothek gegenüber des heiligen Viertels abgestellt, von wo aus ich aus der Ferne das imposante Geviert betrachten konnte. Der Christ A. hingegen und seine beiden Ziehsöhne zückten ihre Identitätskarten, die sie als indische Staatsangehörige auswiesen, und wurden eingelassen.

    Mehr actions für mich fand später vorne am weiten Sandstrand statt. Da war ich die Attraktion des Ortes. Alle, wirklich alle, die unsere Stelle passierten, wollten ein Bild mit mir schiessen. Ich war unglaublich begehrt und wurde viele Male abgelichtet, wie ich ganze Familien umarmen und in die Kamera lachen durfte. Eigentlich wollten sie nichts weiter von mir wissen. Eine Fotografie mit einem Fremden war ihnen genug, um sie irgendwo auf ihrem Hausaltar auszustellen. 

    Jetzt befanden wir uns bereits im neuen Jahr. Ich schrieb dazu: «Die Geschichte mit P. geht irgendwie weiter, ich denke unaufhörlich an ihn, wie überhaupt alles irgendwie weitergeht. Das ist sowieso eines meiner Lieblingsthemen, dass sich Veränderungen oft erst nachträglich erkennen lassen. Natürlich, man kann Veränderungen herbeiführen, indem man den Wohnort wechselt, die Arbeit wechselt, den Partner wechselt, aber oft geht die gleiche Chose in neuen Kleidern weiter. Das Äussere hat zwar gewechselt, doch das Innere noch nicht zwangsläufig. Verändere ich mich denn innerlich? – Schwierig, es selbst zu beurteilen.»

    Zum Abschluss meines Aufenthalts wünschten sich meine Gastgeber ein Schweizer Essen. Zuerst dachte ich an ein Käsefondue, doch ich musste feststellen, dass ich dafür wohl etwas viel Logistik mit unsicherem Ausgang hätte betreiben müssen. Wo hätte ich mir ein Caquelon und lange Gabeln ausleihen können? Auch dem Käse traute ich nicht, und das verfügbare Fladenbrot vom Markt hätte sich wohl nur begrenzt für dieses Vorhaben geeignet. Also Rösti. Beim Kartoffelkauf wurde ich von einem Dutzend Einkaufshelfern begleitet. Alle priesen unterschiedliche Kartoffelsorten an, die dort auf dem Boden zu Türmen aufgeschichtet lagen. Blitzartig kam mir das Fehlen eines Sparschälers in den Sinn, was den Entschluss erleichterte, für die Rösti gekochte Kartoffeln zu verwenden, bei denen das Schälen der Haut wesentlich leichter fällt. Dazu machte ich eine Hühnerfricassée an Kokosmilch, was ich so noch nie ausprobiert hatte. Da aber A. und den Buben der Vergleich fehlte, passierte das Gericht als Schweizer Spezialität ohne Tadel…

    Dann der Abflug. Der Flughafen damals ein Albtraum, in allen Teilen vernachlässigt, staubig und mit sturem Personal versehen. Bei meiner Ankunft zehn Tage zuvor schon der Schock, dass mein Koffer bei der Gepäckausgabe nicht dabei war, und ich in Kalkutta erst einmal Zahnpasta, Socken und ein paar Ersatzunterhosen kaufen musste. Als wir Tage später nachschauen gingen, ob mittlerweile der Koffer angekommen sei, schien ich dort der erste zu sein, dem je ein Gepäckstück verloren gegangen ist. Niemand kannte das Procedere, alle stellten sich an, als ob sie vorher noch nie mit dieser Art von Problemen konfrontiert gewesen wären.

    In der Maschine der Binam Bangladesh Airlines vor dem Start dann die Verlesung eines Gebets. Und die Zwischenlandung später in Dhaka kündigte der Pilot mit «inshallah» an. Nun gut, ich bin immer noch da. A. schickte mir später ein SMS des Inhalts, die Buben hätten als liebstes Erinnerungsstück an mich meine gebrauchten Zahnstocher in ihre Vitrine gestellt. 

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©Nikolaus Wyss

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 Noch ein paar Städtebemerkungen hier zum Anclicken:

"Zurückbleiben bitte" - Berliner Impressionen

 - Meine Mexiko-Wochen

- Zürich, Ende September

- Ein Tag in London

- Wieder in Bogotá

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Weitere Blog-Einträge auf einen Click 

Mittwoch, 25. November 2020

Die zweite Welle - Kurzbericht

Auf dem Stadtplatz Schlieren (Foto: Andreas Kriesi)
 

Um mit dem Heimweg vom 7. November 2020 zu beginnen: der Flughafen Zürich war menschenleer. Lounges und Läden fast alle geschlossen. Dies an einem Samstagnachmittag. Nach dem Einchecken blieb mir noch etwas Zeit, den Circle in Augenschein zu nehmen, das hochgelobte, milliardenschwere Zentrumsprojekt am Flughafen, das eben eröffnet worden ist. Dort bewegten sich einige Neugierige und fotografierten den goldig glitzernden Christbaum. Ob den Leuten die zugige Gasse, in welcher er stand, gefiel, weiss ich nicht. Mir kam die ganze Umgebung ungemütlich und belanglos vor. Mir schien, die kühne, ausladende Fassade flughafenseitig verspreche mehr, als was an architektonisch-gestalterischen Überraschungen dahinter eingelöst wird. Ich langweilte mich schnell. Kein Ort zum Verweilen.

Aussenfassade Circle

Weihnachtsschmuck Circle

Chlötzli-Architektur hinter der Circle-Fassade

Im Flugzeug gab es keine heissen Getränke. Die in Plastik verschweissten Snacks aus der Schachtel schmeckten so fad, als ob man selber schon covidpositiv wäre. Es lohnte kaum der Mühe, deswegen den Mundschutz abzustreifen. Dasselbe in der Business Class. Einzig das mit dem Social Distancing klappte dort vorne besser. Ein gewichtiges Argument in Zeiten von Corona.

Ich flog über Istanbul, was nicht grad am Weg liegt. Doch andere Fluggesellschaften liessen mich kurz vor dem Abflug einfach sitzen. Kolumbien steht nicht mehr auf ihrem Flugplan. Wie weit und kompliziert die Welt plötzlich geworden ist. Das Reisen erfordert wieder Flexibilität, Gelassenheit und keine fixen Termine. Und von einem verwöhnten Maul die Einsicht, dass es in der Luft immerhin noch trockene Brötchen und Nüsschen zu essen bekommt, was dort unten am Boden für viele keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

In Sachen Hunger war ich ja unterwegs. Ich wollte mit dem Verkauf meines Buches Auf dem Amakong Geld sammeln für einen guten Zweck. Für Suppenküchen in Bogotá. Ich organisierte dazu einige Auftrittsorte in der Schweiz, um Ausschnitte daraus vorzulesen und Werbung für meine Herzensangelegenheit zu machen. Die Texte selber allerdings haben den Hunger nicht zum Thema, ausser vielleicht meinen Hunger nach Leben, Erfahrungen und Erinnerungen. Sie bestehen aus einer Auswahl meiner Blogs, die sich hier in Kolumbien über die Jahre angesammelt haben.

Im August, als ich das Vorhaben plante, sah die Sache so aus, dass in der Schweiz die erste Welle vorbei zu sein schien. Die Infektionsraten bewegten sich im unteren zweistelligen Bereich: Es machte Lust, eine solche Lesereise zu planen. In Kolumbien hingegen blieben die täglich publizierten Zahlen zu den Covid-Ansteckungen anhaltend hoch, und man musste wohl bei dieser Statistik immer noch mit ein paar hundert Fällen mehr rechnen, weil das Gesundheitswesen und die Testkapazitäten den realen Verhältnissen hier wohl kaum gerecht wurden. Da konntest du noch so viel Mundschutz tragen und an den Eingängen der Supermärkte Fieber messen lassen, Hände desinfizieren und auf der Identitätskarte nachschauen, ob die Endzahl stimmt (an den geraden Tagen wurden nur diejenigen mit ungerader Endzahl eingelassen, und an den ungeraden Tagen die anderen). In ärmeren Vierteln der Stadt wohnen Familien nun mal in sehr beengten Verhältnissen, die Beachtung der Hygieneregeln scheitert schon am Fehlen fliessenden Wassers und am Geld, sich Mundschutz und Desinfektionsmittel zu besorgen. So rangiert in der Hierarchie der Bedürfnisse das Essen verständlicherweise weiter oben als die von der Regierung verordneten Schutzmassnahmen.

Der internationale Flughafen El Dorado blieb für kommerzielle Passagierflüge während sieben Monaten gesperrt – mit Ausnahme einiger humanitärer und Fracht-Flüge. Ja, es war eine Zeitlang sogar fraglich, ob ich anfangs Oktober überhaupt ausreisen konnte. Die Planung meines Schweiz-Aufenthalts liess sich an, als ob man von einem Krisengebiet in ein gesundes, wohlgeordnetes Land reisen würde. Logisch, dass ich vor der Abreise einen Covid-Test machen musste, denn Kolumbien war auf der Pandemie-Weltkarte rot eingefärbt. Wie Brasilien, Peru, Ecuador, Indien und die USA auch.

Als ich aber anfangs Oktober in Zürich ankam, war der Spiess am sich Herumdrehen. Die Schweizer Zahlen der Covid-Neuansteckungen schossen plötzlich in die Höhe, die zweite Welle war im Anrollen. Aufgrund dieser Nachrichten wäre es meiner Ansicht nach das Gebot der Stunde gewesen, soziale Distanz zu wahren, jeglicher Art von Menschenansammlung möglichst aus dem Weg zu gehen und Mundschutz zu tragen, wie ich mir das von Kolumbien her schon gewohnt war. Doch die Sorglosigkeit der Leute in der Schweiz schien keine Grenzen zu kennen. Ich war bei meiner Ankunft fast der Einzige, der in Zürichs Strassen einen Mundschutz trug. Auf der Fahrt zu meinem Quarantänequartier wurde ich von einem Covidioten sogar angeschnautzt, was für ein Schisshas ich doch sei und nicht selbständig zu denken vermöge. Das könne einer Diktatur nur recht sein. Die Zürcherinnen und Zürcher fanden es zu diesem Zeitpunkt wohl einfach noch uncool, sich so eine Schutzmaske umzuschnallen. Die Vorstellung, damit vor allem andere zu schützen, war ihnen fremd. Dieses Verhalten passte leider zu meiner schon lange gehegten Einschätzung, dass in Zürich in übergrossem Masse Egoismus und Rücksichtslosigkeit herrschen und, daraus abgeleitet, eine grosse Portion an Ignoranz.

Ich meldete mich per Internet ordnungsgemäss bei den zuständigen Behörden an und begab mich in Quarantäne. Dort konnte ich zum ersten Mal das Buch, um das sich mein ganzes Handeln in den vergangenen Monaten drehte, anfassen, aufschlagen und durchblättern. Und dann passierte mir das, wovon alle Autoren und Lektoren ein Liedlein singen: ich stiess auf einen Druckfehler. Er sprang mir förmlich ins Auge. Ich musste schmunzeln. Die Erfahrung hatte etwas von einer Initiation. Jetzt gehörte ich plötzlich zur Gilde erfahrener Autoren. 

Foto: Andreas Kriesi
 

Mein grosszügiger Schlieremer Gastgeber, Stadtrat Andreas Kriesi, mit dem ich früher im lokalen Parlament politisierte, kümmerte sich rührend um mein leibliches Wohl. Er las mir jeden Wunsch von den Lippen und machte Grosseinkäufe in der nahen Migros inklusive Aktionspackungen von Schokoladetafeln. Während er Apfelwähen und Cakes aus dem Ofen zauberte, fühlte ich mich eher für die rezenteren Speisen zuständig und beklagte einzig die minimale Ausstattung seiner Küche an Haushaltgeräten. So schaffte er zur Erleichterung meiner Kochkünste noch eine Salatschleuder und weitere Rüstmesser an. Später steuerte ich selber noch eine kleine Bratpfanne bei.

Ich beschäftigte mich während des Eingeschlossenseins mit der Auslieferung vorbestellter Bücher. Wir trugen Excel-Listen ab, schrieben Rechnungen und stellten zufrieden fest, dass an Vorbestellungen immerhin schon über 4000 Franken zusammengekommen sind.


Als ich mich zehn Tage später wieder aus der Quarantäne schälte und auf die Strasse trat, hatte Covid-19 die Situation dramatisch verschlimmert. Jetzt war es ungewiss, ob ich meine Lesungen überhaupt noch durchführen kann. Einzelne Kantone drehten bereits den Hahnen ganz zu. Die Veranstalter berichteten mir, viele der Angemeldeten hätten in der Zwischenzeit wieder abgesagt. Ich verstand dies nur allzu gut, und ich hätte wohl gleich gehandelt, wäre ich diesmal nicht auf der anderen Seite gestanden. Ich nahm die Rückmeldungen mit Bedauern zur Kenntnis und rechnete mir schon aus, wie viele Buchverkäufe mir dadurch entgehen. Der ursprüngliche Zweck meiner Reise war ja, den Amakong unter die Leute zu bringen. Würde mir das unter den prekären Bedingungen noch halbwegs gelingen? – Von den wenigen, die sich trotz allem an eine meiner Lesung wagten, erkannte ich hinter ihrem Mundschutz nicht alle. Ich musste rätseln oder nachfragen. Eigentlich war ich sogar froh, nicht alle zu erkennen, so konnte ich mich der Vorstellung hingeben, dass nicht nur Freunde im Saal sassen, sondern mir auch unbekannte Menschen, die aus Interesse und Neugier vorbeikamen, und nicht nur, weil sie mich kannten, mich wieder einmal sehen und mir beistehen wollten, was mich natürlich auch freute. 

(Foto: Dominique Freiburghaus)

Eine neue Erfahrung für mich war auch, was Schauspieler von ihren Auftritten schon immer erzählen. Dass nämlich derselbe Text bei jedem Publikum anders wirkt und unterschiedliche Reaktionen auslöst. Fast überall las ich zum Beispiel Bogotá mon amour, fast überall auch Plötzlich meine ich, Sepp Estermann besser zu verstehen. Und jedes Mal gab es eine andere energetische Stimmung, das Publikum lachte jedes Mal an anderen Stellen, und jedes Mal fiel zum Schluss auch der Applaus unterschiedlich aus. Dabei meinte ich, überall gleich holprig vorzulesen, mit Versprechern, nervös, mit zweimal ansetzen Müssen, mit falschen Betonungen. Aber eben: was ankommt, bestimmt der Moment und nicht der Vortragende.

Der erste Auftritt am 19. Oktober war eine Online-Lehrveranstaltung, ausgerichtet von der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Der Moderator Martin Zimper, Leiter des Studienfaches Cast, lud mich als Gast in seine Lehrveranstaltung Kein Kino ein, wo nicht nur mein Buch vorgestellt werden sollte. Thema waren auch meine Videos, die ich regelmässig unter dem Titel Bevor mir die Zähne ausfallen auf Youtube veröffentliche. Dieser Programmpunkt kostete mich einige Überwindung. Ich finde meine Videos kaum der Erwähnung wert. Es mangelt ihnen grundsätzlich an technischem Können, und die Themenvielfalt ist auch nicht jedermanns Geschmack. Gleichwohl hänge ich persönlich an diesem Format und fühle mich durch die Inschrift auf dem Grabstein von Charles Bukowski darin noch bestärkt. Dort steht nämlich: Don’t try. Ich verstehe das so, dass Versuche etwas anstreben, was nie ganz erreicht wird. Wenn man aber das macht, wozu man selber nach bestem Wissen und Gewissen imstande ist, ohne nach Anderem oder Besseren zu streben, dann ist das kein Versuch, sondern so, wie es eben ist, authentisch und mit dem ganzen Vermögen des Verursachers ausgestattet.

In diese Richtung verweist auch der österreichische Dichter Ernst Jandl mit seiner Serie der heruntergekommenen Sprache (er konnte natürlich auch anders, dieser Tausendsassa). Für diese Art von Lyrik benutzt er das sprachliche Niveau von Menschen, welche der deutschen Sprache nicht ganz mächtig sind. In ihrem Unvermögen gebrauchen sie einzig den Infinitiv oder irgendeinen unangebrachten Gerundiv, und als Zeitform ist ihnen nur das Präsens geläufig. Auch das grammatische Geschlecht ist nicht so ihr Ding – und dennoch vermögen sie sich verständlich zu machen, ja, dieser Art von Sprachbeherrschung liegt auf Seiten des Zuhörers oft ein besonderer Reiz inne, und in den Gedichten Jandls verfügt sie sogar über ihre eigene Poesie. Nur: meine Zuhörerschaft an der ZHdK bestand aus Studierenden, welche die Perfektion ihres eigenen Handwerks zum Ziel haben und zum Schluss ihrer Ausbildung darin auch geprüft werden. Wehe, ihnen haut unbewusst ein Achsensprung rein, oder der Ton ist von unsauberen Hicks durchsetzt – schon warteten schlechte Noten auf den Eintrag ins Zeugnis. Wie soll ich da mit meinen Barfuss-Videos überhaupt bestehen und Wertschätzung einheimsen?

Am meisten faszinierten mich bei dieser Veranstaltung die 87 Teilnehmenden. Ich konnte bei allen einen Blick in deren eigenen Wohnraum oder ins eigene Schlafzimmer werfen. Denn ihre Kameras waren auch eingeschaltet. So beobachtete ich sie. Während ich sprach und erklärte und mich mit geistigen Ruderschlägen über Wasser zu halten versuchte, räkelten sich die einen auf dem Bett oder gossen sich einen Tee auf. Andere machten Turnübungen oder tranken ein Bier und chatteten gleichzeitig auf ihren Handys. Wieder andere erledigten, wie mir schien, dringende schriftliche Aufgaben und nahmen mich vermutlich nur als Hintergrundgeräusch wahr, als Sound, wie er aus einem ewig plätschernden Radio kommt und keine besondere Aufmerksamkeit beansprucht. Nur ein paar schauten einfach aufmerksam zu und lächelten zuweilen, wenn mir ein Witzlein gelingen wollte. 

Foto: Martin Zimper

Ich selber hatte anfangs Mühe mit dem Headset, bis ich mich entschloss, den Ton direkt über den Laptop laufen zu lassen. Damit es weniger hallte, unterlegte ich ihn auf Empfehlung der ZHdK-Assistentin mit einem Frotteetuch. Zum Schluss «klatschten» die Studierenden in dieser virtuellen Aula, indem sie im Chatraum «Danke» eingaben, was in diesem Masse noch nie vorgekommen sei, wie Zimper meinte.

Am nächsten Tag ging es nach Luzern. Über Mittag offerierte mir meine Nachfolgerin an der Hochschule Luzern, Gabriela Christen, eine Zusammenkunft mit ihren Departamentsleitungen. Um mein Gefühl, ihnen nicht die Mittagszeit gestohlen zu haben, zu mildern, durften sie während der Lesung ihre Sandwiches essen. Im darauffolgenden Gespräch mit Gabriela kamen wir auf die Herausforderungen und Unterschiede zwischen meiner Zeit und heute zu sprechen, und gerne wies ich dabei auch auf den im Buch nicht publizierten Blogeintrag Nur schwache Erinnerungen an Luzern hin. Anschliessend führte man mich noch durch den neuen Neubau, den anderen kannte ich bereits. Imposant, imposant, auch wenn man sich vielleicht etwas daran gewöhnen muss, dass die Werkstätten in den oberen Stockwerken liegen. Mir wurde aber versichert, dass alle begeistert seien.

Auf dem Dach von neuen Neubau mit Aussicht zur Rigi. Von rechts nach links: Monika Bäurle, NW, Ursula Bachman, Andreas Kriesi


Mit Gabriela Christen in der Hochschule Luzern - Design&Kunst

Der Abschied erfolgte dann etwas abrupt, weil Kollegin Gabriela telefonisch grad erfahren hatte, dass an einer Familienzusammenkunft vom vorangegangenen Sonntag ein covidpositiv getesteter Neffe anwesend gewesen sei. (Später sollte sich herausstellen, dass er keine weiteren Familienmitglieder angesteckt hat.) Am späteren Nachmittag dann traf ich mit meiner Schachtel Bücher in der Hochschul- und Zentralbibliothek Luzern ein, wo mich die sympathische Myriam Zürcher empfing. Wir hatten ein anregendes Gespräch über das Abenteuerliche unserer Leben. Später half ich ihr ein bisschen beim Einrichten des Saales. Myriam werde ich ewig dankbar sein, weil sie etwas von Zoom versteht und während meiner kleinen Schweiz-Tournee die wohl einzig technisch einwandfreie Übertragung gewährleistete. Das Publikum sass in gebührenden Abständen zueinander in gemütlichen Sesseln, einzig das Kaminfeuer fehlte noch.

Sylvia Egli von Matt führte durch den Abend, und sie liess mit ihrer Begeisterung für das Buch in mir die Gewissheit aufkeimen, vielleicht doch nicht eine so schlechte Publikation herausgebracht zu haben. Allerdings konnte sie es nicht unterlassen, zu sagen, wes Kinds ich sei, was mir als 71jährigem etwas merkwürdig vorkam. – Meine allererste Begegnung mit Sylvia vor nunmehr 33 Jahren war noch sehr anders geartet. Damals arbeitete sie als kritische Journalistin und löcherte mich gnadenlos als Repräsentanten der CH91, dieser geplanten und nie realisierten 700-Jahr-Feierlichkeiten der Eidgenossenschaft. Das war 1987, und ich schrieb auch dazu in Erinnerung an diese Zeit einen Blogeintrag, der allerdings auch nicht vorkommt im Amakong. Mittlerweile machten wir beide Karrieren, und wir kreuzten uns das eine oder andere Mal in Luzern, sie in ihrer Funktion als Direktorin des Medienausbildungszentrums (MAZ) und ich als Rektor der Kunsthochschule (HGK Luzern). Die jetzige Wiederbegegnung war von grosser Herzlichkeit getragen.

Im Publikum sass auch mein erster Chef von Luzern, Fachhochschuldirektor Heinrich Meier, mittlerweile auch pensioniert, doch immer noch mit dichtem Haar, das mir schon damals auffiel und mich rätseln liess, ob es auch wirklich echt sei. Damals hatte ich vor ihm insofern ein bisschen Angst, als er das, was ich für gut befand, meistens für nicht so gut hielt. Eine Phrase, die mir dazu in Erinnerung geblieben ist, um seinem Widerspruch den nötigen Anlauf zu verleihen, ging so: «Es kann doch nicht sein, dass…». Ich wusste mich seinen Ansichten nicht immer optimal zu erwehren, und manchmal produzierten wir einander gegenseitig unangenehme Gefühle. Von ihm adaptierte ich auch die Luzerner Wendung «lúdo», welche eine gespielte Überraschung ausdrückt: Schau da, wen haben wir denn hier… Dieser Luzerner Abend bekam in seiner Tonalität und in der Wiederbegegnung mit Heiri eine in allen Teilen versöhnliche Färbung. Er hörte mir zu, während ich damals ihm zuhören musste… Auch der anschliessende Verkauf der Bücher war, an den Umständen gemessen, ordentlich.

Am nächsten Tag ging es nach Basel. Auch hier eine kleine Veranstaltung in einem grossen Saal, durchaus covidkonform. Mein Vetter Hans-Adam Ritter, eben 80 geworden, ehrte mich mit seiner Anwesenheit und drückte das Durchschnittsalter im Raum, so schien es mir, um einige Jahre nach unten. Ich fühlte grosses Wohlwollen im Raum. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft gelebten Lebens. Ich hätte gar nicht vorzulesen brauchen, wir hätten uns auch so verstanden.

Schlieren am nächsten Abend verursachte mir im Vorfeld etwas Bauchweh. Erinnerungen kamen hoch an meine unglückliche Zeit im dortigen Stadtparlament. Im Vorfeld meines Auftritts erschien ein Artikel im «Limmattaler», der, zumindest vom Titel her, wieder in dasselbe Horn stiess, unter welchem ich in Schlieren von Anfang an litt: 


Ich galt stets als Exot und musste somit nicht ernst genommen werden. Und jetzt titelte diese Zeitung, vier Jahre nach meinem Wegzug, wieder, dass der Exot Wyss mit seinem Buch den Hunger in Kolumbien bekämpfen will. Dieses verräterische «will» zieht meine ernst gemeinte Absicht grad wieder ins Zweifelhafte und Lächerliche: Er will zwar, ob er aber damit Erfolg haben wird, steht auf einem anderen Blatt...  Der Abend selber hingegen scheint mir, Exot hin oder her, ein voller Erfolg gewesen zu sein. Es zeigte sich, dass ich neben den parlamentarischen Widersachern dort auch eine Menge wohlgesonnener Freunde habe. Die Wiederbegegnung mit einstigen Weggefährten war berührend. Es herrschte eine konzentrierte Stimmung, der Bücherverkauf lief rassig, ich hatte zum Schluss viele Widmungen zu schreiben. Die Gicht in meinen Gelenken machte sich schmerzhaft bemerkbar. 


Dann kam das Volkshaus Zürich, eigentlich als Höhepunkt meiner Tournee gedacht. Doch die steil ansteigenden Zahlen von Covid-Ansteckungen schreckten wohl viele potentielle Besucher ab, die sich vorab schon angemeldet hatten. Der eh schon auf fünfzig Plätze runtergestuhlte Gelbe Saal war nur knapp zur Hälfte gefüllt. Hier führte die Buchhandlung im Volkshaus das Szepter, und der Journalist und Kolumbienkenner David Karasek fungierte als Gastgeber. Wir lernten uns vor ein paar Jahren in Bogotá kennen, und seither bin ich mit ihm und seinem Partner Oliver befreundet, auch wenn die beiden mit ihren süssen Kindern mittlerweile – leider – wieder in die Schweiz zurückgekehrt sind. Ein Diskussionsthema, das mir von diesem Abend in Erinnerung geblieben ist, war der Mut. Ich widersprach David heftig, als er meine späte Auswanderung nach Kolumbien und die vielen Male, wo ich wohl aus idealistischen Gründen oder aus reiner Dummheit die im Buch geschilderten Angebote ausgeschlagen habe, als mutig darzustellen versuchte.

«Nein», antwortete ich darauf, «ich war nie mutig. Mut ist eine Zuschreibung anderer. Ich selber nahm mich nie am Wickel und redete auf mich ein, jetzt mutig zu sein, bevor ich etwas anpackte oder absagte.»

Ein weiteres Thema war das Versagen, der Misserfolg, das Scheitern. Sie kommen als Thema an verschiedenen Stellen des Buches vor, und David sprach mich darauf an. «Erfolgsgeschichten langweilen mich eher», gab ich zur Antwort, «vielleicht ist es aber auch einfach eine Alterserscheinung. Ich kann Geschehenes eh nicht ändern. Die Schilderung des Scheiterns ist eigentlich ein Triumph, weil das Schreiben als Bewältigung des Scheiterns angesehen werden kann.» - Mir sei es, sagte ich an anderer Stelle, nur wichtig, nicht larmoyant zu tönen... 

Nächste Station war Biel. Dort las ich im Haus einer kulturellen Organisation, die sich der Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund verschreibt. Sie heisst Multimondo. Ich wurde von Frau Joss betreut, die im Team für Veranstaltungen zuständig ist. Sie bereitete sich auf meinen Besuch gründlich vor und las viele meiner Blogs online. So stiess sie auch auf den Text Mein afrikanisches Café, der allerdings im Buch gar nicht abgedruckt ist. Dort drin setze ich mich unter anderem mit dem Wandel der Begrifflichkeit dunkelhäutiger Menschen auseinander und benutzte zur Illustration einer Zeitepoche das Wort Neger. Die Verwendung dieses Wortes liess sie aufhorchen. Sie meldete sich bei mir und gab mir zu verstehen, dass in ihrem Haus das N-Wort nicht verwendet werden dürfe. – So gebrieft betrat ich dann das Haus, und es fiel mir nicht schwer, an diesem Abend aufs N-Wort zu verzichten. Doch der Kanton Bern zog in der Zwischenzeit die Schraube an und erlaubte, covidbedingt, keine Ansammlungen mehr von über 15 Personen. Von den 23 Anmeldungen mussten also wieder einige ausgeladen werden, und zum Schluss waren wir dann nur zu acht. Online jedoch hatten sich einige mehr zugeschaltet. In Erinnerung dieses Abends bleibt mir eine Dame, die mir zum Schluss der Veranstaltung, ohne ein Buch zu kaufen, sieben Franken in die Hand drückte. Auf der einen Seite rührte es mich, auf der anderen aber provozierte bei mir diese Handlung Fragen. War ich soeben grosszügiger Armut der Schweiz begegnet? Oder: hätte ich der Dame ein Buch schenken sollen? Oder: hatte sie gar ein Augenleiden und konnte gar keine Bücher mehr lesen?

Letzte Station auf meiner Lesetour war die grosse ehemalige AMAG-Garagehalle in Zürich-Schwamendingen.

Organisiert hatten diese Veranstaltung der Künstler Nic Hess, der am selben Ort sein Atelier betreibt, die Schwamendinger Bücherfreunde, eine meiner Gründungen vor 30 Jahren, und das Hotel Schwamendingen, eine junge, lose Gruppierung von Kultur-Aktivisten, die fürs Quartier Konzerte organisieren. In einer Email bot ich den Angemeldeten an, schon anderthalb Stunden früher vor Ort zu erscheinen für diejenigen, die sich nicht unter allzu viele Leute mischen und sich gleichwohl ein Buch erstehen wollten. Von diesem Angebot machten Etliche Gebrauch, und es kam zu vielen Wiederbegegnungen mit Weggefährten und Nachbarn von damals. Ich war überrascht, wie viele Namen ich noch kannte, und ich war auch überrascht über den grossen Zulauf. An diesem Abend nahm ich netto über 1200 Franken ein. Zum Schluss kam ein jüngerer Mann zu mir und wünschte von mir eine Widmung für die Schülerinnen und Schüler von Schwamendingen, wo er als Oberstufenlehrer wirke. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass nicht alle Beiträge im Buch ganz stubenrein seien. Da sei auch schon mal von Sex und Schwulsein die Rede, worauf er antwortete: «Gerade gestern ist nach der Schulstunde ein Mädchen zu mir gekommen mit der Vermutung, sie sei lesbisch.» - Dieser Vorfall schien ihm die Präsenz meines Buches in der Schulbibliothek genügend zu rechtfertigen. Ebenfalls an diesem Abend begegnete ich dem begnadeten Bergsteiger und Schriftsteller Emil Zopfi, der seit einigen Jahren in Schwamendingen lebt. Er stellte fest, dass ich gar keinen Wikipedia-Eintrag habe. Als Mitautor dieser lexikalischen Eintragungen von Prominenz, Cervelatprominenz und Informationen aus allen Wissensgebieten offerierte er mir, mich mit einem Eintrag in den erlauchten Kreis der Erwähnenswerten und Unsterblichen zu hissen.

Im Verlauf meines Schweiz-Aufenthaltes begann ich unter Nachtschweiss zu leiden. Mich beschlich der Verdacht, von Corona erwischt worden zu sein. Ich reduzierte sämtliche Kontakte auf ein Minimum und sagte vorsorglich die meisten privaten Abmachungen ab. Mein Gastgeber befand jedoch, das sei bei mir reine Einbildung, und schleppte mich an einem Sonntag auf den Bürgenstock, der mir insofern ans Herz gewachsen ist, als ich erstens zu Rektoratszeiten an Sommerabenden oft dort hinauffuhr, um auf dem Felsenweg dem Gesang der Nachtigall zu lauschen. 


Dies war für mich die bekömmlichste Antistress-Therapie. Die unerschöpflich langen, virtuosen Melodien dieser kleinen Dinger vermochten meine gebeutelte Seele regelmässig wieder mit Zuversicht zu füllen. Und zweitens hat das Bürgenstock-Ressort insofern eine biografische Bedeutung für mich, als wir dort oben die Bürgenstock-Konferenz der Schweizer Fachhochschulen ins Leben riefen. Ich gehörte zu den Gründungsmitgliedern, und es existiert noch heute ein Foto, wo wir Gründungs-Rektorinnen und -Rektoren uns auf einer gewundenen Treppe im Palace, oder wie auch immer eines dieser Hotels damals heissen mochte, ablichten liessen. 


Die Ironie der Geschichte besteht jedoch darin, dass dort oben bis dato nie eine reguläre Fachhochschul-Konferenz stattfand. Wir mussten unsere Ansprüche aus finanziellen Erwägungen, aber auch wegen Fehlplanungen des Hotels und seines drohenden Konkurses nach Fürigen verlegen, das ein paar hundert Meter weiter unten liegt. So erhielten unsere Fachhochschulen das mindere Plätzchen, was für sie innerhalb der tertiären Bildungshierarchie, hinter den Universitäten, auch real zutrifft. (Später zog unter Beibehaltung des Namens die jährliche Zusammenkunft in den Schweizerhof nach Luzern, und wie ich dem Internet entnehme, tagen die FH-Verantwortlichen jetzt sogar im KKL. Das Logo, das damals ein Mitarbeiter von mir schuf, ziert aber noch heute alle Dokumente, Beschriftungen und Namenstäfelchen.)

Einen weiteren Ausflug über den Herbstnebel des Kantons Zürich unternahm ich mit Ursula Gütlin-Plüer. Sie holte mich seinerzeit in die reformierte Kirchenpflege Schlieren. Seither sind wir befreundet. Ziel war ein Ortstermin in Sternenberg. Vor 38 Jahren war sie das letzte Mal dort, für mich war dieser Ausflug das erste Mal. Uns leitete die Frage, ob dort oben vielleicht eine Ferienwohnung zu mieten wäre. Doch der Besuch zeitigte andere Resultate. 


Die Aussicht ist zwar schön, doch der Ort ist als solcher kaum erlebbar. Zu weit auseinander stehen die Häuser auf windigen Hügeln und an steilen Abhängen, und die von vielen Motorrädern befahrene Hauptstrasse verfügt über kein Trottoir. Die Kirschtorte im Sternen vermochte diese Mängel nicht ganz aufzuheben.

Und jetzt kommt noch Hans-Martin Bossert. Er gehört zu meinen engsten Freunden. Wir haben uns unser ganzes Erwachsenenleben lang begleitet, einmal aus nächster Nähe, als wir zusammen fast 20 Jahre lang im selben Haus an der Schwamendinger Bocklerstrasse lebten, und dann etwas mehr aus der Ferne, als er in Zürich in den Kreis 5 zog und ich wenig später nach Luzern. Hans-Martin ist Musiker, jetzt frisch pensioniert. Wir trafen uns während dieser zweiten Welle dreimal. Das erste Mal, als er mir in Lenzburg, wo er heute lebt, einen wunderbaren Samstagsbrunch bescherte und mich anschliessend auf einem langen Fussmarsch nach Wohlen begleitete. 


Das zweite Mal, als er meiner Lesung in Schlieren beiwohnte. Und das dritte Mal, als wir im Landesmuseumsrestaurant Spitz Wildschwein essen gingen. Dort gestand er mir seine leichte Irritation, dass er weder in meinen Blogs und erst recht nicht in der Auswahl zum Amakong-Buch Erwähnung findet. Seine Bemerkung führte zu einem befreienden Gespräch, in welchem ich ihm zu verstehen gab, dass er mir eigentlich zu wichtig sei, um ihn in einer meiner Geschichten zu verbraten. Ich lud ihn aber ein, in Korrespondenzform ein Format zu entwickeln, das für uns beide spannend werden könnte. Denn Tatsache ist, dass ich vor seinem Sprachvermögen immer grossen Respekt hatte. Ich halte ihn für den präziseren, witzigeren und begabteren Schreiber als mich. Unsere Korrespondenz wäre für mich eine grosse Herausforderung. Das soll gelten.

Was noch? – Die Schilderung weiterer Besuche und Begegnungen spare ich mir für eine andere Gelegenheit auf. Zur Stunde habe ich mit meinem Amakong für das Suppenküchenprojekt netto 10.000 Franken zusammengebracht, was ungefähr der Hälfte dessen entspricht, was ich mir vorgenommen hatte. Doch unter den gegebenen Umständen darf ich nicht klagen. Keine einzige Buchbesprechung ist bis jetzt erschienen, ich habe überdies null Werbung gemacht. Der Verkauf geht weiter, vielleicht hilft ein bisschen das Weihnachtsgeschäft, um die Restauflage noch unter die Leute zu bringen. 

 

© Nikolaus Wyss

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