Dienstag, 3. Oktober 2017

Wieder in Bogotá

Nächtliche Taxifahrt bei offenen Fenstern...

Da kommst du nach einer überlangen Flugreise, deren Unterhaltungswert insofern Erwähnung verdient, als sich die Toiletten der Business Class in Sichtweite der Economy-Passagiere befinden, während diejenigen der Letzteren meilenweit hinten im Flugzeugrumpf installiert sind, was zur Folge hat, dass die Passagiere der Holzklasse in ihrer Dringlichkeit lieber nach vorne streben und so den besser bezahlenden Vornesitzenden deren WCs besetzen, was je nach Laune des Kabinenpersonals Belehrungen und Rückweisungen zur Folge hat, du kommst also übernächtigt und mit Mundgeruch am Flughafen von Bogotá an, fröstelst nicht nur wegen des rauen Klimas hier, sondern auch aus Übermüdung, und steigst nach langem Warten vor der Pass- und Zollkontrolle und nach der ultimativen Gepäckdurchleuchtung, deren Sinn mir bis heute noch nicht einleuchtet, denn die Kontrolleure schauen kaum auf den Bildschirm, endlich in ein Taxi. Die rolos, so nennt man die Einheimischen hier, frieren auch bei frostigen Temperaturen nicht, und um dies den Ankömmling spüren zu lassen, halten die heissblütigen Taxichauffeure aus Prinzip ihre Fenster auch bei höherem Tempo ganz offen und unterstreichen ihre Furchtlosigkeit gegenüber der Kälte zusätzlich mit dem Tragen von dünnen Leibchen oder Kurzarmhemden. Das ist also mein Bogotá, voll von Temperatur-Heroen, und ich komme mir schon sehr verweichlicht vor, den Fahrer zu bitten, die Fenster auf einen Spaltbreit zu schliessen. Um meinen Imageschaden in Grenzen zu halten, beginne ich eine Konversation übers Wetter. Ob es denn die letzten Tage geregnet habe, frage ich, obwohl ich weiss, dass es in der Geschichte dieser grossen Stadt auf 2600 Metern über Meer wohl noch kaum je einen Tag gegeben hat, wo der Himmel nicht irgendwo Wasser gelassen hätte.
Dann auf der Fahrt die Feststellung, dass alles noch gleich ist. Die Kleinbusse stossen mehr denn je ihre dreckigen Abgase in die Luft und erbringen so den rollenden Beweis, dass es hier nach Korruption stinkt. Das Gesetz sieht nämlich durchaus vor, dass die Fahrzeuge regelmässig einem Abgastest unterzogen werden. Den Stempel zur Weiterfahrt bekommen sie aber mittels einer kleinen Aufmerksamkeit gegenüber den Beamten und sicher nicht aufgrund der Testergebnisse.
Nein, nicht alles ist gleich seit meiner Abreise vor zwei Monaten. Die Strassen weisen weniger Löcher auf, zumindest auf den grossen Avenidas. Papst Franziskus sei Dank. Für seinen Besuch vor ein paar Wochen scheint die Stadt sich herausgeputzt und die ärgsten Schlaglöcher beseitigt zu haben. Die Ankunft seiner Heiligkeit verpasste ich, profitiere aber noch von deren Spuren. An den öffentlichen Messen hätten unglaublich viele Leute teilgenommen, erzählt der Taxichauffeur, aus allen Landesteilen seien sie in die Stadt geströmt. Una grande fiesta, wohl unserer Street Parade vergleichbar, was die Massen angeht. Seither schwebt ein feiner, doch leider kaum mehr wahrnehmbarer Heiligenschein über Santa Fé de Bogotá. Möge er alle Probleme mit einer Lösung segnen. Seit 60 Jahren zum Beispiel spricht man hier vom Bau einer Stadtbahn, einer Metro. Jede Regierung versprach sie und biss sich daran die Zähne aus. Kein Meter wurde je gebaut. Nächstens sind Wahlen. Friedenspräsident Juan Manuel Santos tritt ab. Und womit bewerben sich die hoffnungsvollen Kandidaten? Sie klauben die verstaubten Pläne dieser Metro hervor und fordern einmal mehr den Bau derselben, wobei es immer noch nicht klar scheint, welche Streckenabschnitte überhaupt oberirdisch und welche unter dem Boden verlaufen sollen. Niemand nimmt das mehr ernst. Es scheint, dass es sich in Bogotá mit dem ruinierten Ruf einer Metropole ungenierter lebe.
So bin ich also angekommen und lege zur Vorbereitung des folgenden Tages dicke Socken und einen Pullover bereit. Doch schon morgens um zwei ziehe ich sie mir über. Ich kann nicht schlafen. Die Zeitverschiebung tut ihr Werk. So spiele ich halt Solitaire im Bett.

© Nikolaus Wyss

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Freitag, 29. September 2017

Zürich Ende September: eine Zuspitzung



Nach satter Asienreise in Zürich zwischengelandet. Es stellt sich ein Gefühl zur Stadt ein, das sich weder mit fremd noch mit bestens bekannt bezeichnen lässt. Wie Stopovers halt so sind. Man ist noch nicht ganz da – und schon wieder weg. Ich warte die ganze Zeit auf den Augenblick, dass mir das weh tut. In meiner Heimatstadt. Eben bin ich auf Bali noch den schmalen Strassenrändern entlang herumgeturnt, um den Autos keine Gelegenheit zu geben, mich umzufahren. Kaum eine Woche ist es her, dass ich in einem Shoppingcenter in Schanghai durchs Schaufenster der Confiserie Teuscher lugte, um mit einer gewissen Befriedigung festzustellen, dass sie dort mit etwas weniger Papierrüschen und Rosetten auskommt als im Hauptgeschäft hier in Zürich. Dem Bund entlang teilte ich abends mit Millionen Chinesen die Freude an der grossartigen Stadtaussicht. Überall wurden Hochzeitsfotos geschossen mit dem Lichtermeer von Pudong im Hintergrund. In Hongkong schliesslich spielte uns der Morgendunst einen Streich und vereitelte den Blick hinüber nach Kowloon. Auf dem Markt kauften wir dann einen Wackeldackel. Als Spardose gedacht, schüttelt sich das Viech, wenn man eine Münze auf den Fressnapf legt. Batteriebetrieben. Eben noch haben wir mit dem Schiff den gewaltigen Mekong bereist und im Méridien in Chiang Mai an einer Weindegustation teilgenommen. In Bangkok liess ich mir die Zähne professionell reinigen, und schliesslich staunte ich dort, was sie in ihren Museen unter moderner Kunst verstehen. Im Übrigen waren die Vorbereitungen zu den Trauerzeremonien für den verstorbenen König allgegenwärtig. Im Oktober wird deswegen die Stadt für einige Wochen lahmgelegt.
Überall war ich der Fremde, herzlich aufgenommen und mit Angeboten bedacht: mit Massagen, massgeschneiderten Anzügen, Essen, Souvenirs, T-Shirts und Ausflügen zu Wasserfällen und Riverraftings. Hier in meiner Heimatstadt jedoch bin ich als Fremder nicht zu erkennen. Die Angebote bleiben entsprechend aus. Von mir wird erwartet, dass ich in der Aufführung des Stückes, das Zürich heisst, den Einheimischen spiele. Das ist auch richtig so. Schliesslich kenne ich die Gassen, Strassen und Plätze alle. Doch die Menschen, die in Zürich die Rolle der Einheimischen spielen, kommen mir eigenartig fremd vor. Welcher Regisseur hat ihnen die Anweisung gegeben, ihre Selbstgefälligkeit so zur Schau zu stellen? War ich als Zürcher auch so und hatte seinerzeit diese Attitüde einfach so verinnerlicht, dass sie mir gar nicht mehr auffiel? Jetzt aber frappiert sie mich, diese Schamlosigkeit dem Rest der Welt gegenüber, dieser arrogante Anspruch auf Privilegien und Luxus. Diese Rechtfertigung, dass man sich doch sonst nichts gönne, als ob man sich als Zürcher je etwas nicht gegönnt hätte. Dieses Zu-wissen-Meinen, was rechtens ist und was zu geringschätzen. Man führt sich selbst spazieren in der felsenfesten Überzeugung, dass alle anderen Arschlöcher sind. Die Politiker, die Beamten, die Andersdenkenden, die Polizisten, das Schweizer Fernsehen, die EU, die Impfzwangbefürworter ... Und jetzt, wo sich Roger Federer zur Eröffnung des hiesigen Filmfestivals einfindet, sowieso. Heissa, das Stück sollte eigentlich nicht Zürich heissen, sondern Der Nabel der Welt. Je mehr Näbel dieser Welt einer allerdings gesehen hat, umso lächerlicher kommt ihm die unbescheidene Zürcher Aufführung vor. Dabei reisen wir Zürcher doch gern. Es scheint, dass wir dabei anderes, zuweilen auch wesentlich Besseres und Fortschrittlicheres in anderen Weltnäbeln gar nicht zur Kenntnis nehmen oder sofort nach der Rückkehr in heimatliche Gefilde wieder vergessen im Irrglauben, dass Zürich alles neutralisiert, was anderswo eine gute Figur macht, weil hier sowieso die beste aller Welten herrscht.
 
 

Montag, 25. September 2017

Bali am 25. September 2017 abends um sechs



Es ist hier wie die Exposition eines Romans. Anfangs ist alles ruhig. Nichts deutet darauf hin, dass auf Seite 39 ein Unheil hereinbricht. Am Anfang gibt sich der Autor den Raum, die Schönheit der Landschaft und die Liebenswürdigkeit der Einwohner zu preisen – trotz übermässigen Anteils an Touristen und trotz der dadurch verursachten Verkehrsengpässe. Auf Seite 11 fallen dann plötzlich die zahlreichen Busse auf, die polizeilich eskortiert Richtung Süden brettern. Darin sitzen keine Touristen, man erkennt vielmehr Einheimische mit Sack und Pack. Was soll das bloss? Langsam wird Spannung aufgebaut, die Geschichte gewinnt an Fahrt. Jetzt rücken die Jungs mit ihren schönen Sarongs ins Blickfeld, die gruppenweise und mit umgehängten Gitarren die Läden abklappern und die Autos zum Stehen bringen. Sie singen und bitten um Gaben. Wofür? Auf den Schachteln mit einem Schlitz im Deckel, die sie einem hinhalten, steht in holprigem Englisch: Für die aus dem Gefahrengebiet des Vulkans Evakuierten. Mittlerweile sollen es bereits 50 000 Balinesinnen und Balinesen sein, die in Schutzräumen Zuflucht gefunden haben. Dann glaubt man plötzlich zu spüren, wie die Erde in unregelmässigen Abständen erzittert und die ungenau gefassten Fensterscheiben unseres Bungalows zum Klirren bringt. Auf Seite 23 fällt zeitweilig das Internet aus, wo wir uns doch gerade über die Lage auf unserer Insel erkundigen wollten. Die Netzwerkverbindung funktioniert dann nach einer Weile wieder, und wir können jetzt lesen, dass Australien, China und andere Länder für Bali Reisewarnungen ausgegeben haben. Der Vulkan Agung stehe unmittelbar vor dem Ausbruch. Das letzte Mal, im Jahre 1963, hatte er über 1300 Menschen getötet.
Noch haben wir die Wahl. Entweder beunruhigen wir uns und versuchen, den für den Folgetag geplanten Wegflug auf den Abend vorzuziehen. Oder wir drehen im Swimmingpool noch ein paar Runden und beschliessen, wo wir das letzte Abendmahl einnehmen wollen. Unser Resort ist, so erfahren wir auf Seite 27, gut gerüstet. Nicht nur, dass es sich ausserhalb der unmittelbaren Gefahrenzone befindet, es stehen auch 300 Gasmasken bereit, um sie im Ernstfall an Gäste und das Personal zu verteilen. Die Kaderangestellten üben hinter verschlossenen Türen das Aufsetzen derselben. Im Backoffice und in den Vorratskammern der Küche lagern für den Notfall Tausende von Litern Wasser und Fertigsuppen. Das Personal verzieht sich gruppenweise in Räume, wo es Evakuierungsszenarien durchnimmt. Alle lächeln. Momentan ist mir unklar, auf welcher Seite wir uns befinden. Die 33. dürfte bereits überschritten sein. Die Hunde bellen über Gebühr. Es regnet. Wir beschliessen, die Mahlzeit im Hotel einzunehmen.
  
 

Freitag, 4. August 2017

Aus: "Meine Tochter zeichnet gern"

Rektor Wyss um ca. 2000 im "Maschinenraum" der Kunsti an der Rössligasse, Luzern.
Foto: ©Emanuel Ammon, Aura 

Das ist der Anfang eines Manuskripts über meine Erfahrungen als Rektor einer Kunsthochschule. Ich habe es zum letzten Mal vor fünf Jahren in den Händen gehabt und mache mich gerade jetzt daran, es wieder einmal zu lesen, zu verbessern und es eventuell zur Publikationsreife zu bringen. Das erste Kapitel hat die Form einer Email-Korrespondenz. Hier ein Ausschnitt:


Sehr geehrter Herr Rektor. Meine Tochter zeichnet gern. Darf ich sie an Ihrer Kunstschule anmelden? 
Sehr geehrter Herr M. – Wie alt ist denn Ihre Tochter? Braucht sie noch Ihre Unterschrift, weil sie minderjährig ist? Oder ist sie behindert? Oder wollen Sie sie einfach mit Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft fördern und ermutigen, weil sie selber noch nicht so genau weiss, was sie aus ihrem Leben machen will? – Ich hoffe, Sie lesen aus meinen Fragen, was ich meine. Ich halte nicht viel von Ihrer Absicht, Ihre Tochter an einer Kunstschule anzumelden, und schon gar nicht an unserer. Sollte für Ihre Tochter tatsächlich eine künstlerische Ausbildung in Frage kommen, so muss sie den Weg dorthin schon alleine finden und sich einem Aufnahme-Verfahren stellen, wo sich sehr bald herausstellen wird, ob sie Talent hat. 
Sehr geehrter Herr Rektor – Ihre ruppige Antwort überrascht und erstaunt mich. Ich habe Sie schon an Vernissagen reden gehört, und einmal wohnte ich einer Diplomübergabe bei, als eine Nichte von mir bei Ihnen abgeschlossen hat. Dort gewann ich den Eindruck, dass Sie ein netter und fürsorglicher Schulleiter sind und nicht so abweisend und despektierlich, wie Ihre Antwort jetzt den Anschein erweckt. Meine Tochter ist weder behindert noch minderjährig, sie kann einzig ihr Talent noch nicht richtig einschätzen und überlegt sich, ob es für ein Kunststudium reicht, oder ob sie vielleicht zuerst Lehrerin werden soll. Was ist daran so schlecht? Ich denke, Zweifel, die es zu überwinden gilt, sind doch allemal ein besserer Ratgeber als Selbstüberschätzung, bei welcher man früher oder später auf die Nase fällt. 
Sehr geehrter Herr M.  –  Gestatten Sie, dass ich unterscheide. Der Lehrberuf auf der einen Seite beschäftigt sich mit der Sozialisation junger Menschen durch Vermittlung eines staatlich approbierten Lehrplanes. Kinder bekommen im Laufe ihrer Jugendjahre einen Rucksack voller nützlicher Dinge eingepackt. Dieser soll ihnen am Ende der Schulzeit ermöglichen, auf anständige, sinnvolle und beruflich erfolgreiche Art durchs Leben zu gehen. Man lernt in der Schule, was man darf und was man besser unterlassen soll. Man lernt rechnen und schreiben und lernt somit unterscheiden, was richtig und was falsch, was normal und was abnormal ist (wenn man einmal davon absieht, dass in der Quantenphysik 2+2=4 nicht mehr unbedingt stimmt).
Das Gegenprogramm zum schulobligatorischen Wertekanon pflegen wir bei uns. Hier wird das Gegen-den-Strom-Schwimmen geübt. Bei uns gehört das Über-die-Stränge-Hauen mit dem Risiko, dabei auf die Nase zu fallen, zum Pflichtprogramm. Bei uns bewegt man sich auf der Achse zwischen Selbstüberschätzung und Scheitern. Die Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern erfolgt präzis dieser Linie entlang. Wir nehmen die, bei denen wir ein kreatives Potential vermuten und die auch den Mut und die Kraft aufbringen, zu scheitern.
In Volksschulen und Gymnasien beherrscht das Strafmass, das denjenigen blüht, die über die Stränge hauen oder morgens zu spät kommen, die Diskussionen in den Lehrerzimmern. Wir hingegen machen uns Sorgen um Studierende, welche sich keinen Ausrutscher leisten wollen, welche im Anstand verpackt bleiben und nichts, was interessieren könnte, hervorbringen.
Ihre Tochter ist also gut beraten bei ihrer Berufswahl zu überprüfen, ob sie sich in erzieherischen Fragen gern und leidenschaftlich einbringt, oder ob sie den Weg der Ungewissheit beschreiten will. Scheitern können beide Wege. Pädagogisches Bemühen ist ebenso Sisyphus-Arbeit, welche in ein Burn-out münden kann, wie künstlerisches Bemühen, das immer wieder genug Raum für Sinnkrisen gewährt.
Zweifel ist inhärenter Bestandteil eines Künstlerdaseins. Der Zweifel befindet sich in der Hierarchie der Gefühle nicht als Katastrophe ganz zuoberst, sondern auf einer alltäglicheren Ebene. Wir nennen den Zweifel auch nicht unbedingt so. Begriffe wie Widerborstigkeit, Widerstand, Infragestellung und Eigensinn treffen das, was wir einverlangen, besser. Darin ist der Zweifel enthalten, mündet aber im Normalfall nicht in eine depressive Stimmung sondern in den Mut der Verzweiflung, der zu weiterem Handeln auffordert. Wir fördern den Zweifel an vorschnellen Lösungen, wir stellen infrage, was die Selbstüberschätzung zustande bringt, und die Studierenden sollen damit rechnen, mit ihrer Arbeit Schiffbruch zu erleiden. Deshalb ist Zweifel bereits beim Entwurf eine nie endenwollende Kraft des kreativen Prozesses.
Wer aber zweifelt, ob er an einer Kunstschule am richtigen Ort ist, gilt schon als verloren – wenn ich das einmal etwas plakativ in den Raum stellen darf. 
Sehr geehrter Herr Rektor. – Ihre Ausführungen haben mich veranlasst, auf Ihrer Website nachzuschauen, wie es sich mit Ihren Ausbildungsgängen genau verhält. Zu meinem nicht geringen Erstaunen konnte ich feststellen, dass Sie selber auch pädagogische Ausbildungen anbieten. Lehrberufe für bildnerisches Gestalten, früher Ästhetische Erziehung, bei Ihnen auch Kunst und Vermittlung genannt. Wie bringen Sie diese Ausbildungsgänge zusammen mit Ihrer anarchistisch anmutenden Forderung nach Widerborstigkeit? Mit einer solchen Ideologie verbauen Sie doch jedem Zeichnungslehrer, der bei Ihnen abschliesst, seine Zukunft. So einer wird doch nicht an einer öffentlichen Schule angestellt! 
Sehr geehrter Herr M. – Ihre Beobachtung ist insofern richtig, als wir auch Lehrerinnen und Lehrer für bildnerisches Gestalten ausbilden, die später in einem Umfeld ihre Arbeit verrichten, die mehr von konventioneller Pädagogik geprägt ist als von dem, was unsere eigenen professionellen Erkenntnisziele sind. Ich denke aber, es muss für intelligente Menschen zumutbar sein, gewisse Zielkonflikte unter einen Hut zu bringen. Das tun wir alle, um unser Geld zu verdienen. Sollen wir deswegen unsere Ausbildungen in ihrer Radikalität abschwächen, nur damit der Graben zwischen der stufengerechten allgemeinen Pädagogik und der künstlerisch-gestalterischen Fachkompetenz kleiner wird? Ich denke, wir würden unseren Studierenden, die Lehrer werden und gleichwohl liebäugeln mit einer künstlerischen Karriere, einen Bärendienst erweisen, wenn wir sie von einer radikalen Ausbildung entbänden und für sie ein sanfteres Curriculum vorsähen. So sind sie immerhin vertraut mit existentiellen Erfahrungen in Kunst und Gestaltung. Wieviel sie dann davon im Schulunterricht anwenden, ist ihnen selber überlassen. Unsere pädagogischen Module hier an unserer Hochschule weisen jedenfalls auf den Umstand hin, dass unsere Kandidaten später auf Schülerkohorten treffen werden, die nicht unbedingt Künstler oder Designer werden. Wer dann aus ihnen gleichwohl kleine Tinguelys oder Picassos machen will, ist selber schuld und hat sich wohl allzuviel vorgenommen. Doch nicht wenige der Zeichen- und Werklehrer, die draussen an der Bildungsfront während mehrerer Jahre ihre Arbeit verrichtet haben, kehren später als Dozierende an unsere Hochschule zurück oder mausern sich, einer typisch innerschweizerischen Tradition folgend, zu hervorragenden Künstlerinnen und Künstlern.
Im übrigen bin ich der Meinung es tue dem Lehrkörper einer Mittel- oder Sekundarschule nur gut, wenn dort nicht alle Pädagogen über den gleichen Kamm geschert worden sind. Es ist die Vielzahl von Auffassungen, die pädagogisch von Bedeutung ist, nicht etwa die Unité de Doctrine.
Aus unserer Sicht ist wichtig zu wissen, dass das, was an künstlerisch-gestalterischem Wirken in den Mittelschulen stattfindet, mit dem State of the Art auf diesem Gebiet nicht viel zu tun hat. Ähnlich wie in der Physik, wo im Mittelschul-Unterricht immer noch die von Galilei, Descartes und Newton geprägte Festkörper-Physik einer materienorientierten Welt vermittelt wird mit einem Atom im Zentrum und mit der Schwerkraft von Sonne, Mond und Sternen, während wir eigentlich schon seit über einem halben Jahrhundert wissen sollten, dass kleiner als das Atom ein Kosmos zugange ist und uns zusammenhält, der von der Quantenphysik erschlossen und beschrieben wird und besagt, dass im Innersten unserer Welt gar keine Masse mehr ausfindig gemacht werden kann sondern nur noch rasend schnell miteinander kommunizierende, massenlose Nichtse, die entlang von längst noch nicht ganz erschlossenen Strukturen und in wechselseitiger Instabilität relative Stabilität erzeugen. Wenn sich also eine so exakte Wissenschaft erlaubt, immer noch verstaubtes Wissen ihren Schülerinnern und Schülern zu vermitteln, weil sie – zu Recht – zur Ansicht gelangt, die moderne Physik wäre wohl für 99,98 Prozent der Fünfzehnjährigen eine Zumutung und in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht vermittelbar, so ist es doch lässlich, auch in der Kunst Farben, Formen und Materialien zu frönen, die letztlich nicht viel zu tun haben mit dem, was draussen an aktueller Kunst abläuft. Man muss einfach wissen, wofür diese Aktivitäten im Schulunterricht stehen und nicht meinen, damit Kunst auf Mittelschulstufe produziert zu haben. Künftige Designer und Künstler wachsen also nicht unbedingt dort heran, wo man sie auf den ersten Blick vermutet, und schon gar nicht an einem musischen Gymnasium, wo alle die zu landen scheinen, die es sonst zu nichts bringen. Der Begriff „Schonklima“ wäre für das, was dort abgeht, schon treffender. Dabei brauchen wir, wie ich bereits in einem früheren Email ausgeführt habe, im künstlerisch-gestalterischen Bereich Leute, die sich im Wettbewerb, in der Auseinandersetzung bewähren und nicht im Ghetto einer abgeschotteten, schönfärberischen Kunstwelt. 
Sehr geehrter Herr Rektor. – L’appétit vient en mangeant. Sie stellen sich mit Ihren ausführlichen Emails insofern eine Falle, als sie mich anstacheln, weitere Fragen zu stellen in der berechtigten Hoffnung, darauf noch mehr Emails zu bekommen. Für mich immer noch nicht klar ist der Sinn des Kunstunterrichts auf der Mittelschulstufe. Ihre Ausführungen lassen durchblicken, dass Sie daran Zweifel haben. Und: wieso wird denn Kunstunterricht an den Schulen betrieben, wenn diese Kunst mit der „richtigen Kunst“ nichts gemeinsam hat?

Für heute genug. Demnächst mehr... 

©Nikolaus Wyss 
  

Samstag, 29. Juli 2017

Plötzlich meine ich Sepp Estermann besser zu verstehen


In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich im Hause des damaligen Stadtpräsidenten von Zürich, Sepp Estermann, und seiner Frau Maggie ein seltsames Geköch zugetragen. Eine illustre Gästeschar aus Literaten, Schriftstellerinnen, Journalisten und Musikerinnen fand sich zusammen, man sass an einem grossen Tisch und trank exquisiten Wein. Die Gespräche waren durchaus unterhaltsam und anregend, doch der eigentliche Gastgeber hörte nur von Weitem zu. Er stand in der Küche, verbat sich jede Hilfe und richtete die Speisen an. Seine gelegentlichen Kommentare beschränkten sich aufs Geklapper von Kochgeschirr und auf Zurufe an Maggie, dass ein neuer Gang zum Servieren bereit sei. Damals befremdete mich dieses Setting. Wann immer ich später in die Situation geriet, eine Anekdote zum damaligen Stadtoberhaupt zu liefern, kam mir dieses Abendmahl in den Sinn. Nicht ohne die originelle Kochschürze zu vergessen, die ihn vor Flecken auf seinen piekfeinen Bügelfaltenhosen schützen sollte.

Sepp Estermann ist mir vor ein paar Jahren wieder in den Sinn gekommen, als ich mich hier in Kolumbien für eine junge Gästeschar ins Zeug legte. Zehn hungrige und plappernde Mäuler versammelten sich um unseren Tisch, und ich kochte ihnen das, wovon ich am meisten etwas zu verstehen meine: Improvisiertes. Das, was der Kühlschrank halt so hergibt. Ich stand also hinter den dampfenden Kochtöpfen und klapperte zuweilen mit dem Geschirr, und im Hintergrund fand eine etwas laute, aber durchaus sympathische Party statt. Manchmal kam der eine oder andere hungrig schauen, ob die Gerichte schon gar seien, schnappte sich etwas aus einer Pfanne und kommentierte es. Ich war zufrieden in meiner Rolle. Ich fühlte mich in dieser Runde gut aufgehoben, trug meinen Teil zum allgemeinen Wohlbefinden bei, erntete Zustimmung, musste mich aber nicht an den Gesprächen beteiligen, die mich sowohl sprachlich als auch gedanklich überfordert hätten. Ich blieb in meiner eigenen kleinen Welt der Gewürze und Küchendämpfe und trug gerade damit zu einem erfolgreichen Abend bei.
Wahrscheinlich war es nicht einmal mein kulinarischer Beitrag, der mich an diesem Abend glücklich stimmte. Vielleicht waren es bloss die Stimmen, die an mein Ohr drangen. Ich hörte gar nicht zu, ich nahm sie einfach wahr. Ich war nicht allein und doch ganz bei mir.

Meine Mutter übrigens bezeichnete die letzten drei Monate ihres Lebens als ihre glücklichsten. Sie war schon hinfällig und bettlägerig. Doch während sie die Jahre zuvor unter quälenden Depressionen litt, überstrahlte zum Schluss Heiterkeit ihr Dasein. Ich fragte mich oft, wie es ohne Psychopharmaka zu dieser Wende kommen konnte, und erklärte mir ihren Gemütswandel mit der Anwesenheit vieler, hilfsbereiter Freundinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, sie in den letzten Wochen ihres Lebens nicht allein zu lassen. Im Gegensatz zu ihrem früheren Alleinsein war sie jetzt rund um die Uhr von Menschen umgeben. Sie liessen sie zwar in Ruhe und reagierten erst, wenn sie ihr Glöcklein betätigte. Doch sie unterhielten sich in Zimmerlautstärke in der Küche oder im Wohnzimmer, und die Tür zu ihrem Schlafraum blieb immer einen Spalt weit offen. So waren im Hintergrund stets menschliche Geräusche präsent und beruhigten sie – etwa so wie eine Hand, die einen streichelt. Es gab übrigens mit der Zeit immer mehr Frauen, die einander abwechselten. Ich kannte nicht alle. Als ich einmal unangemeldet vorbeischauen wollte, öffnete eine mir unbekannte Dame die Tür. Sie liess mich wissen, dass Frau Wyss jetzt keine Besuche empfangen könne. Erst als ich mich als deren Sohn zu erkennen gab, liess sie mich eintreten. Mir gefiel dieses Vorkommnis, es entlastete mich in meiner Sorge um meine Mutter und bestärkte mich im Wissen, dass sie gut beschützt wird.

Vermenge ich Begebenheiten, die nicht zusammengehören? Auf assoziativer Ebene mögen sie miteinander zu tun haben, doch die Beweggründe Sepp Estermanns, sich in der Küche nützlich zu machen, haben womöglich nichts mit meinen weiteren Überlegungen zum Wohlbefinden bei der Wahrnehmung von Gesprächsfetzen zu tun. Vielleicht wollte der Stadtpräsident wirklich nur etwas Feines kochen und nahm dafür die Distanz zur geladenen Gesellschaft einfach in Kauf. Immerhin konnte er aus der Ferne den Unterhaltungen folgen und in etwa abschätzen, ob sich die Gäste gut vertrugen oder ob er in irgendeiner Weise intervenieren müsse. Mein Verdacht aber bleibt, dass ihm beim Kochen wohler war als bei Tisch, wo ein unausgesprochener Wettbewerb der besten, gescheitesten und assoziationsreichsten Einwürfe im Gange war. Wer heimste wohl die heftigsten Lacher ein? Ich glaube, Sepp Estermann hätte in Anbetracht der illustren Gästeschar, worunter sich auch solche Kaliber wie der sowohl schlagfertige als auch redselige Hugo Loetscher befanden, einen schweren Stand gehabt. So aber war er dabei, ohne dabei sein zu müssen.

Seis drum. Es geht mir in meinen mäandernden Überlegungen letztlich um Folgendes: über den Wert von Gesprächen, denen man nicht zuhören muss, die aber gleichwohl oder vielleicht gerade deswegen auf eigene Weise wirken und einem gestatten, in seiner eigenen Welt zu bleiben. Ich halte sie für therapeutisch relevant und kündige schon einmal vorsorglich an: Bitte die Türe einen Spalt breit offen lassen. Danke.

Samstag, 22. Juli 2017

Alex die Türschwelle



Der zugelaufene Strassenköter heisst Alex. Er macht es sich zur Aufgabe, Haushund zu sein. Das Haus, das er sich dafür aussuchte, gehört Heinz und steht im mexikanischen Juchitán de Zaragoza. Diese Stadt liegt in der Provinz Oaxaca, eine Autostunde vom Pazifik entfernt. Dort hat sich der frühere Pädiater und rastlose Kino-, Konzert- und Theatergänger, der leidenschaftliche Museumsbesucher und Literaturliebhaber den Traum einer kleinen Kulturoase verwirklicht. In seinem Haus mit üppigem Vorgarten organisiert er für talentierte Nachwuchskünstler Musikworkshops und für Kinder Malkurse. Er stellt Werke von Künstlerinnen und Fotografen aus, unterhält für die lokalen Rapper ein Tonstudio und serviert seinen Gästen aus der grossen Espressomaschine gut gerösteten, fein duftenden Kaffee. Am Kücheneingang aber liegt Alex. Das ist sein Platz. Alle müssen mit ihren Kaffeetassen über ihn hinwegsteigen. Er lässt sich von dort einfach nicht vertreiben. Er spielt Türschwelle.
Heinz hat Alex nach einer Figur aus Martin Franks Buch Sechs Liebesgeschichten benannt. Niemand weiss, von wo Alex gekommen ist. Plötzlich war er da, zusammen mit Heerscharen von Flöhen in seinem Fell, die ihn den Tag lang auf Trab halten. Der Köter bemächtigte sich ungeniert des Hauses und deklariert es fortan zu seinem Revier.
Alex bekommt hier nichts zu fressen und nichts zu trinken. Er bettelt und jammert auch gar nie darum. Für ihn scheint das Arrangement Logis ohne Kost selbstverständlich zu sein. Das ist das Merkwürdige an dieser Geschichte. Er beschafft sich draussen auf der Strasse alles selbst. Da er den lieben langen Tag am Kücheneingang sitzt, nutzt er wohl die Nacht dazu. Ich sah ihn einmal draussen aus einer Pfütze Wasser trinken, nachdem er sich durch eine Lücke im Gartenzaun hinaus auf die Strasse gezwängt hatte. Sein weiterer Lebensunterhalt bleibt aber im Dunkeln. Wie viele Nachkommen hat er wohl schon gezeugt? Wo beschafft er sich seine Nahrung? Wohin scheisst er? Hat er ausser Hauses Freunde? Jagt er Katzen? Welche Düfte mag er am liebsten?
Alex wird, ausser dass man über ihn hinwegsteigen muss, von den Menschen im Haus kaum wahrgenommen und schon gar nicht gestreichelt. Bei diesem struppigen Fell, das stets neue Nagespuren seines täglichen Kampfes mit den Blutsaugern aufweist, mag ihn niemand so richtig anfassen. Er aber liebt den Betrieb. Er geniesst die Konzerte auf dem Vorplatz. Er entspannt sich dabei und streckt beim grellen Saxofonsolo alle Viere von sich. Nach dem Gig stolziert er zwischen den Beinen der Gäste herum, als ob er selbst Gastgeber wäre und mit den Besuchern die Begeisterung fürs Dargebotene teilen möchte.
Das Haus verteidigt er nach Gutdünken. Es scheint, als ob er sich ein paar Mal am Tag vornimmt, für Ordnung zu sorgen. Pflichtbewusst steuert er dann zum Gartentor und bellt Leute und Fahrzeuge an. Nach getaner Arbeit trottet er befriedigt zurück zur Küchentür und widmet sich wieder seiner Flohkolonie.
Wieso nur hat es mir dieser Strassenköter so angetan? Wieso schreibe ich als erstes über ihn statt über das beeindruckende Kulturwerk von Heinz? – Vielleicht liegt es an meinen mangelnden Hundekenntnissen. Vielleicht sind Hunde einfach so. Alex beeindruckt mich jedenfalls mit seiner schicksalsergebenen, realistischen Einschätzung der eigenen Situation. Vielleicht entspricht das Arrangement seines jetzigen Hundealltags seinem Traum und ist zehnmal besser, als was er vorher je gehabt hatte. Zudem fehlt ihm vermutlich die Vorstellung davon, dass es Hunden durchaus noch besser gehen könnte. Er weiss nicht, wie es ist, mit Flohpuder behandelt worden zu sein und einen Fressnapf vorgesetzt zu bekommen. Sein Schicksal ist seins, er kommt gut damit zurecht. That’s it. Er vermittelt mir keinen Augenblick lang das Gefühl, ihn bemitleiden zu müssen. Wie angenehm, so einen Hund am Kücheneingang. Jeder steigt respektvoll über ihn hinweg. Er verdankt es mit Anspruchslosigkeit und uneingeforderter Treue.

© Nikolaus Wyss

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Dienstag, 18. Juli 2017

Vom Drehen Mahlers im Grab


Wenn sich Gelegenheit ergibt, bin ich dankbarer Nutzer des hiesigen Konzert- und Theaterangebots. Kürzlich ging ich wieder einmal zusammen mit ein paar Freunden ins Teatro Colon, einem prächtigen Bau mitten in der Altstadt Bogotás, der in der Tradition klassischer Opernhäusern Italiens erbaut wurde. Das Gebäude wollte zum Zeitpunkt seiner Errichtung wohl sichtbar dokumentieren, dass Kolumbien kulturell der Alten Welt durchaus das Wasser reichen kann, und dass es sich, zumindest was die Innenausstattung angeht, mit dem viel berühmteren und grösseren Teatro Colon von Buenos Aires messen will.
Wir waren an der Premiere von Giuseppe Verdis Otello. Arme Desdemona. Das einzig Gute an ihrem Tod mochte sein, dass sie sich das Geschrei ihres eifersüchtigen Alten nicht mehr anhören musste. Manchmal befürchtete ich, sie bekomme einen Hörschaden, so laut brüllte der venezianische Mohr seine Klagen ins Publikum. Doch wenn sie gewusst hätte, dass Othello sich zum Schluss das Messer in die eigene Brust stösst, hätte sie eigentlich nicht zu sterben brauchen.
Sonst aber war die Produktion hochstehend und durchsetzt mit gutem internationalem Personal und mit einem ansprechenden, modernen Bühnenbild versehen. Ein durchaus gewinnbringender, erbaulicher Abend. Die besten Plätze kosteten gerade mal 70 Franken. Für hiesige Verhältnisse jedoch ein Vermögen.
Während in der Oper das kolumbianische Staatsorchester zum Zuge kam, feierte das andere Eliteorchester der Stadt, die Bogotá-Philharmonie, sein 50-jähriges Bestehen mit einem Konzertzyklus. Dazu gehörte auch eine Aufführung von Gustav Mahlers 3. Symphonie im ärmsten Süden der Stadt nachmittags um drei. Die schwere Kost wurde in einer auf zwei Seiten hin offenen Eventhalle in unmittelbarer Nähe zur Iglesia del Divino Niño Jesús del 20 de Julio serviert. Der Zutritt war zwar kostenlos, aber man bezahlte mit dem Akzeptieren von Einschränkungen, die sich aus diesem ungewöhnlichen Vorführungsort ergaben. Die Bewohner des Quartiers hörten wohl zum ersten Mal live solche Musik und tauschten sich während des Konzerts fleissig über nachbarschaftliche und familiäre Begebenheiten aus. Kinder krabbelten über die Bänke und schrien, wenn es ihnen danach war, was die Eltern schon gar nicht zu unterbinden versuchten. Und aus der benachbarten Kirche hörte man mikrofonverstärkte fromme Lieder, welche die leisen Stellen der Mahler-Komposition glatt übertönten. Dann tat mir der riesige Kinderchor leid, der weit über eine Stunde lang auf seinen kurzen Bim-Bam-Einsatz warten musste. Und ob der chilenische Mezzosopran schön klang, konnte ich beim besten Willen und auch mit spitzigsten Ohren nicht ausmachen.
Der Anlass berührte mich trotzdem zutiefst. Wahrscheinlich bin ich noch nie so bewegt aus einem Konzert gekommen. Die Musik allein kann es nicht gewesen sein. Doch vielleicht hat es etwas mit der Würde und dem Respekt zu tun, deren Gemengelage so einmalig zur Wirkung gelangte. Da war das zwangsläufig scheiternde Bemühen des Orchesters und seines Dirigenten, diese Musik einem nicht ausgewählten Publikum näherzubringen. Doch die Musiker hielten unbeirrt durch, was mir grössten Respekt abverlangte. Ich als Dirigent hätte schon längst abgeklopft. Die Aufführenden schienen es auf wundersame Weise Gustav Mahler, dem lieben Gott und dem lauschenden Publikum schuldig gewesen zu sein, den letzten, unhörbaren Ton auch noch zu spielen. Es gab unter den Zuhörenden aller Altersklassen etliche, die ebenso unbeirrt, ernsthaft und hoch konzentriert der Musik lauschten, soweit diese an ihr Ohr zu dringen vermochte. Und genau da erhob sie sich, diese heilige Mischung von Göttlichem, das sich in dieser geheimnisvollen Komposition von Gustav Mahler mit dem irdischen Leid in Verbindung zu setzen versucht, und es gelang an diesem Nachmittag, wonach sich Mahler unter Verwendung seiner kompositorischen Mittel wohl ein Leben lang sehnte. «[...] Die Welt ist tief / Und tiefer, als der Tag gedacht. / Tief ist ihr Weh –, / Lust – tiefer noch als Herzeleid: / Weh spricht: Vergeh! / Doch alle Lust will Ewigkeit –, / – will tiefe, tiefe Ewigkeit.» – Und der Kinderchor bittet später Jesus um Erbarmen, weil er die zehn Gebote gebrochen hat, worauf Jesus ihm empfiehlt, Reue zu üben und zu Gott zu beten. Ja, Mahlers Biograf Paul Stefan bemerkte dazu, dass bei Mahler das «Erlebnis des Weltalls auf der Strasse beginnt und im Unendlichen endet».
Als ich später ins Taxi einstieg, wusste ich einen Augenblick lang meine Adresse nicht mehr.




©Nikolaus Wyss









© Nikolaus Wyss

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