Dienstag, 17. Dezember 2024

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 12)

 22. September 2024

Wer über die Jahre meine Bemerkungen zu meinem Wohnort Bogotá etwas verfolgt hat, durfte mit Fug feststellen, dass es hier regnerisch zu- und hergeht. Regnerisch und kalt. Deshalb war es nur natürlich, auf meinem kürzlich errichteten Balkon einen Wassertank einzuplanen, der das Regenwasser vom Dach sammeln würde für die Wässerung der Pflanzen im gedeckten Teil. Nun ist der Tank seit geraumer Zeit angeschlossen. Doch von Wasser keine Spur.
    Anfangs dieses Jahres sprach man vom Wetterphänomen "El niño", das hier alle 6-7 Jahre das Niederschlagssystem durcheinander bringt mit einer Trockenperiode (sogar zahlreiche Waldbrände sind deswegen ausgebrochen und haben Naturschutzgebiete rund um die Stadt zerstört), die dann aber normalerweise abgelöst wird von einer Phase besonders heftiger Niederschläge, "La niña" genannt. Sogar der Bürgermeister von Bogotá, Carlos Fernando Galán, bereitete die Bevölkerung darauf vor, dass es nach dem Niño heftig werden könnte. Doch seit dem Januar dieses Jahres fiel bis jetzt kaum ein Tropfen Regen. Hat es der Niño auf eine Verlängerung angelegt? Oder ist die Niña auf dem Weg hierher verkommen? Tatsache ist jedenfalls, dass das Leitungswasser aus den umliegenden Stausees hier seit geraumer Zeit rationiert ist und mein Balkon-Tank bisher keinen Tropfen Wasser sammeln konnte.
    Ich glaube langsam, das Familienspiel zwischen dem Buben (niño) und dem Mädchen (niña) ist zu Ende, und der globale Klimawandel ist endgültig auch hier in der hochgelegenen Andenstadt angekommen.
 
27. Oktober 2024

Sonntagmorgen. Das ganze Haus schläft noch. Wir waren gestern in einem Club an einer Halloween-Party, wo Danika (Lomaasbello) auftrat. Doch ich hielt den Lärm nicht lange aus und fuhr nach ihrem Auftritt mit einem Uberfahrer, der an den Strassenkreuzungen der nächtlichen Stadt prinzipiell sämtliche Rotlichter ignorierte, brav und froh nach Hause, während die anderen durchfeierten bis ich weiss nicht wann. Jetzt schlafen sie nicht nur ihren Kater sondern auch ihren Hörschaden aus. Ich jedoch setzte nach meinem Frühstück, nach der Fütterung der Katze, nach dem Giessen der Blumen, nach einer Patience und nach ausgiebiger Zeitungslektüre einen Topf auf mit Kalbsknochen (aus dem Tiefgefrierer, deshalb ragen sie hier noch etwas aus dem Wasser), Lorbeeren, Nelken, Zwiebeln, Knoblauch und mit dem, was ich an welkem Gemüse im Kühlschrank noch vorfand. Dazu einen Sprutz Limettensaft, damit die Brühe nicht allzufest aufschäumt. Salz und etwas Zucker natürlich.
    Das Haus wird später also anstelle von Kaffeeduft mit einem Hauch von Bouillon in der Nase aufwachen, nicht unbedingt der angenehmste Weckdienst. Was soll’s. Dafür gibt es dann in den folgenden Tagen feinen Risotto, oder Ravioli in brodo und andere Köstlichkeiten, wie zum Beispiel eine reichhaltige Gemüsesuppe mit in Butter und Knoblauch gerösteten Brotbröckli.
 
13. November 2024
Wer hat das nur schon gesagt:
A man said to the universe "Sir, i exist!"
"However," replied the universe, "this does not evoke in me a sense of obligation".
Auf Deutsch: "Hallo ihr Süssen, Ich bin ein Pappbecher und winke euch zu mit dem anderen Ende des Teebeutels."
Und die Süssen antworten: "Und?"
Soweit etwas zu den Grössenverhältnissen...
 
Veit Stauffer tot
Ich kannte Veit Stauffer kaum. Doch sein exotischer Vorname verlieh ihm von vorneherein eine gewisse Prominenz, die meine Wahrnehmung streifte. Ich wusste also, wer er war, woher er kam und welcher Beschäftigung er nachging, aber ich wusste zum Beispiel nicht, dass er mich gekannt hatte. Umso überraschender der herzliche Empfang, den er mir, dem Auswanderer nach Südamerika, vor ein paar Jahren bei einer kurzen Stippvisite in der alten Heimat, in seinem RecRec-Laden bereitete, als ob wir seit langem befreundet gewesen wären. Offenbar nahm er auf Facebook meine Blog-Einträge zur Kenntnis, war so gut informiert über mich, dass ihm nicht einmal entgangen war, dass ich vor langer Zeit Mitbesitzer eines Bordells in Niamey, der Hauptstadt von Niger, war, was ihm missfiel, wie mir ein Freund von mir, der mit Veit in Kontakt stand, glaubhaft versicherte. Ich selbst war in den 70er Jahren einmal Kursbesucher bei Hans-Rudolf Lutz an der Kunstschule F+F und begegnete dort ein paarmal Veits Eltern, welche diese Institution gegründet hatten. Diese Schule lebte damals nach dem Motto, sich freikünstlerisch zu äussern sei wichtiger als das daraus resultierende Kunstwerk.
Bei meinem Besuch von RecRec, Jahrzehnte später, stand die Aufgabe seines Musikalien-Geschäfts unmittelbar bevor. Veit verschleuderte seine CDs deswegen nicht, er pries sie vielmehr als besondere Preziosen an. Ich hingegen besass weder einen Plattenspieler noch einen CD-Player. Kommt hinzu, dass ich die RecRec-Auswahl für eine ziemlich anstrengende Musik hielt, kaum zum genussvollen Anhören. Ja, sie war oft eine Zumutung, die kratzbürstige Alternative zum Gefälligen. Mir schien, bei dieser Musik sei der Wunsch der Vortragenden auf der Bühne, etwas zu Gehör zu bringen, wie auch immer es tönen mochte, wichtiger, als das Bedürfnis, damit beim Publikum zu punkten. War das nicht die Fortsetzung der Kunstschule seiner Eltern? Bei meinen Konzertbesuchen früher in der Roten Fabrik jedenfalls, bei denen Veit und seine Gesinnungsgenossen als Veranstalter auftraten, erfuhr ich mich selbst als Zeuge der Befreiungsschläge der Musiker, die sich allerdings kaum je auf mich übertrugen. Vielleicht fehlten mir die entsprechenden Drogen oder zumindest das Vermögen, mich mit diesem Gedröhns in einen freieren Zustand versetzen zu können. Das Bekenntnis zu dieser Art von alternativem Kunstschaffen barg in seinen besten Zeiten Kultstatus. Entweder gehörte man als „Kenner“ dazu, oder man blieb aussen vor und kam sich dabei doof vor, das Tor zum Glückserlebnis nicht zu finden. 
Veit, und das rechne ich ihm hoch an, liess mich dies jedoch nicht spüren. Seine Herzlichkeit bei meinem Besuch an der Rotwandstrasse war ansteckend, und ich meinte nachher, einen neuen Freund gefunden zu haben. Von da an las ich seine facebook-Einträge aufmerksamer, nahm seine Bedenken, Begeisterungen und Erinnerungen mit Interesse zur Kenntnis, sein Ringen um seine Krankheit, die kurzzeitige Besserung auch, und jetzt berührt es mich sehr, von seinem Tod erfahren zu müssen. Welche Musik ist wohl bei seinem Abschiedsfest, das er sich für kommenden Sommer gewünscht hat, angebracht? Versöhnliche, harmonische Melodien, oder doch eher ein letztes, schräges und lautes Aufbäumen gegen Leichtgängiges?
 
Kurz vor Weihnachten 2024

In Kolumbien begegnet man oft Lastwagen, die mit Lichtern und Leuchtern so reichhaltig ausgestaltet sind, dass sie wie fahrende Weihnachtsbäume aussehen. Einige dieser Brummis haben sogar unter den Kotflügeln ein Lichtlein brennen, und andere leuchten, vornehmlich in Blau, unter dem Chassis hervor. Dieses Unterflurlicht verleiht den Lastern den Eindruck des Schwebens, das aber mit dem doch ziemlich ungehobelten Diesel-Lärm in gewissem Widerspruch steht.

Diese Lichtorgie kam mir spontan in den Sinn, als ich kürzlich auf einem der Klos des Seratta im Shopping Center Atlantis mein Geschäft verrichten wollte. Da leuchtet es in der WC-Schüssel tatsächlich so, dass man den liegengelassenen Haufen bei Lichte bestaunen kann. Fehlt nur noch, dass ich Leute einlade, die ausgeleuchtete Hinterlassenschaft zu bestaunen. Ich fragte mich bei dieser Gelegenheit auch, wie viele KolumbianerInnen noch ein Foto davon machen, wie sie eigentlich auch jede Speise abfotografieren und ins Netz stellen. Und so wären wir dann bald bei den Kleinkindern, die wir ausgiebig belobigen, wenn sie im Zuge der Windelentwöhnung brav in den Topf geschissen haben.

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©Nikolaus Wyss
 


 

 





Montag, 16. Dezember 2024

Brahms am Tota-See

Kolumbien zählt 16 Feiertage im Jahr. Die meisten davon werden jeweils ohne Rücksicht auf historische Daten auf einen Montag gelegt. Daraus ergeben sich verlängerte Wochenenden. Richtigen Urlaub hingegen kennt man hier kaum, höchstens um den Dreikönigstag herum, reyes genannt, oder in der semana santa, der Osterwoche. Dann kosten die Transporte und die Flüge oftmals das Dreifache.

Für ein verlängertes Wochenende im Juni 1971 entschlossen wir uns zu einem Ausflug an den Tota-See, dem grössten Binnengewässer Kolumbiens. Es liegt im Departement Boyacá auf 3015 Metern Höhe über Meer und erstreckt sich über 55 km2. Damals brauchten wir für die Fahrt von der Hauptstadt Bogotá aus etwa fünf Stunden. Seit es Autobahnen gibt, dürfte die Fahrt etwas weniger lang dauern. Doch was sind schon Autobahnen hier? Man bezahlt zwar eine Maut, die für lokale Verhältnisse recht teuer ist, doch die Fahrbahnen werden von Radfahrern ebenso genutzt wie von Fussgängern und Fuhrwerken aller Art. Also.

Wir waren zu sechst. Werner am Steuer seiner Mary, wie er den geländegängigen Toyota nannte, Marianne und ich daneben, und auf dem Rücksitz Rita, Fanny und Perucho. Wir fuhren an einem späteren Freitagnachmittag los und kamen erst in tiefer Nacht an einem unbeleuchteten Landungssteg an. Der ortskundige Perucho wies uns im Scheinwerferlicht der Mary den Weg. Dort luden wir unser Gepäck in ein Motorboot um und tuckerten so über den See. Es war stockdunkel und bitterkalt. Auf der anderen Seite suchten wir im Schein einer Taschenlampe die richtige Anlegestelle, um von dort aus zum Ferienhaus von Perucho zu gelangen. Perucho schien überall in Kolumbien zu Hause zu sein. Natürlich hatte er eine Wohnung in Bogotá, dann aber auch Kaffeefarmen und Ländereien hier und dort. Ob sie alle ihm gehörten, wussten wir nicht, doch er hatte überall Zugang dazu und plante mit uns schon die nächsten Reisen. Eine davon sollte uns in den damals weitgehend unberührten Vichada führen, einem Urwald-Departement ganz im Osten Kolumbiens. Mit der indigenen Bevölkerung ein Paradies für Ethnologen, mit der Fauna eines für Zoologen und mit der Flora eines für Biologen.   

Fünf Gehminuten von der Anlegestelle entfernt erreichten wir das komfortable Chalet, eiskalt zwar, doch mit diversen Cheminées ausgestattet, die wir gleich mit gut gelagertem, trockenem Brennholz anfachten. Das knisternde Feuer schenkte uns schon in Kürze etwas Wärme. Bei dieser aufkeimenden Wohligkeit mochten wir nicht gleich in die kalten Betten der unbeheizten Schlafzimmer steigen. Stattdessen kochten wir uns mit Brühwürfeln eine Suppe, assen dazu etwas vom mitgebrachten Käse und Brot und tranken dazu einen warmen, gezuckerten Tee, den wir mit einem kräftigen Schluck Rum anreicherten.

Die Schallplattensammlung in Peruchos Haus zeugte von erlesenem Geschmack. Sie umfasste fast die ganze Klassik. Etwas viel Mozart zwar, doch auch Bach, Beethoven, Schubert und Mendelssohn. Auch ein paar Verdi-Opern waren darunter, selbst Puccini fehlte nicht. Daneben lagen zum Abspielen auch Volksweisen bereit, Cumbias, Bambucos, Merengues, Champetas, und, damals ganz neu, Salsas. Und natürlich rauchten wir Marijuana, bis uns die Kehlen brannten und uns die Augen zuzufallen drohten.

Irgendwann stellte sich bei mir ein bemerkenswertes musikalisches Erlebnis ein, das meinen Aufenthalt am Tota-See prägen sollte. Es war der erste Satz (und alle weiteren Sätze desselben Werkes) von Johannes Brahms‘ 1. Symphonie. Deutlich fielen mir die suchenden, geheimnisvollen Paukenschläge und die sehr zögerliche Melodieentwicklung auf,  die ich vorher in dieser Intensität noch nie wahrgenommen hatte. Sie bereiteten dem weiteren musikalischen Geschehen Boden und Halt, und sie erinnerten mich an die nächtliche Überfahrt des Sees Stunden zuvor: Ungeduld und Sehnsucht, endlich anzukommen, etwas Selbstmitleid, mitgegangen zu sein und jetzt jämmerlich zu frieren, das rhythmische Plätschern der Wellen, wenige Lichter am Horizont, die kaum wahrnehmbaren Bergketten im Hintergrund, bei denen niemand so richtig weiss, was sich dahinter noch verbirgt… - Irgendwie fasste die Musik, durchmengt mit Sehnsucht und Grundtrauer, alles zusammen, was uns auf der Hinfahrt widerfuhr. Und die kontrapunktische Basslinie hielt das Widerspiel der Gefühle zusammen und deutete eine Ewigkeit an, die mich zwang, mich mit allem zu versöhnen, was mich stören wollte. Und immer, wenn man etwas high ist, verschiebt sich auch die Zeitachse. Sekunden dauern eine kleine Ewigkeit, und der Mund trocknet aus. Durst, Durst und ein Kratzen in der Kehle rundeten das elementare Erlebnis ab. – Sehr bewegt stieg ich Stunden später (oder waren es doch nur ein paar Minuten?) ins kalte Bett, und es war mir irgendwie nicht so kalt wie befürchtet. Brahms als eine Art Wärmeflasche, dachte ich.

Womit ich am darauffolgenden Morgen nicht rechnete, war eine Diskussion über die Musik-Auswahl vom Vorabend. Einige fanden sie völlig abwegig. Brahms in diesen kolumbianischen Höhen zu zelebrieren sei Kolonialismus. Sie plädierten für einheimische Volksmusik, zu welcher man auch tanzen könne. Andere hingegen schlugen passendere Komponisten oder Kompositionen der Klassik vor. Genannt wurden unter anderen Richard Wagner und Richard Strauss. Ich aber wollte in diesem Moment nur den Zauber der vergangenen Nacht wiederholen. Vielleicht mit der zweiten oder dritten oder sogar vierten Symphonie von Brahms, der reifsten von allen, fand aber für meinen Vorschlag kein Musikgehör.

Etwas, das bei anderen auf Ablehnung stösst, bleibt bei einem selbst oft besonders intensiv hängen. Ich entwickelte schon fast eine Obsession, dass Brahms und der Tota-See irgendwie zusammengehören müssten. Was ich etwas vernachlässigte, war der Kitt des Marijuanarausches vom Vorabend, der die beiden Dinge zusammenzubringen vermochte. Dessen wurde ich erst gewahr, als ich Jahre später in der Zürcher Tonhalle einer Brahmssymphonie lauschte. Die Musik versetzte mich in einen Trip - dabei war ich doch stocknüchtern. Doch wie beim Hund der Speichel zu rinnen beginnt, wenn er einen Knochen vor sich sieht, begannen sich bei mir in Anbetracht von Brahms’scher Musik meine Gehirnwindungen zu drehen, als ob ich vorher eins geraucht hätte. Ich sah mich plötzlich an den Tota-See von damals versetzt, und ich sah, als ob es gestern gewesen wäre, wie wir am nächsten Tag mit dem Motorboot zur Fischereiaufsicht fuhren, um fürs Angeln eine Tageslizenz zu lösten. Die Idee war, dass wir zum mitgebrachten Reis ein paar Forellen fangen und über dem Feuer braten würden. Der Fisch musste erdauert werden. Die Sonne wollte nicht scheinen, wir froren wie in der Nacht zuvor, bis sich endlich eine fette Forelle am Angelhaken festbiss und uns in bessere Laune versetzte. Und noch eine, und noch eine. Es sollten die besten Forellen meines Lebens werden, nur noch vergleichbar mit der Forelle im „Bären“ von Utzensdorf, der ich unter dem Titel „Der Bären im Bernbiet“ vor meiner ersten Übersiedlung nach Kolumbien in einem kulinarischen Führer im Magazin des Tages-Anzeigers gehuldigt hatte.

In diesem Herbst, 55 Jahre später, stand ich an einem Punkt, wo ich die Sache mit Brahms am Tota-See überprüfen wollte. Wie verhält sich heute der Zauber von damals? Werde ich high sein? Wird mir der Anblick des Sees in meinem inneren Ohr Brahms‘sche Klänge entlocken? Oder wird eine Entzauberung dieser Obsession für ein abruptes Ende sorgen? Soll ich mich dessen überhaupt aussetzen? Ist es nicht zauberhafter, die Erinnerung bis ans Lebensende zu pflegen? Ohne Realitätstest? Ich tat mich mit einer Entscheidung schwer.

Als ich einem unserer Gäste meine Überlegungen schilderte, fand er die Idee eines neuerlichen Ausflugs dorthin ziemlich cool. Also konkretisierten wir das Vorhaben und fuhren vor ein paar Wochen an einem verlängerten Wochenende los. Auf der Strasse stundenlange Staus, verkürzt durch Brahms-Symphonien auf Spotify. Drei Stunden später als geplant erreichten wir die Provinzstadt Sogamoso. Vielleicht nicht gerade die grösste Zier in diesem Kolumbien. Doch Alejo wohnte dort. Ich lernte ihn vor längerer Zeit einmal in Bogotá kennen. Er sollte unser local guide werden, und in der Folge erfüllte er seine Aufgabe mit grosser Hingabe und zu unserer höchsten Zufriedenheit. Er studierte Hotellerie, und wir waren für ihn so etwas wie ein Praxistest. Er zeigte uns unter anderem das Thermalbad von Iza, wo wir im offenen Bassin bei leichtem Rieselregen schwimmen gingen. Später übernachteten wir auf einer wunderbaren Finca mit grossem Garten. Der Dauerregen konnte uns nichts anhaben, wir waren allzu sehr beschäftigt, wer in welchem Zimmer mit wem schlafen geht. Am darauffolgenden Morgen begleitete uns derselbe Regen während der ganzen Fahrt zum Tota-See hinauf.

Und dann, und dann auf der Krete oben mit Blick auf den vor uns liegenden, grauen, regengetrübten Tota-See, beschienen jetzt von einem fahlen Sonnenstrahl, passierte bei mir etwas Ähnliches wie 1971, nur in umgekehrter Richtung. Statt Brahms‘scher Töne blieb es stumm in meinem inneren Ohr. Keine Musik störte den Anblick dieses überwältigenden Panoramas. Stattdessen eine glücklichmachende, tonlose Entzauberung. Meine Gefährten und ich liessen uns von dieser Landschaft einfach beeindrucken. Was brauchte es da noch Brahms?

Wir fuhren rund um den See, fotografierten uns immer wieder in heiterer Stimmung und kamen zum Schluss, dass sich der Ausflug auf jeden Fall gelohnt hat. Ich schmunzelte innerlich, wusste aber nicht genau, wie ich meine persönliche Neutralisierung von Freund Johannes zu bewerten hatte. Allerdings gibt es schlimmere Zustände als diesen. Es war schon Nacht, als wir wieder Bogotá erreichten.    

vrnl: Alejo, Mike, Esteban und ich am Tota-See

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©Nikolaus Wyss
 


 

   

Donnerstag, 26. September 2024

Vom Abschminken meiner eigenen Unsterblichkeit

Erinnerungsstücke ja, zur Kultivierung der eigenen Unsterblichkeit allerdings ungeeignet
Der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera (1929-2023) verhalf mir in frühen Jahren mit seinen Büchern zu vielen vergnüglichen Lesestunden. Ich weiss noch, wie ich damals die Romane „Die unerträgliche Leichtigeit des Seins“ und „Das Buch der lächerlichen Liebe“ verschlungen habe und mich über Freundinnen von mir ärgerte, die dem Autor eine gewisse frauenfeindliche Grundhaltung vorwarfen. Merkwürdigerweise erinnere ich mich heute kaum noch an den Inhalt dieser Bücher. Geblieben ist mir einzig das Gefühl, das ich damals beim Lesen empfand: ich wurde bis zur letzten Zeile klug und unterhaltsam geführt. Ich dachte, wenn die Tschechen so sind, wie Kundera sie darstellt, und wenn sie so gekonnt erzählen können wie Kundera, so müsste ich mich mit dieser Kultur an der Moldau wirklich einmal näher befassen.

Der Zufall wollte es, dass ich damals in Zürich zuweilen an der Unteren Zäune im „Fliegenden Fisch“ verkehrte, einer Wohngemeinschaft, auf mehrere Stockwerke verteilt, wo einige Tschechen nach ihrer Flucht aus ihrer Heimat Unterschlupf gefunden hatten und sich mit unterschiedlichsten Aktivitäten über Wasser zu halten versuchten. Sie wurden von den Mitbewohnern für Schlitzohren gehalten. Ich wiederum suchte in ihnen Charakteren, die ich von Kunderas Romanen her kannte, was mir allerdings nur in sehr beschränktem Masse gelang.

Eine Szene eines anderen Romans von Kundera jedoch begleitet mich bis heute. Das Buch heisst Die Unsterblichkeit und handelt unter vielem anderem von zwei Paaren, die sich in einem Beziehungsgestrüpp mit tragischem Ausgang verstricken. Die vielen Dialoge drehen sich immer wieder um die Frage und um den Wunsch, unsterblich zu werden, und um die dafür notwendigen Vorkehrungen und Strategien. Und Kundera schildert an einer eingeschobenen Stelle die Beziehung des 60jährigen Johann Wolfgang von Goethe zum jungen Schwarmgeist Bettine von Arnim, die kein Geheimnis daraus machte, alles, was sie von Goethe in Erfahrung bringen konnte, fein säuberlich niederzuschreiben. Kundera vermutet nun, dass sich Goethe vor dem scharf beobachtenden Auge und vor der spitzen Feder seiner jungen Bewunderin fürchtete. War er doch bedacht auf seinen guten Ruf, der mit Blick auf seine Unsterblichkeit nicht beschädigt werden sollte. Wenn also Bettine unten an der Haustür klingelte und um Einlass bat, so machte sich Goethe erst zurecht, kämmte sich das Haar, schob sein Gebiss rein und zog den Gehrock an. Frisch geschniegelt und mit wohlriechendem Parfum versehen öffnete er dann Bettine die Tür und liess die junge Dame gewähren. Das war zuweilen anstrengend, aber offenbar unabdingbar - bis, ja bis bei Goethe die Überzeugung reifte, dass Bettine ihm wohl nichts Rufschädigendes mehr anhängen kann. Jetzt, so Kunderas These, war sich Goethe endlich seiner Unsterblichkeit sicher. Name und Werk würden sein irdisches Leben um viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte überdauern. So entschloss er sich beim nächsten Besuch Bettines kurzerhand, ihr ungewaschen, zahnlos und im Morgenrock entgegenzutreten, was bei der jungen Dame wohl Befremden ausgelöst haben dürfte. Plötzlich hatte sie ihn mit ihren Beobachtungen nicht mehr im Griff. Goethe liess sie so wissen, dass es ihm von jetzt ab scheissegal ist, was sie von ihm halten mochte…

Ich gebe gerne zu, dass ich mich in frühen Jahren mit meiner eigenen Unsterblichkeit auch befasste, vielleicht in dem Masse, wie meine Mutter sich anschickte, durch ihre Bücher, Preise und Auftritte eine schweizweit bekannte Persönlichkeit zu werden. Ihre Aktivitäten bargen ein gewisses Potential an Unsterblichkeit. – Jetzt ist sie schon seit 22 Jahren tot, und ihre Geburtsstadt Biel nennt immerhin einen ihrer grössten Plätze nach ihr: Die Esplanade Laure Wyss. Und auf dem Zürcher Friedhof Rehalp wird für sie während der kommenden 50 Jahre ein Ehrengrab unterhalten. Das sind schon Ansätze zur Unsterblichkeit, auch wenn ihr Verlag keine Anstalten mehr macht, längst vergriffene Bücher von ihr neu aufzulegen. Für die Pflege der Unsterblichkeit ist dies vielleicht auch gar nicht nötig.

Ich hingegen blieb bereits in jungen Jahren im Gefühl stecken (und unternahm auch nichts dagegen), untauglich zu sein für die Förderung meiner eigenen Unsterblichkeit. Ich war faul, ziellos und oft deprimiert. Ich schrieb über mein Leid tonnenweise Tagebücher. Energie in nachhaltigeres Tun zu stecken, in etwas, was hätte Früchte tragen mögen, die noch weit über meinen Tod hinaus reifen und meinen Namen lebendig halten würden, gelang mir irgendwie nicht. Ich war zwar gut im Anreissen von Initiativen, konnte mich in die unmöglichsten Abenteuer stürzen und galt als ganz umgänglich und nett, aber meistens reichten der Durchhaltewillen und das Engagement für die Konsolidierung der Projekte nicht aus. So musste ich mir das mit der eigenen Unsterblichkeit gezwungenermassen abschminken. Zum Trost kaprizierte ich mich auf den Gedanken, dass man von seiner eigenen Unsterblichkeit eh nichts hat, weil man ja dann tot sein wird.

Ich weiss nicht mehr, wie ironisch Kundera in seinem Buch die Sache mit der Unsterblichkeit wirklich gemeint hat. Ein Roman erlaubt dem Autor schliesslich, die eigene Meinung nicht kundtun zu müssen. Sofern er überhaupt eine Meinung dazu hat. Der Schreiber darf einfach das Potential eines Themas oder einer Geschichte ausbeuten. Für ihn entwickeln sich daraus Figuren, Handlungen und Wirkungen. Das ist eigentlich alles. Blöd ist nur derjenige Leser, wenn er sich das Thema zu eigen macht und meint, etwas Wichtiges dazu beitragen zu müssen, wie ich jetzt, der sagt: wer findet, etwas Wesentliches geschaffen zu haben in seinem Leben, das der Nachwelt unbedingt erhalten werden muss, nimmt etwas vorweg, worüber erst kommende Generationen werden urteilen können. - Wie viele Nachlässe, wenn man jetzt bei den Schriftstellern bleiben will, vermodern in den Kellern von Archiven, weil sich niemand mehr dafür interessiert? Wenn die verstorbenen Autoren dies nur wüssten! Dabei haben sie sich zu Lebzeiten so angestrengt, alles logisch und erhaltenswert zu ordnen. Hautnah habe ich das als zeitweiliger Privatsekretär des Schriftstellers Hugo Loetscher mitbekommen. Damals war er erst 45 Jahre alt, doch jeder Text, jede Korrespondenz, jede Romanversion wurden akribisch für die Ewigkeit, oder doch wenigstens für ein paar Philologen späterer Generationen archiviert.       

Die gängigste Form des Wunsches nach Unsterblichkeit, und dies trifft wohl auf die Mehrheit der Menschen zu, ist die Hoffnung, nach dem Ableben zumindest im eigenen Umfeld, in der Familie, bei der Nachbarschaft, bei Freunden und Kollegen in guter Erinnerung zu bleiben. Noch schöner, wenn diese Hoffnung mit einer passablen Erbschaft unterfuttert werden kann, was dann allerdings oft zu Streit führt und die Pervertierung seiner eigenen Unsterblichkeit bedeutet. Bei Gläubigen kommt noch der Wunsch hinzu, mit ihrem vorbildlichen Verhalten in den Himmel zu kommen. Diese Idee jedoch konnte sich bei mir nie durchsetzen.

Auch ich nehme den Wunsch, in guter Erinnerung zu bleiben, für mich in Anspruch, auch wenn es mir egal sein könnte. Hinterlassenschaft habe ich keine. Bleibt noch die Frage, was mit dem Kram, den ich bis hierher nach Kolumbien mit mir herumgeschleppt habe (Tagebücher, Erinnerungsstücke, Korrespondenz, Kleider etc.), nach meinem Ableben passieren soll. Ich befürchte, er wäre eine Belastung für mein Umfeld. Und doch hänge ich noch ein bisschen daran. Hält mich dieser Plunder noch etwas am Leben? Soll ich erst gehen dürfen, wenn bei mir aufgeräumt und alles entsorgt sein wird?

P.S. Seit meine eigene Unsterblichkeit kein Thema mehr ist, fällt mir das Schreiben leichter...

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©Nikolaus Wyss
 

Donnerstag, 19. September 2024

Stägeli uuf, Stägeli ab, juhee (Tagebuch 11)


Sonntagsausfahrt ins Blaue. Zu Beginn die Frage, in welche Richtung wir aufbrechen sollen. Die Entscheidung fiel auf westwärts. Wir durchquerten dabei unbekannte Quartiere und fanden es spannend, unsere Kenntnisse der Stadt auf diese Weise zu erweitern. Doch an der Carrera 106 war dann plötzlich Schluss. Wir mussten uns entscheiden, für die Fortsetzung des Ausflugs entweder die Richtung nach Süden oder die nach Norden einzuschlagen. Wir entschieden uns für den Norden. Eine Viertelstunde weiter vorn stand auf einem Wegweiser "Chia". Da leuchteten seine Augen, denn dort verlebte mein junger Liebhaber zwei Jahre seines Lebens, und er wollte mir zeigen, wo sein Zuhause war. Die Fahrt führte uns über löchrige Strassen. Dazu hörten wir unter anderen den Song, den Carol G mit Andrea Bocelli kürzlich herausgebracht hat, ein Remake von VIVO POR ELLA, das derselbe Sänger damals, vor 30 Jahren, mit Marta Sánchez aufgenommen hatte. Mir schien, dass Bocellis Stimme in der neuen Aufnahme seltsam brüchig klang, während Carol G, die sonst gerne eher leise und mit wenig Volumen unterwegs ist (Billie Eilish lässt grüssen), stimmlich aufdrehte, um vielleicht dem Vergleich mit Marta Sánchez standzuhalten, was ihr allerdings nicht ganz gelingt. Das Zentrum von Chia, einem Ort, der bekannt ist für seine wohlhabendere Einwohnerschaft, fiel im Vergleich zu anderen Kommunen der Gegend nicht speziell auf. So fuhren wir bald weiter mit dem Ziel, irgendwo zu essen. Der Wunsch des jungen Mannes auf dem Beifahrersitz fiel auf einen Eventschuppen namens "La Chula Campestre". Google Maps führte uns problemlos dahin. Es handelte sich genau um die Art von Ausflugsrestaurants, die mir für ein Mittagsmahl nicht einmal im Traum in den Sinn kämen. Weder für den Sonntag noch für einen Geburtstag. Grosser Parkplatz, viel Personal, aufwändige Eingangskontrolle, riesiger, dunkler Speisesaal, vorherrschend in Rot und Leuchtstoffgrün, aufwändig dekoriert. Mit drei grossen Leinwänden, auf denen mexikanische Musikclips dargeboten werden, und über welche später die live-Darbietung zu den schlechteren Plätzen des Saales hinüberflimmert. Wir wurden aufgeklärt, dass um halb zwei eine Marriachi-Show stattfinden wird und um halb drei ein Pferdeevent. Der Schluss sei für 16 Uhr geplant. Darum herum würden sich Vorspeisen, Hauptspeisen und Desserts schlängeln. Viele Tische waren mit Luftballonen dekoriert, mit Fähnchen in den kolumbianischen Landesfarben und mit vielem mehr. Der Saal füllte sich mit Familien, die etwas zu feiern hatten. Meinem Begleiter gefiel das Ambiente, ich fragte allerdings den Keller, der sich mit Diego vorgestellt hatte, ob die Speisen auch in rascherer Folge serviert werden könnten, weil wir nicht beabsichtigen würden, bis zum Schluss zu bleiben (ab 16 Uhr wird die Rückfahrt in die Stadt zur Qual. Manchmal bleibt man nämlich in der Autoschlange am selben Fleck bis zu einer Stunde stecken. Das wollte ich meiner schwachen Blase und meiner Ungeduld nicht antun). Diego hatte für mein Anliegen Verständnis und servierte das Bestellte zügig und ohne Rücksicht aufs offizielle Tagesprogramm. Ich kenne weiss Gott bessere Lokale in unserer näheren Umgebung, die für weniger Geld wesentlich bekömmlichere Speisen auftischen. Doch ich hielt mich an die Beobachtung, dass es meinem Liebhaber dort draussen ausserordentlich gut gefallen hat. Glückstrahlend bedankte er sich bei mir für diesen schönen Tag, was mich dann auch glücklich machte. Ohne in einer Schlange steckenzubleiben, verlief die Rückfahrt flüssig. Bevor ich das Auto wieder in unsere Garage stellte, wischte ich anstelle eines Verdauungsspaziergangs die Einfahrt von allerlei angesammeltem Unrat frei.

(Sonntag, 1. September, 2024)

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Beim Inder

    Bei uns um die Ecke gibt es ein indisches Restaurant, welches nach meinem Dafürhalten ziemlich authentische Gerichte auf den Tisch bringt, wenn auch nicht so pikant wie im Original (Kolumbianer mögen nicht so gern Scharfes). Gerne würde ich dort öfters essen gehen, doch der Reiz der indischen Küche liegt für mich unter anderem auch darin, von unterschiedlichen Plättlis zu kosten, und wenn wir nur zu zweit sind, so fällt dieser weg (ausser man bestellt viel mehr, als man auf einmal mag, lässt sich die Resten einpacken und wärmt sie anderntags zu Hause auf). Gestern jedoch ergab es sich, dass wir zu viert waren. Es war ein Abschiedsessen, weil Danika gleichtags für ein paar Shows nach Amsterdam wegflog (fast hätte sie den Flug verpasst, weil sie sich irrtümlicherweise nur das Ankunftsdatum vom 5. September gemerkt hatte, dabei startete der Flieger schon am Abend zuvor). Es war köstlich, auch wenn ich mich schon nicht mehr genau an alles erinnere, was wir bestellt hatten: div. Huhn-Zubereitungsarten, Gemüse, Lamm, Pilze, Shrimps, Salat etc. Das Tafelbild gibt nicht alle Köstlichkeiten wider, denn die Kellnerin war bemüht, leergegessene Schalen jeweils zügig wegzuräumen, und Saúl, dem einen von uns vieren, kam erst gegen Ende des Mittagsmahls in den Sinn, eine Foto von oben zu schiessen. Kostenpunkt für uns vier: 88 Schweizerfranken. Das geht noch, finde ich. Später fuhr ich Danika zum Flughafen. Die sonst vollgestopften Strassen waren seltsam leer. Könnte der Lastwagenstreik Grund dafür gewesen sein? Hunderte von Camions riegeln dieser Tage die grossen Einfallstrassen in die Stadt ab, um niedrigere Treibstoffpreise zu erzwingen. Die Presse spricht bereits von Versorgungsnotstand, weil keine neuen Frischwaren die Läden erreichen und die Preise für Salat, Fleisch und Gemüse im Steigen begriffen sind. Die Verriegelung der Stadt hatte gestern dann auch zur Folge, dass nicht so viel Privatverkehr in die Stadt einströmen konnte. Item, wir erreichten den Flughafen bereits nach 20 Minuten. Sonst muss man zu Stosszeiten mit bis zu 60 Minuten rechnen, oder mehr. Mir kam das alles entgegen, denn ich fahre wegen meinen Augen ungern nachts. So aber kehrte ich noch bei Tageslicht zurück und setzte mich zum Einnachten auf die Treppe vor dem Haus und wartete auf den Kolibri. Doch der erschien nicht mehr. Scheint um diese Zeit schon satt gewesen zu sein.
 
(Mittwoch, 4. September 2024)
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 Kolibri

     

    Bei unserem Biolehrer Zopfi genoss der Kolibri einen Sonderstatus: er sei ein untypischer Vogel, exotisch, geheimnisumrankt, nur in Lateinamerika zu Hause, ein physikalisches Wunderwesen, das in der Luft mit schnellem Flügelschlag an derselben Stelle schweben könne wie ein Helikopter, um dann mit dem feinen, langen Schnabel Nektar aus den Blüten zu saugen! Herr Zopfi steckte uns Schüler mit seiner Begeisterung an. Manchmal begann er von Kolibris zu reden, wenn eigentlich Elefanten an der Reihe gewesen wären. Oder Maikäfer. Zu Gesicht bekommen hatte unsere Klasse allerdings einen Kolibri nie. Auch Herr Zopfi nicht. Nur auf einem Tafelbild wurde das Vögelchen einmal gezeigt, zusammen mit Papageien und anderem Gefieder.

    Damals gab es im Klassenzimmer zwar schon einen Projektionsapparat, doch die passenden Lichtbilder fehlten. Kolibris wären für Zopfi Grund genug gewesen, einmal nach Costa Rica zu reisen, um diese Helis der Fauna in freier Wildbahn zu beobachten und zu fotografieren. Leider fehlten ihm offenbar die Mittel dazu. Oder seine Frau stemmte sich dagegen. Wer weiss das schon. Bei uns in Europa gab es sie damals nicht einmal im Zoo. Als Exotenersatz hatten wir in unseren Breitengraden wenigstens die Nachtigall. Wegen ihres sagenhaften, rätselhaften und bezaubernden Endlosgesangs durfte sie auch ein wenig einen Sonderstatus einnehmen. Herr Zopfi, Besitzer eines starken Feldstechers, hatte, so versicherte er uns glaubhaft, Nachtigalle schon zu Gesicht bekommen, in der Provence zum Beispiel, oder, selten genug, auf den Feldern des Mittellandes. Doch zu Fotos reichte es nicht. Auch zum Zeigen einer Nachtigall bediente sich Zopfi eines farbigen Tafelbildes, worauf auch Elstern, Spechte, Amseln und Spatzen zu sehen waren. Zur Nachtigall sagte er: man hört sie eher, als dass man sie sieht.
    Ob hingegen Kolibris überhaupt Laute von sich geben können, zwitschern oder gar singen, wusste Herr Zopfi damals nicht. Es war jedenfalls kein Thema. Ich hingegen weiss es heute Dank Google. Als ob es mit dem sonderbaren, achterbahnartigen Flügelschlag nicht genug wäre, bringen Kolibris im Sturzflug für ihre Herzdamen ihre Schwanzfedern zum Singen, steht da. Und Wissenschaft.de titelt: „Kolibris spielen mit dem Doppler-Effekt“. Auch zwitschern können sie. Steht da. Ich habe allerdings noch nie einen Kolibri gehört, auch wenn sich im Laufe jeden Tages in unserem Vorgarten Kolibris einfinden, um den Nektar aus den Blüten unserer Sträucher zu saugen. Lautlos mitten in unserer lärmigen 12-Millionenstadt Bogotá auf 2600 Metern Höhe über Meer. Wenn das Herr Zopfi noch erleben könnte!
    So sitze ich des öfteren vor unserem Haus auf der Steintreppe und harre der Kolibris, die da kommen. Und ich erinnere mich plötzlich, wie ich als Bub meine Mutter einmal an einen Ornithologenausflug ins Reusstal begleiten musste. In aller Herrgottsfrühe waren wir aufgestanden, wurden von einem Bus voller Vogelfreunde eingesammelt, zu einem Ried gefahren und anschliessend auf feuchtem Boden durchs hohe Schilf zu einer Beobachtungsplattform geschleust. Es war bitterkalt und neblig, ich bekam nasse Füsse und wusste dem Unterfangen überhaupt nichts Positives abzugewinnen. Vögel konnten wir ohne Sicht keine ausmachen, ab und zu hörte man Gezwitscher und Geschnatter. Das war‘s. Dort reifte mein Entschluss, dass Vögel in meinem Leben nicht im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stehen werden. 
    Bis zu den Kolibris in unserem Vorgarten wich ich nur zweimal von diesem Vorsatz ab. Einmal im Winter 1990/91, als ich einige Monate in New York City in der Nähe des Central Parks zubrachte. Es war naheliegend, dass mich meine täglichen Spaziergänge oft in dieses benachbarte Grün führten, und ich durfte entdecken, dass der Park auch als eine hochfrequentierte, heiße Cruising-Gegend galt, wo man harmlos spazierend jungen Männern begegnen konnte, was mich zugegebenermassen faszinierte. In einem Wäldchen inmitten des Parkes befindet sich ein speziell eingegrenztes Revier mit Wasserspiel. Dort fanden sich tagsüber allerlei Vögel ein, dort versammelten sich auch viele Vogelbeobachter mit ihren Teleobjektiven. Dort stand ich dann oft, beobachtete aber nicht nur die eintreffenden Vögel, die sich ums Futter stritten, sondern eben auch vorbeiziehende Jungs und junge Männer, die, wie ich, eine Zeitlang stehenblieben und dem bunten Treiben zusahen. Dort diente die Vogelwelt bestens als Vorwand, dem eigentlichen Zweck des Parkaufenthalts zu frönen.
    Das zweite Mal, zehn Jahre später, in Luzern. Wenn mir als Hochschulrektor die Sorgen, der Stress, die Künstler, die Geschäftsleitung, der Konkordatsrat, die Studierenden, das Geld und die Einsamkeit über den Kopf wuchsen und mich in ein Loch zu reissen drohten, pflegte ich zuweilen auszubüchsen und auf dem Bürgenstock einen Spaziergang zu machen. Im Aufstieg zum Hammetschwandlift begleitete mich dabei regelmässig der Gesang einer Nachtigall, was eine schon an ein Wunder grenzende Beruhigung zur Folge hatte. Gelöst, geläutert, dankbar und mit neuer Energie versorgt konnte ich in die Stadt zurückkehren und mich den anstehenden Geschäften widmen.
    Heute auf der Treppe vor dem Haus zog ich die Handykamera hervor und machte vom Kolibri ein kleines Video.
 
(Sonntag, 8. September 2024)
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Aus meinem Tagebuch von 1974
 
Patrick Lévy, Vater zweier Kinder, Smadah und Sarah, Fachmann für Geflügelaufzucht. Lebt getrennt von seiner Familie.
    Er ist aus Frankreich, lebt ohne Bewilligung in der Schweiz (seine Frau ist aber Schweizerin). Er lebt in Wohngemeinschaften wie der unseren. Jetzt muss Patrick aber gehen. Der Verwalter unserer WG, R.P., hat ihn, aus was für Gründen auch immer, bei der Einwohnerkontrolle verpetzt. Jetzt ist die Fremdenpolizei hinter ihm her. Er findet keine Arbeit. Er will morgen verreisen, er weiss jedoch nicht, wohin. Er wird vermutlich wieder nach Frankreich reisen.
    Es ist trist. Er ist moralisch auf dem Hund. Es ist schlimm,  ziellos fortgehen zu müssen.
    Seine Familie Lévy stammt ursprünglich aus Spanien. Während der Inquisition flüchtete sie nach Rumänien und nahm den Schlüssel zu ihrem Haus in Spanien mit. Das war vor 400 Jahren. Noch jetzt wird der Schlüssel als Familienschatz gehütet. Der erstgeborene Sohn bekommt ihn.
    Patrick ist der Erbe. Doch er hat nur Töchter. Aber auch seine anderen Geschwister haben nur Töchter. Wem wird der Schlüssel vermacht werden?  
    Seit zwei oder drei Generationen wohnen Lévys jetzt in Frankreich. Ich glaube, Patrick ist einsam. Er hat kaum Freunde, die ihm jetzt helfen könnten, zu denen er jetzt gehen könnte. Auch seine Familie mag ihn nicht. Er sei zuhause das schwarze Schaf, sagt er.
    Patrick sprich französisch. Sein Deutsch ist mangelhaft. Es scheint, dass da eine schwere Last auf Patrick schlummert, die wohl kaum je abgetragen werden kann.
    Patrick liest Comics oder schaut sich die Bilder in den Heftchen an. Sonst macht er nichts. Er kann gut vor sich hinstarren. Lange Zeit. Früher habe er Eisen gelegt beim Bau eines Atomkraftwerks hier in der Schweiz. Jetzt wollen sie ihn nicht mehr, weil er keine Arbeitsbewilligung vorweisen kann.
    Er weiss also nicht, wohin er gehen könnte. Ich fühle mich so elend dabei. Ich weiss nicht, wie helfen. Und ob da sogar eine Nicht-Bereitschaft im Spiel ist, sich für Lösungen einzusetzen? Nicht einmal versucht habe ich es. Ich lass ihn einfach ziehen. Ungeheure Ferne. Ich würde doch einflussreiche Leute kennen, die ihm vielleicht helfen könnten. Ich lasse aber seinen für uns schamvollen Auszug geschehen. Ich sag ihm "Au revoir", als ob das genügen würde.
    Patrick erfährt Wahrheiten über uns, die ihm seine Einsamkeit bestätigen. Aber er bleibt hochanständig. Dieser Mann hat eine Würde und eine Grösse. Er lässt sich kaum etwas anmerken. Ich glaube, er könnte zu Recht von uns enttäuscht sein.
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Instagram-Flash (August 2024)
 

Ich bin Trump-verseucht. Während Donold bei seinen Rallies die Massen zählt und dafür von Barack Obama am Chicagoer Parteitag der Demokraten schon schön eins auf die Mütze bekommen hat, zähle ich ab und zu, wie viele Clicks durchschnittlich mein Blog bekommt (1400/Monat).
    Ja, ich habe auch ein Instagram-Account (@rector_wyss), bin aber total überfordert beim Wissen, was Reels, Threads, Stories und anderes mehr überhaupt bedeuten. Ich schiebe einfach hie und da ein Erinnerungsfoti dorthin. Auch die Katze bekommt ab und zu ihren Ehrenplatz. Die Zahl der Followers pendelte sich über die Jahre so bei ungefähr 1500 ein. Das sind keine Influencer-Dimensionen. In der Kurz-Bio schrieb ich von mir sogar, ich sei "the contrary of an influencer". - Item.
    Und jetzt dies. Seit einem 16-Sekunden-Video, das ich vor gut drei Monaten veröffentlichte, und worin ich mit dem Künstler Not Vital in seinem Atelier in Sent einen beinlosen Tisch ausprobiere, werde ich von meiner Umgebung plötzlich anders wahrgenommen. Dieser Clip wurde bis dato sageundschreibe 14,9 Millionen Mal angeschaut, bald wird die 15-Mio-Marke geknackt werden. 539'000 Herzchen wurden für diesen Beitrag vergeben, 1184 Menschen hielten den Beitrag sogar für einen Kommentar wert. Und jetzt verfüge ich schon über 4800 Followers.
    Das macht schon was mit einem. Ich weiss nur noch nicht genau was. Vielleicht die Reue, damit keinen Rappen verdient zu haben? Vielleicht die Enttäuschung, dass spätere Posts wieder aufs übliche Beachtungsniveau gesunken sind? Die Furcht, die neuen Followers könnten wieder wegschmelzen? - Alles Gefühle weit weg von der Freude, so einen Ausreisser überhaupt und unbeabsichtigt gelandet zu haben. Wieder einmal bestätigt sich mir die These, dass Instagram im Grunde unglücklich macht...
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©Nikolaus Wyss
 
 

Dienstag, 27. August 2024

Wo war ich?

Von Sandro Fischli hergerichtet im Fotostudio von Pitsch im Hinterhof der Niederdorfstrasse 2 im Frühjahr 1974

The past is never dead. It's not even past (William Faulkner, Requiem for a Nun)

Im Kopf meines Vaters hatte sich irgendwann die Überzeugung festgesetzt, ich sei ein Linker. Ende der 60er Jahre lebte er mit seiner Partnerin Beatrice in Athen und beschimpfte vom Balkon seiner kleinen Wohnung herab protestierende Studenten unten auf der Strasse, die sich einerseits gegen die griechische Militärdiktatur und andrerseits gegen Präsident Nixon und seinen Vietnam-Krieg auflehnten. Mein Vater hingegen besass Aktien südafrikanischer Goldminen und sah diese angesichts der studentischen Unruhen für einsturzgefährdet. Von dieser Warte aus war es wohl leicht, mich als Linken zu identifizieren, auch wenn ich Marx, Engels und Marcuse ungelesen im Büchergestell verstauben liess. Wenn Vater nur gewusst hätte, wie ich mich fühlte damals im Sommer 1968 während der Globus-Krawalle auf Zürichs Quai-Brücke. Dort stand ich sprachlos und staunend, weil ich nicht verstehen wollte, wie Jugendliche in meinem Alter verdatterte Feuerwehrmänner attackieren können, die sich mit in der Strafanstalt Regensdorf geflochtenen Schutzschilden aus Weidenruten und schlaffen Wasserschläuchen zu erwehren versuchten, bis ihr Kommandant den Rückzug befahl, weil sie mit Steinen beworfen und beschimpft wurden, als ob sie ihre Töchter der Prostitution ausgesetzt und ihren Söhnen die Finger abgehackt hätten. Ich glaube, in der Folge fasste der Stadtrat damals den Beschluss, anstelle der Feuerwehr von nun an nur noch besser gerüstete Polizisten einzusetzen und einen gepanzerten Wasserwerfer mehr anzuschaffen.

Besser gerüstet? Beim Hauptbahnhof unten versuchten zur selben Zeit Polizisten in blossen Hemden und ohne Helm, also völlig ungeschützt, sich den Randalierern entgegenzustellen. Sie wurden angeleitet vom damaligen Polizeikommandanten Rudolf Bertschi, der sich vom Balkon des Hotel Du Nord aus mit einem Megafon Gehör zu verschaffen versuchte. Meine moderat linke Position kam ziemlich ins Schwanken. Mit solchen Radaubrüdern wollte ich nichts zu tun haben. Die verwirrten Polizisten taten mir leid, das Globusprovisorium als Jugendzentrum interessierte mich nicht und war für meine damalige Gesinnung eine Schuhnummer zu klein. Gleichwohl schämte ich mich gegenüber meinen Schulkameraden, kein Tränengas und keine Wasserdusche abbekommen zu haben. Das tat meinem Prestige in diesen Kreisen nicht gut. Ich wurde weder festgenommen noch verhört. Nie. Ich machte mich jeweils rechtzeitig aus dem Staub. Dieses Fluchtverhalten hatte schon das Jahr zuvor seine Wirkung gezeitigt, als ich mein damaliges Date, ein finnisches Au-pair-Mädchen namens Saima, eine lächelnde Sonne mit strohblondem Haar und dicken Fesseln, zum Rolling Stones-Konzert ins Hallenstadion einlud, bis unten im Parkett Radau ausbrach und sämtliche Stühle in einer wütenden Schlacht in Kleinholz verwandelt wurden. Wir verliessen den Ort ohne Blick zurück, von den Stones kriegten wir wegen des schlechten Sounds eh nichts mit. Ich kam mir ritterlich vor, eine junge Frau, die in der Schweiz zu Gast war, vor Ungemach bewahrt zu haben. 

Studentenführer Rudi Dutschke machte mir zu lange Sätze. Als er angeschossen wurde, tat es mir leid, so schlecht über ihn gedacht zu haben. Studentenführer Daniel Cohn-Bendit hingegen bewunderte ich wegen seiner Zweisprachigkeit. Doch Paris war weit weg. Ich fragte mich damals bloss, wo sich denn Präsident Charles de Gaulles aufhalten könnte, denn er war in den heissesten Phasen der Pariser Proteste abgetaucht, ungewöhnlich für einen kriegsgeübten General.

Mein Lateinamerika-Aufenthalt von 1970 bis 1972 gab meiner linken Gesinnung allerdings Schub. Ich wurde Zeuge von so viel Elend, von so viel Ignoranz der Politik gegenüber den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung, von so viel Ungerechtigkeit, von so viel partikulärem Besitzdenken, von so viel Grausamkeit, dieses mit allen Mitteln zu verteidigen… – Ich glaube, ich schrieb meinem Vater damals einige geharnischte Briefe, in welchen ich kundtat, was ich von seinen südafrikanischen Goldaktien, was ich vom Schah von Persien und vom Vietnamkrieg hielt, und wieso nur eine gesellschaftliche Umwälzung, eine Revolution, die Situation verbessern könnte. Mit einiger Sympathie verfolgte ich damals die Aktivitäten der Guerilleros in Kolumbien, las alles über Camilo Torres, dem katholischen Priester, der sich der ELN-Guerilla angeschlossen hatte und 1967 in einem Gefecht im Departament Santander heldenhaft starb. Ich liess auch einen NZZ-Redaktor abblitzen, der mich dafür vorsah, ab und zu aus Lateinamerika zu berichten. An den freien Sonntagen stieg ich zusammen mit Gesinnungsgenossen ins Armenviertel Pardio Rubio hinauf und half mit, das Loch für eine Zisterne zu graben.

Unter Hinterlassung eines Che Guevara-Posters kehrte ich 1972 jedoch ziemlich geknickt, desillusioniert und kleinmütig in die Schweiz zurück. Von Depressionen gepeinigt, überzeugt, für diese Welt nicht lebenstüchtig genug zu sein. Bereit, einen Psychologen aufzusuchen. Froh, in einer Bar arbeiten zu können, wo klare Verhältnisse herrschten: ich stelle dir ein Bier auf den Tresen, und du bezahlst mir, was es kostet. – In dieser Verfassung traf ich einmal meinen Vater im Restaurant des Hotels Gotthard an Zürichs Bahnhofstrasse. Gleich zu Beginn überreichte ich ihm als kostbares Mitbringsel eine kleine Indio-Skulptur aus Sandstein, die ich mir in Kolumbien für ihn erstanden hatte. Er aber, der meinte, immer noch den Revoluzzer mit den bösen Briefen aus Lateinamerika vor sich zu haben, wies das Geschenk wutentbrannt von sich, worauf ich ihn am Tisch sitzen liess und in meiner eigenen Bedrängnis das Lokal ohne Abschied verliess. 

 Die Zeit, in welcher politische Bekenntnisse wieder in den Hintergrund traten, hatte gleich nach meiner Rückkehr nach Europa begonnen. Mich beschäftigten vielmehr meine Sexualität, meine Einsamkeit, meine Ziellosigkeit, mich beschäftigte meine einvernehmliche Art, die ich offenbar ausstrahlte, die aber überhaupt nichts mit meinem inneren Chaos gemein hatte. Nicht gerade hilfreich war auch mein Job als Co-Therapeut in einer kinderpsychologischen Praxis in Hausen am Albis, denn dort geschahen Prozesse, denen ich nicht traute, und die ich schon gar nicht verstand. Wieso sollte beim ausgiebigen Sandkastenspiel mit einem Bettnässer dieser plötzlich aufhören, ins Bett zu pinkeln? Und beim Ballspiel mit zwei Stotterern hielt ich nicht zurück. Wir hüpften herum und wurden dabei recht lärmig, so dass meine Chefin mir zurief: «Be tender». Doch ich verstand ihre Worte nicht und tobte weiter mit den beiden. Ein paar Wochen später aber wurden diese Kinder als geheilt entlassen. Zusammen mit dem trocken gewordenen Bettnässer. Das Leben war mir ein Rätsel, und ich mir selbst noch mehr.

Mit grossem Befremden lese ich meine Tagebuch-Eintragungen aus jener Zeit. Sie sind eine Aneinanderreihung von unerfüllten Sehnsüchten und Klagen. Ich verliebte mich stets in junge, heterosexuelle Männer, die sich im Gegenzug darin üben konnten, mir gegenüber tolerant zu sein, ohne sich dabei etwas vergeben zu müssen. Ich glaube, einige wären gerne wirklich gute Freunde von mir geworden, sahen aber in einer körperlichen Annäherung keinen Mehrwert. Das machte mich unglücklich, und in meiner Ohnmacht und Frustration verstiess ich sie alle.

Ich erinnere mich zum Beispiel gut an den bildhübschen Sandro, den ich bei einer Party im schmalen Fotostudio von Pitsch an der Niederdorfstrasse 2 kennenlernte. Er spielte mit seiner Androgynität und anerbot sich, mich zu schminken. Dieses Setting erlaubte es, einander ganz nah und auf eine spezifische Art intim zu sein, allerdings nicht mit dem Ziel, sich zu vereinen, sondern eine Verwandlung zu vollziehen. Er schminkte mich zu einem Vamp (siehe Bild), der Sandro vielleicht erlaubt hätte, mich attraktiv zu finden. Stattdessen bekam ich zum Schluss eine Katze in den Arm gedrückt, mit der ich mich dann vom schwarz gekleideten Pitsch, dessen Spezialität es war, Porträts von Prostituierten zu erstellen, abgelichtet wurde. Sandro war es zufrieden und ich ein weiteres Mal frustriert.

Etwas anders verhielt es sich mit dem hübschen Kenny und seinen unwiderstehlichen Augen. Wir lernten uns beim Tanzen im Castel Pub, dem vormaligen, geschichtsträchtigen Cabaret Voltaire, kennen. Wir amüsierten uns köstlich, wenn die Schallplattennadel bei harten Rhythmen immer wieder einmal aus den Rillen sprang, weil wir es auf dem Dance Floor allzu wild trieben. Der Discjockey mit seinem Equipment befand sich nämlich über uns auf einer Art Balkon, der sich aber auf der nicht ganz erschütterungsfreien Tanzfläche abstützte und das Gestampfe und Gehüpfe von uns 30 bis 50 Tänzerinnen und Tänzern ungedämpft auf den Plattenspieler übertrug.

Von da weg kreuzten sich für eine geraume Zeit Kennys und meine Wege, und ich machte dafür auch Umwege in der Hoffnung, ihn irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen der Brasserie an der Rämistrasse, im Oberdörfli, oder dann in der Fantasio-Bar anzutreffen. Seine Eloquenz begeisterte mich, seine gesellschaftlichen Analysen waren faszinierend. Er interessierte sich für Wissenschaftstheorie, hatte allerdings eine Freundin, die ihm Sorgen bereitete. Sie nahm sich für sein Dafürhalten zu viel heraus, was ihn eifersüchtig machte. Dieses Gefühl stand aber im Widerspruch zu seiner linken Gesinnung, die doch für Toleranz und Befreiung stand. In diese Lücke passte ich als verständnisvoller Zuhörer gut hinein. Ihm gefiel wohl auch, dass ich ihn, im Gegensatz offenbar zu seiner Freundin, vorbehaltlos anhimmelte. So entstand eine Art Freundschaft, die zwar wiederum das, worum ich buhlte, ausliess, doch immerhin eine Art beidseitiger Nutzen abwarf bis zu dem Punkt, wo ich seiner Eloquenz nicht mehr ganz traute. Ich wollte Kenny mehr als einmal klar machen, dass die Welt nicht so ist, wie er sie zu sehen meint. Meiner Ansicht nach sieht sie bei jedem etwas anders aus, je nachdem, wie sie sich jemandem gerade erschliesst und wo sich dieser Jemand darin gerade befindet. Ich sah die Welt, die Gesellschaft, alles, was darauf kreucht und fleucht, als sich stets wandelnde, vorantreibende und immer wieder von neuen Einsichten, Hoffnungen oder Verzweiflung getränkte Kugel. Kennys Theorie und Rechthaberei hingegen beschworen ein starres Gefüge, das aufgebrochen und revolutioniert werden musste. Meine Bedenken und Zweifel etikettierte er als Revisionismus und Trotzkismus. Fürchterliche Schimpfworte in seinen Kreisen. Nach der Absolvierung der Rekrutenschule radikalisierte er sich in einem Masse, die ich unerträglich fand. Was meinem Vater die randalierenden Studenten auf den Strassen Athens, waren für Kenny bürgerliche Politiker, Offiziere und Kapitalisten, wie mein Vater einer war. Ich wieder dazwischen, einer, der mit seinen Vorbehalten und der Bevorzugung eines dritten Weges die revolutionäre Bewegung zu schwächen drohte…  

Dann zog ich vom Stadtzentrum an die Peripherie nach Schwamendingen, zu weit weg für regelmässige nächtliche Touren durchs Bermuda-Dreieck. In Schwamendingen war ich mehr auf mich selbst gestellt. Spürte Einsamkeit und Sehnsucht noch stärker und kam zu Einsichten, die ich so beschrieb:

«Ich lebe lauter Ahnungen. Und auch das ahne ich nur.» - Inspiriert vom leidensfähigen, selbstlosen Philosophen Ludwig Hohl, der die auf Zetteln festgehaltenen Gedanken in seiner Genfer Kellerbleibe an einer Wäscheleine aufzuhängen pflegte, kritzelte ich meine Tagebüchlein voll mit Halbausgegorenem. Ich wusste, dass meine Einsichten kein intellektuelles, schriftstellerisches oder philosophisches Niveau erreichten, doch ich war gleichzeitig besessen von der Idee, das einzige Mittel gegen mein Versagen bestünde im Festhalten meines Unvermögens.

„Und wieder einmal darf ich fragen, wer ich bin und was ich mache. Das mache ich stets in Momenten, wo ich etwas tun sollte. Die Frage nach der Sinnlosigkeit des Ganzen wächst mit den Anforderungen, die an mich gestellt werden. Das ist so etwas wie Hammer und Ambos, wo ich mich dazwischen bewege. Am Bild ist falsch, dass ich nicht weiss, was passiert, wenn der Hammer zuschlägt.  Bis jetzt verhinderte ich diese Situation durch geschicktes Lavieren zwischen den Fronten.“ – Mit anderen Worten: ich floh vor dem Schlag des niedersausenden Hammers, indem ich lustlos versuchte, mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Ich kombinierte mein Volkskunde-Recherchen an der Universität mit Journalistischem. Da war zum Beispiel das Thema „Die Behandlung einer Leiche vom Moment ihrer Wahrnehmung als solche bis zur Beerdigung.“ Ich pilgerte dafür ins Triemlispital und sprach dort mit dem Personal aus der Pathologie. Ich machte auch Interviews mit Angestellten des Bestattungsamtes, und nach Abgabe der Arbeit bei meinem Professor, Arnold Niederer, verfasste ich daraus einen Text, der im Magazin des Tages-Anzeigers oder in einem anderen gehobenen Blatt publiziert wurde.

Und als Gegenmassnahme zu meiner Schlaflosigkeit verfasste ich einen Restaurantführer über Wirtschaften, die bereits um fünf Uhr in der Früh öffneten. Das fand ich spannend, denn dort vermischten sich Partygänger und Überhöckler mit Arbeitern, die nach einem kräftigen Frühstück in den Stollen fuhren. In der „Neugasse“ zum Beispiel gab es anstelle von Kaffee und Croissants frühmorgens ein Kotelett nature für Fr. 6.-, Geschnetzeltes für Fr. 4.50, Läberli zu Fr. 3.60, Speckrösti und Käserösti zu je Fr. 4.-, Schinken mit Ei für Fr. 4.50, und Rührei Tessiner Art zu Fr. 4.50. Zutaten wie Rösti, Teigwaren und Salat kosteten zusätzlich je Fr. 2.-. „Verziert mit 2 Kirschen“ steht da noch in meinem Notizbuch, aber ich weiss nicht mehr, worauf sich diese Beobachtung bezog. Auf den Salat? Auf die Teigwaren? Oder auf die Rösti?

           Bref: Ich dümpelte herum, wurde aber von anderen gar nicht so wahrgenommen, wie ich mich selbst fühlte – was mich in weitere Identitätskrisen stürzen liess. Ich lebte meine elende Verfassung, wirkte gegen aussen aber freundlich und unternahm selbst erstaunlich wenig dagegen, diesem Zwiespalt zu entrinnen. Ich biss mich an der Vorstellung fest, dass Warten auf bessere Zeiten das wohl heilsamste Mittel sei, dem schlechten Selbstgefühl zu entkommen. Besser jedenfalls als sich krampfhaft dagegenzustemmen. So wartete ich und machte eine ganze Philosophie darum herum. Warten als aktive Form von Passivität. Beim Warten schwingen immerhin Zuversicht und Hoffnung mit, dass es einmal anders, besser, klarer, bestimmter und eindeutiger werden wird. Auch der bevorstehende Tod. Auch der kann zuweilen erlösend sein.

         Entgegen kam mir damals ein Satz, der verschiedenen Autoren zugeschrieben wird, und der mich seinerzeit ungemein zu trösten vermochte: „Happiness is not the goal.“  Mit dieser Aussage gewannen meine unerfüllten Gefühle und meine Sehnsucht nach einem Partner langsam eine andere Färbung. Geldverdienen, Alleinsein und Studium musste ich nicht mehr zwingend als unüberwindbare Barrieren vor dem erstrebten Glücklichsein ansehen. Sie bargen vielmehr den Glücksschatz bereits in sich, ohne dass man danach graben musste, sofern man die Wertung dessen, in welcher Situation man sich gerade befand, als wahrhaftig und sinnvoll akzeptierte und nicht als Unglück.

Ich glaube heute, dieser Verzicht auf Glückssuche war der Schlüssel zu meinen Aktivitäten in Schwamendingen. Ich fragte mich damals, wie man in diesem in jeder Beziehung alltäglichen, sensationslosen und zuweilen sogar randständigen Quartier der Stadt Zürich überhaupt überleben oder gar glücklich werden konnte? – Je mehr mich diese Frage unter Zuhilfenahme meines ethnologisch geschulten Auges beschäftigte, umso weniger beherrschte mich mein Unglücklichsein. Endlich hatte ich mein Thema. Es hiess Alltag und meine Beobachtungen gestatteten mir, mich in unterschiedlichster Art dazu zu äussern. Ich heimste sogar den Respekt meines Professors ein, ich wurde medial bekannt mit meinen Führungen durchs Quartier, und unsere Zeitschrift „DerAlltag – Sensationsblatt des Gewöhnlichen“ tat das ihrige dazu, plötzlich ein unverkennbares Profil zu besitzen. Die Klagen in meinem Tagebüchlein veränderten sich. Nicht dass ich deswegen glücklicher geworden wäre. Aber ich war weniger unglücklich. Ich war beschäftigt. Ich hatte gar keine Zeit, mich mit meinen Defiziten und Träumen zu beschäftigen. Denn was ich mir mit Schwamendingen eingebrockt hatte, verlangte nach Nachschub, nach neuen Ideen, nach weiteren Aktivitäten. So entstand ein Buch übers Quartier, herausgegeben vom Quartierverein Schwamendingen. Meine Führungen durch Schwamendingen schärften nicht zuletzt meinen eigenen Blick aufs Alltägliche, auf die damit verbundenen Qualitäten und Nachteile. Ich gründete an der Winterthurerstrasse 495 eine Genossenschaftsbuchhandlung und wurde deren erster Präsident. Ich drehte einen Film über eine Arbeitersiedlung im Hirzenbachquartier, und schliesslich wurde ich dort draussen auch noch Theaterproduzent und bekam den Titel eines Botschafters von Schwamendingen verliehen.

Die Frage, wo ich denn war, wurde so mit der Zeit hinfällig. Jedermann konnte jetzt sehen, auf welchem Weg ich mich befand. Die Frage jedoch bleibt, wieso zuweilen so viele Umwege gemacht werden müssen, um festzustellen, wo man war und ist… Gelebtes Leben dazu ist offenbar unvermeidlich… 

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© Nikolaus Wyss

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