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Erinnerungsstücke ja, zur Kultivierung der eigenen Unsterblichkeit allerdings ungeeignet |
Der Zufall wollte es, dass ich damals in Zürich zuweilen an der Unteren Zäune im „Fliegenden Fisch“ verkehrte, einer Wohngemeinschaft, auf mehrere Stockwerke verteilt, wo einige Tschechen nach ihrer Flucht aus ihrer Heimat Unterschlupf gefunden hatten und sich mit unterschiedlichsten Aktivitäten über Wasser zu halten versuchten. Sie wurden von den Mitbewohnern für Schlitzohren gehalten. Ich wiederum suchte in ihnen Charakteren, die ich von Kunderas Romanen her kannte, was mir allerdings nur in sehr beschränktem Masse gelang.
Eine Szene eines anderen Romans von Kundera jedoch begleitet mich bis heute. Das Buch heisst Die Unsterblichkeit und handelt unter vielem anderem von zwei Paaren, die sich in einem Beziehungsgestrüpp mit tragischem Ausgang verstricken. Die vielen Dialoge drehen sich immer wieder um die Frage und um den Wunsch, unsterblich zu werden, und um die dafür notwendigen Vorkehrungen und Strategien. Und Kundera schildert an einer eingeschobenen Stelle die Beziehung des 60jährigen Johann Wolfgang von Goethe zum jungen Schwarmgeist Bettine von Arnim, die kein Geheimnis daraus machte, alles, was sie von Goethe in Erfahrung bringen konnte, fein säuberlich niederzuschreiben. Kundera vermutet nun, dass sich Goethe vor dem scharf beobachtenden Auge und vor der spitzen Feder seiner jungen Bewunderin fürchtete. War er doch bedacht auf seinen guten Ruf, der mit Blick auf seine Unsterblichkeit nicht beschädigt werden sollte. Wenn also Bettine unten an der Haustür klingelte und um Einlass bat, so machte sich Goethe erst zurecht, kämmte sich das Haar, schob sein Gebiss rein und zog den Gehrock an. Frisch geschniegelt und mit wohlriechendem Parfum versehen öffnete er dann Bettine die Tür und liess die junge Dame gewähren. Das war zuweilen anstrengend, aber offenbar unabdingbar - bis, ja bis bei Goethe die Überzeugung reifte, dass Bettine ihm wohl nichts Rufschädigendes mehr anhängen kann. Jetzt, so Kunderas These, war sich Goethe endlich seiner Unsterblichkeit sicher. Name und Werk würden sein irdisches Leben um viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte überdauern. So entschloss er sich beim nächsten Besuch Bettines kurzerhand, ihr ungewaschen, zahnlos und im Morgenrock entgegenzutreten, was bei der jungen Dame wohl Befremden ausgelöst haben dürfte. Plötzlich hatte sie ihn mit ihren Beobachtungen nicht mehr im Griff. Goethe liess sie so wissen, dass es ihm von jetzt ab scheissegal ist, was sie von ihm halten mochte…
Ich gebe gerne zu, dass ich mich in frühen Jahren mit meiner eigenen Unsterblichkeit auch befasste, vielleicht in dem Masse, wie meine Mutter sich anschickte, durch ihre Bücher, Preise und Auftritte eine schweizweit bekannte Persönlichkeit zu werden. Ihre Aktivitäten bargen ein gewisses Potential an Unsterblichkeit. – Jetzt ist sie schon seit 22 Jahren tot, und ihre Geburtsstadt Biel nennt immerhin einen ihrer grössten Plätze nach ihr: Die Esplanade Laure Wyss. Und auf dem Zürcher Friedhof Rehalp wird für sie während der kommenden 50 Jahre ein Ehrengrab unterhalten. Das sind schon Ansätze zur Unsterblichkeit, auch wenn ihr Verlag keine Anstalten mehr macht, längst vergriffene Bücher von ihr neu aufzulegen. Für die Pflege der Unsterblichkeit ist dies vielleicht auch gar nicht nötig.
Ich hingegen blieb bereits in jungen Jahren im Gefühl stecken (und unternahm auch nichts dagegen), untauglich zu sein für die Förderung meiner eigenen Unsterblichkeit. Ich war faul, ziellos und oft deprimiert. Ich schrieb über mein Leid tonnenweise Tagebücher. Energie in nachhaltigeres Tun zu stecken, in etwas, was hätte Früchte tragen mögen, die noch weit über meinen Tod hinaus reifen und meinen Namen lebendig halten würden, gelang mir irgendwie nicht. Ich war zwar gut im Anreissen von Initiativen, konnte mich in die unmöglichsten Abenteuer stürzen und galt als ganz umgänglich und nett, aber meistens reichten der Durchhaltewillen und das Engagement für die Konsolidierung der Projekte nicht aus. So musste ich mir das mit der eigenen Unsterblichkeit gezwungenermassen abschminken. Zum Trost kaprizierte ich mich auf den Gedanken, dass man von seiner eigenen Unsterblichkeit eh nichts hat, weil man ja dann tot sein wird.
Ich weiss nicht mehr, wie ironisch Kundera in seinem Buch die Sache mit der Unsterblichkeit wirklich gemeint hat. Ein Roman erlaubt dem Autor schliesslich, die eigene Meinung nicht kundtun zu müssen. Sofern er überhaupt eine Meinung dazu hat. Der Schreiber darf einfach das Potential eines Themas oder einer Geschichte ausbeuten. Für ihn entwickeln sich daraus Figuren, Handlungen und Wirkungen. Das ist eigentlich alles. Blöd ist nur derjenige Leser, wenn er sich das Thema zu eigen macht und meint, etwas Wichtiges dazu beitragen zu müssen, wie ich jetzt, der sagt: wer findet, etwas Wesentliches geschaffen zu haben in seinem Leben, das der Nachwelt unbedingt erhalten werden muss, nimmt etwas vorweg, worüber erst kommende Generationen werden urteilen können. - Wie viele Nachlässe, wenn man jetzt bei den Schriftstellern bleiben will, vermodern in den Kellern von Archiven, weil sich niemand mehr dafür interessiert? Wenn die verstorbenen Autoren dies nur wüssten! Dabei haben sie sich zu Lebzeiten so angestrengt, alles logisch und erhaltenswert zu ordnen. Hautnah habe ich das als zeitweiliger Privatsekretär des Schriftstellers Hugo Loetscher mitbekommen. Damals war er erst 45 Jahre alt, doch jeder Text, jede Korrespondenz, jede Romanversion wurden akribisch für die Ewigkeit, oder doch wenigstens für ein paar Philologen späterer Generationen archiviert.
Die gängigste Form des Wunsches nach Unsterblichkeit, und dies trifft wohl auf die Mehrheit der Menschen zu, ist die Hoffnung, nach dem Ableben zumindest im eigenen Umfeld, in der Familie, bei der Nachbarschaft, bei Freunden und Kollegen in guter Erinnerung zu bleiben. Noch schöner, wenn diese Hoffnung mit einer passablen Erbschaft unterfuttert werden kann, was dann allerdings oft zu Streit führt und die Pervertierung seiner eigenen Unsterblichkeit bedeutet. Bei Gläubigen kommt noch der Wunsch hinzu, mit ihrem vorbildlichen Verhalten in den Himmel zu kommen. Diese Idee jedoch konnte sich bei mir nie durchsetzen.
Auch ich nehme den Wunsch, in guter Erinnerung zu bleiben, für mich in Anspruch, auch wenn es mir egal sein könnte. Hinterlassenschaft habe ich keine. Bleibt noch die Frage, was mit dem Kram, den ich bis hierher nach Kolumbien mit mir herumgeschleppt habe (Tagebücher, Erinnerungsstücke, Korrespondenz, Kleider etc.), nach meinem Ableben passieren soll. Ich befürchte, er wäre eine Belastung für mein Umfeld. Und doch hänge ich noch ein bisschen daran. Hält mich dieser Plunder noch etwas am Leben? Soll ich erst gehen dürfen, wenn bei mir aufgeräumt und alles entsorgt sein wird?
P.S. Seit meine eigene Unsterblichkeit kein Thema mehr ist, fällt mir das Schreiben leichter...
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