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Dienstag, 18. Juni 2024

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 9)

 Januar 2024

    Der alte Mann wurde immer mal wieder für seinen nach wie vor kräftigen Haarwuchs belobigt, und er antwortete dann jeweils mit dem Hinweis, dass sein Vater schon in der Rekrutenschule eine Glatze gehabt hätte. Er aber habe zur Verhinderung desselben Schicksals schon als Bub Hirse gegessen und jeden Tag seinen Kopf mit einem teuren Haarwasser massiert.
    Doch seit einigen Jahren lebt er woanders. Dort ist sein Haarwasser unbekannt. Und trotzdem wächst sein Haar so, als ob er es noch immer mit diesem Produkt behandeln würde. Und jetzt fragt er sich, ob er sein Leben lang Geld für etwas ausgegeben hat, das er eigentlich gar nicht benötigt hätte.
 
April 2024
In der Panaderia BROT, Quinta Camacho
 
Im Bild das zweite Frühstück: als seniler Bettflüchtling stehe ich morgens zwischen fünf und halbsechs auf. Zu den Mittagsnachrichten von SRF (Zeitunterschied im Sommer: 7 Stunden) striegle ich die Katze (sie schnurrt dazu), gebe ihr Futter und bereite dann für mich selbst etwas Porridge zu mit einem geraffelten Apfel und dem Geschlabber einer Granadilla vermischt. Dazu Tee und Lutein in Form einer Tablette zur Eindämmung meiner Makuladegeneration. Zeitungslektüre und anschließend allerlei Verrichtungen, bis im Radio das Altersquiz „Dreivonfünf“ vorbei ist und das Haus langsam erwacht. - später, sehr viel später und nach einer Dusche Morgenspaziergang zur Bäckerei Brot, die tatsächlich so heisst. Die Damen dort kennen mich, ich muss gar nichts bestellen. Das Bild zeigt, was mir automatisch aufgetischt wird für 16.450 COP (ca 4 Franken, je nach Tageskurs). Das leckere, angewärmte und vor allem knusprige Croissant lässt mich vergessen, dass ich eigentlich ein paar Kilos abnehmen möchte. Und dort lese ich dann, was das Zeugs hält. Momentan bin ich an einer Geschichte über die Unabhängigkeitsbewegung von Indonesien mit dem Titel Revolusi. Autor ist der belgische Historiker David Van Reybrouck, der seinerzeit eine spannende, wenn auch niederschmetternde Geschichte über den Kongo verfasst hat. Seine Erzählweise ist faszinierend, eine Mischung aus Oral History-Nacherzählungen (er sucht meist uralte Zeitzeugen auf, die wiederum von ihren Großeltern erzählen, was dann eine Zeitspanne von weit über 100 Jahre umfassen kann) und saftig vorgetragenen hard facts und Dokumenten. Sein Buch vermittelt mir einen Einblick in die Historie einer Weltgegend, die ich zwar seinerzeit bereist habe, deren Werdung und Platzierung auf der politischen Weltbühne mir jedoch bis jetzt verschlossen geblieben ist. Jetzt aber gewinne ich eine Ahnung davon, was die Holländer über die Jahrhunderte und was während des Zweiten Weltkrieges die Japaner diesem Inselreich angetan haben, und wie grausam und blutrünstig die Indonesier selbst ihre Unabhängigkeit erstritten haben. In einem schon fast trancenähnlichen Zustand verlasse ich jeweils eine Stunde später das Brot und kaufe im Supermarkt gegenüber den fürs Mittagessen noch benötigten Salat und ev noch ein paar Rollen Toilettenpapier ein (ab zwei Gästen bei uns ist der Verbrauch signifikant).
 
Nussknacker in HongKong

 
     Damals war die Stadt HongKong noch eine Hoffnungsträgerin, pflegte demokratische Rechte und hielt Distanz zu Festland-China. Ich behalte frühere Begegnungen dort an Kongressen, Kunstausstellungen und privaten Treffen in bester Erinnerung. Jetzt allerdings verspüre ich keine Lust mehr, nochmals dorthin zu reisen.
    Die exotischste meiner vielen Begegnungen war wohl, als ich in den Nullerjahren in einer Bar einen jungen Mann kennenlernte, der absoluter Falco-Narr war. Er arbeitete tagsüber als Klempner und fuhr mit seinem Motorrad zu seiner Kundschaft, um Wasserschäden zu beheben und tropfende Wasserhähne zu flicken. Abends aber legte er bei sich in seinem engen Zimmer irgendwo in Kowloon Falco-CDs auf. Er kannte alle seine Songs auswendig und sang sie mir, vermutlich ohne ein Wort davon zu verstehen, vor. Sein chinesisch eingefärbtes Nachsingen der Spur nach war köstlich, wobei mir Falcos Originalösterreichisch genauso viel Mühe bereitet hätte. Doch mich rührte seine Fixierung auf diesen österreichischen Popstar, und beim „Der Kommissar geht um“ und bei „Rock Me Amadeus“ summte ich sogar mit und legte mit meinen Kenntnissen über Mozart nach, denn von ihm wusste er eigentlich nichts. Er wusste aber, dass Falco tragisch ums Leben kam, und er meinte, gerade deshalb müsse man dessen Erbe am Leben erhalten.
    Ein anderes westliches Erbe wurde damals in den grossen Malls von HongKong gepflegt. Klassische Musik, automatisch auf einem Flügel dargebracht. Im Gegensatz zum Falco-Fan stimmte mich diese Art von Musikpraxis aber eher traurig. Wenn doch wenigstens ein paar Ballerinen dazu im Tütü getanzt hätten! Wäre auch ein spannenderes Video geworden also dieses hier. So aber zerlief in der grossen Durchgangshalle dieser Mall die schwächelnde Interpretation dieser wunderbaren Komposition Tschaikowskis wie lauwarmer Brie…
 
 
Musik für einen Gast 
 
    Eine Trouvaille: Facebook-Freundin Claudia Bissig-Schuler schickt mir diesen Link zu. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, je in dieser Kult-Radiosendung "Musik für einen Gast" aufgetreten zu sein. Und jetzt dies: Fernseh-Legende Heidi Abel im Gespräch mit mir. Wir schreiben 1982. Beim Wiederhören fällt mir auf, dass gewisse Narrative über mein Leben bis heute Bestand haben, und die damals ausgewählte Musik berührt mich auch heute noch. Bin ich also seither stehen geblieben? Wie sähe meine Musikauswahl heute aus? Die Rolling Stones zum Beispiel sind ja immer noch zugange, aber ich höre mir ihre neueren Songs nicht mehr an. Also doch kleine Verschiebungen und Veränderungen im Laufe meines Lebens...
    Es war damals die Zeit, als Walter Keller und ich die Zeitschrift "Der Alltag - Sensationsblatt des Gewöhnlichen" herausbrachten und ich Führungen durchs Quartier Schwamendingen organisierte. So werde ich plötzlich mit einem längst vergangenen und abgelegten Lebensabschnitt konfrontiert, der so weit weg ist und doch so nah.            Vielen Dank, Claudia. Und zum Schluss wieder meine kleine Eitelkeit: Eigentlich schreibt sich mein Vorname mit einem O. Also Nikolaus... Und noch dies: im Gespräch räsonierte ich, dass ich wohl meinen Lebensabend nicht in Lateinamerika verbringen werde. Jetzt aber verlebe ich frischfröhlich seit sieben Jahren meinen Lebensabend wieder in Kolumbien. Mittlerweile würde ich mir bei der Musikauswahl auch einen Salsa wünschen. 
 
Katzenküsse
 

    Der SoziologeNorbert Elias (1897-1990) mit seinem Standardwerk «Der Prozess derZivilisation» und mit anderen seiner Publikationen gehörte zu einem meiner wichtigsten «Influencers» während meiner Studienzeit. Ich bewunderte seine Denkweise, die Art seiner Schlussfolgerungen, seine erwählte Sprache. So war es nicht weiter verwunderlich, dass ich ihn kennenlernen wollte, was mir Ende der 70er Jahre mit einer Reise nach Frankfurt am Main auch gelang, wo er an der dortigen Universität eine Zeitlang als Gastprofessor wirkte. Wir führten in einem Café, wo er sich auch mit Studierenden zu treffen pflegte, ein ausgedehntes Gespräch, bei welchem er mir auch verriet, dass er täglich schwimmen gehe. Und auf meine Frage, ob es ihn reue, keine Familie gegründet zu haben, meinte er, dazu einfach keine Zeit gefunden zu haben (auf dieselbe Frage pflegte ich früher zu antworten, das Schicksal hätte es anders mit mir gewollt). 
    In Frankfurt machte ich auch ein paar Fotos von ihm, die ich für ein Porträt über ihn verwenden wollte. Doch der Text missriet mir gründlich. Ich kam wohl über meine Schwärmerei und meine Bewunderung für sein Schaffen nicht hinaus, blieb heillos stecken in der Rolle eines unkritischen Followers. Der zuständige Redaktor jedenfalls lehnte meinen Artikel rundwegs ab und empfahl mir, das Thema bleiben zu lassen.

    Während der Text irgendwann aus meinem Blickfeld entschwand, begleiten mich die Fotos bis heute. Sie treten in meiner Bilderkiste in regelmässigen Abständen an die Oberfläche, so auch diesmal, wo Cual, unsere Katze, sie entdeckte und abzulecken begann. Ich versuchte ihr zu erklären, sie sei mit ihren Katzenküssen gerade dabei, diesem grossen Denken ihre Referenz zu erweisen. Ihr aber schmeckte wohl einfach das chemisch durchwirkte Fotopapier. – Ich weiss nicht, ob Elias Katzen mochte. Dies zu fragen hatte ich seinerzeit vergessen.

 

Trittligasse 

Die Trittligasse ohne Trittli. Der Schock meines heutigen Spaziergangs auf den Spuren meiner Vergangenheit in der Zürcher Altstadt. Klar, sie werden die Trittli wieder einsetzen, wenn die Tiefbauarbeiten fertig sind. Und doch: so nackt kam mir die Gasse vor. Was Treppen alles bewirken können!

    Hier unten an der Ecke übrigens küsste ich zum ersten Mal ein Mädchen. Ich glaube, es hiess zum Nachnamen Niesper, Vorname vergessen. Christiane? Beim Küssen dachte ich, aha, so fühlt sich das also an. Die Lust hingegen hielt sich in Grenzen. Wahrscheinlich passierte bei ihr Ähnliches: Fortsetzung gab es jedenfalls keine. Doch die Ecke bleibt als Erinnerungsort bestehen, ist aufgeladen mit diesem initialen Augenblick, verkörpert die Basis aller weiteren Küsse, die später durchaus auch als lustvolle Erlebnisse verbucht werden konnten, als zuweilen leidenschaftlich-süchtigmachend sogar, bis hin, Jahrzehnte später, zur Erfahrung mit Max, dass man auch bei ungespültem Mund und ungeputzten Zähnen lustvoll küssen kann. Man muss einfach ganz nah dran bleiben und der Nase keine Gelegenheit geben, sich da reinzumischen…

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©Nikolaus Wyss

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Donnerstag, 25. Juni 2020

HERR BÜTTIKOFER FÄLLT AUS



Anton Büttikofer (AB):  Herr Wyss, ich habe mir jetzt einige Videos von Ihnen angesehen. Ich gestehe, ich weiss nicht, was sie sollen. Ich sehe den Witz nicht. Das einzige, was ich verstehe, ist der Titel der Serie: BEVOR MIR DIE ZÄHNE AUSFALLEN. Offenbar wackeln bei Ihnen schon ein paar Zähne und sie wollen unbedingt, ja panikartig, noch vorher diese Videos zustande bringen
Nikolaus Wyss (NW): Ja, das stimmt, hier hinten ist ein Zahn locker, und da drüben auch. Es finden Bewegungen statt in meinem Mund, regelrecht Verschiebungen. Da drin wackelt alles etwas [...]
AB: Darf ich davon ausgehen, dass Sie mit diesen Videos aufhören, wenn Ihnen Zähne dann auch wirklich ausgefallen?
NW: Ja, ich gehe davon aus. Oder die Serie bekommt eine neue Überschrift. Zum Beispiel: Das Alter lässt grüssen. Hm, tönt nicht sexy. Vielleicht ist besser: Aus der Welt eines Zahnlosen, hm, auch nicht so gut. Ich muss mir noch etwas überlegen.
AB: Mir scheint aber, ihre Videos hätten schon jetzt keinen Biss. Mir erschliesst sich der Sinn nicht. Sie sind weder zum Lachen noch zum Nachdenken. Am ehesten zum Weinen. Sie, Herr Wyss, erscheinen mir in diesen Videos schon fast als tragische Gestalt, als jemand, der unbedingt noch etwas hinterlassen will, bevor es zu spät ist, und sei es noch so blöd und unsinnig.
NW: Sehr gut. Daran habe ich auch schon gedacht. Tragische Figur ist gut. Ich würde noch hinzufügen: Hilflose, tragische Gestalt [...]
AB: Jetzt aber ernsthaft. Was bezwecken Sie mit Ihren Videos?
NW: Spass
AB: Spass vermitteln sie aber nicht. Ich habe beim Anschauen eher das Gefühl, dass mir Zeit gestohlen wird, die ich mit anderem besser nutzen könnte.
NW: Mir geht es nicht um Ihren Spass, Herr Büttikofer, es geht um meinen. Die Videos sind Gefässe, in welchen sich ausdrücken lässt, was ich empfinde. Das hat etwas Befreiendes und macht Spass.
AB: Aber wenn ich Ihren Videos kein Verständnis entgegenbringe, so bleiben Sie, Herr Wyss, unverstanden.
NW: Genau. Ein Grundgefühl in meinem ganzen Leben war immer, nicht ganz verstanden worden zu sein, immer als Exot gegolten zu haben. In diesem Sinne sind diese Videos sehr authentisch und drücken aus, was mich immer wieder mal eingeholt und begleitet hat.
AB: Sie betreiben aber einen grossen Aufwand um zu zeigen, dass Sie nicht verstanden werden.
NW: Ach, es geht. Es ist eine Art von Beschäftigung wie Blumen spritzen oder der Katze Futter geben. Überschaubar.
AB: Nochmals: Ihre Botschaft in ihren Videos ist also: Hallo, ich werde nicht verstanden? Schüttelt nur den Kopf über mich?
NW: Wenn Sie das so sehen wollen, kann ich dagegen nichts unternehmen. Meine Stossrichtung ist eher, dass ich am Ankommen bin. Ich befinde mich mit meinen Videos näher bei mir, kann die Absurdität des Lebens und meines Lebens endlich fassen und zum Ausdruck bringen. Sie sind ein Spiegel, ein Selbstporträt. Maler machen das zuweilen auch: Selbstporträts. Manchmal noch mit Modellen, manchmal allein, nicht immer in vorteilhaftester Pose.
AB: Sie würden also sagen: Ihre Videos seien Kunst?
NW: Das habe ich nicht gesagt. Ob etwas Kunst ist, bestimmen sowieso andere und nicht man selber. Das war auch manchmal in meiner Kunsthochschule, wo ich Rektor war, das Problem. Alle wollten Künstler sein, und manche waren mit dem, was sie taten, nur lächerliche Figuren und niemals Künstler.
AB: Also wie Sie?
NW: Ich habe nie behauptet, ich sei Künstler. [...] Aber es ist unbestreitbar, dass sich porträtieren und abfotografieren zu lassen und das Resultat dann ins Netz zu stellen, ungeheuer populär ist. Sehen Sie sich nur die Millionen von Bildern auf Instagram an. Die meisten, die sich vor dem Spiegel selber ablichten, behaupten ja auch nicht, sie seien Künstler, aber sie wollen irgend etwas von sich selber zeigen, damit vielleicht auch Aufmerksamkeit erzeugen, andere auf sich aufmerksam machen.
AB: Trifft das auf Sie auch zu?
NW: Etwas ins Netz zu stellen hat wohl immer etwas Demonstratives. Wofür diese Videos stehen, ist mir allerdings nicht so klar. Mir genügt es, wenn andere finden, der alte Sack spinnt ein wenig, aber immerhin lässt er sich noch etwas einfallen. Es scheint ihm gut zu gehen in diesem wilden Kolumbien. Die Videos sind Lebenszeichen für Leute, die ich in Europa zurückgelassen habe.
AB: Ich bin mir nicht sicher, ob diese Lebenszeichen so ankommen. Ich habe eher den Eindruck, dass die Leute finden, dass Ihnen Kolumbien den Kopf verdreht hat.
NW: Na dann halt [...]

Lied: IN STILLER NACHT - Nach einer Volksweise aus Wales. Satz und deutscher Text: Stefan Fieser
 
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[Weitere Videos von mir sind auf meinem Youtube-Kanal kasimir4ever zu sehen]