Freitag, 31. August 2018

Steven und der vergoldete Sparschäler

Namen und identifizierbare Hinweise zur Person wurden weitgehendst verändert

Als ich ihn am Flughafen abholte, übersah ich ihn zunächst. Er trug zwar auf seinem grossen Kopf einen auffälligen Panamahut, doch darunter bewegte sich ein kurzbeiniges Figürchen, das den anderen heraustretenden Passagieren kaum zur Schulter reichte. Er machte ausholende Schritte, was bei seinen Proportionen etwas lächerlich wirkte. Ich hielt nach jemand anderem Ausschau, wurde aber von ihm angesprochen.
Es war Steven aus den Philippinen. Ich hatte zuvor des Öfteren mit ihm korrespondiert. Jetzt war er da, und ich würde ihm die Schweiz zeigen und insbesondere den Schnee. Bei der Vorstellung, dass ich Grossgewachsener die nächsten paar Wochen mit einem untersetzten Exoten verbringen würde, jagte mir einen kleinen Schauder ein. Würde ich mich auf der Strasse wegen unserer offensichtlichen Unterschiedlichkeit schämen?
Doch das Thema verflüchtigte sich, nachdem wir die ersten paar Nächte miteinander verbracht hatten. Es war schlicht grossartig mit ihm. Im Bett begegneten wir uns auf Augenhöhe und kommunizierten körperlich auf eine Weise, die ich in meinem angegrauten Alter kaum mehr für möglich gehalten hatte. Bei Steven erlebte ich mich abenteuerlustig, experimentierfreudig, scharf und um Jahrzehnte jünger. Dafür war ich ihm dankbar. Meine beruflichen Schwierigkeiten schrumpften plötzlich auf normale Dimensionen zusammen und fanden nächtens einen erholsamen Ausgleich, auch weil die üblichen Albträume ausblieben. Ich war emotional zu beschäftigt. Der Haken bestand nur darin, dass wir uns ausserhalb des Bettes nicht sehr viel zu sagen wussten. Er hatte zwar ein Ökonomiestudium absolviert und konnte, sprach man ihn darauf an, auch einiges über seine heimatliche Kultur berichten. Doch es stellte sich bald heraus, dass er sich ausschliesslich für Styling und Make-up interessierte, was ich mit seiner eigenen, unreinen Haut, die ihn bestimmt störte, in Verbindung brachte.
Auch gab er für Kleider und Kosmetikwässerchen in einer Weise Geld aus, bei der mir angst und bange wurde. Er behauptete zwar, aus vermögendem Hause zu stammen und seine Mutter beauftragt zu haben, sein Auto, einen Mazda 626, in Manila dem Meistbietenden zu verkaufen, um so seinen Europaaufenthalt zu bestreiten. Doch irgendwie wollte es ihm nicht gelingen, daraus das nötige Geld zu schlagen. Allmählich gelangte ich sogar zur Überzeugung, dass die Geschichte mit diesem Auto gar nicht stimmte, und dass er, bewusst oder unbewusst, damit rechnete, dass der Sugardaddy Nikolaus für all seine Kosten aufkommen würde, auch wenn anderes abgemacht war.
So wunderbar wir es des Morgens, des Abends, an Wochenenden auch tagsüber am Fenster mit Aussicht auf die Nachbarschaft, auf dem Balkon unter dem klaren Sternenhimmel, im Badezimmer bei laufender Dusche oder auch ganz konventionell im Bett, uns gegenseitig filmend, miteinander trieben, wir konnten nicht in Abrede stellen, dass für ein weiteres Zusammenbleiben die Basis wohl zu schmal war. So kam nach lustvollen Wochen und Monaten der Tag, an welchem er auf mein Drängen hin beschloss, wegzuziehen. Glücklicherweise fand er Unterschlupf bei einem neuen Gastgeber, den er während unserer gemeinsamen Zeit übers Internet kennengelernt hatte. Dieser war Porträtfotograf, was sich gut zu Stevens Interesse, eine Karriere als Make-up-Designer zu machen, fügte.
Wir verabschiedeten uns und liessen dabei die gebotene Vernunft walten, auch wenn sie so gar nicht meinen Gefühlen entsprach. Er liess mich mit kaum stillbaren Begierden zurück. Während der nächsten Monate wälzte ich mich mutterseelenallein im Bett und wünschte mir sehnsüchtig wenigstens ein Zipfelchen unserer lustvollen Aktivitäten zurück. Mich trieb die Frage um, woran sich mein unbändiges Verlangen nach ihm denn nährte und womit ich es hätte unter Kontrolle bringen können. Ich kam zum Schluss, meine Begeisterung für unseren intimen Zeitvertreib fusse auf meinem mangelnden Selbstwertgefühl, das er, sozusagen therapeutisch, wegzuficken wusste. Wenn man einmal die 50 überschritten hat und sich seines zerfallenden Körpers bewusst wird, wenn man merkt, dass die schwindende Attraktivität weder mit Fitnesstraining oder Schlankhungern noch mit Waldspaziergängen aufpimpbar ist, so ist man wohl besonders empfänglich für jemanden, der einem zu verstehen gibt, man sei mehr als okay mit dem Rest, der einem geblieben ist. Er hatte Lust auf mich. Das machte mich geil.
Später im Jahr, an einer Party bei Freunden, lernte ich Kunstmaler R. kennen, der mich zunächst nicht verorten konnte. Doch plötzlich fragte er mich, ob in meinem Wohnzimmer eine Vitrine stünde, worin ich einen goldenen Sparschäler aufbewahre. – Seine Frage verblüffte mich. Woher kann R. sowas wissen, war ich ihm doch zuvor noch nie begegnet und hatte ihn also auch noch nie bei mir zu Gast. Die weitere Unterhaltung ergab, dass er einmal von Steven zu mir nach Hause eingeladen worden war, als ich mich gerade auf einer Geschäftsreise befand. Dort liess ihm Steven all die schönen Dinge zuteilwerden, die ich selbst bis zu unserem Abschied mit ihm geniessen durfte.
Diese Informationen waren für mich insofern wertvoll und heilsam, als sie meine Sehnsucht nach Steven augenblicklich dämpften. Plötzlich war dieses Gefühl der Exklusivität weg. Seine Zuneigung zu mir hatte wohl doch weniger mit mir zu tun als mit seinem grossen Talent, anderen dieses Gefühl zu vermitteln, nach welchem ich mich doch so sehnte ...
Von nun an liessen mich Gedanken an Steven in Ruhe. Zwar erinnerte ich mich gerne an ihn zurück, doch ohne den quälenden Zusatz des Wiederholenwollens. So vergingen die Jahre, und allmählich verschwand Steven gänzlich aus meinem Bewusstsein, unter anderem auch deshalb, weil ich mich mit neuen Menschen anfreundete und auch eine Partnerschaft einging, die noch heute anhält.
Doch die Geschichte ist hier noch nicht ganz zu Ende. Einige Zeit später trug mir ein Freund den Link auf eine Pornoseite zu mit dem Hinweis, ein Blick darauf dürfte mich interessieren. Und ich sah dort, wie Steven sich mit den unterschiedlichsten Männern amüsierte. Alles ohne Kondome natürlich. Und während er sich kreuz und quer vögeln liess, stiess er Lustschreie aus. Er verlangte fürs Anschauen des ganzen Streifens Geld. Ich jedoch begnügte mich mit dem kostenfreien Trailer, was für die Kenntnisnahme absolut genügte. Ich entdeckte aber, dass in einem versteckten Teil des Netzes Dutzende seiner Filmchen auf bezahlende Zuschauer warteten, und ich dachte: Aha, das ist jetzt der fragliche Mazda, auf dessen Erlös ich damals vergebens gewartet hatte.

© Nikolaus Wyss

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Montag, 27. August 2018

Winkelwiese 6

Winkelwiese 6, hinter der Hecke die zu unserer Wohnung gehörenden Fenster


Die Winkelwiese hinter dem Kunsthaus, am Rande der Zürcher Altstadt, war der Traum meiner Mutter. Sie lebte anfangs der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts mit ihrem Söhnchen unweit davon entfernt in einer engen Wohnung an der Kirchgasse 33, zu welcher sie auf knarrenden Holztreppen mit dem Kind auf dem Arm vier Stockwerke emporsteigen musste. Auch wenn dort am Hauseingang eine Tafel verkündet, dass in diesem Haus von 1861 bis 1875 der Staatsschreiber und Dichter Gottfried Keller gearbeitet und gewohnt habe, und auch wenn eine weitere Tafel Auskunft gibt, dass dieses Steinhaus aus dem 13. Jahrhundert im Besitz der Familie Manesse gewesen sei, vermochte der Wohnort meine Mutter nicht zu überzeugen. Sie war der Meinung, dass eine grosszügigere, grossbürgerlichere Umgebung, wie die Winkelwiese sie darstellt, sich positiv auf die gesunde Entwicklung ihres Sprösslings auswirken würde.
Als dann 1952 eine Wohnung im besagten Winkel der Stadt ausgeschrieben wurde, meldete sie sich und bekam sie zu ihrem eigenen Erstaunen zugeschlagen. Darauf bezogen wir im Erdgeschoss der Winkelwiese 6 zwei Zimmer mit Bad und Küche in einer auf fünf Zimmer ausgelegten Wohnung. Ich war damals drei und kann mich an den Umzug nicht erinnern. Ich erinnere mich bloss, dass wir die Toilette mit Fräulein Coppex teilten. Sie lebte auf demselben Stockwerk, aber auf der Sonnenseite des Hauses, in zwei weiteren Zimmern derselben Wohnung. Die Türen zwischen den beiden Parteien waren zugenagelt und nur über das gemeinsam benutzte WC miteinander verbunden. Die Räume unserer Nachbarin waren vom Garten her erschlossen. Sie verfügten nur über ein Lavabo, das Bad lag auf unserer Seite.
Mlle. Blanche Coppex, so war der Briefkasten angeschrieben, kam ursprünglich aus dem Welschland, sprach aber neben ihrer Muttersprache auch Thurgauer-Dialekt mit hellem A. Sie arbeitete als Sekretärin bei der Elektrowatt und war die Vorzimmerdame unseres Hausbesitzers, Maurice Villars. Als Starkstrom-Elektroingenieur baute dieser Staudämme in Frankreich und Italien. Nach seiner Pensionierung richtete er sich im fünften Zimmer des Erdgeschosses sein Büro ein, wo er Fräulein Coppex anstehende Arbeiten erledigen und in den besagten zwei anderen Räumen wohnen liess. Auch Villars Büro erreichte man über den Garteneingang.
Wenn es nicht gerade Katzen hagelte oder schneite, hielt sich Herr Villars vorzugsweise im Garten auf, stutzte Bäume, jätete Unkraut und pflegte die Rosenbeete. Er hatte um seinen Spitzbauch herum eine grüne Schürze gebunden. Eine Baskenmütze schützte seinen Kahlkopf vor der Sonne.
Er wirkte streng, wenn er strammen Schrittes den Gartenweg hinunterging, in angemessenem Abstand gefolgt von seiner Haushälterin Herta aus Österreich. Ich nannte sie Servus: den Servus. Villars Frau Silvia, die sich gerne den Tee im Gartenhaus unten servieren liess, hatte italienisches Blut. Sie hatte eine uneheliche Tochter mit in die Ehe gebracht, die sie aber in Florenz zurückgelassen hatte, wo diese aufwuchs und sich zur Lehrerin ausbildete. In den Sommerferien, wenn es in Florenz zu heiss war, besuchte sie jeweils mit ihrer Tochter Monica an der Winkelwiese Nonna und Nonno. Monica war übrigens das erste Mädchen in meinem Leben, in das ich mich so richtig verknallt habe.
Frau Villars hatte auch diese stattliche Liegenschaft an der Winkelwiese, deren Garten bis an die Waldmannstrasse hinunterreichte, mit in den Hausstand gebracht. Sie gebar Herrn Villars eine Tochter, deren Name mir entfallen ist, und zwei Söhne, einer davon hiess Leo, genannt Leuli. Auch dieser wurde Elektroingenieur, allerdings, im Gegensatz zum Vater, nur für Schwachstrom.
Frau Villars kam an der Tramhaltestelle Neumarkt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Da war ich vielleicht sechs. Anlässlich dieses traurigen Ereignisses lernte ich, wie Kondolieren geht.
Meine Mutter hatte etwas Angst vor Monsieur Villars. Dabei verband doch die beiden der gemeinsame Herkunftsort: Leubringen – oder Évilars, wie die Welschen sagen – oberhalb der Stadt Biel. Doch es gab da eine unangenehme, wenn auch unausgesprochene Verbindung zwischen den beiden, die nach Ansicht meiner Mutter das Mietverhältnis durchaus hätte gefährden können. Die Tochter von Silvia und Maurice Villars heiratete nämlich einen Löw aus Oberaach, Amriswil, der zur Familie der gleichnamigen Schuhfabrik gehörte. Und Löws waren zu jener Zeit in den grössten Steuerbetrugsskandal des 20. Jahrhunderts im Kanton Thurgau verwickelt, während der Onkel meiner Mutter, Ernst Wyss, genau zu diesem Zeitpunkt Direktor der Eidgenössischen Steuerverwaltung war und damit der personifizierte Widersacher Löws. Meine Mutter konnte bis ins hohe Alter hinein nicht verstehen, dass aus diesen Umständen für sie keine Nachteile erwachsen sind. Die Angst aber begleitete ihr ganzes Mieterinnendasein – über den Tod Villars hinaus, als die Erben die einzelnen Stockwerke im Eigentum veräusserten, mit Ausnahme des Hochparterres, wo wir wohnten. Meine Mutter hätte nie das Geld gehabt, sich diese Wohnung zu erstehen, die zwischenzeitlich auf drei Zimmer angewachsen war, weil Herr Villars im späten Spätherbst seines Lebens während Jahren oben im zweiten Stock sterbenskrank im Bett lag und seinen Büropflichten nicht mehr nachkommen konnte. Sein zur Sonnenseite ausgerichtetes Office wurde unserer Wohnung zugeschlagen. Jetzt hatte es auch Platz für ein Klavier.
Im ersten Stock, über uns in der Beletage, residierten Herr und Frau Professor Paul Keller. Während ich Herrn Kellers Herkunft für normal und unauffällig hielt, fiel mir seine Frau auf, denn sie stammte aus dem Basler Daig. Vermutlich war sie eine Sarasin, eine Burckhardt, eine Staehelin oder eine Vischer, was weiss ich. Von ihr bleiben mir das schwungvoll gedrehte Chignon in Erinnerung, aber auch der in meinen Ohren gestelzt wirkende Dialekt und ihr vornehmes Gehabe, das von ihrer Umgebung zwingend einforderte, sie Frau Professor zu nennen. Ich glaube, sie war sich ihrer kantigen Wirkung bewusst und wollte zuweilen dagegenhalten, indem sie Bettlern und Hausierern Almosen verteilte – trotz des Schildes an der Türe, welches Betteln und Hausieren im Hause verbot –, und indem sie meine Mutter, eine «gefallene», berufstätige Frau mit einem unehelichen Sohn, auch mal zum Tee einlud. Sofern präsent, blieb ihr Gatte dabei stumm. Er hatte weiss Gott Wichtigeres im Kopf, musste er sich doch als Präsident der Schweizerischen Nationalbank ums Wohlergehen unseres Frankens kümmern.
Eines Abends wurde meine Mutter in den oberen Stock gebeten. Offenbar waren Gäste nicht erschienen, und Frau Professor wusste sich nicht anders zu helfen, als auf die Schnelle eine Mitesserin aus der Nachbarschaft zu organisieren, damit nicht allzu viele Speisen fortgeworfen werden mussten. Dieser Abend, so reime ich mir das heute zusammen, denn ich war ja nicht dabei, besiegelte wohl das weitere nachbarschaftliche Verhältnis zwischen oben und unten. Die aufgetischte Rösti soll nämlich angebrannt gewesen sein, berichtete Mutter später. Frau Professor Keller wusste das Missgeschick aber nicht anders zu kommentieren, als ihrer Erleichterung Ausdruck zu verleihen, dass Gott sei Dank wenigstens die eigentlichen Gäste, ein Direktionspräsident mit Gattin, nicht erschienen seien. Dies bekam meine Mutter in den falschen Hals. Für sie war klar, dass sich die Frau Professor für die ungeniessbare Rösti auch bei ihr hätte schämen und entschuldigen dürfen und nicht nur, wenn die grosskotzige Gesellschaft erschienen wäre.
Ein Jahrzehnt später, als Kellers in eine Altersresidenz wechselten, zog, von Winterthur herkommend, Dr. Edwin Stopper mit seiner Mutter in die Beletage. Auch er war, wenn auch eine halbe Generation später, seines Zeichens Präsident der Schweizerischen Nationalbank. Monsieur Villars wusste wohlbestallte Mieter durchaus zu schätzen. Herr Stopper führte aber im Vergleich zu den Kellers ein sehr viel bescheideneres, katholisch-gottesfürchtiges Leben. Wenn er nicht gerade auf Reisen war für irgendwelche Konferenzen in Washington, New York City oder London, ging er täglich zur Frühmesse. Seine Mutter Agnes umsorgte ihn, soweit es ihre eigene Betagtheit noch erlaubte. Das unangenehme, schrille Pfeifen aus ihrem Hörgerät kündigte jeweils ihr Kommen an. Sie hatte Mühe beim Treppensteigen. Ein kurzer Schwatz im Hausgang gab ihr die Möglichkeit, etwas Luft zu holen. So erfuhr ich unzählige Male, dass es bei ihnen zum Znacht wieder einmal Gschwellti, Käse und Salat gab. Zuweilen beklagte sie sich über ihren Sohn. Der Edwin komme, so jammerte sie, abends immer so spät nach Hause, er arbeite eben zu viel.
Mit der Zeit wurden die stockwerkeigenen Kohleheizungen im Keller durch eine zentrale Ölheizung ersetzt. Das kostete Herrn Jon seinen Teilzeitjob, weil er vordem im Winter jeweils frühmorgens einheizen kam, was in den Heizkörpern immer seltsame Schabgeräusche verursachte. Herr Jon, eigentlich Schuster, dem wir zuweilen auch Schuhe, deren Sohlen abfielen, zur Reparatur gaben, befreite später noch einige Jahre lang den Vorplatz vom Laub, klagte aber ständig über Atembeschwerden. Dann blieb er plötzlich aus.
Heute ist an der Winkelwiese 6 eine Tafel folgenden Inhalts angebracht: In diesem Haus wohnte und wirkte die letzten 50 Jahre ihres Lebens Laure Wyss, 1913–2002, Schriftstellerin. – Geboren und aufgewachsen in Biel. Studium in Paris und Berlin. Verheiratet in Stockholm. Als Journalistin, Redaktorin, Fernsehschaffende, Buchautorin, Mutter und Freundin setzte sie sich immer couragiert für die Schwächeren ein und für die Verwirklichung von gleichen Rechten für Mann und Frau. – Ehrung durch die Gesellschaft zu Fraumünster, Sechseläuten 2003.
Ich bin sicher, meine Mutter würde sich im Grab umdrehen, wüsste sie davon. Denn sie hielt nichts vom weibischen Nachmachen überkommener, bürgerlicher Männertraditionen. Gleichwohl. Ich liess die Frauen in ihren wehenden Gewändern im Stil früherer Fürstäbtissinnen gewähren, als sie in einer kleinen Zeremonie die Gedenktafel der Öffentlichkeit übergaben. Man kann nicht ungeschoren in einer noblen Umgebung wohnen. Und letztlich würde meine Mutter schmunzelnd feststellen dürfen, dass Erinnerungstafeln für die beiden Nationalbankpräsidenten, aber auch eine für den früheren Crossair- und Swissairchef Moritz Suter, der zusammen mit seiner Frau nach dem Ableben von Monsieur Villars in den zweiten Stock einzog, fehlen.

Mit Monica Toselli auf dem Zürichsee

Silvia & Maurice Villars vor dem Gartenhaus im unteren Teil der Winkelwiese 6 


© Nikolaus Wyss

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Freitag, 20. Juli 2018

Kolumbien im Mord-Modus


Titelbild der Semana vom 8. Juli 2018
Heute, am 20. Juli, ist kolumbianischer Unabhängigkeitstag, der mit Paraden von Truppenverbänden, Kriegs- und Rettungsmaterial, mit Fahnenehrungen und Besäufnissen begangen wird. Der Tag soll an die vielen Befreiungskämpfe und an die Gründung der Vereinigten Staaten von Kolumbien im Jahre 1821 erinnern. 
Die 200jährige Geschichte der Republik zeigt, dass im Laufe der Zeit unter Freiheit und Unabhängigkeit sehr Unterschiedliches verstanden wurde. Die Spanier war man zwar los, aber wer welche Freiheit im eigenen Land für sich in Anspruch nehmen darf, ist bis heute nicht nur Verhandlungssache sondern oft auch eine mit Waffen geführte Auseinandersetzung um Macht und Einfluss. Die Gesetze werden entsprechend den herrschenden Verhältnissen angepasst und abgeändert, die Verfassung mit Füssen getreten. 
Landarbeiter, Landflüchtige und Mittellose, sie bilden die Mehrheit der Kolumbianer*innen, haben von dieser ideologisch überhöhten Freiheitsdebatte, die allzu oft in kriegerischen und kriminellen Aktivitäten mündet, bis dato wohl wenig Vorteile abgekriegt und umso mehr unter der Waffenherrschaft gesetzloser Unabhängigen leiden müssen. Gleichwohl feiern auch sie den heutigen Tag wie diejenigen, die für sich ungeniert und erbarmungslos Freiheiten auf Kosten anderer in Anspruch nehmen. Im Gestrüpp dieser Anspruchsgruppen gab und gibt es immer wieder unheilige Allianzen zwischen Guerillas unterschiedlicher Couleurs, Paramilitärs, Armee, alten Familien, Drogenbossen und sagenhaft korrupten Amtsinhabern. Der Durchblick fällt schwer, wie auch die jüngste Gewaltwelle beweist.
Zur Zeit kann nämlich wieder einmal ein signifikanter Anstieg politisch motivierter Morde beobachtet werden. Im Zeitraum der ersten sechs Monate dieses Jahres wurden im ganzen Land gezielt 86 Sozialarbeiter*innen und politische Aktivist*innen des linken Lagers umgebracht. Diese Tötungen erinnern an die dunklen Tage des Bürgerkrieges, wo jeder, der die Nase ein bisschen im Wind hielt und eine von Hoffnung, Gerechtigkeit und Chancen geprägte Meinung kundtat, dies mit seinem Leben bezahlen musste. 
Das Wochenmagazin Semana fragt auf der Frontseite der aktuellen Ausgabe besorgt: wer tötet sie? Im Hintergrund reihen sich Fotos der Opfer aneinander. 
Eine Antwort darauf hat auch die Semana keine. Sie stochert in einem von Schweigen zugedeckten Feld herum wie Retter, die vergeblich auf einem Lawinenkegel nach Verschütteten suchen. Die politische Führung Kolumbiens und die Polizei lassen verlauten, es gebe zwischen den einzelnen Morden keine signifikanten Verbindungen, oder sie schieben die Taten Gruppierungen in die Schuhe, denen man solche Taten zutraut, ohne sie beweisen zu müssen. 
In wenigen Tagen tritt der neugewählte, junge Präsident Kolumbiens, Iván Duque, sein Amt an. Er hat nicht nur seine Haare aschgrau gefärbt, um älter und seriöser auszusehen, er hat in seinem Wahlkampf auch die Infragestellung des Friedensabkommens mit der grössten Guerilla-Bewegung des Landes, der FARC, die mittlerweile zu grossen Teilen entwaffnet worden ist, ins Zentrum gestellt und verlangt, dass das Abkommen neu verhandelt werden müsse. Es ist absehbar, dass eine solche vom Wahlvolk durchaus unterstützte Position zu einer neuen, gewalttätig verlaufenden Debatte um die Frage, was Freiheit für jeden einzelnen bedeutet, führt. Spekulativ sei schon mal in den Raum gestellt, dass in einer solchen Debatte Stimmen, die sich für eine Verbesserung der Situation sozial Benachteiligter einsetzen, nicht unbedingt erwünscht sind.   

 

© Nikolaus Wyss

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Mittwoch, 11. Juli 2018

Maskenball auf hoher See

Aufgenommen irgendwann vor langer Zeit - aber nicht auf der "Donizetti"

Vor 50 Jahren nahm ich Abschied von Europa. Ich schiffte mich in Genua ein und überquerte mit der Donizetti den Atlantik. Mein Ziel war Venezuela. Von dort aus wollte ich Lateinamerika erobern.
Es gab viele Rückkehrer an Bord. Ihre offene, lateinische Art nahm mich sofort für sie ein. Die meisten kehrten von einem längeren Europaaufenthalt zurück. Die einen hatten dort studiert, andere geheiratet. Ausgelassen freuten sie sich auf ein Wiedersehen mit ihrer Heimat. In dieser Gesellschaft öffnete sich mein Herz. Innert kürzester Zeit lernte ich viele nette Leute kennen, mit denen ich mich auf Anhieb glänzend unterhielt, auf Französisch, Englisch und holperigem Spanisch.
An Bord lief stets etwas. Ich kam nicht dazu, eines meiner Bücher zu Ende zu lesen. Einmal war es der Kapitän, der zur Besichtigung der Kommandobrücke einlud, ein andermal wurde eine unterhaltsame Rettungsübung mit Schwimmwesten veranstaltet, dann galt es, aus unserer Mitte einen Neptun zu erküren, denn die Meerestaufe auf hoher See war angekündigt. Die Wahl fiel auf einen venezolanischen Künstler namens Perez, der dieser Würde mit bacchantischem Gehabe nachkam. Höhepunkt war der Augenblick, als er, verkleidet und gekrönt als fettleibiger Meeresgott, Champagner aus zierlichen Frauenschuhen trank und diese anschliessend über die Reling warf und den Fluten des Ozeans anvertraute. Alles im Schein des Vollmonds. Wir Passagiere jauchzen vor Vergnügen.
Nach diesem eindrucksvollen Fest fiel es mir nicht besonders schwer, mich für den am nächsten Abend angekündigten Maskenball anzumelden. Während des ganzen Tages überlegte ich mir, womit ich mich verkleiden und maskieren könnte. Dabei kam mir auch meine einmalige Mitwirkung in einer chaotischen Zürcher Guggenmusik zu Hilfe. Dort hatte ich mich ganz blau geschminkt, war mit einigem Aufwand in Lumpen gekleidet und trug eine Perücke aus Stroh. Auf dem Schiff fehlten mir jedoch die Requisiten für eine verrückte Verwandlung. Im Fundus der Künstlergarderobe im Unterdeck fand ich nichts, was mir zum Anziehen Spass gemacht hätte. Dort stapelten sich lediglich Pierrot-Mützen, Knollennasen, Chaplin-Spazierstöcke und Cowboyhüte.
Da aber Not bekanntlich erfinderisch macht, stellte ich mir schliesslich doch eine recht aussergewöhnliche Gewandung zusammen. Die bunten Taschentücher, die mir Grossmutter für die Reise geschenkt hatte, spielten dabei eine zentrale Rolle. Ich band sie mir nämlich um Arme und Beine, benützte eines auch als Stirnband, und ein weiteres wickelte ich mir ums linke Ohr. Mein Gesicht entstellte ich mit unzähligen Pflästerchen aus meiner kleinen Reiseapotheke. Bunte Pillen gegen Seekrankheit, Durchfall, Verstopfung, Schlaflosigkeit und Kopfweh brachten Farbe ins Gesicht: Schweren Tränen gleich baumelten sie an den Heftpflastern. Zum Schluss rieb ich mein Haar noch mit Zuckerwasser ein, damit es in alle Himmelsrichtungen zeigte.
Man traf sich um halb neun im engen Flur vor dem grossen Festsalon, wo schon viele Passagiere Platz genommen hatten. Das kleine Orchester heizte die Stimmung an. Als ein Steward den Maskierten und Kostümierten Nummern verteilte, realisierte ich erst, dass unsere Verwandlungskünste prämiert werden sollten. Auf einen solchen Wettbewerb war ich gar nicht gefasst. Ich hatte mich schliesslich nicht mit Blick auf einen edlen Wettstreit um die beste Maske verkleidet, sondern wegen der Aussicht, im Reigen der Vergnügten mitzutanzen. Und jetzt das! Plötzlich erinnerte ich mich an Prüfungssituationen in der Schule, die für mich stets mit Bauchweh, unangenehmen Gefühlen und Versagensängsten verbunden waren. Im Spiegel der Toilette kontrollierte ich noch einmal meine Aufmachung und kam dann zum Schluss, dass ich wenig zu befürchten hätte. Im Vergleich mit den anderen langweilig Maskierten konnte ich in meiner Montur punkto Einfallsreichtums und Originalität durchaus bestehen. Das beruhigte mich einigermassen. Dann hörte ich, wie der Conférencier viersprachig unseren Auftritt ankündigte. Jede Maske musste sich in einem kurzen Solo der applaudierenden Menge präsentieren. Das Orchester untermalte mit passenden Klängen und einem wohlgesetzten Tusch die Kostümparade.
Ich war Nummer 24 und erinnere mich, wie ich mit all den flatternden Taschentüchern in den Saal rauschte in der Hoffnung auf günstige Aufnahme. Doch statt Applaus erntete ich betretenes Schweigen. Der Conférencier schaute mich entsetzt an und fragte nach einer peinlichen Pause, wen und was ich denn verkörpere. Ich zuckte verlegen mit den Achseln. Er versuchte, mir mit all seinen Sprachkenntnissen, schliesslich sogar mit ein paar Brocken auf Deutsch, eine Antwort zu entlocken. Doch ich konnte keine geben, denn ich hatte mir das während der Kostümierung gar nie überlegt. Schliesslich erwiderte ich, um der Schockstarre zu entrinnen, es sei Fantasia. Erleichtert nahm der Conférencier das Stichwort auf und schwafelte etwas von Phantasie. Ich hörte schon gar nicht mehr hin. Wie ein Häufchen Elend setzte ich mich zu den anderen Masken und nahm erst jetzt wahr, dass sich um mich herum lauter bekannte komische Figuren versammelt hatten. Neben mir sassen tollpatschige Charlots, bunte Harlekins, vollbusige Lebedamen (von Männern verkörpert), schrullige Hutzelweibchen, o-beinige Cowboys, einäugige Piraten, tapsende Seebären und andere Zirkusfiguren, wie zum Beispiel ein Indianerhäuptling. Ich war der einzige, der keine bekannte Gestalt verkörperte, offensichtlich in Unkenntnis dessen, was ein Maskenball eigentlich ist, nämlich eine Zitatensammlung.
Bald verliess ich unter irgendeinem Vorwand den Ort des Geschehens und verkroch mich in mein Kajütenbett unserer Viererkabine. Wütend riss ich meine vielen Pflästerchen vom Gesicht. Mein Schmerz war gross, ich fühlte mich von mir in Stich gelassen. Am nächsten Tag liess ich mich draussen nicht blicken. Durch das Fenster beobachtete ich, wie die Farbe des Meerwassers langsam von stahlblau zu grünblau wechselte, je mehr wir uns der Karibik näherten. Uns begleiteten jetzt fliegende Fische.
Später, es muss schon kurz vor Caracas gewesen sein, berichtete mir Jaime, dass beim Maskenball die Nummer 15 den ersten Preis erhalten habe. Der Sieger hatte einen Greis gemimt, mit etwas weissem Puder in seinem schwarzen Haar und einem biegsamen Stock. Über meine eigene Wertung schwieg sich Jaime rücksichtsvoll aus.



Dieser Text erschien zum ersten Mal in Nr. 20/1981 der Zeitschrift femina. Damals begann der erste Satz mit "Vor elf Jahren... "
   

© Nikolaus Wyss

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Sonntag, 8. Juli 2018

Terri in Cartagena 1991

Terri Orrego Cor 1991 - Die Bilder entstanden am darauffolgenden Sonntag Nachmittag - mit frischen Kleidern
Es ist Nachsaison. Es gibt mehr Schuhputzer, Zigarettenhändler und t-shirt-Verkäufer als Touristen. Sie sind entsprechend aufsässig. Ein untersetzter, dunkelblonder Junge tut sich besonders hervor. Er wagt sich an meinen Tisch heran, wo ich gerade das Abendbrot einnehme, und empfieht seine perfekten Schuhputzdienste.
Du siehst doch, dass ich Turnschuhe trage, zische ich ihm zu. Ich brauche keine Schuhwichse, sonst kommen meine Füsse nur noch mehr ins Schwitzen.
Das Leben ist hart, antwortet er darauf.
Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. Ein kleiner Lumpenphilosoph?
Ich kann Ihnen sagen, das Leben ist hart.
Das glaube ich Dir.
Schauen Sie, und er deutet auf eine Narbe ganz dicht an der Halsschlagader, vor vier Wochen haben sie mich beinahe umgebracht. Während ich schlief, kamen sie zu dritt auf mich los. Sie wollten mir meine 3000 Pesos klauen. Als ich mich wehrte, stachen sie zu.
Der Kellner hat diese Art von Begegnungen zwischen kostbarer Klientel und Pöbel nicht gern. Er kommt jetzt an meinen Tisch und knallt mit seiner Serviette in die Luft, als ob es Fliegen zu verscheuchen gelte. Der Junge weicht sofort und begibt sich wieder ins Dunkel nach draussen.
Ich bleibe noch eine Weile und bezahle dann. Als ich die Terrasse verlasse, ist der Junge wieder da. Er sucht jetzt den Kontakt übers Gespräch und lässt seine Dienste bleiben. Was er erzählt, sind Schnappschüsse seines jungen Lebens. Pro Tatbestand braucht er nicht mehr als einen Satz.
Ich komme aus Medellin. Ich bin 17. Ich bin vor drei Jahren von Zuhause weggelaufen. Meinen Vater kenne ich nicht. Meine Mutter ist Trinkerin. Sie schlug mich immer und immer wieder. Sie wohnt jetzt mit einem anderen zusammen. Ich mag ihn nicht. Deshalb bin ich abgehauen. Ich bin kein Gassenjunge. Ich bin anständig. Seit sie mich umbringen wollten, wohne ich in einem Hotel an der Halbmondstrasse. Wir sind zu fünft in einem Zimmer. Ich bezahle 800 Pesos die Nacht. Ich dusche mich täglich. Fürs Essen reicht es nicht immer. Das Leben ist hart.
Was mich an diesem Burschen zunehmend gefangen nimmt, ist sein strahlendes Gesicht. Beim Erzählen eines solchen Schicksals erwarte ich eine bedrückte, traurige Miene.
Du erzählst deine Geschichte wohl nicht zum ersten Mal, entweicht es mir.
Nein, aber sie ist trotzdem wahr. - Was esst Ihr in Europa? Gibt es Hühnchen, Pommes frites? Arepas?
Arepas, diese gebratenen Maisfladen, kennen wir nicht, und das Fleisch ist bei uns im allgemeinen sehr viel teurer als hier.
Wieviel verdienen Sie?
Das ist etwas schwierig umzurechnen. Weisst du, die Lebenshaltungskosten sind bei uns um ein Vielfaches...
Der Junge unterbricht mich und bedeutet mir, dass er hinter den Ohren nicht grün sei. Er habe schon einiges auf dieser Welt gesehen.
Ich kenne Kolumbien sehr gut. Ich war schon in Bogotá, Cali, Bucaramanga. Wenn die Polizei hinter mir her ist, so muss ich die Stadt wechseln. Sonst würden sie mich aufgreifen und wieder in ein Heim stecken. Ich habe keine Papiere. Deshalb gelte ich für sie als Vagabund. Aber ich kann lesen und schreiben. nach Puerto Rico habe ich es auch schon gebracht.
In Puerto Rico warst du?
Si señor. Ich habe mich auf ein Schiff geschlichen. Bei der Landung in San Juan haben sie mich entdeckt und zurückbefördert. Doch jetzt weiss ich, wie die Sache läuft. Das nächste Mal klappt er bestimmt.
In der Zwischenzeit sind wir auf unserem langsamen Spaziergang am Strand angekommen. Dort lockt ein kühles Lüftchen zum Verweilen. Es ist ziemlich dunkel. Ich überlege mir, ob unter dem Schuhputzzeug irgendwo ein Messer steckt, bereit, um meinen Hals aufzuschlitzen. 
Ich frage ihn nach seinem Namen.
Terri, schiesst er hervor, Terri Orrego Cor. Soll ich ihn Ihnen aufschreiben?
Jetzt wage ich mich etwas mehr ins Dunkel vor. Terri, rund drei Köpfe kleiner als ich, weicht nicht von meiner Seite. Er erzählt und erzählt, lässt mich seine kräftigen Armmuskeln ertasten und sagt, er glaube an Gott.
Du bist ein feiner Junge, sage ich.
Ich weiss, antwortet er. Wenn ich etwas mehr Geld auf der Seite habe, und wenn man es mir bis dann nicht weggenommen hat, ojala, hoffentlich, so gehe ich als Zigarettenverkäufer. Damit verdient man mehr. Und dann will ich vielleicht nochmals zur Schule.
Terri entfacht in mir väterliche Gefühle. Ich sehe ihn schon, wie er sich als Zigarettenverkäufer tüchtig emporschafft. Die erste Stange Zigaretten möchte ich ihm spendieren. Ich lenke meine Schritte zurück in die Nähe der Strassencafés. Er soll etwas Warmes zu essen bekommen.
Nicht hier, lehnt Terri meinen Vorschlag ab. Hier werfen sie mich raus.
Schliesslich landen wir in einem Schnellimbiss, und Terri beisst genüsslich in seinen Hamburger. Nach der Hälfte wird ihm schlecht.
Ich bin mir so etwas Feines nicht gewohnt.  
Draussen schleichen seine Schuhputzkollegen herum. Ich glaube, Terri ist das unangenehm. Er will um Gottes Willen keinen Neid erregen, das könnte für ihn tödlich sein. 
Während er mit seiner Übelkeit kämpft, verschwinde ich auf die Toilette und klaube mir aus meinem Gürtel Geld für Terris Zigaretten hervor.
Hier. Ich mache Anstalten für die Transaktion.
Nicht hier, stoppt mich Terri. Er will mich zu meinem Hotel begleiten. Der Weg führt wieder am Strand vorbei. Dort findet die Übergabe statt. Er rollt die Noten eng zusammen, küsst sie, murmelt ein kurzes Dankesgebet und bittet Gott, mich zu segnen. Dann schiebt er das Geld in die Lasche seiner arg mitgenommenen Turnschuhe.
Hasta luego, auf Wiedersehen sagt er hastig und entschwindet in der Dunkelheit. Von weitem ruft er noch: Morgen wird es etwas später. Ich muss meine Kleider waschen, damit ich für den Sonntag etwas Frisches zum Anziehen habe.
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Dieser Text, der Titel zeigt es, entstand 1991 unter dem Eindruck eines Besuches von Cartagena. Mittlerweile sind 27 Jahre vergangen. Ich bin seither, ausser am darauffolgenden Sonntag, wo die Fotos entstanden sind, Terri nie mehr begegnet. Was ist wohl aus ihm geworden? Vielleicht lebt er, wenn er noch lebt, in Puerto Rico? Oder vielleicht sogar in den Vereinigten Staaten? Oder würde ich ihn, sichtlich gealtert, bei meinem nächsten Besuch in Cartagena wieder antreffen?- Und: würde er mich wiedererkennen?

© Nikolaus Wyss

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Dienstag, 26. Juni 2018

Rigoletto im Puppenhaus

Bernhard Vogelsanger (1920-1995)
(alle Bilder von Emanuel Ammon, kopiert aus dem Magazin des Tages-Anzeigers)

Mein Text über den Schwamendinger Opernhausdirektor Bernhard Vogelsanger erschien erstmals am 26./27. August 1988 im Magazin des Tages-Anzeigers. Damals lebte Vogelsanger noch und erlebte mit dieser Publikation eine gewisse Berühmtheit, die ihn etwas überforderte. Zu viele Besucherinnen und Besucher wollten jetzt seine Inszenierungen sehen, dabei dachte er altershalber schon darüber nach, seine Aufführungen einzustellen. - Gegenwärtig findet in der Galerie Tenne in Zürich-Schwamendingen eine Ausstellung über Vogelsangers kunstvoll-wunderliche Opernwelt statt. Aus diesem Anlass und in Erinnerung an diesen speziellen Menschen publiziere ich hier nochmals den Text von damals.  

»Zur Sicherung des Familienbesitzstandes soll die Schwester des machthungrigen Lord Henry Ashton, Lucia di Lammermoor, eine Zweckheirat mit dem einflussreichen Lord Arthur eingehen. Doch diese liebt Edgar von Rawenswood, ausgerechnet den ärgsten Feind ihres Bruders, worauf letzterer sich gezwungen sieht, intrigantisch einen Keil zwischen die Liebenden zu treiben, was ihm auch vorzüglich gelingt, denn enttäuscht wendet sich jetzt Edgar ab, worauf es zur vom Bruder geplanten Hochzeit kommt. Diese endet jedoch im Blutbad, denn Lucia bringt in ihrem Schmerz den ungeliebten Bräutigam um und endet selber mit einer herrlichen Arie im Wahnsinn.
In Bernhard Vogelsangers Inszenierung der berühmten Donizetti-Oper in 3 Akten singt Maria Callas in einer Aufnahme aus dem Jahre 1955 die Lucia di Lammermoor. Die Schallplatten haben schon etwas Staub angesetzt, und der Plattenspieler ist ein Grammophon. Doch was will man sagen: Der Eintritt ins wohl kleinste Opernhaus der Welt ist gratis. Es befindet sich im zweiten Stock eines Hauses in Zürich-Schwamendingen. Im Kinderzimmer einer engen Genossenschaftswohnung wird seit 40 Jahren Saison für Saison an Samstagen fast das gesamte Repertoire der klassischen Oper und Operette gespielt. Das Theater weist acht Sitzplätze auf, die Bühne ist so gross wie eine Schuhschachtel, und in den Pausen werden Wein, Mineralwasser und gestrichene Brötchen serviert.
Die grössten Dramen von Liebe, Leidenschaften und Tod finden hier ihren miniaturisierten Ausdruck in sieben Zentimeter grossen, liebevoll bemalten, gelenkigen Pappfiguren, die Vogelsanger, diesmal in der Funktion eines Bühnenmeisters, an feinen Drähten über die Bühne führt. Alle Stürme, Kriege, Ängste, Sehn- und Eifersüchte, alle Mörder, Liebenden, Nebenbuhler, Kammerdiener und Götter sind so weit auf Guckkastenformat reduziert, dass sie für einen einzigen Mann beherrschbar werden. Eigentlich wäre er gern zur richtigen Oper gegangen, in diesen extrem arbeitsteiligen Betrieb, in welchem er zur Schaffung eines Gesamtkunstwerkes sowohl Trompeter, Geiger und Dirigenten als auch Sänger, Statisten und Beleuchter, sowohl Garderobieren als auch Regisseure braucht. Er sah sich darin als Bühnenbildner. Das war für ihn klar, seit er in der 3. Sek mit seiner Oerliker Schulklasse in der Zürcher Oper, Stadttheater damals noch, Giuseppe Verdis Simone Boccanegra sah. Doch als er sich nach Ausbildungsmöglichkeiten erkundigte, gab man ihm, dem mittellosen Handwerkersohn, abschlägigen Bescheid. Eine Kunstakademie wäre das Mindeste gewesen, was er hätte besuchen müssen. So musste er sich eine Künstlerkarriere aus dem Kopf schlagen, doch die Oper liess er sich nicht nehmen.
Bernhard Vogelsanger lernte im Warenhaus Globus Dekorateur und ging fleissig in Opernvorstellungen. Als dann das Stadttheater 1941 Zuzüger für einen Extrachor suchte, meldete er sich als Tenor und wurde aufgenommen. Das sei für ihn die glücklichste Zeit gewesen, gesteht er. Während draussen auf den Strassen Kriegsverdunkelung herrschte und manch einer nachts in einen unbeleuchteten Laternenpfahl rannte - auch Vogelsanger ereilte dieses Missgeschick -, herrschte drinnen auf der Bühne die scheinwerferhelle, glitzernde Welt von Macht und Schicksal. Er sang bei Tannhäuser, bei Carmina Burana und beim Zigeunerbaron mit.
Am meisten interessierten ihn die Ausstattungen. Er begann, angeregt durch seine Mitwirkung im Chor und seine Begegnung mit dem damaligen Bühnenbildner Roland Clemens, bei sich zu Hause alte Schuhschachteln zu sammeln und aus deren Karton Bühnenprospekte und Figuren auszuschneiden. So kam mit der Zeit ein ganzer Fundus von Säulengängen, Sternenhimmeln, Treppen, Kelchen, Drehbühnen und Schleiertänzerinnen zusammen.
Als er dann Ende der 40er Jahre zusammen mit seiner Mutter nach Schwamendingen umzog, bekam sein Hobby einen eigenen Raum. Die Wände legte er mit rotem Kreppapier aus, und in der Mitte zog er einen schwarzen Vorbau. Dahinter richtete er sich eine Bühne ganz nach seinen Bedürfnissen ein, einen Arbeitsplatz, wo er mit einer Hand den Plattenspieler bediente und mit der anderen Taschenlampen und Beleuchtungstableau, mit der dritten den Chor und mit der vierten die Solisten, mit der fünften weitere Auftritte in Stellung bringt, und mit der sechsten den Vorhang zieht.  
Ein gestelltes Bild aus Tosca, 1. Akt, denn Vogelsangers Figurenführung mit feinen Drähten bleibt dem Zuschauer normalerweise verborgen.
Dass dabei während einer langen Aufführung einmal eine Figur hängen bleibt und eine andere mitten im tragischsten Augenblick vielleicht etwas gar auffällig zuckelt, weil der ins Schwitzen geratene Operndirektor in der Hitze des Gefechts an die feinen Drähte stösst, ist nicht weiter verwunderlich. Man kann sagen, es gehöre zum Charme dieser Art von Theatererlebnis, bei welchem die Zuschauer nicht allein vom Verlauf der Handlung und von der Schönheit der Arien gerührt sind, sondern ebenso vom Einsatz dieses Mannes, der sich so ganz seiner Mini-Oper verschrieben und darin eine kaum zu überbietende Sachkenntnis und Meisterschaft erlangt hat.
Das Publikum von Vogelsangers Lucia di Lammermoor zum Beispiel kommt in den Genuss einer Aufführung, wie sie an anderen Häusern kaum mehr geboten wird. Wo noch wird die Turmszene überhaupt gespielt, in welcher sich Ashton und Edgar in einem bravourösen Duett ihre Feindschaft bestätigen? Nicht einmal auf jener Callas-Einspielung ist sie zu finden. Vogelsanger aber reicht sie mittels einer anderen Aufnahme aus seinen 4000 Schallplatten umfassenden Diskothek nach. Dort singen Giuseppe di Stefano und Roland Panorai. 

Von einigen Opern existieren bis zu sechs Bühnenfassungen. Dabei haben es moderne, nüchtern gehaltene Inszenierungen beim Publikum schwerer als konventionelle, reichhaltige Puppenstubenausstattungen, bei denen es Akt für Akt viel zu entdecken gibt. Für Bühnenbildner Vogelsanger bedeutet dies aber auch Mehrarbeit, denn jede Figur, jedes Möbelstück, jedes Pferd, jeder Kronleuchter und jede Tapete will schliesslich individuell angefertigt werden. Und da in der Wohnung extremer Platzmangel herrscht, müssen überdies zur raumsparenden Lagerung die Bühnenprospekte zusammenfaltbar sein.
Als Vogelsanger mit seiner Opernarbeit begann, existierten erst die 78er Schellack-Schallplatten. Da spielte er nur die Highlights, denn ganze Aufführungen mit zwanzig oder noch mehr Scherben waren einfach nicht zu leisten und zudem viel zu teuer für den Dekorateur. So sang er damals oft dazu, wenn er mit dem Wechseln der Platten nicht mehr nachkam, oder wenn es einzelne Szenen zu überbrücken galt. Seit dem Siegeszug der Langspielplatte jedoch sucht der Intendant die Einhaltung von Werktreue und Vollständigkeit, was für den unterhaltungssüchtigen Zuschauer ein erhebliches Mehr an Aufmerksamkeit und Ausdauer bedeutet. Doch die meisten wissen ja, was sie erwartet, es sind Habitués, die sich das exklusive Vergnügen leisten, auf Vogelsangers Adressliste zu figurieren und angerufen zu werden, wenn das Stück ihrer Wahl wieder einmal auf dem Spielplan steht.

Die Oper über das Schicksal von Bernhard Vogelsanger muss erst noch geschrieben werden. Vielleicht wird sie eine Art Rigoletto mit gutem Ausgang, die Geschichte eines kleinen Narren, der sich der grossen, menschenfressenden Welt entzog, und dessen Tochter, die Oper, entsprechend kleinwüchsig blieb und deshalb vom leichtlebigen Herzog von Mantua auch nicht begehrt wurde, mit allen wunderbaren Konsequenzen, die sich daraus ergeben, denn die Tochter bleibt am Leben, während sie beim tragischen Rigoletto umgebracht wird, versehentlich zwar, aber vom eigenen Vater.
Für den allfälligen Librettisten und Komponisten wichtig zu wissen ist der Umstand, dass auch Vogelsangers tägliches Leben ein erheblicher Inszenierungsgrad durchzieht. Er ist wohl der bunteste Vogel, der in der Migros Schwamendingen einkaufen geht: mit grellfarbenem Pink-Floyd-T-Shirt, mit ACDC-Lederjacke, Stiefeln, oder mit einem Jeans-Outfit, an welchem eine grosse Rolling-Stones-Zunge angenäht ist. Seine Hände schmückt er mit dicken Ringen. Und in seiner Plattensammlung fehlen keineswegs Elvis Presley, Rod Steward, Black Sabbath, überhaupt Heavy-Metal-Lärm.
Und wenn dann zwischen den einzelnen Akten Vogelsanger vor die Bühne tritt und seinen Gästen wort- und kenntnisreich die nächsten Szenen erklärt, so vermischen sich Opernstoff und Wirklichkeit vollends. In der Hauptrolle spielt Vogelsanger sich selbst, und er ist Lucia di Lammermoor und Rigoletto ebenso wie deren billig-kunstvollen Pappversionen, die auf dieser Minibühne herumzuckeln. Welch eine Summe von Rollen, welch eine Welt dort oben im zweiten Stock.« 

© Nikolaus Wyss

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Freitag, 15. Juni 2018

Vater lebt

Rechtsanwalt Dr. Emil Bösch

Heute, am 15. Juni 2018, bekomme ich eine E-Mail mit obiger Fotografie meines Vaters. Absenderin ist A., die Tochter der ehemaligen Lebenspartnerin meines Vaters. Sie wohnt auf der griechischen Insel Hydra, dort, wo mein Vater seinen Lebensabend verbracht hatte und wo wohl auch diese Aufnahme entstanden ist. Ich kannte sie bislang nicht.
Wieso bekomme ich ausgerechnet heute diese Post?, fragte ich mich und erhoffte mir aus den wenigen Einträgen zu meinem Vater auf Wikipedia neue Erkenntnisse. Und wirklich. Da stand, dass heute sein Todestag sei. Jawohl, jetzt erinnere ich mich. Er war am 15. Juni 1992 gestorben.
Umgehend schrieb ich zurück und dankte A. Es sei doch schön, dass sie daran gedacht habe, worauf sie mir zurückschrieb:
Du, ich hatte keine Ahnung, wann Emil gestorben ist.
Habe einfach heute besonders an ihn gedacht.
Das ist kein Zufall! Energien! Unglaublich!
Vater lebt also, macht sich vom Himmel her bemerkbar und hält A. für das richtige Medium, mir an diesem speziellen Tag einen Gruss zukommen zu lassen. Gerne grüsse ich zurück. Es ist der Moment, seiner zu gedenken.
Als er starb, hatte ich weder Anrecht noch Lust, mir aus seinem Nachlass etwas mitzunehmen. Ich war schliesslich ein illegitimes Kind, wie so ein Wesen nach altem Familienrecht genannt wurde, und deshalb nicht erbberechtigt. Ich kam in seinem Testament auch nicht vor. Mich beschäftigte dies in meinen eigenen Verstrickungen nicht weiter. Einzig seinen Ring, den man auf dem Bild deutlich sieht, den hätte ich als Andenken gerne gehabt. Da war aber seine Lebenspartnerin B., die sich in seinen letzten Lebensjahren in aufopfernder und rührender Weise um ihn gekümmert hatte. Tag und Nacht. Und als ich sah, dass sie nach Vaters Tod diesen Ring an ihrer Hand trug, hielt ich dies für durchaus angemessen.
20 Jahre später besuchte ich B., die weiterhin in Griechenland lebte. Sie war mittlerweile 90, und ich dachte insgeheim, es sei wohl das letzte Mal, dass wir uns sehen würden. Wir verbrachten schöne Momente zusammen und tauschten viele Erinnerungen an meinen Vater aus. Sie erzählte Begebenheiten über ihn, die ich nicht wissen konnte, und ich freute mich, zusammen mit ihr ein wohlwollendes, liebenswertes und von Dankbarkeit geprägtes Bild meines Vaters zu zeichnen.
Beim Tee schliesslich beobachtete sie mich, wie ich einem billigen Plastikdöschen aus dem Warenhaus meine Herzpillen entnahm. Da erhob sie sich und ging ins Hinterzimmer, um nach einigen Augenblicken mit einem schönen Silberdöschen zurückzukommen, auf dem die schwungvollen Lettern E. B. eingraviert waren, die Initialen meines Vaters. Sie schenkte es mir, worauf ich in Tränen ausbrach. Als sie sah, wie sehr mich dieses unverhoffte Geschenk berührte, erhob sie sich noch einmal und kam wenig später mit dem Ring zurück, den sie mir ebenfalls übergab. Die Erschütterung, die dies bei mir auslöste, führte mir deutlich vor Augen, welche Bedeutung mein Vater in der ganzen Zeit seiner Abwesenheit, über seinen Tod hinaus, für mich hatte.
Der Ring übrigens zeigt auf dem erhöhten Feld in der Mitte ein Tier mit abgewandtem, erhobenem Kopf, das beobachtend in die Ferne guckt. Es könnte ein Hund sein oder eine Löwin. Dort ist auch der vollständige Name meines Vaters eingraviert: Emil Nikolaus Bösch. Seitwärts, als Band rund herum, kann man einen Satz des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli entziffern: Nit fürchten ist der Harnisch.
In der Zwischenzeit ist Vaters Lebenspartnerin B. gestorben. Ich aber trage den Ring mit Stolz und Freude und erinnere mich gerne, gerade am heutigen Tag, an meinen Vater zurück.

© Nikolaus Wyss

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