Donnerstag, 26. September 2024

Vom Abschminken meiner eigenen Unsterblichkeit

Erinnerungsstücke ja, zur Kultivierung der eigenen Unsterblichkeit allerdings ungeeignet
Der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera (1929-2023) verhalf mir in frühen Jahren mit seinen Büchern zu vielen vergnüglichen Lesestunden. Ich weiss noch, wie ich damals die Romane „Die unerträgliche Leichtigeit des Seins“ und „Das Buch der lächerlichen Liebe“ verschlungen habe und mich über Freundinnen von mir ärgerte, die dem Autor eine gewisse frauenfeindliche Grundhaltung vorwarfen. Merkwürdigerweise erinnere ich mich heute kaum noch an den Inhalt dieser Bücher. Geblieben ist mir einzig das Gefühl, das ich damals beim Lesen empfand: ich wurde bis zur letzten Zeile klug und unterhaltsam geführt. Ich dachte, wenn die Tschechen so sind, wie Kundera sie darstellt, und wenn sie so gekonnt erzählen können wie Kundera, so müsste ich mich mit dieser Kultur an der Moldau wirklich einmal näher befassen.

Der Zufall wollte es, dass ich damals in Zürich zuweilen an der Unteren Zäune im „Fliegenden Fisch“ verkehrte, einer Wohngemeinschaft, auf mehrere Stockwerke verteilt, wo einige Tschechen nach ihrer Flucht aus ihrer Heimat Unterschlupf gefunden hatten und sich mit unterschiedlichsten Aktivitäten über Wasser zu halten versuchten. Sie wurden von den Mitbewohnern für Schlitzohren gehalten. Ich wiederum suchte in ihnen Charakteren, die ich von Kunderas Romanen her kannte, was mir allerdings nur in sehr beschränktem Masse gelang.

Eine Szene eines anderen Romans von Kundera jedoch begleitet mich bis heute. Das Buch heisst Die Unsterblichkeit und handelt unter vielem anderem von zwei Paaren, die sich in einem Beziehungsgestrüpp mit tragischem Ausgang verstricken. Die vielen Dialoge drehen sich immer wieder um die Frage und um den Wunsch, unsterblich zu werden, und um die dafür notwendigen Vorkehrungen und Strategien. Und Kundera schildert an einer eingeschobenen Stelle die Beziehung des 60jährigen Johann Wolfgang von Goethe zum jungen Schwarmgeist Bettine von Arnim, die kein Geheimnis daraus machte, alles, was sie von Goethe in Erfahrung bringen konnte, fein säuberlich niederzuschreiben. Kundera vermutet nun, dass sich Goethe vor dem scharf beobachtenden Auge und vor der spitzen Feder seiner jungen Bewunderin fürchtete. War er doch bedacht auf seinen guten Ruf, der mit Blick auf seine Unsterblichkeit nicht beschädigt werden sollte. Wenn also Bettine unten an der Haustür klingelte und um Einlass bat, so machte sich Goethe erst zurecht, kämmte sich das Haar, schob sein Gebiss rein und zog den Gehrock an. Frisch geschniegelt und mit wohlriechendem Parfum versehen öffnete er dann Bettine die Tür und liess die junge Dame gewähren. Das war zuweilen anstrengend, aber offenbar unabdingbar - bis, ja bis bei Goethe die Überzeugung reifte, dass Bettine ihm wohl nichts Rufschädigendes mehr anhängen kann. Jetzt, so Kunderas These, war sich Goethe endlich seiner Unsterblichkeit sicher. Name und Werk würden sein irdisches Leben um viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte überdauern. So entschloss er sich beim nächsten Besuch Bettines kurzerhand, ihr ungewaschen, zahnlos und im Morgenrock entgegenzutreten, was bei der jungen Dame wohl Befremden ausgelöst haben dürfte. Plötzlich hatte sie ihn mit ihren Beobachtungen nicht mehr im Griff. Goethe liess sie so wissen, dass es ihm von jetzt ab scheissegal ist, was sie von ihm halten mochte…

Ich gebe gerne zu, dass ich mich in frühen Jahren mit meiner eigenen Unsterblichkeit auch befasste, vielleicht in dem Masse, wie meine Mutter sich anschickte, durch ihre Bücher, Preise und Auftritte eine schweizweit bekannte Persönlichkeit zu werden. Ihre Aktivitäten bargen ein gewisses Potential an Unsterblichkeit. – Jetzt ist sie schon seit 22 Jahren tot, und ihre Geburtsstadt Biel nennt immerhin einen ihrer grössten Plätze nach ihr: Die Esplanade Laure Wyss. Und auf dem Zürcher Friedhof Rehalp wird für sie während der kommenden 50 Jahre ein Ehrengrab unterhalten. Das sind schon Ansätze zur Unsterblichkeit, auch wenn ihr Verlag keine Anstalten mehr macht, längst vergriffene Bücher von ihr neu aufzulegen. Für die Pflege der Unsterblichkeit ist dies vielleicht auch gar nicht nötig.

Ich hingegen blieb bereits in jungen Jahren im Gefühl stecken (und unternahm auch nichts dagegen), untauglich zu sein für die Förderung meiner eigenen Unsterblichkeit. Ich war faul, ziellos und oft deprimiert. Ich schrieb über mein Leid tonnenweise Tagebücher. Energie in nachhaltigeres Tun zu stecken, in etwas, was hätte Früchte tragen mögen, die noch weit über meinen Tod hinaus reifen und meinen Namen lebendig halten würden, gelang mir irgendwie nicht. Ich war zwar gut im Anreissen von Initiativen, konnte mich in die unmöglichsten Abenteuer stürzen und galt als ganz umgänglich und nett, aber meistens reichten der Durchhaltewillen und das Engagement für die Konsolidierung der Projekte nicht aus. So musste ich mir das mit der eigenen Unsterblichkeit gezwungenermassen abschminken. Zum Trost kaprizierte ich mich auf den Gedanken, dass man von seiner eigenen Unsterblichkeit eh nichts hat, weil man ja dann tot sein wird.

Ich weiss nicht mehr, wie ironisch Kundera in seinem Buch die Sache mit der Unsterblichkeit wirklich gemeint hat. Ein Roman erlaubt dem Autor schliesslich, die eigene Meinung nicht kundtun zu müssen. Sofern er überhaupt eine Meinung dazu hat. Der Schreiber darf einfach das Potential eines Themas oder einer Geschichte ausbeuten. Für ihn entwickeln sich daraus Figuren, Handlungen und Wirkungen. Das ist eigentlich alles. Blöd ist nur derjenige Leser, wenn er sich das Thema zu eigen macht und meint, etwas Wichtiges dazu beitragen zu müssen, wie ich jetzt, der sagt: wer findet, etwas Wesentliches geschaffen zu haben in seinem Leben, das der Nachwelt unbedingt erhalten werden muss, nimmt etwas vorweg, worüber erst kommende Generationen werden urteilen können. - Wie viele Nachlässe, wenn man jetzt bei den Schriftstellern bleiben will, vermodern in den Kellern von Archiven, weil sich niemand mehr dafür interessiert? Wenn die verstorbenen Autoren dies nur wüssten! Dabei haben sie sich zu Lebzeiten so angestrengt, alles logisch und erhaltenswert zu ordnen. Hautnah habe ich das als zeitweiliger Privatsekretär des Schriftstellers Hugo Loetscher mitbekommen. Damals war er erst 45 Jahre alt, doch jeder Text, jede Korrespondenz, jede Romanversion wurden akribisch für die Ewigkeit, oder doch wenigstens für ein paar Philologen späterer Generationen archiviert.       

Die gängigste Form des Wunsches nach Unsterblichkeit, und dies trifft wohl auf die Mehrheit der Menschen zu, ist die Hoffnung, nach dem Ableben zumindest im eigenen Umfeld, in der Familie, bei der Nachbarschaft, bei Freunden und Kollegen in guter Erinnerung zu bleiben. Noch schöner, wenn diese Hoffnung mit einer passablen Erbschaft unterfuttert werden kann, was dann allerdings oft zu Streit führt und die Pervertierung seiner eigenen Unsterblichkeit bedeutet. Bei Gläubigen kommt noch der Wunsch hinzu, mit ihrem vorbildlichen Verhalten in den Himmel zu kommen. Diese Idee jedoch konnte sich bei mir nie durchsetzen.

Auch ich nehme den Wunsch, in guter Erinnerung zu bleiben, für mich in Anspruch, auch wenn es mir egal sein könnte. Hinterlassenschaft habe ich keine. Bleibt noch die Frage, was mit dem Kram, den ich bis hierher nach Kolumbien mit mir herumgeschleppt habe (Tagebücher, Erinnerungsstücke, Korrespondenz, Kleider etc.), nach meinem Ableben passieren soll. Ich befürchte, er wäre eine Belastung für mein Umfeld. Und doch hänge ich noch ein bisschen daran. Hält mich dieser Plunder noch etwas am Leben? Soll ich erst gehen dürfen, wenn bei mir aufgeräumt und alles entsorgt sein wird?

P.S. Seit meine eigene Unsterblichkeit kein Thema mehr ist, fällt mir das Schreiben leichter...

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©Nikolaus Wyss
 

Donnerstag, 19. September 2024

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 11)


Sonntagsausfahrt ins Blaue. Zu Beginn die Frage, in welche Richtung wir aufbrechen sollen. Die Entscheidung fiel auf westwärts. Wir durchquerten dabei unbekannte Quartiere und fanden es spannend, unsere Kenntnisse der Stadt auf diese Weise zu erweitern. Doch an der Carrera 106 war dann plötzlich Schluss. Wir mussten uns entscheiden, für die Fortsetzung des Ausflugs entweder die Richtung nach Süden oder die nach Norden einzuschlagen. Wir entschieden uns für den Norden. Eine Viertelstunde weiter vorn stand auf einem Wegweiser "Chia". Da leuchteten seine Augen, denn dort verlebte mein junger Liebhaber zwei Jahre seines Lebens, und er wollte mir zeigen, wo sein Zuhause war. Die Fahrt führte uns über löchrige Strassen. Dazu hörten wir unter anderen den Song, den Carol G mit Andrea Bocelli kürzlich herausgebracht hat, ein Remake von VIVO POR ELLA, das derselbe Sänger damals, vor 30 Jahren, mit Marta Sánchez aufgenommen hatte. Mir schien, dass Bocellis Stimme in der neuen Aufnahme seltsam brüchig klang, während Carol G, die sonst gerne eher leise und mit wenig Volumen unterwegs ist (Billie Eilish lässt grüssen), stimmlich aufdrehte, um vielleicht dem Vergleich mit Marta Sánchez standzuhalten, was ihr allerdings nicht ganz gelingt. Das Zentrum von Chia, einem Ort, der bekannt ist für seine wohlhabendere Einwohnerschaft, fiel im Vergleich zu anderen Kommunen der Gegend nicht speziell auf. So fuhren wir bald weiter mit dem Ziel, irgendwo zu essen. Der Wunsch des jungen Mannes auf dem Beifahrersitz fiel auf einen Eventschuppen namens "La Chula Campestre". Google Maps führte uns problemlos dahin. Es handelte sich genau um die Art von Ausflugsrestaurants, die mir für ein Mittagsmahl nicht einmal im Traum in den Sinn kämen. Weder für den Sonntag noch für einen Geburtstag. Grosser Parkplatz, viel Personal, aufwändige Eingangskontrolle, riesiger, dunkler Speisesaal, vorherrschend in Rot und Leuchtstoffgrün, aufwändig dekoriert. Mit drei grossen Leinwänden, auf denen mexikanische Musikclips dargeboten werden, und über welche später die live-Darbietung zu den schlechteren Plätzen des Saales hinüberflimmert. Wir wurden aufgeklärt, dass um halb zwei eine Marriachi-Show stattfinden wird und um halb drei ein Pferdeevent. Der Schluss sei für 16 Uhr geplant. Darum herum würden sich Vorspeisen, Hauptspeisen und Desserts schlängeln. Viele Tische waren mit Luftballonen dekoriert, mit Fähnchen in den kolumbianischen Landesfarben und mit vielem mehr. Der Saal füllte sich mit Familien, die etwas zu feiern hatten. Meinem Begleiter gefiel das Ambiente, ich fragte allerdings den Keller, der sich mit Diego vorgestellt hatte, ob die Speisen auch in rascherer Folge serviert werden könnten, weil wir nicht beabsichtigen würden, bis zum Schluss zu bleiben (ab 16 Uhr wird die Rückfahrt in die Stadt zur Qual. Manchmal bleibt man nämlich in der Autoschlange am selben Fleck bis zu einer Stunde stecken. Das wollte ich meiner schwachen Blase und meiner Ungeduld nicht antun). Diego hatte für mein Anliegen Verständnis und servierte das Bestellte zügig und ohne Rücksicht aufs offizielle Tagesprogramm. Ich kenne weiss Gott bessere Lokale in unserer näheren Umgebung, die für weniger Geld wesentlich bekömmlichere Speisen auftischen. Doch ich hielt mich an die Beobachtung, dass es meinem Liebhaber dort draussen ausserordentlich gut gefallen hat. Glückstrahlend bedankte er sich bei mir für diesen schönen Tag, was mich dann auch glücklich machte. Ohne in einer Schlange steckenzubleiben, verlief die Rückfahrt flüssig. Bevor ich das Auto wieder in unsere Garage stellte, wischte ich anstelle eines Verdauungsspaziergangs die Einfahrt von allerlei angesammeltem Unrat frei.

(Sonntag, 1. September, 2024)

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Beim Inder

    Bei uns um die Ecke gibt es ein indisches Restaurant, welches nach meinem Dafürhalten ziemlich authentische Gerichte auf den Tisch bringt, wenn auch nicht so pikant wie im Original (Kolumbianer mögen nicht so gern Scharfes). Gerne würde ich dort öfters essen gehen, doch der Reiz der indischen Küche liegt für mich unter anderem auch darin, von unterschiedlichen Plättlis zu kosten, und wenn wir nur zu zweit sind, so fällt dieser weg (ausser man bestellt viel mehr, als man auf einmal mag, lässt sich die Resten einpacken und wärmt sie anderntags zu Hause auf). Gestern jedoch ergab es sich, dass wir zu viert waren. Es war ein Abschiedsessen, weil Danika gleichtags für ein paar Shows nach Amsterdam wegflog (fast hätte sie den Flug verpasst, weil sie sich irrtümlicherweise nur das Ankunftsdatum vom 5. September gemerkt hatte, dabei startete der Flieger schon am Abend zuvor). Es war köstlich, auch wenn ich mich schon nicht mehr genau an alles erinnere, was wir bestellt hatten: div. Huhn-Zubereitungsarten, Gemüse, Lamm, Pilze, Shrimps, Salat etc. Das Tafelbild gibt nicht alle Köstlichkeiten wider, denn die Kellnerin war bemüht, leergegessene Schalen jeweils zügig wegzuräumen, und Saúl, dem einen von uns vieren, kam erst gegen Ende des Mittagsmahls in den Sinn, eine Foto von oben zu schiessen. Kostenpunkt für uns vier: 88 Schweizerfranken. Das geht noch, finde ich. Später fuhr ich Danika zum Flughafen. Die sonst vollgestopften Strassen waren seltsam leer. Könnte der Lastwagenstreik Grund dafür gewesen sein? Hunderte von Camions riegeln dieser Tage die grossen Einfallstrassen in die Stadt ab, um niedrigere Treibstoffpreise zu erzwingen. Die Presse spricht bereits von Versorgungsnotstand, weil keine neuen Frischwaren die Läden erreichen und die Preise für Salat, Fleisch und Gemüse im Steigen begriffen sind. Die Verriegelung der Stadt hatte gestern dann auch zur Folge, dass nicht so viel Privatverkehr in die Stadt einströmen konnte. Item, wir erreichten den Flughafen bereits nach 20 Minuten. Sonst muss man zu Stosszeiten mit bis zu 60 Minuten rechnen, oder mehr. Mir kam das alles entgegen, denn ich fahre wegen meinen Augen ungern nachts. So aber kehrte ich noch bei Tageslicht zurück und setzte mich zum Einnachten auf die Treppe vor dem Haus und wartete auf den Kolibri. Doch der erschien nicht mehr. Scheint um diese Zeit schon satt gewesen zu sein.
 
(Mittwoch, 4. September 2024)
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 Kolibri

     

    Bei unserem Biolehrer Zopfi genoss der Kolibri einen Sonderstatus: er sei ein untypischer Vogel, exotisch, geheimnisumrankt, nur in Lateinamerika zu Hause, ein physikalisches Wunderwesen, das in der Luft mit schnellem Flügelschlag an derselben Stelle schweben könne wie ein Helikopter, um dann mit dem feinen, langen Schnabel Nektar aus den Blüten zu saugen! Herr Zopfi steckte uns Schüler mit seiner Begeisterung an. Manchmal begann er von Kolibris zu reden, wenn eigentlich Elefanten an der Reihe gewesen wären. Oder Maikäfer. Zu Gesicht bekommen hatte unsere Klasse allerdings einen Kolibri nie. Auch Herr Zopfi nicht. Nur auf einem Tafelbild wurde das Vögelchen einmal gezeigt, zusammen mit Papageien und anderem Gefieder.

    Damals gab es im Klassenzimmer zwar schon einen Projektionsapparat, doch die passenden Lichtbilder fehlten. Kolibris wären für Zopfi Grund genug gewesen, einmal nach Costa Rica zu reisen, um diese Helis der Fauna in freier Wildbahn zu beobachten und zu fotografieren. Leider fehlten ihm offenbar die Mittel dazu. Oder seine Frau stemmte sich dagegen. Wer weiss das schon. Bei uns in Europa gab es sie damals nicht einmal im Zoo. Als Exotenersatz hatten wir in unseren Breitengraden wenigstens die Nachtigall. Wegen ihres sagenhaften, rätselhaften und bezaubernden Endlosgesangs durfte sie auch ein wenig einen Sonderstatus einnehmen. Herr Zopfi, Besitzer eines starken Feldstechers, hatte, so versicherte er uns glaubhaft, Nachtigalle schon zu Gesicht bekommen, in der Provence zum Beispiel, oder, selten genug, auf den Feldern des Mittellandes. Doch zu Fotos reichte es nicht. Auch zum Zeigen einer Nachtigall bediente sich Zopfi eines farbigen Tafelbildes, worauf auch Elstern, Spechte, Amseln und Spatzen zu sehen waren. Zur Nachtigall sagte er: man hört sie eher, als dass man sie sieht.
    Ob hingegen Kolibris überhaupt Laute von sich geben können, zwitschern oder gar singen, wusste Herr Zopfi damals nicht. Es war jedenfalls kein Thema. Ich hingegen weiss es heute Dank Google. Als ob es mit dem sonderbaren, achterbahnartigen Flügelschlag nicht genug wäre, bringen Kolibris im Sturzflug für ihre Herzdamen ihre Schwanzfedern zum Singen, steht da. Und Wissenschaft.de titelt: „Kolibris spielen mit dem Doppler-Effekt“. Auch zwitschern können sie. Steht da. Ich habe allerdings noch nie einen Kolibri gehört, auch wenn sich im Laufe jeden Tages in unserem Vorgarten Kolibris einfinden, um den Nektar aus den Blüten unserer Sträucher zu saugen. Lautlos mitten in unserer lärmigen 12-Millionenstadt Bogotá auf 2600 Metern Höhe über Meer. Wenn das Herr Zopfi noch erleben könnte!
    So sitze ich des öfteren vor unserem Haus auf der Steintreppe und harre der Kolibris, die da kommen. Und ich erinnere mich plötzlich, wie ich als Bub meine Mutter einmal an einen Ornithologenausflug ins Reusstal begleiten musste. In aller Herrgottsfrühe waren wir aufgestanden, wurden von einem Bus voller Vogelfreunde eingesammelt, zu einem Ried gefahren und anschliessend auf feuchtem Boden durchs hohe Schilf zu einer Beobachtungsplattform geschleust. Es war bitterkalt und neblig, ich bekam nasse Füsse und wusste dem Unterfangen überhaupt nichts Positives abzugewinnen. Vögel konnten wir ohne Sicht keine ausmachen, ab und zu hörte man Gezwitscher und Geschnatter. Das war‘s. Dort reifte mein Entschluss, dass Vögel in meinem Leben nicht im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stehen werden. 
    Bis zu den Kolibris in unserem Vorgarten wich ich nur zweimal von diesem Vorsatz ab. Einmal im Winter 1990/91, als ich einige Monate in New York City in der Nähe des Central Parks zubrachte. Es war naheliegend, dass mich meine täglichen Spaziergänge oft in dieses benachbarte Grün führten, und ich durfte entdecken, dass der Park auch als eine hochfrequentierte, heiße Cruising-Gegend galt, wo man harmlos spazierend jungen Männern begegnen konnte, was mich zugegebenermassen faszinierte. In einem Wäldchen inmitten des Parkes befindet sich ein speziell eingegrenztes Revier mit Wasserspiel. Dort fanden sich tagsüber allerlei Vögel ein, dort versammelten sich auch viele Vogelbeobachter mit ihren Teleobjektiven. Dort stand ich dann oft, beobachtete aber nicht nur die eintreffenden Vögel, die sich ums Futter stritten, sondern eben auch vorbeiziehende Jungs und junge Männer, die, wie ich, eine Zeitlang stehenblieben und dem bunten Treiben zusahen. Dort diente die Vogelwelt bestens als Vorwand, dem eigentlichen Zweck des Parkaufenthalts zu frönen.
    Das zweite Mal, zehn Jahre später, in Luzern. Wenn mir als Hochschulrektor die Sorgen, der Stress, die Künstler, die Geschäftsleitung, der Konkordatsrat, die Studierenden, das Geld und die Einsamkeit über den Kopf wuchsen und mich in ein Loch zu reissen drohten, pflegte ich zuweilen auszubüchsen und auf dem Bürgenstock einen Spaziergang zu machen. Im Aufstieg zum Hammetschwandlift begleitete mich dabei regelmässig der Gesang einer Nachtigall, was eine schon an ein Wunder grenzende Beruhigung zur Folge hatte. Gelöst, geläutert, dankbar und mit neuer Energie versorgt konnte ich in die Stadt zurückkehren und mich den anstehenden Geschäften widmen.
    Heute auf der Treppe vor dem Haus zog ich die Handykamera hervor und machte vom Kolibri ein kleines Video.
 
(Sonntag, 8. September 2024)
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Aus meinem Tagebuch von 1974
 
Patrick Lévy, Vater zweier Kinder, Smadah und Sarah, Fachmann für Geflügelaufzucht. Lebt getrennt von seiner Familie.
    Er ist aus Frankreich, lebt ohne Bewilligung in der Schweiz (seine Frau ist aber Schweizerin). Er lebt in Wohngemeinschaften wie der unseren. Jetzt muss Patrick aber gehen. Der Verwalter unserer WG, R.P., hat ihn, aus was für Gründen auch immer, bei der Einwohnerkontrolle verpetzt. Jetzt ist die Fremdenpolizei hinter ihm her. Er findet keine Arbeit. Er will morgen verreisen, er weiss jedoch nicht, wohin. Er wird vermutlich wieder nach Frankreich reisen.
    Es ist trist. Er ist moralisch auf dem Hund. Es ist schlimm,  ziellos fortgehen zu müssen.
    Seine Familie Lévy stammt ursprünglich aus Spanien. Während der Inquisition flüchtete sie nach Rumänien und nahm den Schlüssel zu ihrem Haus in Spanien mit. Das war vor 400 Jahren. Noch jetzt wird der Schlüssel als Familienschatz gehütet. Der erstgeborene Sohn bekommt ihn.
    Patrick ist der Erbe. Doch er hat nur Töchter. Aber auch seine anderen Geschwister haben nur Töchter. Wem wird der Schlüssel vermacht werden?  
    Seit zwei oder drei Generationen wohnen Lévys jetzt in Frankreich. Ich glaube, Patrick ist einsam. Er hat kaum Freunde, die ihm jetzt helfen könnten, zu denen er jetzt gehen könnte. Auch seine Familie mag ihn nicht. Er sei zuhause das schwarze Schaf, sagt er.
    Patrick sprich französisch. Sein Deutsch ist mangelhaft. Es scheint, dass da eine schwere Last auf Patrick schlummert, die wohl kaum je abgetragen werden kann.
    Patrick liest Comics oder schaut sich die Bilder in den Heftchen an. Sonst macht er nichts. Er kann gut vor sich hinstarren. Lange Zeit. Früher habe er Eisen gelegt beim Bau eines Atomkraftwerks hier in der Schweiz. Jetzt wollen sie ihn nicht mehr, weil er keine Arbeitsbewilligung vorweisen kann.
    Er weiss also nicht, wohin er gehen könnte. Ich fühle mich so elend dabei. Ich weiss nicht, wie helfen. Und ob da sogar eine Nicht-Bereitschaft im Spiel ist, sich für Lösungen einzusetzen? Nicht einmal versucht habe ich es. Ich lass ihn einfach ziehen. Ungeheure Ferne. Ich würde doch einflussreiche Leute kennen, die ihm vielleicht helfen könnten. Ich lasse aber seinen für uns schamvollen Auszug geschehen. Ich sag ihm "Au revoir", als ob das genügen würde.
    Patrick erfährt Wahrheiten über uns, die ihm seine Einsamkeit bestätigen. Aber er bleibt hochanständig. Dieser Mann hat eine Würde und eine Grösse. Er lässt sich kaum etwas anmerken. Ich glaube, er könnte zu Recht von uns enttäuscht sein.
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Instagram-Flash (August 2024)
 

Ich bin Trump-verseucht. Während Donold bei seinen Rallies die Massen zählt und dafür von Barack Obama am Chicagoer Parteitag der Demokraten schon schön eins auf die Mütze bekommen hat, zähle ich ab und zu, wie viele Clicks durchschnittlich mein Blog bekommt (1400/Monat).
    Ja, ich habe auch ein Instagram-Account (@rector_wyss), bin aber total überfordert beim Wissen, was Reels, Threads, Stories und anderes mehr überhaupt bedeuten. Ich schiebe einfach hie und da ein Erinnerungsfoti dorthin. Auch die Katze bekommt ab und zu ihren Ehrenplatz. Die Zahl der Followers pendelte sich über die Jahre so bei ungefähr 1500 ein. Das sind keine Influencer-Dimensionen. In der Kurz-Bio schrieb ich von mir sogar, ich sei "the contrary of an influencer". - Item.
    Und jetzt dies. Seit einem 16-Sekunden-Video, das ich vor gut drei Monaten veröffentlichte, und worin ich mit dem Künstler Not Vital in seinem Atelier in Sent einen beinlosen Tisch ausprobiere, werde ich von meiner Umgebung plötzlich anders wahrgenommen. Dieser Clip wurde bis dato sageundschreibe 14,9 Millionen Mal angeschaut, bald wird die 15-Mio-Marke geknackt werden. 539'000 Herzchen wurden für diesen Beitrag vergeben, 1184 Menschen hielten den Beitrag sogar für einen Kommentar wert. Und jetzt verfüge ich schon über 4800 Followers.
    Das macht schon was mit einem. Ich weiss nur noch nicht genau was. Vielleicht die Reue, damit keinen Rappen verdient zu haben? Vielleicht die Enttäuschung, dass spätere Posts wieder aufs übliche Beachtungsniveau gesunken sind? Die Furcht, die neuen Followers könnten wieder wegschmelzen? - Alles Gefühle weit weg von der Freude, so einen Ausreisser überhaupt und unbeabsichtigt gelandet zu haben. Wieder einmal bestätigt sich mir die These, dass Instagram im Grunde unglücklich macht...
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©Nikolaus Wyss