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Auf dem Stadtplatz Schlieren (Foto: Andreas Kriesi)
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Um mit dem Heimweg vom 7. November 2020 zu beginnen: der Flughafen Zürich war menschenleer. Lounges
und Läden fast alle geschlossen. Dies an einem Samstagnachmittag. Nach dem
Einchecken blieb mir noch etwas Zeit, den Circle in Augenschein zu nehmen, das
hochgelobte, milliardenschwere Zentrumsprojekt am Flughafen, das eben eröffnet
worden ist. Dort bewegten sich einige Neugierige und fotografierten den goldig glitzernden
Christbaum. Ob den Leuten die zugige Gasse, in welcher er stand, gefiel, weiss
ich nicht. Mir kam die ganze Umgebung ungemütlich und belanglos vor. Mir
schien, die kühne, ausladende Fassade flughafenseitig verspreche mehr, als was an
architektonisch-gestalterischen Überraschungen dahinter eingelöst wird. Ich
langweilte mich schnell. Kein Ort zum Verweilen.
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Aussenfassade Circle
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Weihnachtsschmuck Circle
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Chlötzli-Architektur hinter der Circle-Fassade
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Im Flugzeug gab es keine heissen Getränke. Die
in Plastik verschweissten Snacks aus der Schachtel schmeckten so fad, als ob
man selber schon covidpositiv wäre. Es lohnte kaum der Mühe, deswegen den
Mundschutz abzustreifen. Dasselbe in der Business Class. Einzig das mit dem Social
Distancing klappte dort vorne besser. Ein gewichtiges Argument in Zeiten von
Corona.
Ich flog über Istanbul, was nicht grad am Weg
liegt. Doch andere Fluggesellschaften liessen mich kurz vor dem Abflug einfach sitzen.
Kolumbien steht nicht mehr auf ihrem Flugplan. Wie weit und kompliziert die
Welt plötzlich geworden ist. Das Reisen erfordert wieder Flexibilität,
Gelassenheit und keine fixen Termine. Und von einem verwöhnten Maul die
Einsicht, dass es in der Luft immerhin noch trockene Brötchen und Nüsschen zu essen
bekommt, was dort unten am Boden für viele keine Selbstverständlichkeit mehr
ist.
In Sachen Hunger war ich ja unterwegs. Ich
wollte mit dem Verkauf meines Buches Auf dem Amakong Geld sammeln für einen
guten Zweck. Für Suppenküchen in Bogotá. Ich organisierte dazu einige Auftrittsorte
in der Schweiz, um Ausschnitte daraus vorzulesen und Werbung für meine
Herzensangelegenheit zu machen. Die Texte selber allerdings haben den Hunger
nicht zum Thema, ausser vielleicht meinen Hunger nach Leben, Erfahrungen und
Erinnerungen. Sie bestehen aus einer Auswahl meiner Blogs, die sich hier in
Kolumbien über die Jahre angesammelt haben.
Im August, als ich das Vorhaben plante, sah die
Sache so aus, dass in der Schweiz die erste Welle vorbei zu sein schien. Die
Infektionsraten bewegten sich im unteren zweistelligen Bereich: Es machte Lust,
eine solche Lesereise zu planen. In Kolumbien hingegen blieben die täglich
publizierten Zahlen zu den Covid-Ansteckungen anhaltend hoch, und man musste
wohl bei dieser Statistik immer noch mit ein paar hundert Fällen mehr rechnen,
weil das Gesundheitswesen und die Testkapazitäten den realen Verhältnissen hier
wohl kaum gerecht wurden. Da konntest du noch so viel Mundschutz tragen und an
den Eingängen der Supermärkte Fieber messen lassen, Hände desinfizieren und auf
der Identitätskarte nachschauen, ob die Endzahl stimmt (an den geraden Tagen
wurden nur diejenigen mit ungerader Endzahl eingelassen, und an den ungeraden
Tagen die anderen). In ärmeren Vierteln der Stadt wohnen Familien nun mal in
sehr beengten Verhältnissen, die Beachtung der Hygieneregeln scheitert schon am
Fehlen fliessenden Wassers und am Geld, sich Mundschutz und Desinfektionsmittel
zu besorgen. So rangiert in der Hierarchie der Bedürfnisse das Essen verständlicherweise
weiter oben als die von der Regierung verordneten Schutzmassnahmen.
Der internationale Flughafen El Dorado blieb
für kommerzielle Passagierflüge während sieben Monaten gesperrt – mit Ausnahme
einiger humanitärer und Fracht-Flüge. Ja, es war eine Zeitlang sogar fraglich,
ob ich anfangs Oktober überhaupt ausreisen konnte. Die Planung meines
Schweiz-Aufenthalts liess sich an, als ob man von einem Krisengebiet in ein
gesundes, wohlgeordnetes Land reisen würde. Logisch, dass ich vor der Abreise
einen Covid-Test machen musste, denn Kolumbien war auf der Pandemie-Weltkarte
rot eingefärbt. Wie Brasilien, Peru, Ecuador, Indien und die USA auch.
Als ich aber anfangs Oktober in Zürich ankam, war
der Spiess am sich Herumdrehen. Die Schweizer Zahlen der Covid-Neuansteckungen
schossen plötzlich in die Höhe, die zweite Welle war im Anrollen. Aufgrund
dieser Nachrichten wäre es meiner Ansicht nach das Gebot der Stunde gewesen,
soziale Distanz zu wahren, jeglicher Art von Menschenansammlung möglichst aus
dem Weg zu gehen und Mundschutz zu tragen, wie ich mir das von Kolumbien her
schon gewohnt war. Doch die Sorglosigkeit der Leute in der Schweiz schien keine
Grenzen zu kennen. Ich war bei meiner Ankunft fast der Einzige, der in Zürichs
Strassen einen Mundschutz trug. Auf der Fahrt zu meinem Quarantänequartier wurde
ich von einem Covidioten sogar angeschnautzt, was für ein Schisshas ich doch
sei und nicht selbständig zu denken vermöge. Das könne einer Diktatur nur recht
sein. Die Zürcherinnen und Zürcher fanden es zu diesem Zeitpunkt wohl einfach noch
uncool, sich so eine Schutzmaske umzuschnallen. Die Vorstellung, damit vor
allem andere zu schützen, war ihnen fremd. Dieses Verhalten passte leider zu
meiner schon lange gehegten Einschätzung, dass in Zürich in übergrossem Masse
Egoismus und Rücksichtslosigkeit herrschen und, daraus abgeleitet, eine grosse
Portion an Ignoranz.
Ich meldete mich per Internet ordnungsgemäss
bei den zuständigen Behörden an und begab mich in Quarantäne. Dort konnte ich zum
ersten Mal das Buch, um das sich mein ganzes Handeln in den vergangenen Monaten
drehte, anfassen, aufschlagen und durchblättern. Und dann passierte mir das,
wovon alle Autoren und Lektoren ein Liedlein singen: ich stiess auf einen
Druckfehler. Er sprang mir förmlich ins Auge. Ich musste schmunzeln. Die
Erfahrung hatte etwas von einer Initiation. Jetzt gehörte ich plötzlich zur
Gilde erfahrener Autoren.
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Foto: Andreas Kriesi
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Mein grosszügiger Schlieremer Gastgeber,
Stadtrat Andreas Kriesi, mit dem ich früher im lokalen Parlament politisierte, kümmerte
sich rührend um mein leibliches Wohl. Er las mir jeden Wunsch von den Lippen
und machte Grosseinkäufe in der nahen Migros inklusive Aktionspackungen von
Schokoladetafeln. Während er Apfelwähen und Cakes aus dem Ofen zauberte, fühlte
ich mich eher für die rezenteren Speisen zuständig und beklagte einzig die
minimale Ausstattung seiner Küche an Haushaltgeräten. So schaffte er zur
Erleichterung meiner Kochkünste noch eine Salatschleuder und weitere Rüstmesser
an. Später steuerte ich selber noch eine kleine Bratpfanne bei.
Ich beschäftigte mich während des
Eingeschlossenseins mit der Auslieferung vorbestellter Bücher. Wir trugen
Excel-Listen ab, schrieben Rechnungen und stellten zufrieden fest, dass an
Vorbestellungen immerhin schon über 4000 Franken zusammengekommen sind.
Als ich mich zehn Tage später wieder aus der
Quarantäne schälte und auf die Strasse trat, hatte Covid-19 die Situation
dramatisch verschlimmert. Jetzt war es ungewiss, ob ich meine Lesungen überhaupt
noch durchführen kann. Einzelne Kantone drehten bereits den Hahnen ganz zu. Die Veranstalter berichteten mir, viele der
Angemeldeten hätten in der Zwischenzeit wieder abgesagt. Ich verstand dies nur
allzu gut, und ich hätte wohl gleich gehandelt, wäre ich diesmal nicht auf der
anderen Seite gestanden. Ich nahm die Rückmeldungen mit Bedauern zur Kenntnis
und rechnete mir schon aus, wie viele Buchverkäufe mir dadurch entgehen. Der
ursprüngliche Zweck meiner Reise war ja, den Amakong unter die Leute zu
bringen. Würde mir das unter den prekären Bedingungen noch halbwegs gelingen? –
Von den wenigen, die sich trotz allem an eine meiner Lesung wagten, erkannte
ich hinter ihrem Mundschutz nicht alle. Ich musste rätseln oder nachfragen.
Eigentlich war ich sogar froh, nicht alle zu erkennen, so konnte ich mich der
Vorstellung hingeben, dass nicht nur Freunde im Saal sassen, sondern mir auch
unbekannte Menschen, die aus Interesse und Neugier vorbeikamen, und nicht nur,
weil sie mich kannten, mich wieder einmal sehen und mir beistehen wollten, was
mich natürlich auch freute.
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(Foto: Dominique Freiburghaus)
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Eine neue Erfahrung für mich war auch, was
Schauspieler von ihren Auftritten schon immer erzählen. Dass nämlich derselbe
Text bei jedem Publikum anders wirkt und unterschiedliche Reaktionen auslöst.
Fast überall las ich zum Beispiel Bogotá mon amour, fast überall auch Plötzlich
meine ich, Sepp Estermann besser zu verstehen. Und jedes Mal gab es eine andere energetische Stimmung, das
Publikum lachte jedes Mal an anderen Stellen, und jedes Mal fiel zum Schluss
auch der Applaus unterschiedlich aus. Dabei meinte ich, überall gleich holprig
vorzulesen, mit Versprechern, nervös, mit zweimal ansetzen Müssen, mit falschen
Betonungen. Aber eben: was ankommt, bestimmt der Moment und nicht der
Vortragende.
Der erste Auftritt am 19. Oktober war eine Online-Lehrveranstaltung,
ausgerichtet von der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Der Moderator Martin
Zimper, Leiter des Studienfaches Cast, lud mich als Gast in seine
Lehrveranstaltung Kein Kino ein, wo nicht nur mein Buch vorgestellt werden
sollte. Thema waren auch meine Videos, die ich regelmässig unter dem Titel Bevor
mir die Zähne ausfallen auf Youtube veröffentliche. Dieser Programmpunkt
kostete mich einige Überwindung. Ich finde meine Videos kaum der Erwähnung
wert. Es mangelt ihnen grundsätzlich an technischem Können, und die
Themenvielfalt ist auch nicht jedermanns Geschmack. Gleichwohl hänge ich
persönlich an diesem Format und fühle mich durch die Inschrift auf dem
Grabstein von Charles Bukowski darin noch bestärkt. Dort steht nämlich: Don’t
try. Ich verstehe das so, dass Versuche etwas anstreben, was nie ganz
erreicht wird. Wenn man aber das macht, wozu man selber nach bestem Wissen und Gewissen imstande ist, ohne nach
Anderem oder Besseren zu streben, dann ist das kein Versuch, sondern so, wie es
eben ist, authentisch und mit dem ganzen Vermögen des Verursachers
ausgestattet.
In diese Richtung verweist auch der
österreichische Dichter Ernst Jandl mit seiner Serie der heruntergekommenen Sprache (er
konnte natürlich auch anders, dieser Tausendsassa). Für diese Art von Lyrik
benutzt er das sprachliche Niveau von Menschen, welche der deutschen Sprache nicht
ganz mächtig sind. In ihrem Unvermögen gebrauchen sie einzig den Infinitiv oder irgendeinen unangebrachten Gerundiv, und
als Zeitform ist ihnen nur das Präsens geläufig. Auch das grammatische
Geschlecht ist nicht so ihr Ding – und dennoch vermögen sie sich verständlich
zu machen, ja, dieser Art von Sprachbeherrschung liegt auf Seiten des Zuhörers oft
ein besonderer Reiz inne, und in den Gedichten Jandls verfügt sie sogar über ihre
eigene Poesie. Nur: meine Zuhörerschaft an der ZHdK bestand aus Studierenden,
welche die Perfektion ihres eigenen Handwerks zum Ziel haben und zum Schluss
ihrer Ausbildung darin auch geprüft werden. Wehe, ihnen haut unbewusst ein
Achsensprung rein, oder der Ton ist von unsauberen Hicks durchsetzt – schon
warteten schlechte Noten auf den Eintrag ins Zeugnis. Wie soll ich da mit
meinen Barfuss-Videos überhaupt bestehen und Wertschätzung einheimsen?
Am meisten faszinierten mich bei dieser
Veranstaltung die 87 Teilnehmenden. Ich konnte bei allen einen Blick in deren eigenen
Wohnraum oder ins eigene Schlafzimmer werfen. Denn ihre Kameras waren
auch eingeschaltet. So beobachtete ich sie. Während ich sprach und erklärte und
mich mit geistigen Ruderschlägen über Wasser zu halten versuchte, räkelten sich
die einen auf dem Bett oder gossen sich einen Tee auf. Andere machten
Turnübungen oder tranken ein Bier und chatteten gleichzeitig auf ihren Handys. Wieder
andere erledigten, wie mir schien, dringende schriftliche Aufgaben und nahmen
mich vermutlich nur als Hintergrundgeräusch wahr, als Sound, wie er aus einem
ewig plätschernden Radio kommt und keine besondere Aufmerksamkeit beansprucht. Nur ein paar schauten einfach aufmerksam zu und lächelten zuweilen, wenn
mir ein Witzlein gelingen wollte.
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Foto: Martin Zimper
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Ich selber hatte anfangs Mühe mit dem Headset,
bis ich mich entschloss, den Ton direkt über den Laptop laufen zu lassen. Damit
es weniger hallte, unterlegte ich ihn auf Empfehlung der ZHdK-Assistentin mit einem Frotteetuch. Zum Schluss
«klatschten» die Studierenden in dieser virtuellen Aula, indem sie im Chatraum «Danke»
eingaben, was in diesem Masse noch nie vorgekommen sei, wie Zimper meinte.
Am nächsten Tag ging es nach Luzern. Über
Mittag offerierte mir meine Nachfolgerin an der Hochschule Luzern, Gabriela
Christen, eine Zusammenkunft mit ihren Departamentsleitungen. Um mein Gefühl,
ihnen nicht die Mittagszeit gestohlen zu haben, zu mildern, durften sie während
der Lesung ihre Sandwiches essen. Im darauffolgenden Gespräch mit Gabriela
kamen wir auf die Herausforderungen und Unterschiede zwischen meiner Zeit und
heute zu sprechen, und gerne wies ich dabei auch auf den im Buch nicht
publizierten Blogeintrag Nur schwache Erinnerungen an Luzern hin.
Anschliessend führte man mich noch durch den neuen Neubau, den anderen kannte
ich bereits. Imposant, imposant, auch wenn man sich vielleicht etwas daran
gewöhnen muss, dass die Werkstätten in den oberen Stockwerken liegen. Mir wurde
aber versichert, dass alle begeistert seien.
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Auf dem Dach von neuen Neubau mit Aussicht zur Rigi. Von rechts nach links: Monika Bäurle, NW, Ursula Bachman, Andreas Kriesi |
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Mit Gabriela Christen in der Hochschule Luzern - Design&Kunst
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Der Abschied erfolgte dann etwas abrupt, weil Kollegin
Gabriela telefonisch grad erfahren hatte, dass an einer Familienzusammenkunft vom
vorangegangenen Sonntag ein covidpositiv getesteter Neffe anwesend gewesen sei.
(Später sollte sich herausstellen, dass er keine weiteren Familienmitglieder
angesteckt hat.) Am späteren Nachmittag dann traf ich mit meiner Schachtel
Bücher in der Hochschul- und Zentralbibliothek Luzern ein, wo mich die sympathische
Myriam Zürcher empfing. Wir hatten ein anregendes Gespräch über das
Abenteuerliche unserer Leben. Später half ich ihr ein bisschen beim
Einrichten des Saales. Myriam werde ich ewig dankbar sein, weil sie etwas von
Zoom versteht und während meiner kleinen Schweiz-Tournee die wohl einzig
technisch einwandfreie Übertragung gewährleistete. Das Publikum sass in
gebührenden Abständen zueinander in gemütlichen Sesseln, einzig das Kaminfeuer
fehlte noch.
Sylvia Egli von Matt führte durch den Abend,
und sie liess mit ihrer Begeisterung für das Buch in mir die Gewissheit
aufkeimen, vielleicht doch nicht eine so schlechte Publikation herausgebracht
zu haben. Allerdings konnte sie es nicht unterlassen, zu sagen, wes Kinds ich
sei, was mir als 71jährigem etwas merkwürdig vorkam. – Meine allererste
Begegnung mit Sylvia vor nunmehr 33 Jahren war noch sehr anders geartet. Damals
arbeitete sie als kritische Journalistin und löcherte mich gnadenlos als
Repräsentanten der CH91, dieser geplanten und nie realisierten
700-Jahr-Feierlichkeiten der Eidgenossenschaft. Das war 1987, und ich schrieb auch dazu in Erinnerung an diese Zeit einen Blogeintrag, der allerdings auch nicht vorkommt im Amakong. Mittlerweile machten wir
beide Karrieren, und wir kreuzten uns das eine oder andere Mal in Luzern, sie
in ihrer Funktion als Direktorin des Medienausbildungszentrums (MAZ) und ich als
Rektor der Kunsthochschule (HGK Luzern). Die jetzige Wiederbegegnung war von grosser Herzlichkeit
getragen.
Im Publikum sass auch mein erster Chef von
Luzern, Fachhochschuldirektor Heinrich Meier, mittlerweile auch pensioniert, doch
immer noch mit dichtem Haar, das mir schon damals auffiel und mich rätseln
liess, ob es auch wirklich echt sei. Damals hatte ich vor ihm insofern ein
bisschen Angst, als er das, was ich für gut befand, meistens für nicht so gut
hielt. Eine Phrase, die mir dazu in Erinnerung geblieben ist, um seinem
Widerspruch den nötigen Anlauf zu verleihen, ging so: «Es kann doch nicht
sein, dass…». Ich wusste mich seinen Ansichten nicht immer optimal zu erwehren,
und manchmal produzierten wir einander gegenseitig unangenehme Gefühle. Von ihm
adaptierte ich auch die Luzerner Wendung «lúdo», welche eine gespielte
Überraschung ausdrückt: Schau da, wen haben wir denn hier… Dieser Luzerner
Abend bekam in seiner Tonalität und in der Wiederbegegnung mit Heiri eine in
allen Teilen versöhnliche Färbung. Er hörte mir zu, während ich damals ihm
zuhören musste… Auch der anschliessende Verkauf der Bücher war, an den
Umständen gemessen, ordentlich.
Am nächsten Tag ging es nach Basel. Auch hier
eine kleine Veranstaltung in einem grossen Saal, durchaus covidkonform. Mein
Vetter Hans-Adam Ritter, eben 80 geworden, ehrte mich mit seiner Anwesenheit
und drückte das Durchschnittsalter im Raum, so schien es mir, um einige Jahre
nach unten. Ich fühlte grosses Wohlwollen im Raum. Wir waren eine
Schicksalsgemeinschaft gelebten Lebens. Ich hätte gar nicht vorzulesen brauchen,
wir hätten uns auch so verstanden.
Schlieren am nächsten Abend verursachte mir im
Vorfeld etwas Bauchweh. Erinnerungen kamen hoch an meine unglückliche Zeit im
dortigen Stadtparlament. Im Vorfeld meines Auftritts erschien ein Artikel im
«Limmattaler», der, zumindest vom Titel her, wieder in dasselbe Horn stiess,
unter welchem ich in Schlieren von Anfang an litt:
Ich galt stets als Exot und
musste somit nicht ernst genommen werden. Und jetzt titelte diese Zeitung, vier
Jahre nach meinem Wegzug, wieder, dass der Exot Wyss mit seinem Buch den Hunger
in Kolumbien bekämpfen will. Dieses verräterische «will» zieht meine ernst
gemeinte Absicht grad wieder ins Zweifelhafte und Lächerliche: Er will zwar, ob er aber damit
Erfolg haben wird, steht auf einem anderen Blatt... Der Abend selber hingegen
scheint mir, Exot hin oder her, ein voller Erfolg gewesen zu sein. Es zeigte
sich, dass ich neben den parlamentarischen Widersachern dort auch eine Menge
wohlgesonnener Freunde habe. Die Wiederbegegnung mit einstigen Weggefährten war
berührend. Es herrschte eine konzentrierte Stimmung, der Bücherverkauf lief
rassig, ich hatte zum Schluss viele Widmungen zu schreiben. Die Gicht in meinen
Gelenken machte sich schmerzhaft bemerkbar.
Dann kam das Volkshaus Zürich, eigentlich als
Höhepunkt meiner Tournee gedacht. Doch die steil ansteigenden Zahlen von
Covid-Ansteckungen schreckten wohl viele potentielle Besucher ab, die sich
vorab schon angemeldet hatten. Der eh schon auf fünfzig Plätze runtergestuhlte
Gelbe Saal war nur knapp zur Hälfte gefüllt. Hier führte die Buchhandlung im Volkshaus das Szepter, und der Journalist und
Kolumbienkenner David Karasek fungierte als Gastgeber. Wir lernten uns vor ein paar Jahren in
Bogotá kennen, und seither bin ich mit ihm und seinem Partner Oliver befreundet,
auch wenn die beiden mit ihren süssen Kindern mittlerweile – leider – wieder in
die Schweiz zurückgekehrt sind. Ein Diskussionsthema, das mir von diesem Abend
in Erinnerung geblieben ist, war der Mut. Ich widersprach David heftig, als er
meine späte Auswanderung nach Kolumbien und die vielen Male, wo ich wohl aus
idealistischen Gründen oder aus reiner Dummheit die im Buch geschilderten
Angebote ausgeschlagen habe, als mutig darzustellen versuchte.
«Nein», antwortete ich darauf, «ich war nie
mutig. Mut ist eine Zuschreibung anderer. Ich selber nahm mich nie am Wickel
und redete auf mich ein, jetzt mutig zu sein, bevor ich etwas anpackte oder
absagte.»
Ein weiteres Thema war das Versagen, der
Misserfolg, das Scheitern. Sie kommen als Thema an verschiedenen Stellen des Buches vor, und
David sprach mich darauf an. «Erfolgsgeschichten langweilen mich eher», gab ich zur Antwort, «vielleicht ist es aber auch einfach eine Alterserscheinung. Ich kann Geschehenes eh nicht ändern. Die Schilderung des Scheiterns ist eigentlich ein Triumph, weil das Schreiben als Bewältigung des Scheiterns angesehen werden kann.» - Mir sei es, sagte ich an anderer Stelle, nur wichtig, nicht larmoyant zu tönen...
Nächste Station war Biel. Dort las ich im Haus
einer kulturellen Organisation, die sich der Unterstützung von Menschen mit
Migrationshintergrund verschreibt. Sie heisst Multimondo. Ich wurde von Frau Joss betreut,
die im Team für Veranstaltungen zuständig ist. Sie bereitete sich auf meinen Besuch gründlich vor und las viele meiner Blogs online. So stiess sie auch auf den Text Mein afrikanisches Café, der
allerdings im Buch gar nicht abgedruckt ist. Dort drin setze ich mich unter
anderem mit dem Wandel der Begrifflichkeit dunkelhäutiger Menschen auseinander
und benutzte zur Illustration einer Zeitepoche das Wort Neger. Die Verwendung
dieses Wortes liess sie aufhorchen. Sie meldete sich bei mir und gab mir zu
verstehen, dass in ihrem Haus das N-Wort nicht verwendet werden dürfe. – So
gebrieft betrat ich dann das Haus, und es fiel mir nicht schwer, an diesem
Abend aufs N-Wort zu verzichten. Doch der Kanton Bern zog in der Zwischenzeit
die Schraube an und erlaubte, covidbedingt, keine Ansammlungen mehr von über 15 Personen. Von den 23 Anmeldungen mussten also wieder einige
ausgeladen werden, und zum Schluss waren wir dann nur zu acht. Online jedoch
hatten sich einige mehr zugeschaltet. In Erinnerung dieses Abends bleibt mir eine
Dame, die mir zum Schluss der Veranstaltung, ohne ein Buch zu kaufen, sieben
Franken in die Hand drückte. Auf der einen Seite rührte es mich, auf der
anderen aber provozierte bei mir diese Handlung Fragen. War ich soeben grosszügiger
Armut der Schweiz begegnet? Oder: hätte ich der Dame ein Buch schenken sollen?
Oder: hatte sie gar ein Augenleiden und konnte gar keine Bücher mehr lesen?
Letzte Station auf meiner Lesetour war die
grosse ehemalige AMAG-Garagehalle in Zürich-Schwamendingen.
Organisiert hatten
diese Veranstaltung der Künstler Nic Hess, der am selben Ort sein Atelier betreibt,
die Schwamendinger Bücherfreunde, eine meiner Gründungen vor 30 Jahren, und das
Hotel Schwamendingen, eine junge, lose Gruppierung von Kultur-Aktivisten, die
fürs Quartier Konzerte organisieren. In einer Email bot ich den Angemeldeten
an, schon anderthalb Stunden früher vor Ort zu erscheinen für diejenigen, die sich
nicht unter allzu viele Leute mischen und sich gleichwohl ein Buch erstehen
wollten. Von diesem Angebot machten Etliche Gebrauch, und es kam zu vielen
Wiederbegegnungen mit Weggefährten und Nachbarn von damals. Ich war überrascht,
wie viele Namen ich noch kannte, und ich war auch überrascht über den grossen
Zulauf. An diesem Abend nahm ich netto über 1200 Franken ein. Zum Schluss kam
ein jüngerer Mann zu mir und wünschte von mir eine Widmung für die Schülerinnen
und Schüler von Schwamendingen, wo er als Oberstufenlehrer wirke. Ich machte
ihn darauf aufmerksam, dass nicht alle Beiträge im Buch ganz stubenrein seien.
Da sei auch schon mal von Sex und Schwulsein die Rede, worauf er antwortete:
«Gerade gestern ist nach der Schulstunde ein Mädchen zu mir gekommen mit der
Vermutung, sie sei lesbisch.» - Dieser Vorfall schien ihm die Präsenz meines
Buches in der Schulbibliothek genügend zu rechtfertigen. Ebenfalls an diesem Abend
begegnete ich dem begnadeten Bergsteiger und Schriftsteller Emil Zopfi, der seit
einigen Jahren in Schwamendingen lebt. Er stellte fest, dass ich gar keinen
Wikipedia-Eintrag habe. Als Mitautor dieser lexikalischen Eintragungen von
Prominenz, Cervelatprominenz und Informationen aus allen Wissensgebieten
offerierte er mir, mich mit einem Eintrag in den erlauchten Kreis der Erwähnenswerten und Unsterblichen zu hissen.
Im Verlauf meines Schweiz-Aufenthaltes begann
ich unter Nachtschweiss zu leiden. Mich beschlich der Verdacht, von Corona
erwischt worden zu sein. Ich reduzierte sämtliche Kontakte auf ein Minimum und
sagte vorsorglich die meisten privaten Abmachungen ab. Mein Gastgeber befand jedoch, das
sei bei mir reine Einbildung, und schleppte mich an einem Sonntag auf den
Bürgenstock, der mir insofern ans Herz gewachsen ist, als ich erstens zu
Rektoratszeiten an Sommerabenden oft dort hinauffuhr, um auf dem Felsenweg dem
Gesang der Nachtigall zu lauschen.
Dies war für mich die bekömmlichste
Antistress-Therapie. Die unerschöpflich langen, virtuosen Melodien dieser
kleinen Dinger vermochten meine gebeutelte Seele regelmässig wieder mit Zuversicht zu füllen.
Und zweitens hat das Bürgenstock-Ressort insofern eine biografische Bedeutung
für mich, als wir dort oben die Bürgenstock-Konferenz der Schweizer
Fachhochschulen ins Leben riefen. Ich gehörte zu den Gründungsmitgliedern, und
es existiert noch heute ein Foto, wo wir Gründungs-Rektorinnen und -Rektoren
uns auf einer gewundenen Treppe im Palace, oder wie auch immer eines dieser
Hotels damals heissen mochte, ablichten liessen.
Die Ironie der Geschichte besteht
jedoch darin, dass dort oben bis dato nie eine reguläre Fachhochschul-Konferenz
stattfand. Wir mussten unsere Ansprüche aus finanziellen Erwägungen,
aber auch wegen Fehlplanungen des Hotels und seines drohenden Konkurses nach
Fürigen verlegen, das ein paar hundert Meter weiter unten liegt. So erhielten
unsere Fachhochschulen das mindere Plätzchen, was für sie innerhalb der
tertiären Bildungshierarchie, hinter den Universitäten, auch real zutrifft.
(Später zog unter Beibehaltung des Namens die jährliche Zusammenkunft in den
Schweizerhof nach Luzern, und wie ich dem Internet entnehme, tagen die
FH-Verantwortlichen jetzt sogar im KKL. Das Logo, das damals ein Mitarbeiter von mir schuf, ziert aber noch heute alle Dokumente, Beschriftungen und
Namenstäfelchen.)
Einen weiteren Ausflug über den Herbstnebel des Kantons Zürich unternahm ich mit Ursula Gütlin-Plüer. Sie holte mich
seinerzeit in die reformierte Kirchenpflege Schlieren. Seither sind wir befreundet.
Ziel war ein Ortstermin in Sternenberg. Vor 38 Jahren war sie das letzte Mal
dort, für mich war dieser Ausflug das erste Mal. Uns leitete die Frage, ob dort
oben vielleicht eine Ferienwohnung zu mieten wäre. Doch der Besuch zeitigte
andere Resultate.
Die Aussicht ist zwar schön, doch der Ort ist als solcher
kaum erlebbar. Zu weit auseinander stehen die Häuser auf windigen Hügeln
und an steilen Abhängen, und die von vielen Motorrädern befahrene Hauptstrasse
verfügt über kein Trottoir. Die Kirschtorte im Sternen vermochte diese Mängel nicht
ganz aufzuheben.
Und jetzt kommt noch Hans-Martin Bossert. Er
gehört zu meinen engsten Freunden. Wir haben uns unser ganzes Erwachsenenleben
lang begleitet, einmal aus nächster Nähe, als wir zusammen fast 20 Jahre lang
im selben Haus an der Schwamendinger Bocklerstrasse lebten, und dann etwas mehr
aus der Ferne, als er in Zürich in den Kreis 5 zog und ich wenig später nach
Luzern. Hans-Martin ist Musiker, jetzt frisch pensioniert. Wir trafen uns
während dieser zweiten Welle dreimal. Das erste Mal, als er mir in Lenzburg, wo
er heute lebt, einen wunderbaren Samstagsbrunch bescherte und mich anschliessend
auf einem langen Fussmarsch nach Wohlen begleitete.
Das zweite Mal, als er meiner
Lesung in Schlieren beiwohnte. Und das dritte Mal, als wir im
Landesmuseumsrestaurant Spitz Wildschwein essen gingen. Dort gestand er mir
seine leichte Irritation, dass er weder in meinen Blogs und erst recht nicht in
der Auswahl zum Amakong-Buch Erwähnung findet. Seine Bemerkung führte zu einem
befreienden Gespräch, in welchem ich ihm zu verstehen gab, dass er mir
eigentlich zu wichtig sei, um ihn in einer meiner Geschichten zu verbraten.
Ich lud ihn aber ein, in Korrespondenzform ein Format zu entwickeln, das für uns
beide spannend werden könnte. Denn Tatsache ist, dass ich vor seinem Sprachvermögen
immer grossen Respekt hatte. Ich halte ihn für den präziseren,
witzigeren und begabteren Schreiber als mich. Unsere Korrespondenz wäre für
mich eine grosse Herausforderung. Das soll gelten.
Was noch? – Die Schilderung weiterer Besuche und Begegnungen spare ich mir für eine andere Gelegenheit auf. Zur Stunde habe ich mit meinem
Amakong für das Suppenküchenprojekt netto 10.000 Franken zusammengebracht, was
ungefähr der Hälfte dessen entspricht, was ich mir vorgenommen hatte. Doch
unter den gegebenen Umständen darf ich nicht klagen. Keine einzige Buchbesprechung
ist bis jetzt erschienen, ich habe überdies null Werbung gemacht. Der Verkauf geht weiter,
vielleicht hilft ein bisschen das Weihnachtsgeschäft, um die Restauflage noch
unter die Leute zu bringen.
© Nikolaus Wyss
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