© Nikolaus Wyss
Weitere Beiträge auf einen ClickPersönliche Erfahrungen und Beobachtungen zu Kolumbien, zur Schweiz meiner Jugend und von heute, zu Liebe, Sex und Schwulsein. Ich schreibe über Reisen, über Roger Köppel und andere Zeitgenossen, übers Altern, über mein früheres Berufsleben, über mich... und so weiter. Ups and downs halt. Entdeckungen und Abwechslungen sind garantiert - wie im richtigen Leben. Man kann den Blog auch abonnieren.
Mittwoch, 18. Oktober 2017
Das Drama vom Rösslibrunnen
Dienstag, 17. Oktober 2017
Goodbye Barbara
Auf diesem Bild unterhalte
ich mich mit Barbara
Göpel anlässlich ihres 90. Geburtstages. Das muss 2012 gewesen sein in
ihrer Wohnung im Münchner Schwabing-Quartier. Sie war eine Freundin unseres
Hauses. Ich erinnere mich, wie sie und ihr Mann Erhard
in den 50er und 60er Jahren jeweils bei uns an der Winkelwiese mit einem
VW-Käfer vorfuhren und bei uns speisten oder wenigstens einen Tee tranken.
Anlass ihrer Fahrten in die Schweiz waren die Kunstauktionen bei Kornfeld
und Klipstein in Bern.
Ich glaube, meine Mutter kannte Erhard Göpel
noch von ihrem Studium in Berlin her. Vor dem Krieg. Ich könnte mir sogar
vorstellen, dass die beiden damals etwas zusammen hatten. Er war für meine
Mutter jedenfalls die erste und wichtigste Adresse in Kunstfragen. Auf seine
Empfehlung hin erwarb sie sich mit ihrem wenig Ersparten hie und da ein damals
noch erschwingliches, grafisches Blatt von Picasso, Beckmann, Auberjonois,
Arp oder Toulouse-Lautrec - durchaus auch als Geldanlage verstanden.
Und als es ihr nach der Pensionierung zuweilen an flüssigen Mitteln mangelte,
verkaufte sie das eine oder andere Blatt mit gutem Gewinn. - Was mir
damals nicht klar war, und was auch meine Mutter Zeit ihres Lebens gegenüber
mir nie zum Thema machte: Erhard Göpel war während der Nazi-Zeit ein dicker
Fisch. Als Kunstsachverständiger sammelte er für den Führer Bilder und wurde
von höchster Stelle mit Raubkunstaufträgen betraut, indem er sich massgeblich
an der Enteignung von Kunst jüdischer Sammler beteiligte, die entweder ausser
Landes geflohen waren oder in einem der zahlreichen Vernichtungslagern zu Tode
kamen. Ich als Teenager hingegen bewunderte und belächelte zugleich die beiden, wie sie
ihr ganzes Leben der Kunst widmeten, in München ein bescheidenes Leben führten
und auf Reisen in billigen Absteigen Halt machten. Als grosses Vorhaben wollten
sie den Werkkatalog von Max
Beckmann herausgeben. Da starb Erhard Göpel. Barbara schickte sich darauf
an, das angefangene, umfangreiche Werk zu vollenden und mauserte sich über die
Jahre zur absoluten Beckmann-Spezialistin. Sie kam weiterhin zu Kunstauktionen
in die Schweiz, jetzt allein, und ich amüsierte mich köstlich über ihre
Erzählungen, welche Schwierigkeiten ihr die bockige Witwe Beckmann bereitete,
die dem Ansinnen der Göpels Steine, wo sie nur konnte, in den Weg legte.
Als junger Erwachsener machte ich später auch ab
und zu Besuche bei ihr in München. Sie wohnte in einem Hinterhaus an der
Kaulbachstrasse. Der Weg dorthin führte durch einen etwas verwilderten Garten.
Im unteren Geschoss befanden sich eine Kunstbibliothek, ein Arbeitsraum und ein
Gästezimmer, wo ich nächtigen durfte. Nach oben führte eine schmale, steile
Treppe zu Küche und Bad, dort tat sich auch das grosse, atelierartige Zimmer
auf, in welchem diese Aufnahme gemacht wurde.
Zwischen Barbara und meiner Mutter gab es
zuweilen eine Art Rivalität. Mit Argwohn verfolgte Barbara die
schriftstellerische Karriere meiner Mutter. Laure Wyss erinnerte sich in ihren
Erzählungen und Romanen gerne an wirklich stattgefundene Erlebnisse und
berichtete darüber in schonungsloser Offenheit, welche den Betroffenen zuweilen
sauer aufstiess. Barbara hielt die Arbeit meiner Mutter deswegen für
grenzwertig. Doch als sie allmählich begriff, dass meine Mutter damit ein
weiteres Mal Karriere machte und sowohl in kulturellen wie auch in politischen
Kreisen mit ihrer Literatur Anklang fand, stellte sich Barbara darauf ein,
Begeisterung zu markieren. Meine Mutter hingegen hielt wohl die Arbeit am
Beckmann-Katalog für eine nicht sehr inspirierende Fleissarbeit, die ewig lang
keinen Abschluss fand. Gleichwohl besuchten sie sich mehrere Male in den Ferien
in Frankreich. Jetzt fuhr Barbara einen Volvo (meine Mutter einen Saab).
Es müssen nun zwanzig Jahre her sein, als ich
erstmals begriff, dass Barbara in der Zwischenzeit stinkreich geworden war. In
ihrem Atelierzimmer hing zum Beispiel ein in Oel gemaltes Selbstporträt von Max
Beckmann, das an Auktionen glattweg mehrere Millionen hätte erzielen können.
Sie verwahrte zudem viele kostbare Blätter unterschiedlichster Künstler in
einem Banksafe. Ab und zu stiftete sie ein Werk dieser oder jener Institution.
Wenn sie selbst Geld brauchte, gab sie ein Bild an eine Auktion und lebte vom
Erlös auf Jahre hinaus. Doch ihre Bescheidenheit blieb, und ihre Einsamkeit
wuchs. Ich mochte sie sehr, wir waren uns zugetan, sie kam auch zur Abdankung
meiner Mutter. Später meldete sie sich nicht mehr bei mir. Und wenn ich sie
anrief, so musste sie zweimal nachfragen, wer ich sei. Und wenn sie mich dann
gleichwohl identifizierte, so behauptete sie jedes Mal zuverlässig:
"Nikolaus, du Lieber. Ich wollte dir schon lange schreiben..." Und
wenn ich sie dann fragte, was sie den lieben langen Tag so mache, pflegte sie
halb resigniert, halb amüsiert zu sagen: Ich schaue Fussball. Bundesliga.
Vor einigen Jahren, da war sie schon ziemlich
wackelig und spindeldürr, besuchte sie in Begleitung eines befreundeten Paares,
das sich rührend um sie kümmerte, in Zürich eine Picasso-Ausstellung. Ich war
so glücklich zu sehen, wie sehr sie umsorgt und gestützt wurde. Diese
Hilfeleistungen der beiden nahmen in den folgenden Jahren noch um ein
Vielfaches zu. Ich bewunderte die beiden, wie sie sich mit Eleganz und Langmut
dieser Pflichten entledigten. Von ihnen bekam ich auch die Nachricht, dass
Barbara jetzt in ihrem 95. Lebensjahr verstorben sei.
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© Nikolaus Wyss
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Bali am 25. September 2017 abends um sechs
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Aus: "Meine Tochter zeichnet gern"
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| Rektor Wyss um ca. 2000 im "Maschinenraum" der Kunsti an der Rössligasse, Luzern. Foto: ©Emanuel Ammon, Aura |
Sehr geehrter Herr M. – Wie alt ist denn Ihre Tochter? Braucht sie noch Ihre Unterschrift, weil sie minderjährig ist? Oder ist sie behindert? Oder wollen Sie sie einfach mit Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft fördern und ermutigen, weil sie selber noch nicht so genau weiss, was sie aus ihrem Leben machen will? – Ich hoffe, Sie lesen aus meinen Fragen, was ich meine. Ich halte nicht viel von Ihrer Absicht, Ihre Tochter an einer Kunstschule anzumelden, und schon gar nicht an unserer. Sollte für Ihre Tochter tatsächlich eine künstlerische Ausbildung in Frage kommen, so muss sie den Weg dorthin schon alleine finden und sich einem Aufnahme-Verfahren stellen, wo sich sehr bald herausstellen wird, ob sie Talent hat.
Sehr geehrter Herr Rektor – Ihre ruppige Antwort überrascht und erstaunt mich. Ich habe Sie schon an Vernissagen reden gehört, und einmal wohnte ich einer Diplomübergabe bei, als eine Nichte von mir bei Ihnen abgeschlossen hat. Dort gewann ich den Eindruck, dass Sie ein netter und fürsorglicher Schulleiter sind und nicht so abweisend und despektierlich, wie Ihre Antwort jetzt den Anschein erweckt. Meine Tochter ist weder behindert noch minderjährig, sie kann einzig ihr Talent noch nicht richtig einschätzen und überlegt sich, ob es für ein Kunststudium reicht, oder ob sie vielleicht zuerst Lehrerin werden soll. Was ist daran so schlecht? Ich denke, Zweifel, die es zu überwinden gilt, sind doch allemal ein besserer Ratgeber als Selbstüberschätzung, bei welcher man früher oder später auf die Nase fällt.
Sehr geehrter Herr M. – Gestatten Sie, dass ich unterscheide. Der Lehrberuf auf der einen Seite beschäftigt sich mit der Sozialisation junger Menschen durch Vermittlung eines staatlich approbierten Lehrplanes. Kinder bekommen im Laufe ihrer Jugendjahre einen Rucksack voller nützlicher Dinge eingepackt. Dieser soll ihnen am Ende der Schulzeit ermöglichen, auf anständige, sinnvolle und beruflich erfolgreiche Art durchs Leben zu gehen. Man lernt in der Schule, was man darf und was man besser unterlassen soll. Man lernt rechnen und schreiben und lernt somit unterscheiden, was richtig und was falsch, was normal und was abnormal ist (wenn man einmal davon absieht, dass in der Quantenphysik 2+2=4 nicht mehr unbedingt stimmt).
Das Gegenprogramm zum schulobligatorischen Wertekanon pflegen wir bei uns. Hier wird das Gegen-den-Strom-Schwimmen geübt. Bei uns gehört das Über-die-Stränge-Hauen mit dem Risiko, dabei auf die Nase zu fallen, zum Pflichtprogramm. Bei uns bewegt man sich auf der Achse zwischen Selbstüberschätzung und Scheitern. Die Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern erfolgt präzis dieser Linie entlang. Wir nehmen die, bei denen wir ein kreatives Potential vermuten und die auch den Mut und die Kraft aufbringen, zu scheitern.
In Volksschulen und Gymnasien beherrscht das Strafmass, das denjenigen blüht, die über die Stränge hauen oder morgens zu spät kommen, die Diskussionen in den Lehrerzimmern. Wir hingegen machen uns Sorgen um Studierende, welche sich keinen Ausrutscher leisten wollen, welche im Anstand verpackt bleiben und nichts, was interessieren könnte, hervorbringen.
Ihre Tochter ist also gut beraten bei ihrer Berufswahl zu überprüfen, ob sie sich in erzieherischen Fragen gern und leidenschaftlich einbringt, oder ob sie den Weg der Ungewissheit beschreiten will. Scheitern können beide Wege. Pädagogisches Bemühen ist ebenso Sisyphus-Arbeit, welche in ein Burn-out münden kann, wie künstlerisches Bemühen, das immer wieder genug Raum für Sinnkrisen gewährt.
Zweifel ist inhärenter Bestandteil eines Künstlerdaseins. Der Zweifel befindet sich in der Hierarchie der Gefühle nicht als Katastrophe ganz zuoberst, sondern auf einer alltäglicheren Ebene. Wir nennen den Zweifel auch nicht unbedingt so. Begriffe wie Widerborstigkeit, Widerstand, Infragestellung und Eigensinn treffen das, was wir einverlangen, besser. Darin ist der Zweifel enthalten, mündet aber im Normalfall nicht in eine depressive Stimmung sondern in den Mut der Verzweiflung, der zu weiterem Handeln auffordert. Wir fördern den Zweifel an vorschnellen Lösungen, wir stellen infrage, was die Selbstüberschätzung zustande bringt, und die Studierenden sollen damit rechnen, mit ihrer Arbeit Schiffbruch zu erleiden. Deshalb ist Zweifel bereits beim Entwurf eine nie endenwollende Kraft des kreativen Prozesses.
Wer aber zweifelt, ob er an einer Kunstschule am richtigen Ort ist, gilt schon als verloren – wenn ich das einmal etwas plakativ in den Raum stellen darf.
Sehr geehrter Herr M. – Ihre Beobachtung ist insofern richtig, als wir auch Lehrerinnen und Lehrer für bildnerisches Gestalten ausbilden, die später in einem Umfeld ihre Arbeit verrichten, die mehr von konventioneller Pädagogik geprägt ist als von dem, was unsere eigenen professionellen Erkenntnisziele sind. Ich denke aber, es muss für intelligente Menschen zumutbar sein, gewisse Zielkonflikte unter einen Hut zu bringen. Das tun wir alle, um unser Geld zu verdienen. Sollen wir deswegen unsere Ausbildungen in ihrer Radikalität abschwächen, nur damit der Graben zwischen der stufengerechten allgemeinen Pädagogik und der künstlerisch-gestalterischen Fachkompetenz kleiner wird? Ich denke, wir würden unseren Studierenden, die Lehrer werden und gleichwohl liebäugeln mit einer künstlerischen Karriere, einen Bärendienst erweisen, wenn wir sie von einer radikalen Ausbildung entbänden und für sie ein sanfteres Curriculum vorsähen. So sind sie immerhin vertraut mit existentiellen Erfahrungen in Kunst und Gestaltung. Wieviel sie dann davon im Schulunterricht anwenden, ist ihnen selber überlassen. Unsere pädagogischen Module hier an unserer Hochschule weisen jedenfalls auf den Umstand hin, dass unsere Kandidaten später auf Schülerkohorten treffen werden, die nicht unbedingt Künstler oder Designer werden. Wer dann aus ihnen gleichwohl kleine Tinguelys oder Picassos machen will, ist selber schuld und hat sich wohl allzuviel vorgenommen. Doch nicht wenige der Zeichen- und Werklehrer, die draussen an der Bildungsfront während mehrerer Jahre ihre Arbeit verrichtet haben, kehren später als Dozierende an unsere Hochschule zurück oder mausern sich, einer typisch innerschweizerischen Tradition folgend, zu hervorragenden Künstlerinnen und Künstlern.
Im übrigen bin ich der Meinung es tue dem Lehrkörper einer Mittel- oder Sekundarschule nur gut, wenn dort nicht alle Pädagogen über den gleichen Kamm geschert worden sind. Es ist die Vielzahl von Auffassungen, die pädagogisch von Bedeutung ist, nicht etwa die Unité de Doctrine.
Aus unserer Sicht ist wichtig zu wissen, dass das, was an künstlerisch-gestalterischem Wirken in den Mittelschulen stattfindet, mit dem State of the Art auf diesem Gebiet nicht viel zu tun hat. Ähnlich wie in der Physik, wo im Mittelschul-Unterricht immer noch die von Galilei, Descartes und Newton geprägte Festkörper-Physik einer materienorientierten Welt vermittelt wird mit einem Atom im Zentrum und mit der Schwerkraft von Sonne, Mond und Sternen, während wir eigentlich schon seit über einem halben Jahrhundert wissen sollten, dass kleiner als das Atom ein Kosmos zugange ist und uns zusammenhält, der von der Quantenphysik erschlossen und beschrieben wird und besagt, dass im Innersten unserer Welt gar keine Masse mehr ausfindig gemacht werden kann sondern nur noch rasend schnell miteinander kommunizierende, massenlose Nichtse, die entlang von längst noch nicht ganz erschlossenen Strukturen und in wechselseitiger Instabilität relative Stabilität erzeugen. Wenn sich also eine so exakte Wissenschaft erlaubt, immer noch verstaubtes Wissen ihren Schülerinnern und Schülern zu vermitteln, weil sie – zu Recht – zur Ansicht gelangt, die moderne Physik wäre wohl für 99,98 Prozent der Fünfzehnjährigen eine Zumutung und in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht vermittelbar, so ist es doch lässlich, auch in der Kunst Farben, Formen und Materialien zu frönen, die letztlich nicht viel zu tun haben mit dem, was draussen an aktueller Kunst abläuft. Man muss einfach wissen, wofür diese Aktivitäten im Schulunterricht stehen und nicht meinen, damit Kunst auf Mittelschulstufe produziert zu haben. Künftige Designer und Künstler wachsen also nicht unbedingt dort heran, wo man sie auf den ersten Blick vermutet, und schon gar nicht an einem musischen Gymnasium, wo alle die zu landen scheinen, die es sonst zu nichts bringen. Der Begriff „Schonklima“ wäre für das, was dort abgeht, schon treffender. Dabei brauchen wir, wie ich bereits in einem früheren Email ausgeführt habe, im künstlerisch-gestalterischen Bereich Leute, die sich im Wettbewerb, in der Auseinandersetzung bewähren und nicht im Ghetto einer abgeschotteten, schönfärberischen Kunstwelt.
©Nikolaus Wyss





