Montag, 15. Januar 2018

Zwei Schulklassen - Tagebuchnotiz vom 23. Januar 1983

Ein Schritt in die richtige Richtung scheint mir das Unterrichten in Brugg zu sein. Vier Stunden Soziologie an der Schule für Heimerziehung. Ich fahre von Schwamendingen um acht Uhr morgens mit meinem alten VW Passat los, meistens übers Furttal, manchmal auch übers Limmattal, trinke unterwegs noch einen Kaffee und bereite die Stunden vor. Natürlich tue ich das nicht erst beim Kaffee, aber dort gebe ich dem Ganzen noch den letzten Schliff. 
Es sind zwei Klassen. Die erste war mir auf Anhieb sympathischer (obwohl sich in der zweiten ein Mädchen befindet, Irma Eggenberger, das mir recht gut gefällt). Aber gerade diese Sympathie gegenüber der ersten Klasse bringt es mit sich, dass wir nicht sehr zügig vorankommen, uns eher plaudernd aufhalten, während der Stoff in der zweiten Klasse effizienter bewältigt wird. Damit kippt allmählich meine Sympathie zur zweiten Klasse hinüber, und ich entwickle jetzt gewisse Abneigungen, ja Aggressionen der ersten gegenüber, die alles viel zu breit und zu langsam (vermeintlich gemütlicher, aber ineffizienter) angeht.

Freitag, 5. Januar 2018

Vage Rekonstruktion eines entfernteren Teils meiner Familie

So ungefähr sah das Möbel aus, das mich mein Leben lang begleitete... (Screenshot von eBay)

Mein Leben lang begleitete mich ein Möbel aus furniertem Nussbaum, eine Art Sekretär, an den man sich aber nicht richtig hinsetzen konnte, weil die aufklappbare Schreibfläche zu hoch und zu wenig ausladend angesetzt war. Im unteren Teil erwies sich das Möbel als Kommode mit grossen Schubladen. Ein unmögliches Erbstück, wo ich unten meine Wäsche verstaute und oben Briefe, Fotografien, Kreditkarten, abgelaufene Pässe, Schul- und Arbeitszeugnisse aufbewahrte.
Das Möbel befand sich im Nachlass meiner Grosstante Lydia. Niemand wollte es damals. Irgendwie landete es dann bei meiner Mutter, die damit aber genauso wenig anzufangen wusste. Sie lagerte es im Keller ein in der Hoffnung, es mir dereinst vermachen zu können, wenn ich mich zu verselbstständigen anschicken würde. So war es denn auch.
Im Gedächtnis haften geblieben sind mir Tante Lydias gerötete Äderchen auf den mit viel Gesichtscreme eingeweichten Wangen. Sie hatte zwei Töchter: Käthi und Lotti. Diese waren also Cousinen meiner Mutter, für mich Tanten zweiten Grades. Beide wiesen dieselben Äderchen im Gesicht auf. Käthi versteckte sie hinter einer dicken Schicht Make-up. Sie verbat sich Zeit ihres Lebens, von mir Tante genannt zu werden. Das mache sie älter, pflegte sie zu sagen. Ihre nonchalante Eitelkeit bereitete mir jedoch Mühe. Wie einfach wäre es doch gewesen, sie Tante nennen zu dürfen. Ihrer uneitlen Schwester Lotti hingegen, die ihre Äderchen nicht versteckte, war das fragliche Wort egal. Dies hatte merkwürdigerweise zur Folge, dass es mir leichter fiel, sie bloss Lotti zu nennen, also ohne Tante vornedran, oder Lötter, eine seltsame Sprachschöpfung meiner Mutter, der ich irgendwie folgte: der Lötter. Lotti war Polizistin, blieb unverheiratet, hatte aber einen Freund namens Marc, mit dem sie regelmässig an den Neuenburgersee campieren ging. Marc mochte ich nicht besonders, er war mir in seinen Ansichten zu konservativ. Manchmal schämte sich Lotti seinetwegen, weil sie sich doch gerne aufgeschlossen gab. Käthi hingegen heiratete einen renommierten Arzt und führte ein gesellschaftlich-mondänes Leben in einer geräumigen Villa in Muri bei Bern. Sie richtete ihre Küche mit dem damals modernsten Schnickschnack ein. Zur Entledigung der Küchenabfälle beispielsweise war im Siphon des Abwaschbeckens eine Art Häckselmaschine eingebaut, welche die Kartoffelschalen und Apfelkerne so verkleinerte, dass sie mit dem Spülwasser fortgeschwemmt werden konnten.
Tante Käthi fuhr einen Mercedes 300 SL Coupé mit Flügeltüren. Dasselbe Modell fuhr auch ihr Gatte, und sie rechtfertigte die Doppelanschaffung mit dem Hinweis, dass sie mit dem Garagisten befreundet sei und es sich hier um ein ganz günstiges Spezialangebot gehandelt habe. Später vernahm ich, dass ihr auf dem Weg von Zürich nach Bern bei grosser Geschwindigkeit ein Reifen geplatzt und sie nur mit Glück und grosser Geistesgegenwart dem Tod entronnen war. Das führte dazu, dass meine Mutter vor Antritt einer Autofahrt eine Zeit lang ihren Mini umkreiste, um zu schauen, ob alle Reifen in Ordnung waren. Später liess sie es wieder bleiben.
Meine Mutter war in Muri zuweilen zu Partys mit Diplomaten, Magnaten und Geschäftsleuten eingeladen. Eine ihrer Standarderzählungen gipfelte jeweils im von Kichern begleiteten Eingeständnis, dass sie an einem dieser Empfänge den damaligen Bundesrat Nello Celio Cello genannt habe. Er war offenbar ein Charmebolzen, mit dem sie es gut konnte. Ein paar Gläschen Champagner taten das ihrige wohl dazu.
Tante Käthi hatte drei Kinder: Monika, Bärni und Jürg. Als Monika heiratete, war ich vielleicht 15 Jahre alt und auch zur Hochzeit eingeladen. Wir übernachteten bei Lötter, und am Morgen musste ich zu meinem Schrecken feststellen, dass ich ins Bett geschissen hatte, obwohl ich weder Durchfall hatte, noch sonst krank war. Lotti versuchte mich zu trösten mit dem Hinweis, dass dies jedem passieren könne. Das mochte ich aber ihr nicht glauben. Ich schämte mich sehr.
Die aufwendige und auch ziemlich laute Hochzeit galt noch Jahre später als das gesellschaftliche Ereignis Berns, auch wenn sich die Produktionen eher auf WC-Rollen-Niveau bewegten. Die Braut, ganz in Weiss, sah hinreissend aus, und der Bräutigam stammte aus gutem Hause. Am besten kann ich mich noch an Monikas jüngeren Bruder Bärni erinnern. Er trug einen perfekt geschneiderten Smoking und wusste alle mit seinem gewinnenden Lächeln für sich einzunehmen. Meine Mutter schwärmte noch Wochen später von ihm, und ich musste ihr unumwunden zustimmen. Zu seiner strahlenden Erscheinung passte auch der dominante, aus Zedernholz, Moschus und Tonkabohnen kombinierte Duft seines Acqua di Selva. Ich wünschte mir damals zu meiner ersten Rasur nichts sehnlicher als diesen starken Duft, der das Selbstbewusstsein eines jeden Mannes in ungeahnte Höhen zu treiben vermochte. Doch mein Taschengeld reichte nur gerade zu einer ordinären Flasche Pitralon aus der EPA. Dieses Warenhauswässerchen erwies sich, wie konnte es anders sein, als Demütigung, als Flop. Ich ertrug es schon nach dem ersten Auftrag nicht mehr und meinte sogar, davon Pickel zu bekommen. Schleunigst entsorgte ich die Flasche und schob das regelmässige Rasieren noch etwas hinaus.
Im Gegensatz zu den bereichernden und herzerwärmenden Begegnungen mit dem Strahlejungen Bärni fielen Lottis unter vorgehaltener Hand gemachten Kommentare über ihn negativ aus. Es machte ihr grosse Sorgen, dass jemand aus ihrer nächsten Verwandtschaft regelmässig in den einschlägigen Protokollen der Polizei vorkam. Von Drogendelikten war die Rede. Meine persönliche Reaktion darauf war, dass dies doch gar nicht wahr sein könne. Ich wollte mir das Bild dieses Jungen, der in vielem und im Speziellen wegen der ihn umschwärmenden Mädchen meinem Ideal der Mannwerdung entsprach, einfach nicht nehmen lassen. Ich begann Lotti zu misstrauen und machte dafür familiäres Konkurrenzdenken zwischen zwei unterschiedlichen Schwestern verantwortlich. Doch dann, einige Zeit später, erschütterte die Nachricht vom Drogentod Bärnis das ganze Familiengefüge. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich konnte die beiden Seiten dieses Jungen einfach nicht zusammenbringen.
Später verblasste der Kontakt zu Käthis Familie zusehends, sei es, weil die Strahlkraft dieser auf Erfolg getrimmten Familie aus Muri bei Bern durch das tragische Ereignis schlagartig nachliess oder weil ich jetzt meine eigenen Wege ging. Vom Lötter erhielt ich zum Geburtstag eine Zeit lang noch Grusspostkarten, sonst aber beschränkten sich die Beziehungen auf Kurzmeldungen meiner Mutter, die versuchte, den verwandtschaftlichen Status irgendwie aufrechtzuerhalten, soweit es ihre eigenen nachlassenden Kräfte noch erlaubten. Die Todesnachrichten von Käthi und Lotti Jahre später haben bei mir keine ausserordentlichen Emotionen mehr ausgelöst.
Vor vielleicht zehn Jahren aber wollte ich wissen, was aus der strahlenden Monika geworden war, die in ihrem überschwänglich-gesellschaftlichen Gehabe so stark ihrer Mutter glich. Dank der Möglichkeiten des Internets konnte ich die Koordinaten ihres Gatten ausfindig machen und schrieb ihm ein paar Zeilen. Postwendend kam seine Antwort mit der Nachricht, Monika sei schon seit einiger Zeit tot, er lebe jetzt mit einer neuen Partnerin zusammen, den Kindern gehe es gut.
Das unmögliche Möbelstück hingegen, das nirgends hineinpasste und mich gleichwohl von Umzug zu Umzug begleitete, erinnerte mich unaufdringlich, aber stetig an diese paar weit zurückliegenden verwandtschaftlichen Bezüge. Seine Entsorgung war mir einfach zu mühsam, und die Einrichtung eines Kontos bei Ricardo wollte mir auch nie so richtig gelingen. Erst als ich in der Absicht, nach Kolumbien auszuwandern, den Haushalt auflöste, liess ich die Zügelleute wissen, dass sie mit diesem Ding anfangen könnten, wie ihnen beliebe.

© Nikolaus Wyss

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Samstag, 30. Dezember 2017

Rameli tot - Jürg Ramspeck war vor 45 Jahren mein Chef


Jürg Ramspeck (rechts) mit seiner Frau Hildegard Schwaninger und dem Fotografen Willy Spiller anlässlich von dessen Fotoausstellung in der Photobastei am 20. August 2015
Ich war ihm in meiner Kindheit nie begegnet. Doch sein Übername, den ihm die Familie meiner Gotte verliehen hatte, begleitete mich durch meine ganze Jugend: der Rameli. Er war der Schulfreund eines der Buben dort und ein sicherer Wert in den Erzählungen meiner Gotte. Der Rameli ist ... der Rameli meint ... der Rameli hat gemacht ... Dieser Sohn aus dem Pianohaus Ramspeck an der Mühlegasse war in den Augen meiner Gotte offenbar ein Tausendsassa, raffinierter und musikalischer noch als die eigenen vier talentierten Söhne, auf die sie doch sonst so stolz war.
Nach dem Gymnasium verzichtete er auf ein Studium. Sanskrit und die Geschichte Mesopotamiens hätten ihn zwar interessiert, doch er wandte sich stattdessen direkt dem Journalismus zu. Dazu gibt es zumindest zwei Versionen: Die eine besagt, dass er wegen frühem Nachwuchs unbedingt Geld verdienen musste; die andere, dass er mit seinem grossen Talent ein Studium für nicht zielführend hielt.
Als ich 1972 aus Lateinamerika heimkehrte, vernahm ich, dass dieser Rameli mittlerweile Karriere gemacht hatte. Er hatte mit knapp 20 bei der Weltwoche als Journalist angeheuert. Später wurde er Chefredaktor des Gratisanzeigers Züri Leu, einer Publikation, die jede Woche in alle Briefkästen der Zürcher Haushaltungen verteilt wurde und sich bemühte, neben dem üblichen Klatsch auch einen gewissen Recherchejournalismus zu pflegen. Weil ich einen Job suchte, schrieb ich Jürg Ramspeck einen anständigen Bewerbungsbrief. Als es zu einem Vorstellungsgespräch kam, bot er mir sogleich das Du an. Beim Treffen damals ging es dann eigentlich nur noch darum, ob ich schon morgen oder erst in einer Woche anfangen soll.
Diese Leichtigkeit im persönlichen Umgang hielt das ganze Jahr, in dem ich meine Sporen als Redaktor abverdiente, an. Jürg war ein unterhaltendes Klatschmaul. Er wusste zu jedem und jeder eine Sottise, und es blieb sein Geheimnis, wieso ihm sein loses Mundwerk nie zum Nachteil gereichte. Ich war mir sicher, dass er in meiner Abwesenheit auch über mich lästerte. Doch Argwohn kam nicht auf. Lag es vielleicht daran, dass er, im Gegenzug, unglaublich präzise arbeitete? Nicht nur gedanklich, auch technisch. Neben seiner Schreibmaschine lag ein Blatt, wo er zuoberst die erforderliche Zeilenzahl des Artikels aufschrieb. Jede Satzzeile, die er mit einer qualmenden Zigarette im Mundwinkel in die Schreibmaschine hämmerte, zog er von dieser Summe ab, bis er mit dem letzten Punkt bei null landete. Keine Zeile zu viel, keine zu wenig. Keine Korrekturen. Fertig. – Diese effiziente Schreibweise erlaubte es ihm, viel Zeit für anderes zu haben, zum Spielen mit uns Redaktionskollegen beispielsweise. Damals war Acquire angesagt, ein nicht unspannendes Wirtschaftsstrategiespiel.
Manchmal aber wurde er zum Verleger gerufen, zu Max Frey, dem Chef der Jean Frey AG. Auch von diesen Besuchen berichtete Jürg anschliessend in unterhaltend-abfälligem Ton. Wie er zum Beispiel, zusammen mit Walter Bosch, dem damaligen Chefredaktor der Annabelle, auf die Verlegerjacht eingeladen worden sei, wo auch Frauen als Gespielinnen anwesend gewesen seien. In den Augen Jürgs hatte Max Züge eines Mafiabosses. Eine andere Geschichte handelte davon, dass er für Max – die beiden waren selbstverständlich per Du – einen Flügel auswählen musste für dessen Schloss in der Toskana, unter der zusätzlichen Bedingung, dort dieses Instrument selbst ab und an auch zu bedienen. Als ob Jürg dafür Zeit gehabt hätte. Denn es kam mindestens einmal im Monat vor, dass er ganze Wochenenden in den Redaktionsräumen verbrachte. Wenn wir montags im Büro erschienen, lag der Schlafsack noch ausgebreitet auf dem Boden, sämtliche Aschenbecher waren voll mit seinen Kippen, und aus den Papierkörben stank es nach den nur halb fertig gegessenen Sandwiches. Er sagte dann bloss, so eine Familie, von der er getrennt lebte, koste halt. Deshalb redigierte er nebenher noch das 3M Kundenmagazin, was ihm vermutlich mehr Geld einbrachte als sein Chefredaktorlohn.
Zu meinen Aufgaben auf der Redaktion gehörten auch Strassenumfragen, die ich mit dem Fotografen Willy Spiller realisierte:
– Was sagen Sie zur Erhöhung der Strassenbahntarife?
– Wie verbringen Sie den Sommer in der Limmatstadt?
– Wohin würden Sie am liebsten verreisen, wenn Sie nicht auf ihr Portemonnaie achten müssten?
Auch die Betreuung des Züri-Leu-Cups, eines Eishockeyturniers auf der Kunsteisbahn Dolder, gehörte zu meinem Portefeuille, wie auch das wöchentliche Einholen der Kolumnen. Die Anlieferung von Werner Wollenbergers Texten war stets ein Derby. Seine Frau Elfie erschien auf der Redaktion am Talacker 39 mit dem Manuskript ihres Gatten regelmässig eine Stunde zu spät und fragte des Öfteren aufgelöst, aber charmant, ob der Züri Leu die Busse für die von ihr begangene Geschwindigkeitsübertretung übernehmen würde. Die Kolumnen Roman Brodmanns hingegen trafen meistens fristgerecht ein. Sie hatten es in sich. Scharfzüngig, angriffig, auf den Punkt gebracht. Mit Genuss übergab ich jeweils dem Boten diese gepfefferten Texte weiter zur Setzerei. Doch eines Tages vernahm ich, dass Max Frey in Begleitung von Jürg persönlich dort erschienen sein soll, Brodmanns Manuskript einverlangt und dessen Publikation verboten habe. Ich kann mich nicht mehr an den Inhalt erinnern, doch es erzürnte mich dermassen, und der Zorn traf auch Jürg, dem ich mangelndes Rückgrat vorwarf, dass ich kurz entschlossen meine Arbeit beim Züri Leu aufkündigte.
Jürg verübelte mir diese Aktion, und unser Kontakt beschränkte sich in den folgenden 40 Jahren auf zufällige Begegnungen an Vernissagen und anderen Events. Vor einigen Jahren jedoch setzte ich an einem Donnerstagabend meinen Fuss ins Hotel Eden au Lac, um mir seine Jazzband anzuhören. Dieser Altherrenklub berührte mich. Ich wusste nämlich nach meiner Pensionierung lange Zeit mit mir nicht sehr viel anzustellen und musste meinen Freiraum mit Aktivitäten füllen. Und da hörte ich diese Combo mit Jürg am Klavier, die trotz fortgeschrittenen Alters unbeirrt dem Jazz frönte. Das imponierte mir. In der Pause bestellte ich einen zweiten Gin Tonic und hatte ein sehr schönes Gespräch mit Jürg, der zu mir kam und vor Anekdoten nur so strotzte – wie immer. Er wollte unbedingt noch ein Buch über die Geschichte des Journalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schreiben. Wer sonst, wenn nicht er, hätte das notwendige Wissen, die notwendigen Erfahrungen und den notwendigen Witz dazu gehabt.

© Nikolaus Wyss

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Freitag, 29. Dezember 2017

Wo liegt Panama Stadt? - Tagebuchnotiz

Ich halte mich zum ersten Mal in Panama City auf. Im Gegensatz zu Kolumbien kommt mir hier alles etwas amerikanischer vor. Die Autofahrer nehmen auf die Fussgänger hier eine Spur mehr Rücksicht. Alles ist auch ein bisschen teurer. Als Zahlungsmittel benützen sie den Dollar. 
Bis vor fünf Minuten war ich der felsenfesten Überzeugung, die Stadt liege an der Karibik. Für mich gab es nie etwas anderes. Verstörend war einzig, dass das Meer, das ich vom Hotelzimmer aus sah, nicht die für dieses Meer charakteristische blaugrüne Färbung aufwies. Ich dachte, das ist wohl dem Regenwetter geschuldet. Und jetzt, in der Mall des Shopping Centers Multicentro, wo ich mir einen Kaffee genehmige, sehe ich mir zum ersten Mal die Touristenkarte von Panama genauer an. Jemand hat sie mir tags zuvor am Flughafen zugesteckt. Und ich denke noch: jetzt haben sie auf dieser Karte ausgerechnet die Hauptstadt einzuzeichnen vergessen. Dort, wo ich sie ahne, steht Colon. Was soll denn das schon wieder? Erst beim zweiten Schluck Kaffee entdecke ich, dass die Stadt überhaupt nicht vergessen ging. Sie liegt nur woanders: im Süden des Landes, am Pazifik. Kann dies wahr sein? Meine Verblüffung ist komplett. Das Wasser, das ich da draussen sehe, ist der Pazifik! Nicht die Karibik! Nikolaus, wo bist du? Filterwechsel! 
Und jetzt überlege ich mir die ganze Zeit, woher mein Irrtum stammen mag. Kann es vielleicht an der unpräzisen Weltkarte liegen, die ich seit Kindsbeinen im Kopf habe? Mittelamerika wird auf der Höhe von Panama sehr schmal. Deshalb auch der Kanal dort. Deckt vielleicht der Punkt, der die Stadt markiert, beide Küstenstreifen ab? Aus der Geschichte weiss ich zudem, dass der Panama-Kanal ursprünglich eine französische Initiative war. Wahrscheinlich schloss ich daraus fälschlicherweise, dass deshalb auch die Stadt eine europäische Gründung sein müsse, ein Tor zum Westen, in die grüne Hölle und zum stürmischen Pazifik hinüber. Noch jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, kann ich mich kaum fassen. Welch ein Irrtum! Ausgerechnet mir, dem Weitgereisten, passiert sowas!
Die gesalzene Butter im Hotel macht so wenigstens Sinn. Es handelt sich um die Marke Anchor (since 1886) und stammt aus Neuseeland. Ich begegnete ihr schon in Hotels von Thailand und Indonesien. Klar doch, der Pazifik! Die Butter musste auf ihrer Anreise nicht einmal den Panama-Kanal durchqueren. So einfach ist das. Jetzt sehe ich die Stadt anders. 

© Nikolaus Wyss

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Freitag, 1. Dezember 2017

Das Frauenhaus von Getsemani

Ich weiss nicht, an welchen Wegmarken diese Geschichte noch vorbeikommen wird. Ich weiss nur, wie sie endet: in einer weihnachtlichen Sammlung für das Frauenhaus von Getsemani. Was für ein Ortsname für diese Jahreszeit! (Würde doch eher auf Gründonnerstag zutreffen...) Naja. Gerade vorhin habe ich mit meiner Bank in der Schweiz Kontakt aufgenommen und fragte nach, wie die Einrichtung eines Spendenkontos technisch funktioniere. Ich hoffe, ich bekäme die notwendigen Informationen bis zum Ende dieses Textes.
Getsemani ist eines von 14 Dörfern im Indio-Reservat von Caño Mochuelo am Rio Casanare weit draussen in den Llanos, der immensen und heissen Tiefebene im Osten Kolumbiens, wo Grossgrundbesitzer regieren, Rinderherden weiden, Vögel Paradiese vorfinden und besonders des Nachts urweltliche Schreie ausstossen, Anakondas im Unterholz ihr Fressen erwürgen, Kaimane in den Nebenarmen der Flüsse lauern und Mücken ihr Unwesen treiben. Es ist unwegsam. In der Regenzeit findet der Verkehr auf den Flüssen statt, in der Trockenzeit gibt es Trampelpfade durch endlose, steppenartige Landschaften, auf denen man sich am besten zu Pferd fortbewegt. Wer keine Angst vor platten Reifen hat, dem bieten sich als Alternative robuste Velos oder Motorräder an. 
Unsere Anfahrt schafften wir in zwei Tagen: Mit dem Flugzeug nach Arauca, wo wir übernachteten, und dann in einer sechsstündigen Fahrt in einem schweisstreibenden Bus
auf holpriger Naturstrasse bis nach Cravo Norte. Eigentlich wollten wir dort nach dieser anstrengenden Reise eine weitere Nacht verbringen, doch der örtliche Sicherheitschef, dem unsere Ankunft vorgängig gemeldet worden war, riet uns zur sofortigen Weiterreise: im Busch vernehme man verdächtige Bewegungen! Er wollte wegen uns wohl keine Scherereien bekommen. Vielleicht hatte er schon die Schlagzeile des El Espectador vor Augen: Schweizer entführt! Millionen-Lösegeld gefordert. Und er wäre an allem schuld gewesen... 
Im östlichen Teil Kolumbiens gibt es immer noch ein paar Guerilla-Nester der ELN. Vielleicht sind es auch Paramilitärs. Versprengte, kriminelle Banden, die im Zuge des einst blühenden Cocain-Narko-Imperiums von Pablo Escobar, der in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ganz Kolumbien in Angst und Schrecken versetzte, ihre Rolle als Verteidiger irgendwelcher selbsterfundener Rechte fanden. Das Polizei-Hauptquartier in der Stadt Arauca schmückt zur Erinnerung an jene Zeit seinen Garten vor dem Hauptgebäude mit der beschlagnahmten Avioneta des Drogenkönigs.
So bestiegen wir, schon etwas erschöpft, in Cravo Norte ein bereits vollbepacktes Motorboot, das uns in zweistündiger Fahrt flussabwärts nach Getsemani brachte. Es nachtete ein, als wir von unserer Gastgeberfamilie Gualdron mit grossem Bahnhof empfangen wurden. Der Rektor des örtlichen Colegios, Don Alberto, war zugegen, das Pastorenpaar der evangelikalen Kirche kam vorbei, und eine Verwaltungsbeamtin aus Yopal, welche die Dorfbewohner für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen registrieren liess, begrüsste uns und befreundete sich alsogleich - noch mehr als mit uns - mit dem Papagei der Gualdrons an. Am nächsten Tag jedenfalls flog das Viech, das nichts als absolut unerträglich und unaufhörlich krächzen kann, in Erinnerung an den vorangegangenen Abend direkt auf die Arme der jungen Frau und zerkratzte sie schön.
 Weitere Nachbarn stellten sich am Willkommensabend ein. Sie beäugten uns im Halbdunkel aus etwelcher Entfernung. Zum Schluss fuhr noch die Attraktion des Dorfes auf ihrem Motorrad vor: eine junge, schwarze Chemie-Lehrerin aus dem Choco, dem Westen Kolumbiens, die hierher versetzt wurde und sich rigoros zum Umweltschutz bekannte. Sie bat mich alsogleich, ihr bei der Evaluation von Abfallverwertungsmethoden zu helfen. 
Im Dorf gibt es kein elektrisches Netz. Jede Familie muss sich selber zu helfen wissen. Diejenigen, die sich einen Generator leisten können, bringen ihn abends zum Laufen, um Handys aufzuladen und eine halbe Stunde über Satellitenfernsehen das Neueste vom Tag zu erfahren. Fürs Licht jedoch ist der Kraftstoff zu teuer. Deshalb installierten wir unsere Hängematten bei Taschenlampenlicht und hatten erst am darauffolgenden Morgen Gelegenheit, bei Regen unser Werk zu begutachten.
Dann setzten wir uns zu Tische. Als Gäste wurden wir zuerst bedient. Alle anderen warteten, bis wir fertig gegessen hatten. Es gab Bohnen, Yuca und Reis. Diese Speisen sollten für die nächsten Tagen unsere Grundnahrungsmittel sein. Nein, nicht ganz. Unseretwegen schlachteten sie ein Rind. Was für eine Ehre!
Sein Fleisch begleitete unseren Aufenthalt in der Gestalt von Suppenknochen, Würsten, (zähen) Plätzlis, Kutteln, Leberli und Gelatine (für einen feinen Nachtisch). Andere Teile des Fleisches wurden den Nachbarn verkauft.
Schon am ersten Abend kam das drängendste Problem des Reservats zur Sprache: die Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur. Wir waren zu Gast bei einer Sikuani-Familie. Ihre eigene Sprache sei am Sterben, sagten alle. Geeignete, attraktive Lehrmittel scheint es keine zu geben, und die Jungen sehen auch kaum mehr einen Sinn darin, die Sprache ihrer Eltern zu lernen, mit welcher sie ausserhalb des Dorfes überhaupt nichts anfangen können (weitere Sikuani-Dörfer gibt es nur noch in ein paar hundert Kilometern Entfernung, in anderen Reservaten). In diesem Reservat Caño Mochuelo jedoch wurden in den letzten 30 Jahren neben den Sikuanis noch sieben weitere Ethnien mit unterschiedlichsten Sprachen zusammengeführt und angesiedelt, ungefähr die Hälfte davon waren zuvor Nomaden. Sie verstehen einander nicht. Das Spanische als lingua franca hingegen höhlt die sprachliche Identität der einzelnen indigenen Gemeinschaften aus. 
Hätte ich ins erwartete Mitleid und Bedauern einstimmen sollen? Dieser beklagte Verlust schien mir unter diesen Umständen nur logisch und ist wohl Folge von jahrhundertealten Versäumnissen, Vertreibungen und politischen Fehlentscheidungen. Kommt hinzu, dass die modernen Kommunikationsmittel, die Globalisierung, die wirtschaftlichen Verstrickungen und Abhängigkeiten dem Erhalt von sehr kleinen, isolierten, kulturellen Einheiten nicht förderlich sind. Wie könnte der tief empfundene Verlust, diese Verunsicherung der eigenen Identität, mit irgend etwas Attraktivem, Zukunftsträchtigem aufgewogen werden? Das Zurückdrehen des Rades kann doch nicht die Antwort sein auf die herrschende Ohnmacht.
Während unserer Anwesenheit im Dorf standen Festivitäten an. Wir freuten uns darauf, bis wir vernahmen, dass der Gobernador des Reservats unsere Teilnahme kategorisch ablehnte. Als wir nach den Gründen fragten und um ein klärendes Gespräch baten, liess man uns wissen, dass er jetzt wegen übermässigem Alkoholkonsum für die nächsten 24 Stunden nicht ansprechbar sei. Später lockerte die Junta der Dorfältesten das Verbot ein wenig und erlaubte uns zuzuschauen, allerdings mit der Auflage, keine Fotos zu schiessen.
Es gab Kinderprogramme, kulturelle Events, an denen Gesänge aus dem eigenen Dorf vorgetragen wurden, Festspeisen, und am zweiten Abend Tanz (am ersten regnete es). Am Spannendsten waren die Fussballspiele. Zum einen diejenigen auf den Micro-Plätzen, wo eine Mannschaft nur aus fünf Spielern und einem Torhüter besteht, und wo sich vor allem einsatzfreudige Frauenmannschaften hervortaten. Zum anderen die Burschen auf dem grossen, unebenen und von Löchern durchsetzten Rasen, wo sie mit einer Verbissenheit sondergleichen um den Gesamtsieg kämpften. Im Final kam es nach einem 4:4 in der regulären Spielzeit zum Penalty-Schiessen zwischen Getsemani und Morichito. Erstere gewannen. Sie hatten offenbar die stärkeren Nerven. Abends kippte dann die Stimmung zu unseren Gunsten. Zum einen wurden wir plötzlich ausgiebig als Schweden (suecios statt suizos) gefeiert und herumgereicht, zum anderen waren wir ein willkommener Vorwand, mit uns noch eins mehr über den Durst zu trinken.
In den folgenden Tagen besuchten wir mit dem Motorrad noch andere Dörfer, wo uns dasselbe Bild in unterschiedlicher Gestalt begegnete.
Dasselbe Jammern über die sterbende Sprache und den Niedergang der Kultur. Vor den Hütten flochten Frauen schöne Körbe, Hüte, Taschen oder Armbänder, um sie nach der Fertigstellung einem Zwischenhändler in Kommission zu geben, der sie dann in Bogota auf den Markt bringt. Fast nichts bleibt ihnen von diesem Handel übrig. Gleichwohl, es sind die Frauen, die mit dem Fleiss der Verzweiflung versuchen, einigermassen anständig über die Runden zu kommen.
Auch wenn sie im Reservat die unterschiedlichsten Sprachen sprechen: in ihren kunsthandwerklichen Produkten lässt sich eine einheitliche gestalterische Linie erkennen. Sie alle häkeln und knüpfen und flechten und schleifen und färben und feilen an einem Strick, und ich hätte nicht unterscheiden können, ob jetzt diese Tasche nur von der einen Ethnie und dieser Schmuck nur von der anderen stammt. 
Zum Schluss unserer Explorationstour zeigten uns dann die Leute noch ein Haus stattlichen Ausmasses, das, so sagten sie, eigentlich als Frauenhaus und Handwerkszentrum für die ganze Region gedacht gewesen sei (siehe Bild ganz oben). Eine Tafel über dem Eingang erinnert daran, dass die katholische Stiftung Populorum Progressio diesen Bau ermöglicht hatte. Im Andenken an deren Gründer, Papst Paul VI, der 1968 Kolumbien besucht hatte, in Würdigung des Kolumbien-Besuches von Papst Johannes Paul II 1992, und in Erinnerung an den kürzlich stattgefundenen Besuch von Papst Franziskus unterstützt dieses Werk Initiativen, welche die Selbstbestimmung verschiedener Volksgruppen stärken soll. - Doch das Haus in Getsemani blieb leer.

Es fehlten wohl Gemeinsinn und noch vielmehr Geld, um diesem Rohbau Leben einzuhauchen. 
So, und hier sind wir nun. Schnell stand angesichts dieses grossen Rohbaus, in welchem sich so vieles machen und herstellen liesse, und der die Frauen vor Ort zu neuen Zielen und Vorhaben inspirieren könnte, mein Entschluss fest, zu versuchen, für die Belebung dieses Zentrums Geld zu sammeln. Meine Bank konnte mir dabei nicht helfen. Doch dann kamen mir die Freunde der Crowd-Funding-Organisation wemakeit in den Sinn. Und so entwickelte ich ein kleines Projekt, das ich hiermit zu weihnächtlichem Markte trage: Das Frauenhaus von Getsemani. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich geneigte Leserinnen und Leser dieses Blogs finden würden, die diese Idee unterstützen könnten. Mit einem Click auf diese Zeilen befindet man sich bereits im Projekt. Jede Spende, so klein sie auch sein mag, ist willkommen. Besonders willkommen sind natürlich auch grosse Spenden mit der Aussicht, das Frauenhaus persönlich in Augenschein zu nehmen. Vielen Dank. 

© Nikolaus Wyss

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Montag, 13. November 2017

Wiedersehen mit Jin Xing

Mit Jin Xing in den Studios der Jin Xing Dance Company im Nordwesten Shanghais

Vielleicht ist die Geschichte einfach die, dass ich stolz bin, mit jemandem befreundet zu sein, der in den letzten fünfzehn Jahren in China zum Megastar herangewachsen ist. Wöchentlich sehen im Schnitt 150 Millionen Chinesen ihre Fernsehshows. Dazu hostet sie auch noch eine Kindersendung und eine Dating-Show. Auf allen Kanälen gilt sie als die Oprah Winfrey Chinas. Sie heisst Jin Xing.
Ich lernte sie 2003 kennen. Damals suchten wir für unseren internationalen Kongress europäischer Kunsthochschulen, der im Luzerner KKL unter dem Titel Challenging the Frame stattfinden sollte, einen Keynote-Speaker. Da kam jemand im Organisationskomitee auf die Idee, diese Frau anzufragen. Bedenken hatten wir lediglich, ob sie vor kritischem Publikum sprechen und Zeit für uns opfern würde. Kurz zuvor war im Fernsehen ein Dokumentarfilm über sie gelaufen. Bis zu ihrem 28. Altersjahr war sie ein Mann, gefeierter Solotänzer und Oberst der chinesischen Volksarmee. Nach einer Geschlechtsangleichung – wie das heute heisst –, gründete sie ihre eigene Tanzkompanie, adoptierte drei Kinder aus einem Waisenhaus, heiratete einen deutschen Geschäftsmann und tourte als Choreografin und Tänzerin durch die halbe Welt. Ich traf sie damals nach einem Auftritt in der Berner Dampfzentrale. Sie sagte ohne Umschweife zu. Ein Jahr später stand die zierliche Frau bei uns auf der Bühne und begann ihre Ansprache mit der Bemerkung, dass sie als früherer Offizier sehr wohl wisse, wie man Brücken sprenge und das Magazin eines Maschinengewehrs wechsle. Später zeigte sie Videoausschnitte aus ihrem künstlerischen Schaffen und eroberte so das Publikum.
Ich wusste später lange Zeit nicht, ob wir seitdem wirklich befreundet sind. Ich hätte für mich nie in Anspruch zu nehmen gewagt, diesen Kontakt als Freundschaft zu bezeichnen, obwohl er mich stets inspirierte und bereicherte. Sie war schliesslich eine umschwärmte Berühmtheit, schon damals, nicht zuletzt wegen ihrer körperlichen Selbstfindung. Sie war und ist noch heute deswegen in China eine Sensation und macht ihre Auftritte damit doppelt interessant. Ich besuchte sie später einige Male in Schanghai oder reiste zu ihren Aufführungen irgendwo in Europa. Das mit der Freundschaft klärte sich dann, als sich Jin Xing, Jahre später, bei mir einmal beklagte, ich hätte sie bei einem meiner Aufenthalte in Schanghai nicht aufgesucht. Da begriff ich, dass sie mich offenbar zu ihrem Freundeskreis zählte.
Sie hatte so viele Pläne, so viele Sorgen auch. Wird sie die Existenz ihrer Dance Company sichern können? Ich wohnte einige Male Proben bei. Da war sie jeweils der unerbittliche militärische General. Vorher und nachher aber sprach sie zärtlich von ihren Tänzerinnen und Tänzern.
Sie war ein von Unruhe und stets neuen Plänen besessener Star. Heinz Gerd, ihr Mann, mit dem ich mich in der Zwischenzeit auch befreundet hatte, half ihr beim Geschäftlichen und fuhr überdies die Kinder in die Schule. Die beiden überlegten sich, sie zur weiteren Ausbildung in die Schweiz zu schicken. Ich sandte ihnen darauf Prospekte und Links entsprechender Institutionen. Aber es scheiterte an den fehlenden Pässen. Es scheint für Kinder in China, die über keinen Geburtsschein verfügen, und das war bei diesen drei Waisen der Fall, sehr schwierig zu sein, zu offiziellen Papieren zu kommen.
Jin Xing überlegte sich auch, in Europa einen Ableger ihrer Dance Company zu gründen. Doch dann verwarf sie die Idee wieder und blieb in Schanghai. Ihre Entscheide basierten meistens auf Ratschlägen weiser Sterndeuter und auf wichtigen Zeichen numerischer Art. Inzwischen sind die Kinder herangewachsen. Der älteste Sohn besitzt mittlerweile einen Pass und besucht neuerdings ein College in England.
Und jetzt: Seit sie mit einer eigenen wöchentlichen Talkshow im staatlichen Fernsehen Fuss gefasste hat, gehört sie zu den ultimativen Celebrities des Riesenreiches. Sie wird, zusammen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping, ans World Economic Forum nach Davos eingeladen, wohnt in Schanghai im 26. Stock des Governor House in der Suite, in welcher US-Präsident Richard Nixon bei seinem Chinabesuch im Februar 1972 abgestiegen ist, und das Ledersofa im Wohnraum erinnert an die Unterredungen zwischen Henry Kissinger und Deng Xiaoping. Um zu ihren Studios zu gelangen, verlässt sie das Haus durch den Hinterausgang in einem Auto mit Sichtschutz. Fans belagern regelmässig den Vordereingang.
In ihren Shows gibt es aber unumstössliche Tabus: keine Politik zum Beispiel, keine Sozialkritik, keine sexuellen Themen. Um all diese Klippen zu umschiffen, beschäftigt sie ein grosses Team von Stichwortgebern. Einmal hatte sie Brad Pitt zu Gast, der sich schon öfters als Tibet-Freund zu erkennen gegeben hat. Die Sendung wurde in der Folge nicht ausgestrahlt.
Mein Besuch 2017 in Schanghai fiel zusammen mit dem in Beijing tagenden Volkskongress, wo die Richtung Chinas für die nächsten fünf Jahre festgelegt und der Vorsitzende für eine weitere Amtsperiode bestätigt wurde. Auch damals wurde die Jin-Xing-Show zwei Wochen lang ausgesetzt.
Neben ihrer TV-Tätigkeit tourt sie mit ihrer Dance Company durch ganz China. Jetzt geht es nicht mehr ums nackte Überleben, jetzt geht es um die Befeuerung eines Apparates, den ich Jin-Xing-auf-dem-Höhepunkt-ihrer-Karriere-in-China nennen würde. Was für ein ausserordentlicher Lebenslauf. Ich wüsste nicht, was jetzt noch mehr zu erreichen wäre. Vielleicht einmal eine Lateinamerika-Tournee? Ich wäre dann für Kolumbien zuständig.
Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere scheinen mir aber die Opfer in Form von Beschränkungen der freien Meinungsäusserung gross, die Einschränkungen im Privatleben auch. Einen gewissen Ausgleich schafft wenigstens ein Leben in Luxus.

© Nikolaus Wyss

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Samstag, 4. November 2017

Vorwürfe am Wegrand


Dieses verwackelte Bild eines Wartehäuschens, das ich auf der Strecke zwischen Chiang Mai und Chiang Khong vom fahrenden Bus aus schoss, gemahnt mich an das ultimative Scheitern eines Vorhabens, das mich fast 50 Jahre lang auf all meinen Überlandreisen umtrieb. Immer wieder waren mir Wartehäuschen auf der Strecke ins Auge gestochen: in Algerien, Mali, Ghana, Nigeria, Kenia, Tansania, in Indien, China, Malaysia, Indonesien, Thailand, Vietnam, in Kolumbien, Brasilien, Peru, Chile, auf dem Balkan, im hohen Norden, in der Schweiz, wo auch immer. In ihren unterschiedlichsten Formen gewähren sie Schutz für die, die auf die nächste Transportmöglichkeit warten. Oft nehmen die Bedachungen Gestaltungsformen der örtlichen Baukultur auf. Auf der einen Strecke scheinen sie alle aus einem Guss zu sein, hingestellt von einer kundenfreundlichen Busfirma oder vom Transportministerium der Provinz. Auf anderen Strecken wiederum entsprechen sie jeweils dem lokalen Gusto, dem vorhandenen Konstruktionsvermögen und den zur Verfügung stehenden Mitteln. Improvisiert hier, mit beschattenden Palmblättern überdacht, komfortabel dort mit Windschutz und Sitzbänken ausgestattet.
Mein Vorhaben hätte darin bestanden, eine Bild-Dokumentation der unterschiedlichsten Wartehäuschen auf der ganzen Welt anzulegen, ergänzt mit Porträtaufnahmen von Wartenden und Notizen über meine Begegnungen am Strassenrand. Wie lange warten Sie schon? Wohin fahren Sie und zu welchem Behufe? Wieviel kostet die Fahrt? Wo wohnen Sie? Et cetera. Es hätte ein Kompendium weltumspannender Wartekultur und überraschender Geschichten werden können. Vielleicht etwas schräg im Ansatz, doch durchaus interessant, aufschlussreich und unterhaltsam im Resultat. Als Buch oder, heutzutage, als Website.
Gezuckt hat es mich jeweils, den Chauffeur zu bitten anzuhalten und mich aussteigen zu lassen, um das Schicksal des Wartens mit Ortsansässigen zu teilen. Was soll mich die fahrplanmässige Ankunftszeit meines Reisebusses am Zielort kümmern? Schliesslich holt mich niemand dort ab, umarmt und küsst mich. Im Normalfall musste ich mir dort immer selbst zuerst eine billige Absteige suchen und den weiteren Verbleib organisieren. Was hätte es mich gekostet, ein paar Tage später erst am Zielort einzutreffen, dafür aber einen Kratten voller Wartehäuschen-Materialien gesammelt zu haben für mein Vorhaben?
Aber nein, mir fehlte der Mut. In den entscheidenden Momenten erwies ich mich als feige, als Verräter meiner eigenen Idee. All die Jahre habe ich es nie fertiggebracht, meinem Vorhaben den notwendigen Raum zu gewähren. Immer bin ich weitergefahren und habe mir höchstens noch überlegt, am nächsten Tag mit einem Motorrad dorthin zurückzukehren, was ich natürlich nie in die Tat umsetzte. Ich brachte die Geduld, mich auf die Wartehäuschen einzulassen, nicht auf. Dabei hätten mich diese Objekte wohl viel weitergebracht, als ich es mit meinen reibungslosen Busreisen geschafft habe. Sie hätten mich vor witterungsmässiger Unbill beschützt, mich am Kosmos der Einheimischen teilhaben lassen und mich an Erfahrungen und Material reich gemacht. So aber kam ich zwar pünktlich am Zielort an – und die Wartehäuschen blieben auf der Strecke.
Mit der Zeit wurde mir jedes Objekt dieser Art, dessen ich ansichtig wurde, zur Qual. Es verkörperte den Vorwurf eines nicht eingelösten Versprechens. Diese Erscheinungen am Strassenrand verleideten mir mit der Zeit sogar das Busreisen. Natürlich hätte ich das nie zugegeben und nannte eher Rückenschmerzen oder die engen Sitzverhältnisse als Rechtfertigung, fast vollständig von Busfahrten abzusehen. Der wahre Grund meiner steigenden Reiseunlust aber ist, dass ich nicht weiter von diesen Wartehäuschen verhöhnt werden wollte. Sie erinnerten mich schmerzvoll an mein Unvermögen, einen Plan, den ich für gut befunden hatte, in Angriff zu nehmen und umzusetzen.
Das verwackelte Bild, das Ausgangspunkt dieses Textes bildet, steht nun dafür. Und so wird es bleiben.

© Nikolaus Wyss

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