Donnerstag, 8. Februar 2018

Wenn das Schaumbad kalt wird


Hast du dich jemals geoutet?
Das Outing gehörte in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch nicht zum Repertoire homosexueller Praxis. Ich gehörte zu denen, von denen man es annahm oder wusste, weil ich in entsprechenden Kreisen verkehrte, mich mit Freunden umgab statt mit Freundinnen oder allein blieb. Ich selbst hatte eher Mühe, unaufgefordert darüber zu reden. Es gab aber immer wieder Momente, in denen jemand, der von meinen Neigungen wusste, mich höflich fragte, ob es mir nichts ausmache, darüber zu sprechen, sei es, weil er oder sie selbst davon betroffen war oder aus Neugier, weil er oder sie es sich nicht vorstellen konnte, wie Homosexuelle es miteinander treiben. Diese Initiativen nahm ich gerne an und sprach dann jeweils auch ohne Hemmungen aus, was ich fühle und wie ich damit umgehe.
Trotzdem kein offizielles Outing?
Ich habe diesbezüglich nie eine offizielle Verlautbarung gemacht, so wie es zum Beispiel seinerzeit der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit getan hat. Ich hatte auch nie eine solche Bühne dafür, was mir durchaus entgegenkam. Einzig bei meiner Mutter sprach ich einmal im Sinne einer Deklaration meine sexuellen Gefühle offen an. Daran erinnere ich mich genau. Wir sassen auf dem Badewannenrand, weil ich gerade Wasser einliess für ein Schaumbad, das dann aber wegen des langen Gesprächs erkaltete.
Die grösste Sorge meiner Mutter bestand darin, ob sie wegen ihres Erziehungsstils oder wegen der Abwesenheit eines Vaters eventuell mitschuldig sein könnte an meiner sexuellen Orientierung. Dabei konnte ich mir durchaus vorstellen – und das sagte ich ihr damals –, auch mit einer Frau zusammenzuleben. Doch sie meinte, ich solle dies einer Frau nie antun, was ich aus heutiger Sicht und im Wissen um die tausend Varianten von Zusammenlebensformen etwas merkwürdig finde. Denn ich war damals darauf aus, mir alle Möglichkeiten offenzuhalten. Das Ablegen eines Bekenntnisses hätte ich als Einschränkung empfunden, als Festgenageltwerden – nicht als Befreiung.
Dann bereitete dir wohl die Outing-Welle von Rosa von Praunheim anfangs der 1970er-Jahre eher Mühe.
Ja, ich fühlte mich nicht eingeladen, die Ziele seiner Schwulenherrschaft zu den meinen zu machen. Bekannt in der Öffentlichkeit wurde er 1971 mit seinem qualitativ schlecht abgedrehten Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. In den darauffolgenden Jahren stellte er Personen des öffentlichen Lebens bloss, die im Versteckten schwul waren. Diese Aktionen sollten andere, die nicht offen zu ihren Gefühlen zu stehen vermochten, ermutigen oder gar zwingen, sich zur eigenen Homosexualität zu bekennen. Statt mich aber von Rosas spektakulären Aktionen in meinem eigenen Werdegang unterstützt zu fühlen, gewann ich damals von ihm und seinen militanten Gesinnungsgenossen eher das Bild einer aggressiven Zicken-Community, die eifersüchtig darauf bedacht war, ohne Rücksicht auf Verluste und persönliche Dramen andere Menschen für eigene Anliegen auszunützen. Das stiess mich ab. Die wichtige, ja notwendige Dimension des politischen Anliegens, nämlich die Homosexualität endlich aus dem Schatten eines kriminellen Vergehens zu lösen, vermischte sich hier auf unglückliche Weise mit einem Bekenntnisdruck, der in meinen Augen der Dynamik des Anliegens entgegenstand und potenzielle Kandidaten wie mich eher vergelsterte. Einzig bei einflussreichen Personen, die öffentlich gegen Schwule hetzten, obwohl sie selbst schwul waren, fand ich Spass an Rosas Aktionen.
Du bliebst also lieber «in the closet»?
Ich war fest überzeugt, dass mich das Schwulsein nicht glücklich macht. Ich brachte es immer in Verbindung mit unerfüllter Sehnsucht und unerwidertem Verlangen. Das hat einerseits mit der damaligen gesamtgesellschaftlichen Situation zu tun, andrerseits aber auch mit der persönlichen Gewissheit, dass mich nur eine eigene Familie glücklich machen würde. Mich beeindruckte immer wieder, wenn Väter betonten, wie wichtig ihnen ihre eigenen Kinder seien. So etwas hätte ich gerne auch einmal gesagt. Dieser Stolz, ja, dieser Kult um die eigene Brut entschädigt wohl für sexuelle Frustration, Stress mit der Ehefrau und berufliche Unzufriedenheit. Diese Art von gesellschaftlicher Gratifikation hielt ich für attraktiv. Ich wollte nicht akzeptieren, dass mir dies verwehrt sein sollte. Zur Überprüfung meiner heterosexuellen Fähigkeiten übrigens – das klingt jetzt lächerlich, und ich sage es nur so am Rande – ging ich in Frankfurt am Main, wo ich Ende der 1980er-Jahre wohnte, des Öfteren ins Rotlichtviertel und traf mich dort mit Cecilia aus der Karibik. Das hatte durchaus romantische Züge. In solchen Momenten war für mich die Welt in Ordnung und stärkte mich im Glauben, irgendeinmal doch noch mit einer Frau eine Familie zu gründen und glücklich zu sein.
Haben dich denn Frauen glücklicher gemacht als Männer?
Im Sinne der Nachhaltigkeit und meiner biederen, konventionellen Gesinnung schon. War ich des Nachts mit einer Frau zusammen, so befand ich mich am darauffolgenden Tag auf Wolke sieben. Ich spürte Kraft und erfuhr mich als Mann, der Frauen vögelt, und der darum den übrigen Anforderungen des Alltags gewachsen ist. Verbrachte ich hingegen die Nacht mit einem Mann, so stellte sich nach der Verabschiedung sofort wieder das Verlangen nach einem weiteren Treffen ein. Es machte mich für den Rest des Tages schwach und raubte mir alle Energie, die ich gerne für Produktiveres gebraucht hätte.
Das tönt nach verpasstem Leben.
Naja, so weit würde ich nicht gehen. Es geht ja eher darum, aus unveränderbaren Gegebenheiten etwas Sinnvolles zu machen. Nur brauchte ich vielleicht etwas länger als der Durchschnitt, mit mir selbst zurechtzukommen. Ich galt zwar immer als originell und innovativ. In dieser Hinsicht sah man mir die emotionalen Lücken nicht an, auch wenn sie mich stets begleiteten. In meinen Beziehungen zu Männern kaprizierte ich mich folgerichtig auf familienähnliche Verhältnisse. Zunächst waren die Freunde so etwas wie meine jüngeren Brüder. Später waren sie eine Art Ziehsöhne, und heute würde ich mich gegenüber meinem kolumbianischen Partner als Schweizer Grossonkel bezeichnen.
Du selbst hattest nie einen väterlichen Freund?
Nein, nie. Als ich jung war, stiessen mich ältere Männer ab. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich ein jüngerer Mensch je mit einem reifen Mann einlassen kann. Entsprechend Angst hatte ich, selbst alt zu werden und in eine Einsamkeitsfalle zu tappen, worunter übrigens viele alternde Schwule leiden. Doch im Verlauf meines eigenen Lebens erlebte ich den Vorteil, dass nicht alle so ticken wie ich. Gott sei Dank. Es scheint, dass mir die heutige Onkelrolle ganz gut bekommt. Ein bisschen inzestuös, auch wenn die Sexualität in den meisten Beziehungen zugunsten anderer Schwerpunkte im Zusammensein beziehungsweise gemeinsamer Interessen nie dominierte. Zum vaterähnlichen Familiengefühl gehört auch der Stolz auf die vielen Verdankungen und Credits meiner Person in Doktor- und Masterarbeiten meiner «Söhne» und «Neffen». So fand mein Name Eingang in einer nigerianischen, einer ghanaischen, zwei indonesischen, einer malaysischen, zwei englischen und drei kolumbianischen Hochschulbibliotheken.
Heutzutage können Schwule heiraten oder sich verpartnern, sie können künstlich oder natürlich Kinder zeugen und aufziehen und kommen somit einem «normal»-bürgerlichen Leben näher als noch zu Zeiten, als du jung warst.
Ja, die Diversität explodiert in unseren aufgeklärten, westlichen Gesellschaften geradezu. Für jede Variante sexueller Identität gibt es heutzutage Fachwörter und Selbsthilfegruppen und Anträge für Anerkennung und Legalisierung. Nur traue ich dieser Freiheit von heute nicht so ganz. Sie scheint mir durch den sich abzeichnenden moralischen Neokonservatismus in aller Welt gefährdet. Globale Institutionen wie die Kirchen setzen auf Rückbesinnung und Tradition und verbünden sich mit entsprechenden radikalen politischen Kräften. Besonders deutlich sieht man dies in Afrika und Lateinamerika, nicht zuletzt verursacht durch evangelikale Prediger und Missionare, die grösstenteils aus den USA stammen. Es geht hier um Vorherrschaft. Gegen Schwule zu hetzen, ist in bildungsschwachen Regionen ein probates Mittel, sich Macht zu sichern. Denn die Schwulen sind keine Mehrheit, sie brauchen Verbündete, die dort schwer zu finden sind. Indem sich eine satte Mehrheit gegen das «sündhafte Leben» ausspricht, schlägt sie sich auf die sichere Seite. Damit kommt sie erst noch in den Himmel. Auch im orthodoxen Osteuropa und im Islam ist diese Art von Moral eine scharfe Waffe, und in China ist der familiäre und durch die Partei sanktionierte Druck auf Schwule derart gross, dass viele unter diesem Zwang heiraten oder emigrieren. Ich habe also meine Zweifel, ob unter diesen grossräumigen Veränderungen die Anerkennung sexueller Varianten aufrechterhalten werden kann.
So ein pessimistisches Schlusswort!
Kein Schlusswort. Nur eine Beobachtung, vielleicht auch eine Rückbesinnung auf die Aktivitäten eines Rosa von Praunheims und anderer Aktivisten von damals. Gerade unter diesen schleichenden Veränderungen scheint es mir wichtiger denn je, auf die Normalität und Daseinsberechtigung von Schwulen hinzuweisen und um deren Respektierung zu kämpfen. Es darf nicht sein, dass meine Generation lediglich Nutzniesserin eines kurzen Zeitfensters war, wo man sich eine eigene schwule Biografie zusammenstellen konnte, während meine jungen «Neffen» wieder mit dem tiefen Mittelalter zu kämpfen haben: von ihren Familien verstossen, von der Gesellschaft ausgegrenzt. Je älter ich werde, umso reifer bin ich, mich auf diesen Kampf um Chancengleichheit und Anerkennung einzulassen, sofern es mir die eigenen Kräfte noch erlauben.

Donnerstag, 1. Februar 2018

Bergnot auf dem Ruiz


Der Nevado del Ruiz, mit seinen 5311 Metern über Meer der zweithöchste aktive Vulkan auf der nördlichen Erdhalbkugel, ist meistens in Wolken gehüllt. Als ganzes Gebirgsmassiv erfasste ich ihn erst kürzlich auf einem Flug nach Medellín. Von oben ist er kein eleganter Kegel, wie man sich Vulkane gemeinhin vorstellt, nein, er liegt eher da wie ein Gürteltier mit weissem Panzer. In Lauerstellung. Oder wie ein aufgequollenes Geschwür, das von Zeit zu Zeit Eiter in Form von Asche und Lava absondert. Unvergessen das Unglück von Armero im Jahre 1985, als bei einem Ausbruch die Eiskappe an der Nordkante des Ruiz wegschmolz, sich als Schlammlawine zu Tale ergoss und über 20 000 Menschen unter sich begrub.
Beim Überflug dieses Gebirges erinnere ich mich jetzt, wie wir vor bald 50 Jahren diesen Berg von Manizales aus bestiegen haben. An meinem Geburtstag. Wir waren zu fünft, fuhren eng aneinandergequetscht in einem Jeep auf einer kurvenreichen Schotterstrasse bergauf durch bizarre Mondlandschaften und stellten fest, dass nicht nur wir, sondern auch der Motor der dünnen Luft wegen Mühe bekundete. Irgendwo hörte dann die Strasse auf. Wir liessen das Fahrzeug stehen und stiegen, schwer atmend, mit Sack und Pack noch ein paar 100 Meter weiter aufwärts, bis wir eine Berghütte erreichten. Sie stand gerade unterhalb der Firngrenze. Drinnen hatte der Hüttenwart ein heimeliges Kaminfeuer angefacht, doch er kriegte den Raum damit nicht warm. Nicht einmal die Suppe war richtig heiss. Für die Nacht richteten wir uns sternförmig ums Feuer ein. Die Füsse warm, der Oberkörper kalt, trotz dicker Decken. So ist es, wenn die Luft die Wärme nicht mehr zu tragen vermag. Meine Nacht verlief weitgehend schlaflos und wurde von starkem Kopfweh begleitet. Darauf war ich gefasst, das gehörte, liess ich mir sagen, zur üblichen Höhenerfahrung ungeübter Berggänger.
Noch im Dunkel des nächsten Morgens machten wir uns auf den Weg und stiegen über körnigen Firn bergan. Die Route galt nicht als schwierig, und die Gletscherspalten waren gut erkennbar. Je höher wir kamen und je flacher es wurde, umso strenger roch es nach Schwefel. Ausgerechnet jetzt setzte sich Nebel fest, und wir verloren die Orientierung. Es war weiss, wohin wir blickten. Gingen wir auf die eine Seite, endeten wir an einer Gletscherspalte. Gingen wir auf die andere, so meinten wir bereits am Kraterrand des Vulkans zu stehen. Es stank penetrant nach faulen Eiern. Wir wussten weder ein noch aus. Woher waren wir des Wegs gekommen? Wo ging es wieder hinunter? Hinter dem gleissenden Weiss des Nebels und des Firns lauerten überall Hindernisse und Ungewissheiten. Ratlos blieben wir stehen, breiteten die Windjacken aus, setzten uns in den Schnee und begannen, unsere Sandwiches zu essen und an Dörrfrüchten zu knabbern. Wir lächelten uns verlegen an und mochten uns nicht einzugestehen, dass wir in Bergnot geraten waren. Stunden vergingen, der Mittag war längst vorbei, der Nebel tat keinen Wank. Die Augen begannen zu brennen und zu tränen. Nennt man das nicht Schneeblindheit? Selbst wenn sich der Nebel gelichtet hätte, wären wir kaum noch imstande gewesen, etwas zu sehen. Doch dann, es mochte vier Uhr nachmittags geworden sein, bekam die Nebelfront endlich Risse. Jetzt konnten wir uns immerhin am Sonnenstand orientieren, wussten, wo Süden ist, und wir machten uns in diese Richtung auf den Weg. Es nachtete ein, als wir wieder zur Hütte gelangten, von der wir, mehr als zwölf Stunden zuvor, aufgebrochen waren.
Die Heimfahrt war insofern gefährlich, als niemand mehr von uns so richtig scharf sehen konnte. Nach unserer Rückkehr mussten wir alle mehrere Tage in dunklen Zimmern verbringen, bis das sandige Gefühl aus den Augen gewichen war. Vom Arzt bekamen wir Tropfen, Salben und Spritzen.
Noch etwas: Wenige Wochen später erhielt ich von meiner Mutter einen Brief, worin sie mich beunruhigt fragte, ob es mir gut gehe. An meinem Geburtstag sei nämlich mein Lieblingsbuch von damals, Der Fänger im Roggen, vom Büchergestell gefallen.

© Nikolaus Wyss

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Samstag, 27. Januar 2018

Wenn Feedbacks selber zu einem Blogeintrag gerinnen


An diesem ereignislosen Samstag, an welchem Donald Trump von Davos schon wieder nach Washington zurückgekehrt ist und die NoBillag-Befürworter mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen dürfen, dass ihnen wenigstens die SVP-Polteri auf den Leim gekrochen sind, an diesem Samstag, wo die Deutschen Grünen ihre Führung neu bestellt haben und wo Roger Federer im Final von Melbourne steht aber noch nicht um seinen 20. Sieg eines Grand Slams gekämpft hat, an diesem Samstag ist es um mein Selbstbewusstsein nicht gerade zum Besten bestellt. Ich sürmle herum und erfahre mich in einem altbekannten Gefühl, das mich seit Jahrzehnten immer mal wieder heimsucht und das ich zum hundertsten Mal schon in meinen Tagebuchaufzeichnungen beklagt habe. Normalerweise gehe ich in einem solchen Falle früh zu Bett und schlafe dann über einem Buch ein. Doch heute, nachmittags um vier, schien es mir dafür etwas arg früh, zumal ich meinen Hausgenossen zugesichert habe, ihnen zum zNacht einen Hörnli-Auflauf zuzubereiten. 
Ich überlegte mir den ganzen Tag über, wie ich mir wieder auf die Beine helfen könnte und kam heute Abend nach dem Hörnliauflauf zum Schluss, aus selbsttherapeutischen Gründen ein paar Rückmeldungen zu meinen Blog-Einträgen zusammenzustellen, wie ich sie auf Facebook vorfinde, wenn ich etwas zurückscrolle. 
Jetzt, spätabends, hat sich dieser Samstag in wohltuende Wärme verwandelt. Kein Heizstrahler ist vonnöten. Die Lust, ins Bett zu gehen, weicht der Lust, mir noch einen Whisky zu genehmigen. Prost!
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«Oh wie schön, lieber Nikolaus» Stefan Keller 
zu Rameli tot – Jürg Ramspeck war vor 45 Jahren mein Chef 
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«Love your story» Jacques van Meel  
zu Die vorwurfsvollen Wartehäuschen am Wegrand 
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«Wunderschöne Geschichte!» Urs Bolliger 
«Eigentlich eine traurige Geschichte» Esther Krebs 
«Wieder eine sehr berührende Geschichte. Es ist als wäre ich dabei... Danke für dieses Stück Züri-Geschichte» Silvia Longoni 
zu Das Drama beim Rösslibrunnen 
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«... du bist so voller Geschichten mit Lokal- und Weltkolorit. Mal alles in ein Buch zusammenführen? Ich würde es bestimmt kaufen!» Angela Weber 
«Spannend, da mitzulesen» Brigitte Schlatter 
zu Goodbye Barbara 
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«Cool» Dominik Landwehr 
zu Bali am 25. September 2017 abends um sechs 
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«... wunderschön lockst du ein bekanntes Gefühl aus den Tiefen tausender alltäglich winziger Begebenheiten ins Gedächtnis...» Raoul Meier 
«Köstliche Paraphrase des ‚Man muss nicht müssen’, Nikolaus danke!» Billo Heinzpeter Studer 
zu Plötzlich meine ich Sepp Estermann besser zu verstehen 
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«Schön – da kommt Nostalgie auf!» Urs Bolliger 
«Wunderbarer Text» Barbara Bürer 
zu Der Reisefüfzger 
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«Ich wünschte mir, einer meiner Freunde oder Freundinnen fände dann dereinst nach meinem Hinschied so gekonnte Worte und ein letztes Schulterklopfen als elegischen Nekrolog. Wunderschön geschrieben Nikolaus Wyss.» Hans Peter Graf 
zu Al Imfeld gestorben
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«Sehr berührender Text. Selten lese ich etwas mehrmals, noch seltener findet man solche Texte hier [auf facebook]» 
Lukas Landwehr 
zu Der Amakong 
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«Nachfühlbar» Hans Peter Graf 
«Irgendwie kommt mir das so wahnsinnig vertraut vor, was du hier beschreibst...» Peter Wolfensberger 
«Perfekt. Genau so ist es» Miklos Klaus Rozsa 
«Bravo» Claudia Christen Weizenegger 
zu Zürich Ende September: Eine Zuspitzung 
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«Vielen Dank Nikolaus für deinen Kommentar» Esther Baumgartner 
«Es gibt doch nichts Schöneres als eine gute Geschichte! ...»
 Josefine DellaSpada 
zu Alex als Türschwelle 
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«Szenen fast wie in einem Marquez-Roman, die Du so schön schilderst...» Theo Ruff 
«Wunderschön beschrieben und eine sehr berührende Schilderung des Mahler-Konzertes. Danke!» Rose Zschokke 
«Da kann ich mich nur anschliessen... Die zwei vorangegangenen Erzählungen habe ich mit grossem Vergnügen anschliessend auch gelesen...» Katerina Stregl 
zu Vom Drehen Mahlers im Grab 
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«Grossartiger Text» Nathalie Wappler 
«Toller Text und eine tolle Einstellung des damals jungen Mannes» Thomas Grünwald 
«Wunderbar wahr» Peter Jaeggi 
«Mutiger Text. Danke.» Brigitta Paulina Javurek 
«Schreib, Nikolaus, schreib einfach» Eva Hauptfleisch 
«Für mich einer der besten Beiträge auf facebook... BRAVO»
 Markus Balmer 
«Einfach, schön und so gut» Miroslav Jurendic 
zu Anfragen und Absagen 
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«Den Gestank mit einem Halleluja abfackeln. Sehr gut.» Stefan Keller 
zu Hundert Sekunden Einsamkeit 
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«Ist spannend zu lesen...» Elisabeth Schiess 
«Guter Text» Hans Fritschi 
«Ich erinnere mich gut» Werner Heiz 
«...Those were the days» Bobby A. Leiser 
«Danke fürs Aufschreiben und Teilen der Erinnerungen. Spannend ist auch der Satz, dass Kollegen aus dem Gastgewerbe grosszügig waren beim Trinkgeld: das gilt heute noch genau so. Niemand, der im Service arbeitet, ist knauserig (ausser der Service sei lausig).» Flurin Capaul 
zu Die volkskundliche Gans oder über die Anfänge meines Studiums 
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«Ich lese Deine Texte sehr gerne» Sergio Devecchi 
zu #instagramistscheisse 
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«GELESEN. Ganz. 2mal. GUT» Bruno Schlatter Gomez 
«Das mit dem ‚auf Zero stellen’ hat mir gut gefallen.» Noé Tondeur 
zu Bogota mon amour –ein Selbstinterview 
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Von mir aus kann Federer morgen auch verlieren. Ich werde es überleben...  
 

Montag, 15. Januar 2018

Zwei Schulklassen - Tagebuchnotiz vom 23. Januar 1983

Ein Schritt in die richtige Richtung scheint mir das Unterrichten in Brugg zu sein. Vier Stunden Soziologie an der Schule für Heimerziehung. Ich fahre von Schwamendingen um acht Uhr morgens mit meinem alten VW Passat los, meistens übers Furttal, manchmal auch übers Limmattal, trinke unterwegs noch einen Kaffee und bereite die Stunden vor. Natürlich tue ich das nicht erst beim Kaffee, aber dort gebe ich dem Ganzen noch den letzten Schliff. 
Es sind zwei Klassen. Die erste war mir auf Anhieb sympathischer (obwohl sich in der zweiten ein Mädchen befindet, Irma Eggenberger, das mir recht gut gefällt). Aber gerade diese Sympathie gegenüber der ersten Klasse bringt es mit sich, dass wir nicht sehr zügig vorankommen, uns eher plaudernd aufhalten, während der Stoff in der zweiten Klasse effizienter bewältigt wird. Damit kippt allmählich meine Sympathie zur zweiten Klasse hinüber, und ich entwickle jetzt gewisse Abneigungen, ja Aggressionen der ersten gegenüber, die alles viel zu breit und zu langsam (vermeintlich gemütlicher, aber ineffizienter) angeht.

Freitag, 5. Januar 2018

Vage Rekonstruktion eines entfernteren Teils meiner Familie

So ungefähr sah das Möbel aus, das mich mein Leben lang begleitete... (Screenshot von eBay)

Mein Leben lang begleitete mich ein Möbel aus furniertem Nussbaum, eine Art Sekretär, an den man sich aber nicht richtig hinsetzen konnte, weil die aufklappbare Schreibfläche zu hoch und zu wenig ausladend angesetzt war. Im unteren Teil erwies sich das Möbel als Kommode mit grossen Schubladen. Ein unmögliches Erbstück, wo ich unten meine Wäsche verstaute und oben Briefe, Fotografien, Kreditkarten, abgelaufene Pässe, Schul- und Arbeitszeugnisse aufbewahrte.
Das Möbel befand sich im Nachlass meiner Grosstante Lydia. Niemand wollte es damals. Irgendwie landete es dann bei meiner Mutter, die damit aber genauso wenig anzufangen wusste. Sie lagerte es im Keller ein in der Hoffnung, es mir dereinst vermachen zu können, wenn ich mich zu verselbstständigen anschicken würde. So war es denn auch.
Im Gedächtnis haften geblieben sind mir Tante Lydias gerötete Äderchen auf den mit viel Gesichtscreme eingeweichten Wangen. Sie hatte zwei Töchter: Käthi und Lotti. Diese waren also Cousinen meiner Mutter, für mich Tanten zweiten Grades. Beide wiesen dieselben Äderchen im Gesicht auf. Käthi versteckte sie hinter einer dicken Schicht Make-up. Sie verbat sich Zeit ihres Lebens, von mir Tante genannt zu werden. Das mache sie älter, pflegte sie zu sagen. Ihre nonchalante Eitelkeit bereitete mir jedoch Mühe. Wie einfach wäre es doch gewesen, sie Tante nennen zu dürfen. Ihrer uneitlen Schwester Lotti hingegen, die ihre Äderchen nicht versteckte, war das fragliche Wort egal. Dies hatte merkwürdigerweise zur Folge, dass es mir leichter fiel, sie bloss Lotti zu nennen, also ohne Tante vornedran, oder Lötter, eine seltsame Sprachschöpfung meiner Mutter, der ich irgendwie folgte: der Lötter. Lotti war Polizistin, blieb unverheiratet, hatte aber einen Freund namens Marc, mit dem sie regelmässig an den Neuenburgersee campieren ging. Marc mochte ich nicht besonders, er war mir in seinen Ansichten zu konservativ. Manchmal schämte sich Lotti seinetwegen, weil sie sich doch gerne aufgeschlossen gab. Käthi hingegen heiratete einen renommierten Arzt und führte ein gesellschaftlich-mondänes Leben in einer geräumigen Villa in Muri bei Bern. Sie richtete ihre Küche mit dem damals modernsten Schnickschnack ein. Zur Entledigung der Küchenabfälle beispielsweise war im Siphon des Abwaschbeckens eine Art Häckselmaschine eingebaut, welche die Kartoffelschalen und Apfelkerne so verkleinerte, dass sie mit dem Spülwasser fortgeschwemmt werden konnten.
Tante Käthi fuhr einen Mercedes 300 SL Coupé mit Flügeltüren. Dasselbe Modell fuhr auch ihr Gatte, und sie rechtfertigte die Doppelanschaffung mit dem Hinweis, dass sie mit dem Garagisten befreundet sei und es sich hier um ein ganz günstiges Spezialangebot gehandelt habe. Später vernahm ich, dass ihr auf dem Weg von Zürich nach Bern bei grosser Geschwindigkeit ein Reifen geplatzt und sie nur mit Glück und grosser Geistesgegenwart dem Tod entronnen war. Das führte dazu, dass meine Mutter vor Antritt einer Autofahrt eine Zeit lang ihren Mini umkreiste, um zu schauen, ob alle Reifen in Ordnung waren. Später liess sie es wieder bleiben.
Meine Mutter war in Muri zuweilen zu Partys mit Diplomaten, Magnaten und Geschäftsleuten eingeladen. Eine ihrer Standarderzählungen gipfelte jeweils im von Kichern begleiteten Eingeständnis, dass sie an einem dieser Empfänge den damaligen Bundesrat Nello Celio Cello genannt habe. Er war offenbar ein Charmebolzen, mit dem sie es gut konnte. Ein paar Gläschen Champagner taten das ihrige wohl dazu.
Tante Käthi hatte drei Kinder: Monika, Bärni und Jürg. Als Monika heiratete, war ich vielleicht 15 Jahre alt und auch zur Hochzeit eingeladen. Wir übernachteten bei Lötter, und am Morgen musste ich zu meinem Schrecken feststellen, dass ich ins Bett geschissen hatte, obwohl ich weder Durchfall hatte, noch sonst krank war. Lotti versuchte mich zu trösten mit dem Hinweis, dass dies jedem passieren könne. Das mochte ich aber ihr nicht glauben. Ich schämte mich sehr.
Die aufwendige und auch ziemlich laute Hochzeit galt noch Jahre später als das gesellschaftliche Ereignis Berns, auch wenn sich die Produktionen eher auf WC-Rollen-Niveau bewegten. Die Braut, ganz in Weiss, sah hinreissend aus, und der Bräutigam stammte aus gutem Hause. Am besten kann ich mich noch an Monikas jüngeren Bruder Bärni erinnern. Er trug einen perfekt geschneiderten Smoking und wusste alle mit seinem gewinnenden Lächeln für sich einzunehmen. Meine Mutter schwärmte noch Wochen später von ihm, und ich musste ihr unumwunden zustimmen. Zu seiner strahlenden Erscheinung passte auch der dominante, aus Zedernholz, Moschus und Tonkabohnen kombinierte Duft seines Acqua di Selva. Ich wünschte mir damals zu meiner ersten Rasur nichts sehnlicher als diesen starken Duft, der das Selbstbewusstsein eines jeden Mannes in ungeahnte Höhen zu treiben vermochte. Doch mein Taschengeld reichte nur gerade zu einer ordinären Flasche Pitralon aus der EPA. Dieses Warenhauswässerchen erwies sich, wie konnte es anders sein, als Demütigung, als Flop. Ich ertrug es schon nach dem ersten Auftrag nicht mehr und meinte sogar, davon Pickel zu bekommen. Schleunigst entsorgte ich die Flasche und schob das regelmässige Rasieren noch etwas hinaus.
Im Gegensatz zu den bereichernden und herzerwärmenden Begegnungen mit dem Strahlejungen Bärni fielen Lottis unter vorgehaltener Hand gemachten Kommentare über ihn negativ aus. Es machte ihr grosse Sorgen, dass jemand aus ihrer nächsten Verwandtschaft regelmässig in den einschlägigen Protokollen der Polizei vorkam. Von Drogendelikten war die Rede. Meine persönliche Reaktion darauf war, dass dies doch gar nicht wahr sein könne. Ich wollte mir das Bild dieses Jungen, der in vielem und im Speziellen wegen der ihn umschwärmenden Mädchen meinem Ideal der Mannwerdung entsprach, einfach nicht nehmen lassen. Ich begann Lotti zu misstrauen und machte dafür familiäres Konkurrenzdenken zwischen zwei unterschiedlichen Schwestern verantwortlich. Doch dann, einige Zeit später, erschütterte die Nachricht vom Drogentod Bärnis das ganze Familiengefüge. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich konnte die beiden Seiten dieses Jungen einfach nicht zusammenbringen.
Später verblasste der Kontakt zu Käthis Familie zusehends, sei es, weil die Strahlkraft dieser auf Erfolg getrimmten Familie aus Muri bei Bern durch das tragische Ereignis schlagartig nachliess oder weil ich jetzt meine eigenen Wege ging. Vom Lötter erhielt ich zum Geburtstag eine Zeit lang noch Grusspostkarten, sonst aber beschränkten sich die Beziehungen auf Kurzmeldungen meiner Mutter, die versuchte, den verwandtschaftlichen Status irgendwie aufrechtzuerhalten, soweit es ihre eigenen nachlassenden Kräfte noch erlaubten. Die Todesnachrichten von Käthi und Lotti Jahre später haben bei mir keine ausserordentlichen Emotionen mehr ausgelöst.
Vor vielleicht zehn Jahren aber wollte ich wissen, was aus der strahlenden Monika geworden war, die in ihrem überschwänglich-gesellschaftlichen Gehabe so stark ihrer Mutter glich. Dank der Möglichkeiten des Internets konnte ich die Koordinaten ihres Gatten ausfindig machen und schrieb ihm ein paar Zeilen. Postwendend kam seine Antwort mit der Nachricht, Monika sei schon seit einiger Zeit tot, er lebe jetzt mit einer neuen Partnerin zusammen, den Kindern gehe es gut.
Das unmögliche Möbelstück hingegen, das nirgends hineinpasste und mich gleichwohl von Umzug zu Umzug begleitete, erinnerte mich unaufdringlich, aber stetig an diese paar weit zurückliegenden verwandtschaftlichen Bezüge. Seine Entsorgung war mir einfach zu mühsam, und die Einrichtung eines Kontos bei Ricardo wollte mir auch nie so richtig gelingen. Erst als ich in der Absicht, nach Kolumbien auszuwandern, den Haushalt auflöste, liess ich die Zügelleute wissen, dass sie mit diesem Ding anfangen könnten, wie ihnen beliebe.

© Nikolaus Wyss

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Samstag, 30. Dezember 2017

Rameli tot - Jürg Ramspeck war vor 45 Jahren mein Chef


Jürg Ramspeck (rechts) mit seiner Frau Hildegard Schwaninger und dem Fotografen Willy Spiller anlässlich von dessen Fotoausstellung in der Photobastei am 20. August 2015
Ich war ihm in meiner Kindheit nie begegnet. Doch sein Übername, den ihm die Familie meiner Gotte verliehen hatte, begleitete mich durch meine ganze Jugend: der Rameli. Er war der Schulfreund eines der Buben dort und ein sicherer Wert in den Erzählungen meiner Gotte. Der Rameli ist ... der Rameli meint ... der Rameli hat gemacht ... Dieser Sohn aus dem Pianohaus Ramspeck an der Mühlegasse war in den Augen meiner Gotte offenbar ein Tausendsassa, raffinierter und musikalischer noch als die eigenen vier talentierten Söhne, auf die sie doch sonst so stolz war.
Nach dem Gymnasium verzichtete er auf ein Studium. Sanskrit und die Geschichte Mesopotamiens hätten ihn zwar interessiert, doch er wandte sich stattdessen direkt dem Journalismus zu. Dazu gibt es zumindest zwei Versionen: Die eine besagt, dass er wegen frühem Nachwuchs unbedingt Geld verdienen musste; die andere, dass er mit seinem grossen Talent ein Studium für nicht zielführend hielt.
Als ich 1972 aus Lateinamerika heimkehrte, vernahm ich, dass dieser Rameli mittlerweile Karriere gemacht hatte. Er hatte mit knapp 20 bei der Weltwoche als Journalist angeheuert. Später wurde er Chefredaktor des Gratisanzeigers Züri Leu, einer Publikation, die jede Woche in alle Briefkästen der Zürcher Haushaltungen verteilt wurde und sich bemühte, neben dem üblichen Klatsch auch einen gewissen Recherchejournalismus zu pflegen. Weil ich einen Job suchte, schrieb ich Jürg Ramspeck einen anständigen Bewerbungsbrief. Als es zu einem Vorstellungsgespräch kam, bot er mir sogleich das Du an. Beim Treffen damals ging es dann eigentlich nur noch darum, ob ich schon morgen oder erst in einer Woche anfangen soll.
Diese Leichtigkeit im persönlichen Umgang hielt das ganze Jahr, in dem ich meine Sporen als Redaktor abverdiente, an. Jürg war ein unterhaltendes Klatschmaul. Er wusste zu jedem und jeder eine Sottise, und es blieb sein Geheimnis, wieso ihm sein loses Mundwerk nie zum Nachteil gereichte. Ich war mir sicher, dass er in meiner Abwesenheit auch über mich lästerte. Doch Argwohn kam nicht auf. Lag es vielleicht daran, dass er, im Gegenzug, unglaublich präzise arbeitete? Nicht nur gedanklich, auch technisch. Neben seiner Schreibmaschine lag ein Blatt, wo er zuoberst die erforderliche Zeilenzahl des Artikels aufschrieb. Jede Satzzeile, die er mit einer qualmenden Zigarette im Mundwinkel in die Schreibmaschine hämmerte, zog er von dieser Summe ab, bis er mit dem letzten Punkt bei null landete. Keine Zeile zu viel, keine zu wenig. Keine Korrekturen. Fertig. – Diese effiziente Schreibweise erlaubte es ihm, viel Zeit für anderes zu haben, zum Spielen mit uns Redaktionskollegen beispielsweise. Damals war Acquire angesagt, ein nicht unspannendes Wirtschaftsstrategiespiel.
Manchmal aber wurde er zum Verleger gerufen, zu Max Frey, dem Chef der Jean Frey AG. Auch von diesen Besuchen berichtete Jürg anschliessend in unterhaltend-abfälligem Ton. Wie er zum Beispiel, zusammen mit Walter Bosch, dem damaligen Chefredaktor der Annabelle, auf die Verlegerjacht eingeladen worden sei, wo auch Frauen als Gespielinnen anwesend gewesen seien. In den Augen Jürgs hatte Max Züge eines Mafiabosses. Eine andere Geschichte handelte davon, dass er für Max – die beiden waren selbstverständlich per Du – einen Flügel auswählen musste für dessen Schloss in der Toskana, unter der zusätzlichen Bedingung, dort dieses Instrument selbst ab und an auch zu bedienen. Als ob Jürg dafür Zeit gehabt hätte. Denn es kam mindestens einmal im Monat vor, dass er ganze Wochenenden in den Redaktionsräumen verbrachte. Wenn wir montags im Büro erschienen, lag der Schlafsack noch ausgebreitet auf dem Boden, sämtliche Aschenbecher waren voll mit seinen Kippen, und aus den Papierkörben stank es nach den nur halb fertig gegessenen Sandwiches. Er sagte dann bloss, so eine Familie, von der er getrennt lebte, koste halt. Deshalb redigierte er nebenher noch das 3M Kundenmagazin, was ihm vermutlich mehr Geld einbrachte als sein Chefredaktorlohn.
Zu meinen Aufgaben auf der Redaktion gehörten auch Strassenumfragen, die ich mit dem Fotografen Willy Spiller realisierte:
– Was sagen Sie zur Erhöhung der Strassenbahntarife?
– Wie verbringen Sie den Sommer in der Limmatstadt?
– Wohin würden Sie am liebsten verreisen, wenn Sie nicht auf ihr Portemonnaie achten müssten?
Auch die Betreuung des Züri-Leu-Cups, eines Eishockeyturniers auf der Kunsteisbahn Dolder, gehörte zu meinem Portefeuille, wie auch das wöchentliche Einholen der Kolumnen. Die Anlieferung von Werner Wollenbergers Texten war stets ein Derby. Seine Frau Elfie erschien auf der Redaktion am Talacker 39 mit dem Manuskript ihres Gatten regelmässig eine Stunde zu spät und fragte des Öfteren aufgelöst, aber charmant, ob der Züri Leu die Busse für die von ihr begangene Geschwindigkeitsübertretung übernehmen würde. Die Kolumnen Roman Brodmanns hingegen trafen meistens fristgerecht ein. Sie hatten es in sich. Scharfzüngig, angriffig, auf den Punkt gebracht. Mit Genuss übergab ich jeweils dem Boten diese gepfefferten Texte weiter zur Setzerei. Doch eines Tages vernahm ich, dass Max Frey in Begleitung von Jürg persönlich dort erschienen sein soll, Brodmanns Manuskript einverlangt und dessen Publikation verboten habe. Ich kann mich nicht mehr an den Inhalt erinnern, doch es erzürnte mich dermassen, und der Zorn traf auch Jürg, dem ich mangelndes Rückgrat vorwarf, dass ich kurz entschlossen meine Arbeit beim Züri Leu aufkündigte.
Jürg verübelte mir diese Aktion, und unser Kontakt beschränkte sich in den folgenden 40 Jahren auf zufällige Begegnungen an Vernissagen und anderen Events. Vor einigen Jahren jedoch setzte ich an einem Donnerstagabend meinen Fuss ins Hotel Eden au Lac, um mir seine Jazzband anzuhören. Dieser Altherrenklub berührte mich. Ich wusste nämlich nach meiner Pensionierung lange Zeit mit mir nicht sehr viel anzustellen und musste meinen Freiraum mit Aktivitäten füllen. Und da hörte ich diese Combo mit Jürg am Klavier, die trotz fortgeschrittenen Alters unbeirrt dem Jazz frönte. Das imponierte mir. In der Pause bestellte ich einen zweiten Gin Tonic und hatte ein sehr schönes Gespräch mit Jürg, der zu mir kam und vor Anekdoten nur so strotzte – wie immer. Er wollte unbedingt noch ein Buch über die Geschichte des Journalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schreiben. Wer sonst, wenn nicht er, hätte das notwendige Wissen, die notwendigen Erfahrungen und den notwendigen Witz dazu gehabt.

© Nikolaus Wyss

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Freitag, 29. Dezember 2017

Wo liegt Panama Stadt? - Tagebuchnotiz

Ich halte mich zum ersten Mal in Panama City auf. Im Gegensatz zu Kolumbien kommt mir hier alles etwas amerikanischer vor. Die Autofahrer nehmen auf die Fussgänger hier eine Spur mehr Rücksicht. Alles ist auch ein bisschen teurer. Als Zahlungsmittel benützen sie den Dollar. 
Bis vor fünf Minuten war ich der felsenfesten Überzeugung, die Stadt liege an der Karibik. Für mich gab es nie etwas anderes. Verstörend war einzig, dass das Meer, das ich vom Hotelzimmer aus sah, nicht die für dieses Meer charakteristische blaugrüne Färbung aufwies. Ich dachte, das ist wohl dem Regenwetter geschuldet. Und jetzt, in der Mall des Shopping Centers Multicentro, wo ich mir einen Kaffee genehmige, sehe ich mir zum ersten Mal die Touristenkarte von Panama genauer an. Jemand hat sie mir tags zuvor am Flughafen zugesteckt. Und ich denke noch: jetzt haben sie auf dieser Karte ausgerechnet die Hauptstadt einzuzeichnen vergessen. Dort, wo ich sie ahne, steht Colon. Was soll denn das schon wieder? Erst beim zweiten Schluck Kaffee entdecke ich, dass die Stadt überhaupt nicht vergessen ging. Sie liegt nur woanders: im Süden des Landes, am Pazifik. Kann dies wahr sein? Meine Verblüffung ist komplett. Das Wasser, das ich da draussen sehe, ist der Pazifik! Nicht die Karibik! Nikolaus, wo bist du? Filterwechsel! 
Und jetzt überlege ich mir die ganze Zeit, woher mein Irrtum stammen mag. Kann es vielleicht an der unpräzisen Weltkarte liegen, die ich seit Kindsbeinen im Kopf habe? Mittelamerika wird auf der Höhe von Panama sehr schmal. Deshalb auch der Kanal dort. Deckt vielleicht der Punkt, der die Stadt markiert, beide Küstenstreifen ab? Aus der Geschichte weiss ich zudem, dass der Panama-Kanal ursprünglich eine französische Initiative war. Wahrscheinlich schloss ich daraus fälschlicherweise, dass deshalb auch die Stadt eine europäische Gründung sein müsse, ein Tor zum Westen, in die grüne Hölle und zum stürmischen Pazifik hinüber. Noch jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, kann ich mich kaum fassen. Welch ein Irrtum! Ausgerechnet mir, dem Weitgereisten, passiert sowas!
Die gesalzene Butter im Hotel macht so wenigstens Sinn. Es handelt sich um die Marke Anchor (since 1886) und stammt aus Neuseeland. Ich begegnete ihr schon in Hotels von Thailand und Indonesien. Klar doch, der Pazifik! Die Butter musste auf ihrer Anreise nicht einmal den Panama-Kanal durchqueren. So einfach ist das. Jetzt sehe ich die Stadt anders. 

© Nikolaus Wyss

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