Kriengsak 'Victor' Silakong |
Es ist ein merkwürdiges Gefühl von Verlorenheit, plötzlich einem Menschen nachtrauern zu müssen, der schon vor bald drei Jahren gestorben ist. Doch ich habe erst gestern davon erfahren und zwar, als wir über Suppen sprachen. Wir erinnerten uns an eine Begegnung mit ihm in Bangkok vor vielleicht sieben Jahren. Er führte uns damals in ein Restaurant, wo in der Mitte des Tisches ein Gasbrenner Wasser in einem grossen Topf zum Sieden brachte. Dann bestellte er Zutaten wie Shrimps, Rindfleisch, Pilze und Gemüse unterschiedlichster Art, die jeder nach und nach mit Stäbchen in sein eigenes Körbchen packte und dieses anschliessend zum Garen ins kochende Wasser tauchte. Mit interessanten Sösschen angereichert verspeisten wir das so Zubereitete. Seine Anweisungen und Kommentare waren kenntnisreich und dergestalt, dass wir uns in der Stadt wohl grad im besten Suppenrestaurant befinden mussten. Darunter ging nichts. Das war seine Einschätzung, die er uns mit Nachdruck zur Kenntnis brachte. Er bewertete und kommentierte alles in dieser Art von Ratings. Zum Schluss blieb eine kräftige Suppe übrig, ihm zufolge natürlich die allerbeste, die wir dann anstelle einer Nachspeise auch noch schlürfen durften.
Nach dieser gestrigen Erinnerung nahm es mich wunder, wie es ihm geht und was aus ihm noch geworden ist. Damals war er Direktor des Filmfestivals von Bangkok. Eine angesehene, hochrangige Person, die Zugang zum Königshaus, zu Ministerien und Ämtern hatte, der für gewöhnliche Menschen verschlossen blieb. Im Laufe der vielen Jahre, in denen wir uns schon kannten, rief er mich ab und zu an, und wir plauderten über Filme, die ich gesehen haben sollte, und über Jungs, die in seinen Augen in Kolumbien attraktiver seien als in Peru. Doch dafür sei in Peru das Essen um Welten besser. "The best". Er kannte Cartagena an der Karibikküste gut. Er besuchte dort einige Male das Filmfestival, sagte aber immer wieder, wie müde er sei, und dass er aufs Alter hin im Süden Thailands gerne ein Gästehaus eröffnen möchte, dort, wo seine Eltern eine Kautschuk-Farm betrieben. Es interessierte ihn, wie ich hier in Bogotá unser kleines bed&breakfast führe. Er wollte einmal vorbeischauen kommen.
Ich suchte also gestern im Internet nach Kriengsak Silakong, so hiess er, auch Victor genannt, und stiess zu meinem Schrecken auf einige Nachrufe,verfasst im März 2022: Unwohlsein mit Schmerzen in der Brust, Überführung ins Spital, kurz darauf Eintritt des Todes. Die Kommentare hielten fest, dass sein Tod ein grosser Verlust des thailändischen Kulturlebens sei. Mir verschlug es die Sprache.
Doch heute lasse ich betroffen, traurig, aber dankbar auch für unsere Freundschaft, Revue passieren, was alles uns verbunden hatte: 1989 war ich auf Reportage in Thailand. Zusammen mit dem Fotografen Emanuel Ammon. Es ging um die Erstaufführung von Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“ auf Thai. Darüber wollte ich berichten. Bei unserer Ankunft wurde mir ein Begleiter zugeteilt, der Übersetzerdienste und auch sonstige Hilfestellungen leisten sollte. Er stellte sich mit Kriengsak vor und sprach ausgezeichnet Englisch. Was ich nicht erwartete: für ihn repräsentierte ich den gebildeten Westeuropäer, und er wollte die Gelegenheit beim Schopf packen, von meinem Wissen so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen. So verwickelte mich der junge Mann gleichentags in ein Gespräch über Thornton Wilder („Die Brücke von San Luis Rey“, „Unsere kleine Stadt“), über Samuel Beckett („Warten auf Godot“), und über das Beziehungsgeflecht und die Gedichte von André Gide, Paul Valéry und Mallarmé, Rimbaud, Verlaine und Baudelaire. Ich konnte seine Neugier kaum befriedigen. Er wusste mehr als ich, auch wenn er mich dies nicht spüren liess. Ich glaube, ich steigerte bei ihm mein Prestige noch, als ich befand, dass ich die Theateraufführung der alten Dame für missraten hielt, denn das schien ihm Beweis genug gewesen zu sein, dass ich in Literatur und Kunst sachverständig war. Sein Bildungshunger beeindruckte mich, und irgendwann landeten wir im Bett, wo sich sein Hunger noch auf andere Weise zeigte. Wir bekamen Lovers, wohlwissend, dass dieser Kontakt grossen Einschränkungen unterworfen sein würde. Er studierte in Thailand, ich arbeitete in der Schweiz.
Einmal kam er mich besuchen in der Schweiz. Ich wohnte damals in Schwamendingen. Nichts schmeckte ihm. Er ass keinen Salat, kein Gemüse, kein Grünzeugs (er pickte die Petersilie in einer Sauce fein säuberlich raus), konnte mit Fondue und Zürich-Geschnätzeltem nichts anfangen und verlor, dünn wie er war, innert einer Woche noch zusätzlich drei Kilo. Ich machte mir ernsthaft Sorgen, führte ihn in ein Thai-Restaurant, das aber in seinen Augen der originalthailändischen Küche das Wasser nicht reichen konnte. Er liess das Bestellte einfach stehen. Doch eines Tages kam er glücklich nach Hause. Er sagte: „Now I am happy. I have been at MacDonald’s. It’s like at home.” – Dieses Zitat verwendete ich einige Male in öffentlichen Diskussionen, wenn es um Heimat und Globalisierung ging. Kriengsak, der als Schüler in Bangkok seine Hausaufgaben stets in den klimatisierten Räumen einer Mac-Filiale machte (zu Hause hatten sie nur einen Ventilator), fühlte sich in der so weit entfernten Schweiz plötzlich wie in seiner vertrauten Umgebung...
Doch. Röschti mochte er auch und kaufte am Ende seines Aufenthaltes in der Migros ein paar Packungen vorgefertigter Röschtis, die man ohne weitere Zutaten in einer Bratpfanne anbraten konnte.
Manchmal nervte mich Krieng auch, indem er keinen Unterschied gelten liess zwischen einer historisch gewachsenen, jahrhundertealten Altstadt und einem Neubau oder Disneyland. So lange ihn die Ästhetik befriedigte, konnte es gestern entstanden sein, auch ohne Reifeprozess und Patina (die man ja, befand er, auch anmalen konnte).
Meine Mutter, die wir einige Male besuchten, mochte Krieng gut und verwöhnte ihn. Sie schenkte ihm Kinoeintritte und besorgte für ihn ein Fläschchen Tabasco, das er fortan auf die Speisen schütten konnte, um so ein bisschen thailändische Schärfe zu kosten. Zum Abschied seines Aufenthalts bedankte er sich mit einem Lied. Er sang a capella vor meiner Mutter Frank Sinatras Lied „Stranger in the Night“. Auf Thai. Er hatte eine klare, kräftige Stimme, und das Lied bekam mit den unverständlichen Wörtern eine exotische Färbung. Sein Liedvortrag rührte uns sehr.
Der Zeiten Lauf brachte es mit sich, dass sich bei einer Distanz von 9000 Kilometern unsere Gefühle füreinander allmählich abschwächten. Umso erstaunlicher scheint mir, dass wir über Jahrzehnte brieflich und telefonisch in Kontakt geblieben sind. Nicht oft, aber so, dass wir immer wieder einmal voneinander wussten, was dem anderen so alles widerfahren ist.
Nach dem Studium, so mein Kenntnisstand, arbeitete er in der Filmbranche, fertigte für ein Thai-Publikum Trailers grosser Blogbusters an, amtete als Synchronsprecher und freundete sich mit dem französischen Botschafter an, der ihm mit seinen Kontakten ermöglichte, Theaterstücke zu schreiben und auch zu inszenieren. Krieng sprach seit einem späteren Schauspielstudium in Paris gern Französisch und eignete sich dabei auch gleich die französische Arroganz an, scharfe Urteile zu fällen und etwas auf die anderen hinunterzublicken, was ihm bei seinem beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg durchaus zu Hilfe kam. Er nannte sich von nun an Victor.
Er hatte eine ältere Schwester, die laut Krieng nach Singapore heiratete und eine erfolgreiche Geschäftsfrau wurde. Und er hatte einen jüngeren Bruder, dem er um alles in der Welt Bildung beibringen wollte. Er schenkte ihm Bücher und schleppte ihn in Kinos und Theateraufführungen, musste aber mit Befremden feststellen, dass dieser immer einschlief, sobald es dunkel wurde im Saal. Später, als Filmfestivaldirektor, stellte Kriengsak aber fest, dass dieser Bruder ein untrügliches Urteilvermögen besass für Filme, die auf einem Festival Erfolg haben könnten. So wurde er Kriengsaks Assistent, der alle in Betracht gezogenen Festival-Filme zu Hause auf einem Kassenrecorder vorvisionierte und mit seinen Empfehlungen gehörigen Einfluss aufs Festival-Programm auszuüben vermochte.
Ich glaube, Krieng hatte nach mir zwar Dutzende von lovers, aber niemanden, mit dem er sich wirklich zusammentun wollte oder konnte. In unseren langen, gelegentlichen Telefongesprächen beklagte er sich oft, dass sein Lebensstil und die Arbeit es kaum zuliessen, eine ernsthafte Beziehung aufzubauen. Er reiste jedes Jahr in der Economy-Class rund um die Welt (auch wenn er sich ein Business-Ticket durchaus hätte leisten können). Er besuchte in allen Kontinenten Filmfestivals und ass sich durch die angesagtesten Restaurants. Viel hielt er sich auch in Indien auf, ich weiss nicht, ob privat oder geschäftlich. Zu Hause in Bangkok unterrichtete er in den Armenvierteln einmal in der Woche Jugendliche in Englisch und sonderte, so erzählte er mir, als weiteres Hobby auf Twitter Sottisen ab, spitze Bemerkungen zum Zustand seines Landes - unter Schonung des Königs, selbstverständlich. Ich besuchte ihn über die Jahre verschiedentlich in Thailand und stellte fest, dass mein kleiner Assistent und Liebhaber von damals allmählich in die höchsten Kreise Thailands aufgestiegen war. Krethi und Plethi kannten Victor, während dieser gerne klagte, dass das alles zu viel für ihn sei. Er träumte von einem ruhigen Leben. Wie ernst er es damit meinte, weiss ich nicht, ich sehe nur, dass ihm dies wohl bis zu seinem Ableben nicht vergönnt war.
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