12. September
Die heutige Kocherei des LONESOME COOK mündet in allerlei abwegige Feststellungen. Einige davon sind mir peinlich, andere sind schlicht langweilig. Um mit letzteren anzufangen: das Koch-Setting gleicht sich von Mal zu Mal. Ich improvisiere, was der Kühlschrank hergibt, und zum Schluss sieht es immer gleich aus, schmeckt immer ähnlich und ist eigentlich keiner vertieften Beschreibung wert. Gemüse, Salat, heute Pasta, und ein Anschnitt von Poulet. Beim Anschneiden des Huhns entdeckte ich nämlich, dass das Innere noch nicht ganz durchgegart war. So schnitt ich etwas am Rand ab und legte den Rest zurück in die Pfanne, wo er ein paar Minuten noch weiterschmoren durfte. Doch mit der Foto mochte ich nicht zuwarten, so wenig ich bereit war, die Pasta und das Gemüse kalt werden zu lassen.
Das Stückelchen Huhn auf dem Teller bringt mich nun zur Feststellung, die nicht ohne Peinlichkeit kommunizierbar ist. Dazu muss man wissen, dass der Begriff eines "pollo", eines Hähnchens also, hier in Kolumbien auch für attraktive Jungs gebraucht wird, eines Typus Mensch, der durchaus bereit ist, offenherzig sexuelle Freuden mit anderen zu teilen. Und wenn der andere schon etwas älter ist, sagt das Hähnchen auch nicht nein, dafür einen Geldschein entgegenzunehmen. Weiter muss man wissen, dass ausgerechnet heute Chefinterviewer David Karasek von Radio SRF im Rahmen des Mittagsgesprächs die beiden Historikerinnen von der Uni Zürich zum Missbrauchsreport der katholischen Kirche befragt hat, der zur Zeit die Schweiz zu Recht in helle Aufregung und Erschütterung versetzt. Doch statt in den Chor der Empörten miteinzustimmen, denke ich, in den braven Schweizer Durchschnittsfamilien findet doch ein Vielfaches dessen statt, was jetzt an sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche tröpfchenweise bekannt wird. Ist da die landesweite Empörung nicht etwas geheuchelt, weil sie ausser acht lässt, was sich hinter den Kinderzimmertüren der Familien Biedermann alles so abspielt?
Statt also die Empörung nachzuvollziehen, fiel mir unstatthafterweise der französische Pornoproduzent Jean Daniel Cadinot ein, der in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Videos mit attraktiven Jungs drehte, die sich einmal in einer Berghütte trafen und sich das andere Mal in einem Pfadfinderlager verlustierten. Ein Video blieb mir dabei in besonderer Erinnerung und poppte ohne meinen Willen ausgerechnet heute während der Radiosendung vor meinem geistigen Auge auf. Die Handlungen spielten nämlich in einem katholischen Konvent. Natürlich waren dabei die Priester keine alten Säcke sondern gutgebaute, junge Männer, denen man es aber wegen der Soutane erst ansah, wenn sie diese hochhoben, um den Jünglingen und Missbrauchsopfern Zugang zu ihrer Lustquelle zu gewähren.
Ich schäme mich natürlich dieser unkontrollierten Gedanken, und die Röte steigt mir noch mehr ins Gesicht, wenn ich mich an meinen Wunsch in der Pubertät zurückerinnere, doch in ein Internat zur Schule gehen zu dürfen mit dem unausgesprochenen Bedürfnis natürlich, dabei nächtens in den Schlafräumen allerlei Unwesen zu treiben und erotische Abenteuer zu erleben. Darob vergass und vergesse ich noch heute gerne, dass nicht alle diese Fantasien teilen mochten und mögen, und dass das, was den einen (wie mir) Sehnsucht und Lusterfüllung verhiess, den anderen zuwider, übergriffig und traumatisierend war und ist.
Und ich stehe ratlos dazwischen, wohl wissend, was mehr zu gewichten wäre. Doch statt mir in aller Deutlichkeit vorzustellen, wie übel es den Missbrauchsopfern noch heute ergehen dürfte, entschied ich mich stattdessen herzlos, das mittlerweile durchgegarte Stück Huhn aus der Bratpfanne zu fischen und es mit einem gehörigen Rest von Genuss zu essen.
Es gibt Momente im Leben, wo einem der passende Reim nicht einfallen will, wo man sich mit seiner Fantasie aussergesellschaftlich, aussercommonsenslich und ausserordentlich schlecht vorkommt und doch nicht anders kann als irgendwo in reumütiger Grundhaltung abzuwarten, bis man wieder auf sichererem Terrain anlangt.
15. September
Erst
einmal muss ich mich erholen von der Entscheidung, das Mittagessen vom 12. September nicht online auf Facebook gestellt zu haben. Beim Kochen und
gleichzeitigen Anhören des Mittagsgesprächs über die Missbrauchsfälle in
der katholischen Kirche kam mir, scheint mir, zuviel Unstatthaftes und Ungehöriges in
den Sinn ist, um es zu veröffentlichen. So beliess ich meine Gedanken
vorerst besser im Giftschrank. Hier auf meinem Blog jedoch befinden sie sich am richtigen Ort...
Diesmal hingegen war die akkustische
Berieselung beim Kochen vergleichsweise harmlos. Heute nehme ich
lediglich aus dem täglichen Radioquiz "3von5" die Erkenntnis mit, dass
die Tennisschläger von Amateuren im Schnitt breitflächiger sind als
diejenigen von Profis. Der Quizkandidat, ein türkischer Goldschmied aus
dem Schweizerischen Mittelland, wusste das so wenig wie ich,
Entschuldigung Roger. Bei den restlichen Fragen allerdings lag der Türke
völlig richtig und darf jetzt mit einem Gutschein von Fr. 108.- aufs
Schilthorn reisen.
Bei mir gab es diesmal Kartoffelstock und (schon
wieder) ein Forellenfilet. Es ist nicht gut, im Tiefgefrierfach allzuviele kostbare Proteinen aufzubewahren, denn in letzter Zeit häuften
sich die Stromausfälle in der Stadt, und dann kannst du das Zeugs
wegwerfen wie neulich die vier Hühnerbrüstchen, die schon nach kurzer
Zeit im Abfalleimer zu stinken begannen. Später sah ich sie angekafelt
im Vorgarten herumliegen: Unsere Ratten im Keller rissen offensichtlich
den Abfallsack auf verköstigten sich mit dem verdorbenen Fleisch.
Ich
briet die Forelle an, die Hautseite besonders knusprig, legte das Stück
beiseite und briet darauf in demselben Fett feingehackten Lauch und
Karottenwürfeli an, löschte das Gemüse mit Weisswein ab, legte nach dem
Einkochen das Fischfilet wieder hinein und schloss mit einem Gutsch Rahm
den Kochprozess ab.
Dazu gab es Tomaten- und Gurkensalat, und wieder
einmal kam mir in den Sinn, was ich gestern im Supermarkt auch noch
hätte kaufen wollen: Dill. - Das mit dem Gedächtnis wird offensichtlich
nicht besser, aber ich bin noch nicht bereit, mir deswegen einen
Postizettel vollzuschreiben.
Mittlerweile sang Billie Eilish mit
ihrer lasziven Stimme wunderbare Songs. Ich gehöre zwar nicht gerade zu
ihrem Zielpublikum, doch sie gefällt mir ausserordentlich gut,
vielleicht auch deshalb, weil ich vor längerer Zeit einmal einen Dokfilm
über sie gesehen habe, woraus hervorgeht, dass ihr komponierender
Bruder am Erfolg dieser jungen Dame massgeblichen Anteil hat. Family
business.
***
Auf diese Publikation in Facebook bekam ich von Herrn Hannes Strebel folgendes Feedback: "Super kreative Küche! Das rote Plastic-Set mag praktisch sein, wirkt aber etwas bieder/billig."
Ich antwortete darauf: "Danke für die Rückmeldung. Ich glaube halt, dass ich punkto Geschmack ziemlich bieder/billig unterwegs bin. Das hat man mir schon bei früheren Gelegenheiten öfters attestiert."
"Erstaunlich für einen ehem. Direktor einer Kunsthochschule."
"Die Rolle eines Chefs einer Kunsthochschule ist nicht, tonangebend Kunst und Design vorleben zu müssen. Das Lehrpersonal hat untereinander schon genug Streit, was geschmackvoll und ästhetisch befriedigend ist. Da konnte ich mich jeweils weit zurücklehnen... siehe auch 'Nur schwache Erinnerungen an Luzern'."
16. September
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@Nikolaus Wyss



















