Dienstag, 26. Juni 2018

Rigoletto im Puppenhaus

Bernhard Vogelsanger (1920-1995)
(alle Bilder von Emanuel Ammon, kopiert aus dem Magazin des Tages-Anzeigers)

Mein Text über den Schwamendinger Opernhausdirektor Bernhard Vogelsanger erschien erstmals am 26./27. August 1988 im Magazin des Tages-Anzeigers. Damals lebte Vogelsanger noch und erlebte mit dieser Publikation eine gewisse Berühmtheit, die ihn etwas überforderte. Zu viele Besucherinnen und Besucher wollten jetzt seine Inszenierungen sehen, dabei dachte er altershalber schon darüber nach, seine Aufführungen einzustellen. - Gegenwärtig findet in der Galerie Tenne in Zürich-Schwamendingen eine Ausstellung über Vogelsangers kunstvoll-wunderliche Opernwelt statt. Aus diesem Anlass und in Erinnerung an diesen speziellen Menschen publiziere ich hier nochmals den Text von damals.  

»Zur Sicherung des Familienbesitzstandes soll die Schwester des machthungrigen Lord Henry Ashton, Lucia di Lammermoor, eine Zweckheirat mit dem einflussreichen Lord Arthur eingehen. Doch diese liebt Edgar von Rawenswood, ausgerechnet den ärgsten Feind ihres Bruders, worauf letzterer sich gezwungen sieht, intrigantisch einen Keil zwischen die Liebenden zu treiben, was ihm auch vorzüglich gelingt, denn enttäuscht wendet sich jetzt Edgar ab, worauf es zur vom Bruder geplanten Hochzeit kommt. Diese endet jedoch im Blutbad, denn Lucia bringt in ihrem Schmerz den ungeliebten Bräutigam um und endet selber mit einer herrlichen Arie im Wahnsinn.
In Bernhard Vogelsangers Inszenierung der berühmten Donizetti-Oper in 3 Akten singt Maria Callas in einer Aufnahme aus dem Jahre 1955 die Lucia di Lammermoor. Die Schallplatten haben schon etwas Staub angesetzt, und der Plattenspieler ist ein Grammophon. Doch was will man sagen: Der Eintritt ins wohl kleinste Opernhaus der Welt ist gratis. Es befindet sich im zweiten Stock eines Hauses in Zürich-Schwamendingen. Im Kinderzimmer einer engen Genossenschaftswohnung wird seit 40 Jahren Saison für Saison an Samstagen fast das gesamte Repertoire der klassischen Oper und Operette gespielt. Das Theater weist acht Sitzplätze auf, die Bühne ist so gross wie eine Schuhschachtel, und in den Pausen werden Wein, Mineralwasser und gestrichene Brötchen serviert.
Die grössten Dramen von Liebe, Leidenschaften und Tod finden hier ihren miniaturisierten Ausdruck in sieben Zentimeter grossen, liebevoll bemalten, gelenkigen Pappfiguren, die Vogelsanger, diesmal in der Funktion eines Bühnenmeisters, an feinen Drähten über die Bühne führt. Alle Stürme, Kriege, Ängste, Sehn- und Eifersüchte, alle Mörder, Liebenden, Nebenbuhler, Kammerdiener und Götter sind so weit auf Guckkastenformat reduziert, dass sie für einen einzigen Mann beherrschbar werden. Eigentlich wäre er gern zur richtigen Oper gegangen, in diesen extrem arbeitsteiligen Betrieb, in welchem er zur Schaffung eines Gesamtkunstwerkes sowohl Trompeter, Geiger und Dirigenten als auch Sänger, Statisten und Beleuchter, sowohl Garderobieren als auch Regisseure braucht. Er sah sich darin als Bühnenbildner. Das war für ihn klar, seit er in der 3. Sek mit seiner Oerliker Schulklasse in der Zürcher Oper, Stadttheater damals noch, Giuseppe Verdis Simone Boccanegra sah. Doch als er sich nach Ausbildungsmöglichkeiten erkundigte, gab man ihm, dem mittellosen Handwerkersohn, abschlägigen Bescheid. Eine Kunstakademie wäre das Mindeste gewesen, was er hätte besuchen müssen. So musste er sich eine Künstlerkarriere aus dem Kopf schlagen, doch die Oper liess er sich nicht nehmen.
Bernhard Vogelsanger lernte im Warenhaus Globus Dekorateur und ging fleissig in Opernvorstellungen. Als dann das Stadttheater 1941 Zuzüger für einen Extrachor suchte, meldete er sich als Tenor und wurde aufgenommen. Das sei für ihn die glücklichste Zeit gewesen, gesteht er. Während draussen auf den Strassen Kriegsverdunkelung herrschte und manch einer nachts in einen unbeleuchteten Laternenpfahl rannte - auch Vogelsanger ereilte dieses Missgeschick -, herrschte drinnen auf der Bühne die scheinwerferhelle, glitzernde Welt von Macht und Schicksal. Er sang bei Tannhäuser, bei Carmina Burana und beim Zigeunerbaron mit.
Am meisten interessierten ihn die Ausstattungen. Er begann, angeregt durch seine Mitwirkung im Chor und seine Begegnung mit dem damaligen Bühnenbildner Roland Clemens, bei sich zu Hause alte Schuhschachteln zu sammeln und aus deren Karton Bühnenprospekte und Figuren auszuschneiden. So kam mit der Zeit ein ganzer Fundus von Säulengängen, Sternenhimmeln, Treppen, Kelchen, Drehbühnen und Schleiertänzerinnen zusammen.
Als er dann Ende der 40er Jahre zusammen mit seiner Mutter nach Schwamendingen umzog, bekam sein Hobby einen eigenen Raum. Die Wände legte er mit rotem Kreppapier aus, und in der Mitte zog er einen schwarzen Vorbau. Dahinter richtete er sich eine Bühne ganz nach seinen Bedürfnissen ein, einen Arbeitsplatz, wo er mit einer Hand den Plattenspieler bediente und mit der anderen Taschenlampen und Beleuchtungstableau, mit der dritten den Chor und mit der vierten die Solisten, mit der fünften weitere Auftritte in Stellung bringt, und mit der sechsten den Vorhang zieht.  
Ein gestelltes Bild aus Tosca, 1. Akt, denn Vogelsangers Figurenführung mit feinen Drähten bleibt dem Zuschauer normalerweise verborgen.
Dass dabei während einer langen Aufführung einmal eine Figur hängen bleibt und eine andere mitten im tragischsten Augenblick vielleicht etwas gar auffällig zuckelt, weil der ins Schwitzen geratene Operndirektor in der Hitze des Gefechts an die feinen Drähte stösst, ist nicht weiter verwunderlich. Man kann sagen, es gehöre zum Charme dieser Art von Theatererlebnis, bei welchem die Zuschauer nicht allein vom Verlauf der Handlung und von der Schönheit der Arien gerührt sind, sondern ebenso vom Einsatz dieses Mannes, der sich so ganz seiner Mini-Oper verschrieben und darin eine kaum zu überbietende Sachkenntnis und Meisterschaft erlangt hat.
Das Publikum von Vogelsangers Lucia di Lammermoor zum Beispiel kommt in den Genuss einer Aufführung, wie sie an anderen Häusern kaum mehr geboten wird. Wo noch wird die Turmszene überhaupt gespielt, in welcher sich Ashton und Edgar in einem bravourösen Duett ihre Feindschaft bestätigen? Nicht einmal auf jener Callas-Einspielung ist sie zu finden. Vogelsanger aber reicht sie mittels einer anderen Aufnahme aus seinen 4000 Schallplatten umfassenden Diskothek nach. Dort singen Giuseppe di Stefano und Roland Panorai. 

Von einigen Opern existieren bis zu sechs Bühnenfassungen. Dabei haben es moderne, nüchtern gehaltene Inszenierungen beim Publikum schwerer als konventionelle, reichhaltige Puppenstubenausstattungen, bei denen es Akt für Akt viel zu entdecken gibt. Für Bühnenbildner Vogelsanger bedeutet dies aber auch Mehrarbeit, denn jede Figur, jedes Möbelstück, jedes Pferd, jeder Kronleuchter und jede Tapete will schliesslich individuell angefertigt werden. Und da in der Wohnung extremer Platzmangel herrscht, müssen überdies zur raumsparenden Lagerung die Bühnenprospekte zusammenfaltbar sein.
Als Vogelsanger mit seiner Opernarbeit begann, existierten erst die 78er Schellack-Schallplatten. Da spielte er nur die Highlights, denn ganze Aufführungen mit zwanzig oder noch mehr Scherben waren einfach nicht zu leisten und zudem viel zu teuer für den Dekorateur. So sang er damals oft dazu, wenn er mit dem Wechseln der Platten nicht mehr nachkam, oder wenn es einzelne Szenen zu überbrücken galt. Seit dem Siegeszug der Langspielplatte jedoch sucht der Intendant die Einhaltung von Werktreue und Vollständigkeit, was für den unterhaltungssüchtigen Zuschauer ein erhebliches Mehr an Aufmerksamkeit und Ausdauer bedeutet. Doch die meisten wissen ja, was sie erwartet, es sind Habitués, die sich das exklusive Vergnügen leisten, auf Vogelsangers Adressliste zu figurieren und angerufen zu werden, wenn das Stück ihrer Wahl wieder einmal auf dem Spielplan steht.

Die Oper über das Schicksal von Bernhard Vogelsanger muss erst noch geschrieben werden. Vielleicht wird sie eine Art Rigoletto mit gutem Ausgang, die Geschichte eines kleinen Narren, der sich der grossen, menschenfressenden Welt entzog, und dessen Tochter, die Oper, entsprechend kleinwüchsig blieb und deshalb vom leichtlebigen Herzog von Mantua auch nicht begehrt wurde, mit allen wunderbaren Konsequenzen, die sich daraus ergeben, denn die Tochter bleibt am Leben, während sie beim tragischen Rigoletto umgebracht wird, versehentlich zwar, aber vom eigenen Vater.
Für den allfälligen Librettisten und Komponisten wichtig zu wissen ist der Umstand, dass auch Vogelsangers tägliches Leben ein erheblicher Inszenierungsgrad durchzieht. Er ist wohl der bunteste Vogel, der in der Migros Schwamendingen einkaufen geht: mit grellfarbenem Pink-Floyd-T-Shirt, mit ACDC-Lederjacke, Stiefeln, oder mit einem Jeans-Outfit, an welchem eine grosse Rolling-Stones-Zunge angenäht ist. Seine Hände schmückt er mit dicken Ringen. Und in seiner Plattensammlung fehlen keineswegs Elvis Presley, Rod Steward, Black Sabbath, überhaupt Heavy-Metal-Lärm.
Und wenn dann zwischen den einzelnen Akten Vogelsanger vor die Bühne tritt und seinen Gästen wort- und kenntnisreich die nächsten Szenen erklärt, so vermischen sich Opernstoff und Wirklichkeit vollends. In der Hauptrolle spielt Vogelsanger sich selbst, und er ist Lucia di Lammermoor und Rigoletto ebenso wie deren billig-kunstvollen Pappversionen, die auf dieser Minibühne herumzuckeln. Welch eine Summe von Rollen, welch eine Welt dort oben im zweiten Stock.« 

© Nikolaus Wyss

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Freitag, 15. Juni 2018

Vater lebt

Rechtsanwalt Dr. Emil Bösch

Heute, am 15. Juni 2018, bekomme ich eine E-Mail mit obiger Fotografie meines Vaters. Absenderin ist A., die Tochter der ehemaligen Lebenspartnerin meines Vaters. Sie wohnt auf der griechischen Insel Hydra, dort, wo mein Vater seinen Lebensabend verbracht hatte und wo wohl auch diese Aufnahme entstanden ist. Ich kannte sie bislang nicht.
Wieso bekomme ich ausgerechnet heute diese Post?, fragte ich mich und erhoffte mir aus den wenigen Einträgen zu meinem Vater auf Wikipedia neue Erkenntnisse. Und wirklich. Da stand, dass heute sein Todestag sei. Jawohl, jetzt erinnere ich mich. Er war am 15. Juni 1992 gestorben.
Umgehend schrieb ich zurück und dankte A. Es sei doch schön, dass sie daran gedacht habe, worauf sie mir zurückschrieb:
Du, ich hatte keine Ahnung, wann Emil gestorben ist.
Habe einfach heute besonders an ihn gedacht.
Das ist kein Zufall! Energien! Unglaublich!
Vater lebt also, macht sich vom Himmel her bemerkbar und hält A. für das richtige Medium, mir an diesem speziellen Tag einen Gruss zukommen zu lassen. Gerne grüsse ich zurück. Es ist der Moment, seiner zu gedenken.
Als er starb, hatte ich weder Anrecht noch Lust, mir aus seinem Nachlass etwas mitzunehmen. Ich war schliesslich ein illegitimes Kind, wie so ein Wesen nach altem Familienrecht genannt wurde, und deshalb nicht erbberechtigt. Ich kam in seinem Testament auch nicht vor. Mich beschäftigte dies in meinen eigenen Verstrickungen nicht weiter. Einzig seinen Ring, den man auf dem Bild deutlich sieht, den hätte ich als Andenken gerne gehabt. Da war aber seine Lebenspartnerin B., die sich in seinen letzten Lebensjahren in aufopfernder und rührender Weise um ihn gekümmert hatte. Tag und Nacht. Und als ich sah, dass sie nach Vaters Tod diesen Ring an ihrer Hand trug, hielt ich dies für durchaus angemessen.
20 Jahre später besuchte ich B., die weiterhin in Griechenland lebte. Sie war mittlerweile 90, und ich dachte insgeheim, es sei wohl das letzte Mal, dass wir uns sehen würden. Wir verbrachten schöne Momente zusammen und tauschten viele Erinnerungen an meinen Vater aus. Sie erzählte Begebenheiten über ihn, die ich nicht wissen konnte, und ich freute mich, zusammen mit ihr ein wohlwollendes, liebenswertes und von Dankbarkeit geprägtes Bild meines Vaters zu zeichnen.
Beim Tee schliesslich beobachtete sie mich, wie ich einem billigen Plastikdöschen aus dem Warenhaus meine Herzpillen entnahm. Da erhob sie sich und ging ins Hinterzimmer, um nach einigen Augenblicken mit einem schönen Silberdöschen zurückzukommen, auf dem die schwungvollen Lettern E. B. eingraviert waren, die Initialen meines Vaters. Sie schenkte es mir, worauf ich in Tränen ausbrach. Als sie sah, wie sehr mich dieses unverhoffte Geschenk berührte, erhob sie sich noch einmal und kam wenig später mit dem Ring zurück, den sie mir ebenfalls übergab. Die Erschütterung, die dies bei mir auslöste, führte mir deutlich vor Augen, welche Bedeutung mein Vater in der ganzen Zeit seiner Abwesenheit, über seinen Tod hinaus, für mich hatte.
Der Ring übrigens zeigt auf dem erhöhten Feld in der Mitte ein Tier mit abgewandtem, erhobenem Kopf, das beobachtend in die Ferne guckt. Es könnte ein Hund sein oder eine Löwin. Dort ist auch der vollständige Name meines Vaters eingraviert: Emil Nikolaus Bösch. Seitwärts, als Band rund herum, kann man einen Satz des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli entziffern: Nit fürchten ist der Harnisch.
In der Zwischenzeit ist Vaters Lebenspartnerin B. gestorben. Ich aber trage den Ring mit Stolz und Freude und erinnere mich gerne, gerade am heutigen Tag, an meinen Vater zurück.

© Nikolaus Wyss

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Samstag, 2. Juni 2018

Die Mutter als Leiche

Mit meiner Mutter Laure Wyss 1997
Am Nachmittag des 21. Augusts 2002 hatte ich einen Termin in Bern. Als Veranstalter eines internationalen Kongresses von Kunsthochschulen in Luzern fehlten mir noch 50 000 Franken, und ich erhoffte mir von einem Vorsprechen beim Bundesamt für Kultur (BAK) Unterstützung.
Zu jener Zeit hatte ich die Angewohnheit, mit dem Fahrrad in den Zug zu steigen und vom Bahnhof des Ankunftsortes aus bis zu meinem Ziel weiterzuradeln. So konnte ich, wenn man mich beispielsweise in Basel oder Genf oder Lugano fragte, mit was ich gekommen sei, stolz antworten: Mit dem Fahrrad, was regelmässig ungläubiges Staunen auslöste. Am Mittag des fraglichen Tages stieg ich am Bahnhof von Luzern vom Velo, um mir vor der Abfahrt in der Unterführung beim Bachmann noch ein Sandwich zu erstehen. Da vibrierte mein Handy. Claudia Bissig war am Apparat. Sie teilte mir so schonungsvoll wie möglich mit, dass meine Mutter soeben friedlich eingeschlafen sei. Die Ärztin sollte später einmal sagen, es sei ein schöner Tod gewesen. Claudia jedenfalls hatte sich in den vergangenen Wochen, zusammen mit ein paar weiteren selbstlosen Frauen, in berührender Weise um meine hinfällig gewordene Mutter gekümmert. Seit fünf Tagen lag sie im Koma. Mit ihrem Ableben mussten wir rechnen.
Blitzschnell hatte ich mich zu entscheiden, ob ich den Termin in Bern absagen und stattdessen nach Zürich zur Bettstatt meiner Mutter eilen sollte. Ich entschied mich für Bern und versprach am Telefon, zum Abend hin nach Zürich zu kommen.
Mit aufgesplitterten Gedanken sass ich im Zug. Ich ging noch einmal alle Notizen und Argumente durch, um beim Bundesamt eine gute Figur zu machen, und gleichzeitig beobachtete ich mich während der ganzen Fahrt, ob und in welcher Weise mich die Nachricht vom Hinschied meiner Mutter berühren würde. Doch ich konnte beim besten Willen keine Erschütterung feststellen. Ich wunderte mich, dass mir die professionelle Attitüde so leichtfiel, ja, ich war sogar ein bisschen stolz darauf. Auch bei der Begegnung mit David Streiff, dem damaligen Direktor des BAK, liess ich mir nichts anmerken und staunte, wie sachlich ich diese Begegnung meisterte. Der Aussicht auf den finanziellen Zustupf eines meiner Prestigeprojekte mass ich offenbar grössere Bedeutung bei als dem schon lange erwarteten Tod meiner Mutter, dessen emotionale Verarbeitung sich irgendwann schon noch einstellen würde. Einziges Tribut an den speziellen Tag: Als ich am späten Nachmittag nach Zürich reiste, liess ich mein Fahrrad in Bern stehen.
Die Wohnung an der Winkelwiese 6, wo meine Mutter die letzten 50 Jahre gelebt hatte, strahlte Ruhe und Frieden aus. Claudia und ein paar weitere Frauen warteten auf mich. Sie liessen mich alleine mit meiner Mutter. Sie lag schön gekleidet und hergerichtet da. Mit einem Tuch ums Kinn. Frische Blumen waren aufgestellt, Kerzen brannten, sanfte Musik spielte.
Streichelte ich sie noch? Sagte ich etwas zu ihr? Ich erinnere mich nur, dass sie schon erkaltet war. Beim Verlassen des Sterbezimmers stellte ich mich ernst und besonnen und meinte damit, mich so zu verhalten, wie man sich verhält, wenn einem gerade die Mutter weggestorben ist. An Weiteres vermag ich mich gar nicht mehr zu erinnern. Wahrscheinlich besprach ich mit den Frauen noch, wie es weitergehen soll, und bedankte mich für alles, was sie für meine Mutter und für mich getan hatten. Ich stellte ein Essen in der Kronenhalle in Aussicht, wo sich meine Mutter bei besonderen Gelegenheiten einen Matjeshering an einer Crème fraîche gönnte. Begleitete ich sie, rundeten wir jeweils die Mahlzeit noch mit einer halben Portion Mousse au chocolat ab. Dann orientierte ich mit ein paar Anrufen die nähere Verwandtschaft und den Verlag meiner Mutter, der tags darauf ein Communiqué veröffentlichte, was in der Presse, bei Radio und Fernsehen eine Welle von Nachrufen auslöste.
Am darauffolgenden Tag nahm ich frei und war rechtzeitig zur Stelle, um im Stadthaus vorzusprechen, wo es um die Wahrnehmung behördlicher Vorgaben und um Bestattungsvorbereitungen ging. Dann trafen sich Verwandte und ein paar der pflegenden Freundinnen in Mutters Wohnung. Der Leichenwagen kam, und die schwarz gekleideten Beamten sargten meine Mutter ein. Ich wurde von der erfahrenen Claudia vorgewarnt, der Abtransport der Leiche könne heftige Gefühle auslösen. So war es dann auch. Ich heulte los wie ein Schlosshund. Es war ein untröstlicher Augenblick.
Einen Tag später rief Adolf Muschg an und fragte, wo meine Mutter aufgebahrt sei. Er wolle sich von ihr noch verabschieden. Das rührte mich. Ich selbst beabsichtigte nicht, sie im heruntergekühlten Aufbahrungsraum des Krematoriums noch einmal zu besuchen. Rechnete Muschg damit, für die Abdankung im Grossmünster als Redner angefragt zu werden? Sein Nachruf, den er in der WochenZeitung in der darauffolgenden Woche veröffentlichte, erinnert in der Tonalität jedenfalls an eine Rede, die einer Verabschiedung in einer der drei wichtigsten Kirchen von Zürich gut angestanden wäre.

Später einmal, beim Aufräumen, kamen mir die letzten Verfügungen meiner Mutter in die Hände. Da meinte ich doch, alles korrekt und im Sinne der Verstorbenen an die Hand genommen zu haben – zum Beispiel keine Orgelmusik bei der Abdankung –, und jetzt las ich da: Keine Besuche im Aufbahrungsraum des Krematoriums. Es war ein Moment, in dem ich darüber sinnierte, ob meine Mutter vielleicht doch noch unter uns weilen und sich jetzt grässlich aufregen könnte, weil ich Muschg die Erlaubnis erteilt hatte, sie dort zu besuchen. Ich schämte mich sehr, nicht allen ihren Anweisungen Folge geleistet zu haben.

© Nikolaus Wyss

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Samstag, 19. Mai 2018

Wer kennt noch André Ratti?


Alles hatte mit Reinhard Glättli angefangen, einem grossgewachsenen, neugierigen, schlaksigen Schulabgänger, der noch nicht genau wusste, in welche Richtung sein Leben gehen solle. Nach jedem Lacher – und er lachte viel – warf er den Kopf nach hinten und strich sich dabei die langen Haare aus seinem Gesicht. Ich lernte ihn Ende der 1970er-Jahre kennen, wahrscheinlich in der Fantasio Bar am Rüdenplatz. Das ist nicht mehr genau auszumachen. Von da weg kreuzten sich unsere Wege zufällig, aber regelmässig irgendwo im Niederdorf und endeten jeweils bei einem Glas Bier. Er hatte eine Freundin, schwärmte aber unverhältnismässig oft von André Ratti, mit dem er anscheinend befreundet war. Reinhard wollte uns beide bekannt machen und konnte nicht verstehen, weshalb sich in mir alles gegen eine solche Begegnung sträubte: Eifersucht, Vorbehalte einem lauten Schwulen gegenüber, prinzipielle Abneigung gegen Fernsehgrössen, Aversion gegen füllige Bartträger – und so fort. Ich kannte André Ratti von wissenschaftlichen Sendungen her. Ich hielt ihn für oberflächlich und inkompetent, das genügte mir vollauf.
Eine Zeit lang hörte ich dann nichts mehr von Reinhard. Er hatte vor, seine Krampfadern wegoperieren zu lassen. Doch eines Morgens überraschte mich ein Anruf. Laut und deutlich sagte eine Stimme: Ratti.
Wieso der?, schoss es mir durch den Kopf. Hatte hier etwa Reinhard die Hand im Spiel? – Ratti jedoch teilte mir sachlich, aber bestimmt mit, Reinhard sei an den Folgen des chirurgischen Eingriffs verschieden: Herzversagen!
In Schockstarre fiel ich aufs Bett. Ratti fuhr fort, er gehe nicht an die Beerdigung, er gehe nie an Beerdigungen, und meinte: Ich weiss, dass Reinhard viel von dir gehalten hat. Deshalb rufe ich dich an, damit du es nicht aus der Todesanzeige erfahren musst.
Die Nachricht brachte mich völlig durcheinander. Wie kann so etwas nur möglich sein? So ein junger, hoffnungsfroher Mensch! Und wieso muss ich diese schlimme Nachricht von einem André Ratti erfahren, dem ich doch stets geflissentlich aus dem Weg gegangen bin? Hatte er mit Reinhard womöglich noch ein intimes Verhältnis gehabt?
Ich war erschüttert und brachte keinen richtigen Satz zustande. Zum Schluss seines Anrufes schlug Ratti vor, wir könnten uns doch in Gedenken an Reinhard einmal zu einer Tasse Kaffee treffen. In meinem Zustand vermochte ich mich seines Ansinnens nicht zu erwehren. – Wir machten ab.
Daraus entstand, zum Erstaunen beider, eine ritualisierte Freundschaft. Über Jahre hinweg. Bald war Reinhard kein Thema mehr, es waren Musik, insbesondere Opern, viel Klatsch und Tratsch, Reisen und Bücher. Ratti war früher schliesslich Verlagsbuchhändler beim Walter Verlag gewesen. Mindestens einmal pro Woche quatschten wir ausführlich am Telefon, und an den Samstagen schwammen wir jeweils im Hallenbad Uitikon-Waldegg einige Runden und besuchten dortselbst die Sauna. Von da weg war ich auch Gast bei seinen legendären Suppen-Einladungen. In der kleinen Zweizimmerwohnung beim Triemli kamen Krethi und Plethi zusammen und schufen prekäre Platzverhältnisse. Als er im selben Haus in eine Dreizimmerwohnung umziehen konnte, tat dies den beengten Platzverhältnissen keinen Abbruch. Jetzt kamen einfach noch mehr Gäste vorbei, darunter allerlei Fernsehgrössen aus jener Zeit. Sie sassen bei lauter Opernmusik am Boden, auf dem Badewannenrand, versunken im Sofa oder aufgereiht entlang des Balkongeländers und schlürften seine Suppe.
Ferienbegleitungen nach Comano im Tessin, wo ihm das Haus der Familie des Filmemachers Tobias Wyss zur Verfügung stand, oder oberhalb der Gestade des Lago Maggiore, wo seine Fernsehfreundin Ilse Heim auf der italienischen Seite ein Haus besass, ergänzten unseren freundschaftlichen Kontakt. Ich war kaum je allein mit ihm. Ich gehörte jetzt vielmehr zu seinem Hofstaat. Er liess sich immer von vielen Freunden umgeben und genoss die Bühne, die wir ihm damit gewährten.
Ich fragte mich oft, auf welchen Pfeilern unsere Freundschaft ruhte. Reinhard kann es nicht gewesen sein, auch wenn uns sein Tod zusammengeführt hatte. André Ratti repräsentierte etwas für mich, das mir eigentlich fern lag. Er lebte stellvertretend für mich meinen Schattenteil. Sein Anspruch auf Freiheiten und Übertretungen der herrschenden Normen, seine schamlosen und oft abstrusen Behauptungen schienen vom Saft seiner russischen und bündnerischen Wurzeln genährt zu werden und übten auf mich eine Faszination aus. Er war der laute, aufbrausende, ungerecht urteilende, leidenschaftliche Egomane, der sich regelmässig in Jungs verguckte, die lieber sein Geld entgegennahmen, als seine Zuneigung spüren wollten. In meiner Erinnerung geriet er des Öfteren in Liquiditätsengpässe.
Und dann überraschte er mich plötzlich mit der Idee, an einer Gesprächsrunde des Schweizer Fernsehens über die Nachfolgegeneration der 68er teilzunehmen. Als Stargast hatte er die umstrittene Psychoanalytikerin Alice Miller geladen, die es mit ihrem Buch Das Drama des begabten Kindes auf die Bestsellerliste gebracht hatte. Um sie herum gruppierte Ratti ein paar weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer, an die ich mich nicht mehr erinnere. Mich wollte er als Vertreter der jungen Generation dabeihaben.
Die Aufzeichnung ging vollständig in die Hosen. Das Gespräch wurde einseitig von Alice Miller dominiert, die allerdings auch unzufrieden war über dessen Verlauf, weil sie angeblich ihre Thesen nicht genügend verbreiten konnte. Am darauffolgenden Tag herrschte hektische Telefoniererei, die darin gipfelte, die Absetzung der verunglückten Sendung zu verlangen. Dass ich auch zu denen zählte, welche die Absetzung einforderten, verletzte André zutiefst. Er hielt mich für einen Verräter und Schisshasen.
Abends darauf wurde die Aufzeichnung trotzdem gesendet und kassierte unbarmherzige Kritik. Ratti aber blieb böse auf mich. Die regelmässigen Anrufe und die Ausflüge in die Sauna blieben von da an aus. Irgendwann hörte ich, dass er sich vom Schweizer Fernsehen verabschiedet und ins Tessin abgesetzt habe. Und dann vernahm ich plötzlich, dass er jetzt in Basel lebe.
Anlässlich der nächsten Kunstmesse, die mich, wie jedes Jahr, ans Rheinknie fahren liess, hielt ich es für angebracht, ihn wieder einmal anzurufen. Nach so langer Zeit. Ich beschaffte mir seine Nummer und rief ihn aus einer Telefonkabine am Barfüsserplatz an. Er war überrascht. Nach einer längeren Pause teilte er mir in seiner direkten Art mit: Nikolaus, ich sage es dir grad klipp und klar: Ich habe Aids.
Ich weiss noch, wie ich entlang der Kabinenscheibe nach unten glitt und mit weichen Knien auf dem uringetränkten Boden landete. Und wie seinerzeit bei Reinhard blieben mir wieder die Worte im Halse stecken. Ratti jedoch fuhr weiter und beantwortete vorweg, was wohl als nächste Frage von mir gekommen wäre. Er wünsche momentan keine Besuche, er werde von seiner betagten Mutter gut umsorgt. Seine Sorge sei einzig, dass sie vor ihm ableben könnte. Punkt.
Ein paar Monate später traf ich ihn zufällig am Hauptbahnhof Zürich. Es war kurz nach seinem Einstand als erster Präsident der Aidshilfe Schweiz. Wir begrüssten uns verhalten herzlich. Er hatte Gewicht verloren und meinte dazu sarkastisch, endlich habe er seine Idealfigur erreicht. Ich hielt es bei dieser Gelegenheit für angebracht, ihn zu motivieren, ein paar Erinnerungen aus seinem Leben zusammenzutragen. Ich würde ihn dabei gerne unterstützen. Er habe doch so viel erlebt und sei mit so vielen spannenden Menschen zusammengekommen, dass eine Verschriftlichung seiner Erlebnisse angemessen und interessant wäre. Er stimmte dem Vorhaben zu, und schon ein paar Tage später fuhr ich mit einem Kassettenrekorder und vielen leeren Magnetbändern nach Basel, um ihn aus seinem Leben erzählen zu lassen.
Meine Aktion war ein Debakel. Statt Begegnungen zu schildern oder Geschichten von Freund- und Feindschaften zu erzählen, vermochte er nur zu sagen, dass diese Person besonders interessant und jene Operninszenierung besonders eindrücklich gewesen sei. Seine Beiträge bestanden eigentlich nur aus Bewertungen von Tatbeständen oder Personen. Alles oder jeder war entweder grossartig, fantastisch, herrlich, unglaublich und spannend, oder dann deprimierend, dumm, schlimm. Doch was dies oder jenes zu dem gemacht hatte, das ihn zu diesem Urteil bewog, vermochte er nicht zu sagen. Er entsagte sich jeder Begründung seiner Einschätzungen. Kein Nachhaken fruchtete, und nach drei Besuchen dieser Art gab ich das Vorhaben auf. Statt Geschichten zu verfassen hätte ich eine Ratingliste zusammenstellen können. Glücklicherweise – das Wort ist hier völlig fehl am Platz, ich weiss, aber in Bezug auf unser gemeinsames Vorhaben gleichwohl angebracht – verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rapide. Meine gescheiterte Initiative musste nicht mehr thematisiert werden.
Von Weitem konnte ich beobachten, dass sich jetzt ein eingeschworener Kreis von Freunden um ihn bildete, die fest entschlossen waren, ihn bis zu seinem Ableben zu begleiten. Ich gehörte nicht dazu. Später liess ich mir sagen, bei seinem friedlichen Einschlafen hätten die Anwesenden russische Volksweisen intoniert.


André Ratti und ich auf dem Balkon des Hauses in Comano

© Nikolaus Wyss

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Dienstag, 8. Mai 2018

Ich vermisse Oscar

Oscar

Hier in Bogotá bin ich oftmals versucht, unter dem Arbeitstitel Dem Teufel vom Karren gefallen über Menschen zu schreiben, die ein leidvolles Schicksal mit sich herumtragen. Sie leben bei Kälte, Wind und Regen auf der Strasse und suchen nachts unter Brücken oder in Hauseingängen Schutz. Sie bedecken sich mit Lumpen oder aufgeweichten Kartons. Ihre Notdurft verrichten sie hinter einem Baum. Zur Körperpflege haben sie kaum Gelegenheit, und das Essen schnorren sie sich, so gut es geht, zusammen. Oftmals machen Drogen ihr Leben noch komplizierter.
In dieser angedachten Serie hätte auch Oscar seinen Platz bekommen. An unserer Strasse machte er es sich zur Aufgabe, parkende Autos einzuweisen und auf diese aufzupassen, um am Schluss ein bescheidenes Trinkgeld zu kassieren. Als wir einzogen, begrüsste er uns überschwänglich und half uns beim Hereintragen einiger Möbelstücke. Seither sind wir beste Freunde. Ich fühlte mich in seiner Obhut gut beschützt.
Kochten wir zu viel oder blieb der angekündigte Besuch aus, hatten wir mit ihm einen dankbaren Abnehmer der Resten. Er zog uns auch immer ins Vertrauen, wenn aus der Nachbarschaft wieder eine schlimme oder lustige Geschichte zu vermelden war. Selbstverständlich waren uns seine Informationen immer ein paar Pesos wert. Ganz besonders interessierte er sich für Fussball. Er war Fan von Santa Fé, und wenn im estadio El Campín wieder einmal ein Derby mit dem Stadtrivalen Millionarios am Laufen war, so stellte er den scheppernden Transistorradio, den er sich aus irgendeinem Müllhaufen gefischt hatte, auf Strassenlautstärke ein und liess alle, die an ihm vorübergingen, am Verlauf des Spieles teilhaben. Bei einem Goal war er jeweils aus dem Häuschen. Entweder vor Freude bei Santa Fé oder vor Entsetzen bei den Millionarios.
Einmal empfing er uns in Tränen aufgelöst. Seine Tochter lag im Sterben. Erst so erfuhr ich, dass er Kinder hatte. Tags darauf war sie tot. Ich tröstete und umarmte ihn.

Ich hatte also vor, über ihn zu schreiben und mehr über ihn zu erfahren. Doch plötzlich war er verschwunden. Niemand konnte sagen, wohin er gegangen sei. Sein herbes Lachen fehlte mir, seine positive Einstellung dem Leben gegenüber, das es nicht sonderlich gut mit ihm meinte, auch. Seine humorvolle Präsenz hatte mich jeweils in meinem Unvermögen, eine gerechte Welt zu schaffen, getröstet.
Und dann, Wochen später, begegnete ich ihm überraschend wieder. Diesmal war er frisch gewaschen und frisch rasiert. Er trug saubere Kleider. Ich traute meinen Augen kaum.
Was ist passiert, Oscar?, rief ich ihm entgegen. Du hast dich ja total gewandelt!
Sichtlich stolz berichtete er mir darauf, kürzlich einem Wiedereingliederungsprogramm beigetreten zu sein, wo er in einem Mehrbettzimmer hausen darf. Er bekommt jetzt Essen, Kleider, kann sich täglich duschen und hat vor, seiner früheren Beschäftigung, nämlich Schlagzeuger in einer Band zu sein, wieder nachzugehen. Er ist jetzt 69 und gibt sich noch einmal eine Chance.
Wie ich mich freue für ihn. Und gleichzeitig beschleichen mich Fragen. Wer wird denn jetzt unsere Nachbarschaft sicher halten? Was machen wir künftig mit unseren Essensresten?
Ich schäme mich, dass mir angesichts seines Glücks solche Gedanken kommen. Ich muss sie vertreiben, sie sind deplatziert. Oscar zu gratulieren und ihm alles erdenklich Gute zu wünschen, ist alles, was mich bewegen sollte.
Jetzt warte ich auf seine E-Mail-Adresse, die er sich einrichten will, damit ich das Bild, das ihn in seiner neuen Aufmachung zeigt, zuschicken kann.

© Nikolaus Wyss

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Montag, 7. Mai 2018

Im Wolfbächli

V.l.n.r. Wolfbachstrasse 9, 11, 15, 19

Dies ist keine Geschichte. Hier folgen bloss ein paar persönliche Notizen entlang einer Zürcher Quartierstrasse. Die Wolfbachstrasse ist eine Art Blinddarm, Nebenarm der verkehrsreichen Hottingerstrasse: Langweilig, dafür ruhig, vernachlässigbar, wenn man dort im Leben nicht einmal etwas Einprägendes erlebt hat. Trifft aber auf mich nicht zu. Die Wolfbachstrasse wäre mir deshalb spontan nie ins Bewusstsein gerückt, hätte mich ein potenzieller Verleger meiner Blogs bei meinem letzten Besuch in Zürich nicht sprechen wollen und vorgeschlagen, sich zum Lunch im Wolfbächli am Steinwiesplatz zu treffen. Als er zur Erklärung ansetzte, wie ich dorthin gelange, konnte ich kennerhaft abwinken und frischte vor unserem Treffen mit einem kleinen Spaziergang alte Erinnerungen auf.

Erste Station: Stepptanz bei Nina Macciacchini. Diese Koryphäe des künstlerischen Tanzes betrieb in den 1960er-Jahren im weissen Häuschen an der Wolfbachstrasse 11 eines ihrer Tanzstudios. Sie war eine vornehme und zu jener Zeit wohl auch hochangesehene Künstlerin mit gnädigem Lächeln. Meine Mutter, darauf bedacht, mir die beste aller Ausbildungen angedeihen zu lassen, gelangte meiner langen Beine wegen zur Überzeugung, ich sei zum Tänzer bestimmt. Also schleppte sie mich eines Tages ins Studio Macciacchini und schlug mir zum Schluss der Akquisitionspräsentation vor, es doch einmal mit Stepptanz zu versuchen. Da ich nicht grad spontan ablehnte – Zweifel galten als Zustimmung –, bekam ich Klapperschuhe und Strumpfhosen ausgeliehen und wurde schon in der nächstfolgenden Woche unter Anleitung von Madame de Vigier, einer von Nina Macciacchini angestellten Hilfskraft, in Fred Astaire unterrichtet, zusammen mit zehn anderen Halbwüchsigen.
Nach einem Jahr galt es, das Eingeübte einem grösseren Publikum zu präsentieren. Die Aufführung fand in einem der Nebensäle des Kongresshauses Zürich statt. Das Publikum bestand, wie meistens in solchen Fällen, aus erwartungsfrohen und stolzen Müttern. Ich liess das Geschehen mit einigen Stolperschritten über mich ergehen, im Bewusstsein, dass es sich damit ausgesteppt hatte. Dieses lärmende Geklapper auf hartem Untergrund war nichts für mich. Ich beschied meiner Mutter, damit aufhören zu wollen. Darauf folgten die kurzen Perioden der Orientierungsläufe im Wald und des Muskeltrainings beim früheren Wrestler Gottfried Grüneisen im Seefeld, der dort zusammen mit seiner rührigen Frau ein Hantelzentrum für schwache Jungs wie mich betrieb, bis meine erschlaffenden Schulleistungen mich dazu zwangen, einen Unterbruch derartiger Freizeitbetätigungen einzulegen. Doch in den Erzählungen meiner Mutter blieb mein Ausflug in die Welt des Showtanzes ein fester Bestandteil, den sie stolz mit dem Satz abzuschliessen pflegte, dass ich sogar im Kongresshaus aufgetreten sei!

Ein Haus weiter ostwärts befindet sich das Gesellenhaus Wolfbach, während 100 Jahren Herberge mit Festsaal des katholischen Gesellenvereins. Ich kenne seine Innenräume allerdings aus anderem Grund. Dort nistete sich nämlich zu jener Zeit das Schweizer Schwarz-Weiss-Fernsehen mit einem zweiten provisorischen TV-Studio ein, aus welchem auch meine Mutter ein paar ihrer Sendungen moderierte. Ich durfte dabei auf leisen Sohlen diesen Produktionen hinter der Kamera beiwohnen Was meinen neidischen Schulkameraden als Privileg vorkam, war aus der Sicht einer besorgten Mutter als Vorkehrung zu verstehen, mich nicht alleine zu Hause oder auf der Strasse herumlungern zu lassen. Ich fühlte mich allerdings in diesem backsteinernen Gesellenhaus nie besonders heimisch und meinte aus dessen Ritzen noch abgestandenen Biergeruch, vermischt mit heiligem Weihrauch, herauszuriechen. Damals war es eben noch von Bedeutung, ob etwas katholischen Ursprungs war oder nicht ...

Wohl hingegen fühlte ich mich in der Schallplattenabteilung des Musikhauses Jecklin, dessen Eingang sich auf der Höhe der Rämistrasse 42 befand. Im Erdgeschoss gab es U-Musik, einen Stock tiefer Klassik. Die Theken, wo ich mir die Vinylplatten anhören konnte, befanden sich auf der rückwärtigen Seite mit Blick auf einen Hof, der von der Wolfbachstrasse her erschlossen wurde. Dort herrschte immer Betrieb mit Ab- und Aufladen von Sperrgut. Oft dachte ich, wenn diese Arbeiter hörten, was ich jetzt höre, sie würden mit Arbeiten sofort aufhören. Die Musik tröstete mich in meiner pubertären Einsamkeit und in meinem Kummer über die vielen abverreckten Latein- und Mathematikprüfungen am Gymnasium, das weiter oben am Hügel lag. Johann Sebastian Bach und Miles Davis waren meine Favoriten, schnell gefolgt von Schuberts, Schumanns und Brahms’ Kammermusik, gleichzeitig aber auch von den Rolling Stones und Lou Reed mit seinen Velvet Underground.
Dass ich meinte, einiges von Musik zu verstehen, und durchaus zu unterscheiden wusste zwischen Beethoven und Mozart, verdanke ich dem Komponisten Armin Schibler, der uns am Gymnasium unterrichtete. Mich störten zwar seine spindeldürren Beine, die jeweils von eng anliegenden Hosen noch betont wurden, und ich konnte mit seinen Kompositionen herzlich wenig anfangen, aber seine Musikstunden bleiben mir in guter Erinnerung.
Er wohnte – und deshalb erwähne ich Schibler hier – mit seiner Familie am anderen Ende der Wolfbachstrasse, beim Steinwiesplatz. Seine Frau Tatjana spielte im Tonhalle-Orchester die Bratsche, und mit Sohn Thomas drückte ich eine Zeit lang die Schulbank. Nicht nur das. Thomas spielte im Schülerorchester das Fagott, und ich hatte damals die fatale Eingebung, dort auch dieses Instrument zu blasen. Was für mich aber eher ein soziales Engagement war, nämlich mit Gleichgesinnten in der Freizeit etwas Sinnvolles anzufangen, entpuppte sich bei Thomas als Berufung. Noch heute, so entnehme ich dem Internet, ist er dem Fagott treu geblieben und lehrt in der Nähe von München. Im Schülerorchester hängte er mich, wen wunderts, in kürzester Zeit ab, und ich war froh, mich, so gut es ging, hinter seinen virtuosen Tönen zu verstecken.

Mit dem Steinwiesplatz verbindet mich auch eine der ersten Ausstellungen des neugegründeten Vereins Kunsthalle Zürich. Wir waren damals, anfangs der 1990er-Jahre, noch ein ambulantes Unternehmen und schlugen an unterschiedlichsten Schauplätzen unsere Zelte auf, unter anderem eben in einem Neubau am Steinwiesplatz, wo später Kieser Training einzog. Ich glaube, es handelte sich um eine Einzelausstellung von Adrian Schiess. Wir Vorstandsmitglieder des Vereins, dem damals noch kaum flüssige Mittel zur Verfügung standen, kommandierten uns selbst zum Hütedienst ab, und ich erinnere mich gut an nicht enden wollende Sonntage in den frisch gemalten Räumen, während denen kein einziger Kunstfreund auftauchte. Da sass ich dann in meditativer Position gegenüber diesen unsäglich genauen, ebenförmigen und sorgfältig platzierten Farbquadern des Künstlers und wusste sie mir eigentlich nicht so recht zu erklären. Kurz, ich langweilte mich. Um meine Präsenz dann doch noch etwas produktiv erscheinen zu lassen, markierte ich für die Statistik mit drei Strichen fiktive Besuche. Das entsprechende Eintrittsgeld legte ich aus eigener Tasche abends in die Kasse.

So weit mein Wiederauffrisch-Spaziergang. Im Restaurant Wolfbach gab es bei erlesenem Wein leckere Kalbsleberli mit Risotto und eine herrliche Crema Catalana. Das Gespräch mit dem Verleger war von Wohlwollen geprägt, Entscheide wurden keine getroffen. So schreibe ich weiterhin meine Blogs und freue mich auf die stets wachsende Leserschaft. Am Anfang waren es im Schnitt 200 pro Beitrag, jetzt stosse ich damit schon bald an die Tausendergrenze. Vielleicht interessieren diese ermutigenden Zahlen den Verleger. Klar, eine Null mehr hintendran wäre schon noch erfreulicher, aber eine Wolfbachstrasse bringt das einfach nicht hin. Doch deswegen zum Broadway wechseln, zu Fred Astaire? – Nein, da mache ich nicht mit!

Links Kieser-Training, hinter dem Baum Schiblers Haus, rechts Rest. Wolfbach


 

© Nikolaus Wyss

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Donnerstag, 3. Mai 2018

Die Trillerpfeife


Endlich kann ich hier einmal ein griechischstämmiges Eigenschaftswort verwenden, das ich während meines Volkskundestudiums lernen musste. Es veredelte damals den akademischen Anspruch dieser Studienrichtung ungemein. Es heisst apotropäisch. Das Wort bezeichnet die Eignung von Objekten oder Handlungen, Unheil abzuwehren. Es meint somit das, was man gerne Amuletten, Talismanen, Maskottchen und Glücksbringern zuschreibt.
Meine Geschichte ist simpel: Als ich mich in den 1970er-Jahren zum ersten Mal anschickte, nach New York City zu reisen, ging dieser Stadt der Ruf einer gefährlichen Räuberhöhle voraus. In der U-Bahn würde geschossen, so konnte man es der Presse regelmässig entnehmen, Überfälle am helllichten Tag waren gang und gäbe, knallharte Strassengangs tyrannisierten ganze Stadtteile ... Item, meine Mutter hatte Angst, mich allein dorthin ziehen zu lassen, auch wenn es sich nur um ein paar wenige Tage handelte, und sie liess sich von einer Freundin beraten, womit mir in dieser Stadt wohl am besten geholfen wäre.
Die Lösung ihrer Sorge war sowohl verblüffend als auch logisch. Eine Trillerpfeife sollte es richten. Bei Gefahr schlug man damit einfach Alarm, indem man die Räuber, die einen umzingelten, schrill verpfiff und so die Umgebung auf die eigene Notlage aufmerksam machte.
Seither bewaffne ich mich bei fast allen meinen Ausflügen in gefährliche Gegenden mit so einem Instrument. Die Trillerpfeifen wechselten, der Schutz ist geblieben. Es ist sogar so, dass ich hier in Bogotá schleunigst nach Hause zurückkehre, wenn ich bemerke, dass ich sie vergessen habe. Habe ich mich schon zu weit von meinem Zuhause entfernt, suche ich in der Stadt als erstes einen Chinesen-Laden auf, der solche Dinger feilbietet, um mich mit einem Ersatzschutz abzusichern.
Tatsächlich geschahen die paar Überfälle, die mir in meinem Leben widerfuhren, immer dann, wenn ich die Pfeife nicht auf mir trug. Das Apotropäische meiner Trillerpfeifen scheint mir damit genügend ausgewiesen.


© Nikolaus Wyss

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