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Rektor Wyss um ca. 2000 im "Maschinenraum" der Kunsti an der Rössligasse, Luzern.
Foto: ©Emanuel Ammon, Aura | | |
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Das ist der Anfang eines Manuskripts über meine Erfahrungen als Rektor einer Kunsthochschule. Ich habe es zum letzten Mal vor fünf Jahren in den Händen gehabt und mache mich gerade jetzt daran, es wieder einmal zu lesen, zu verbessern und es eventuell zur Publikationsreife zu bringen. Das erste Kapitel hat die Form einer Email-Korrespondenz. Hier ein Ausschnitt:
Sehr
geehrter Herr Rektor. Meine Tochter zeichnet gern. Darf ich sie an Ihrer
Kunstschule anmelden?
Sehr geehrter Herr M. – Wie alt ist
denn Ihre Tochter? Braucht sie noch Ihre Unterschrift, weil sie minderjährig
ist? Oder ist sie behindert? Oder wollen Sie sie einfach mit Zuvorkommenheit
und Hilfsbereitschaft fördern und ermutigen, weil sie selber noch nicht so
genau weiss, was sie aus ihrem Leben machen will? – Ich hoffe, Sie lesen aus
meinen Fragen, was ich meine. Ich halte nicht viel von Ihrer Absicht, Ihre
Tochter an einer Kunstschule anzumelden, und schon gar nicht an unserer. Sollte
für Ihre Tochter tatsächlich eine künstlerische Ausbildung in Frage kommen, so
muss sie den Weg dorthin schon alleine finden und sich einem Aufnahme-Verfahren
stellen, wo sich sehr bald herausstellen wird, ob sie Talent hat.
Sehr
geehrter Herr Rektor – Ihre ruppige Antwort überrascht und erstaunt mich. Ich
habe Sie schon an Vernissagen reden gehört, und einmal wohnte ich einer
Diplomübergabe bei, als eine Nichte von mir bei Ihnen abgeschlossen hat. Dort gewann
ich den Eindruck, dass Sie ein netter und fürsorglicher Schulleiter sind und
nicht so abweisend und despektierlich, wie Ihre Antwort jetzt den Anschein
erweckt. Meine Tochter ist weder behindert noch minderjährig, sie kann einzig
ihr Talent noch nicht richtig einschätzen und überlegt sich, ob es für ein
Kunststudium reicht, oder ob sie vielleicht zuerst Lehrerin werden soll. Was
ist daran so schlecht? Ich denke, Zweifel, die es zu überwinden gilt, sind doch
allemal ein besserer Ratgeber als Selbstüberschätzung, bei welcher man früher
oder später auf die Nase fällt.
Sehr geehrter Herr M. –
Gestatten Sie, dass ich unterscheide. Der Lehrberuf auf der einen Seite
beschäftigt sich mit der Sozialisation junger Menschen durch Vermittlung eines
staatlich approbierten Lehrplanes. Kinder bekommen im Laufe ihrer Jugendjahre
einen Rucksack voller nützlicher Dinge eingepackt. Dieser soll ihnen am Ende
der Schulzeit ermöglichen, auf anständige, sinnvolle und beruflich erfolgreiche
Art durchs Leben zu gehen. Man lernt in der Schule, was man darf und was man
besser unterlassen soll. Man lernt rechnen und schreiben und lernt somit
unterscheiden, was richtig und was falsch, was normal und was abnormal ist
(wenn man einmal davon absieht, dass in der Quantenphysik 2+2=4 nicht mehr
unbedingt stimmt).
Das Gegenprogramm zum
schulobligatorischen Wertekanon pflegen wir bei uns. Hier wird das
Gegen-den-Strom-Schwimmen geübt. Bei uns gehört das Über-die-Stränge-Hauen mit
dem Risiko, dabei auf die Nase zu fallen, zum Pflichtprogramm. Bei uns bewegt
man sich auf der Achse zwischen Selbstüberschätzung und Scheitern. Die Auswahl
von Bewerberinnen und Bewerbern erfolgt präzis dieser Linie entlang. Wir nehmen
die, bei denen wir ein kreatives Potential vermuten und die auch den Mut und
die Kraft aufbringen, zu scheitern.
In Volksschulen und Gymnasien
beherrscht das Strafmass, das denjenigen blüht, die über die Stränge hauen oder
morgens zu spät kommen, die Diskussionen in den Lehrerzimmern. Wir hingegen
machen uns Sorgen um Studierende, welche sich keinen Ausrutscher leisten
wollen, welche im Anstand verpackt bleiben und nichts, was interessieren
könnte, hervorbringen.
Ihre Tochter ist also gut beraten
bei ihrer Berufswahl zu überprüfen, ob sie sich in erzieherischen Fragen gern
und leidenschaftlich einbringt, oder ob sie den Weg der Ungewissheit
beschreiten will. Scheitern können beide Wege. Pädagogisches Bemühen ist ebenso
Sisyphus-Arbeit, welche in ein Burn-out münden kann, wie künstlerisches
Bemühen, das immer wieder genug Raum für Sinnkrisen gewährt.
Zweifel ist inhärenter Bestandteil
eines Künstlerdaseins. Der Zweifel befindet sich in der Hierarchie der Gefühle nicht
als Katastrophe ganz zuoberst, sondern auf einer alltäglicheren Ebene. Wir
nennen den Zweifel auch nicht unbedingt so. Begriffe wie Widerborstigkeit,
Widerstand, Infragestellung und Eigensinn treffen das, was wir einverlangen,
besser. Darin ist der Zweifel enthalten, mündet aber im Normalfall nicht in eine
depressive Stimmung sondern in den Mut der Verzweiflung, der zu weiterem
Handeln auffordert. Wir fördern den Zweifel an vorschnellen Lösungen, wir
stellen infrage, was die Selbstüberschätzung zustande bringt, und die
Studierenden sollen damit rechnen, mit ihrer Arbeit Schiffbruch zu erleiden.
Deshalb ist Zweifel bereits beim Entwurf eine nie endenwollende Kraft des
kreativen Prozesses.
Wer aber zweifelt, ob er an einer
Kunstschule am richtigen Ort ist, gilt schon als verloren – wenn ich das einmal
etwas plakativ in den Raum stellen darf.
Sehr
geehrter Herr Rektor. – Ihre Ausführungen haben mich veranlasst, auf Ihrer
Website nachzuschauen, wie es sich mit Ihren Ausbildungsgängen genau verhält.
Zu meinem nicht geringen Erstaunen konnte ich feststellen, dass Sie selber auch
pädagogische Ausbildungen anbieten. Lehrberufe für bildnerisches Gestalten,
früher Ästhetische Erziehung, bei Ihnen auch Kunst und Vermittlung genannt. Wie
bringen Sie diese Ausbildungsgänge zusammen mit Ihrer anarchistisch anmutenden Forderung
nach Widerborstigkeit? Mit einer solchen Ideologie verbauen Sie doch jedem
Zeichnungslehrer, der bei Ihnen abschliesst, seine Zukunft. So einer wird doch
nicht an einer öffentlichen Schule angestellt!
Sehr geehrter Herr M. – Ihre
Beobachtung ist insofern richtig, als wir auch Lehrerinnen und Lehrer für
bildnerisches Gestalten ausbilden, die später in einem Umfeld ihre Arbeit
verrichten, die mehr von konventioneller Pädagogik geprägt ist als von dem, was
unsere eigenen professionellen Erkenntnisziele sind. Ich denke aber, es muss
für intelligente Menschen zumutbar sein, gewisse Zielkonflikte unter einen Hut
zu bringen. Das tun wir alle, um unser Geld zu verdienen. Sollen wir deswegen
unsere Ausbildungen in ihrer Radikalität abschwächen, nur damit der Graben
zwischen der stufengerechten allgemeinen Pädagogik und der
künstlerisch-gestalterischen Fachkompetenz kleiner wird? Ich denke, wir würden
unseren Studierenden, die Lehrer werden und gleichwohl liebäugeln mit einer
künstlerischen Karriere, einen Bärendienst erweisen, wenn wir sie von einer
radikalen Ausbildung entbänden und für sie ein sanfteres Curriculum vorsähen.
So sind sie immerhin vertraut mit existentiellen Erfahrungen in Kunst und
Gestaltung. Wieviel sie dann davon im Schulunterricht anwenden, ist ihnen
selber überlassen. Unsere pädagogischen Module hier an unserer Hochschule
weisen jedenfalls auf den Umstand hin, dass unsere Kandidaten später auf
Schülerkohorten treffen werden, die nicht unbedingt Künstler oder Designer
werden. Wer dann aus ihnen gleichwohl kleine Tinguelys oder Picassos machen
will, ist selber schuld und hat sich wohl allzuviel vorgenommen. Doch nicht wenige der
Zeichen- und Werklehrer, die draussen an der Bildungsfront während mehrerer
Jahre ihre Arbeit verrichtet haben, kehren später als Dozierende an unsere
Hochschule zurück oder mausern sich, einer typisch innerschweizerischen
Tradition folgend, zu hervorragenden Künstlerinnen und Künstlern.
Im übrigen bin ich der Meinung es
tue dem Lehrkörper einer Mittel- oder Sekundarschule nur gut, wenn dort nicht
alle Pädagogen über den gleichen Kamm geschert worden sind. Es ist die Vielzahl
von Auffassungen, die pädagogisch von Bedeutung ist, nicht etwa die Unité de
Doctrine.
Aus unserer Sicht ist wichtig zu
wissen, dass das, was an künstlerisch-gestalterischem Wirken in den
Mittelschulen stattfindet, mit dem State of the Art auf diesem Gebiet nicht
viel zu tun hat. Ähnlich wie in der Physik, wo im Mittelschul-Unterricht immer
noch die von Galilei, Descartes und Newton geprägte Festkörper-Physik einer
materienorientierten Welt vermittelt wird mit einem Atom im Zentrum und mit der
Schwerkraft von Sonne, Mond und Sternen, während wir eigentlich schon seit über
einem halben Jahrhundert wissen sollten, dass kleiner als das Atom ein Kosmos
zugange ist und uns zusammenhält, der von der Quantenphysik erschlossen und
beschrieben wird und besagt, dass im Innersten unserer Welt gar keine Masse
mehr ausfindig gemacht werden kann sondern nur noch rasend schnell miteinander
kommunizierende, massenlose Nichtse, die entlang von längst noch nicht ganz
erschlossenen Strukturen und in wechselseitiger Instabilität relative
Stabilität erzeugen. Wenn sich also eine so exakte Wissenschaft erlaubt, immer
noch verstaubtes Wissen ihren Schülerinnern und Schülern zu vermitteln, weil
sie – zu Recht – zur Ansicht gelangt, die moderne Physik wäre wohl für 99,98
Prozent der Fünfzehnjährigen eine Zumutung und in der zur Verfügung stehenden
Zeit nicht vermittelbar, so ist es doch lässlich, auch in der Kunst Farben,
Formen und Materialien zu frönen, die letztlich nicht viel zu tun haben mit
dem, was draussen an aktueller Kunst abläuft. Man muss einfach wissen, wofür
diese Aktivitäten im Schulunterricht stehen und nicht meinen, damit Kunst auf
Mittelschulstufe produziert zu haben. Künftige Designer und Künstler wachsen
also nicht unbedingt dort heran, wo man sie auf den ersten Blick vermutet, und
schon gar nicht an einem musischen Gymnasium, wo alle die zu landen scheinen,
die es sonst zu nichts bringen. Der Begriff „Schonklima“ wäre für das, was dort
abgeht, schon treffender. Dabei brauchen wir, wie ich bereits in einem früheren
Email ausgeführt habe, im künstlerisch-gestalterischen Bereich Leute, die sich
im Wettbewerb, in der Auseinandersetzung bewähren und nicht im Ghetto einer
abgeschotteten, schönfärberischen Kunstwelt.
Sehr
geehrter Herr Rektor. – L’appétit vient en mangeant. Sie stellen sich mit Ihren
ausführlichen Emails insofern eine Falle, als sie mich anstacheln, weitere
Fragen zu stellen in der berechtigten Hoffnung, darauf noch mehr Emails zu
bekommen. Für mich immer noch nicht klar ist der Sinn des Kunstunterrichts auf
der Mittelschulstufe. Ihre Ausführungen lassen durchblicken, dass Sie daran
Zweifel haben. Und: wieso wird denn Kunstunterricht an den Schulen betrieben,
wenn diese Kunst mit der „richtigen Kunst“ nichts gemeinsam hat?
Für heute genug. Demnächst mehr...
©Nikolaus Wyss